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Schweigen und Stille

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Het
Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
23.11.2022
23.11.2022
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A/N: Das hier ist der Versuch in Worte zu packen, dass es mir derzeit schwerfällt mich in Worten auszudrücken. Vielleicht ist es auch ein kleiner Abschied. Von was oder wem? So recht weiß ich das selbst noch nicht.

Fast jeder Textabschnitt besteht aus exakt 130 Wörtern, außer der letzte. Das sind 170 Wörter. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich das gerade brauche. Scheinbare Ordnung, in einer Welt, einem Leben, das nur noch aus Chaos und Ungewissheit besteht. Der Liedtext ist dieses Mal wild durcheinander gemischt. Zudem gibt es einen ganz kleinen versteckten Episodenbezug zu „Herrenabend“. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.


Schweigen und Stille

(„For a While” by Fenne Lily)

I'd tell you but I can't
Please don't make this hard
Time is all I want
So speak the words I won't



„Das war‘s dann also?“

Schweigen. Vielleicht lässt er sie damit davonkommen. Stellt keine Fragen. Macht es ihnen nicht noch schwerer und schenkt ihnen die Zeit, die sie beide brauchen. Vielleicht. Was soll sie auch sagen? Die Worte sind ihr abhandengekommen. Irgendwo auf dem Weg haben sie sich in Luft aufgelöst. Haben sie verraten und im Stich gelassen. Nicht plötzlich, nicht mit einem Mal sind sie ihr ausgegangen. Sondern schleichend, kaum bemerkbar haben sie sich davongestohlen. Jeden Tag ein bisschen weniger. Hier und da wurden die Sätze kürzer und kürzer. Die gewählten Worte immer belangloser und beinahe lieblos. Bis sie still und heimlich ganz im Nebel der Zeit verschwunden sind, sodass sie ihm nun so gar nichts mehr davon geben kann. Nicht mal eine gute Erklärung, wie es dazu gekommen war.

And they say that it goes so I hope that it shows
You are all that I've known for a while
And I'm coming up slow, and I'm thinking of home
But you're all that I've known for a while


Die Wahrheit erscheint simpel. Sie weiß es selbst nicht. Vielleicht, weil sie es sich einmal leicht machen wollte. Auch wenn nichts hieran leicht ist. Vielleicht, weil es sich nicht mehr nach Zuhause anfühlt. Auch wenn er für über zwei Jahrzehnte ihre Definition davon war. Die Wahrheit ist doch eine andere. Sie ist müde. Nur ein einziges Mal wollte sie nicht um etwas kämpfen müssen, das eh verloren ist. Die Suche nach den flüchtigen Silben erschien so sinnlos, so mühsam und sie ist erschöpft. Also hat sie die Jagd eingestellt. Verfrüht? Vielleicht. Das Endresultat ist dasselbe. Sie hat keine einzige davon übrig für ihn. Nichts, das sie ihm anbieten kann als Trost, als Halt, als Pfand für diese sprachlose unüberwindbare Lücke zwischen ihnen. Nichts, außer das eine.

„Es tut mir leid.“

***

Spending our nights awake
Silent for both our sake
Hold me until I'm strong
'Cause I'll miss this when you're gone


„Es tut mir leid.“

Stille. Lauter, als er sich das ausgemalt hat. Er hat immer gedacht, wenn dieser Moment kommt, würde es leise sein. Unerträglich leise. Aber diese Stille, diese wortlose Leere zwischen ihnen ist voller Töne und Laute. Das Knistern der Kündigung in seiner Hand. Das beständige Ticken der Uhr an der Wand. Das sanfte Rascheln ihres Trenchcoats. Und dazwischen. All die Dinge, die sie nie getan haben. All die Worte, die sie nie gewagt haben zu sagen. Vielleicht besser so. Manches lässt man lieber unausgesprochen. Rührt nicht daran. Denkt und fühlt es nur. Zerstört es nicht mit unnötigen Deklarationen. Es ist trotzdem da. Hier zwischen ihnen. Laut, unüberhörbar, nicht zu leugnen. Nur eben nicht mehr genug für sie beide. Auch wenn es alles ist, das ihn noch zusammenhält.

Leaving it all unsaid
Keeping it quiet instead
You know that I won't explain
'Cause I've grown to need this pain


Vielleicht will er sie deshalb in diesem bittersüßen Moment halten. Denn wer weiß schon, ob er stark genug sein wird, ob er es schaffen wird … ohne sie. Vielleicht behält sie auch Recht. Vielleicht geht es wirklich einfach vorbei. Stirbt einen kleinen geräuschlosen Tod. Vielleicht wird er irgendwann aufwachen an einem verregneten grauen Morgen und es wird einfach nicht mehr da sein. Wird das widerspenstige Ding in seiner Brust nicht mehr heftig zum Schlagen bringen. Möglich wäre es. Möglich. Nur leider gänzlich unwahrscheinlich. Sein Lächeln ist schief, gequält, aber weniger schmerzhaft als er erwartet hat. Es verschweigt gut, was er wirklich fühlt. Vielleicht, weil er sich an den Schmerz gewöhnt hat oder vielleicht … weil er es ernst meint dieses Mal.

„Leben Sie wohl, Alberich und vor allem … glücklich.“

***

Safe in the way we touch
I'll heal but I don't know how


Am Ende umarmt er sie doch. Nicht, weil es Sicherheit oder Heilung verspricht. Sondern weil es den Moment des Abschieds, der Trennung , des Loslassens verzögert, aufschiebt. Wenn auch nur für Minuten, ein paar kostbare Sekunden. Denn er weiß nicht, ob er sich je davon erholen wird. Für sie ist eine Zukunft ohne ihn ungewiss. Und doch verstehen sie es beide in diesem Augenblick zum ersten Mal. Das Schweigen, die Stille. Sie sind nicht neu. Sind nicht plötzlich oder unerwartet über sie hereingebrochen, wie eine Sintflut, die zwar prophezeit wurde aber doch unwahrscheinlich schien. Stattdessen war alles schmerzhaft vorhersehbar. Das Schweigen, die Stille. Sie haben sich schon vor Jahren eingenistet. Haben das, was da noch ist zwischen ihnen in die Ecke gedrängt und ganz langsam, ganz leise ebenfalls verstummen lassen.

You tell me it's good for now
But it hurts to feel this much


Alles wird gut. Das reden sie sich ein und glauben es doch nicht. Sie ahnen es längst. Sie sind beide nicht bereit. Werden es niemals sein. Dafür dauert die Umarmung viel zu lang. Ein stiller Protest ihrer Herzen, die vehement widersprechen. Mit dieser Lüge werden sie leben und sterben. Sie wird sie durch so manche Sinn- und Lebenskrise tragen. Dann, wenn das Vermissen, das Sehnen sie fast zerreißt. Dann wird sie flicken und neu zusammensetzen, was zerbrochen ist. Nur die Risse werden bleiben. Sie werden niemals ganz verschwinden. Sie werden sie tragen wie Siegestrophäen. Stumme Zeugnisse einer Beziehung, die sie gezeichnet und geformt hat. Mit trotzigem Stolz werden sie sie vor anderen für abgeschlossen erklären. Obwohl es doch immer noch schmerzt, so viel zu empfinden.

Das wird ihre Wahrheit, ihr Credo sein. Bis sie das Schweigen, die Stille endlich durchbrechen. Vielleicht bei einem zufälligen Treffen an einem sonnigen frühlingshaften Abend, um es endlich in Worte zu kleiden. Dieses Loslassen, dieses etwas, das ihnen einst so viel Angst gemacht hat. Ja, vielleicht wird es so kommen.
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