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Was das Leben nicht vorsieht, erfindet das Schicksal dazu

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
15.01.2023
03.02.2023
12
22.385
4
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25.01.2023 1.683
 
Verschwitzt, genervt und völlig in Gedanken versunken kam ich gerade noch rechtzeitig auf dem Schulgelände an. Das Alte Gymnasium war ein rotes Backsteingebäude mit hohen Decken und weißen Fensterrahmen. Im Winter war es in den Gängen viel zu kalt, aber wenn die Hitze des Sommers auf das alte Gemäuer drückte, konnte man es dort gut aushalten. Weil es trotz der frühen Uhrzeit schon ziemlich warm und ich wegen der Raserei auf dem Fahrrad total überhitzt war, war ich heilfroh, als mich die vertraute kühle Luft empfing.
Unzählige Schüler drängten sich gerade in ihre Klassenräume, da der erste Gong soeben durch die Flure geschallt war. Heute würden die Neuntklässler ein wenig auf mich warten müssen, denn ich brauchte auf jeden Fall noch ein paar Minuten, um mich auf den Unterricht einzustellen. Mit dem Kopf hing ich noch diesem seltsam ereignisreichen Morgen nach, von dem ich vor einer halben Stunde noch gedacht hatte, es könnte heute ein schöner Tag werden.
Erst wollte Linda mit mir schlafen, während ich mich gerade mit der Frage herumplagte, wie ich mir David, einen wohlgemerkt nahezu völlig Fremden, aus dem Kopf schlagen sollte, und dann erzählte Dani mir, dass sie ein Kind erwartete, obwohl sie bei der letzten Schwangerschaft nur um Haaresbreite überlebt hatte. Ich fühlte mich wie auf einer Achterbahnfahrt, die ich gar nicht hatte antreten wollen. Von diesen ganzen Loopings wurde mir nur schlecht und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als einfach auszusteigen.
„Ben, guten Morgen! Du bist ja schon hier.“ Eva war plötzlich neben mir aufgetaucht.
Sie war eine meiner jüngsten Kolleginnen, seit dem Sommer zählte sie offiziell zum Lehrerkollegium, nachdem sie ihr Referendariat bei uns absolviert hatte. Sie war eine sehr ruhige, aber auch unsichere Person und holte sich häufig Rat bei mir. Manchmal hatte ich allerdings das Gefühl, dass sie versuchte, auf diese Weise näheren Kontakt zu mir aufzubauen, weil ich wusste, dass sie für die Stelle bei uns neu in die Stadt gezogen war und noch keinen richtigen Freundeskreis hatte. Ich fand sie sympathisch, aber dennoch verstärkte sich von Woche zu Woche der ungute Eindruck, dass sie nicht nur im freundschaftlichen Sinne ein Auge auf mich geworfen hatte. Gerade in diesem Moment war mir dies sehr unangenehm.
„Hallo, Eva“, erwiderte ich. „Na klar bin ich schon hier. Ich hab doch zur ersten.“ Selbst in meinen Ohren klang es reichlich unterkühlt, obwohl das nicht meine Absicht war. Aber das konnte sie ja nicht wissen.
Eva legte fragend den Kopf schief. „Ich dachte, Direktor Fitzenmeyer wollte mit dir sprechen und dass ich deshalb deine Stunde übernehmen soll. Hat sich das jetzt doch geändert?“
„Ähm ...“ Ich schaute in mein Fach hinter meinem Platz, in dem ich eine Nachricht vom Direktor fand, in welcher er genau das erklärte.
„Es steht auf dem Vertretungsplan“, fügte Eva hinzu.
„Nein, das hat sich nicht geändert“, erwiderte ich nun und seufzte innerlich auf. Was wollte der Direktor denn jetzt von mir, dass er dafür eine ganze Schulstunde einplante? Es konnte sich ja bei der Zeitplanung nur um ein wichtiges Thema handeln und ich war mir nicht sicher, ob ich ausreichend Konzentration für sowas übrig hatte – ich war mit dem Kopf einfach ganz woanders.
„Die Neun C ist doch deine Klasse“, holte Eva mich aus meinen Gedanken zurück. „Muss ich da auf irgendwen besonders achten?“
Eva schaute durch ihren dunkel getuschten Wimpernkranz zu mir auf. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie versuchte, mit mir via Blickkontakt zu flirten, weshalb ich mich rasch von ihr abwandte und in meiner Tasche kramte, obwohl ich nicht mal wusste, nach was ich suchen sollte.
„Nein, die Neuner sind eigentlich ganz nett. Mario Hoffmann plustert sich manchmal etwas auf, aber im Grunde ist er ein netter Kerl, der einfach nur gerne den Klassenclown mimt.“
„Ah okay. Dann behalte ich ihn besonders im Auge. Und ...“
„Ben, da sind Sie ja endlich.“
Direktor Fitzenmeyers Kopf tauchte im Türspalt zu seinem Büro auf und erlöste mich von weiteren Versuchen Evas, die Konversation künstlich in die Länge zu ziehen. Eigentlich war ich mit den Gedanken noch immer ganz woanders; beinahe fühlte es sich an, als hätte ich meinen Kopf irgendwo auf der Strecke zur Arbeit verloren. Ich war noch gar nicht bereit, mich auf die Dinge einzulassen, die gerade meine Aufmerksamkeit erforderten. Dennoch durchquerte ich den Raum wie ein folgsames Schaf und eilte zu Richard Fitzenmeyer ins Büro, der schon wieder an seinem riesigen altbackenen Schreibtisch saß.
Er wies auf einen der beiden blau bepolsterten Holzstühle, die Ende der 90er sicher mal modern gewesen waren.
Direktor Fitzenmeyer folgte meinen Bewegungen mit den Augen. Beinahe fühlte ich mich, als wäre ich durch eine wichtige Prüfung gerasselt oder als würde man mir jeden Moment sagen, dass ich gekündigt werden würde.
„Guten Morgen Ben, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so unerwartet überfalle.“
Wir waren ein recht persönliches Lehrerkollegium und nutzten zumindest unsere Vornamen. Einige meiner Kollegen, die ich näher kannte, duzte ich auch. Richard Fitzenmeyer gehörte jedoch nicht dazu, obwohl er meinen Vater persönlich kannte und sie sich gelegentlich zum Angeln trafen. Dieser Verbindung hatte ich es zu verdanken, dass ich mein Referendariat an dieser Schule hatte absolvieren und nach erfolgreicher Beendigung direkt hatte hier bleiben können. Dennoch sprach er zumindest mich mit dem Vornamen an.
„Kein Problem. Ich war mir nur nicht darüber im Klaren, dass wir heute Morgen ein Gespräch haben“, gab ich zur Antwort.
„Ich weiß, ich habe das auch erst gestern am späten Nachmittag in die Wege geleitet.“
Richard Fitzenmeyer lehnte sich in seinem Stuhl zurück, das Leder unter ihm knautschte.
„Also, Ben, der Grund, warum ich die erste Stunde für Sie gecancelt habe, ist der, dass Sie einen neuen Schüler in ihre Klasse bekommen werden.“
Direktor Fitzenmeyer war im Alter meines Vaters, also fast 60 und seine Fächer waren Deutsch und Geschichte, weshalb es sich seltsam anhörte, wenn er Wörter wie ‚gecancelt‘ benutzte.
Nichts desto weniger überraschte mich die von ihm hervorgebrachte Information. „Ein neuer Schüler, obwohl das neue Schuljahr schon vor drei Wochen begonnen hat?“, fragte ich verwundert.
„Ja. Das Schulverwaltungsamt rief vor drei Tagen an und sprach mit mir darüber. Vorgestern wurde er uns zugewiesen und heute wird er seinen ersten Schultag bei uns haben.“
Da ich nun wusste, dass ich nicht gefeuert werden würde (was auch völlig unsinnig gewesen wäre, da ich mir sicher nichts hatte zu Schulden kommen lassen), entspannte ich mich etwas und lehnte mich ebenfalls auf meinem Stuhl zurück. „Okay. Ist er hier her gezogen?“ Es gab immer mal wieder Schwierigkeiten mit den Schulplätzen, sodass das Schulverwaltungsamt eingeschaltet werden und die Behörde entscheiden musste.
„Nein.“
Dann gab es eigentlich nur noch eine Option, die mir direkt in den Sinn kam. „Ist etwas auf seiner alten Schule vorgefallen?“ Nun war nur noch die Frage, ob er selbst etwas angestellt hatte oder ob ihm dort etwas widerfahren war. Fakt war aber, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handeln musste, denn sonst hätte das Schulverwaltungsamt nicht so schnell reagiert – in diesem Fall offenbar sogar sehr schnell.
„Ganz genau – da haben wir auch das Problem. Er kommt vom Alexander von Humboldt Gymnasium. Dort wurde er massiv gemobbt. Bevor ich Ihnen jetzt so plötzlich einen neuen Schüler in die Klasse setze, dachte ich, es ist sinnvoller, wenn wir uns über ihn und die Geschehnisse austauschen. Immerhin wechselt der Junge die Schule, um hier in Frieden zu lernen gehen und seinen Abschluss zu machen.“
Ah, da lag also der Hase im Pfeffer. Mobbing war ein unglaublich großes Thema – an jeder Schule – davon war ich felsenfest überzeugt. Nur sprach man in meinen Augen viel zu wenig darüber. Auch wenn gerade die Schulsozialarbeit an dieser Problematik arbeitete und versuchte, für Prävention und Aufklärung zu sorgen, wurde diesem Thema prinzipiell zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, zumal die sozialen Medien eine Mobbingattacke anonymisieren und sie damit für die Täterpartei unglaublich erleichtern konnten. Ich glaube, dass sich gerade die Opfer oftmals nicht trauten, laut zu werden und auf sich aufmerksam zu machen – wenn sie denn überhaupt wussten, von wem sie attackiert wurden.
Aus politischer Sicht war Mobbing an Gymnasien jedoch häufig nicht existent – weshalb es ein großes Drama war, eine Sozialarbeiterstelle an unserer Schule zu schaffen. Direktor Fitzenmeyer hatte lange dafür gekämpft. Ich glaube, im allgemeinen Volksmund dachte man, dass die Schüler eines Gymnasiums schlauer waren und deshalb wussten, dass es ein Unding war, seine Mitmenschen – egal mit was auch immer – zu quälen. Ich persönlich ging aber fest davon aus, dass Mobbing an Gymnasien ein ebenso großes und vor allem wichtiges Thema war wie an jeder anderen Schule auch. Es wurde vielleicht weniger physische Gewalt eingesetzt und war dadurch weniger offensichtlich.
„Das macht Sinn. Wie heißt er denn? Und wie alt ist er?“
„Er ist fünfzehn Jahre alt, sein Name ist Paul Reinecke“, antwortete Direktor Fitzenmeyer.
Ich nickte. „Also hat er offenbar noch keine Klasse wiederholt“, schlussfolgerte ich auf Grund des Alters.
„Nein, er scheint sogar ein recht ambitionierter Lerner zu sein. Sein Zeugnis war wirklich gut.“ Direktor Fitzenmeyer schob mir eine Kopie über den Schreibtisch zu. Paul schien tatsächlich ein breit gefächertes Interesse zu haben – seine Noten bewegten sich ausschließlich im Einser- und Zweierbereich, das gab es nicht allzu häufig. Jeder hatte eigentlich mindestens ein Fach, das eine Schwäche preisgab.
„Das ist nicht das letzte Zeugnis“, stellte ich dann fest, als ich das Datum sah.
Richard Fitzenmeyer nickte. „Stimmt. Sein letztes Zeugnis ist nämlich eine Katastrophe. Die Situation mit den anderen Schülern hat ihn stark eingeschüchtert und ausgebremst. Zudem war er wegen einer gebrochenen Nase und eines Schlüsselbeinbruchs fast drei Monate gar nicht in der Schule. Wir haben erst überlegt, ob er nicht besser auf eine Gesamtschule wechseln sollte, doch das möchte seine Mutter nicht, da sich sein Schulweg dadurch wesentlich verlängern würde.“
Hellhörig geworden, blickte ich von dem Zeugnis auf, das auch ein tadelloses Sozialverhalten bescheinigte. „Meine Güte, was war denn auf dem Humboldt Gymnasium los, dass man ihm die Nase und das Schlüsselbein gebrochen hat?“ So viel dazu, dass an Gymnasien weniger physische Gewalt genutzt wurde.
Herr Fitzenmeyer lehnte sich wieder nach vorn, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete seine Hände. „Ich sagte ja, er wurde massiv gemobbt.“
„Und warum?“
„Auf Grund seines Outings zur Homosexualität.“
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