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Der Amtsschimmel 01 - Problem mit einem Bären

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor / P12 / Gen
24.11.2022
24.11.2022
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Problem mit einem Bären
Der Kaffee rieselte optimistisch in die Kanne des Lauenburger Amtsschimmels Theophil Blanco; heute würde er bestimmte einen ruhigen Tag haben.
„Chef! Chef!“ rief sein Untergebener, der Bürohengst Byron, als er hereinstürmte. ES war ein schöner Tag gewesen. „Hat schon wieder irgendein Idiot jemandem Salz in die Wunde gestreut?“ seufzte Theophil. „Schlimmer! ES ist noch viel schlimmer! Es ist eine Kata-“ Weiter kam der junge Bürohengst nicht und Amtsschimmel hätte die Fortsetzung auch kaum verstehen können, da ein ziemlicher Krach entstand, als des Bürohengsts Beine unter ihm wegbrachen und Tors und Haupt auf den Boden krachten. Als Amtsschimmel wusste Theophil, was zu tun war. Er ließ ein wenig Zeit verstreichen und dann tat er dies auch. Er fand eine von Byrons Venen, in die er eine Infusionsnadel rammte; Kaffee strömte in die geschockten Adern. Mit einem Ruck kam er wieder auf alle viere. „Tim und Struppi!“ wieherte er. „WTF?“ entfuhr es Theophil. „Nichts, Herr Amtsschimmel, das war nur … egal. Wirklich wichtig: Der Problembär ist aus dem Kittchen ausgebrochen!“ Geil. Theophil rammte die Infusionsnadel in seine eigene Vene. Es war ein ruhiger Tag gewesen. Das Gefängnis von Lauenburg hatte eine schöne Küche, die Wände waren – ohne damit irgendeine Zweckmäßigkeit zu beabsichtigen – mit deutschen Balladen beschriftet. Der doch reichlich unfähige Gefängnisdirektor stand vor irgendetwas von Fontane, als Theophil hereintrabte. „Ah, sehr geehrter Herr Amtsschimmel Blanco! Sie sind schon da. Ja, was hat die Nachtschicht da nicht schon wieder angerichtet, lassen einfach den Problembären entwischen, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“
„Sparen Sie sich die Schuldzuweisungen!“ fuhr ihn Theophil an: „Der wievielte Ausbruch ist das jetzt? Denken Sie, die Polizei und ich hätten nichts besseres zu tun als irgendwelchen Schweineigeln und Problembären hinterher zu laufen, für die Sie verantwortlich sind?“ Der Direktor blickte verlegen auf das Honigregal: „… a propos besseres: Wissen Sie, von wem die Ballade hier ist?“
Blanco hatte einst Germanistik studiert, bis er an Theodor Storm gescheitert war, deswegen sprudelte es fast schon automatisch aus ihm hervor: „Fontane, nicht wahr,“ während der sich durch einen Blick auf die Wand vergewisserte. „Ja doch, ich bleibe bei Fontane. Mmmmm!“ Die Hand des Direktors in seinem Gesicht „Was – Oh – ist das Honig? Also – das – das ist lecker!“ Enthusiastisch schleckte Theophil den Honig auf, den ihm der Direktor ums Maul geschmiert hatte. Vielleicht würde das doch ein guter Tag werden. Der Direktor mit dem guten Geschmack für Honig führte Theophil zu der Zelle, in der der Problembär (unfreiwillig) residiert hatte. Sie war leer. Nun, das war zu erwarten gewesen. „Wie war er so als Häftling?“ frug er, da ihm nichts besseres einfiel. „Problematisch.“ „Ah.“ Jetzt war seien Aufmerksamkeit schon zu einem Ziel hingewandert, dem Fenster der arktisweiß gestrichenen Zelle. „Er ist dadurch entkommen?“ „Ja,“ antwortete der Direktor: „Woher –„Ich das weiß? Dort sind ja nur ein paar von Krallen zerfetzte blau-gelbe Stoffbahnen, wie hätte ihn das auch überhaupt aufhalten sollen!“ „Schwedische Gardinen sind allgemein anerkannt als die neueste und modernste Gefängnistechnologie!“, verteidigte sich der Honigkenner.
Nun blieb nur noch, der Spur zu folgen. Theophil machte die Zellentür zu und sich auf den Weg. Die Spur des Problembären führte ihn in das Lauenburger Stadtgebiet hinein zum Markt. Dort endete die Spur, wurde von anderen überdeckt, aber sei es drum. Immerhin würde er hier jemanden finden, der ihm bei diesem ganzen Problembärenproblem hilfreich sein könnte. Theophil stand vor Ali Babas Gemüsestand, an dem gerade die Auberginen geordnet wurden und dachte nach und ließ seinen Blick über den Markt schweifen; auf der einen Seite wurden unverkäufliche Tomaten als Schweinefutter beiseitegelegt und auf der anderen Seite wurden … Moment, Schweinefutter? Das war es! Zeit für einen Szenewechsel. „Kameradenschwein, ich brauche deine Hilfe!“ sagte der stolze Amtsschimmel zu dem Schwein. „Fick dich,“ sagte das Schwein. „Der Problembär Bruno ist ausgebrochen und terrorisiert Lauenburg, eine und auch deine Stadt. Das betrifft auch dicht!“ „Warum sollte das MICH interessieren, Schimmel?“ Ach, stimmt. Theophil hatte ja schon das Gefühl gehabt, er hätte etwas vergessen, aber er hatte gedacht, er hätte (nur) vergessen, wie er hierhin gekommen sei, aber jetzt wurde ihm klar, dass er auch etwas anderes vergessen hatte. Einiges fiel ihm wieder ein und er sagte: „Nja, schit, ne?“ Ein Moment der Verlegenheit, das heißt, für den aus den Konzept und um den Schwung gebrachten Amtsschimmel, das Kameradenschwein war einfach nur genervt. „Tja, äh, Geld?“ versuchte es Theophil. Wie sich herausstellte, war das Kameradenschwein immer noch genervt: „Warum hast du damit nicht angefangen, Schimmel?“ Es stand auf, immerhin: „Wie finde ich diesen Problembären?“
„Nun,“ legte der Schimmel los: „Bevor er so problematische wurde, arbeitete er als Eisbär und vertickte Eis, das er von seinen Brüdern bekam. Und ich und die Polizeibullen glauben, dass wir ihn damit locken können. Sein Cousin ist jetzt der neue Eisbär, aber dort wird er nicht auftauche, denn er wird glauben, dass wir dort auf der Lauer liegen und das tun wir auch. Wir müssen also … .“ Kurze Zeit später marschierte ein Kameradenschwein namens Judas Renner mit einem Haufen Eisportionierer auf dem Rücken durch Lauenburg. „Bescheuert,“ dachte das Kameradenschwein, „ich werde ihn nie finden.“ Und lief gegen ein haariges Bein.
„Uff,“ sagte der Problembär. Judas quiekte, „Verschone mein Leben, o mächtiger Problembär.“ Demütig neigte er das treulose Haupt. Bruno gab sich jovial und konziliant: „Sei unbesorgt und fürchte dich nicht, Schwein. Sieh in mir deinen Kameraden.“ Und sie gingen ein Stück des Weges gemeinsam. Der Bär ließ den Worten von Kameraderie Taten folgen: Für Judas schulterte er die Eiskremportionierer und tat das gründlich: Sorgsam tastete er die Kiste ab und für den unachtsamen Betrachter hätte es fast so aussehen können, als suche er nach Eiskrem. Der Problembär und das Kameradenschwein gingen also gemeinsam durch Lauenburg und machten auf gute Kameraden, das eine für Geld, der andere für Eiskrem. Und wer sagt denn, dass das nicht die wahre Kameradschaft ist? Sehr viele Leute wahrscheinlich.
„Und wo bringst du die Eiskremsortierer eigentlich hin?“ frug Bruno Judas. „Zu einer neuen Eisdiele, die gerade eingerichtet wird und bald aufmachen soll: Bella Italia,“ „Ah, das macht Sinn. Und warum machst du das? Wirst du dafür bezahlt?“
„Ja, ich werde für das bezahlt, was ich hier mache.“
Sie erreichten das Gebäude, das laut des Kameradenschweins Aussage für das Bella Italia vorgesehen war und gingen hinein. Dort fanden sie sich ein einem großen leeren Gästeraum wieder; Tische und Stühle waren an den Wänden aufgestapelt. Als Bruno betont-beiläufig „Funktioniert die Kühlkammer eigentlich schon, sodass ihr Eis darin lagern könnt?“ frug, stürzten vier Polizeibullen aus ihren Verstecken unter den Tischen hervor und sich auf Bruno.
„Du, Kameradenschwein,“ rief Bruno, während er einen der Bullen an den Hörnern packte: „hast mich verraten!“ Er schleuderte den Bullen mit Bärenkräften zur Seit und stürmte auf Judas zu, auf Rache brennend. Jener hatte keine Prätentionen auf Heldentum und verließ die Bühne der angeblichen Eisdiele, auf der erst ein Hinterhalt und nun ein Rachedrama aufgeführt wurde; dabei folgte ihm der nun noch problematischere Bär, diesem folgten die Bullen. Und das Kameradenschwein rannte! Die Kiste Eiskremportionierer, die ihm Bruno kurz vor der falschen Eisdiele wieder aufgebunden hatte, brauchte er den noch? Nein. Er löste den Gurt und der Kasten mit den dreißig Eiskremportionierern knallte Bruno ins Gesicht! Das war gut, schlecht aber war, dass einige der Portionierer rechts und links am Problembären vorbei- und den Polizeibullen ins Gesicht flogen.
Durchwachsenes Ergebnis also. Zumindest erreichte Judas den Lauenburger Marktplatz mit einem gewissen Vorsprung. Wird man aber von einem wütenden Bären verfolgt, ist ein gewisser Vorsprung nicht genug, vor allem, wnn dieser langsam geringer wird, hat man ein Problem. Das Kameradenschwein raste, der Problembär raste und rannte Marktstände über den Haufen: Auberginen und Tomaten flogen durch die Luft. Judas sah sein Verderben herannahen, Bruno fletschte seine weißen Zähne und dann … fletschte er seine goldgelben Zähne und seine Schnauze war auch goldgelb! In der Problembären Augen: Die alte manische Wut, aber auch die jähe Erkenntnis eines unaufhaltsamen, süßen Friedens, der ihn übermannte. Hilflos brüllte er: „Meine Brüder, o Eisbären, helft mir doch, so kommt und helft mir doch! Jemand schmiert mir Honig ums Maul, aber ich sehe niemanden!“ Und wusste doch, dass seine Brüder in der Arktis waren und murmelte schließlich im süßen Honigrausch: „Wer bist du, edler Spender?“ Und eine Stimme antwortete: „Ich bin die unsichtbare Hand des Marktes.“ Dann stürzten sich die Polizeibullen auf den Problembären und wie sie ihn behandelten, das war ein wahrer Bullenball. Als sie mit Bruno fertig waren, banden sie ihn dem Neuling unter ihnen auf den Rücken und schafften ihn fort. Diesmal würden sie nicht einfach nur schwedische Gardinen aufziehen!

In seiner alten Zelle kam Bruno langsam wieder zu sich: Neben den Schmerzen in all seinen Gliedern und den verkrusteten Honigresten auf seiner Schnauze spürte er aber auch eine gewisse Zuversicht; durch das Fenster dort drüben war er schon einmal – Was? Bruno blinzelte und blinzelte, doch was er sah, blieb: Weiße Kreuze auf rotem Grund.
„NEIN!!!!“
 
 
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