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Das Prinzip der maximalen Schweinerei

von Bibi77
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert OC (Own Character) Reimund Girwidz Sabine Kaiser
24.11.2022
16.12.2022
4
6.740
6
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
28.11.2022 1.893
 
Anfang der Woche herrscht in Wolfratshausen in jeder Hinsicht noch schönster Sonnenschein.
Hubert und Girwidz lassen einen ereignislosen Arbeitstag auf der Terrasse der Bäckerei Rattlinger ausklingen, fläzen in der warmen Nachmittagssonne herum und lassen es sich bei Kaffee und Kuchen gut gehen. - So soll's sein, findet Hubsi, und so könnt's gern auch bleiben, wenn's nach ihm ginge.

Tut es aber nicht.
Viel zu schnell ist sein Kuchenteller leer und dann läutet auch noch das Telefon vom Girwidz.
Dem fallen beinahe die Augen in den Kaffee, wie er drangeht und lauscht, was die Stimme am anderen Ende der Leitung ihm zu sagen hat. Dann wird sein Gesicht feuerrot.
„Bitte was?“, schnauft er entsetzt.
Hubsi, der bis eben damit beschäftigt gewesen ist, wehmütig den letzten Rest Buttercreme von seinem Teller zu kratzen, wird hellhörig.
„Ja… U-um Gottes Willen!“, stammelt der Girwidz. „Wie geht es ihr denn?“ Er tupft sich mit einer Serviette über die Stirn und wird auf einmal ganz käsig. „Ja… Ja, natürlich! I-ich bin sofort da! A-also i-ich mein, i-ich komm, so schnell ich kann. Hm-hm. Ja. U-und danke für den Anruf.“
Das Telefon in seiner Hand zittert als er auflegt.
Herrschaftzeiten, was is'n mit dem los?

„Herr Girwidz?“, fragt Hubsi vorsichtig und winkt mit einer Hand vor der versteinerten Miene seines Kollegen herum. „Haaallooo! Is was passiert?“
„Ich muss nach München!“, sagt der Girwidz und springt so plötzlich hoch, dass er beinahe seinen Stuhl mit umreißt.
„Hoppala!“ Hubsi kann das fallende Möbelstück gerade noch festhalten. „Was wollen'S'n da?“
„Meine Tochter! Johanna! Sie wurde eben eingeliefert. I-ins Krankenhaus!“
Noch bevor Hubsi was darauf sagen kann, ist der Girwidz schon auf dem Weg zum Streifenwagen, dreht allerdings nach wenigen Schritten schon wieder um und fragt zerstreut: „Ähm. Würde es Ihnen was ausmachen, heute mal mit dem Bus nach Hause zu fahren?“
„Ähm. Jaaa“, sagt Hubsi.
„Aber...“ Jetzt wird der Girwidz wieder knallrot, schnauft und brüllt plötzlich: „Sie werden mir doch wohl mal diesen einen Gefallen tun können, verdammt!!!“
„Nein“, sagt Hubsi, „weil ich Sie in Ihrm Zustand jetz ganz bestimmt net allein nach München fahren lass.“ Er steht auf und schnappt sich seine Lederjacke. Als er merkt, dass Girwidz ihm nicht folgt, setzt er noch hinzu: „Ja, jetz stehn'S da net so bleed umeinander! Los, auf geht’s! Ich fahr.“

***

Es wird eine sehr schweigsame Fahrt.
Der Girwidz hat Angst um sein Töchterchen, Hubsi vor dem Münchner Großstadtverkehr und – ja, vielleicht auch ein bisschen um die Johanna. Schließlich hatten sie, er und der Staller ja einmal jahrelang so etwas wie eine recht gut funktionierende Zweckkooperation. Nicht immer unbedingt gegen das Verbrechen, aber zumindest immer gegen den Girwidz. Und auch wenn das schon gut zehn Jahre her ist – damals ist die Johanna ja noch zur Schule gegangen – und Hubsi sonst nichts weiter mit ihr zu tun hatte, hofft er jetzt natürlich, dass es den Girwidzschen Nachwuchs nicht allzu schlimm erwischt hat.

Der Herr Papa hält sich dazu allerdings – wie immer, wenn es um sein jüngstes Töchterchen geht –  sehr bedeckt und Hubsi wagt sich auch erst nach einer ganzen Weile zu fragen:
„Was is'n überhaupt passiert?“
„Das weiß ich auch noch nich so genau“, murmelt der Girwidz, während er angespannt seine Knie durchknetet. „Sie wurde verletzt und bewusstlos in der WG aufgefunden. Sieht wohl nach einem Überfall aus.“
„Ouh!“, sagt Hubsi. „Hat's wieder Ärger mit wem g'habt?“
Der Girwidz sendet tödliche Blicke in seine Richtung.
„Und Ihre Frau?“, versucht Hubsi schnell abzulenken, merkt aber auch hier recht schnell, dass er sich auf sehr dünnem Eis bewegt. „I mein, Ihre Ex-Frau“, korrigiert er sich. „hat die Sie ang'rufen?“
„Natürlich nicht!“, erwidert der Girwidz etwas gereizt. „Das war jemand vom Krankenhaus.“ Zerknirscht fügt er noch hinzu: „Johannas Mutter war wohl… noch nicht zu erreichen.“
„Wieder mal im Urlaub, ha?“, sagt Hubsi, quetscht sich ein breites Grinsen ab, das den Girwidz aufmuntern soll, aber seine Wirkung irgendwie komplett verfehlt, und beschließt darauf, ab sofort wieder die Klappe zu halten.

***

München ist eine einzige Katastrophe und noch viel schlimmer als Hubsi befürchtet hat. Schon, als er einmal nur als Beifahrer mit dem Hansi hier war, ist er tausend Tode gestorben, aber selber hinterm Steuer sitzen – dagegen ist eine Massenpanik ein Scheißdreck! Überall Abbiegespuren, Verkehrsschilder und Ampeln. Dazu Autos, Fußgänger und Radfahrer soweit das Auge reicht, alle natürlich wahnsinnig schnell, und irgendwie wird Hubsi das Gefühl nicht los, dass er der einzige Depp ist, der nicht weiß, wo er ist und wo er lang muss.

„Wo müssen mia'n überhaupt hin?“, fragt er mitten im Gewusel einer riesigen Kreuzung an seinen Beifahrer gewandt.
„Ähm… keine Ahnung“, sagt der Girwidz und wirkt ehrlich verblüfft von dieser Frage.
Na super!
„Ja, vielleicht schalten'S dann mal das Navi ein!“, drängt Hubsi.
„Welches Navi denn?“
„Na das an Ihrm Handy!“
Weil der Girwidz immer noch verdattert guckt, fischt Hubsi sein Handy aus der Hosentasche, öffnet die Navigations-App und drückt es ihm in die Hand.  
Hinter ihnen hupt es schon wie wild, weil die Ampel längst wieder auf Grün geschaltet hat.
Komplett gestresst steckt Hubsi den Kopf aus dem offenen Seitenfenster und brüllt nach hinten: „Hupe geht! Mach ma Licht!“
Dann fährt er einfach irgendwohin, gabelt beim Abbiegen beinahe einen supercoolen Rennradfahrer auf, der anscheinend eine Rot-Grün-Schwäche hat, und steuert geradewegs der nächsten Kreuzung entgegen.
„Ham'S es jetz bald?“, drängelt er.
„Ähm… Moment!“ Der Girwidz hämmert wie wild auf das Handy ein. „Schlechte Verbindung… Oh! Jetzt! Zurück! Zurück, Hubert! Wir müssen in die andere Richtung!“
Herrschaftzeiten!
Hubsi reißt das Lenkrad herum und legt mitten auf der Kreuzung einen U-Turn hin. Wieder wildes Hupen von allen Seiten, aber so langsam ist ihm echt alles wurscht. Weil's ihm jetzt reicht, schaltet er einfach Blaulicht und Sirene ein – irgendwie ist das hier ja auch ein dringender Notfall! – und so kommen sie dann auch gleich viel zügiger voran. Trotzdem steht für Hubsi fest:
„Das is jetz wirklich das letzte Mal, dass i nach München fahr!“

***

Wie sie endlich die Klinik erreicht haben, fühlt Hubsi sich komplett durchgeschwitzt. Aber: Wagen 3 steht unbeschadet auf einem sicheren Parkplatz und er und der Girwidz leben noch. Und das ist jetzt erst einmal das Wichtigste.

Sie fragen sich zur Johanna durch. Die ist wohl inzwischen fertig durchuntersucht und liegt auf ihrem Zimmer. Weil Hubsi findet, dass er bei der nun bevorstehenden Zusammenführung von Vater und Tochter nicht dabei sein muss, liefert er den Girwidz nur schnell auf der Station ab und will sich dann erst einmal einen Kaffee holen gehen.
Das ist eine ziemlich blöde Idee, denn in München ist halt alles größer – auch so ein Krankenhaus. Und so hat er sich in dem Labyrinth aus Gängen und Türen bald hoffnungslos verlaufen.
Kantine? Kaffeeautomat? Fehlanzeige.

All das ist allerdings noch Hubsis kleinstes Problem im Vergleich zu dem Problem, das da plötzlich direkt vor ihm mitten im Flur auftaucht und mit einer dunkelhaarigen Ärztin ratscht, wie er um die Ecke biegt. Dieses Problem ist klein, blond... und es ist eindeutig seine Ex-Frau.
Verdammt, stimmt ja! Die arbeitet ja da! Ach du Sch****, zuckt es Hubsi durch's Hirn. Also: Nichts wie weg!

Ein Glück steht direkt neben ihm die Tür zu einer kleinen unbeleuchteten Kammer offen. Dort schlüpft er rein und verbarrikadiert sich hinter einem Reinigungswagen. Puh! Hoffentlich hat die Anja ihn nicht gesehen!
Hat sie nicht. Denn aus seinem Versteck heraus kann Hubsi hören, wie sie munter weiter mit ihrer Kollegin quatscht. Vorsichtig äugt er aus der Tür – und weicht schnell wieder zurück. Die beiden kommen direkt auf ihn zu. Sein Herz klopft wie wild und seine Gefühle fahren plötzlich Achterbahn.

Ein Teil von ihm will die Tür ranziehen und sich die Ohren zu halten, damit er bloß nichts sieht und hört von der Anja. Nicht, dass da am Ende noch irgendwas wieder hochkommt, was nicht hochkommen soll. Denn ganz vergessen hat er die Anja nie können – das geht ja auch gar nicht – und deswegen ist es einfach blöd, dass er sie jetzt wiedersehen muss, obwohl er gar nicht will. Sein größtes Problem ist aber, dass der andere Teil von ihm schon will und irgendwie neugierig ist, wie es der Anja wohl ergangen sein mag in den Jahren, in denen sie sich nicht mehr gesehen haben, wie sie jetzt genau ausschaut, ob sie sich verändert hat. Vielleicht ist sie ja hässlich und fett geworden? Das würde jedenfalls vieles etwas leichter machen...

Während Hubsi noch unschlüssig in seiner Kammer steht und überlegt, da ist er auch schon wie elektrisiert von dieser fröhlichen hellen Stimme und kann gar nicht anders als hinhören.
„So ein paar arrogante Schnepfen, glaubstes!“, schnattert die Anja auf ihre Kollegin ein und wedelt ganz aufgebracht mit ihrer kleinen Hand herum. Irgendwie süß, denkt Hubsi, ohne es zu wollen. „Sag‘ i zu denen: Da muss i doch gleich amal heut Abend den Leo fragen. Leo wegen Leonard, weißt… Na die ham mich vielleicht ang'schaut!“
Während die Andere darüber aus vollem Halse lacht, fragt Hubsi sich jetzt natürlich, wer der Leo ist. Und dass die Anja „du“ zu dem sagt und sich anscheinend abends mit dem trifft, dass gefällt ihm überhaupt nicht, obwohl es ihn doch eigentlich gar nichts angeht.

Die beiden Damen gehen an ihm vorüber und Hubsi weicht noch einen Schritt tiefer in die Kammer zurück. Jedoch nicht weit genug, um dem angenehmen Hauch Mandelblütenduft ausweichen zu können, der ihm jetzt um die Nase weht. Der rührt eindeutig von der Anja her, denn Mandelblüte war schon immer ihre bevorzugte Duftnote, egal ob beim Waschmittel oder beim Shampoo. Hubsi macht kurz die Augen zu. Mmmh, riecht immer noch gut...

„Jedenfalls“, hört er die Anja weiterplaudern, „wie der Kongress zu Ende g’wesen is, ham alle g’wusst, dass i a Verhältnis mit dem Professor Marold hätt‘, nur der Professor selber net.“
Die zwei Gackerliesen kreischen vor Lachen und auch Hubsi muss jetzt unweigerlich in sich hineingrinsen und zugeben, dass er schon irgendwie erleichtert darüber ist, dass die Sache mit der Anja und diesem ominösen Professor offenbar nur eine Räuberpistole von der Anja gewesen ist, um irgendwelche Waschweiber auf diesem Kongress zu verarschen. Das findet er ganz großartig. Aber schlagfertig ist sie ja schon immer gewesen, die Anja...

Nachdem sie und ihre Kollegin Hubsis Versteck passiert haben, kommt er nicht umhin, doch noch den Kopf aus der Tür zu strecken und ihr einen hingebungsvollen Blick hinterherzuwerfen. Die Anja trägt die Haare jetzt zu einem modischen Longbob geschnitten. Steht ihr gut, findet Hubsi. Auch die weiblichen Kurven unter ihrer weißen Dienstkleidung gefallen ihm gut. Keine Spur von fett und hässlich. Verdammt! Und dann hängt da auch immer noch dieser Hauch Mandelblüte in der Luft…

Hubsi muss sich jetzt weit über den Reinigungswagen hinaus lehnen, um die Anja nicht aus den Augen zu verlieren.
Das hätte er mal besser nicht tun sollen.  
Plötzlich setzt sich das Ding in Bewegung und ehe er sich versieht, zieht es ihn in den Flur hinaus. Er verliert das Gleichgewicht, knallt mit dem Kinn auf die Metallkante, dass es ordentlich scheppert und seine Zahnwurzeln erzittern, und dann haut's ihn auch schon schwungvoll auf den Boden.

Damit dürfte er sich jetzt wohl die ungeteilte Aufmerksamkeit von der Anja gesichert haben.
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