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Eine andere Art von Familie

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Belle Biest/Prinz Adam Lumiére Madame Pottine Tassilo Von Unruh
24.01.2023
24.01.2023
5
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24.01.2023 2.052
 
Es war kurz vor Weihnachten. Schnee fiel in dichten Flocken und bedeckte die Landschaft mit seinem weiß. Alles war friedlich und still, zumindest außerhalb der Schlossmauern.
Im inneren jedoch ging es zu wie in einem Bienenstock. Alles was Beine hatte war auf den selbigen, jeder Bedienstete tat was er oder sie nur konnte um das Schloss für das bevorstehende Fest herzurichten und zu schmücken. Und dann war da noch die besondere Weihnachtsfeier die der Prinz sich noch vor dem eigentlichen Fest gewünscht hatte, dann der Winterball, zu dem hunderte Gäste erwartet wurden und…
Herr von Unruh, Haushofmeister und damit so ziemlich für alles verantwortlich was im Schloss geschah, wischte sich schnaufend den Schweiß von der Stirn. Schon seit Tagen war er unermüdlich damit beschäftigt die Arbeit der Dienerschaft zu überwachen und dafür zu sorgen das alles absolut perfekt war. Nicht das mit den alltäglichen Arbeiten nicht schon genug zu tun gewesen wäre, die zusätzliche Arbeit forderte all seine Aufmerksamkeit und das von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Es war nicht so dass er seine Arbeit nicht liebte, mit Nichten. Eigentlich, so schien es fast, war er umso mehr in seinem Element, je arbeitsreicher und stressiger es wurde. Und das zeigte sich auch jetzt, als mal wieder nichts so zu funktionieren schien, wie der Haushofmeister es wünschte.

„Nein, nein und nochmals nein! Ich habe doch gesagt, diese Dekorationen kommen in die Eingangshalle und diese dort in den Ballsaal. Und wieso…
Mademoiselle Décor!“
Er sah sich um, ob die gesuchte Person in der Nähe war, konnte sie aber nicht entdecken, was seine Frustration nur noch mehr schürte.
„Mademoiselle Décor! Wo zum Kuckuck stecken sie?“
„Ich bin ‘ier Monsieur von Unruh!“
Schon kam eine junge Frau mit eiligen Schritten auf ihn zu, deren Schulterlange, goldblonde Haare bei jedem ihrer beschwingten Schritte mitschwangen. Als sie schließlich vor dem Haushofmeister stand, nickte sie ihm nur kurz zu ehe sie ihn mit ihren blauen Augen fixierte.
Angelique Décor war die Schloss Dekorateurin, die besonders zur Weihnachtszeit ganz in ihrem Element war. Die junge Frau wusste ganz genau wie sie die Räumlichkeiten zum Strahlen brachte und jeden Winkeln im Schloss ins rechte Licht rücken konnte. Außerdem war sie äußerst selbstbewusst und hasste es, wenn die Dinge nicht so ausgeführt wurden, wie sie es wünschte. Allein deshalb schätzte von Unruh sie sehr und genoss die Zusammenarbeit mit der jungen Frau. Allerdings war er in diesem Moment augenscheinlich nicht zufrieden mit ihr.
„Mademoiselle Décor! Wieso liegen hier so viele Dekorationen herum? Und warum ist die Eingangshalle immer noch nicht geschmückt? Ich frage mich allmählich ob sie…“
„Monsieur von Unruh… Ich tue was ich kann um alles rechtzeitig für die Feierlichkeiten fertig zu bekommen, aber ich kann mich nicht vierteilen!“
Sie hatte die Hände in die Hüften gestützt und sah den Haushofmeister mit zornesfunkeln in den Augen an. Und dieser hatte das ungute Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben…
Er räusperte sich verlegen und versuchte, die Situation irgendwie zu retten.
„Ich bin mir sicher, sie tun ihr Bestes, aber…“
„Aber?!“
„Vielleicht könnten sie dafür sorgen das wenigstens die Dekorationen hier weg kommen und…“
„Pfff!“
Sichtlich beleidigt wandte Angelique sich ab und schritt davon, nicht aber ohne Herrn von Unruh noch einen bösen Blick über die Schulter und einen spitzen Kommentar zu zuwerfen.
„Immerhin stehe ich nicht nur in der Gegend herum und gebe Befehle, sondern helfe auch mit. Sollten sie auch einmal versuchen, Monsieur!“
Mit diesen Worten verschwand sie im nächsten Flur, den verärgerten und völlig entnervten Haushofmeister zurücklassend. Dieser wischte sich nur erneut mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn und schüttelte den Kopf.
„So etwas! Naja, sie ist eben auch gestresst…“
Er warf einen Blick auf die Liste in seinen Händen, auf der all die Sachen standen, die noch erledigt werden mussten. Und es war eine lange Liste, auf der, so stelle von Unruh mit schrecken fest, noch nicht einmal die Hälfte abgestrichen war. Es war noch so viel zu tun und so wenig Zeit…
Vielleicht hatte Angelique Recht und er sollte wirklich mit anpacken? Je mehr Helfende Hände desto schneller war die Arbeit getan, das stimmte. Und wenn er daran dachte, das in wenigen Tagen viele der Bedienstete ihren zwar kurzen, aber lange ersehnten Weihnachtsurlaub antreten würden…
Bei diesem Gedanken  schnaufte von Unruh frustriert. Urlaub.
Seit er im Schloss arbeitete hatte er sich so gut wie nie Urlaub genommen und wenn dann nicht mehr als ein Wochenende. Nicht das er den anderen den Urlaub nicht gönnen würde, mit Nichten! Aber es gab so viel zu tun und wenn die Hälfte der Belegschaft nach Hause fuhr zu ihren Familien, dann…
Plötzlich lies der Haushofmeister die Hand mit der Liste sinken und starrte aus dem Fenster an dem er stand. Draußen brach gerade die Abenddämmerung herein und tauchte die schneebedeckte Landschaft in ein geradezu Märchenhaftes Licht. Von Unruh sah es nicht, er starrte in die Ferne, tief in Gedanken versunken.
Dann tat er einen tiefen Atemzug und sah zu den Wolken hinauf, die langsam am Himmel vorbeizogen und murmelte, für niemand hörbar: „Nach Hause. Zu ihren Familien…“
Alles um ihn herum schien vergessen und er sah und hörte nichts mehr, stand nur still da starrte betrübt vor sich hin. Niemand kümmerte sich darum, doch das war er seit Jahren gewohnt. Für die meisten Bediensteten war er der ewig meckernde, ständig auf Pflichterfüllung erpichte Haushofmeister und mehr nicht. Freunde hatte er hier nur sehr wenige, auch wenn er zugeben musste, dass es die Besten wahren, die er je in seinem Leben gehabt hatte.
Und einer von ihnen stand nun direkt hinter ihm, ohne das er es bemerkt hatte.
Einer von ihnen, der gerade überlegte ob er dem Älteren, nur so zum Spaß, einen Schreck einjagen sollte.
Einer von ihnen, der im letzten Moment innehielt und von Unruhs Spiegelbild in der Scheibe betrachtete.
Einer von ihnen, der ganz genau fühlte, das etwas mit seinem besten Freund nicht Stimmte.

„Von Unruh, mon ami! Ist dieses Abendlicht nicht einfach ‘errlich?“
Der Haushofmeister tat einen erstickten Aufschrei, ehe er erschrocken herumwirbelte. Es dauerte aber einen kurzen Moment, ehe er erkannte, wer dort vor ihm stand.
„Sacre bleu! Excusez-moi, ich wollte dich nicht erschrecken…“
Lumiere hatte sich selbst darüber erschrocken, wie der anderer zusammengezuckt war. Nun gut, er hatte kurz überlegt von Unruh zu erschrecken, aber als er das vor Schreck blasse Gesicht seines Freundes sah, bereute er diesen Gedanken.
„Lumiere! Bei meiner Ehre… Du willst mich wohl noch vor Weihnachten loswerden, was?“
„Mon dieu! Mit nichten, mon ami! Wie kannst du nur so etwas denken? Ich sah dich nur so völlig in Gedanken ‘ier ‘erumstehen und dachte, du würdest das Lichterschauspiel dort draußen bewundern. Doch anscheinend…“
Er trat neben den Haushofmeister und sah aus dem Fenster, als er weitersprach.
„Warst du mit deinen Gedanken völlig woanders… Nicht wahr?“
Er sah von Unruh an, der seinerseits aus dem Fenster sah, wo sich das Lichterspiel der Abenddämmerung allmählich in das Dunkel der Nacht verwandelte. Er lächelte, doch es war ein seltsames, melancholisches Lächeln. Und das blieb Lumiere nicht verborgen.
„Was bedrückt dich, mon ami?“
Der angesprochene schwieg für einen Moment. Er konnte Lumiere nicht belügen, das wusste er genau. Sie hatten schon so lange gemeinsam hier im Schloss gelebt und gearbeitet, dass sie den anderen schon fast besser kannten wie sich selbst. Nicht, das sie das jemals offen zugeben würden, um Himmels willen! Und dennoch… Von Unruh hatte nur wenig Lust dazu seinem Freund zu erzählen was ihn so bedrückte, vor allem weil… Es war wohl wieder eine seiner Phasen, eine Laune, die ihn hin und wieder erfasste. Er musste niemanden damit belasten, schon gar nicht Lumiere! Der Franzose würde sich nicht nur sofort Sorgen machen, er würde auch wieder völlig übertrieben reagieren.
„Oder dich schlicht und ergreifend auslachen…“
Er seufzte traurig und löste damit genau das aus, was er eigentlich vermeiden wollte.
„Mon ami! Was ist los? Komm schon, sag was dich bedrückt! Du weißt, du kannst über alles mit mir reden! Dazu sind doch Freunde da, no?“
Während seines Redeschwalls hatte Lumiere den kleineren Mann an sich gezogen und hielt ihn fest an sich gedrückt, was von Unruh, gelinde gesagt, überhaupt nicht behagte.
Er mochte weder überschwängliche Gefühlsausbrüche, noch große körperliche Nähe und wenn Lumiere in diesen Punkten involviert war, mochte er das vorherige noch weniger. „Lumiere, zum Kuckuck… Lass mich los!“
Er machte sich energisch von Lumiere los und fuhr ihn ziemlich aufgebracht an.
„Was soll dieses übertriebene Getue! Ich habe nichts, mich bedrückt nichts und überhaupt!
Also lass mich in Ruhe!“
Erschrocken trat Lumiere ein paar Schritte zurück und sah seinen Freund völlig entgeistert an.
„Von Unruh, ich… Verzeih mir, ich… Du sahst so betrübt aus, da dachte ich…“
„Betrübt? Ich? Nein Lumiere, mir geht es gut! Bestens! Ich weiß zwar vor lauter Stress nicht mehr aus noch ein, vor allem da gut die Hälfte der Bediensteten in wenigen Tagen in den Urlaub verschwindet. Aber mir geht es Bestens, danke der Nachfrage!“
Ohne es zu wollen, war der Haushofmeister immer lauter geworden und das hatte wiederum einige Schaulustige angezogen. Diese standen nun an den Eingängen des Flures und tuschelten aufgeregt, emsig diskutierend, was wohl passiert war. Von Unruh sah genervt von einem zum anderen, dann zu Lumiere, mit einem Gesichtsausdruck…
Lumiere konnte ihn nicht deuten.
Wütend? Enttäuscht? Genervt? Es war wohl alles davon und doch… Irgendwie schien noch mehr dahinter zu stecken und das schien sich zu bestätigen als von Unruh nun für einen Moment die Augen schloss und tief ein und ausatmete. Der Haushofmeister erschien Lumiere auf einmal viel älter als er eigentlich war, er sah müde und abgekämpft aus und irgendwie tat er dem Jüngeren leid. Lumiere wusste ganz genau welche Verantwortung auf den Schultern Haushofmeisters lag und das dieser immer darauf bedacht war seine Arbeit in absoluter Perfektion auszuführen. Selbst wenn er damit seine Umgebung mitunter zur Weißglut und sich selbst an den Rand der totalen Erschöpfung trieb.
Jetzt aber raffte er sich auf und fuhr, immer noch genervt aber deutlich gefasster, die immer noch lauschende und gaffende Dienerschaft an: „Haben sie nichts zu tun? Los, los zurück an die Arbeit! Die macht sich nämlich nicht von allein!“
Die Menge verstreute sich rasch, aufgeregt tuscheln und von Unruh seufzte resigniert, ehe er sich an Lumiere wandte.
„Lumiere, ich… Ich wollte dich nicht… Ich bin nur… Es…“
Lumiere lächelte. Er kannte seinen Freund gut genug um zu wissen, dass es ihm äußerst schwer viel einen Fehler einzugestehen, geschweige denn sich zu entschuldigen. Was die beiden allerdings durchaus gemeinsam hatten. Aber Lumiere wollte den Freund, der da so verloren und mit hängenden Kopf und Schultern vor ihm stand auch nicht weiter quälen und so legte er ihm nur freundschaftlich eine Hand auf die Schulter und sagte beschwichtigend: „Ist schon gut, mon ami. Entschuldigung angenommen.“
Er lächelte den Älteren an, was dieser erwiderte. Doch das Gefühl das etwas nicht stimmte wollte Lumiere einfach nicht verlassen. Irgendwie musste er herausfinden was los war, aber vor allem musste er den Freund irgendwie wieder aufmuntern.
„Von Unruh, du schaust aus wie sieben Tage Regenwetter! Ich glaube du brauchst dringend eine Pause.“
„Wie? Oh nein, neinneinneinneinnein, es gibt noch so viel zu tun und ich…“
„Und du machst jetzt eine Pause! Komm mit in die Küche, Madame Pottine kocht dir deinen Lieblingstee und du ruhst dich für ein paar Minuten aus! „
Mit diesen Worten hatte Lumiere den anderen an den Schultern gepackt und buxierte ihn in Richtung Küche, auch wenn von Unruh sich mit aller Macht dagegen streubte. Doch Lumiere hatte noch ein Ass im Ärmel.
„Ich könnte mich irren, aber ich meine, es wäre auch noch etwas Schokopudding vom Mittagessen übrig…“
Das wirkte. Jeder im Schloss wusste das der Haushofmeister ein gutes Essen nicht verschmähte, aber wenn Essen seine Leidenschaft war, dann war Schokopudding seine große Liebe. Eine Liebe der er einfach nicht wiederstehen konnte. Der dickliche Mann leckte sich schon die Lippen und als er Lumiere nun ansah, sah diese mit Freuden das strahlen in den dunkelbraunen Augen.
„Schokopudding… Ist auch noch Vanillesauce da?“
Lumiere lachte auf.
„Ich denke schon. Aber wir sollten uns beeilen. Nicht das dir noch jemand zuvor kommt.“
Von Unruh nickte und so machten sich die beiden eiligen Schrittes auf den Weg, wobei Lumiere das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekam. Er freute sich wenn alles so war wie es sein sollte. Selbst wenn es nur für einen Moment war.
 
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