Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

zaigu jhadata

von Moonlord
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Mix
17.01.2023
25.01.2023
2
6.597
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
25.01.2023 3.789
 
Hafen von Erstburg, 17.Jahresmitte der 4.Ära 293

Die "Adlerschwinge" hatte abgelegt und Malparen stand mit stolzgeschwellter Brust an Deck und schaute auf die kleiner werdende Stadt. Es war bereits angenehm warm, ein milder aber gleichmäßiger Wind blies in die Segel des Zweimasters, und die noch tief stehende Morgensonne ließ die weißen Mauern und schlanken Türme der Festung in ihrem Licht erstrahlen. Der Start der Expedition zum sagenumwobenen Mondtempel von N'Rajiik war einfach perfekt.

Er blieb es nicht.
Bereits auf halbem Weg nach Grünherz in Valenwald, wo eine achtköpfige Schutztruppe nebst Kommandant zu ihnen stoßen sollte, frischte der Wind merklich auf. Das Schiff begann erst sanft zu schaukeln, dann kräftiger, schließlich so stark, dass sich der Vizeartefaktor selbst ins tiefste Reich des Vergessens wünschte, nur weil dort der Horizont nicht vor seinen Augen hin und her hüpfen würde.
Es war erniedigend.

Weder Grünherz noch die Stadt Torval brachten die erhoffte Erholung.
In Grünherz ankerten sie so kurz, dass es nicht für einen Landgang reichte. Sie hatten sich auf der Überfahrt leicht verspätet gehabt, und der Trupp stand schon im Hafen bereit, als die "Adlerschwinge" ihr Anlegemanöver begann.

Torval war noch schlimmer.
Nach der kühlen Meeresbrise, die Malparen allerdings kaum genießen konnte, empfing sie im Lande der Khajiit eine Wolke schwülwarmer Luft, die nach allem stank, was eine heruntergekommene Hafenstadt anzubieten hatte. Schon nach den ersten Schritten an Land klebte dem Vizeartefaktor das Hemd am Rücken. Dabei konnte er sich noch glücklich schätzen, nicht zum Tragen einer Rüstung gezwungen zu sein, wie seine beiden Begleiter, die mit ihm die Hügel hinauf zum Palast der Mähne schlurften. Hinzu kam, dass sich Malparen den ganzen Weg über beobachtet fühlte. Einheimische, an denen er vorüber kam, wandten sich entweder schnell ab oder starrten ihn mit Gesichtern an, deren Mimik er nicht zu lesen vermochte. Das hatte seinen Grund, wie er im Nachhinein erfuhr: Der Stallmeister des Ortes bot in einem kleinen Hof am Hafen Mietkutschen an, mit denen man den Weg hinauf ganz bequem zurücklegen konnte. Gemeinerweise hatte es niemand für nötig gehalten, ihn auf diesen Service hinzuweisen.

Der Rest des Briefes traf mehr oder weniger zu.
Die Bibliothekare erwiesen sich als gut informiert und, nebenbei bemerkt, als sehr geschäftstüchtig. Wohl in kaum einer anderen Stadt Tamriels hätte man für den Preis einer Auskunft zwei gute Pferde kaufen können. Trotzdem hatte sich der Abstecher gelohnt, denn am Ende des Tages hielt er eine aktuelle Karte in der Hand, in der die route zum Mondtempel eingezeichnet worden war, und schon am nächsten Morgen konnte die Expedition richtig beginnen.
...

Schmatzende Geräusche drangen von draußen an Malparens Ohr. Der Klang schwerer Stiefel, die bei jedem Schritt aus dem zähen Matsch des Weges gezogen wurden.
"Kommt schon rein", knurrte er, noch bevor sich die Person vor dem Zelt bemerkbar machen konnte.
Die Gestalt, die sich durch die nassen Stoffbahnen drängte, war selbst für einen Altmer ein wahrer Riese und hätte mit ihrer Muskelmasse so manchen Nord vor Neid erblassen lassen. Die glänzende Rüstung reflektierte das Licht der Feuerschale und ließ dadurch den Raum gleich ein Stück heller wirken. Auf einen Helm verzichtete Toludil, Kommandant der kleinen Schutztruppe der Expedition, nicht jedoch auf sein zweischneidiges Langschwert, welches wie gewohnt an seiner linken Hüfte baumelte. Angeblich hatte Toludil mit diesem Schwert bereits mehrere Drachen erschlagen, was jedoch Malparen für übertrieben hielt. Dafür hätte der Kommandant schon in Himmelsrand gedient haben müssen. Doch der Vizeartefaktor wusste aus verlässlichen Quellen, dass der Hüne noch nie so weit von zu Hause weg gewesen war wie auf ihrer jetzigen Expedition. Er gehörte zu Elvonas Privatgarde und war wohl eher hier, um ein Auge auf Malparen zu haben als um die viel zu kleine Soldatenschar anzuführen.
Gleich hinter Toludil betrat ein zweiter Mann das Zelt. Nimith war fast ebenso groß - zu Malparens Leidwesen, da er es hasste zu jemandem aufsehen zu müssen – aber so hager, dass er wie ein Skelett wirkte, das jemand in eine viel zu enge Haut gepresst hatte. Seine knöchellange, blutrote Robe war schlammverkrustet und triefte vor Nässe.
Nimith nickte Malparen nur kurz zu, während der mit einer Hand die Regentropfen von seinem kahlen Schädel wischte und mit der anderen seinen Stab an den nahen Waffenständer lehnte. Seine kalten, wasserblauen Augen fixierten den Expeditionsleiter wie ein Reptil, das seine Beute begutachtete.
Malparen schnaubte. "Ihr seht nicht so aus, als brächtet ihr gute Nachrichten", sprach er sie an. Das militärisch kurze "Nein" Toludils wunderte ihn nicht. Doch es ärgerte ihn natürlich.
"Nein. ... Und weiter?"
Der Kommandant hob abwehrend die Hände: "Dieser Tür ist mit keinem Mittel beizukommen. Kein Rammbock, keine Brecheisen, kein Feuer, was natürlich zu erwarten war, aber wir haben es der Vollständigkeit halber versucht. Jede Kleinigkeit der Reliefs wurde abgetastet und gesäubert, aber es gibt kein Schloss, kein Loch, keine Ritzen. Nichts."

Malparen starrte die beiden Männer an, als erwartete er, dass weitere Erklärungen folgen würden. Da dem nicht so war, schweiften seine Gedanken kurz ab. Ja, sie hatten den Tempel bereits gefunden, und nein, genau das hatte er der Magistra noch nicht schreiben wollen. Nicht bevor er wenigstens einen kurzen Blick ins Innere geworfen hatte. Doch gemau dies schien unmöglich zu sein. Ein Tor aus massivem Felsgestein ohne erkennbaren Schließmechanismus stand ihnen im Weg.
Den Mondtempel von N'Rajiik zu finden, war nach den Beschreibungen der Dorfbewohner nicht allzu schwer gewesen. Zwar hatte man die Expedition aus Alinor nicht gerade willkommen geheißen, doch nachdem Malparen mit den Ältesten gesprochen hatte, war alles ganz schnell gegangen. Man musste nur wissen, wie mit solchen Leuten zu reden war. Malparen grinste. Seine Drohung, die Kinder des Dorfes an die Dunmer zu verkaufen, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.
Danach jedoch war wieder einiges schiefgegangen.
Zuerst war einer seiner Soldaten auf den matschigen Wegen ausgerutscht und kopfüber in ein Sumpfloch gefallen. Der zähe Schlamm hatte sofort nach seiner Rüstung gegriffen, und als man ihn endlich herausziehen konnte, war es längst zu spät. Dann hatten die Regenfälle begonnen und bis heute nicht mehr aufgehört, und mit ihnen waren die Beißfliegen gekommen. Die Khajiit murrten, obwohl sie mit ihrem Fell im Gesicht immer noch besser dran waren als ihre elfischen Herren, die es kaum wagten, trotz der schwülen Luft ihre Rüstungen abzulegen.
Schließlich hatten sie den Tempel erreicht.
Er war keineswegs verschüttet, so wie es Malparen angenommen hatte. Matsch und Dreck hatten sich auf jeder ebenen Fläche abgelagert, jedoch nie mehr als hüfttief. Das Freilegen des Tores hatte keine zwei Stunden in Anspruch genommen, und nur doppelt so lange hatte es gedauert, jede kleine Ritze freizukratzen.
Danach ging nichts mehr.
Jeder Versuch, das Tor zu öffnen, war bisher gescheitert.  
...

Malparen kratzte sich am Kinn. "Hm ... und wenn wir versuchen, uns neben der Tür einen Eingang zu schaffen?"
"Negativ" Auch Toludil schien dieser Gedanke bereits gekommen zu sein. "Der ganze Tempel besteht aus diesem Gestein. Nicht einmal Diamantsplitter sind in der Lage, da hinein zu schneiden."
"Und doch haben seine Erbauer es geschafft, ganze Reliefs hineinzumeißeln", gab Malparen genervt zurück. "Also erzählt mir nicht, dass es nichts härteres gibt. Versucht es einfach weiter! ... Nimith?", wandte er sich an den Magier. "Sagt mir nicht, dass es mit Eurer Magie ebenso traurig aussieht."
Fast schien es, als hätten seine Worte eine Regung im Gesicht des Angesprochenen bewirkt. Fast.
Nimith schaute ihn einfach nur kalt an. "Ich bin Kampfmagier und kein Türöffner", ließ er Malparen in einem solch gleichgültigen Tonfall wissen, dass dieser explodierte: "Kampfmagier? Pah! Das ist die albernste Ausrede, die mir je zu Ohren gekommen ist. Entweder Ihr fuchtelt mit Eurem Stab in der Luft herum und öffnet diese verdammte Tür, oder Ihr seid für meine Expedition nicht zu gebrauchen! Dann könnt Ihr nach Torval zurück laufen und dort auf dem Markt verlauste Katzenbälger erschrecken! ICH bin hier der Leiter und ICH entscheide, wozu Ihr Eure Magie einsetzt! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?!" Mit hochrotem Gesicht starrte er sein Gegenüber an.
"Laut genug wart Ihr." Malparens Wutausbruch ließ Nimith völlig kalt. "Ich bezweifle jedoch, dass Ihr noch lange Leiter von irgendwas seid, wenn die verehrte Magistra erfährt, wie hoch der Wahrheitsgehalt Eurer Berichte tatsächlich ist."
"Ihr wollt ... ?" Malparens Hand fuhr zum Gürtel. Seine Finger tasteten nach dem Dolch, fanden diesen aber nicht, wobei dem Vizeartefaktor wieder einfiel, dass er die Waffe heute Morgen im Speisezelt vergessen hatte. Schonend gedünstete Babykarotten in Rotweincreme musste man zwar nicht schneiden, aufgespießt auf einem mit Diamanten überhäuften Golddolch zog solch ein Mahl aber viel mehr Aufmerksamkeit auf den Speisenden. Natürlich musste die Waffe danach gereinigt werden und ... Malparen spürte die Blicke und seine Gedanken kehrten zurück. "Das wagt Ihr nicht!", ergänzte er mehr rhetorisch als aus wirklicher Überzeugung.
Nimith wischte Malparens Einwurf mit einer Handbewegung beiseite. Ein kurzer Blick auf Toludil zeigte ihm, dass dieser sich bei einem echten Streit heraushalten würde. Doch das lag auch nicht in Nimiths Absicht. Sie drei führten diese Expedition gewissermaßen gemeinsam, und ein Misserfolg würde jedem von ihnen die weitere Karriere erschweren. Also ließ er sich zu einer Erklärung herab: "Zerstörungsmagie ist genauso wirkungslos wie rohe Gewalt. Der Zauber, welcher nicht nur auf der Tür, sondern auf dem ganzen Gebäude liegt, ist alt, uralt. Er scheint am ehesten in die Schule der Veränderung zu passen, obwohl es auch dagegen Anhaltspunkte gibt. Er ist nachts am stärksten, weshalb ich vermute, dass er mit den Monden in Zusammenhang steht. Und da wir hier in Elsweyr sind, bringt mich das auf eine Idee, die niemandem von uns gefallen wird."
"Wir sind in Pelletine. Elsweyr gibt es nicht mehr", warf Toludil ein, um die Verdienste des Aldmeribundes bei der Zerschlagung und Annexion des Khajiitreiches ins rechte Licht zu rücken. Er erntete dafür gleich zwei genervte Blicke. "Ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass die Katzen zu solcher Magie in der Lage sind?"
"Natürlich nicht. Das ist absurd." Malparen schüttelte den Kopf.
Nimith hingegen schien davon nicht so überzeugt zu sein. "Heute nicht", stimmte er den beiden zu, "aber vielleicht waren sie es einst."
Malparen wurde schlagartig blass, und auch Toludil starrte den Magier mit offenem Mund an.
"Ha! Das war ein Witz, was?" Der Kommandant versuchte ein Grinsen. Es misslang.
Da auch die anderen beiden keine Anstalten machten zu lachen, versuchte er die peinliche Situation durch militärische Härte zu überspielen. "Das ist UNGEHEUERLICH!" Seine gepanzerte Faust hieb auf den Schreibtisch, sodass alles was darauf lag, einen Hopser in die Luft vollführte. Dem Tintenfässchen gelang die Landung nicht ganz formvollendet und Malparen erkannte mit wachsendem Verdruss, dass er den Bericht nachcher noch ein drittes mal schreiben musste.
Toludil nahm den kleinen Unfall achselzuckend zur Kenntnis. Unbeeindruckt fuhr er an Nimith gewandt fort: "Wisst Ihr überhaupt, was Ihr da sagt? Wollt Ihr allen Ernstes behaupten, diese ... Tiere hätten einst über Magie verfügt, die uns üb... ebenbürtig war?" Das Wort "überlegen" brachte er einfach nicht über die Lippen. "Wollt Ihr das? Ja?" Er schlug noch einmal auf den Tisch, ohne jedoch den bereits angerichteten Schaden zu vergrößern. "Hütet Eure Zunge mit solcher Blasphemie!"
Während Toludil Nimith anbrüllte, hatte Malparen vorsichtig den Schreibtisch zwischen sich und seinen Kommandanten gebracht. Natürlich geschah das einzig in der Hoffnung, wenigstens Teile des Berichtes retten zu können, und nicht etwa aus Furcht vor Handgreiflichkeiten. Die würde es in seinem Zelt nicht geben. Dafür kannten sich die drei viel zu gut. Etwas Vorsicht konnte allerdings nie schaden.
Toludil beruhigte sich auch recht schnell wieder. Ein paar tiefe Atemzüge später klang seine Frage an Nimith kaum noch gereizt: "Ihr habt doch nicht vor, uns alle in Schwierigkeiten zu bringen?"
"Natürlich nicht." Nimith senkte die Hände. Das Glühen in den Handflächen verschwand. "Es war ja nur eine Theorie und ich bin nicht so dumm, diese öffentlich auszuposaunen. Wahrscheinlich stimmt sie auch gar nicht. Hmm ... was haltet Ihr von einem Kult Daedraanbeter? Könnte das die Lösung sein? Die Magie eines Daedraprinzen wäre unbestreitbar mächtig genug dafür."
Nach kurzem Zögern nickte erst Malparen, dann auch Toludil. Gut, die offizielle Version war geklärt.

Bhariit-al – Nacht vom 18.Tag auf den 19. Tag des 5.Mondzyklus des Jahres 7351

Anpa blinzelte, schaute sich um. Etwas hatte sich verändert. Sie war in ... Sjin J'al?
Ja genau, jetzt erkannte sie die Stadt wieder, die gigantische Metropole im Zentrum des Landes. Zu Beginn der Zeitrechnung als Handelsposten gegründet, hatte deren Einwohnerzahl die Zehnmillionengrenze bereits weit überschritten. Hier lebten Khajiit aller Erscheinungsformen friedlich zusammen. Hier gab es die Botschaften der Nachbarvölker: der Imga aus dem Westen, der Goblins und der scheuen Vogelwesen aus dem Norden, der Argonier und Lilmothiit aus dem Osten, der insektenartigen Siqar von den südlichen Küstengebieten, die spätere Völker als  Pyandonea kennen würden, und sogar – wenn auch momentan wegen "Meinungsverschiedenheiten" geschlossen – die Botschaft der Krecken aus dem äußersten Südwesten. Hier hatten die großen Handelshäuser ihren Sitz, ebenso wie die Gilden der Handwerker und natürlich die Verwaltung. Hier trat regelmäßig der Rat der Silberkatzen zusammen, jener Hochmagier, deren gewaltigen Kräften das Land einen Großteil seines Reichtums zu verdanken hatte.

Oft genug war Anpa hierher gereist, hatte genau an dieser Stelle gestanden, an der Kante einer Basaltstufe, die die Stadt teilte, und nach Süden über das Häusermeer der weitaus größeren Unterstadt geblickt, weit hinaus bis zum Horizont, wo der blaue Himmel auf ein grünes Meer aus Zuckerrohrfeldern traf.  

Auch heute schaute sie hinaus, sah über Dächer und Grünflächen, kleine Seen und breite Straßenzüge und hatte das Gefühl, dass etwas anders war. Nur was? Angestrengt blickte sie geradeaus.
War das Nebel, ganz in der Ferne?
Nein, wohl nicht.
Eine Luftspiegelung?
Schon eher, doch ...
Langsam, ganz langsam drang es hervor, begann mit einem Flimmern und legte sich dann wie ein zweites Bild über die Szene zu Anpas Füßen, durchdrang sie, zog sich zurück und wiederholte sich. Stärker jetzt. Einmal, zweimal, ... zehnmal. Immer deutlicher, immer realer wurde das Bild, welches sich der Seherin bot: Eine Landschaft, die nur aus Wasser bestand, die die ganze Unterstadt Sjin J'als verschlang, auslöschte, die sie durch ein Meer ersetzte, so wie die Ebenen dahinter bis zum Horizont. Vor ihren Füßen lag plötzlich ein Schiff vor Anker. Ärmlich gekleidete Hafenarbeiter liefen hin und her, trugen Warenballen oder Kisten herum. Möwen kreischten darüber und Befehle wurden in fremden Sprachen gebrüllt.
Das Merkwürdigste jedoch war ein Wachtrupp, der über die Straße marschierte. Zwölf ... Wesen in Zweierreihe, gekleidet in glänzende goldene Rüstungen mit Vollvisierhelmen auf den Köpfen. All ihre Bewegungen waren präzise aufeinander abgestimmt. Doch sie wirkten steif, hatte nichts khajiitisches an sich.
Auf ein Kommando wandten sich plötzlich alle zwölf zu ihr um. Dunkle Schlitze starrten sie an. Eiskalt lief es ihr den Rücken hinab. Ein weiteres Kommando, dass sie ebenso wenig verstand, ließ Hände hochfahren, sich an die Visiere legen, um sie zu öffnen und ... Anpa schrie.

Sie schrie noch, als sie mit weit aufgerissenen Augen im Bett saß. Schwarze Nacht um sie herum und ein schmaler Streif silbernen Mondlichtes, der ins Zimmer fiel.

Burg Meirtal – Versammlungsplatz - 3.Sonnenhöhe 4Ä 293

„Und ich sage NEIN! Ich will diesen Vorschlag nie wieder von Euch hören, Ahzam'ri, NIE WIEDER!“

Hazur seufzte innerlich. Genau das hatte er kommen sehen, und genau darum hatte er keine Lust auf Versammlungen. Gerade hatte er mit Ro'Sirdar im Schlepptau den Platz erreicht, da wurde er schon Zeuge eines neues Streits. Er bleib am Rande der Versammlung stehen, schaute nur geradeaus.
Die schmale, graufellige Frau, die soeben noch einen fast drei Köpfe größeren Kathay-raht in martialischer Kriegsrüstung angebrüllt hatte, blickte zu ihm herüber. Das zornige Blitzen ihrer Augen verschwand, machte Scham und Hilflosigkeit Platz.
„Verzeiht mir, Dro'Hazur“, sprach Lussi'ko zu ihm gewandt. „Ich habe mich gehen lassen. Es ist nur ...“ Ihr Blick wanderte über den Kreis der Versammelten, blieb kurz bei Ahzam'ri hängen und kehrte wieder zu Hazur zurück. „... Ihr müsst doch verstehen, dass Nekromantie nicht die Lösung sein kann. Das war sie noch nie. Wer immer sich darin versuchte ist gescheitert und hat noch mehr Elend über das Land und die seinen gebracht. Namiira kann man nicht vertrauen. Nicht der Dunkelheit und nicht ihren Sklaven!“
„Pah!“ Ahzam'ri hatte während ihren Worten die Arme vor der breiten Brust verschränkt. „Wir sind die Hüter der Aschnarbe. Wir leben seit Generationen mit der Gefahr. Hat sie uns geschadet?  Nein! Sie hat uns stark gemacht. Mein Clan wurde noch nie von den Thalmor bezwungen. Noch nie haben sie unser Gebiet betreten.“
„Weil es bei euch nichts zu holen gibt außer Knochen und Sand“, flüsterte Ro'Sirdar hinter Hazurs Rücken. Dieser drehte sich um und warf seinem jüngeren Freund einen missbilligenden Blick zu. Dann trat er in den Kreis und richtete sein Wort an Ahzam'ri: „Wir alle wissen um die Macht und die Verdienste eures Clans“, begann er. „Ohne eure Kampfmagier wäre manche Begegnung mit dem Feind anders ausgegangen.“
Der Kriegsfürst nickte geschmeichelt. Die anderen, Lussi'ko eingeschlossen, verhielten sich still und warteten Hazurs weitere Worte ab.
„Doch wir kennen auch die Geschichten vieler anderer großer Magier, die gestrauchelt sind. Erinnert Euch nur an Arum-Khal aus der zweiten Ära. Zählt Ihr ihn nicht zu euren Ahnen? Auch er konnte trotz all seiner Macht nicht gegen den verführerischen Ruf des Herzens bestehen. Er wurde zum Dro-m'Athra, und nur die Liebe seines Bruders konnte den Bann letztlich brechen. Wer wird Euch retten, wenn Euer Schwanz im Takt von Lorkhajs Herz zu zucken beginnt, wenn Ihr nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden könnt?“
Ahzam'ri holte zu einer scharfen Entgegnung Luft, ließ es jedoch, als er bemerkte, dass sich niemand der anderen auf seine Seite schlagen würde. Hazur fuhr versöhnlicher fort:
„Ich stimme Euch zu, wenn Ihr sagt, dass eine Armee von Dro-m'Athra die Thalmor binnen eines Mondes aus dem Land fegen würden. Diese Macht hätten sie gewiss. Doch was geschieht danach? Könntet Ihr sie wieder bannen?“
„Ich ...“
Jeder konnte sehen, dass Ahzam'ri die Worte des Geschichtenerzählers nicht gefielen. Doch er war weder ein Narr noch ein Lügner. Er konnte nicht mit einem „Ja“ darauf antworten. Mit Zorn im Blick verließ er ohne ein weiteres Wort den Platz.
„Ihr solltet nachher noch einmal unter vier Augen mit ihm reden“, sagte Hazur an Lussi'ko gewandt. „Ich weiß“, antwortete diese. „Er ist ein guter Mann, wenn auch sehr impulsiv. Doch letzten Endes kämpfen wir für das gleiche Ziel.“
Hazur nickte freundlich und begab sich dann zu seinem Platz.
Die Versammlung war noch nicht beendet.

Vvardenfell - Zehn Jahre zuvor

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne tauchten die östlichen Ausläufer des Roten Berges in weiches orangefarbenes Licht. Sie fanden ihren Weg durch hauchzarte Nebelwölkchen in ein breites, flaches Tal, dass sich weit nach Osten erstreckte. Ein kleiner Fluss und mehrere klare Bäche entsprangen den Bergen und schufen hier einen See, dessen Oberfläche die schnell ziehenden Wolken des Morgenhimmels spiegelte. Die Luft war mild, sie roch nach frischer Erde, nach den ersten Blumen, die ihre Blüten für die Sonnenstrahlen zu öffnen begannen.
Etwas oberhalb des Sees erhob sich ein flaches Plateau, frei von Geröll oder Bewuchs und wie geschaffen, um ohne viel Aufwand eine kleine Stadt errichten zu können.

Zwei Gestalten in dunklen Kapuzenmänteln standen Seite an Seite am Ufer des glitzernden Sees. Schlanke grauen Finger einer Hand hielten eine andere mit weichem, sandfarbenem Fell fest umschlungen.
„Es ist wunderschön hier“, flüsterte Rakizna. „Ich hätte nie gedacht, dass dein Vater so etwas erschaffen kann, Gemma.“
Das Gesicht der Dunmer wandte sich ihr zu, Augenbrauen hochgezogen, die roten Augen funkelnd. Der aufgesetz hochmütige Blick wich jedoch sehr schnell einem Lächeln. „Ich auch nicht“, gab sie zu. „Dieses rauchende Aschefeld in fruchtbaren Boden zu verwandeln ist selbst für den besten Magier eine herausragende Leistung. Ich glaube, das ist das erste Mal in seinem Leben, dass er sich magisch völlig verausgabt hat.“
„Ich hätte ihm gern dafür gedankt.“
Gemma nickte. „Ich weiß.“
Eine kleine Ewigkeit schweiften ihre Blicke über den See. Sie fanden zwei Schwäne nahe des schilfbewachsenen Südufers, die sich umkreisten und verliebt die Hälse umeinander schlangen. Vielleicht würden sie bleiben, brüten und bald als kleine Familie das neue Gewässer beleben.
„Aber ...“, nahm Gemma das Gespräch wieder auf, „wir sollten mit dem Bedanken noch etwas warten. Gib ihm Zeit. Es ist auch für ihn nicht einfach.“
„Ob er mich irgendwann akzeptieren könnte?“
Gemmas Hand schloss sich fester um die der Khajiit. „Er muss“, antwortete sie. „Er hat keine Wahl.“
„Aber ich will nicht, dass ...“
„Vertrau mir. Er wird sich damit abfinden. Das hat er bisher immer getan. Ich bin doch nicht umsonst das schwarze Guar der Familie. Eine Telvanni, die im Untergrund Sklaven befreit, statt brav mit ihren Schwestern im heimischen Turm zu sitzen und Vater bei seinen Dwemerforschungen zu assistieren. Sieh dich doch um. Hätte er das hier für uns geschaffen, wenn er dich nicht auch bereits mögen würde? Er ist gar nicht so unnahbar, wie er sich gerne gibt.
Wir sollten ihm nur die Zeit lassen, die er braucht. Er gibt zwar nicht viel auf Etikette und Traditionen, doch ein Mindestmaß muss auch er aufrecht erhalten. Der Rat der Telvanni wartet doch nur darauf, dass Vater einen Fehler macht.“
„Genau das meine ich doch. Ich möchte nicht schuld daran sein, dass die anderen Ratsherren über ihn herfallen.“
„Du wirst nicht schuld daran sein. Niemand wird über ihn herfallen. Und niemand wird vorerst erfahren, dass Vater dieses Tal erschaffen hat, einverstanden?“
„Einverstanden. Man würde uns ja sowieso nicht glauben.“
Gemma nickte bestätigend.
„Auch darauf beruht ein Teil seiner Macht. Behalte deine Geheimnisse für dich, oder wenn du das nicht kannst, dann übertreibe so, dass niemand die Wahrheit glauben wird. Ein alter Leitsatz der Telvanni. Ich denke, ein klein wenig sollten auch wir uns daran halten. Für die erste Zeit. Vater sagte beim Abschied noch, dass er uns in Klippenläufer verwandeln wird, wenn wir die Sache vermasseln.“
Erschrocken riss Rakizna die Augen auf. „Kann er das?“
Gemma schaffte es ganze fünf Sekunden, sich das Lachen zu verkneifen. Es schallte hell über den See, und die beiden Schwäne wandten ihnen die Köpfe zu.
„Nein“, sagte sie, noch immer kichernd. „Nein, das kann er nicht. Und selbst wenn, dann würden wir das Beste daraus machen, nicht wahr? Ich würde dir ein Nest bauen, ganz hoch oben in den Klippen der Azuraküste. Und von dort würden wir die Flügel ausbreiten und weit, weit über das Meer fliegen. Vielleicht sogar bis nach Akavir.“
„Ja, fliegen müsste man können“, antwortete Rakizna und kuschelte sich schnurrend an die Dunmer.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast