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Sonnenaufgang

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Div
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
27.11.2022
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A/N: Weil ich gerade so „schön“ traurig bin. Hier gleich das nächste Ding über diese drei. Sorry. Ich kann gerade nicht anders und bin einfach nur froh, dass zumindest mein Bewältigungsmechanismus wieder halbwegs läuft.

Das hier hat einen sehr losen Bezug zu meiner Geschichte „Privileg“. Man muss das aber nicht unbedingt gelesen haben. Ich nehme zudem Bezug auf Limbus, auch wenn hier seit Boernes Unfall rund 20 Jahre vergangen sind. Deshalb passt das Ganze auch nicht so gut in meine eigentliche Poly-Reihe.

Alles aus Boernes PoV und mal ganz ungewohnt als Ich-Erzählung. Aber das erschient mir bei Thema irgendwie passend.


Sonnenaufgang

Ich höre euch flüstern in der Küche. Ihr seid bei Weitem nicht so leise, wie ihr meint. Oder meine Ohren doch noch besser als gedacht. „Es wird nicht mehr lange dauern. Sie sollten sich vorbereiten.“ Doktor Gärtner klingt ernst. Da ist kein verstecktes Grinsen in ihrer Stimme, das sonst hartnäckig ihr Gesicht schmückt. Dieses Mal ist da nur brutale Ehrlichkeit. Gut so. Das ist mir tausend Mal lieber als irgendeine vorgeheuchelte Zuversicht.

Als sie sich schließlich zu mir ans Bett setzt, ist sie dennoch um ein aufmunterndes Lächeln bemüht. Es hält kaum meiner hochgezogenen Augenbraue stand. „Das steht Ihnen nicht, Frau Kollegin.“ Meine Stimme kratzt unschön über die Silben hinweg. Die Medikamente haben sie fast komplett entstellt. „Was?“ Fragt sie mich gespielt ahnungslos. „Diese gute Miene zum bösen Spiel. Und Schauspielerei ist überhaupt nicht Ihr Gebiet.“

Leise lacht sie auf. Ah, da ist es wieder. Dieses signifikante freche Grinsen, das ich erst nicht ausstehen konnte und das mir jetzt so vertraut wie kaum etwas anderes ist. Nur schade, dass es heute irgendwie traurig wirkt. „Ich werde Sie vermissen, Boerne.“ Auch das die Wahrheit, wie mir ihre leuchtend blauen Augen anvertrauen.

„Werden Sie das, ja?“ Hake ich dennoch mit einem Hauch von Hohn und Spott in der Stimme nach. Vielleicht, weil ich irgendwie doch noch versuche dem alten Bild von mir gerecht zu werden. Oder vielleicht, weil es mir wirklich noch nicht so ganz vorstellen kann.

Würde mich wirklich irgendwer vermissen? Vor allem jetzt? Nachdem ich all diese Monate so eindrucksvoll bewiesen habe, dass ich genauso anstrengend, kapriziös und launisch die Bühne des Lebens verlassen werde, wie ich sie einst betrat. Wie ich sie gefüllt und bespielt habe mit viel zu vielen lauten und meist ziemlich belanglosen Worten, weil mir oft das Gespür gefehlt hat für die kleinen und doch so wichtigen Gesten. Weil mein Fokus viel zu selten dort war, wo er hätte sein sollen.

Wird dem wirklich jemand ernsthaft nachtrauern? Wird es sich nicht vielmehr wie eine Erleichterung, eine Entlastung anfühlen? Ich schlucke den Gedanken und das merkwürdig unangenehme Ziehen in meiner Brust, den er verursacht, schnell hinunter. Irgendwie bleibt er dennoch kleben, verkantet sich in meinem Hals und schnürt mir leicht die Kehle zu.

Mir schwant warum. Zwei Gesichter kommen mir in den Sinn und strafen mich anklagend meiner Lügen. SIE werden mich vermissen. Werden das alles niemals als Erleichterung ansehen. Nein, das wird etwas ganz anderes in ihnen auslösen, wie scheinbar auch bei der Frau, die mich nun streng ansieht.

„Ja, werd‘ ich.“ Betont mein Gegenüber nochmal in aller Deutlichkeit, während ich mich räuspern muss. Sie greift sogar nach meiner Hand und drückt sie kurz. Ein seltsam offensiver Akt der Zuneigung, der mir nichts mehr ausmacht. Nicht bei ihr. Nicht unter Kollegen, die man zu schätzen gelernt hat, nicht bei…einer Freundin.

Wir machen das hier schließlich nicht zum ersten Mal, auch wenn die Chancen gut stehen, das es vielleicht bald das letzte Mal sein wird. Seit Jahren schlagen wir diese Schlacht zusammen. Gegen die Voraussagen der anderen Kollegen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit und noch so düstere Perspektive. Und irgendwie ja auch gegen jedes Naturgesetz.

Jetzt kann ich es mir eingestehen, wenn auch nur im Stillen. Vermutlich wäre ich wirklich nie so weit gekommen ohne ihre Hilfe. Ohne ihren eigenen Dickkopf, der hart wie Beton, die ursprüngliche Prognose einfach weggelacht hat an diesem schicksalshaften Tag vor gut zwei Jahren.

„6 Monate? Nie und nimmer, Herr Kollege. Dafür sind Sie viel zu anhänglich, exzentrisch und vor allem stur. Das bekommen wir schon hin.“ Ich werde das nie vergessen. Das leuchtende Brennen in ihren Augen. Die wilde Entschlossenheit darin. Nur ein entscheidendes Puzzleteil von vielen, die mich bis hierher getragen haben. Die beiden anderen verschanzen sich noch immer in meiner…nein, unserer Küche.

„Tun Sie mir einen Gefallen?“ Ich rufe mich ins Hier und Jetzt zurück. Hebe auffordernd meinen Blick. Mir ist bewusst, wie genervt und ungeduldig er ausfällt. Erwartungsgemäß zuckt sie nicht zurück. Das hat sie noch nie. Ich unterdrücke mit Mühe das kleine zufriedene Lächeln darüber.

„Bleiben Sie noch ein bisschen. Nur bis der Herbst anbricht. Ich habe das Gefühl, dass er besonders schön wird. Und Sie wollen denn beiden doch nicht etwa den Sommer verderben, oder?“ Keck legt sie ihren Kopf leicht schief und schielt einmal zur Schlafzimmertür hinüber.

Das schöne Grinsen vertieft sich noch einmal. Die Falten um ihren Mund treten deutlicher hervor. Stumme Zeugen eines ereignisreichen Lebens. Irgendwie wünsche ich mir plötzlich nichts mehr, als dass es ein glückliches bis hierher war. So glücklich, so kunterbunt und so wunderschön wie mein eigenes.

Denn sie braucht es nicht auszuführen. Ich weiß, worauf sie hinaus will. Ich denke seit Wochen an kaum etwas anderes. Niemand anderes bestimmt meine Gedanken so sehr, wie die zwei Menschen in mei…in unserer Küche. Ich muss erneut schlucken und senke mehr aus Reflex denn Willen meinen Blick.

Eingehend mustere ich meine Hände. Sie sind alt. Alt und gezeichnet von einem Leben, das nicht nur voll, sondern vor allem erfüllt gewesen ist. Das macht nur den Gedanken, dass es bald enden wird, nicht einfacher. Dass ändert nichts daran, dass ich mich an den meisten Tagen mit diesen erledigen Schulgefühlen herumplagen muss.

„Ich sehe, was ich tun kann.“ Der Versuch mich aus diesem Gespräch zu winden, klingt wohl nicht nur in meinen Ohren erbärmlich. Aber heute ist die jüngere Kollegin seltsam gnädig. Wohlwollend tätschelt sie zweimal sanft meinen Handrücken und nickt. Mir ist ihre Güte nicht fremd, aber irgendwie erscheint sie in diesem Augenblick gefährlich unangemessen.

„Machen Sie das.“ Lässt sie mich überraschend schnell vom Haken und es schleicht sich der Gedanke ein, dass das mehr Nachsicht ist, als ich eigentlich verdiene. Argwöhnisch ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Ich traue diesem Frieden nicht. Mein Misstrauen wird umgehend bestätigt, als sie nochmal innehält, bevor sie sich verabschiedet.

„Und noch was, Herr Kollege.“ Sie dreht sich zurück zu mir. Sieht mich durchdringend an. Das Grinsen, ihre melancholische Fröhlichkeit. Sie sind beide verschwunden. Ihr Blick trifft mich unvermittelt hart und ich ahne, dass ich über ihre nächsten Worte noch lange nachdenken werde.

„Sagen Sie richtig ‚Lebe wohl‘. Nicht nur so halb. Stehlen Sie sich nicht einfach davon. Das haben die beiden nicht verdient.“

Ich behalte recht. An diesen Sätzen, an dieser Aufforderung, an dieser Anweisung werde ich noch lange zu knabbern haben. So sehr, dass ich erst Stunden, nachdem Doktor Gärtner längst gegangen ist, bemerke, dass ich ihr gar nicht gesagt habe, dass ich sie auch vermissen werde. Jedenfalls irgendwie, zumindest ein bisschen. Wo immer ich dann auch sein werde.

***

Am Ende sehe ich die Ärztin doch nochmal wieder. Sogar öfter als mir zunächst lieb ist. Aber Alberich ist mit den Wochen vorsichtiger geworden. Ihr und Frank zur Liebe lasse ich die zusätzlichen Untersuchungen über mich ergehen. Auch wenn der ehemalige Kriminalhauptkommissar es nie sagt. Ich kann es in seinen himmelblauen Augen genauso lesen, wie aus Alberichs behutsam gewählten Worten. Er hat Angst. Das kann ich immerhin nachvollziehen. Sehe ich doch exakt denselben Blick jeden Morgen im Spiegel.

Also gebe ich nach, wenn es den beiden etwas Linderung von all dieser Schwere verschafft und sei es auch nur für ein paar Stunden. Natürlich nicht ohne das obligatorische Gemeckere, das Frank meist nur mit dem liebgewonnenen Augenrollen und Alberich mit einem tiefen Seufzen beantworten.

So sieht er aus. Dieser eingespielte Alltag zwischen uns dreien. Ein kleines Stückchen Sicherheit, ein bisschen Vertrautheit, ein Funken von Geborgenheit in einem Leben, das nur noch aus Unsicherheit und vielleicht ein paar Wochen oder Tagen besteht. Ich reiße alles davon gierig an mich, sauge es auf und klammere mich daran genauso fest, wie ich mich in der Nacht an die beiden klammere. Mir ist das schon lange nicht mehr peinlich. Ich rede mir stattdessen tapfer ein, dass ihnen diese Nähe auch hilft. Irgendwie. Zumindest ein wenig.

Doktor Gärtner kommentiert das nie. Dabei hat sie es längst durchschaut, was das hier ist zwischen Alberich, Frank und mir. Wie tief das geht und dass die beiden nirgendwo hingehen werden, egal wie oft ich schon versucht habe, sie zu vertreiben, um ihnen diesen Schmerz, diesen Kummer zu ersparen.

Nein, sie werden beide bleiben bis zum Ende. Und ich? Ich tröste mich ständig mit dem Gedanken, dass sie dann wenigstens nicht allein sind mit diesem Schmerz, diesem Kummer, die sie so bereitwillig ertragen für mich, ausgerechnet für mich.

Derweilen schweigen Doktor Gärtner und ich uns aus über das Gesagte, über ihre Anweisung. Jede Untersuchung gleicht der nächsten. Manchmal brennt es mir auf der Zunge, etwas zu sagen. Manchmal wimmelt es so stark in mir, dass ich mir denke. Das kann doch gar nicht sein. Dieser Körper ist doch noch so voller Energie, so voller Lebenskraft, wie kann er gleichzeitig zum Sterben verdammt sein.

Manchmal möchte ich sie anbrüllen, dass ich sie verstanden habe und dass ich immer noch da bin, weil sie mir dieses Versprechen abgerungen hat. Dass ich nur nicht weiß, wie das geht. Wie ich das anstellen soll. Wie sagt man ‚Lebe wohl‘, wenn sich alles in einem gegen den Abschied sträubt, wenn man eigentlich nur eins nicht will. Gehen. Loslassen.

Aber auch das stimmt nicht so ganz. Auch das ist irgendwie eine Ausrede. Nur die halbe Wahrheit und für Halbwahrheiten und Ausreden habe ich längst keine Zeit mehr. Denn ich weiß sehr wohl, was ich tun muss. Was es noch zu sagen gibt. Ich kann es nur nicht, weil mich meine Courage jedes Mal verlässt, wenn ich nur daran denke. Also suche na etwas anderem. Nach einer Geste, die vielleicht ausdrücken kann, was mir nicht über die Lippen kommt.

Ich wähle einen möglichst sonnigen und warmen Herbstmorgen im September. Ein paar Tage nach Alberichs Geburtstag. Der letzte Ehrentag, den wir noch als Trio begehen konnten. Ein unfassbar schöner Tag war das. Seit Langem waren sie mal nicht dabei gewesen. Die Ungewissheit, die Angst und die Furcht. Stattdessen waren nur Lachen, Freude und Wärme in unser Zuhause eingekehrt. Haben es sich zwischen uns bequem gemacht, um für ein paar unbeschwerte Stunden zu bleiben.

Die Erinnerungen daran machen mich glücklich und lassen mich auch jetzt, Tage später, noch dümmlich grinsen. So sehr, dass mich zwei unterschiedlich blaue Augenpaare verwundert anblicken, während wir unser Frühstück schon wieder im Schlafzimmer einnehmen müssen, weil der Weg in die Küche inzwischen viel zu weit und beschwerlich geworden ist.

„Frank? Alberich?“ Mein Blick wandert von Himmelblau zu Azurblau. Von fragend zu besorgt. Von Neugier zu Fürsorge. Ich grinse still in mich hinein. So verschieden diese beiden Augenpaare auch sind, jedes Mal, wenn ich in sie blicke, eint sie vor allem eins. Sie sind immer voller Zuneigung, voller Liebe.

Ich nehme es tief in mir auf. Dieses Bild vor mir. Speichere es ab für einen Moment, den ich noch nicht sehen will und doch spüre ich es inzwischen jeden Tag. Er ist am Horizont. Schwarz und bedrohlich. Aber noch verdunkelt er ihn nicht ganz. Ich dränge ihn entschieden zurück. Dann erst lasse ich meine Bitte über viel zu trockene Lippen kommen. „Ich…ich würde gern nochmal aufs Dach.“

„Wieso?“ Franks Brummen ist so leise, dass ich es fast nicht verstehe. Aber es beruhigt mich auch. Sie fragen beide nicht, welches Dach ich meine. Sie wissen es genau. Wissen, dass es nicht um das Dach geht oder um die Aussicht. Sondern um den Ort und was er bedeutet, was er symbolisiert…für uns.

Also zucke ich nur unbekümmert mit den Schultern. „Es ist Herbstanfang. Ich würde gern nochmal den Sonnenaufgang sehen. Kollegin Gärtner meinte, er sei gerade besonders schön. Ich würde das gern sehen … mit euch.“

Für ein paar Sekunden blicken sie mich noch an. Dann ein kurzer Blickwechsel zwischen Himmelblau und Azurblau. Eine stumme Konversation, von der ich zum ersten Mal seit Langem nur die Hälfte verstehe. Und schließlich ein knappes Nicken in meine Richtung. Ich atme erleichtert auf. Ich muss es nicht weiter erklären. Nicht wirklich. Sie nehmen es einfach so hin, wie alles, das ich von ihnen verlangt und eingefordert habe. Kurz meldet sich erneut mein schlechtes Gewissen und der nagende Gedanke. Das hast du nicht verdient.

Schon am nächsten Morgen habe ich ihn erfolgreich verscheucht, als Alberich mich behutsam in eine unserer hochwertigen Wolldecken wickelt, während Frank den Rollstuhl im Kofferraum verstaut. Ich verbanne ihn in die hinterste Ecke meines Bewusstseins, als Frank nochmal sanft meine Hand drückt und fragt, ob alles ok ist, bevor er losfährt. Ich will ihn nicht dabei haben, wenn mir Alberich von der Rückbank ein liebevolles Lächeln über den Spiegel zuwirft. Er wird den Moment nicht verderben, wenn Frank mir in den Rollstuhl hilft, um danach seine Lippen flüchtig auf meine Schläfe zu pressen.

„Ist dir kalt?“ Wie üblich ist es Alberich, die solche Fragen stellt, als wir das Dach der medizinischen Fakultät erreichen. Meine Antwort ist ebenso eingespielt zügig, während Frank den Rollstuhl zur Kante schiebt. Nur den Gedanken danach behalte ich für mich. Ich will nicht, dass sie beide das falsch verstehen und sich wieder sorgen.

„Nein.“ Ihr seid ja da.

Dann warten wir schweigend. Warten darauf, dass die Zeichen der Nacht endlich verschwinden, um Platz zu machen für das Licht des Tages. Noch lässt das majestätische Violett des Himmels uns nur erahnen, welchem Spektakel wir gleich beiwohnen werden. Die Luft ist angenehm mild um uns und doch spürt und riecht man es überall. Der Sommer ist vorüber. Der Herbst hat Einzug gehalten.

Ein Teil meines Versprechens ist damit erfüllt. Ich hatte auch nie wirklich Zweifel daran, dass ich es noch bis hierher schaffen würde. Es ist der zweite Part, an dem ich mich seit Wochen abarbeite. Der meinem rastlosen Verstand keine Ruhe mehr gönnt. Früher hätte mir das durchaus gefallen. Die Herausforderung, das Rätseln, das Ringen um die beste Lösung. Schließlich der süße Geschmack des Triumphs auf meiner Zunge, weil irgendwie habe ich doch immer gewonnen, habe ich gesiegt über alle Hürden hinweg oder nicht?

Verstohlen blicke ich zu meinen Begleitern. Eine links, der andere rechts von mir. Das Bild ist so vertraut. Plötzlich blitzt das Bild einer einsamen Landstraße vor meinem geistigen Auge auf. Der Ort, an dem das alles hier begann. Mit den Spuren eines Autounfalls, der keiner war.

Und jetzt? Gut 20 Jahre später? So vieles hat sich verändert seit diesen schicksalshaften Tagen. Nur dieses Bild, wir drei, das ist immer noch das gleiche. Das hat alles überstanden, hat jedem verstörten Blick der Außenwelt getrotzt, hat sich jedem verletzenden Spruch und jedem unserer eignen Zweifel widersetzt. Soll es jetzt wirklich daran zerbrechen? An so einer kleinen, bedeutungslosen Sache wie dem Tod. Ausgerechnet an dieser einen Sache, die uns einst zusammengebracht hat?

Leise lache ich über meine verworrenen Gedanken. Wieder spüre ich die Blicke von Alberich und Frank auf mir. Beschwichtigend winke ich ab. „Ich denke nur daran, dass das Leben manchmal seltsame Wege geht oder hättet ihr gedacht, dass wir uns jemals hier wiederfinden würden?“

Franks vertrautes raues Lachen tut mir gut. „Nee, nich wirklich.“ In der Dämmerung funkeln seine Augen besonders schön, wie ich finde. Neben mir scheint es Alberich ähnlich zu gehen. Das feine liebevolle Lächeln schenkt sie dieses Mal nicht mir. Damit kann ich leben. Ich bekomme dafür ihre kleine warme Hand in meine kalte.

„Aber ich bereu’s auch nicht.“ Dieser Satz überrascht mich. Selten ist er so direkt, so offen was…uns angeht. Verdutzt blinzle ich zu dem Mann zu meiner Rechten hoch. Es ist seltsam dieser Blickwinkel. Ich habe mich daran immer noch nicht gewöhnt. Genauso wenig wie daran, dass ich Alberich für den Rest meines begrenzten Lebens immer auf Augenhöhe begegnen werde. Auch wenn Letzteres durchaus praktisch sein kann. Wie zum Beispiel jetzt.

„Nicht für eine Sekunde.“ Flüstert sie mir sanft von links ins Ohr. Gerade so laut, dass auch Frank sie hören kann. Und schlagartig kann ich nichts mehr sagen. Bin sämtlicher Worte beraubt und halte mich nur krampfhaft an Alberichs Hand fest. Sicher ist mein Griff viel zu eng, aber sie beschwert sich nicht. Ich merke erst, dass ich weine, als mir die Tränen heiß die Wangen herunterrinnen.

Ich wische sie nicht weg. Sie bleiben. Ich stelle mir vor, wie sie glitzern, als die ersten Strahlen des orangefarbenen Sonnenlichts auf sie fallen. Ich male mir aus, wie sie sich verwandeln von Symbolen der Trauer zu etwas Hellem und Hoffnungsvollem. Ich bete, dass die beiden Menschen an meiner Seite daraus Kraft schöpfen. Ich hoffe, dass sie begreifen, was ich nicht sagen kann. Welche Worte meine Zunge einfach nicht formen kann.

Es tut mir leid. Ich wünschte, ich müsste euch nicht verlassen. Ich wollte das nie. Euch einfach so zurücklassen. Ich habe Angst davor, deshalb verdränge ich es wohl so hartnäckig. Auch wenn mir bald keine andere Wahl mehr bleibt. Ich bin unfähig euch ‚Lebe wohl‘ zu sagen. Also lass ich es ganz, weil ich nicht weiß wie. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich nicht nur sprach- sondern auch grenzenlos ahnungslos.

Also bitte ich euch nur, mir zu verzeihen. Ein allerletztes Mal. Für die harten Jahre und die noch schwierigeren letzten Monate. Ihr seid das Beste, was mir je passiert ist und ich hoffe nur, dass ihr das wisst. Dass ihr nie daran zweifelt, was ich für euch empfinde, was ich immer empfunden habe auch in all den Jahren, in denen ich beharrlich geschwiegen habe. In denen ich nicht ein noch aus wusste, wie das alles werden sollte.

Ich hoffe ihr wisst, dass ich euch liebe, auch wenn ich das nie laut ausgesprochen habe. Es ist dennoch wahr. Es war immer wahr.

Der feuerrote Ball am Horizont schiebt sich immer höher, während mir das alles durch den Kopf geht. Hilflos frage ich mich, was ich noch tun kann. Wie ich meine Dankbarkeit nur ausdrücken kann, wenn mich die Worte dafür so gnadenlos im Stich lassen. Und während ich noch verzweifelt nach einer Antwort suche, passiert das, was immer geschieht. Alberich und Frank erlösen mich, nehmen mir auch diese Bürde ab.

Langsam nimmt Frank meine andere Hand in seine. Seine Gesichtszüge sind nun in ein leuchtend helles Licht getaucht. Und erst jetzt bemerke ich, auch er muss geweint haben. Ich erkenne die Spuren auf seiner Haut. „Danke, Boerne.“ Wispert er fast andächtig, als fürchte er den Moment mit einem zu lauten Wort zu zerstören. „Das war wirklich eine schöne Idee.“ Dann beugt er sich hinunter und küsst meine Hand.

Mir schwirrt der Kopf. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Dann spüre ich ein anderes warmes Lippenpaar auf meiner Wange. Alberichs Duft nach wilden Kornblumen steigt mir in die Nase. Der Geruch von Zuversicht und Hoffnung. Der Geruch von Zuhause. Ich muss die Augen schließen. Erneut laufen mir salzige Tropfen über die Wangen, während die Sonne mein Gesicht wärmt. Sie fallen still und leise auf jeder Seite in blondes Haar. Verlieren sich darin.

Eine Weile harren wir noch aus in dieser eigenartigen Komposition aus Körpern. Einer davon in einem Rollstuhl, fast nicht mehr zu erkennen unter den Wolldecken. Ein zweiter halb darüber gebeugt in einer merkwürdigen Verbeugung und ein dritter, ein ganz kleiner sanft dagegen gelehnt, um die anderen beiden zu stützen, so gut das eben geht. Für Außenstehende muss es ein bizarrer Anblick sein, einer der keinen Sinn ergibt. Für mich ist es alles, was je Sinn ergeben hat in diesem verrückten, aufwühlendem Leben.

Als wir unser Knäul schließlich auflösen, steht die Sonne schon recht hoch. Es ist mir gleich. Meinetwegen könnten wir den ganzen Tag auf diesem Dach zubringen. Ich fühle mich großartig. Habe mich seit Tagen nicht mehr so energiegeladen, so zufrieden, so wohl, so ausgeglichen und…ja, so geliebt gefühlt.

Das ist, was ich mitnehmen werde. Dieses Gefühl. Diesen einzigartigen Augenblick, den werde ich mir in Erinnerung rufen. An ihm werde ich mich festhalten, wenn der Tag kommt, vor dem wir uns alle drei so fürchten. Bis dahin werde ich mit ihm einschlafen. Werde jeden Abend an ihn denken, bevor ich meine Augen schließe. Und wenn ich sie für immer schließe, dann wird es dieser Augenblick sein, der mich begleiten wird. Auf die andere Seite. Dorthin, wo ich in unerträglicher Ungeduld, in ständigem Sehnen darauf warten werde, dass das Schicksal uns endlich wieder vereint.

Und solang werde ich es üben. Dieses ‚Lebe wohl‘-Sagen und wenn mir meine Zunge weiter untreu bleibt, dann werde ich es einfach aufschreiben. All das, was ich nicht sagen kann. Ja, das ist doch ein ganz guter Plan. Und sicher wird mich, wenn ich sie ganz höflich frage, eine gewisse Ärztin dabei tatkräftig unterstützen.
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