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Worst Day of My Life

von Graceland
Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Harvey Specter Michael "Mike" Ross
25.01.2023
25.01.2023
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25.01.2023 1.252
 
Hallo Zusammen,

schön, dass ihr hergefunden habt :)
Als allererstes: Minimale Spoiler für Staffel 2. Ich bin neu in der Serie und gerade in der Mitte von Staffel 3 - ich liebe die Charaktere und die zwischenmenschlichen Beziehungen und ganz besonders die Bromance :D einfach super.

Kommen wir zu dem One Shot, der vielleicht doch ein bisschen Erklärung benötigt: Die Sache mit Mikes Grandma geht mir nicht aus dem Kopf. Spezieller, als Mike im Büro ausrastet und Harvey ihn nach Hause schickt. Ich mag es, wie das in der Serie gelöst wurde - einmal weil Harvey mega lustig ist, wenn er high ist, aber auch weil man ein bisschen über ihn erfährt und die beiden so ihre Mentor-Schüler-Freundschaft noch etwas vertiefen, wie ich finde. Also an sich keine Kritik daran, sondern nur eine Idee, die mir im Kopf herumgespukt ist. Wie es hätte sein können, wenn Mike Harvey aufgesucht hätte, nachdem der ihn heimgeschickt hat, anstatt umgekehrt.

Aber jetzt genug gequatscht. Ich hoffe, es gefällt euch :)

Eure Grace

***

Worst Day of My Life

Er rechnete damit, dass der Mann ihn wieder anschrie. Dass er ihm predigte, dass er sich gefälligst zusammenreißen sollte. Und dass er definitiv nie wieder so mit ihm reden sollte. Er wartete, dass der Mann ihm anrechnen würde, dass er so spät zu ihm kam, um sich zu entschuldigen. Und dass er ihm, anstatt ihm das zu sagen, ihm vorwerfen würde, einen schönen Abend zu zerstören.
Harvey tat nichts davon.
Er sah Mike einfach an. Nicht mit diesem arroganten Schmunzeln, das meistens bedeutete, dass der Ältere etwas wusste, was er noch nicht einmal ahnte. Sondern mit dieser stoischen Ruhe, die ihm im Job nicht nur einmal den Hals gerettet hatte. Und mit verständnisvoller Sorge. Etwas, das Mike noch nie in den Augen seines Bosses gesehen hatte – weil Harvey ihm diesen Blick normalerweise ohne sein Wissen nachwarf, immer erst wenn Mike ihm den Rücken kehrte.
„Es tut mir leid.“
Es war nicht ansatzweise genug, aber er würde sein Verhalten nicht rechtfertigen. Er hatte die Kontrolle verloren, er war zu weit gegangen und er fühlte sich miserabel. Aber er würde nicht die Trauer-Karte spielen. Er stand dazu, dass er einen Fehler gemacht hatte, und er würde mit seinen Taten zeigen, dass er eine zweite Chance verdient hatte – vermutlich war es schon lange nicht mehr die zweite.
„Ich weiß.“ Harvey lehnte sich mit dem Unterarm neben seinem Kopf an den Türrahmen. „Aber deswegen kommst du nicht mitten in der Nacht hier her.“
Mike musste hart schlucken. Nein, das hätte wohl auch bis morgen warten können. Er hatte gehofft, Harvey würde ihn nicht so leicht durchschauen, dabei hätte er es wissen müssen. Der Mann schien eine Dauereintrittskarte in seinen Kopf zu besitzen.
Er schüttelte den Kopf. Lügen würde nichts bringen. Die Wahrheit kam ihm jedoch auch nicht über die Lippen. Denn die Wahrheit war, er wollte nicht allein sein. Seine Wohnung hatte ihn erdrückt, also war er spazieren gegangen. Und während er spazieren gegangen war, ohne genaues Ziel, hatte er plötzlich an Harvey gedacht; daran, wie schlecht Mike sich verhalten hatte, obwohl Harvey nur verlangt hatte, dass er seinen Job machte. Weil es für ihn ein Tag wie jeder andere war. Weil Mike entschieden hatte, ihm nichts zu sagen.
Und ehe er es sich hatte ausreden können, hatten seine Füße sich in Bewegung gesetzt.
Jetzt war er hier. Und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Meine Grandma …“ fing er an, doch Harvey hob die Hand.
„Ich weiß“, wiederholte er.
Mike presste die Lippen zusammen. Als würde ihn das davon abhalten, nicht in den nächsten Sekunden vor seinem Boss in Tränen auszubrechen. Er sollte sich umdrehen und gehen. Er hatte gesagt, was er sagen wollte. Aber er wollte nicht gehen. Es graute ihm davor, in seine Wohnung zurückzukehren. Die Stille würde ihn verschlingen. Er hatte solche Angst, allein zu sein.
„Willst du reinkommen?“ Harveys Stimme war noch nie so weich gewesen.
Mike kannte inzwischen die Unterschiede. Den neckenden, beinahe freundschaftlichen Unterton, wenn Harvey ihn auf den Arm nahm. Das tiefe Vibrieren, wenn sein Boss wütend auf ihn war. Das beinahe unmerkliche Zittern, wenn er frustriert war oder mit dem Rücken zu Wand stand – das hatte Mike am Anfang oft mit der Wut verwechselt. Der gespielt neutrale Ton, wenn er stolz auf Mike war, es aber nicht zugeben wollte.
Harvey gab sich zwar viel Mühe, niemanden an sich ran zu lassen und seine Gefühle zu verbergen – seinen ausgeprägten Beschützerinstinkt und sein riesiges, gutes Herz – doch das gelang ihm nicht. Man konnte lernen, Harvey Specter zu lesen, wenn man sich nur Mühe gab und ganz genau hinsah. Und Mike lernte.
Diese sanfte Frage, die wohl nur verhindern sollte, dass Mikes Seele noch auf der Türschwelle auseinander bröckelte wie alter Putz von einer Wand, war neu.
Er schüttelte den Kopf, auch wenn er den Kampf gegen den Kloß in seinem Hals verlor. „Nein, es ist spät. Du hast sicher Besseres vor und ich wollte nur … ich wollte das nur loswerden und jetzt lass ich dich in Ruhe.“
Er wandte sich schon zum Gehen, auch wenn jeder Muskel in seinem Körper widersprechen wollte, als ihn das Seufzen innehielten ließ.
„Mike.“ Harveys Augen waren dunkel vom Mitleid und Schmerz. „Komm her.“
Unsicher blickte er den Mann von unten herauf an. Harvey war immer noch sein Boss. Er war sein Mentor. Manchmal ein Freund. Aber er war immer noch sein Boss und Mike sollte gehen.
Harvey streckte die Hand nach ihm aus, mit der er eben noch am Türrahmen gelehnt hatte. Eine stumme Einladung. Die einzige Einladung, die er kriegen würde.
Da waren die Tränen und Mike konnte sie nicht aufhalten. Genauso wenig, wie er seinen Körper aufhalten konnte, den Arm auszustrecken, sich von Harvey in die Wohnung und in seine Arme ziehen zu lassen.
Er wusste, dass sie nie wieder darüber sprechen würde. Sie würden am nächsten Tag zur Arbeit gehen und dieser Abend wäre nie passiert. Er hörte auf zu existieren, sobald Mike sich wieder im Griff hatte und diese Wohnung verließ. Er würde nach Hause fahren, würde ein wenig schlafen, würde ins Büro gehen und Harvey wäre wieder sein Boss.
Aber noch nicht jetzt.
„Ich vermisse sie.“
„Ich weiß.“ Harvey drückte ihn noch etwas fester mit der Hand auf seinem Rücken, während die andere durch Mikes Haare strich.
„Ich hatte keine Zeit …“
„Ssh, ist okay“, flüsterte der Ältere sanft.
„Sie war alles für mich.“
„Das wusste sie.“
Mike vergrub das Gesicht an Harveys Schulter. Ein Wimmern, wie das eines verletzten Tieres, entwich ihm, als sich der sichere Griff um seinen zitternden Körper zu lösen schien.
Doch Harvey hatte nicht vor, ihn loszulassen. Er schaffte es, die Tür zu schließen und Mike weiter in die Wohnung zu führen, ohne die Umarmung zu unterbrechen. Er würde niemals als erster loslassen, solang der Jüngere noch nicht bereit dafür war.
„Ich weiß, es tut weh“, flüsterte Harvey sanft an seinem Ohr. „Glaub mir, ich weiß es.“
Mike atmete tief durch und hob den Kopf aus seinem Versteck. „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Harvey blickte ihn aus traurigen, dunklen Augen an. Würden seine eigenen Tränen ihm nicht die Sicht verwischen, würde Mike sehen, wie glasig und feucht sie waren.
„Sag mir, was ich tun soll.“
Harvey schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht.“
„Warum nicht?“ Seine Stimme schwankte gefährlich.
„Ich kann dir nicht vorschreiben, wie du mit der Trauer umgehst.“ Harvey löste die sichere Umarmung, aus der Mike sich bereits zurückgezogen hatte, um ihm die Tränen von den Wangen zu wischen. „Aber, egal was du tust, ich bin hier.“
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