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Tausend kleine Dinge

von Kathie02
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / FemSlash
Die deutsche Nationalmannschaft VFL Wolfsburg
06.12.2022
03.02.2023
7
17.587
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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24.01.2023 3.341
 
„New York, concrete jungle where dreams are made of…”, trällerten Lina und Laura so laut den Song mit, der aus einer kleinen Musikbox in Linas Hand drang, dass Svenja kaum noch etwas von dem eigentlichen Lied hören konnte. Besonders gerade sangen die beiden auch nicht, sodass die Stürmerin sich wunderte, wann sich wohl jemand von den anderen Reisenden beschweren würde.
Das deutsche Team befand sich am Abflugterminal des JFK Flughafens und wartete darauf endlich ins Flugzeug zu können. Das Boarding war allerdings nach hinten verschoben worden, weil sie aufgrund des aktuellen Starkregens eh nicht hätten starten können. Und so vertrieben sie sich weiter die Zeit im Wartebereich. Svenja war das ganz recht, hier hatten sie zumindest etwas mehr Platz, anständige Toiletten und ganz im Notfall einen Bäcker, bei dem sie sich mit Nervennahrung und Kaffee versorgen konnten.
Svenja hatte sich am Rand der Reisegruppe „Nationalmannschaft“ niedergelassen, die Füße auf einem zweiten Sitz abgelegt und wollte eigentlich in ihrem Buch lesen, aber das Gewusel um sie herum war irgendwie viel zu spannend. Der Song, den Lina und Laura da so inbrünstig mitsangen, ließ sie über die letzten Tage nachdenken. Ihre Zeit in New York hatte von allem ein bisschen für die DFB-Elf bereitgehalten und eigentlich war Svenja noch gar nicht bereit sich heute schon von Amerika und der Zeit mit dem Team zu verabschieden.
In New York waren sie direkt am ersten Morgen noch vor sechs Uhr in der Frühe aus den Betten geklingelt worden und hatten Dank eines Feueralarms die ersten anderthalb Stunden des Tages mehr oder weniger im Schlafanzug auf der Straße gestanden. Sie hatten trainiert, einen entspannten Abend im Hotel verbracht und in jeder freien Minute den atemberaubenden Blick über die Skyline genossen, den sie aus vielen Räumen des Hotels gehabt hatten. Am nächsten Tag hatten sie noch mal gegen die USA gespielt, verloren, aber trotzdem einen guten Tag gehabt. Vielleicht keinen erfolgreichen, aber mit Sicherheit einen lehrreichen. Sie hatten als Team viel gelacht und waren wieder ein Stückchen mehr zusammengewachsen.
Gestern hatten sie einen fast freien Tag in der Stadt nutzen können. Ein paar waren mit dem Helikopter über die Dächer der Metropole geflogen, einige hatten sich vor allem den Times Square angeschaut und das riesige Shopping-Angebot genutzt und wieder andere, so wie Svenja und ihr Grüppchen, hatten die Zeit genutzt, um möglichst viel von der Stadt zu sehen. Nach dem Besuch am Times Square hatten sie noch ein paar Szeneviertel und China Town erkundet und waren dabei nur nicht im unübersichtlichen Subway-Netz verloren gegangen, weil Joelle einen erstaunlichen Orientierungssinn besaß. Wann immer Merle mit ihrem nicht vorhandenen inneren Kompass einfach drauf losgestiefelt war und die Gruppe die meiste Zeit genau in die falsche Richtung gelotst hätte, hatten Feli und Svenja die Freundin einfach am Arm hinter sich hergezogen.
Sie hatten sich gestern durch die verschiedensten Snacks probiert, sodass Svenja am Ende eine ordentliche Menge Wasser trinken musste, um die Mischung aus Donuts, chinesischen Süßigkeiten und Hot Dogs halbwegs zu neutralisieren.
Abends hatte das Team ein letztes Mal gemeinsam gegessen, bevor sie alle früh ins Bett gegangen waren, weil der heutige Tag mal wieder früh begonnen hatte. Und dann hatte sich Svenja aus unerfindlichen Gründen mit Alex die Nacht um die Ohren geschlagen. Eigentlich hatten die beiden das nicht geplant gehabt, aber nachdem weder Svenja noch ihre Zimmernachbarin hatten einschlafen können, waren sie in einem Sumpf aus lustigen YouTube Videos versunken und es war schneller die halbe Nacht vorbei gewesen, als sie hatten gucken können.
Jetzt saß sie hier am Terminal und war gleichzeitig müde und seltsam nostalgisch. Der strömende Regen draußen erinnerte sie daran, dass in Miami nur kurz gefühlt Sommer gewesen war, aber dass hier in New York und auch zu Hause in Wolfsburg tiefster Winter herrschte. Die Weihnachtszeit stand vor der Tür und darauf freute sie sich, aber trotzdem wusste sie nicht so ganz, was sie davon halten sollte, dass 2022 so bald vorbei war.
Neben ihr sangen ihre Teamkolleginnen den nächsten Song lauthals mit, weiter drüber spielten ein paar Leute Karten und ihr gegenüber hatten es sich einige mit den Jacken als Decken ebenfalls auf den Sitzen gemütlich gemacht. Lena und Tabea schienen beide zu dösen, sie hatten die Augen geschlossen und die Köpfe aneinander angelehnt. Sjoeke las ein Buch, das eigentlich nur ein blutrünstiger Thriller sein konnte, wenn man die Mischung aus Schwarz und dem bisschen Rot auf dem Cover in Betracht zog. Sophia daneben hatte das genaue Gegenteil in der Hand: ein recht dünnes Buch, dessen Vorderseite in Hellblau und Glitzer getunkt war. Neben den beiden saßen Merle und Feli, sie teilten sich ein paar Kopfhörer und hatten den Blick auf Felis Handy gerichtet. Irgendetwas lustiges musste passiert sein, denn Merle warf lachend den Kopf in den Nacken. Feli sah auf, blickte ihre Teamkollegin einen Moment von der Seite an und fiel dann in ihr Lachen mit ein.
Svenja sah auf ihre Uhr. Seit sie ihr Buch aus dem Rucksack gezogen hatte, waren bereits 40 Minuten vergangen. Sie verbrachte eindeutig zu viel Zeit an Flughäfen. Seufzend schlug sie das Buch auf, legte das Lesezeichen beiseite und versuchte sich wieder in die Handlung zu vertiefen.


Am ersten Morgen zurück in Deutschland regnete es Schnürsenkel. So sah es zumindest für Svenja aus, als sie die Eingangstür des Hauses, in dem sie lebte, hinter sich zuzog und mit gesenktem Kopf und schnellen Schrittes zu ihrem Auto eilte. Sie hatte dummerweise vor dem Losgehen nicht aus dem Fenster gesehen, sonst wäre sie bestimmt nicht auf die brillante Idee gekommen, das Haus mit einem Mantel ohne Kapuze zu verlassen. Seufzend zog sie die Schultern noch ein Stück höher und verschwand noch ein Stück mehr in ihrer Jacke. Zum Glück hatte sie gestern einen Parkplatz keine 50m von ihrer Eingangstür entfernt ergattern können, was definitiv eine Seltenheit war.
Fröstelnd ließ Svenja sich auf den Fahrersitz ihres Wagens fallen und schmiss ihre Sporttasche in einer sonst für sie unüblichen Art auf den Beifahrersitz. Sie startete den Motor, schaltete die Sitzheizung ein und manövrierte den Wagen aus der Parklücke. Die Tage in den USA hatten die aufsteigenden Herbstgefühle für eine ganze Weile erfolgreich vertrieben, auch wenn es besonders in New York nicht gerade warm gewesen war. Trotzdem hatte Svenja das Gefühl, dass die triste Herbststimmung sie jetzt in Wolfsburg erst recht einholte. Es regnete in Strömen, die Umgebung war eine einzige graue Masse und kalt war er auch noch. Feli würde vermutlich gleich schon wieder mit Schal und Stirnband auf dem Platz stehen. Die Stürmerin musste lächeln. Sie spielte nun schon so viele Jahre mit Feli in einem Verein, dass sie ihre gegenseitigen Angewohnheiten in und auswendig kannten. Und Feli war ein Surfergirl, ihr passte dieses Wetter gar nicht. Svenja hingegen war das meistens ziemlich egal, sie grinste einfach über den Regen hinweg und spielte sich warm. Aber dieses Jahr schlug ihr der Herbst auch ordentlich auf die Stimmung. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie auch nicht so recht wusste, woher das kam und deswegen auch noch kein wirksames Gegenmittel gefunden hatte.
Resigniert hielt sie an der dritten roten Ampel hintereinander an. Der Regen prasselte unablässig auf das Dach des silbernen Kleinwagens und im Radio wurde ein ruhiger Taylor Swift Song gespielt, der stimmungsmäßig irgendwie zum Wetter passte. Svenja stellte das Radio ab.


Vor den Umkleiden traf Svenja auf Feli und Pia, die die Köpfe zusammengesteckt hatten und über etwas lachten. Feli liefen schon die Lachtränen die Wangen herunter und sie hatte glucksend die Stirn auf Pias Schulter abgelegt. Svenja musste lächeln, wenigstens die beiden hatten gute Laune.
„Morgen“, rief sie den beiden schon aus einigen Metern entgegen, nicht dass sie sich noch erschreckten, wenn sie plötzlich vor ihnen stand.
Pia hob als erste den Kopf. „Hey Svenni, wie geht’s dir?“
„Joa, soweit so gut“, zuckte die kleine Fußballerin mit den Schultern.
„Das klingt als ginge es dir scheiße…“, Feli hatte sich von ihrem Lachanfall erholt und sah die Freundin forschend an.
„Nein, mir geht’s ehrlich gut. Ich hab nur aus unerfindlichen Gründen heute nicht die beste Laune“, erklärte sie ehrlich.
„Okay. Ist akzeptiert…Dann arbeiten wir mal daran das zu ändern“, Feli stupste Svenja mit der Schulter an, als sie die letzten Meter zur Kabine gingen.
Svenja schubste zurück. Nebeneinander versuchten sie sich möglichst elegant durch die Kabinentür zu schieben, auch wenn sie mittlerweile eigentlich wissen sollten, dass das nicht funktionierte. Unter dem Gelächter ihrer Teamkameradinnen blieben sie zunächst stecken, wurden dann aber von Pia in die Kabine geschoben. Prustend begaben sich die beiden auf ihre Plätze, um sich noch rechtzeitig zum Training umziehen zu können. Pia hinter ihnen schüttelte mit einem gutmütigen Lächeln den Kopf über so viel komödiantisches Talent.
Das Training besserte Svenjas Laune erheblich. Immer wenn sie sich konzentrieren musste, blieb in ihrem Kopf keine Zeit für andere Gedanken und der Ball an ihrem Fuß tat sein übriges um sie glücklich zu machen. Zufrieden kickte sie mit Jule zwei Bälle gleichzeitig hin und her, über die sie bei der letzten Übung des Tages nicht die Kontrolle verlieren durften. Bald würde ein dritter Ball hinzukommen und dann würde es richtig spaßig werden.
Manchmal fragte sie sich, wie sie so viel Spaß daran haben konnte einen Ball hin und her zu schießen. Wenn man es genauer betrachtete, könnte hier auch statt Jule und ihr die achtjährige Svenja mit einer Freundin stehen und es wäre ein ganz normales Bild. Nur dass sie mittlerweile erwachsen war und ihr genau das Gleiche immer noch die gleiche Freude bereitete. Zwischen zwei Ballannahmen sah sie sich auf dem Platz um. Manchmal konnte sie immer noch nicht ganz glauben, dass sie es wirklich geschafft hatte Fußball zu ihrem Job zu machen und dass sie jetzt dafür bezahlt wurde mit ihren Freunden Bälle zu schießen. Grinsend schüttelte sie über ihre eigenen Gedanken den Kopf. Sie hatte wirklich verdammt Glück gehabt, jeden Tag das tun zu können, was sie so liebte und manchmal wurde ihr das mehr bewusst als an anderen Tagen.
Später, als sie zusammen mit Alex die letzten Hütchen einsammelte und dabei über die neusten Hundefuttertrends philosophierte, sah sie Feli auf sich zukommen.
„Da will eine was von dir“, kommentierte Alex feixend als die Verteidigerin sehr zielstrebig Svenja ansteuerte.
„Vielleicht will ich ja auch was von ihr“, Svenja hob eine Augenbraue.
„Bestimmt nicht so sehr wie sie von dir“, sponn Alex den Faden weiter.
„Sehr witzig“, grinste Svenja und stieß die Freundin mit dem Ellenbogen an.
„Jede Wette, Feli fragt jetzt ob du auf ihren Hund aufpasst oder so“, überlegte Alex lachend.
„Nee, sicher nicht“, Svenni schüttelte den Kopf. „Dazu guckt sie viel zu entschlossen.“
Svenja sollte Recht behalten. Feli schnappte sich das letzte Hütchen vom Boden, dass ungefähr einen Meter vor Svenja stand und hielt es ihr hin.
„Heute Abend um 18 Uhr bei mir?“, fragte sie.
„Ähm ja, warum nicht“, grinste Svenja sie an, auch wenn sie kurz von ihrer Freundin überrumpelt wurde.
„Sehr schön, ich gehe einkaufen, dann können wir was kochen“, zufrieden lächelte Feli.
„Ach und Alex?“, sie drehte sich noch mal zu ihrer Kapitänin. „Kannst du zufällig am Sonntag auf Cinni aufpassen?“
Verdutzt sah die blonde Fußballerin sie an. „Ja klar, kann ich gerne machen. Patch freut sich über Gesellschaft“, entgegnete sie schließlich.
„Danke! Ich meld mich noch mal bei dir wegen der Uhrzeit“, strahlte Feli. Alex nickte zustimmend.
Als Feli von Pia gerufen wurde und schon Richtung Vereinsgebäude vorlief, sahen die beiden älteren Fußballerinnen ihr hinterher.
„Sie wollte wohl doch nichts von dir“, lachte Alex.
„Scheint so“, Svenja grinste schief. „Zumindest nicht so richtig.“



Einige Stunden später stand Svenja vor Felis Haustür und wartete bis die den Türöffner betätigte. Eine Nachbarin kam aus dem Haus und hielt Svenja netterweise die Tür auf. Die kleine Fußballerin schlüpfte hindurch und stieg die Treppen zum dritten Stock hinauf. Feli lehnte schon im Türrahmen und sah ihr entgegen. Sie hatte die Hände in den Taschen ihrer schwarzen Jeans vergraben und die Haare locker über die Schultern hängen, als wäre sie noch nicht dazu gekommen sich einen Zopf zu machen.
„Hey“, rief Svenja ihr entgegen als sie die letzten Treppenstufen erklomm.
„Hey du“, grinste Feli sie an. Im gleichen Moment quetschte sich ein hellbraunes Fellknäuel zwischen Felis Beinen und dem Türrahmen durch. Klar, an Felis anderer Seite verbeizulaufen wäre ja auch zu einfach gewesen. Cinni hatte den Besuch scheinbar schon an der Stimme erkannt und rannte jetzt schwanzwedelnd auf Svenja zu, die sogleich in die Hocke ging und die Hündin ausgiebig kraulte.
„Na komm, Cinni. Wir gehen wieder rein“, Svenja lockte die Hündin wieder zur Wohnungstür in der Feli immer noch lehnte und auf sie wartete. Svenja nahm die Freundin zu Begrüßung fest in den Arm und genoss es, dass Feli sie in ihrer gewohnten Art ein kleines Stück hochhob. Nicht viel, aber genau die paar Zentimeter, dass Svenjas Füße über dem Boden schwebten.
„Was verschafft mir die Ehre dieser Einladung?“, fragte Svenja, während sie ihrer Kollegin in die Wohnung folgte, Jacke und Schuhe am Eingang ablegte und gefolgt von Cinni in die Küche durchging.
„Punkt Elf unserer Liste“, grinste Feli.
„Ein 3-Gänge-Menü kochen?“, fragte Svenja. Sie hatte die Punkte auf der Liste nicht gezählt, aber ihre Erinnerung sagte ihr, dass diese Unternehmung weit genug unten stand, dass sie durchaus Nummer elf sein konnte.
„Ganz genau“, Feli grinste sie an und reichte ihr schon mal das obligatorische Glas stilles Wasser, von dem sie wusste, dass Svenja es immer trank, egal was sie ihr sonst anbot.
„Du weißt schon, dass du das bereuen wirst, mit mir kochen zu wollen?“, fragte Svenja vorsichtig.
„Ach quatsch, wir haben schon oft zusammen gekocht und du hast es nie ganz verhauen!“
„Mit Betonung auf nie ganz“, entgegnete die Kleinere lachend.
„Wir bekommen das hin. Ich hab auch nichts allzu kompliziertes rausgesucht, keine Sorge“, Feli begann bereits damit Zutaten aus dem Kühlschrank und diversen Küchenschränken zusammenzusuchen.
„Was kann ich denn tun?“, Svenja spähte an ihrer Schulter vorbei, als Feli kurz darauf auf ihrem iPad das Rezept öffnete und die ersten Schritte durchlas.
„Meine Güte, ist das klein“, beschwerte sie sich, bei der von Feli eingestellten Schriftgröße konnte sie nichts erkennen.
„Da isser wieder“, neckte Feli sie.
„Da ist wer?“, fragte Svenja, den Blick immer noch angestrengt auf das Rezept gerichtet.
„Dein innerer Rentner“, erklärte Feli lachend. „Der kam aber lange nicht mehr zum Vorschein…“
„In der letzten Zeit hatte ich ihn ganz gut im Griff“, Svenja zuckte mit den Schultern. „Aber heute hat er ein erhöhtes Geltungsbedürfnis, mein Rücken tat eben auch schon weh.“
„Ohje“, Feli sah sie mit gespielter Besorgnis an. „Du solltest ihn dringst wieder in den Griff bekommen.“
„Wem sagste das“, Svenja zuckte mit den Schultern. Der Witz mit den inneren Rentnern der beiden kam immer mal wieder zur Geltung. Sie hatten sich ihn ausgedacht, als Svenja vor einiger Zeit vermehrt Rückenbeschwerden gehabt und abends gerne Kreuzworträtsel gelöst hatte. Was laut Feli der eindeutige Beweis dafür war, dass sie alt wurde.
„Ach, heute Abend wird der ignoriert“, entschlossen reichte Feli ihrer Teamkameradin eine Packung vegane Sahne, sowie einen Mixer. „Bitte einmal schlagen“, wies sie Svenja an.
Während Svenja die Sahne bearbeitete, kümmerte Feli sich um den leicht überdimensionalen Kürbis, den sie bis eben auf dem Balkon gelagert hatte. Zunächst schnitt sie oben eine Öffnung herein, um dann die Kerne herausholen zu können.
Sie steckte gerade bis zum Ellenbogen im Kürbis als ihr Handy zu klingeln begann. „Wer ist denn das?“, fragte sie Svenja, die näher dran stand.
„Merle“, antwortete die Fußballerin nach einem kurzen Blick aufs Display.
„Kannst du mal eben rangehen und sagen, dass ich gerade verhindert bin?“, Feli winkte demonstrativ mit ihrem Arm, an dem großflächig orange Pampe klebte.
Svenja nahm den Anruf entgegen. „Guten Tag, hier spricht das Büro von Felicitas Rauch. Sie kann gerade leider nicht selbst ans Telefon kommen, weil eins ihrer Küchenprojekte außer Kontrolle geraten ist“, meldete sie sich.
„Ey!“, kam prompt Felis Beschwerde. „Hier ist gar nichts außer Kontrolle geraten!“
„Sieh selbst“, entgegnete Svenja lachend auf Merles Nachfrage und aktivierte auch das Video zum Anruf.
Glucksend besah sich Merle das orange Spektakel. „Siehst du. Feli wurde quasi vom Kürbis verschluckt und wieder ausgekotzt“, witzelte Svenja, was Merle nur noch mehr zum Lachen brachte.
„Nicht so frech“, mit der Bemerkung patsche Feli Svenja demonstrativ auf die Wange, wo sie eine Spur von Kürbisinnereien hinterließ.
„Hallo?! Behalt bloß deine Finger bei dir“, ermahnte Svenja sie.
„Wieso sollte ich?“, Feli sah sie herausfordernd an. „Stört es dich etwa?“
„Das kommt ganz drauf an“, erwiderte Svenja nachdenklich.
„Worauf?“
„Darauf, ob dich das stört“, Svenja überbrückte die zwei Schritte zwischen ihnen und begann Feli am Bauch und den Rippen zu kitzeln. Prustend versuchte sich die Verteidigerin in Sicherheit zu bringen, aber Svenja war erstaunlich stark und hielt sie problemlos fest. Svenni setzte ihre Kitzelattacke unbeirrt so lange fort, bis Feli sich jappsend die Seiten hielt und ihr Lachen mehr klang wie eine heisere Seerobbe. Als es wieder stiller wurde in der Küche, hörte man ein leicht blechern klingendes Räuspern.
„Oh shit!“, entfuhr es Svenja. Schnell nahm sie das eben achtlos zur Seite gepfefferte Handy wieder zur Hand. Merle blickte ihr halb belustigt halb verwirrt entgegen.
„Und das nennt ihr Kochen?“, fragte sie.
Feli, die mittlerweile hinter Svenni aufgetaucht war, nickte eifrig. „Klar, nur wer mit guter Laune kocht, kocht auch gut!“
Das entlockte Merle nur ein gutmütiges Augenrollen.


Es dauerte noch eine Weile, bis Svenja und Feli je vor einem dampfenden Teller Kürbissuppe saßen und sich darüber freuten, dass zumindest der erste Gang schon mal gut gelungen war.
„Das haben wir doch super hinbekommen“, strahlte Feli.
„Das hast du super hinbekommen“, verbesserte Svenja. „Ich habe daneben gestanden und ab und an mal was angereicht oder klein geschnitten.“
„Wir haben trotzdem zusammen gekocht. Jetzt freu dich einfach, dass es lecker geworden ist“, entgegnete die dunkelhaarige Fußballerin.
„Jaaa, ich freu mich auch sehr, dass es lecker geworden ist“, mit einem genüßlichen Grinsen schob Svenja sich den nächsten Löffel in den Mund und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um den Geschmack ganz genießen zu können. Sie hatte keine Ahnung, was genau Feli mit dem Gemüse gemacht hatte, aber es schmeckte ganz anders als die typischen Kürbissuppen, die sie bisher kannte.
„Weißt du schon, was du in der Weihnachtspause machst?“, fragte Feli. Im nächsten Moment fiel ihr Svenjas abgesagter Urlaub wieder ein und sie hätte sich am liebsten mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen.
Svenja schien die Frage allerdings gar nicht zu stören.  „Ich denke, ich werde nach Weihnachten noch ein paar Tage bei meiner Familie bleiben. Und dann möchte ich endlich die Wand in meiner Küche streichen.“
„Das hört sich gut an, vielleicht schaffst du es ja sogar die Wachsflecken zu überstreichen, die Alex verursacht hat“, lachte Feli.
„Vielleicht. Aber dann kann ich sie gar nicht mehr damit aufziehen, dass die Wand nur wegen ihr so kacke aussieht“, grinste Svenja. Vor ein paar Jahren hatte Alex bei einem gemeinsamen Essen eine Stabkerze so gekonnt umgeschmissen, dass die damals gerade frisch gestrichene weiße Wand einige dunkelrote Flecken abbekommen hatte. Natürlich hatte Svenja versucht den Schaden zu beheben, man sah die dunkle Farbe allerdings immer noch recht deutlich unter der neuen Schicht weißer Farbe durchschimmern.
„Uuuund was ist dein Plan für Silvester?“, fragte Feli.
„Noch gibt es keinen“, Svenja kratzte die letzten Reste ihrer Suppe aus dem Teller. „Wir könnten was zusammen planen, wenn du magst.“
Felis Blick hellte sich deutlich auf. „Das wäre ja super!“
„Pia und ich wollten eigentlich hier feiern und ein paar Leute in die WG einladen, aber jetzt schenken sie und ihr Bruder ihren Eltern zu Weihnachten einen Kurztrip, der passenderweise genau über den Jahreswechsel liegt“, erklärte sie wie sich ihre Silvesterpläne in den letzten Tagen zerschlagen hatten.
„Das macht doch nichts, Leute einladen und eine Party schmeißen können wir auch“, Svenjas blaue Augen leuchteten vor Tatendrang.
„Das wollte ich hören“, Feli strahlte voller Vorfreude.
Sie stand auf, sammelte die leeren Teller ein und begann mit dem letzten Feinschliff an der Hauptspeise. Nicht nur gemeinsam Silvester zu feiern war eine sehr gute Idee, diese Liste war auch genial. Da war sie sich schon beim ersten Punkt sehr sicher.
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