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Whatever the hell we want & More

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Het
Bellamy "Bell" Blake Clarke Griffin John Murphy Lexa OC (Own Character)
19.01.2023
05.02.2023
9
21.332
 
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25.01.2023 3.272
 
Ich saß gerade in der Kantine, in der Hoffnung, einfach nur meine Ruhe zu haben. Denn es war ein elendig langer Tag gewesen und sogar eine noch viel längere Nacht. Nachdem ich mit Bellamy gesprochen hatte, hatte er mich zu einer kleinen Kabine geführt, die er „mein Zimmer“ genannt hatte. Tatsächlich hatte ich nicht vor so lange dort zu bleiben, dass dieses Zimmer wirklich „mein“ Zimmer wurde, aber ich hatte es stillschweigend hingenommen, die Tür in der Nacht mit einer kleinen Kommode verbarrikadiert und jetzt aß ich. Es war irgendeine Pampe, die nur den Ark-Leuten einfallen konnte, die auch ihr Essen rationierten und ihre Kinder floateten – aber es war etwas zu Essen, also nahm ich es dankbar an. Essen war nicht immer garantiert, wenn man draußen in der Wildnis lebte und sich sein Essen selbst fing. Vor allem dann, wenn John doch so schlecht mit dem Messer war. Ich schmunzelte und wurde sofort von Traurigkeit und Angst überrollt. Aber ich schob den Gedanken schnell von mir weg, damit ich essen konnte und mich schließlich an Bellamy oder Jaha wandte, damit wir das weitere Vorgehen besprechen konnten. Vielleicht konnte ich über Clarke Kontakt zu dieser Lexa aufnehmen und vielleicht wusste sie ja etwas über Murphy und, wo er sich befand. Ich kaute nachdenklich auf meiner Gabel herum, als mir jemand die Hand auf die Schulter legte. Sofort fuhr ich erschrocken herum, beruhigte mich aber gleich wieder. Ich sah in das neugierige Gesicht von Raven Reyes. Innerlich stöhnte ich genervt, aber ich lächelte sie freundlich an, als sie mich ungläubig angrinste.
„Mein Gott, Oula, hätte nicht gedacht, dass ich dich nochmal sehe.“
Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass wir beide irgendwie besonders gute Freundinnen gewesen wären. Tatsächlich war meine letzte Erinnerung an sie, wie sie den 100 die Ohren vollschwärmte, von ihrem Heldenhaften Sturzflug von der Ark auf die Erde. Mit diesem Gespräch verband ich nur negative Gefühle, denn durch sie hatte ich herausgefunden, warum Bellamy das Funkgerät gestohlen hatte. Dass er den Ratsvorsitzenden angeschossen und mir nicht genug vertraut hatte, um mir die Wahrheit darüber zu sagen. Ich meine…Ich hätte ihn doch verstanden.
„Hey, Raven. Schön, dich zu sehen“, sagte ich nur und wandte mich wieder meiner Gabel zu, als ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie sich die zierliche Gestalt mir gegenüber an dem Tisch niederließ. Ich blickte von meinem Teller auf und sah in ihr fragendes Gesicht.
„Murphy ist verschwunden?“, fragte sie schließlich mit echter Neugier. Ich legte meine Gabel auf den Teller und schob den Teller von mir weg. Während ich sprach, sah ich sie nicht an.
„Schlechte Neuigkeiten machen wohl schnell die Runde hier.“
„Du ahnst ja nicht wie schnell“, sagte sie und lehnte sich zurück. Dann legte sie ihr hübsches Lächeln wieder auf und spielte mit ihrem Becher herum. „Erzähl mal, wie ist es euch so ergangen? Hast du eine Idee, wo er sein könnte?“
„Um ehrlich zu sein…“
Ich wollte ihr sagen, dass ich mich bestimmt nicht an sie und die Ark gewandt hätte, wenn ich auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, aber als sie mich mit ihren strahlenden, wunderschönen Augen ansah, verpuffte all der Sarkasmus in mir. Sie konnte ja nichts dafür. Ich seufzte und wandte wieder den Blick ab.
„Ich weiß es nicht. Er ist einfach nicht mehr aufgetaucht. Ich habe drei Tage abgewartet, weil ich dachte, er sei vielleicht in einen Sturm geraten oder so. Aber als er nach drei Tagen immer noch nicht da war…Ich habe keine Ahnung“, gestand ich ihr und versteckte mein Gesicht in den Handflächen.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.
„Und bei euch? Was gibt es Neues, außer, dass die Ark jetzt wieder hier unten ist? Wo ist Finn?“
Ich brauchte einen Moment, damit ich ihren Blick nicht als wütend, sondern als schmerzerfüllt deuten konnte. Plötzlich überkam mich ein ungutes Gefühl…Clarke. Sie war doch mit Finn zusammen gewesen. Und jetzt war sie weg, mit Lexa durchgebrannt. Und Raven war hier. Aber wo war Finn?
Ich kniff die Augenbrauen zusammen.
„Raven?“, sagte ich, als sie ins Nichts starrte.
„Nicht, er ist…Er hat es nicht geschafft.“
Mehr sagte sie nicht. Stattdessen wandte sie den Blick ab, jetzt viel weniger enthusiastisch und einfach nur nachdenklich. Ich lehnte mich zurück und versuchte den Gedanken zu verarbeiten.
„Es tut mir leid, Raven“, sagte ich schließlich leise. Und das meinte ich ganz ehrlich. Raven konnte mit ihrer Übereifrigkeit und ihrer tollen Laune vielleicht nerven, aber sie verdiente es trotzdem glücklich zu werden. Und ich war irgendwie automatisch davon ausgegangen, sie würde dieses Glück mit Finn finden.
„Hat Bellamy dir von Octavia erzählt?“, fragte sie plötzlich und riss mich damit zurück in die Realität. Ich schloss die Augen. Ja, das hatte er. Auch Octavia hatte die Skypeople verlassen und war mit Lincoln durchgebrannt. Irgendwie liefen den Arkadians die ganzen Leute weg, weil sie zu den Groundern übergingen. Ein seltsamer Gedanke, wenn ich mich daran erinnerte, dass wir zu Beginn unserer Reise hier auf der Erde noch gegen die Grounder gekämpft hatten.
Schließlich nickte ich und beobachtete, wie Raven dann auch abwesend nickte und sich schon verabschieden wollte. Ich hielt sie auf, indem ich ihren Arm berührte und ihr hinterherlief, als sie überstürzt verschwinden wollte.
„Kannst du mir das Gelände zeigen?“, fragte ich sie rasch. Vielleicht konnte sie eine Freundin gebrauchen. Und ich brauchte ganz sicher jemanden, an den ich mich dranhängen konnte, für den Fall, dass ich Kane oder sonst jemandem begegnete. Ich hatte die ständigen Rechtfertigungen satt. Abby hatte mir am Morgen gesagt, ich solle nicht versuchen, mich vom Gelände zu entfernen, weil Kane dann Maßnahmen einleiten würde. Ich hatte keine Ahnung, was das heißen sollte, aber es hatte mich achtsam und vorsichtig gestimmt.
Raven sah mich überrascht an, dann wurden ihre Augen wieder warm und freundlich. Als sie nickte und mich anlächelte, lächelte ich sofort zurück. Es tat gut, mal von jemandem freundlich behandelt zu werden. Jedenfalls hier, wo das rar zu sein schien. Hier stolperten alle übereinander und wandten sich dann genervt voneinander ab, wie es mir schien.
Nach ein paar Minuten waren wir draußen an der frischen Luft. Ich warf einen Blick in Richtung Himmel und sog die Luft nur so ein. Das Leben auf der Ark hatte ich überhaupt nicht vermisst, jedenfalls was das Licht und die Luft anging.
Raven zeigte mir ein paar Ecken und stellte mir Leute vor, unter anderem ihren Mentor Sinclair, bevor wir an dem riesigen Zaun angelangten. Er war mit Wachen bestückt, die alle den ganzen Tag nur in den Wald starrten und ihre Waffen bereit hielten. Ich ließ meinen Blick über die Weiten des Waldes wandern, als ich eine vertraute Stimme hinter mir vernahm.
„Schwelgen wir in Erinnerungen?“, fragte Bellamy, der plötzlich neben mir auftauchte und Raven zunickte. Sie nickte zurück, lächelte mich noch einmal an und verschwand dann. Ich fuhr mir mit der Hand durch das Haar und ließ meinen Blick dann zu Bellamy gleiten. Er sah ein wenig ausgeruhter aus als noch am Tag zuvor, aber er sah noch immer so aus, als ob er Nacht für Nacht nur wenige Stunden Schlaf bekam. Ich zwang mich den Blick von ihm zu nehmen und sah wieder zum Zaun heraus.
„Könnt ihr mir helfen, Bellamy? Denn wenn nicht, dann müsst ihr mich gehen lassen. Jede Minute zählt.“
Meine Stimme war leise, aber laut genug, damit er mich hörte. Es war mir zwar noch immer nicht egal, aber ich hatte mich jetzt an den Gedanken gewöhnt, mit Bellamy über John zu sprechen. Er war schließlich einer der 100 – und wenn es Abby und den anderen so wichtig war, mich gefunden zu haben, dann lag ihnen doch bestimmt auch etwas daran, John zu finden. Vor allem, da es so aussah, als seien Octavia und Clarke für immer in den Weiten des Waldes verschwunden.
„Kane trommelt ein paar Leute zusammen. Wir ziehen heute los.“
„Perfekt. Ich hole meine Sachen.“
Bevor ich loslaufen konnte, legte er seine schwere Hand auf meiner Schulter ab und hielt mich zurück. Sofort ließ ich meinen Blick fassungslos in seine Richtung wandern und riss mich los.
„Nein, Oula, das geht nicht.“
„Du willst mich doch auf den Arm nehmen“, sagte ich mäßig gefasst und funkelte ihn böse an. „Du denkst doch nicht ehrlich, ich werde hier rumsitzen und warten, dass ihr ihn irgendwo zufällig aufsammelt, weil er sich im Wald verlaufen hat. Er kennt den Wald! Und ich kenne die Orte, an denen es vielleicht wahrscheinlicher ist, ihn zu finden. Ich werde mitkommen.“
Er musterte mich streng durch einen Schleier von Gedanken, als er seine Hand zurückzog und mit den Achseln zuckte.
„Kane hat das Kommando.“
„Kane kann mich mal“, gab ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „Er wüsste gar nicht, dass John vermisst wird, wenn du es ihm nicht gesagt hättest. Mir wollte er ja nicht zuhören. Er wollte mich nur wie eine Straftäterin verhören.“
Ich wandte wütend den Blick ab und versuchte meine Atmung zu normalisieren, damit ich mit Bellamy keinen Streit anfing. Irgendwie fühlte ich mich so, als stünde es mir nicht mehr zu mich mit Bellamy zu streiten. So als hätte ich dieses Privileg verloren, als ich ihn verlassen hatte. Ich kniff die Augen zusammen.
Dabei spürte ich wie er sich neben mich stellte, seinen Blick über den Zaun wandern ließ und mit seinem Kopf so nah kam, dass nur ich ihn hören konnte, wenn er sprach.
„Für die sind wir nichts weiter als Straftäter“, sagte er leise und wollte sich zum Gehen wenden. Ich fuhr abrupt herum.
„Und was sind wir?“
Überrascht blieb er stehen und sah mir ins Gesicht. Ich sah wahrscheinlich erschöpft aus, weil ich in den letzten zehn Tagen zusammengenommen vielleicht zwanzig Stunden geschlafen hatte, aber ich sah ihn trotzdem so eindringlich an, wie ich nur konnte.
„Ich bin nur interessiert daran, Murphy zu finden“, sagte er ebenso leise wie zuvor, aber ein kleines, seltsames Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Wieso?“, fragte ich tonlos.
Er sah mich ein paar Sekunden zu lange an, dann wandte er wieder den Blick ab.
„Weil du ihn finden willst.“
Schließlich wandte er sich zum Gehen und ich ließ ihn. Die Begegnung mit ihm brannte mir immer noch auf der Haut. Er hatte sich ganz offensichtlich weiterentwickelt. Er war viel weniger impulsiv, aber das durfte er in dieser starren, gruseligen Umgebung offenbar auch nicht sein. Außerdem standen ihm seine Verluste ins Gesicht geschrieben. Octavia, Clarke und das Mädchen, das er einst geliebt hatte…
Plötzlich spürte ich wie eine Welle der Schuld mich überrollte. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, die Ark in all das mit reinzuziehen. Immerhin konnte mir keiner garantieren, dass wir John eher fanden, nur, weil wir mehr Leute waren. Aber ich hatte irgendetwas ins Rollen gebracht, das nach Verderben roch. Ich schluckte und riss meinen Blick von den Weiten des Waldes los.
Vielleicht hatte Bellamy recht. Vielleicht waren wir nichts weiter als Straftäter.
Allesamt.
Ich streifte noch ein paar Minuten kopflos über den Platz, als ich mit Abby zusammenstieß.
„Oh, Oula, gut, dass ich dich treffe. Marcus will dich sehen.“
„Großartig“, entgegnete ich, ein wenig schroffer als ich es wollte. Aber bei dem Gedanken an Kane wurde mir irgendwie schlagartig schlecht.
„Wo ist er?“
„Ich bringe dich hin“, sagte sie so freundlich wie sonst auch immer. Nachdem wir ein paar Schritte gelaufen waren, umfasste ich ihr Handgelenk, woraufhin sie mich überrascht ansah.
„Clarke und ich haben uns gestritten“, sagte ich wie beiläufig. Sie nickte und hielt weiter Schritt.
„Ja, ich weiß. Sie hat es mir erzählt.“
Ich überlegte kurz, dann beschloss ich, dass ich einfach sagen würde, was ich dachte. Das Leben war zu kurz, um sich in einem Konstrukt aus Lügen und Höflichkeiten zu verstricken.
„Hat sie mich gehasst?“, fragte ich schließlich.
Daraufhin blieb Abby abrupt stehen und sah mich an, als habe man sie geohrfeigt. Kurz nach ihr blieb ich auch stehen und sah ihr ins Gesicht, wobei mir wahrscheinlich irgendetwas ins Gesicht geschrieben stand – Traurigkeit, Schuld, vor allem aber Reue. Denn wenn ich etwas bereute, dann war es Clarke.
„Sie hat dich geliebt, Oula. Du warst für sie immer wie eine Schwester. Wieso denkst du das?“
„Naja, wir haben uns auseinandergelebt. Ich weiß nicht, ob du mitbekommen hast, was mit Murphy war. Wir haben irgendwie…“
„Clarke hat mir alles erzählt. Und glaub mir, ihr hat es leid getan und sie hat sich gewünscht, dass du einfach zurückkommst. Ich glaube, du warst sogar ein entscheidender Faktor dafür, dass sie…Dass sie gegangen ist. Ich glaube, es hat ihr nicht gereicht, dass ich hier war. Sie hätte noch jemanden gebraucht. Finn, der…“
„Ja, ich weiß“, sagte ich leise. „Raven hat es mir gesagt.“
Sie trat näher an mich heran und legte ihre Hand an meine Wange, wie sie es schon gestern getan hatte. Dann lächelte sie so süß und aufrichtig, dass mein Herz sich vor Schmerz zusammenzog.
„Ich hab sie auch geliebt“, sagte ich und musste mich plötzlich extrem bemühen, damit ich meine Tränen zurückhielt. Das schien sie zu merken.
„Ich weiß, Oula. Und Clarke weiß es auch.“
Nach ein paar Minuten erreichten wir einen kleinen Raum mit einem großen Monitor, vielen Dokumenten und einigen Karten. Vor ihnen hatten sich Kane und Bellamy aufgebaut. Als wir den Raum betraten, nickte Kane Abby freundlich zu und beachtete mich gar nicht weiter. Bellamy hatte ein Gewehr in der Hand und hatte bis eben noch auf die Karte gestarrt und genickt. Als wir reingekommen waren, hatte er mich einen Moment lang beäugt und den Blick schließlich wieder auf die Karte gelenkt.
„Raven kommt auch mit“, sagte Abby wie beiläufig. Kane wollte bereits etwas erwidern, als Abby die Brauen hochzog und Marcus Kane einen vielsagenden Blick zuwarf. Sofort verstummte er und wandte sich kopfschüttelnd von ihr ab. Sie drückte meine Hand und ließ mich dann mit Kane und Bellamy zurück.
„Okay. Zu erst einmal, Ouriana…“ Als er meinen Namen schon wieder auf diese seltsame Art sagte, hob sogar Bellamy den Blick und sah Kane stirnrunzelnd an. Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, okay? Wenn ich dich irgendwie grob behandelt haben sollte…“
„Können wir einfach nach Murphy suchen?“, warf ich ein, bevor das Gespräch komisch werden konnte. Dankbar nickte Kane und Bellamy sah wieder zu der Karte.
„Okay, kannst du mir sagen, wo ihr euch aufgehalten habt? Die meiste Zeit, meine ich?“
Ich schritt an die beiden heran und senkte nun den Blick auch auf die Karte hinab. Die meiste Zeit über hatten wir uns tatsächlich in der Wüste aufgehalten. Wenn man es so nennen konnte. Wir hatten in einem Zelt gelebt und uns zeitweise einer Gemeinschaft angeschlossen. Es waren freundliche, aber aufmerksame Menschen.
„Wir waren hier. Hier habe ich ihn auch zuletzt gesehen. Er wollte mit einer Gruppe von Leuten auf die Jagd gehen und zwar hier“, ich grenzte ein bewaldetes Gebiet auf der Karte ein, „Aber dann kam er zum vereinbarten Zeitpunkt nicht zurück. Ich habe drei Tage gewartet und den Wald, wo er war, abgesucht. Nichts.“
Kane kratzte sich am Kinn und nickte. „Du, Bellamy, Raven“, er rollte mit den Augen, „Miller, Sinclair. Ihr sucht das Waldgebiet ab, wo er zuletzt war. Die andere Gruppe führe ich an. Wir suchen den Bereich in der Wüste ab.“
Ich überlegte, bevor ich den Blick hob und nickte.
„Okay. Nur…Wenn ihr dort ankommt, versucht möglichst keine Aufmerksamkeit auf euch zu lenken. Und hantiert nicht so offensichtlich mit den Waffen. Die Menschen dort haben nicht viel übrig für alles, was ihren Frieden stören könnte.“
Bellamy seufzte. „Na toll.“
„Was willst du?“, fragte Kane an ihn gerichtet, „Du bist doch im Wald mit deiner Freundin, also sei still und freu dich.“
Ohne ihn anzusehen konnte ich sehen, wie Bellamys Miene sich zu verhärten schien. Offenbar war nicht bei allen von der Ark angekommen, wie die Situation genau abgelaufen war. Dachte Kane, Murphy hätte mich gekidnappt? Wahrscheinlich dachte er überhaupt nicht so weit. Bestimmt erinnerte er sich einfach daran, dass Bellamy und ich mal zusammen gewesen waren. Auf der Ark. Als Bellamy noch ein Wachmann gewesen war und ich keine riesige Enttäuschung.
„Schon gut, Kane“, sagte Bellamy gleichgültig, „Sag einfach, wann’s losgeht.“
„Nach dem Mittagessen“, entgegnete dieser und war bereits dabei, einige Sachen zusammenzusammeln.
„Treffen wir uns?“, fragte ich an Bellamy gerichtet. Er nahm den Blick nicht von der Karte, als er mir antwortete.
„Ich hole dich ab.“
Etwa eine Stunde später hatte ich gegessen und ein paar Vorräte eingepackt. Inzwischen saß ich in meinem sogenannten Zimmer, das aus einem Bett, einer Kommode und einer Tür bestand. Wie eine Konservendose. Aber ich beschwerte mich nicht. Ich legte mich auf das Bett und zwang mich die Augen geöffnet zu lassen. Aber da ich nicht wusste, wann Bellamy kommen würde und da ich nicht voraussagen konnte, wann ich das nächste Mal in einem richtigen Bett liegen würde, beschloss ich, nur ganz kurz die Augen zu schließen. Ich konnte nicht sagen, ob es sich um Minuten oder Stunden handelte, aber irgendwann hörte ich ein Klopfen. Ich musste träumen, denn ich rief „Herein“, aber es kam nichts weiter. Nach ein paar weiteren Malen, die es klopfte, spürte ich jemandes Blick auf mir ruhen. Sofort schoss ich wie wild und völlig überrumpelt aus meinem Halbschlaf hoch und starrte in Bellamys angespanntes Gesicht.
„Bellamy?“, fragte ich verwirrt und schlaftrunken.
„Ja, ich hab geklopft. Entschuldige.“
Ich versuchte meine Atmung zu normalisieren und den Schwindel herunterzuwürgen, als ich merkte, dass er sich überhaupt nicht rührte. Er stand einfach nur da, hielt seine Waffe fest umklammert, hatte seinen Rucksack aufgesetzt und sah mich an. Den Blick, den er trug, konnte ich nicht deuten, aber ich sah, dass er müde war. Und ausgelaugt. Dass er jetzt durch den Wald lief und nach Murphy suchte…Das war zu viel verlangt.
„Bell“, platzte ich plötzlich heraus, „Du musst das nicht tun.“
Er starrte mich verdutzt an, sagte aber nichts dazu.
„Ich meine…Dass du gehst und das tust. Du musst das nicht. Ich würde es verstehen.“
Bellamy schien ein paar Sekunden über seine Worte nachzudenken, dann lächelte er leicht und sah mir in die Augen, während er sprach. Das lockige Haar fiel ihm strähnenweise in die Stirn und rundete sein rebellisches, kriegerisches Antlitz perfekt ab.
„Ich tu das nicht für Murphy“, sagte er schließlich monoton.
„Ach, nicht?“, entgegnete ich spöttisch und ließ meine seltsame, sanfte Art wieder fallen. Es passte jetzt nicht in die Situation, dass wir uns verhätschelten. Ich wollte das alles nicht. Dabei schwang ich mich aus dem Bett, streifte meine Jacke über, griff nach meinem Rucksack und stellte mich aufrecht vor ihm hin.
„Du musst auch keinem was beweisen.“ Meine Augen blitzten ihm durch das dunkle, abendliche Kunstlicht der Arkadia wissend an. Aber offensichtlich wusste ich gar nichts.
Er trat noch einen Schritt näher auf mich zu, aber ich wich nicht zurück, damit ich nicht schwach wirkte. Stattdessen zwang ich mich ihm immer weiter in die Augen zu sehen.
„Darum geht’s mir auch nicht“, sagte er schon fast flüsternd. Ich legte die Stirn in Falten und schüttelte vorsichtig den Kopf.
„Was dann?“, wollte ich wissen.
Er lächelte dieses spöttische Lächeln und kam mir plötzlich so nah, dass seine Lippen kurz vor meinem Ohr Halt machten. Um ein Haar hätte ich erschrocken nach Luft geschnappt, aber ich zwang mich Ruhe zu bewahren und so entspannt wie möglich zu wirken. Ich wollte nicht…dass er irgendeine Macht über mich hat.
„Ich tue es für dich…Ouriana.“
Sofort machte er auf dem Absatz kehrt und ließ mich in dem kleinen, engen Zimmer zurück. Ein paar Sekunden lang nahm ich mir Zeit, um meine Gedanken zu sortieren. Dann warf ich einen letzten Blick in mein sogenanntes Zimmer und schritt dann abrupt durch die Tür.
Nichts konnte mich jetzt noch aufhalten.
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