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Junge Liebe

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Het
Guy of Gisburne OC (Own Character) Robert de Rainault der Sheriff of Nottingham
24.11.2022
24.11.2022
6
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Dann aber musste der Ritter bis zum Abend warten, bevor er die Gelegenheit erhalten sollte, die Schwiegertochter des Barons kennenzulernen. Es war allerdings nicht so, dass er bis dahin nicht beschäftigt war, denn er hatte ausreichend damit zu tun, dass der Baron – bevor er am nächsten Tag in die Normandie zurückkehren musste – überprüfen wollte, ob ihm zusagte, was Gisburne geplant hatte. Darüber hinaus würde er bestimmt auch die Männer inspizieren wollen, die der stellvertretende Sheriff als Eskorte für Lady Isabé ausgesucht hatte. Aus diesem Grund war dem Ritter nichts anderes übriggeblieben, als sich unverzüglich darum zu kümmern.
Es gab nur ein kleines Problem bei dieser Angelegenheit. Die Garnison in Nottingham war nämlich nicht mehr voll besetzt. Dies lag einerseits daran, dass der König jedes Mal, wenn er der Stadt – und der Burg - einen Besuch abstattete, einige der dort stationierten Männer mitnahm. John konnte immer Soldaten gebrauchen, weil er sie in seinen Kampagnen noch schneller verschliss als Gisburne sie gegen Robin Hood verlor. Die andere Ursache für den Mangel an Männern hieß … Robin Hood. Die Männer, die ja nicht so gut geschützt – und auch nicht so gut ausgebildet – waren wie der Ritter, fielen den Gesetzlosen immer wieder zum Opfer, egal was Gisburne auch unternahm, um sie zu schützen. Er hatte sich mit dieser Situation abfinden müssen, was ihn nicht davon abhielt zumindest dafür zu sorgen, dass seine Soldaten nur verletzt und nicht getötet wurden. Doch auch in diesem Fall standen sie ihm für eine Zeitlang nicht zur Verfügung. All das führte auch nicht dazu, dass es einfacher für ihn wurde, Ersatz für die Männer zu finden, die ihm nicht mehr zur Verfügung standen.
Aber trotz der Tatsache, dass ihm weder die Verletzten noch die Neuen zur Verfügung standen – letztere aus dem einfachen Grund, weil sie noch nicht ausreichend ausgebildet waren - schaffte er es einen Trupp zusammenzustellen, der dann auch die Zustimmung des Barons erhielt. Sehr zur Erleichterung des Ritters, der sich im weiteren Verlauf dann sogar zusammenreißen musste, um nicht unverhohlen zu grinsen, als er der säuerlichen Miene des Sheriffs gewahr wurde, der mitanhören hatte müssen – ohne sich selbst einbringen zu können - wie der Baron seinen Stellvertreter lobte und ihn als kompetent bezeichnete. Dies war Balsam für die geschundene Seele von Sir Guy und sorgte dafür, dass er dem Mahl am Abend relativ ruhig entgegenblicken konnte. Jetzt musste er nur noch darauf achten, die Lady selbst nicht gegen sich aufzubringen, aber das sollte eigentlich kein Problem sein. Er hatte ja schließlich nicht vor sie in sein Bett zu bekommen. Aus diesem Grund war er in der Lage, die ganze Angelegenheit völlig entspannt anzugehen.
Er war dann sogar ein bisschen enttäuscht, als er feststellen musste, dass er sich ganz umsonst Gedanken gemacht hatte, denn als er am Abend in der Großen Halle erschien, angemessen gekleidet - in den Jahren, die er hier in Nottingham hatte zubringen müssen, hatte er aufgehört, sich Gedanken darüber zu machen, wie er gekleidet war, sofern nur der Sheriff anwesend war – konnte er von Lady Isabé noch nichts sehen. Es dauerte auch nicht lange, bis er mitbekam, dass noch nicht klar war, ob sie überhaupt am Mahl teilnehmen würde.
„Ihr müsst meine Schwiegertochter entschuldigen, My Lords“, erklärte der Baron de Grieu dem Sheriff und seinem Stellvertreter. „Sie trauert immer noch um meinen Sohn, der vor einigen Monaten gestorben ist. Sein Tod hat sie sehr getroffen, wohl auch, weil die Ehe nicht mit Kindern gesegnet war. Guérôme hat sich seiner Ehefrau viel zu selten gewidmet. Er war durch und durch Soldat und liebte es einfach in die Schlacht zu ziehen. Er war so ungestüm, dass ich mich das eine oder andere Mal tatsächlich darüber gewundert habe, dass er noch am Leben war.“ Der Mann erweckte nicht den Eindruck, als habe er sonderlich unter dem Tod seines Sohnes gelitten. Er hätte genauso gut auch über einen seiner Männer sprechen können.
„Seid Ihr verheiratet, Sir Guy?“, wandte er sich völlig unerwartet an den Ritter.
Gisburne, der in dem Moment einen Schluck aus seinem Weinkelch genommen hatte, schaffte es – glücklicherweise – nichts von dem Wein über den Tisch zu spucken, denn das hätte sicherlich keinen guten Eindruck auf den Baron gemacht.
„Nein, My Lord“, war dann alles, was er hervorbrachte.
„Das ist vielleicht auch besser so für einen Soldaten“, fuhr de Grieu fort. „Ich bin froh, dass meine Gemahlin mir schon vor vielen Jahren vorausgegangen ist, denn heutzutage bin ich auch nur noch unterwegs. Wenn der König ruft, dann kann man sich nicht dagegen sperren, aber ich hätte sie ungern so oft allein gelassen. Man weiß ja nie, auf welche Ideen die Frauen dann kommen.“ Er gab ein schallendes Lachen von sich, in das de Rainault ziemlich schnell einfiel.
Dahingegen konnte der Ritter über diese Worte nicht lachen, denn für ihn rückten sie die Frau, die der Sohn des Barons hinterlassen hatte, in ein unschönes Licht. Nach seinen eigenen Ausführungen war sie ja offenbar von ihrem Ehemann oft alleingelassen worden. Wollte der Baron ihr etwa unterstellen, sie habe sich anderweitig vergnügt? Hatte er tatsächlich eine derart schlechte Meinung von seiner Schwiegertochter?
Es war reines Glück, dass Lady Isabé erst in diesem Moment erschien. Dies bewahrte sie davor mitzubekommen, was der Baron von sich gegeben hatte, aber darüber hinaus war der Mann auch nicht so unsensibel, das Thema in ihrer Gegenwart weiterzuverfolgen.
„My Lords, ich darf Euch meine Schwiegertochter Lady Isabé de Grieu vorstellen, die Witwe meines jüngsten Sohnes.“ Bei diesen Worten hatte der Gast sich erhoben und aus diesem Grund blieb dem Sheriff auch nichts anderes übrig, als noch einmal aufzustehen, auch wenn er das gewöhnlicherweise höchstens für den König und einige der Earls tun würde. Gisburne war dem Vorbild der beiden natürlich umgehend gefolgt.
„Meine Liebe“, wandte sich de Grieu dann in einem durchaus freundlich zu nennenden Tonfall an die Lady, „darf ich Euch Robert de Rainault, den ehrenwerten Sheriff von Nottinghamshire vorstellen. Und dies hier ist sein Stellvertreter, Sir Guy of Gisburne. Er ist es, der Euch morgen nach Kirklees eskortieren wird. Ihr wisst ja, dass ich unverzüglich zum König zurückkehren muss.“
Die Frau, die noch ziemlich jung wirkte – so viel war Sir Guy in der Lage von ihr zu erkennen – war vor der Tafel stehengeblieben, während ihr Schwiegervater die Vorstellungen hinter sich brachte und der Ritter nutzte die Gelegenheit, sie – wie er hoffte, unauffällig – zu mustern. Sie war – wie er ja schon meinte festgestellt zu haben – relativ jung, offenbar von schlanker Gestalt, wobei sie für eine Frau ziemlich groß war. Sie trug ein schlichtes Kleid, das nicht viel von ihr offenbarte, einen Wimpel, unter dem von ihrem Haar absolut nichts zu sehen war und keinerlei Schmuck. Der Baron hatte ganz offensichtlich nicht gelogen, als er erklärte, sie würde noch um ihren Ehemann trauern.
Ihr ganzes Erscheinungsbild und ihr Auftreten machten dem Ritter mit einem Mal klar, wieso sie sich nach Kirklees begeben wollte, denn sie machte tatsächlich den Eindruck einer Frau, die in ein Kloster eintreten wollte, weil sie sich von der Welt abgewandt hatte. Als sie sich zu ihrem Platz neben dem Baron begab, entging Gisburne nicht, wie vorsichtig sich die junge Frau bewegte, als stände sie kurz davor zusammenzubrechen. Dies brachte den Ritter dazu darüber nachzudenken, ob der Wagen, den er für die Reise gewählt hatte, auch der richtige für sie war, denn sie sah nicht so aus, als ob sie viel aushalten könne.
Sobald Lady Isabé saß, kamen auch schon die Diener herbei, um ihr Essen und einen Kelch vor ihr abzustellen.
„Ich hoffe, Ihr seid an diesem Abend in der Lage, etwas zu Euch zu nehmen, My Lady“, sprach der Baron sie erneut an, aber dann wartete er nicht ab, ob sie ihm antworten wollte, sondern wandte sich direkt wieder an den Sheriff, mit dem er auch zuvor gesprochen hatte. Danach beachtete er die junge Frau nicht mehr.
Dagegen hätte Sir Guy gerne ein Gespräch mit ihr begonnen, aber es gab gleich mehrere Gründe, warum er seinen Wunsch nicht in die Tat umsetzte. Zum ersten war er sich nicht sicher, ob das dem Sheriff – und seinem Gast – recht wäre. Dann erweckte die junge Frau auch nicht den Anschein, als ob sie überhaupt interessiert daran wäre, sich zu unterhalten. Seiner Meinung nach machte sie auch nicht den Eindruck, als ob sie vorhabe etwas zu sich zu nehmen. Er erkannte, dass er sich darin nicht getäuscht hatte, als sie die ganze Zeit über, die sie sich in der Großen Halle aufhielt, mit einem Tuch einen großen Teil ihres Gesichts verdeckte. Sie legte das Tuch auch niemals aus der Hand. Gisburne wurde unwillkürlich an Lady Mildred erinnert, die hier in ähnlicher Pose am Tisch gesessen hatte, allerdings schien diese Lady im Gegensatz zu des Sheriffs verhinderter Braut nicht zu weinen. Zumindest konnte er davon nichts hören.
All dies war allerdings nicht der Hauptgrund für Sir Guys Zurückhaltung. Diese resultierte einzig daraus, dass ihn die junge Frau erneut an die Tochter des Nachbarn denken ließ, denn er konnte sich gut an deren schlanke Gestalt erinnern und er hatte auch nicht vergessen, dass sie für ein Mädchen hochgewachsen war. Dies allein hätte schon ausgereicht, um Gisburne daran zu hindern, ein unbeschwertes Gespräch mit Baron Grieus Schwiegertochter anzufangen. Aber diese vermeintliche Ähnlichkeit führte auch noch dazu, dass er sich den ganzen Abend über wünschte, er könne mehr von ihrem Gesicht sehen oder zumindest ihre Stimme hören, denn er konnte nicht umhin sich vorzustellen, sie wäre tatsächlich das Mädchen aus seiner Jugend, welches er so geliebt hatte. Er wünschte sich vor allem, er wäre in der Lage, diesen Eindruck zu zerstören, denn er fürchtete, dass ihn ansonsten seine Erinnerungen ziemlich plagen würden.
Doch sie tat ihm diesen Gefallen nicht und daher war es kein Wunder, dass in dieser Nacht Isabé of Dorsey seine Träume beherrschte.
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