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a drop of blood

Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteHorror, Sci-Fi / P18 / Gen
OC (Own Character)
20.01.2023
31.01.2023
3
12.673
12
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
24.01.2023 2.266
 

[Achtung Leute: In diesem Kapitel geht es um Mord und ihr werdet auf graphische Darstellungen von Gewalt gewürzt mit einer Prise vagem mental abuse stoßen. Just saying.]







teaser eins
stoff, so rot wie blut


<< Und dieses Funkeln deiner Augen, will die Seele aus mir saugen
Du bist schön wie ein Diamant, schön anzusehen
wie ein Diamant,
doch bitte lass mich gehen. >>


Rammstein, Diamant


□■□




Distrikt 9, 07:53, 141 Tage bis zur Ernte der 98. Hungerspiele



Die schneeweißen Uniformen waren zerfetzt und blutrot, die Männer, denen sie gehört hatten, nackt und bleich. „Zwölf Stiche in Brust und Bauch, punktieren lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge und Leber. Der Tod tritt innerhalb weniger Minuten ein und ist entsprechend qualvoll, die genaue Todesursache ist angesichts der Schwere der Verletzungen nur unzureichend auszumachen; der Bericht gibt massiven Blutverlust an. Die Kleidung wird entfernt, zum Teil bereits post mortem, anschließend werden die Körper mit einem identischen Zeichen versehen.“ Selbige Schnitte waren hingebungsvoll auf der kalten Haut erblüht, fein wie Garn und im Gegensatz zu den anderen Wunden nahezu zärtlich anmutend. Ein skizzierter Stern mit zahlreichen Zacken und einem langen, dünnen Stiel, der ihn zu einer Blume werden ließ. „Der Täter, vermutlich männlich, hinterlässt nur wenige verwertbare Spuren. Natürlich wird das Gebiet noch immer weiträumig untersucht-“

Karmesin Snow hob die Hand und der Mann verstummte. Sie legte das Foto, das sie begutachtet hatte, zurück zu den übrigen, die den Tatort aus allen Winkeln dokumentierten.

Dieses Mal war eine Patrouille ermordet worden, demnach hatte der Täter es zumindest nicht gewagt oder aber es war ihm nicht gelungen, auf das überwachte Gelände der Kaserne zu gelangen, wie es in Zwölf der Fall gewesen war. Nicht dass die Baracken der Friedenswächter in Zwölf großartig überwacht wurden. Von den dort platzierten Kameras war über die Hälfte gar nicht eingeschaltet und wenn der Strom ausfiel, was vorkam, funktionierten auch die übrigen nicht. In der Regel genügte das zur Abschreckung. Aber der Täter musste entweder gewusst haben, welche Kameras nur als Attrappen fungierten oder es war ihm gleichgültig gewesen; letzterem widersprach jedoch seine Vorgehensweise bei diesem Mord. Bisher war man – sie eingeschlossen – von einer Einzelperson ausgegangen. Einem Distriktler, dem die Sicherungen durchgebrannt waren. Lästig, aber händelbar.

Doch die jüngsten Ereignisse deuteten auf anderes hin. Sie verhießen Ärger, und das war etwas, das Karmesin ganz und gar nicht gebrauchen konnte. In der Nacht war Tauwetter eingetreten, weswegen sie selbst in dem hellen Pelzensemble nicht nur den Temperaturen völlig widersprechend gekleidet war, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, einen nutzbringenden Hinweis auf den Täter zu finden, erneut mehr als gegen Null tendierte.

„Einen Kaffee. Aber aus dem Hovercraft“, sagte sie.

Ihr Assistent Nikos verließ das Büro des Obersten Friedenswächters augenblicklich, als habe er nur auf dieses Stichwort gewartet. Oft begriff er ihre Bedürfnisse, noch ehe sie sich ihrer selbst ganz sicher war. Er war verlässlich. Er war gründlich. Und vor allem – beinahe hätte sie gelächelt – redete er nicht viel. Karmesin konnte es nicht leiden, wenn jemand nicht wusste, wann er den Mund zu halten hatte. Sie lächelte trotzdem nicht. Sie war schlechter Laune.

Natürlich hatte sie selbst die Anweisung gegeben, über jede weitere Entwicklung sofort informiert zu werden. Natürlich war es ihre eigene Entscheidung gewesen, der gegen zwei Uhr eingegangenen Nachricht sofort Folge zu leisten und noch im Morgenmantel in das bereitstehende Hovercraft zu hasten, um im Stockdunklen in einen Außendistrikt aufzubrechen. Umgezogen hatte sie sich dann während des Flugs, da Nikos glücklicherweise an ihre Reisegarderobe gedacht hatte, auch wenn er ganz offensichtlich nicht daran gedacht hatte, zuvor den Wetterbericht zu prüfen. Genaugenommen hatte sie es also selbst zu verantworten, dass sie in diesem Augenblick mit drei schlecht rasierten und offenbar ungewaschenen Männern in einer unzureichend beleuchteten Besenkammer stand und Bilder betrachten musste, die auch aus einem amateurhaften Snuff-Video hätten stammen können, während besagte Männer sie dümmlich anstierten.

„Und was bedeutet das?“, fragte sie sanft in die Runde, denn es sollte ja niemand den Eindruck gewinnen, dass sie die Meinung Untergebener nicht schätzen würde. Die Friedenswächter, der Oberste und die beiden anderen, die ebenfalls eine leitende Position innehaben mussten, weil sie andernfalls kaum anwesend wären, tauschten Blicke, die Karmesin schon mehr als deutlich sagten, dass von keinem hier eine gehaltvolle Information zu erwarten war.

„Nun“, versuchte sich der Oberste Friedenswächter, Plinius oder so ähnlich, dennoch, „der Mann ist zweifellos mit unsagbarer Brutalität vorgegangen. Es ist außerdem anzunehmen, dass Komplizen beteiligt waren…ja…“

„Wenn ich mich recht besinne“, sagte Karmesin kühl, als die Worte ihres Gegenübers sich im Nichts verloren „ist das Geschlecht des Täters noch nicht bekannt.“

„Natürlich nicht, Ma’m“, korrigierte Plinius sich rasch, sofort einen schmierigen Ton anschlagend. „Wir gehen lediglich davon aus, dass… bei der Anzahl der Opfer… nun… eine Frau vermutlich rein körperlich nicht in der Lage gewesen wäre…“

„Und ich gehe davon aus, dass ich Sie alle töten könnte, ehe einer von Ihnen einen Fuß aus diesem sogenannten Büro setzt“, flötete Karmesin glockenhell, nun doch ein Lächeln auf ihre Züge zaubernd. „Nur ein Scherz, meine Herren, ein wenig Plaisir am frühen Morgen…“, fügte sie wenige Sekunden später hinzu, auch wenn es sie kurzzeitig in den Fingern gejuckt hatte.

Aber sie hatte ja eine gute Kinderstube genossen. Die lebhafte Fantasie, wie Plinius das Blut aus der aufgeschlitzten Kehle spritzte, und ihren Pelzmantel in kleidsames Rot tauchte, während sie den zwei anderen nutzlosen Gestalten die stumpfen Bleistifte aus dem sich auf dem Schreibtisch befindenden Behältnis in die Augäpfel hineintrieb, musste genügen. Das wie abgespulte Gelächter, das ihrer Aussage folgte, schnitt ihr scharf ins Trommelfell und plötzlich sehnte sie sich einfach nur danach, wieder im Hovercraft zu sitzen und dem leisen Summen der Triebwerke zu lauschen, während Nikos ihr die Schultern massierte. Ein kaum hörbaren Seufzen stahl sich über ihre Lippen. Ihren verdutzten Gesichtern nach zu urteilen, war der Laut ihren Gesprächspartnern – was für ein Euphemismus – nicht entgangen.

Karmesin atmete aus und beantwortete ihre eingangs gestellte Frage selbst: „Es bedeutet beispielsweise, dass es dem Täter allem Anschein nach gelungen ist, den Distrikt zu wechseln.“ Was sie zugegebenermaßen für unmöglich gehalten hatte.

Nach dem Mord waren die Sicherheitsvorkehrungen in Zwölf massiv verschärft worden. Für am ehesten wahrscheinlich hätte man deswegen einen Nachahmungstäter halten können. Doch über die Details der Tat – die Anzahl der Stiche, die Kennzeichnung der Toten – war Stillschweigen bewahrt worden; sie unterlagen der absoluten Geheimhaltungsstufe. „Darüber hinaus geht man auch dieses Mal mit chirurgischer Präzision vor. Die Stiche sind nicht willkürlich ausgeführt.“

Tatsächlich hatte sie sogar den Eindruck, dass sie sich zumindest mehr oder weniger an exakt denselben Stellen befanden wie bei den ersten Leichen. Vier Stiche in die Lungenflügel, jeweils zwei in Magen und Leber, zwei ins Herz, zwei in die untere Bauchgegend, Darm und Nieren verletzend. „Das lässt darauf schließen, dass der Täter über eine medizinische Ausbildung oder zumindest über ausgeprägte medizinische Kenntnisse verfügt. Was nun nicht unbedingt zu Zwölf passt.“ Längst sprach Karmesin hauptsächlich zu sich selbst. Sie spürte, dass eine der Nadeln, die ihr langes Haar zu der betont schlichten Frisur formten, verrutscht war. Die Strähne, die im Begriff war, sich zu lösen, kitzelte seicht ihren Nacken.

„War die Blume denn auch auf den Leichen in Zwölf?“

Karmesin hob den Kopf. Einer der beiden anderen Friedenswächter hatte gesprochen und sie schenkte ihm einen nachdenklichen Blick. Nun, da sie ihn erstmals genauer betrachtete, fiel ihr auf, dass er um einiges jünger war als seine Kollegen, vielleicht Ende Zwanzig. Wenn er dennoch bereits jetzt zum engeren Kreis des Obersten Friedenswächters gehörte, musste er etwas Anständiges geleistet haben. Sein Gesicht mochte etwas langweilig sein, war jedoch keinesfalls hässlich, und er hatte schöne Augen, grün wie die einer Katze. So eine Verschwendung. „Die Blume? Allerdings war sie das“, erwiderte Karmesin. „Und es ist nicht irgendeine Blume, sondern eine Aster.“

Dass niemand eine Reaktion zeigte, überraschte sie nicht. Erneut wandte sie sich Plinius zu. „Also hoffe ich, dass wenigstens einer Ihrer Wachtposten mit etwas nützlicheren Informationen aufwarten kann, Plinius. Denn mein Bruder und ich nehmen das Ganze hier recht persönlich.“

Eine kurze Stille trat ein. „Mein… mein Name ist Vergil, Ma’m“, ließ Plinius sich schließlich vernehmen, der nun doch etwas verunsichert wirkte.

„Natürlich.“ Karmesin nickte gemessen. „Wissen Sie… Plinius… das interessiert mich nicht im Geringsten. Dennoch danke ich Ihnen allen für Ihre Zeit. Ich finde allein hinaus.“ Noch im letzten Wort drehte sie sich um, öffnete die Bürotür und trat auf den schmalen Flur hinaus, der ebenso düster war wie der Raum, den sie soeben verlassen hatte.

„Keine Spielchen“, wies sie die beiden sie dort erwartenden Männer an, unter deren Jacketts sich schallgedämpfte Waffen verbargen. „Die Akten vernichten Sie. Ein Hovercraft steht im Anschluss bereit.“ Karmesin wartete nicht auf die Ausführung des Befehls. Wie auf Nikos, so war auch auf ihre Männer fürs Grobe Verlass.

Ihr Assistent kam ihr bereits entgegen und überreichte ihr einen großen Thermobecher, aus dem es verheißungsvoll duftete. Karmesin nahm einen Schluck, ehe sie den Rückweg gemeinsam fortsetzten. Sie ließ das Gespräch Revue passieren und rief sich die etwas länger zurückliegenden in Erinnerung, die sie in Distrikt Zwölf geführt hatte. Nikos, der ihr unerwartet die Hand auf die Schulter legte, ließ sie ihren Gedankengang jedoch unterbrechen. Sein Blick war auf ihre Frisur gerichtet. Mit einer sachten Berührung drehte er ihren Kopf ein wenig zur Seite und sie spürte, wie er die verrutschte Nadel zurück an Ort und Stelle schob. Karmesin nahm einen weiteren Schluck Kaffee. „Lass uns nach Hause fahren“, sagte sie.

Endlich zurück im Hovercraft, das zwar nicht allzu groß, aber wenigstens basal luxuriös ausgestattet war und angemessen roch, entledigte Karmesin sich als allererstes ihres Pelzmantels, der achtlos auf dem Boden landete. Nikos, nahm sie wahr, hob ihn sofort auf, faltete ihn zusammen und verstaute ihn sachgemäß. „Mir scheint, deine Brüder sind ein wenig umtriebiger geworden“, sagte Karmesin zu der jungen Frau, die an dem ellipsenförmigen Tisch saß, nach wie vor völlig geduldig an einem Puzzle arbeitete, das laut Packung aus achttausendfünfhundert Teilen bestand – so absurd Karmesin diese Vorliebe auch fand, wenigstens war sie geräuschlos – und dabei genauso müde aussah, wie sie selbst sich fühlte. Dabei hatte Aster, im Gegensatz zu ihr, einen Großteil des Flugs verschlafen. Jetzt blickte sie auf.

Nichts erinnerte mehr an das spindeldürre Kind, das ihr Bruder seinerzeit davor bewahrt hatte, vermutlich noch am Füllhorn abgestochen zu werden.

Das inzwischen makellose, rosige Gesicht, im Moment höchstens durch leichte Augenringe verunstaltet, wurde nicht länger von schmutzigen Strähnen, sondern von vollen, honigblonden Wellen umrahmt. Aster war noch immer sehr schlank und kleiner als der Durchschnitt, wies jedoch nach sechs Jahren anständiger Ernährung gesunde, minimale Rundungen auf. In den hellblauen Augen, denen in einer aufwendigen Operation sämtliches Melanin entzogen worden war, zeichnete sich vages Erstaunen ab. „Du hast gesagt, es ist unwahrscheinlich, dass sie es sind.“

„Das ist es auch“, bestätigte Karmesin. Es war sogar unmöglich. Denn Asters Brüder lebten nicht mehr. Aber das wusste diese natürlich nicht.

Karmesin ging selten Risiken ein. Und dennoch hatte irgendjemand offenbar genug herausgefunden, um toten Friedenswächtern Astern in die Haut zu schneiden. Natürlich war es möglich, dass das Symbol nur als Aufhänger benutzt wurde. Karmesin ging davon aus, dass diejenigen, die es interessierte, entweder davon ausgingen, dass es Aster Philipps gelungen war, unmittelbar vor den Spielen Selbstmord zu begehen, oder aber annahmen, dass sie Zeuge von etwas geworden sei, dass sie nicht hätte sehen dürfen und deswegen noch im Kapitol auf elegante Weise erledigt worden war. Wenn es dem Täter darum ging, die Menschen rebellisch zu stimmen, wäre ein Hintergrund dieser Art sogar wesentlich zielführender. Symbolfiguren waren tot schließlich immer am hilfreichsten, weil erst dann unkompliziert. Doch warum hielt er oder sie sich dann so bedeckt? Mehr als vage Gerüchte hatten sich in Zwölf bisher nicht ausgebreitet, in den anderen Distrikten ahnte noch niemand etwas und von dem pikanten Detail mit den Astern wussten nur eine Handvoll Personen, die entweder nicht das Interesse oder aber nicht die Möglichkeit hatten, diese Information zu verbreiten.

Tatsächlich hatte es den Anschein, als ginge es dem Täter gar nicht darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, sondern stattdessen nur einer einzigen Person eine ziemlich eindringliche Nachricht zu übermitteln, und zwar ihr selbst.

Karmesin schnalzte mit der Zunge, ging zu Aster hinüber und stützte beide Hände auf Tisch und Puzzle ab. „Du weißt, dass ich dich gut leiden kann“, begann sie gelassen. „Ich mag die Wahl meines Bruders nicht von Anfang an gutgeheißen haben, doch das hat sich inzwischen geändert. Ich freue mich, dich bald ganz offiziell in unserer Familie begrüßen zu dürfen.“ Bei Erwähnung der Hochzeit flog ein winziger Schatten über Asters puppenhaft hübsches Gesicht, nur eine Sekunde lang. Jaja, das Leben war kein Ponyhof. „Aber wenn ich herausfinde, dass du mit dieser ganzen Scheiße hier auch nur das Geringste zu tun hast, Kleines“, fuhr Karmesin nach einer kurzen Pause fort, „dann steht dir eine überaus unschöne Zeit bevor. Hast du das verstanden?“

Aster schwieg, die blassen Pupillen nun wieder beinahe ausdruckslos. „Ja, Karmesin“, erwiderte sie schließlich.




□■□  



A/N: Tadaaaaa! Ähhh... sorry für den krassen Plottwist? Ich habe echt das Gefühl, dass damit wirklich niemand gerechnet hat. (Oder ihr habt eure Theorien für euch behalten). Ich bin eigentlich kein Fan von Nachworten, denke allerdings, dass hier eins - wenn auch ein recht kurzes - vonnöten ist. Also: Aster ist nicht sexuell missbraucht worden. Aber eine lustige Zeit hatte sie im Kapitol trotzdem nicht. In diesem Kapitel lernt ihr außerdem die wunderbare Karmesin und ihren Sidekick Nikos kennen. Sie ist gar nicht so fies, wie es hier den Anschein hat, i swear. Oh und nicht zu vergessen: Jetzt wisst ihr auch ein bisschen mehr über unseren Serienmörder. Ich hoffe, ihr seid jetzt vom Plotverlauf nicht so enttäuscht, dass ihr reihenweise eure Anmeldungen zurückzieht ':D
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