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ardently

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Harry Styles Louis Tomlinson
18.12.2022
25.01.2023
7
35.693
1
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25.01.2023 4.622
 
7.  

but now everything is through / it‘s you I wanna call though


Louis hatte die letzten drei Tage nichts von Harry gehört und es war das erste Mal in nun ja, wahrscheinlich seit sie sich kennen gelernt hatten, dass sie so lange überhaupt nichts von einander gehört hatten.
Louis saß im Aufenthaltsraum ihres Büros, der eigentlich nur für Mittagspausen genutzt wurde. Er hätte schon vor über einer Stunde nach Hause gehen können, aber zurück in sein leeres von Harry eingerichtetes zuhause zu kommen, kam ihm vor als würde er in seinen persönlichen Selbstmord laufen. Deshalb hatte er sich mit seinem Laptop auf dem Schoß in einem Sitzsack sinken lassen und wartete nur darauf, dass man ihn rauswarf.
Er durchstöberte das Netz nach Artikeln, die Titel hatten wie „How to save your failing long-distance relationship“ und fühlte sich als wäre das der letzte Nagel in ihrem Sarg.
Louis sagte sich selbst, dass er es als Ablenkungen benutzen würde für die schrecklichen Bewerbungen, die die Personalabteilung auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. Aber er wusste, dass er sich damit nur anlog. Vermutlich wusste jeder und sein Laptop, der ihn verurteilend anzustarren schien, dass er sich damit nur anlog.
„Hier bist du.“
Louis erschreckte sich vor Zayns Stimme, als er von der Tür aus sprach. Er war schon zu gewöhnt an die Stille gewesen, die nur von seinem eigenen Klicken unterbrochen wurde. Zayn stand in der Tür, die Haare ein wenig verwuschelt und rote Wangen und wirkte trotzdem noch unglaublich cool. Wahrscheinlich würde Louis nie verstehen, wie er wirklich immer so verdammt cool wirken konnte.
„Was machst du hier?“
Zayn war früher gegangen an diesem Nachmittag, weil er noch einen Zahnarzttermin hatte und er hatte nicht erwartet ihn vor dem nächsten Tag noch einmal zu sehen.
„Du hast nicht auf unsere Nachrichten geantwortet und Elle will uns unbedingt irgendwas erzählen.“
Louis Handy lag vergraben in seiner Tasche, weil er sowieso wusste, von wem er keine Nachricht darauf finden würde.  
„Sorry.“
In schnellen Schritten war Zayn durch das Zimmer gelaufen und auch wenn Louis sich beeilte seinen Laptop zu schließen, war er sich sicher, dass Zayn noch einen Blick auf die offenen Seiten erhaschen konnte, bevor er ihn förmlich zugeschlagen hatte.
„Hast du Pornos geschaut oder was ist mit dir los?“, grinste er und tat offenbar so, als hätte er es nicht gesehen. Louis war ihm dankbar, sagte aber nichts.
„Also habt ihr gedacht, ihr schickt nen Suchtrupp los, weil ich euch nicht antworte. Wir müssen unbedingt mal über Grenzen und Privatsphäre reden.“ Louis sagte es mit Witz in der Stimme auch wenn vermutlich mehr Wahrheit darin steckte, als sie alle zugeben wollten.
„Sie war sehr hartnäckig“, Zayn zuckte mit den Schultern und Louis seufzte. „Außerdem waren wir nur zuerst bei deiner Wohnung.“
„Als würde das das besser machen“, murmelte Louis bevor er seinen Laptop in seinen Rucksack packte und sich mit Zayns Hilfe von dem Sitzsack hoch hievte, weil das allein noch nie jemand in seinem gesamten Leben geschaffte hatte.
„Wie geht‘s Harry?“, fragte Zayn während sie zusammen in den Aufzug stiegen, weil er das immer fragt und das irgendwie ein Ding zwischen ihnen beiden geworden war.
„Ich hab keine Ahnung“, antwortete Louis ehrlicherweise, weil Zayn sowieso seine „Recherche“ gesehen hatte und er keine Lust mehr hatte so zu tun als wäre alles zwischen ihnen in Butter.
„Das wird schon“, Zayn klopfte ihm auf die Schulter und Louis konnte in seiner Stimme hören,d ass er es auch so meinte.
„Da bin ich mir nicht so sicher“, antwortete Louis. Es war das erste Mal, dass er es laut aussprach und er hätte gedacht er würde sich besser danach fühlen. Doch das Gegenteil war der Fall.

*

Elle hatte sie drei Tequila Shots trinken lassen, bevor sie ihnen ihre Neuigkeiten erzählten, weil sie so glücklich und überdreht war und Zayn und Louis auf dem gleichen Level brauchte. Louis trank fünf, bevor er  anfing sich leicht und warm zu fühlen und Zayn beäugte das beunruhigt, als wüsste er schon, dass er Louis am Ende des Abends in sein Bett bringen musste.
„Aallso“, Elle sah sie erwartend an, als wäre sie nicht diejenige, die sie für Neuigkeiten zusammen getrommelt hatte.
„Also?“ Zayn zog die Augenbrauen hoch und schob das leere Shotglas vor sich vorbei. Er beugte sich ein wenig vor und wenn Louis es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, dass er Elle küssen wollte. „Was gibts für geheime Neuigkeiten, dass du uns zusammentrommelst?“
Elle verdrehte die Augen und Louis fühlte sich wie bei einer sehr merkwürdigen Drogenübergabe. Gleich würde Elle eine kleine Tüte Pillen aus der Tasche holen und Zayn würde ihr Geld über den Tisch schieben und dann würden sie alle wortlos andere Wege gehen.
So stellte Louis sich zumindest Drogenübergaben vor. Besonders in vollen Bars. Wenn alle Leute hinsahen, fiel so was doch bekanntlich besonders wenig auf.
„Ich mein- ich hätte es euch natürlich auch morgen erst erzählen können, aber das wäre irgendwie nicht feierlich genug gewesen“, sie zog ihre Hände aus den Jackentaschen und Louis war bis zu diesem Moment gar nicht aufgefallen, dass sie sie schon beinahe religiös in ihren Jackentaschen behalten hatte bis sie nun hier waren.
„Michael und ich sind verlobt.“ Elle hielt ihnen ihre linke Hand unter die Nase und an ihrem Ringfinger prangte ein feiner goldener Ring mit kleinem Steinchen.
Louis hatte das Gefühl kotzen zu müssen.
„Ohh herzlichen Glückwunsch!“ Er brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass er das selbst gesagt hatte. Elles ganzes Gesicht schien zu strahlen und gar nicht mehr aufzuhören. Auch Zayn sah ein wenig überrascht aus, beugte sich dann aber über den Tisch, um sie zu umarmen.
Es brauchte überhaupt niemand zu fragen, wie es passiert war, da hatte Elle schon angefangen zu erzählen. Dass sie sich ja frei genommen hatte, weil Michael für sie einen Wanderurlaub in Schottland gebucht hatte. Und dass er alles wunderbar vorbereitet hatte in einem Restaurant ihres Hotels. Er hatte es beim Frühstück machen wollen, weil sie sich beim Frühstück kennen gelernt hatten - Louis wusste auch nach einem Dreiviertel Jahr Freundschaft noch nicht wie genau. Aber dann hatte Elle den Ring versehentlich in seinem Koffer gefunden, als sie nach seinen Badeshorts gesucht hatte und es war alles ein wenig spontaner geworden.
Sie erzählte ihnen davon als hätte Michael für sie höchstpersönlich die Sonne vom Himmel geholt und Louis probierte wirklich glücklich für sie zu sein.
Von den weiteren drei Tequila Shots, die er sich auf dem Weg zum Klo an der Bar bestellte, erzählte er keinem der beiden. Aber sie erklärten warum Zayn ihn an diesem Abend wirklich ins Bett bringen musste. Nicht ohne das Louis einen fürchterlichen Aufstand machte und so lang gegen das Bein seines Nachttischs trat bis es abfiel und der Tisch samt Bilderrahmen ohne Glas nach vorne kippte.
Louis wusste, dass Elle es nicht absichtlich tat. Aber es kam ihm so vor, als würde sie mit ihrer perfekt funktionierenden Beziehung vor seiner Nase herum wedeln und sich über ihn lustig machen, weil er seit drei Tagen kein Wort von Harry gehört hatte.

*

Louis Sturkopf brach einen Tag später zusammen, als er aus den Bewerbungen sechs ausgesucht hatte, die er einladen wollte, weil er sich nicht einmal mehr wirklich dran erinnern konnte aus welchem Grund er Harry nicht schreiben wollte.
Mal ganz von ihrem fürchterlichen Streit abgesehen.
‚Kommst du am Wochenende? :)‘ , schrieb er, weil das so für das Wochenende ausgemacht war, als sie einmal die nächsten Monate geplant hatten. Kam ihm vor, als wäre das eine Ewigkeit her.
Harry antwortete noch in der Minute, in der Louis die Nachricht abgeschickt hatte und Louis probierte sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen und es auf Harrys Handysucht zu schieben. Doch in seinem Herzen machte sich trotzdem die Wärme breit, die davon kam, dass er vielleicht - nur ganz vielleicht auf Louis Nachricht gewartet hatte.
‚Kann nicht, bin unterwegs mit den Jungs. :/ ‘
All die Hoffnung war mit sieben Worten wieder zerstört und etwas mit ihm wollte ihn fragen, wer überhaupt ‚die Jungs‘ sein sollten. Harry hatte die Leute mit denen er ab und an Basketball spielen ging, Niall und die Ladies aus seiner Bäckerei. Er hatte keine ‚Jungs’.
Doch er wollte nicht passiv aggressiv wirken, sondern verständlich auch wenn er Harry am liebsten ihren gemeinsam ausgearbeiteten Plan geschickt hätte, um ihm zu zeigen, dass es nicht Louis war der falsch lag in diesem Moment. Doch auch das tat er nicht.
‚Oh schade. Hätte dich gern gesehen :(‘ , antwortete er stattdessen und es war die Wahrheit. Er sah Harry immer gern.
‚Nächste Woche! :)‘, ploppte auf seinem Handy nur Sekunden später auf und es fühlte sich auf der einen Seite fürchterlich normal an so mit Harry zu schreiben und auf der anderen Seite wie der größte Fehler, den sie begehen konnten.
Louis konnte sich noch nicht ganz entscheiden, was von beidem es nun war.

*

In den kommenden Wochen schwor Louis Schlaf einfach ab. Er beschloss, dass er nicht schlafen musste, wenn der Schlaf ihn nicht haben wollte und verkroch sich stattdessen mit seinem Laptop in seinem Bett und gab sich ewigen Google Suchen hin. Manche Blogs erklärten ihm, dass er probieren sollte etwas besonderes aus Harrys und seinem Nächsten gemeinsam Wochenende zu machen. Andere beschrieben, dass einfach ein wenig Zweisamkeit und Normalität die Lösung für all ihre Probleme sein würden. Und dritte erklärten, dass Kommunikation das wichtigste Mittel auf der ganzen Welt wäre.
Die meiste Zeit ließen sie Louis mit einem schwirrenden Kopf zurück bis er schließlich aus purer Anstrengung einschlief und nur wenige Stunden später von seinem Wecker wirklich geweckt wurde. Ohne zu wissen, was er nun machen sollte, wenn Harry ihn das nächste Mal besuchen kam.

*

Er war sich unschlüssig bis Harry vor seiner Wohnungstür stand.
Ein Haarband im Haar, weil es schon wieder so lang geworden war, dass es bei dem wärmeren Maiwetter an seiner Stirn klebte. Er trug ein weißes Shirt mit dem Umriss von Lippen darauf. In ihnen war etwas geschrieben, aber Louis sah nicht lang genug hin, um zu lesen, was dort stand. Zu schnell war sein Blick wieder auf Harrys Gesicht gerichtet. Das Lächeln auf seinen Lippen war so sanft, dass er Harry am liebsten direkt in seine Arme geschlossen hätte und den Schmerz, der sich so anfühlte als hätte Harry gerade mit seiner puren Anwesenheit sein Herz gehaltvoll aus seiner Brust gerissen ignoriert hätte.
„Hi“, sagte er, als er zur Seite trat und ihn in seine Wohnung ließ. Es kam ihm vor wie ein unglaublich vages Déjà-vu. Er hatte sich all die Dinge zurecht gelegt, die er Harry sagen wollte. Weil er mit Harry kommunizieren wollte. Und nun warne sie alle weg. Nur das Louis diesmal hoffte, dass es nicht in einem unglaublichen Streit enden würde.
Harry trat ein in die Wohnung, als wäre sie ihm vollkommen fremd und er hätte keinen Samstag damit verbracht sie liebevoll einzurichten, damit Louis sich wohl in ihr fühlte.
Er schnipste mit seinem Finger immer mal wieder gegen sein anderes Handgelenk und Louis wusste, dass das dafür da war, um besser mit seiner Nervosität umzugehen.
„Du hast aufgeräumt.“
Louis räumte immer auf, bevor Harry kam, weil Harry zu vernarrt in Ordnung war, um in Louis Unordnung zurecht zu kommen. Vor langer Zeit hatte Louis einmal geglaubt, dass sie das zu zwei Puzzelteilen machte, die einfach zusammen passten.
„Klar.“ Er schloss die Tür hinter sich und sah Harry dabei zu wie er seinen Rucksack, der selbst bei Harry viel zu groß wirkte auf den Boden stellte.
„Was ist da passiert?“, Harry deutete auf den Nachttisch, der seit seinem Wutanfall von einem Hocker gehalten wurde, den Louis bei der Arbeit mitgehen lassen hatte (Zayn würde ihn den Anblick vermutlich nie vergessen lassen), weil das Bein abgebrochen war.
„Ich war sauer“, Louis zuckte mit den Schultern und fuhr sich über den Arm. Auf einmal war ihm sein vollkommen kindischer Anfall unglaublich peinlich und er musste sich dafür unbedingt noch einmal bei Zayn entschuldigen.
Anstatt irgendeinen lustigen oder spöttischen Kommentar abzulassen, den Louis vermutlich von ich selbst erwartet hätte, nickte Harry nur.
„Auf mich?“, fragte er nach einem Moment der Stille und Louis beeilte sich den Kopf zu schütteln.
„Nein!“, sagte er als würde Harry es ihm anders nicht glauben.
Aber Louis war sich ziemlich sicher Harry dabei nicht anzulügen. Er war nicht sauer auf ihn gewesen, als sie nach Hause kamen. Er war sauer auf Elle gewesen, weil sie verlobt war und er war sauer auf sich selbst gewesen, weil er sich nicht ehrlich für Elle freuen konnte. Und vor allem war er sauer auf das Universum gewesen, dass Harry und er es nicht einfach auch so gut regeln konnten wie Elle und Michael.
„Gut!“, Harry klang ehrlich, als er das sagte und Louis lächelte in der Hoffnung, dass das bei Harry nicht das gleiche Gefühl auslösen würde, wie bei ihm.
„Was wollen wir heute noch machen?“, fragte er, während er sich auf Louis Bett setzte. Er schien ganz unberührt von der angespannten Stimmung zwischen ihnen zu sein, was normalerweise überhaupt nicht Harrys Art war. Louis auf der anderen Seite wollte am liebsten jede Spannung an den Haaren packen und aus seiner Wohnung zerren.
„Ich dachte wir können-“, er stockte in seinen eigenen Worten. Eigentlich hatte er sich extra mehrere Pläne zur Seite gelegt, damit Harry entscheiden konnte worauf er am meisten Lust hatte. Oder Louis es von ihrer Stimmung abhängig machen konnte. Ein The Great British Bake Off -Marathon war ganz oben auf seiner Liste gewesen. Eine Runde Schwarzlichtminigolf, falls sie mehr Lust auf eine Aktivität hatten. Und er hatte auch noch einen Tisch in Harrys Lieblingsrestaurant reserviert. Nur zur Sicherheit. Aber nichts davon schien gerade passend zu sein.
„Ich hab Scrabble dabei“, unterbrach Harry die Stille, die in Louis Denkpause entstanden war und er nickte, „Wir können ja Essen bestellen und ein paar Runden spielen, wenn du willst.“
Harry sagte das ein wenig als wäre das etwas, was sie regelmäßig machten. Hatten sie eigentlich nie. Nur am Anfang ihrer Beziehung bis Harry irgendwann müde geworden war Louis zu erklären, dass er nicht einfach Worte erfinden konnte.
„Ja.“
„Aber nur, wenn du dich an die Regeln hältst!“, Harry hob warnend den Finger und grinste sein typisch schelmisches Grinsen, dass Louis Herz zum schmelzen bringen konnte.
„Ich tu nichts, was ich für gegen die Regeln halte“, Louis hob beschwichtigend die Hände, während Harry das Spiel aus seinem Rucksack holte und die Augen verdrehte.
„Wenn du mir noch einmal mit ‚jetzten‘ kommst. Ich schwöre dir!“ Er klang ernst, aber Louis konnte den Witz in einem Gesicht sehen.
„Jetzten war ein vollkommen gültiges Wort!“
Es schien als wäre Harry sich gar nicht bewusst darüber, dass sie ein zerbrechliches etwas waren in diesem Moment und Louis wusste nicht genau wie er damit umgehen sollte.

*

„Sorry!“, Harrys Stimme ist laut und klar in dem Ungewissen der Dunkelheit, in dem Louis eigentlich geglaubt hat, dass er schon längst schlief. Auch mit Harrys Anwesenheit war schlafen auf einmal gar nicht mehr so einfach. In ihm machte sich die Vermutung breit, dass sein Körper sich langsam aber sicher darauf eingestellt hatte nur noch aufgrund von Kaffee und Energy Drinks zu überleben.
Einen Moment lang suchte Louis nach der Ursache für Harrys Entschuldigung. Nach einem lauten Geräusch oder einem von Harrys ellenlangen Beinen, die ihm die Decke klauten oder gegen Louis gestoßen waren. Aber nichts dergleichen war passiert.
„Wofür?“, fragte Louis schließlich. Seine Stimme klang atemlos und die Decke schien auf einmal viel zu warm zu sein. Es gab viele Dinge für die Harry sich bei Louis entschuldigen konnte und mindestens genauso viele für die Louis sich bei Harry entschuldigen konnte. Und wenn es nur war, dass Harry bei ihrer zweiten Partie Scrabble das Board umgeworfen hatte, weil Louis am gewinnen war, obwohl er nicht geschummelt hatte (laut Harrys Wissenstand).
Eine Entschuldigung war eine Entschuldigung.
„Meine Anxiety nimmt im Moment mal wieder ein wenig die Überhand und ich probier‘ das unter Kontrolle zu bekommen, aber manchmal klappt das nicht so ganz.“
Harry, der mit verheulten Augen aus ihrem Badezimmer kam. Harry, der ihm Nachrichten schrieb, die Louis zu spät las. Harry, der nervös mit seinem Ärmel spielte.
All diese Harrys waren ihm vor Augen und er wollte gern fragen warum und wollte dass Harry mit ihm darüber sprach so wie sonst auch immer, wenn es passiert war. Aber er wusste, dass Harry, wenn er darüber reden wollte, darüber reden würde und Louis ihn nicht drängen durfte.
„Harry?“, Louis drehte sich auf die Seite, so dass er Harrys Profil beobachten konnte. Er sah ganz friedlich aus, auch wenn sein Blick gegen die Decke gerichtet war und Louis sich sicher war, dass er hören konnte wie schnell sein Herz schlug.
„Das ist ok.“ Harry lächelte leicht, bevor er nach Louis Hand griff.
Mehr sagte er nicht.

*

Louis hätte gern gesagt, dass nach seinem mehr oder minder erfolgreichen Besuch Normalität zwischen ihnen eingekehrt war. Allerdings - und Louis würde sich niemals trauen es laut auszusprechen - war er beinahe erleichtert, als Harry am Montag in den Zug stieg und Louis ins Büro zum Meeting fahren konnte. Zu viel Angst hatte er davor gehabt irgendetwas falsch zu machen an diesem Wochenende und damit ein unbezwingbares Unwetter über sie auffahren zu lassen.
Auf seinem Schreibtisch im Büro lag die neuste Ausgabe Urbane Fierce mit einem PostIt in Isabels Schrift. ‚Meeting entfällt. Großartige Arbeit bei Zayns Fotoshoot.‘
Louis hatte nur seine eigenen Bilder gesehen in Zayns neuer Fotoreihe und er diese hatte er wie alle von Zayns Werken absolut wunderbar gefunden. Auch wenn die Idee Louis anfangs ein wenig Bauchschmerzen bereitet hatte. Zayn hatte es sich zur Aufgabe gemacht die Unsicherheiten von Menschen in Szene zu setzen. Auf die gute Art und Weise. So dass man sich danach gar nicht mehr unsicher fühlte.
Und Louis hatte nur widerwillig mitgemacht. Nachdem Elle, die an einer Stelle ihres Kopfes keine Haare mehr hatte, weil sie als Kind auf den Kopf gefallen war, allerdings von Zayn fotografiert worden war, kam er sich blöd vor seinen Bauch zu verstecken.
Und er mochte die Bilder wirklich.
Ein wenig gedankenverlorenen blätterte er durch die Zeitung und stockte erst als ihm bekannte blaue Augen ihm entgegen blitzten. Niall lächelte breit und wirklich fröhlich so sehr, dass man die Zahnspange, die er seit nun gut einem Jahr trug überhaupt nicht mehr beachten wollte. Er sah so aus als hätte Zayn ihm gerade das lustigste auf der ganzen Welt erklärt. Von Harry wusste Louis, dass Niall fürchterlich unsicher war, weil er sich mit Mitte zwanzig dafür entschieden hatte eine Zahnspange zu tragen. Auch wenn Louis den Schritt eher äußerst beachtlich fand.
Louis hingegen runzelte verwirrt die Stirn. Was genau machte Niall in Zayns Fotos? Er wusste nicht einmal, dass Niall in England gewesen war. Geschweige denn, dass er noch Kontakt zu Zayn hatte. Oder vielleicht hatte Zayn ihn extra gefragt, weil er ja von den Portraits wusste, dass Niall eine Zahnspange trug. Oder das war ein übriges Porträt? Aber Niall trug hier ein komplett anderes Outfit und er wusste zwar, dass Elle Wunder bewirken konnte, wenn es um die Nachbearbeitung von Klamotten ging. Allerdings hasste Zayn es auch, wenn jemand seine Bilder nachbearbeite, der nicht er selbst war.
Louis sah herüber zu Zayns Schreibtisch, den er zum Glück gut von seinem eigenen sehen konnte und wenn er nicht leer gewesen wäre, hätte er ihn einfach direkt gefragt. Aber er war leer. Deshalb griff Louis stattdessen zu seinem Handy und scrollte durch seine Kontakte bis er bei Harry <3 angekommen war. Er machte ein Bild von Nialls breitem grinsen und schrieb dazu:
‘Ne Ahnung, was Niall in Zayns Fotostrecke macht?‘
Vielleicht konnte es ja doch schneller wieder normal werden, als er gedacht hatte.

*

Harry und er stritten sich eine Woche später am Telefon. Irgendwann wusste Louis nicht einmal mehr worüber sie sich stritten. Sie hätten sich genauso gut sinnlose Worte an den Kopf schmeißen können und wären vermutlich auf das gleiche Ergebnis gekommen. In sieben Jahren Beziehung hatte Louis Harry selten so erlebt. Um nicht zu sagen nie.
Aber vermutlich gab es für alles ein erstes Mal.
Ihr Streit schien vollkommen sinnlos zu sein bis er wutentbrannt auf den Roten Endknopf bei Face Time drückte. Louis wünschte sich schlafen zu können, als die Stille in sein Schlafzimmer einkehrte. Aber wie immer sollte ihm der Wunsch verwehrt bleiben. Vielleicht sollte er wirklich mal in die Apotheke gehen und sich Schlafpillen holen, dachte er sich, während er The House In The Cerulean Sea aufschlug und seine Kuscheldecke enger um sich zog.

*

Louis viertes Bewerbungsgespräch für einen Co-Autor für ardently war, was andere Menschen als eine reinste Katastrophe bezeichnen würden. Die ersten drei waren eigentlich ganz gut gelaufen. Wenn man mal davon absah, dass Louis sich bei allen drein schon nach zehn Minuten sicher war, dass er sie nicht einstellen würde. Keiner von ihnen hatte sich als sympathisch oder begabt oder leidenschaftlich genug herausgestellt, damit Louis ihn als ebenbürtigen Co-Autor akzeptieren würde.
Zayn meinte er wäre zu skeptisch mit ihnen und das Bewerberin Nummer 3 eigentlich ganz ordentlich gewirkt hatte, aber Louis fand, dass ihre Leseproben, zwar gut recherchiert waren, aber ihre Meinungen zu gleich blieben und sie die Fragen nur so stellte, dass sie das Schreiben konnte, was sie schreiben wollte.
Außerdem hatte Louis noch drei weitere Bewerbungsgespräche vor sich und er wollte nicht zu enthusiastisch bei einem Bewerber werden, wenn er die anderen noch nicht gesehen hatte. Sonst wäre er vielleicht voreingenommen. Nicht, dass jemand der ersten drei ihm bisher einen Grund dafür gegeben hatte.
Louis wurde ein extra Raum zugewiesen, um die Gespräche durchzuführen und er könnte sich daran gewöhnen ein eigenes Büro zu haben.
Eigentlich sah er sich schon ziemlich sicher hier mit Elle und Zayn sitzen, einem kleinen Minibasketballkorb in der Ecke, der fürchterlich arrogant wirkte und gemeinsam Mittagessen.
Henry Claw würde der nächste Bewerber sein. Seine Leseproben waren hervorragend gewesen. Da konnte Louis nicht mal was dagegen sagen, außer, dass ihm ein wenig das Gefühl fehlte. Dafür war allerdings sein Bewerbungsschreiben äußerst beeindruckend gewesen und Louis war tatsächlich ein wenig gespannt darauf, wie er sich nun schlagen würde.
Es klopfte an der Tür und Louis konnte noch überhaupt nicht hereinrufen, als sich ein Kopf durch die Tür steckte: „Hallo!“
Louis wollte freundlich lächeln, seine besonders professionelle Stimme aufsetzen und ihn hereinbitten, doch bei seinem Anblick bleiben ihm die Worte im Hals stecken.
Der Mann, der gerade den Raum betreten hatte, hatte wilde dunkelbraune Locken und helle Augen. Von der Entfernung konnte Louis nicht erkennen, ob sie blau oder grün waren. Er lächelte freundlich, wobei sich Grübchen auf seinen Wangen bildeten.
Er sah aus wie Harry.
Zumindest aus der Entfernung sah er ihm unglaublich ähnlich. Und Louis war nicht dafür bereit sich jetzt mit Harry auseinanderzusetzen. Oder einem billige Harry-look-alike. Denn er war sich sicher, dass er sobald Louis ihn sich vom nahem anschauen würde, nur halb so strahlende Augen hatte und seine Haare bestimmt nicht natürlich gelockt waren sondern durch so eine doofe Dauerwelle, die ja wieder Trend geworden waren. Und sein Lächeln war bestimmt auch nicht so schön, wie dass, was Harry ihm zuwarf, wenn er etwas dummes gesagt hatte.
„Ich bin hier schon richtig, ja, oder? Sorry aber vor der Tür saß ein Typ, der mich mit ziemlich grimmigen Blick angeschaut hat und vielleicht war das ja auch nur jemand anders der sich auf den Job beworben hat, aber-“
Er plapperte sogar so vor sich hin wie Harry. Und fuhr sich durch die Haare wie Harry, wenn er nervös hatte.
Louis hatte das Gefühl er musste sich übergeben. Er wusste nicht einmal wie er noch eine Minute länger im gleichen Raum bleiben sollte.
„Ehm ja, ich bin Louis“, erklärte er und probierte sich nicht anmerken zu lassen, dass er dabei war sein Mittagessen in seinem Magen zu behalten und gleichzeitig Ordnung in seinem Kopf zu schaffen. „Wir nehmen‘s hier nicht so genau mit dem ganzen Mr. Tomlinson Quatsch.“
Fake-Harry nickte, setzte sich auf den Platz, den Louis ihm bedeutet hatte und sah dabei genauso nervös aus wie froh. Alles in Louis Kopf schrie danach, dass Harry nicht anders aussehen würde, wenn er in diesem Jobinterview sitzen würde.
„Gut, dann ist es Henry“, er griff nach dem Wasserglas, offensichtlich um seine Nervosität zu verbergen, die jeder, der Augen im Kopf hatte vor ihm sehen konnte.
„Sehr gut, Harry-“
„Uhm, Henry“, er unterbrach ihn genau in dem Moment, in dem Louis sein Fehler aufgefallen war. Seine Wangen wurden ganz warm und nervös umgriff er seine eigene Kaffeetasse ein wenig stärker.
„Richtig, entschuldigen Sie“, Louis atmete tief durch. Er musste wirklich kotzen. „Warum glauben Sie, dass Sie für ardently schreiben sollten?“
Harrys- nein, Henrys Augen begannen zu leuchten und dadurch sah er nur noch mehr wie Harry aus. „Ich weiß man sollte so was eigentlich nicht bei einem Bewerbungsgespräch erzählen. Aber, wenn ich jetzt schon einmal vor Ihnen sitze. Ich bin ein riesiger Fan von Ihnen…“
Louis wollte ihm zuhören. Er wollte ihm wirklich dabei zuhören, was er erzählte und er wollte deswegen erröten und sich darüber freuen, dass er so freudig war. Aber alles in seinem Kopf drehte sich hin und her, weil er so sehr nach Harry schrie und gleichzeitig Harry nicht vor sich hatte.
Es tat richtig weh, Henry Claw dort sitzen zu sehen und ihm zuzuhören und Louis war sich sicher, dass er in den nächsten zwei Minuten kotzen musste. Das war zu viel Harry.
„Eh, Henry. Es tut mir wirklich sehr sehr leid. Aber- Oh verdammt!“
Louis sprang von seinem Schreibtisch auf und während er über den Flur hechtete, wusste er, dass er gerade an einem Tiefpunkt angelangt war, den er nicht geglaubt hatte jemals zu erreichen.
Er übergab sich in den nächstbesten Mülleimer ihres Großraumbüros, weil er es nicht mehr bis zum Männerklöster geschafft hatte.
Zayn, der vor seiner Tür gesessen hatte, hatte es freundlicherweise übernommen mit Henry Claw einen neuen Termin auszumachen. Aufgrund eines schlecht gewordenen Sushis, das Louis sich wohl angeblich gegessen hatte. Trotzdem war er sich sicher, dass Henry Claws Enthusiasmus für ardently zu schreiben nun gegen Null gelaufen war.
Egal, was für ein großer Fan er von Louis gewesen war. Wenn einen jemand zuerst beim falschen Namen nannte und dann aufsprang und sich übergab innerhalb von nicht einmal fünf Minuten freute man sich vermutlich nicht auf einen zukünftigen Job unter dieser Person.
Mal ganz davon abgesehen - und das war unfair ihm gegenüber, dessen war Louis sich bewusst - wusste er nicht, ob er jemals regelmäßig mit jemandem zusammen arbeiten konnte, der Harry so ähnlich war.

*

Louis erzählte Harry an diesem Abend von dem fürchterlichen Bewerbungsgespräch. Ganz zufällig ließ er allerdings das Detail aus, dass ihm so schlecht geworden war, weil Henry aussah wie Harry. Stattdessen tat er so als läge es tatsächlich an etwas, das er gegessen hatte und Harry lachte Tränen während er die Geschichte erzählte.
Zumindest für das kleine Stückchen Normalität, das sie sich dadurch erarbeiten konnten liebte er seine kleine Notlüge.
Doch diese schien direkt wieder verschwunden zu sein, als Harry Louis fragte, ob er am Wochenende wie geplant nach Bristol kommen würde und Louis verneinte.
Der Streit brach aus, bevor Louis überhaupt bemerkte, dass sie stritten.
(„Sorry Harry, aber ich hab‘ muss noch den neuen Artikel für ardently fertig schreiben. Außerdem hab‘ ich immer noch keinen für den Co-Autoren Job gefunden und ich hab schon nen neuen Batzen Bewerbungen auf dem Schreibtisch liegen. Wie-“
„Ich dachte der ganze Punkt an deinem dämlich gelegten Home Office ist, dass du öfter zu mir nach Hause kommen kannst! Und jetzt bist du die ganze Zeit nur am Arbeiten!“
„Harry, ich kann nichts dafür, dass du deine Bräute alle auf den Freitag gelegt hast-“
„Das ist doch überhaupt nicht der Punkt!“)
Es war anstrengend. So furchtbar anstrengend, dass er zum ersten Mal seit langem direkt schlief, als sie wütend auflegten.
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