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Fate of the Ninth: Forevermore

von Myska
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Het
Vampire
18.01.2023
25.01.2023
5
34.688
1
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25.01.2023 7.731
 
~Trigon 23.06.2047~


Eine ganze Weile verbrachte er an dem Ruheort und schwelgte in den Erinnerungen, die er zurückbekommen hatte, während er darauf wartete, dass es für ihn irgendwie weiterging. Dass irgendetwas mit ihm geschehen würde, auch wenn er nicht einmal wusste, was dies sein sollte. Als sich aber letztendlich überhaupt nichts tat, entschied er sich schließlich doch dafür, dass er, wenn auch unsichtbar, zu den anderen zurückkehren würde.
Das Erste, was ihm bei seiner Rückkehr auffiel, war, dass es wieder Nacht war. Also war er wohl wirklich lange weg gewesen. Und obwohl er wusste, dass er sie nicht aufsuchen sollte, ging er zu dem Haus seiner Familie, in welchem noch oder vielleicht auch wieder Licht brannte. Er wollte nach ihnen sehen. Sie sehen.
Er blieb jedoch nur an einem der Fenster stehen und warf einen Blick hinein. Er entdeckte seine Frau auf einem Sofa sitzend, mit einem kleinen Mädchen, seiner Tochter, auf ihrem Schoss, die sie zu trösten schien und die ihren Kopf an ihrer Brust lehnte, während sie in ihrer kleinen Hand ein Plüschwolf festhielt.
Außerdem erkannte er seinen Vater, der im Sessel Platz genommen hatte und ihm den Rücken zudrehend, sein Gesicht in seine Hände vergrub. Aus dem Nebenzimmer trat eine Frau ein, die vermutlich die von dem Fremden war, welcher am Rande des Raumes vor dem Kamin stand und in diesen hineinstarrte. Ihr folgten zwei Jungen, die der Vampir direkt als seine Söhne erkannte.
Sie alle trugen Trauer in ihrer Miene und weinten zum Teil sogar noch, was in ihm Schuldgefühle auslöste, weil er dafür schließlich verantwortlich war. Er hatte schließlich irgendetwas angestellt, weshalb man ihn getötet hatte.
Er wandte den Kopf ab, um sich von der Tatsache abzulenken, dass sie um ihn trauerten, und entdeckte unweit vom Haus ein kleines Holzkreuz aus Ästen, das in einem frischen Erdhügel steckte.
Hatten sie ihn dort etwa begraben? Oder zumindest die Kiste mit dem, was von ihm übrig war? Wenn es so war, warum war er immer noch nicht zur Ruhe gekommen? Warum war er immer noch nicht weitergegangen? Was stimmte nicht?
Langsam ging er zu jenem Hügel und hockte sich davor hin. Jemand hatte kleine Blumen, die denen ähnelten, die er auf der Wiese vor ihrem Haus gesehen hatte und ein Gebinde aus verschiedenen teilweise grünen Zweigen darauf abgelegt.
Sollte das hier also wirklich sein Grab sein? Er konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass es Seins war. Aber er konnte sich ja auch nicht vorstellen, dass er tot war.
Leise weinte er, während er auf das Holzkreuz starrte und den Rest betrachtete. Irgendwie meinte er zu wissen, dass seine Kinder ihm diese Blumen und Zweige gepflückt hatten und der Gedanke daran, dass sie ihn betrauerten, schmerzte ihn erneut.
Das fühlte sich einfach nicht richtig an. Er war nicht tot. Er war hier nicht begraben. Das war einfach nicht wahr. Verärgert riss er das Kreuz aus der Erde und warf es weg. Es störte ihn, dass sie eines aufgestellt hatten und auch, dass sie diese Holzkiste begraben hatten.
Den Rest legte er allerdings vorsichtig zur Seite, weil ihm das doch mehr bedeutete, ehe er damit begann, die frische Erde auszuheben, um an das zu kommen, was dort begraben war.
Er wollte seine Kiste zurück.
Energisch grub er mit seinen Händen die Erde weg, weil er sie sofort zurückwollte. Er musste sie haben, auch wenn er nicht wirklich verstand, wieso ihm das so wichtig war. In seinem Wahn merkte er nicht einmal, dass er seine Gestalt unwissentlich wechselte und plötzlich in Wolfsform mit seinen Pfoten die Erde noch schneller wegbeförderte. Zu besessen war er von dem Gedanken, an diese Holzkiste zu kommen.
Er wollte es einfach nur wieder ausgraben, was sie hier vergraben hatten. Dabei war es ihm auch egal, dass er seine Unsichtbarkeit auch unwissentlich aufgab. Er ertrug es einfach nicht, dass es hier unter der Erde lag.
„Nein, nehmt mir nicht meine Kinder!“, hörte er plötzlich eine weibliche Stimme vom Haus her schreien und er unterbrach seine Tätigkeit, um den Kopf zu heben und zu der Quelle des Geräusches zu sehen.
Meine Frau, fiel es ihm direkt ein. Das war seine Frau gewesen, die da geschrien hatte. Nur warum?
Er sah zum Haus und erkannte, mehrere Fremde, die mit seiner Familie aus diesem traten. Er roch die Eindringlinge und ihr Geruch ließ ihn seine Nackenhaare aufstellen. Er mochte aus irgendeinen Grund diese Leute nicht und verspürte auch nichts Gutes von ihnen, weshalb er sich langsam näher schlich, um herauszufinden, was diese wollten.
Wenn seine Frau ihretwegen geschrien hatte, sollte er sie vielleicht angreifen, um sie zu verjagen. Er würde definitiv seine Familie verteidigen, entschied er.
„Sie haben gerade ihren Vater verloren. Entreißt sie doch jetzt nicht auch noch ihrer Mutter!“, schimpfte sein Vater, der mit dem anderen und dessen Frau von dreien der fremden Männer mit ihren Schwertern bedroht wurde.
Zwei weitere von den Aufgetauchten zerrten dagegen die Söhne des Vampirs an ihren Kinderarmen vom Haus weg. Ein Weiterer wollte seine Tochter holen, doch sie schrie und hielt sich an ihrer Mutter fest.
Die wollen meine Kinder entführen, kam es ihm in den Sinn. Sie würden ihnen wehtun. Ihnen schaden, so wie sie ihm geschadet haben.
„Wir werden jemanden schicken, der die Frau holt“, erwiderte der Letzte von ihnen, der etwas Abseits von dem Ganzen stand und wohl der Anführer dieser Truppe war, „Die Anweisung vom König war erst einmal nur, dass es besser wäre, wenn die Kinder dieses Mörders eine bessere Erziehung genießen, damit sie nicht in seine Fußstapfen treten.
Deswegen sollen sie in Vampirfamilien untergebracht werden, die ihnen unsere Gesetze und eben alles zum Vampirdasein beibringen. Eine Menschenfrau wird das wohl eher weniger können.“
„Sie hat uns“, mischte sich der Freund seines Vaters ein. Jedenfalls war der Vampir mittlerweile der Meinung, dass sie Freunde wären.
Der Sprecher der Fremden schüttelte aber nur den Kopf.
„Ihr seid auch bei ihm nicht sonderlich erfolgreich gewesen, wenn ich mich recht entsinne. Und jetzt macht uns bitte keinen weiteren Ärger und rückt das letzte Kind auch heraus“, sagte er.
Im selben Moment riss einer der Männer seine Tochter endgültig von ihrer Mutter weg, was das Kind erneut aufschreien ließ und in dem Vampir eine große Wut weckte.
Niemand tat seinem Kind weh!
Ohne groß nachzudenken, stürzte er sich auf den Mann und vergrub seine Wolfszähne tief in dessen Arm, wodurch dieser auch sofort das Kind losließ und selber aufschrie.
Das Mädchen wirkte kurz überrascht, rannte dann aber zurück zu ihrer Mutter und versteckte sich hinter dieser, während der Vampir den Fremden, den er attackiert hatte, zu Boden riss und sich knurrend und wütend den anderen von ihnen entgegenstellte, um ihnen zu verdeutlichen, dass er etwas dagegen hatte, dass sie seine Kinder holten. Dass er seine Familie verteidigen würde.
Sofort ließen die Männer auch seine Söhne los und zogen stattdessen ihre Schwerter. Der Fremde unter ihm, wollte das auch tun, erstarrte aber plötzlich in seiner Bewegung und regte sich nicht mehr, was dem Vampir gerade recht war. Er hasste diese Leute.
Wütend fletschte er seine Zähne. Er würde jeden dieser Eindringlinge töten.
„Ein Haustier?“, fragte der Anführer der Gruppe und er hörte einen gewissen Spott heraus, als sich die Männer mit ihren Schwertern auf ihn zu bewegten, „Wundert mich allerdings auch irgendwie nicht. Tötet das Vieh und danach lasst uns endlich zurück zum Schloss.“
Der Vampir entging dem Hieb des Ersten von ihnen, was diesen ins Straucheln brachte und ihm die Chance bot, ihn selbst anzugreifen.
Mit einem Sprung hatte er sich in die Kehle des Mannes verbissen und riss ihn mit sich wieder zu Boden. Der Kerl war sofort tot, doch die Wut des Vampirs noch nicht abgeflacht. Er hasste diese Leute abgrundtief und wusste nicht weshalb, denn es war nicht nur alleine, weil sie seine Kinder entführen wollten.
Etwas sagte ihm, dass sie mit Schuld an seinem Tod waren und er sie nun ausschalten musste dafür. Und auch, damit sie seine Familie nicht noch mehr zerstörten, als sie es ohnehin schon getan hatten.
Das Schwert des Zweiten durchbohrte seinen Körper, weil er unaufmerksam war, was ihn zu Fall brachte und seinen Kampf beendete. Jedenfalls stürzte er wie tot auf den anderen unter sich und erwartete, dass er dies auch war. Dass er jetzt wirklich gestorben war. Auch wenn er so seine Kinder nicht mehr schützen konnte.
Vielleicht war es auch dumm von ihm, gegen mehrere von diesen Fremden anzutreten. Hatte er sie wirklich unterschätzt und sich überschätzt?
Rettet meine Kinder, dachte er stumm, während er erwartete zu verschwinden. Er hatte versagt. Er hatte schon wieder versagt.
„Dadurch habe ich jetzt wirklich einen meiner Krieger verloren“, kommentierte wieder derselbe von ihnen, der anscheinend immer das Reden übernahm, „Er muss das Tier wohl abgerichtet haben auf Vampire. Furchtbar, so etwas zu tun. Aber was erwarte ich auch von jemanden, der eine Freude daran hatte, Vampire zu töten und den es immer wieder in die Wälder gezogen hat? Wohl möglich war das Vieh ein Freund von ihm.“
Die Klinge wurde aus dem Körper des Vampirs gezogen, was den Schmerz, den diese ihm verursacht hatte, tatsächlich linderte, und der Mann, der ihn getötet hatte, schritt zurück auf seine Söhne zu, die aber verängstigt vor ihm zurückwichen.
Außerdem hörte er, wie der Sprecher von den Eindringlingen plötzlich fluchte, weshalb er es wagte, seinen noch nicht erstarrten Blick wandern zu lassen.
„Aber das sollte nicht möglich sein“, waren dessen Worte, während der Fremde bei dem ersten Vampir, den er angegriffen hatte, hockte und diesen mehrfach anstieß, „Dieses Vieh hat ihn nur in den Arm gebissen und damit nichts getroffen, was tödlich gewesen wäre. Warum ist er daran gestorben? Was soll das? Nathaneal, ich verlange eine Erklärung!“
Tatsächlich lag der Mann wirklich regungslos dort, wo er niedergerissen worden war und der Vampir erinnerte sich daran, wie dieser unter ihm erstarrt war. Nur dass er dem da nicht viel Beachtung geschenkt hatte, außer dem, dass es ihm ganz recht gewesen war.
„Ich habe keine. Ich weiß nicht, wieso der Mann deshalb gestorben ist“, erwiderte der Freund seines Vaters und der Vampir realisierte endlich, dass er immer noch nicht tot war. Dass er immer noch lebte und auch der Schmerz von Stich durchs Herz endlich verschwunden war. Vielleicht hatten sie sein Herz ja sogar verfehlt.
Ja, so muss es gewesen sein, schloss er und kämpfte er sich langsam wieder zurück auf seine Beine, was allerdings von den Männern unbemerkt zu bleiben schien.
Sie starrten alle nur zu dem Toten, der eigentlich nicht hätte tot sein dürfen. Dem Vampir war das gerade recht, denn so gelang es ihm, sich wieder an sie heranzuschleichen.
Der Überraschungsangriff auf den, der seine Söhne bedrohte, kam zu schnell für diesen, weshalb dieser nach vorne fiel, als er ihn von hinten ansprang und seine Fänge in dessen Hals schlug. Er schmeckte das Blut dieses Mannes und es gefiel ihm. Er wollte mehr davon. Er wollte mehr Blut von diesen Eindringlingen.
„Monster!“, hörte er jemanden laut fluchen und er ließ von dem nun Toten ab. Er hob seinen Blick und starrte in die Gesichter zweier überraschter Jungen, von denen er nicht wusste, ob sie Angst vor ihm hatten oder nicht. Schnell wandte er sich von ihnen ab, weil er nicht herausfinden wollte, dass sie sich wirklich vor ihm fürchteten. Er wollte nicht, dass seine Kinder ihn fürchteten. Er wollte nur, dass diese Fremden es täten.
Drohend baute er sich vor den übrigen vier Fremden auf, von denen die, die ursprünglich seinem Vater gedroht hatten, mit ihren Schwertern auf ihn zu schritten und er entdeckte, dass einer von ihnen sogar ein Seil in der Hand hielt.
Er erstarrte, als er dieses sah.
Eine kurze Erinnerung tauchte vor seinen Augen auf. Es waren wirklich Männer, wie jene hier gewesen, ebenfalls mit Seilen, die ihn eingefangen hatten, nachdem er lange Zeit geflohen war. Er wusste nicht, warum er vor ihnen geflohen war, und auch nicht, was nach seiner Gefangennahme passiert war, nur dass sie ihn eingefangen hatten und er deshalb verstorben war. Noch einmal würde er das nicht mit sich machen lassen, entschied er sich und stürzte sich blindlings auf den Mann mit dem Seil.
Ihn erwischte er allerdings nur an der Schulter, da dieser versuchte seinem Angriff auszuweichen und was diesen somit nicht direkt tötete.
„Zielt gefälligst endlich besser! Schlagt dem Vieh den Kopf ab und dann lasst uns endlich zurückkehren zum Schloss. Ich habe keine Lust mehr auf diese Zeitverschwendung“, schimpfte ihr Anführer und der Vampir verspürte, wie ihn ein Schwerthieb im Nacken traf, der zwar schmerzte und ihn auch von dem Mann unter sich ablassen ließ, ihm aber nicht die Kraft nahm, um einen weiteren Hieb mit einem Sprung auszuweichen.
Er knurrte die zwei Männer an, die langsam auf ihn zukamen und er entdeckte, dass sich der mit dem Seil versuchte zurück auf die Beine zu kämpfen.
Er rieb sich seine gebissene Schulter, nachdem er endlich wieder aufgestanden war, ehe er ebenfalls ein paar Schritte auf den Vampir zu machte. Dabei wankte er allerdings so stark, dass er schließlich sein Gleichgewicht verlor und wieder zu Boden fiel. Er versuchte seinen Fall nicht einmal irgendwie mit seinen Händen abzufangen und erhob sich auch nicht mehr.
Nein, er regte sich gleich gar nicht mehr. Fast schon, als sei er tot.
Damit kam dem Vampir die Erkenntnis, dass er sie nicht einmal irgendwie tödlich treffen musste, um sie umzubringen. Irgendwie reichte es, wenn er sie nur irgendwo biss. Den Ersten von ihnen hatte er schließlich nur am Arm erwischt und der lag jetzt wenige Schritte von ihm entfernt. Und den Mann mit dem Seil hatte er auch nur an der Schulter getroffen. Davon wären beide im Normalfall nicht gestorben.
Ohne groß zu zögern, stürmte er vor und vergrub seine Zähne im Unterschenkel von einem der Männer, die ihn angreifen wollten. Er würde diese Fremden definitiv umbringen. Allerdings kassierte er für seinen Angriff einen weiteren Hieb, dieses Mal in seine Seite, was ihn aufjaulen ließ.
Er reagierte nicht mehr schnell genug, um dem Zweiten zu entgehen, der auf sein Hals gezielt war und ihn enthauptete. Damit war sein Kampf endgültig vorbei. Dieses Mal war er sich sicher, dass es aus war mit ihm. So etwas konnte er einfach nicht überleben.
Sein starr werdender Blick folgte seinen Angreifern und er merkte, wie der, den er zuletzt gebissen hatte, zu schwanken begann, ehe er dann doch zusammenbrach. Noch einer weniger, dachte er sich zufrieden und grinste, ehe er die Augen schloss. Schmerzen hatte er plötzlich keine mehr.
„Deine Männer sind fast alle tot. Willst du diese Kinder heute immer noch mitnehmen?“, vernahm er die Stimme vom Freund seines Vaters.
„Ich nehme an, dass du mich aufhalten würdest, sollte ich es versuchen, richtig?“, entgegnete ihm der Anführer der Fremden.
„Nicht nur er“, mischte sich sein Vater ein, „Mit dir nehme ich das auch noch auf. Solche wie dich habe ich schon als Mensch ausgeschaltet.“
Der Fremde lachte.
„Ja, natürlich hast du das“, spottete er dann abfällig, „Nathaneal, ich erinnere dich daran, dass ich im Auftrag des Königs handle und ihm auffällt, wenn keiner von uns zurückkommt.“
Jemand murmelt etwas so leise, dass der Vampir es nicht verstand, aber er verspürte, dass er irgendwie immer noch nicht so richtig tot war.
Er bewegte eine seiner Pfoten und als ihm das gelang, realisierte er, dass sein Kopf wohl wieder auf seinem Körper saß und er wieder unversehrt war. Er war also unsterblich.
Nein, er war nicht unsterblich. Er war einfach nur schon tot und konnte eben als Geist nicht noch einmal sterben. Eine Erkenntnis, die ihm eigentlich hätte schon viel früher kommen können.
„Er wird euch vermutlich noch mehr Krieger schicken, wenn ihr mich tötet. Und ich werde mit neuen Männern zurückkehren, wenn ich jetzt gehe. Ihr könnt nichts machen. Letztendlich werden wir die Kinder bekommen“, ergänzte der Sprecher der Fremden, während der Vampir sich langsam zurück auf die Beine kämpfte.
Er merkte einen flüchtigen Blick vom Freund seines Vaters, welcher überrascht wirkte, ehe er überlegen lächelte.
„Die werden vermutlich auch alle sterben. Oder zumindest viele von ihnen“, er deutete zu dem Vampir, der nun wieder angriffsbereit auf seinen Beinen stand und vermutlich durch das Blut und der Erde vom Graben einen unheimlichen Anblick bot. Der Anführer der Fremden drehte sich zu ihm um und machte erschrocken einen Schritt zurück.
„Monster!“, entfuhr es ihm erneut.
Dieses Wort hatte er schon einmal gehört. Er hatte es auch schon benutzt. Früher. Jedenfalls meinte er, dass es so gewesen war. Er hatte Leute, wie diesen Fremden so bezeichnet, weil er sie nicht gemocht hatte.
„Nathaneal, dieses Biest sollte tot sein. Ihm wurde schließlich der Kopf ganz eindeutig abgeschlagen. Was in Trigons Namen ist das für ein Tier?“, fuhr er fort, während der verbliebene Krieger sich schützend vor ihm stellte, um einen eventuellen Angriff von dem Vampir abzuwehren, „So etwas sollte einfach nicht möglich sein. Das ist Hexenwerk und geht sicherlich mit rechten Dingen zu.“
„Ist es nicht. Dennoch werde ich dir nicht verraten, was es mit diesem Wolf auf sich hat. Dieses Geheimnis werde ich nämlich hüten.
Aber ich sage dir eines: Sollte es noch einmal ein Gesandter vom König hierherwagen, mit der Intention, diese Kinder mitzunehmen, wird es nicht nur der sein, der sie tötet.
Dieses Gebiet hier gehört nämlich mir. Damit unterstehen alle hier lebenden Vampire und Halbvampire meiner Führung. Diese Kinder gehören mir und ich will, dass sie bei ihrer Mutter bleiben“, erwiderte ihm der Freund seines Vaters und der Vampir versuchte zu verstehen, was er damit meinte, doch er hatte keine Ahnung. Das Einzige, was er davon verstand, war, dass seine Kinder hier bleiben sollten, weil sie zum Freund seines Vaters gehörten. Das klang zwar für den Vampir seltsam, doch er war gewillt, dies zu akzeptieren, wenn es seine Familie schützte.
„Das hier ist nur dein Revier und nicht dein Hoheitsgebiet. Um so eines auszurufen, müsstest du noch Anspruch auf den Thron haben, doch das hast du, wie wir wissen, abgegeben. Außerdem müsste auch unser König dem zustimmen“, meinte der Fremde und der Angesprochene nickte.
„Das ist richtig. Ich habe meinen Anspruch abgegeben und mir stattdessen mein Erbe auszahlen lassen, um mir hier ein Leben aufzubauen. Damit entfällt mein Anspruch also wirklich, aber ich habe auch einen volljährigen Sohn, der geboren wurde, bevor ich das tat. Der hat somit noch den Seinigen und wenn ich mein Revier zu seinem Königreich ausrufe, dann unterstehen ihm diese Kinder“, entgegnete er ihm, „Und wenn ich mich recht erinnere, dann habe ich noch einen größeren Wunsch bei unserem König frei, weshalb er meiner Bitte sehr wahrscheinlich nachgeben wird. Immerhin verdankt er mir so einiges.“
Der Fremde biss sich auf die Lippe und warf einen Blick zu dem Vampir, welcher sofort zu knurren begann und ihm drohend die Zähne zeigte.
„Ich werde dies dem König ausrichten, aber wenn du wirklich vorhast, dein eigenes Königreich zu gründen, dann solltest du persönlich bei diesem dein Anliegen vortragen, Nathaneal“, er wandte sich von ihm ab und auf seinem Rücken erschienen zwei große Flügel mit schwarzen Federn, wie sie der Vampir schon bei seinem Vater und dem anderen gesehen hatte.
Sie alle haben solche, kam es ihm in den Sinn, auch wenn er nicht direkt wusste, wen er mit alle meinte. Er selbst hatte schließlich keine. Jedenfalls hatte er bisher nicht herausgefunden, wie er welche bekäme.
Er sah dem Fremden irritiert nach, als er sich mit den Rückendingern in die Luft erhob und davon flog. Der letzte verbliebene Mann dagegen warf noch einmal einen unsicheren Blick zu dem Vampir, ehe er es seinem Anführer gleich tat und ebenfalls verschwand.
Ich habe sie vertrieben, dachte der Vampir und lächelte zufrieden. Seine Familie war damit wieder sicher. Erst einmal zumindest, denn der Fremde hatte ja angedroht, dass sie wiederkommen würden. Doch selbst wenn sie es täten, würde er sie erneut verjagen. Er würde das notfalls immer tun.
Erleichtert hörte er alle aufatmen, nachdem der Letzte verschwunden war und seine Söhne rannten zurück zu ihrer Mutter, die sie umarmte, während er langsam und immer noch in seiner Wolfsgestalt auf sie zuschritt. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, sich ihnen zu zeigen und nun hatte er es doch getan, um sie zu beschützen. Weil ihm das wichtig war. Vielleicht war er auch genau deshalb noch da. Um auf sie aufzupassen. Und die Fähigkeiten, die er wohl jetzt hatte, sollten ihm dabei sicherlich helfen. Außerdem musste er sich auch eingestehen, dass es ihm eine Freude bereitet hatte, diese Fremden zu töten.
„Das war sehr dumm von dir“, er stoppte seinen Weg und drehte den Kopf zu seinem Vater, der ihn wohl gerade angesprochen hatte, „Sie hätten dich erkennen können. Und das hätten sie dann nicht verstanden. Ich meine, wir verstehen es ja bisher auch nicht, warum du noch hier bist. Wir haben dich begraben. Du hast deine Ruhe. Warum wandelst du immer noch umher?“
Sie hatten ihn wirklich begraben, jedenfalls die Kiste. Sie hatten ihm sogar ein Kreuz aufgestellt und dennoch war er noch da. Ihm hatte es ja nicht einmal gefallen, dass sie seine Überreste begraben hatten, weshalb er sie vorhin ja wieder freigelegt hatte. Etwas, dass er ihnen vielleicht noch mitteilen sollte, daher warf er einen Blick zu der Stelle, wo er die Erde aufgewühlt hatte.
Sein Vater folgte diesem und schüttelte den Kopf, als er sah, was er angestellt hatte.
„Du hast sie also wieder freigelegt?“, fragte er den Vampir und dieser nickte.
„Es hat sich nicht richtig angefühlt. Ich bin noch nicht so weit, mich begraben zu lassen“, gestand er ihm und kam nicht umhin, den Blick zu bemerken, den er von seiner Tochter bekam. Ob sie sich in ihrem Kinderkopf gerade zusammenreimte, wer er war? Ob ihre Gedanken überhaupt so weit gingen?
Dunkel kam ihm die Erinnerung daran, dass sie ihn auch in seiner Wolfsform kannte, denn diese hatte er weder vor ihr noch vor ihren Brüdern geheimgehalten, weil sie schließlich seine Kinder waren. Doch er wusste nicht, ob sie ihn jetzt auch erkannte. Immerhin hatte man ihr bestimmt gesagt, dass er tot sei. Oder zumindest, dass er fort wäre.
Zögerlich trat sie hinter ihrer Mutter hervor und musterte ihn erneut neugierig, ehe sie ein paar vorsichtige Schritte auf ihn zu machte und ihm ihre kleine Hand entgegenstreckte dabei. Was hatte sie vor?
„Annika, geh nicht zu nahe an dieses Tier!“, schimpfte die Frau von Freund seines Vaters und die Kleine sah sie verwundert an, „Du weißt nicht, ob es dich auch angreift. Du könntest verletzt werden.“
Das Mädchen schüttelte den Kopf und setzte furchtlos ihren Weg fort, bis sie schließlich nahe genug bei dem Vampir war, um ihm über die Wolfsschnauze streicheln zu können. Ihre grünen Augen betrachteten die Seinigen nachdenklich, ehe sie zu lächeln begann.
„Siehst du, Tante Mina. Der tut mir nichts. Der würde mir nie etwas tun. Das ist schließlich mein Papa und der beschützt mich“, erklärte sie und ihm kamen Tränen bei ihren Worten.
Sie hatte ihn wirklich erkannt und dies, obwohl er ihr als Wolf erschienen war. Er hatte sich also nicht in seinem Kind getäuscht. Sie schlang ihre kleinen Arme um seinen Hals, wodurch ihr Kleid allerdings von dem Blut und der Erde, welche noch an seinem Fell klebten, dreckig wurde, was sie allerdings nicht zu stören schien.
Und er ließ zu, dass ihre Erinnerungen auf ihn einströmten. Er wollte sie sehen. Er wollte sehen, was er mit ihr erlebt hatte, woran er sich nicht mehr erinnert hatte. Und tatsächlich sah er sich an einigen Stellen in ihrer Vergangenheit. Er fand sogar die Stelle, die ihm erklärte, warum er geflohen war. Was damals geschehen war.
Da war ein fremder Mann gewesen, sein Vormund, der ihn hatte beaufsichtigen sollen, weil er irgendetwas angestellt hatte, weshalb man der Meinung gewesen war, dass er einen Aufpasser benötigen würde. Es war jener Mann, der sich auch in die Erziehung seiner Kinder eingemischt hatte, was oft für Streit zwischen ihm und dem Vampir gesorgt hatte und was auch seine Tochter mitbekommen hatte.
Und als dieser Fremde es schließlich eines Nachts gewagt hatte, seine Tochter für ein Fehlverhalten zu schlagen, war dem Vampir der Geduldsfaden gerissen und er hatte ihn angegriffen. Er hatte ihn getötet, dafür, dass er es gewagt hatte, seinem Kind wehzutun.
Das also war der Grund für seine Flucht gewesen.
Er verwandelte sich zurück, um endlich die Umarmung seiner Tochter zu erwidern. Er wollte sie in seine Arme nehmen und genoss es, sie bei sich zu haben.
Leise hörte er ihr kleines Herz schlagen und weinte erneut. Sie brauchte ihn noch. Wie könnte er da weiterziehen? Er musste einfach noch bei ihr bleiben.
„Papa!“, hörte er einen der Jungen rufen, ehe die beiden ebenso zu ihm liefen und ihn auch umarmten. Auch ihre Erinnerungen drangen auf ihn ein und ergänzten seine Eigenen wieder etwas mehr.
Oh, wie hatte er sie vermisst. Seine geliebten Kinder, auch wenn er sie sogar zwischendurch vergessen hatte. Der Gedanke daran schmerzte ihn. Wie konnte er nur seine Kinder vergessen?
„Aber Mama hat gesagt“, hörte er einen seiner Jungs neben sich und von dem er sofort wusste, dass es Jonathan war, „Dass du tot seist. Und Opa auch. Wir haben sogar eine Holzkiste begraben und ein Kreuz gebaut. Annika hat mit Robin Blumen gesammelt und ich habe mit Mama etwas gebastelt.“
Das war der Vampir ja eigentlich auch und er hatte auch gesehen, dass sie ihn begraben hatten. Und selbst wenn er vor dem Kampf mit diesen Fremden noch nicht tot gewesen wäre, wäre er es jetzt, denn diese hatten ihn mindestens zweimal sehr tödlich getroffen. Die hatten ihn ja sogar enthauptet. Und trotzdem hatte es nichts gebracht.
„Jonathan, das bin ich auch. Ich bin gestorben“, bestätigte er seinem Sohn, auch wenn es für ihm immer noch seltsam klang und er gerne behauptet hätte, dass es nicht so sei.
Er löste sich aus der Umarmung seiner Kinder und erhob sich langsam. Dabei bemerkte er auch den verwirrten Blick, den er von seinen Jungen für seine Antwort bekam und der mit der Brille, Robin, schüttelte sogar den Kopf.
„So etwas geht doch gar nicht. Du hast es uns doch selbst damals erklärt. Jemand, der gestorben ist, ist weg für immer. Tote kommen nicht zurück und so etwas wie Geister gibt es nicht“, widersprach ihm der Junge und der Vampir wusste nicht auf Anhieb, wann er das gesagt haben sollte. Er hatte es jedenfalls nicht in den Erinnerungen der Kinder gefunden.
Aber vielleicht war es wirklich so gewesen. Und es machte doch auch Sinn, denn für gewöhnlich kehrten die Toten wirklich nicht als Geister zurück. Wenn es nämlich so wäre, dann wären die Männer, die er eben noch beseitigt hatte, jetzt wieder da.
„Aber doch nicht unser Papa“, mischte sich das Mädchen ein, „Er hat uns doch versprochen, immer auf uns aufzupassen und für uns da zu sein, deshalb ist er jetzt wieder bei uns, damit er auf uns aufpasst, wie ein Engel oder so etwas.“
Ihre kindliche Art, wie sie das so selbstverständlich sagte, ließ ihn schmunzeln, auch wenn er ihm die Vorstellung kein Geist, sondern ein Engel zu sein, überhaupt nicht gefiel. Er hatte schließlich keine weißen Flügel und auch keine Harfe, so wie er es auf Bildern gesehen hatte. Und gut war er auch nicht. Tatsächlich war er sogar sehr rachsüchtig bisher gewesen. Wahrscheinlich war er einfach nur eine ruhelose Seele, die noch etwas zu erledigen hatte. Seine Familie beschützen zum Beispiel.
Er strich seiner Tochter mit der Hand sanft über den Kopf, ehe er auf seiner Frau zu ging, deren Blick er nicht wirklich zu ordnen konnte. War es Angst? Oder Erleichterung? Was sie wohl dachte?
„Du bist noch da“, murmelte sie und weinte, ehe sie ihm um den Hals fiel und ihn umarmte, „Verdammt, ich dachte, ich hätte dich für immer verloren. Nachdem wir dich begraben hatten, hatte ich erwartet, dass du jetzt fort wärst. Weg für immer. Weißt du eigentlich, wie furchtbar der Gedanke war, dich nie wiederzusehen?“
Es schmerzte ihn, dass sie so sehr um ihn trauerte, und er hoffte, dass er noch eine Weile bei ihr bleiben würde, damit er für sie da war. Damit sie nie wieder um ihn trauern musste.
„Ich werde bei dir bleiben“, versprach er ihr und hoffte, dass es wirklich so geschehen würde. Er wollte sie schließlich nicht verlassen. Das hatte er nie gewollt. Nicht einmal als er geflohen war. Er hatte immer zu ihr und den Kindern zurückgewollt.
Sie sah ihn an und er gab ihr einen Kuss, als sie ihren Blick zu ihm hob. Ja, er würde definitiv noch bleiben. Immerhin musste er sie und seine Kinder schützen. Dafür war er hier. Und er würde definitiv jeden beseitigen, der seiner Familie schaden wollen würde.
„Deine Lippen sind kalt“, flüsterte seine Geliebte, nachdem er den Kuss beendet hatte und er sah sie fragend an, „Ich denke, ich muss mich dann wohl daran gewöhnen, dass sie immer kalt sein werden, oder?“
Ihre Bemerkung ließ ihn schmunzeln. Wenn dies wirklich ihre einzige Sorge jetzt war, dann war das doch gut für sie beide. Eigentlich hätte er eine Beschwerde über das Blut erwartet, aber irgendwie erinnerte er sich daran, dass sie sich nie dadurch gestört gefühlt hatte. Sie liebte ihn schließlich.
„Sollen wir die Holzkiste wieder ausgraben?“, fragte ihn der Freund seines Vaters und der Vampir drehte seinen Kopf zu ihm, „Und damit das, was wir von dir begraben haben? Es scheint dich ja gestört zu haben, dass wir es begraben haben.“
Tatsächlich hatte er sich darüber bisher noch keine Gedanken gemacht. Er hatte es vorhin nur wieder zurück haben wollen, weil es ihm falsch vorkam, dass seine Reste unter der Erde gelegen hatten.
„Ja. Bitte grabt mich wieder aus“, erwiderte er ihm und kam sich dabei seltsam vor, obwohl es ja stimmte. Das war er gewesen, was sie da vergraben hatten, wenn gleich es auch nicht sonderlich viel gewesen war, was überhaupt noch übrig war.
Er versuchte nicht weiter darüber nachzudenken, sondern wandte sich wieder seiner Frau zu, deren Atem an seiner Brust ihn so sehr faszinierte, dass er einen Augenblick lang nur diesem lauschte.
„Und was wird jetzt aus uns?“, flüsterte sie schließlich, „Ich meine, du bist doch tot oder nicht?“
Das war er und trotzdem war er bei ihr. Er würde für immer bei ihr sein.
„Ja, das bin ich“, bestätigte er ihr also und warf einen Blick zu seinen Kindern, die ihn ebenfalls fragend ansahen, „Aber ich werde trotzdem bei euch bleiben. Ich habe mich nämlich gerade entschieden, dass ich nicht weiterziehen werde. Jemand muss euch doch beschützen.“
Seine Frau löste sich von seiner Umarmung und musterte ihn, ehe sie ihre restlichen Tränen wegwischte und lächelte.
„Und ich werde dich auch weiterhin lieben, egal was kommt“, ergänzte er und gab ihr noch einen Kuss. Zumindest jetzt, wo er langsam wieder wusste, was er mit ihr hatte, würde er das tun.
„Ja“, erwiderte sie ihm, „Ich werde mich jetzt nur daran gewöhnen müssen, dass du ein Geist oder so etwas bist. Ich bin gespannt, ob es sehr viel anders ist, als einen Vampir zu lieben. Ob sich da viel mehr ändert, außer dass du jetzt vermutlich immer kalt sein wirst.“
Er verstand nicht, warum es anders sein sollte. Er war schließlich fast immer noch derselbe. Es würde sich also nicht so viel ändern.
Erneut nahm er seine Frau in die Arme und spürte, dass sich auch seine Kinder ihrer Familienumarmung anschlossen.
Ein tiefer Wunsch in ihm flammte auf, dass er sie für immer beschützen wollte, und zwar vor denen, die versucht hatten, sie zu entführen. Und vor jenen, die so ähnlich waren.
Vielleicht war das auch seine Aufgabe, weshalb er noch immer unter ihnen war. Er würde es schon noch herausfinden. Aber im Moment war es nur nebensächlich. Gerade jetzt wollte er nur bei ihr und ihren gemeinsamen Kindern sein und ihre Nähe fühlen. Und für sie für immer da sein.
Er hatte auch das Gefühl, dass es wirklich so bleiben würde. Dass er wirklich für immer bleiben würde und nie weiterziehen würde. Das wäre ihm ja gerade auch sehr recht. Und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es ihm irgendwann unrecht sein könnte.
Glücklich schloss er die Augen und gab seiner Geliebten einen Kuss auf ihren Scheitel. Ja, so könnte es bis in alle Ewigkeit bleiben.
„Lass uns langsam ins Haus gehen“, vernahm er ihre Stimme und spürte, wie sie sich von ihm löste, „Vielleicht willst du dich waschen und dir wieder etwas Richtiges anziehen. Wobei ich gar nicht weiß, ob das geht.“
Seine Kinder ließen ihn eben so los und er warf einen Blick an sich hinab. Immer noch trug er nur die zerrissene Hose, in welcher er in der gestrigen Nacht erwacht war. Seine Frau hatte recht. Vielleicht täte es ihm gut, sich zu waschen und etwas Heileres anzuziehen.
„Ich werde es versuchen“, meinte er zu ihr und nahm ihre Hand, ehe er mit ihr zum Haus ging und eintrat.
Es fühlte sich gut und vertraut an, wieder zu Hause zu sein, stellte er sofort fest und merkte gar nicht, dass er tatsächlich erleichtert aufatmete.
Er ließ die Hand seiner Frau los und schritt weiter in Richtung Wohnzimmer, wo er die Frau vom Freund seines Vaters entdeckte, die mehrfach den Kopf schüttelte, während sie ihn musterte.
„Das kann einfach nicht richtig sein“, meinte sie und er sah sie verwundert an, „Jedenfalls habe ich keine Erklärung dafür, dass du immer noch da bist. Und wenn ich ehrlich bin, das macht mir das Angst. Ich bin mir nicht sicher, ob es für deine Familie gut ist, dass du hier immer noch herumwanderst.“
Er hatte sie beschützt, also konnte es nicht so schlimm sein.
„Sie brauchen mich“, rechtfertigte er sich, während seine Kinder und seine Frau an ihm vorbeigingen, um durch eine Tür neben dem Kamin ins nächste Zimmer zu verschwinden.
„Das mag sein“, die andere sah ihnen kurz nach, ehe sie sich wieder an ihn wandte, „Aber sag mir, was bitte ist aus dir geworden?
Ich meine, ja, manche Vampire hast du schon zu Lebzeiten nicht gemocht und ihnen nach dem Leben getrachtet, wovon wir dich aber oft genug abbringen konnten.
Und auch deine Verwandlungen in einen Wolf kenne ich.
Selbst die Tatsache, dass du wieder aufgestanden bist, nachdem du enthauptet wurdest, kann ich vielleicht damit erklären, dass du ein Geist geworden bist, wenn man es denn so nennen will.
Doch für eine Sache finde ich keine Erklärung, Kuro, und diese macht mir Angst, weil sie dich gefährlich macht. Und zwar, dass ein Biss von dir anscheinend reicht, um Krieger, wie die unseres Vampirkönigs, auszuschalten. Ein simpler einfacher Biss, egal wo.
Ist dir bewusst, dass du damit deine Frau umbringen könntest, wenn du nicht vorsichtig bist? Oder jeden anderen hier im Haus?“
So hatte er die Sache bisher gar nicht betrachtet und irgendwie bereitete ihm die Tatsache Sorge, dass er seine Liebste vorher geküsst hatte, ohne darüber nachzudenken. Was, wenn ein Kuss auch ausreichte?
Nein, so etwas wird nicht passieren, redete er sich ein, wobei er sogar Zustimmung von der Stimme in seinem Innern bekam.
„Ich werde einfach keinen von euch beißen, einverstanden?“, versprach er der anderen, „Außerdem versuche ich ohnehin im Moment noch herauszufinden, was ich alles nach meinem Tod vergessen habe und so langsam kehren immer mehr Erinnerungen zurück. Vielleicht finde ich dann noch heraus, was es mit dieser anderen Sache auf sich hat.“
Sie wirkte kurz verwundert und schien nachzudenken.
„Mit den Erinnerungen könnte ich dir vielleicht helfen. Ich muss nur deine Tagebücher aus dem Versteck holen, zu welchem ich sie gebracht hatte, nachdem du geflohen warst, damit deine Verfolger deren Inhalt nicht gegen dich verwenden konnten“, sagte sie und der Vampir sah sie irritiert an.
Tagebücher? Er hatte Tagebücher geführt? War das nicht etwas, dass Frauen taten? Jedenfalls kam es ihm vor, als wäre es eine Sache, die nur Frauen taten.
Allerdings war er auch froh, dass er eines geführt hatte, denn so konnte er lesen, was er erlebt hatte. Er würde quasi von sich selbst erzählt bekommen, was er vergessen hatte.
„Das würde mir vermutlich helfen“, stimmte er ihr zu und versuchte dankbar zu lächeln, „Aber jetzt will ich endlich dem Rat meiner Frau folgen und mich waschen und mir etwas Richtiges anziehen. Oder zumindest will ich das versuchen. Und ich denke, danach werde ich mich hinlegen. Irgendwie bin ich von dem Kampf ein wenig erschöpft.“
Durch die Tür neben dem Kamin kam seine Frau zurück und sie trug einen Kleiderstapel in der Hand, mit welchem sie auf ihn zuschritt und welchen sie ihn in die Hände drückte, ehe sie ihn küsste, was er ihr aber nicht erwiderte, da er Angst hatte, dass er ihr, wie den Fremden, schaden würde. Sie wirkte verwundert darüber.
„Was ist los?“, fragte sie direkt.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, wenn ich dich küsse, Liebste“, gestand er ihr und zeigte zu der anderen, „Sie hat mich gerade daran erinnert, dass ich  drei eurer Angreifer alleine dadurch getötet habe, dass ich sie irgendwo gebissen habe. Ich habe Angst, dass ich mit dieser Fähigkeit dich auch umbringen könnte.“
Seine Frau runzelte die Stirn, ehe sie den Kopf schüttelte.
„Wir konnten das gerade draußen ohne Probleme, daher denke ich nicht, dass es so weit je kommen wird“, meinte sie und streckte sich ihm entgegen, um ihn erneut zu küssen, was er ihr dieses Mal auch erwiderte.
Sie hatte ja recht. Wenn seine Gabe oder sein Fluch oder was auch immer es war, sie auch betreffen würde, dann wäre das schon längst passiert. Vielleicht wirkte es nicht auf sie, weil er sie liebte. Oder weil sie nicht, wie die anderen war.
„Siehst du“, flüsterte sie, nachdem sie ihren Kuss beendet hatte, „Mir wird nichts passieren, weil ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Weil du mir nie etwas tun würdest, dass mir ernsthaft schaden würde.“
Er nickte, denn er wollte, dass es so war. Dass sie ihm vertrauen konnte.
Er warf einen Blick auf das, was sie ihm gebracht hatte. Es waren eine Hose, ein Hemd, Socken und eine Unterhose. Das war definitiv besser, als das Zerrissene, was er trug.
„Trotzdem sollten wir herausfinden, was es überhaupt damit auf sich hat, dass er noch da ist“, mischte sich die Frau vom Freund seines Vaters ein und die seinige drehte sich zu ihr um, „Dein Bruder reist doch mit Leuten, die viel über das Diesseits und das Jenseits zu wissen scheinen. Vielleicht solltest du ihn aufsuchen, wenn du dich ausgeruht hast. Und deine Tagebücher gebe ich dir auch zurück, versprochen.“
Noch einmal nickte er, auch wenn er von seinem Bruder im Moment überhaupt nichts wusste, ehe er sich abwandte und den Flur zurück in Richtung Badezimmer schritt. Immerhin, wo das war, wusste er jetzt wieder.
Er verschloss die Tür hinter sich und legte die Sachen, die ihm seine Frau gab, auf den Schrank, ehe er die Hose auszog, die er getragen hatte und sie zur Seite warf.
Sofort verschwand diese und er starrte irritiert dorthin, wo sie hätte sein müssen. Das war bestimmt nicht gut.
Er runzelte die Stirn und ging zu der Stelle, wo sie verschwunden waren und versuchte es aufzuheben, denn, so dachte er, vielleicht war sie einfach nur unsichtbar.
Als er aber nichts dort fand, sah er sich besorgt um. Sie konnte doch nicht plötzlich weg sein. Er hatte sie doch bis eben noch getragen. Ja, genau, sie war da gewesen.
In seinen Gedanken tauchte ein Bild von sich in der zerrissene Hose auf, welches so real wirkte, dass er meinte, sie auch direkt wieder zu tragen.
Erst als er seinen Kopf schüttelte, um diesen Gedanken loszuwerden, merkte er, dass es wirklich so war. Dass er das Weggeworfene wieder trug.
„Oh!“, entfuhr es ihm und er zog sie sich erneut aus, um sie dieses Mal ordentlich auf dem Schrank zu legen. Sofort verschwanden sie wieder und er starrte an sich hinab, weil er erwartete, dass sie gleich wieder an seinem Körper erscheinen würden und er nicht mehr nackt wäre. Damit könnte er sich dann jedenfalls sicher sein, dass er sein derzeitiges Aussehen nie wieder loswerden würde, weil er so gestorben war. Jedenfalls klang es für ihn logisch, dass es so sein müsste.
Nichts geschah. Auch nicht, nachdem er eine Weile darauf gewartet hatte. Er blieb nackt. Damit konnte er sein Aussehen wohl doch ändern, aber dennoch rätselte er darüber, wo die zerrissenen Sachen hin waren. Sie konnten sich schließlich nicht in Luft auflösen. Er hatte sie doch getragen und er stellte sie sich wieder an seinem Körper vor, was anscheinend reichte, damit sie auch in der Realität wieder an seinem Leib erschienen.
„Seltsam“, murmelte er überrascht und versuchte es einmal umgekehrt. Er stellte sich vor, dass er sie nicht tragen würde. Sofort war er wieder nackt. Sollte das etwa heißen, dass er sein Aussehen mit seinem eigenen Willen steuern konnte? Mit seinen Gedanken? Und wenn ja, wie weit konnte er das beeinflussen?
Nachdenklich tastete er zu dem eingetrockneten Blut auf seiner Brust und stellte sich vor, dass dieses nicht mehr dort wäre. Dass es verschwinden täte, wie seine zerrissene Hose. Dass er wieder sauber wäre, so wie er es war, nachdem er erwacht war.
Tatsächlich konnte er das Blut und den Schmutz auf seiner Haut langsam verblassen sehen, bis sie verschwunden waren. Also funktionierte das wirklich. Er drehte seinen Kopf zu dem Spiegel, der über dem Waschbecken hing und stellte fest, dass an ihm wirklich keine Spuren mehr vom Kampf hafteten. Und auch nicht von dem Graben davor. Er konnte also sein Aussehen wirklich mit seinem Willen steuern.
Er griff nach den Kleidungsstücken, die ihm seine Frau gegeben hatte, und stellte sich vor, wie er damit wohl aussehen würde. Dass diese daraufhin in seinen Händen verschwanden, irritierte ihn kurz. Jedenfalls bis er merkte, dass er sie plötzlich trug. Dabei hatte er sich nicht einmal angezogen.
Noch einmal drehte er sich zum Spiegel und betrachtete sich. Die Frage, wie weit er sein Aussehen bestimmen konnte, kam ihm in den Sinn und er stellte sich erneut in der zerrissenen Hose und mit dem Blut vor. Sofort veränderte sich sein Erscheinungsbild und er stand wieder so da, wie er es sich vorgestellt hatte, während die Kleidung von seiner Frau wieder ordentlich dort lagen, wo er sie abgelegt hatte.
Das hat also schon einmal funktioniert, dachte er und versuchte, mit seinen Gedanken wieder in die heilen Sachen zu kommen und das Blut loszuwerden. Auch das geschah ohne größere Probleme, nur dass der Kleiderstapel dieses Mal erneut verschwand. Damit konnte er sein Aussehen wirklich mit seiner Vorstellung von sich selbst beeinflussen, stellte er überrascht fest und wunderte sich, ob dies ihm irgendwie nützlich werden könnte.
Er würde es sicherlich schon noch herausfinden, entschied er und verließ das Bad, um ins Wohnzimmer zurückzukehren, wo er seinen Vater in einem der Sessel sitzend fand.
Er starrte auf die Holzkiste, die auf dem Wohnzimmertisch gestellt worden war und an welcher noch Erdreste hingen, davon, dass sie begraben worden war.
„Nathaneal ist aufgebrochen zu seinem Sohn und Mina meinte, sie müsste etwas holen für dich“, sagte er dem Vampir, ohne dass er überhaupt danach gefragt hatte, ehe er den Blick hob und zu ihm sah, „Du siehst besser in den Sachen aus, als in der zerrissenen Hose. Ich hoffe, du fühlst dich jetzt auch besser.“
Der Vampir nickte und sein Vater erhob sich von seinem Platz.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte er ihn, „Ich bin mir nicht sicher, ob du jetzt hier bleiben kannst als Geist oder als was auch immer du bist. Und ich will mir auch nicht ausmalen, was passiert, wenn der König davon Wind bekommt. Wenn irgendwer, außer uns, davon Wind bekommt.“
„Sie haben mich aber nicht erkannt“, gab der Vampir zurück, „Jedenfalls nicht in meiner Wolfsform. Vermutlich weil sie nicht damit rechnen, dass ich noch da bin. Wenn ich das Haus nur in dieser Gestalt verlasse, dann werden sie mich sicherlich auch weiterhin nicht erkennen und ich kann bei meiner Familie bleiben, um sie zu beschützen. Oder ich mache mich unsichtbar. Das kann ich nämlich auch.“
Sein Vater hob verwundert eine Augenbraue.
„Denkst du, dass du das musst?“, erwiderte er ihm, „Wir würden das auch tun. Du hast doch Nathaneal gehört. Er wird sein Revier zum Herrschaftsgebiet seines Sohnes ausrufen. Damit wären deine Kinder sicher vor dem Einfluss des Königs.“
Der Vampir verstand zwar nicht ganz, was sein Vater damit meinte, schüttelte aber dennoch den Kopf.
„Selbst wenn es so kommt, werde ich bleiben und aufpassen. Und sollte man euch angreifen, werde ich euch verteidigen“, meinte er entschlossen, „Ich fühle mich in der Pflicht, dies zu tun, denn irgendwie ist es ja auch meine Schuld, dass es so gekommen ist.
Auch wenn ich noch nicht alles wieder weiß. Aber das wird sich sicherlich noch geben.
Die andere wollte mir meine Tagebücher bringen und meinte, ich solle meinen Bruder aufsuchen, um herauszufinden, was mit mir los ist.“
Sein Vater runzelte die Stirn.
„Du redest von Mina, oder?“, er nickte, „Vielleicht hat sie nicht unrecht. Außerdem sollte ich Shiro ohnehin mitteilen, dass du verstorben bist. Du könntest mich dann zu ihm begleiten.
Trotzdem sollten wir nach einer Möglichkeit suchen, dass du deinen Frieden finden kannst.“
Dem Vampir war aber gar nicht danach, herauszufinden, wie er weiterziehen könnte. Er hatte sich schließlich zum Bleiben entschieden. Schweigend schritt er auf den Wohnzimmertisch zu und strich über die Kiste. Seiner Holzkiste, denn niemanden außer ihm sollte sie gehören, kam ihm in den Sinn.
„Aber vielleicht ist dies auch genau das, was ich will. Vielleicht will ich nicht meinen Frieden finden, sondern hier bleiben bei euch“, meinte er zu seinem Vater und hob das Ding vom Tisch hoch, „Ich werde die hier in den Keller bringen, um sie dort zu verwahren, und danach zu meiner Frau gehen.“
Er hatte zumindest eine vage Vorstellung davon, dass sich hinter der Tür neben dem Kamin Treppen befanden, die nach unten und nach oben führten. Und da sein Vater ihm nicht mehr widersprach, folgte er seiner Annahme, nur um sich direkt bestätigt zu fühlen, wobei er allerdings auch überrascht war, dass es dort noch eine weitere Tür zu seiner Rechten gab, in welcher so gleich seine Frau erschien, die ihn verwundert ansah.
„Ich bringe diese eben nach unten und komme dann zu dir“, erklärte er ihr und ging zu der Treppe, die hinab führte, „Und dann bleibe ich auch bei dir, versprochen.“
Sie lächelte aufgrund seiner Bemerkung und ihm gefiel es, dass sie das tat. Alleine schon dafür würde er bleiben. Musste er bleiben. Und natürlich auch, weil sie seinen Schutz brauchten.
Alles Weitere würde sich schon noch ergeben irgendwann, dessen war er sich sicher.
„Ich liebe dich“, sagte er ihr, ehe er die Stufen hinabzusteigen begann.
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