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The forever lost

von TheWInd
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
HIM
26.05.2023
19.09.2023
49
107.054
1
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18.09.2023 2.045
 
Erst nach einer ganzen Weile stelle der dunkelhaarige Fronter das Wasser wieder ab und lehnte den Kopf mit halb geschlossenen Augen gegen die Wand hinter sich, dann seufzte er auf und schüttelte dabei immer wieder den Kopf, ehe er die Hände zu Fäusten ballte und kaum mehr Luft holen konnte, so sehr erdrückten ihn die innere Qual und all der Schmerz, der sich mehr und mehr mit einer bitteren Angst zu vermischen schien.
Tränen perlten auf seinen Wangen, ebenso auch wie das noch warme Wasser, das über seine nackte, dunkel tätowierte Haut rann, ehe es schwer zu Boden tropfte. Dieser Schmerz, der in ihm tobte, ließ sich kaum mehr bändigen, er spürte ihn, er hasste ihn und kurz glaubte er nur noch aus diesem unaussprechlichen Schmerz zu bestehen und nichts dagegen tun zu können.
Gar nichts.
Seufzend hob der Fronter den Kopf, dann verließ er die Dusche, blieb aber einige Zeit lang vor den großen Spiegeln stehen, in denen er sich lange Zeit über betrachtete. Die grünen, zusammen gekniffenen Augen, die langen, nassen, dunklen Haare, die Tätowierungen auf seiner Haut, seiner Brust, seinen Armen und seinem Brustkorb, seine bebenden Lippen, seine Rippen, die sich bei jedem Atemzug unter der Haut abzeichneten, und dann wieder der bohrende, ihn betäubende Schmerz in seinen Augen.
Schon wollte er nach einem der Handtücher greifen, als er draußen Schritte hörte und beinahe erschrocken herumfuhr, denn Mithras machte nie solchen Krach, er war lautlos und mittlerweile konnte er ihn sogar spüren, wenn er sich ihm näherte. Er hob den Blick, dann wandte er sich halb um und schaffte es gerade noch sich das schwarze Handtuch halbwegs um die schlanken Hüften zu schlingen, als er William erkannte, der ebenso überrascht stehen blieb und ihn vom Flur aus anstarrte, ehe er sich sichtlich verlegen räusperte und ihm zunickte.
„Dad... hi...“
Ville holte wie erstarrt Luft. Dann lächelte er in seine Richtung, während ihm das Wasser noch immer aus den feuchten, schweren Haaren tröpfelte und über seinen Körper rann.
„William... ich...“
Der jüngere Mann lächelte, denn auch er hatte Villes Gesichtsausdruck bemerkt, und sicherlich hatte er sie auch gehört, Ville wusste es nicht und neigte den Kopf ein wenig beschämt zur Seite, während er ihn jedoch noch immer ansah.
„Ich habe den Song geprobt, Dad. Immer und immer wieder. Mit deinem Verstärker und Kopfhörern, aber...“
Ville sah zerknirscht auf, mit einer Hand umklammerte er das weiße Marmorwaschbecken, mit der anderen das rutschende Handtuch, während er die grünen Augen zusammen kniff und auch die Lippen immer wieder sichtlich aufeinander presste. „Aber?“
William kicherte kopfschüttelnd. „Ich komme mit dem Refrain nicht weiter, und so, wie es sich jetzt anhört, wird mich sicherlich niemand in den Finnvox-Studios spielen lassen, ganz gleich welchen Nachnamen ich auch habe... Dad... ich bin einfach nicht gut genug! Es ist grausam, ganz gleich wie oft ich ihn auch spiele oder singe, es ist furchtbar!“
Ville sah überrascht auf. Seine nasse Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug.
„Was? Wer sagt das?“
„Ich... es hört sich schrecklich an, es passt nicht zusammen, und diese Melodie ist... nein... es ist ein grauenhafter Song. Mir fehlt einfach das Talent, und auch der Text ist nicht sonderlich gut, finde ich. Ich kann das nicht... niemals so gut wie du es kannst!“
Der Fronter lächelte, ehe er mit seiner tiefen, rauen Stimme schließlich antwortete, „Das ist Unsinn, Will, und das weißt du. Und hör auf dich mit mir andauernd zu vergleichen, in Ordnung? Du musst deinen ganz eigenen Weg finden, deinen eigenen Stil, deine Art und Weise die Dinge zu sehen, zu schreiben und dann auch zu spielen und du kannst es. Es ist sicherlich kein Love Metal, aber das muss es auch nicht sein, mm? Nein. Das würde ich gar nicht wollen, denn du bist du und du solltest das tun, und aufschreiben, was du in dir drinnen fühlst, für dieses Mädchen, für diese Liebe zu ihr oder all dem, was dir einfallen mag. Verstehst du das? William? Es sind deine Songs, nicht die meinen, und ja ich liebe „A new thing called You?“ Du spielst ihn sehr rockig, aber die Melodie ist ruhig und verträumt, das passt, es vermischt sich und ihr solltet ihn endlich zusammen spielen. Also.“ Er zog lächelnd eine Augenbraue hoch, während ihm das Wasser noch immer aus den Haaren tröpfelte und der Finne leicht zu frösteln begann.
„Wann wollt ihr hier proben? Du und die Jungs?“
„Ich... ich weiß noch nicht, ich bin mir mit dem verdammten Song einfach nicht sicher... und dein Equipment ist...“
„Gut, oder etwa nicht? Es müsste reichen. Bitte, Will. Probt es, tobt und testet euch aus, spielt zusammen, mit richtigen Instrumenten und Verstärkern und du wirst wieder diese Liebe spüren können, die du für jeden einzelnen Riff und jeden Vers empfunden hast, als du den Song komponiert und zum ersten Mal im Kopf hattest. Und dieses Gefühl darfst du nicht vergessen, denn es wird dich tragen, durch den Song und durch das gesamte Album, das weiß ich. Und du kannst ihn wunderbar performen, auch das weiß ich.“
Wieder sah er ihn mit seinen grünen Augen lange Augenblicke lang an, so als ob er ihn mustern würde und zugleich auch versuchen würde seine Gedanken zu lesen. Er kannte William, und er wusste, in welche Richtung seine Selbstzweifel gingen.
Dennoch lächelte er lange wie auch voller Gedanken und Sorgen, Ängsten, die sich in seinen grünen Augen widerspiegelten, auch wenn er versuchte sie vor ihm zu verbergen, so wie jedes Mal, wenn sie sich so nahe waren. Denn außer dem hier würde nichts bleiben.
Nichts.
„Du musst an den Song glauben, hörst du? Du musst ihn fühlen, ganz tief in dir. Es ist deiner und du hast ihn für Jessy geschrieben, mm? Hast du mit ihr gesprochen?“
William riss die Augen auf.
„Mit Jessy? Nein, ich... nein... wir sind uns nur kurz über den Weg gelaufen, aber sie hat mich ja kaum gesehen...“
„Also. Dann musst du den Song erst recht zu ende schreiben, aufnehmen und raus bringen.“
„Nur damit sie mit mir spricht?“
Ville kicherte kopfschüttelnd, ehe ein süßes Lächeln um seine blassen Züge spielte. „Ja, vielleicht. Tu es einfach, Will. Also, wenn wollt ihr proben?“
Doch William zögerte noch immer. „Und Mike? Hast du mit ihm gesprochen? Oder mit dem Management? Ich... ich kann nicht glauben, dass du deine Verträge gekündigt hast, nein.“
Der Fronter seufzte schwer auf.
„Es war sicherlich das Beste. Ich kann die Verträge nicht erfüllen, und je eher ich aussteige, desto besser. Es... es hatte keinen Sinn, und das vielleicht sogar von Anfang an, da ich meine Symptome lange Zeit ignoriert habe. Aber das sollte dich nicht aufhalten, weiter an deinen Sachen zu arbeiten!“ Er hob den Blick, dabei kniff er die Augenbrauen zusammen. „Oder? Tut es das? William?“
Ihre Blicke trafen sich, wie erstarrt, oder aber als würde sich alles wild um sie herum drehen, immer wilder und wilder, bis jeder Lichtfunken schier zu explodieren schien.
William holte hörbar Luft.
„Dad... und wie soll ich das tun? Wenn du aufhörst und ich nicht.. weiter komme? Wie soll das gehen? Und du kannst all deine Sachen, die halbfertigen Songs und all das nicht einfach so hinwerfen, verdammt noch mal nein! Das wäre nicht richtig, du hast die Songs so geliebt, jeden einzelnen von ihnen und du hattest große Träume, von einer ausgedehnten Tour und ihr wolltet sogar in den USA spielen, weißt du noch? Wie kannst du das nur alles aufgeben, für etwas, was vielleicht irgendwann sein wird, aber jetzt noch nicht ist? Wie kannst du das tun? Wie kannst du schon jetzt die Hoffnung verlieren? Das Licht? All das, was in den Songs ist, wenn du sie spielst und performst? Dad... das verstehe ich nicht!“
Er hatte die Augenbrauen vor Schmerz zusammen gezogen und auch seine Stimme bebte für einen kurzen Augenblick, bis er sich kurz abwandte, Luft holte und versuchte seine rasenden Gedanken zu ordnen.
„Es fühlt sich nicht richtig an! Du hast so wundervolle Songs geschrieben, was soll daraus werden? Und aus deiner Band, Dad? Es ist nicht irgendeine Band, nein, es ist deine Band, was...“ Er starrte ihn noch immer kopfschüttelnd an, doch Ville ließ die tätowierten Schultern langsam wieder sinken, er atmete schwer, dann kam er schließlich auf ihn zu und berührte ihn kurz mit der Hand am Arm, ehe er das Badezimmer verließ, aber auf dem Flur nochmals stehen blieb und zu ihm hinüber sah.
„Hör zu, William, es ist nicht nur eine simple Diagnose, nein. Es ist Angst, wahnsinnige Angst vor dem, was sein wird, und vor dem wie es sein wird und ich weiß, dass mir sicherlich nicht mehr genug Zeit bleiben wird, ehe sich die Symptome verschlimmern werden, oder aber die verdammten Nebenwirkungen... ich müsste dann die laufende Tour absagen, beenden, abbrechen... oder aber weiter auf der Bühne stehen und wissen, dass es lange nicht mehr das ist, was ich wirklich wollte, was ich bin, was mich ausmacht. Verstehst du das? Und dann würde es jeder sehen, und hören, bei jeder verdammten Zeile. Und das ertrage ich nicht.“
Seine Stimme brach beinahe, sodass er sich hastig räusperte, ehe er die Arme vor der Brust verschränkte und ihn lange Zeit ansah.
„Aber du, William, du hast noch all das vor dir! Ein erstes Album, ein Demo, der erste Gig, und glaube mir, es wird wunderbar sein und absolut fantastisch und du wirst wissen, dass du nur noch das machen willst und das es das ist, was dich erfüllen wird, du wirst es bei deinem ersten Gig wissen, oh ja.“
Er klang mit einem Mal schwerhörig und auch seine Stimme war eine sanfte Nuance tiefer und rauer geworden, während er sich die noch immer feuchten Haare zurück strich und ihm gegenüber an der Wand lehnte.
„Und...“ Doch er brach ab.
William beobachtete ihn von der Seite.
„Und? Dad? Was...?“
„Das wird es sein, was von dir bleiben wird. Ein Teil von dir, ein bedeutsamer Teil. Deine Songs und die, die du noch schreiben wirst, William, ich bitte dich! Du hast dieses Gefühl dazu, die richtigen Worte und du kannst unheimlich gut Gitarre spielen und du weißt wie du das Equipment zu nutzen hast und jetzt hast du auch die Chance dazu, also nutze sie, ganz gleich was mit mir ist, oder sein wird, denn das ist nicht wichtig, und es sollte auf deinen Songs auch nicht zu hören sein, klar? Denn du wirst damit touren... es wird dein Leben sein! Ein großartiges Leben! Mit fantastischen Songs!“
William wirkte entsetzt und bestürzt zugleich, und deutete ein Kopfschütteln an. „Dad... wie soll ich fantastische Songs schreiben, wenn du es nicht mehr kannst? Und ich glaube kaum, dass ich mit den Songs, die ich im Kopf habe, touren kann. Sie sind nicht gut genug...“
Der Fronter seufzte erneut auf.
„Dann arbeitet daran. Wann immer ihr wollt. Probt endlich! Und ich bin hier. Ich bin okay, Will. Okay, verstehst du das?“
„Nein Dad, nein, das glaube ich dir nicht. Du bist von Schmerz gezeichnet und alles scheint sich mehr und mehr um deine Krankheit zu drehen, ich kenne dich! Und du kannst mir nichts vormachen, Dad nein... nicht mir... bitte...“
Ville senkte kurz beschämt den Blick. Er zitterte leicht, dann war sein rauer Atem wieder zu hören, denn er wusste, dass er seine tiefe, abgrundtiefe Pein vor William nicht auf ewig verbergen konnte, nein, und irgendwann würde er brutal auf dem Boden der nackten Tatsachen, der Wahrheit aufschlagen, brutaler und klatschender als er es sich selbst gegenüber eingestehen würde. Und dennoch hoffte er es zumindest einen weiteren kleinen Augenblick lang durchzustehen, und wenn es nur seinetwegen war.
Denn er liebte William, und er wollte nicht, dass er all das jetzt schon sah oder spürte. Auch wenn es irgendwann einmal unausweichlich sein würde.
Ville lächelte erneut. „Ich bin okay. Du hast die Schlüssel noch, mm?“
William erstarrte, während er ihn ansah, voll an gemischten Gefühlen, während er versuchte Villes teilweise seltsamen, verschlossenen Gesichtsausdruck zu deuten. „Ja sicher...“
Ville nickte.
„Gut. Dann könnt ihr hier proben wann ihr wollt.“ Damit ließ er ihn stehen und kehrte schließlich ins Schlafzimmer zurück, wo ihn ein sachtes, goldenes Schimmern erwartete, denn Mithras wartete auf ihn, doch auch sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert und er hatte lange an den geöffneten Fenstern gestanden, und das trotz der spürbaren Kälte, die in der Luft lag.
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