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Glanz und Gloria (Der Jahreskreis - Teil 4)

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Guy of Gisburne
02.02.2023
02.02.2023
1
1.951
 
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02.02.2023 1.951
 
Es war kalt in der kleinen Kapelle an diesem speziellem Tag und Guy konnte sich, ohne lange zu überlegen, bessere Zeiten vorstellen, um eine ganze Nacht hier zu verbringen, allerdings hatte er sich in den letzten Jahren schon an weitaus schlimmeren Orten wiedergefunden. Hier dagegen konnte er sich zumindest ziemlich sicher sein, dass er keinen Angriff zu befürchten hatte. Dies empfand er durchaus als Vorteil.
Auf der anderen Seite war es eine seltsame Erfahrung, nicht auf jedes Geräusch, jede Bewegung achten zu müssen, denn in einer solch entspannten Situation hatte er sich in den letzten Jahren selten befunden. Fast hatte er vergessen, wie es war, nicht darauf warten zu müssen, dass jemand in das Gebäude eindrang, der ihm nach dem Leben trachtete.
Ihm war bewusst, dass er die Stunden hier in Kontemplation verbringen sollte, auf den Knien vor dem Altar, aber auf so etwas konnte er sich nur sehr schwer einlassen. Zwar war es ihm nicht unmöglich, über Vergangenes nachzudenken, aber sich stundenlang nicht zu bewegen – wenn er nicht gerade schlief – war ihm ein Gräuel. Vielleicht hätte er es im Sommer noch ertragen können, aber jetzt, am ersten Tag des Frühlings, war es dazu einfach zu kalt. Würde er sich tatsächlich an das halten, was von ihm erwartet wurde, dann wäre er erfroren, bevor die Zeremonie durchgeführt werden könnte. Und das würde er wahrlich als einen Verlust ansehen, nachdem es ihm gelungen war, es bis hierher zu schaffen.
Als der Knappe gewahr wurde, wie er sich – auch wenn nur in seinem Kopf – ausgedrückt hatte, schnaubte er amüsiert. Dies waren Worte, wie sie Sir Geoffrey gewählt hätte und es gab kaum zwei Männer, die sich weniger ähnlich waren, als er selbst und sein Ritter. Und jetzt erwischte er sich dabei, wie er sich seiner Wortwahl bediente. Wüsste Sir Geoffrey dies, würde es ihn sicherlich freuen, denn er war immer der Meinung, Guy müsse lernen, sich besser auszudrücken. Aber sobald der junge Mann den Mund öffnete, war es ihm, als würden ihn die passenden Worte meiden wie die Pest, selbst wenn er die entsprechenden Sätze gerade noch in seinem Kopf formuliert hatte. Und daran hatte sich in seiner gesamten Zeit mit dem Ritter nicht viel geändert.
In anderer Hinsicht hatte sich allerdings viel geändert und dies war der Grund, wieso er sich in dieser Nacht hier in der Kapelle befand und wieso er darüber nachdenken sollte, wie sich sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt gestaltet hatte. Er sollte sich aber auch Gedanken darüber machen, wie sein Leben nach diesem Tag aussehen sollte. Dies war es, was Sir Geoffrey ihm mit auf den Weg gegeben hatte und Guy hatte auf einmal verstanden, dass der Ältere tatsächlich der Meinung war, er wäre so weit, diesen Schritt zu tun und er habe ihn nicht nur hierhergebracht, weil er nun das richtige Alter erreicht hatte. Er war sich lange nicht sicher, denn der Weg, den er hatte gehen müssen, war nie ein einfacher und daher hatte er erst jetzt diesen Punkt erreicht. Andere waren schneller unterwegs und hatten ihn dabei überholt, aber er wusste, dass dies bei einigen von ihnen an ihren familiären Verbindungen lag. Darauf hatte er verzichten müssen, denn er besaß keine. Im Gegenteil, wenn es nach seinem Vater – Vater! – gegangen wäre, dann hätte er diese Möglichkeit niemals erhalten, denn dieser war der Meinung, er wäre ihrer nicht wert. Zum Glück war es nicht der Mann, der mit seiner Mutter verheiratet war, der dies zu entscheiden gehabt hatte.
Dies hier war, wovon er als Kind geträumt hatte. Dies hier war, worauf er gehofft hatte, als er als Siebenjähriger sein Heim verlassen musste. Damals hatte er sich gefürchtet, weil er sein Zuhause niemals zuvor verlassen hatte, während er gleichzeitig glücklich war, weil er endlich von dem Mann wegkam, der ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte. Er war fest davon überzeugt, nun müsse alles besser werden, aber in dieser Hinsicht hatte er sich getäuscht. Es wurde nicht besser, es war nur anders. Und daran hatte sich erst etwas geändert, als Sir Geoffrey ihn als seinen Knappen akzeptierte. Da hatte er wieder Hoffnung geschöpft und daran geglaubt, sein Kindheitstraum könne tatsächlich wahr werden. Und nun war er nur noch wenige Stunden von der Verwirklichung dieses Traums entfernt. Er hatte es endlich geschafft und sich gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt. Wenn ihn sein Leben eines gelehrt hatte, dann war es, niemals aufzugeben.
Als Kind war er davon ausgegangen, dass sich sein Leben zum Besseren ändern werde, sobald er diesen Punkt erreicht hatte. Nun hoffte er nur noch, dies entspräche der Wahrheit. Er war der Hölle seines Elternhauses entkommen und hatte auch den Wahnsinn der Schlachtfelder in der Normandie überstanden, während viele seiner Kameraden weniger Glück gehabt hatten als er. Dies kam ihm immer noch mehr als seltsam vor, hatte er sich doch nie als jemanden gesehen, dem das Glück hold war. Aber ganz offensichtlich hatte er sich in dieser Hinsicht getäuscht.
Vielleicht durfte er nun hoffen, dass es ihm auch zukünftig noch zulächelte und ihn nicht verließ, wenn er über den Kanal nach England zurückkehrte, auch wenn er noch nicht wusste, was dort auf ihn wartete. Darüber hatte er in den letzten Jahren nicht wirklich nachgedacht und es war auch kein Thema, welches Sir Geoffrey angesprochen hatte, denn er war selbst nicht frei in seinen Entscheidungen. Als Vasall des Earl of Gloucester war er an dessen Weisungen gebunden. Es wäre möglich, dass dies auch sein eigener Weg war und es würde wahrlich schlechtere geben. Er hatte in seiner Zeit in der Normandie ja auch reichlich Erfahrungen sammeln können. Viele, an deren Seite er kämpfte, hatten bezeugt, er wäre ein ausgezeichneter Soldat und Schwertkämpfer und ein exzellenter Reiter. Dies musste doch für irgendetwas gut sein.
Er schnaubte erneut amüsiert, als er sich daran erinnerte, wie er sich als Kind sein späteres Leben vorgestellt hatte. Mal abgesehen von der Absicht, dem zu entkommen, was er in seinem Zuhause ertragen musste, hatte er sich natürlich immer gewünscht, ein Ritter zu sein. Er hatte erstrebt, sich für die Schwachen und Hilflosen einzusetzen, weil es das war, was man ihm beigebracht hatte. Natürlich hatte er diesen Wunsch niemals laut geäußert, denn Sir Edmund hatte es ihm oft auf handgreifliche Weise klargemacht, dass es jemand wie er niemals so weit schaffen konnte. Immer hatte er ihm vorgehalten, ihm fehle dazu die Voraussetzung der adeligen Abstammung, weil niemand wusste, wer tatsächlich sein Vater war. Darüber hinaus hatte der Mann, in dessen Haus er aufgewachsen war, ihm auch immer unterstellt, er wäre ein Feigling.
Dieser Vorwurf war einer, den er absolut nicht ertragen konnte. Dass er ein Bastard war, wusste niemand bis auf ihn selbst, seine Mutter und deren Ehemann, aber dass der Gegner ein Feigling wäre, wurde in der Hitze eines Kampfes – aber auch während eines Streites unter Kameraden – mehr als einmal geäußert und hatte ihn – wenn er das Ziel dieser Äußerung war – mehr als einmal in einen Anfall unkontrollierbarer Wut gesandt. Damit hatte er sich dann Ärger anderer Art eingehandelt. Aber zumindest hatten seine Kameraden schnell gelernt, ihn keinen Feigling zu nennen. Alles andere, was er zu hören bekam, war er imstande zu ertragen.
Dass das Leben eines Ritters nicht so verlief, wie er sich das als Kind vorgestellt hatte, musste er ziemlich schnell lernen. In seiner Zeit als Knappe von Sir Geoffrey hatte er selten gesehen, dass dieser den Schwachen helfen konnte, obwohl doch darüber immer so viel gesprochen wurde. Dies war umso ernüchternder, weil sein Ritter auf jeden Fall jemand war, der die Eignung dafür mitbrachte, Gutes zu tun. Es war nur so, dass er selten Gelegenheit dazu bekam, weil er den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, für den König zu kämpfen. Oder für den Earl, was nicht immer das Gleiche war und es ab und zu erforderte, nicht zu genau darüber nachzudenken, was man tat. Dies war etwas, was Guy sehr früh von seinem Ritter beigebracht bekommen hatte. Es hatte länger gedauert, seine Enttäuschung darüber loszuwerden, dass sein zukünftiges Leben selten aus Glanz und Gloria bestehen würde, so wie er sich das als Kind erträumt hatte. Wenn er Glück hatte – sollte er tatsächlich darauf setzen? – dann konnte er wenigstens selber darüber bestimmen, welchen der unschönen Pfade er beschreiten sollte, die die Zukunft für ihn bereithielt, aber selbst in dieser Hinsicht konnte er sich nicht sicher sein.
Er kehrte aus seiner Gedankenwelt in die Wirklichkeit zurück, als er feststellen musste, dass er fror. Aus Erfahrung wusste er, dass dies die kältesten Stunden der Nacht waren, aber auch, dass es nicht mehr zu lange bis zur Morgendämmerung und damit bis zum Ende seiner Nachtwache dauern konnte. Danach würde er nicht mehr lange warten müssen, bevor er sich Sir Guy nennen durfte und auch wenn er sich inzwischen darüber klar war, dass dies sein Leben nicht von einem zum anderen Moment besser machen würde, so hatte er damit doch wenigstens ein Ziel erreicht, von dem er nie hatte sicher sein können, er würde dort ankommen.
Aber jetzt war er an einem Punkt angelangt, an dem die Aufregung über das, was bald geschehen würde, die Müdigkeit, die Kälte und den Hunger nicht mehr zurückdrängen konnte. Er wunderte sich darüber, denn eigentlich wollte er diese wenigen Stunden nicht als Fasten bezeichnen – obwohl es so genannt wurde - und darüber hinaus hatte er während Belagerungen länger ohne Nahrung ausgehalten, trotzdem plagte ihn sein Hungergefühl mehr, als er sich das zuvor hatte vorstellen können. Dasselbe galt für seine Müdigkeit, denn dies war beileibe nicht die erste Nacht, die er schlaflos verbringen musste. Und selbst die Kälte war eigentlich nichts Neues für ihn. Er überlegte, ob es vielleicht die Kombination dieser Erfahrungen war, die ihm so sehr zusetzte, nur um diesen Gedanken sofort wieder zu verwerfen. Schließlich hatte er auch das schon ertragen müssen. Aber was machte ihm dann so zu schaffen?
Er brauchte ziemlich lange, um darauf zu kommen, vor allem, weil er sich nicht eingestehen wollte, dass es die Worte seines Stiefvaters waren, die ihn immer noch verfolgten. Einen wertlosen Bastard hatte er ihn genannt, zu nichts zu gebrauchen, jemand, der es zu nichts bringen würde. Dies war es, gegen das er seit Jahren kämpfte und immer, wenn er geglaubt hatte, er wäre endlich siegreich, musste er feststellen, dass er sich im Irrtum befand. Egal was er tat, er wurde einfach nicht los, was Sir Edmund ihm mit auf den Weg gegeben hatte, damals, als er ihn nach Gloucester hatte ziehen lassen müssen.
Nun musste Guy erneut feststellen, dass diese Worte sich wie ein Schatten über diesen Tag gelegt hatten, der der Schönste in seinem Leben werden sollte. Sein Peiniger hatte es wieder einmal geschafft, ihn zu verletzen, auch wenn er nicht persönlich anwesend war. Würde er den Mann irgendwann einmal loswerden können?
Trotzdem er Bewegung vorziehen würde, fiel Guy vor dem Altar auf die Knie, wobei er versuchte, die Kälte zu ignorieren, die sofort aus dem Boden in seinen Körper aufstieg. Er schloss die Augen und fing an zu beten. Er hoffte, er könne auf diese Weise die Unsicherheit und die Angst zurückdrängen, die die Erinnerung an Sir Edmunds Worte in ihm heraufbeschworen hatten und er sehnte sich danach, dieses Gefühl der Wertlosigkeit und des Versagens loszuwerden, welches von ihm Besitz ergriffen hatte. Er wollte so gerne glauben, er sei es wert, den Ritterschlag zu erhalten und er würde sich als würdig herausstellen, sobald er ein Ritter war.
Aber eine leise Stimme in seinem Kopf wiederholte ununterbrochen, er wäre ein wertloser Bastard und er konnte sie einfach nicht zum Schweigen bringen, egal wie inbrünstig er betete. Schließlich verstand er, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als genau das zu tun, was er die ganzen Jahre über getan hatte.
Er musste vorgeben, er würde sich nicht von seinen Kameraden unterscheiden und konnte nur hoffen, niemand würde seine Lüge durchschauen.
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