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What a Shit Show - One Shots from the Cup of Shame

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Erotik / P16 / MaleSlash
Die deutsche Nationalmannschaft
20.11.2022
24.11.2022
2
5.368
16
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
24.11.2022 2.385
 
Max Liebermann sagte einmal: “Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”
Ich schreibe, um nicht zu schreien. Ich bin echt angepisst von der ganzes Chose, und das inkludiert explizit alle beteiligten. Als queere Frau würde ich mich besser repräsentiert fühlen, stiege man einfach ins Flugzeug heim. Aber immerhin sind die Einschaltquoten beschissen, wenigstens etwas…

Weil das hier alles komplett ausgedacht ist, auf keinen Tatsachen beruht und sich lediglich die Gesichter und Namen berühmter Menschen leiht, ist es im Moment einfacher zu ertragen als die Realität.

*


Trotz der Sonnenbrille auf seiner Nase muss Kai die Augen zusammenkneifen, als er aus dem Hotel ins Freie tritt. Er hat sich noch nicht ganz an die unnachgiebig brennende Sonne oder die heiße Luft, die ihm entgegen schlägt, gewöhnt, selbst wenn er sie dem tristen Novembergrau Londons vorzieht.

Er sieht sich um, um sich halbwegs zurechtzufinden. Auch wenn er es niemals zugeben würde: Abseits des Platzes ist sein Orientierungssinn absolut nicht zu gebrauchen. Da hinten rechts sitzt die Gruppe, die Jule und er vorhin schon vermieden hatten und die jetzt entweder in ihrer zwanzigsten oder immer noch ersten UNO Runde feststeckt, und so biegt er nach links ab. Wenn er jetzt hier weitergeht, dann müsste er dahin kommen, wo Jule laut Nachricht noch immer ist und wo Kai ihn vor knapp einer Stunde zurückgelassen hat, um seinen Pressetermin wahrzunehmen. Hätte man in Kais Augen auch bleiben lassen können, so wie die meisten Pressetermine, aber selbst zwanzig Minuten Verzögerung haben es nicht geschafft, seiner guten Laune irgendetwas anzuhaben. Wie auch, wenn die Sonne scheint, sie einen weiteren Tag frei haben und er endlich mal wieder wirklich Zeit mit Jule verbringen kann, ohne alle zehn Minuten auf die Uhr zu schauen?

Kai beschleunigt seine Schritte. Hinter der nächsten Ecke müsste-

“…selbstverständlich auch echt okay, wenn du Nein sagst. Fühl dich nicht genötigt.” Leons Stimme. Kein Zweifel. Kai zieht die Augenbrauen zusammen. Worüber könnte Leon mit Jule sprechen, das-

“Ich bezweifle zwar, dass ich viel auf dem Platz stehen werde”, unterbricht Jules Stimme Kais Gedanken, “aber wenn: Klar kannste machen. Wäre ja nun auch nicht das erste Mal.”

“Guter Junge”, sagt Leon. Kai biegt gerade rechtzeitig um besagte Ecke, um zu sehen, wie er sich vorbeugt und Jules nacktes Knie tätschelt. “Wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.”

“Immer doch”, stimmt Jule mit einem breiten Grinsen zu, das ihm jedoch förmlich im Gesicht gefriert, als er aufsieht und sich ihre Blicke treffen. Kai kann nicht sagen, warum, aber von einer Sekunde auf die andere ist seine gute Laune komplett verschwunden und lässt ein klaffendes, bitter brennendes Loch in seiner Brust zurück.

“Worauf verlassen?”, fragt er und schiebt sich an Leon vorbei, um sich neben Jule auf das breite Sofa zu setzen. Er ignoriert die Blicke, die sie sich zuwerfen. Bisher ist er immer ganz gut mit stoischer Nonchalance gefahren, wenn er sich noch nicht so sicher ist, was er von einer Situation halten soll.

“Ja, also …”, fängt Jule an, aber Leon unterbricht ihn: “Ich hab Jule nur gefragt, ob ich ihn bei einem Torjubel küssen dürfte.” Leons Blick flackert zu Jule, bevor er Kai wieder ansieht und hinzufügt: “Sofern ich denn ein Tor schießen sollte.”

Kai fühlt sich, als hätte ihm jemand in den Magen geboxt. Es gibt Aspekte dieses Turniers, an die er lieber nicht denkt, die er so gut es geht an den Rand seines Hinterkopfes schiebt. Er hatte nicht damit gerechnet, auf diese Art und Weise damit konfrontiert zu werden. Noch weniger hatte er damit gerechnet, dass… Leon, ja, klar. Das ist schon On-brand, schon erwartbar, aber warum Jule?

“Und mich fragst du nicht?”, fragt Kai ohne zu wissen, warum er es eigentlich sagt, und ist überrascht, wie schnippisch er klingt. Wieder wechseln Jule und Leon einen Blick, den Kai nicht deuten kann. Es nervt ihn zunehmend. Irgendetwas geht hier vor sich und egal was es ist — es gefällt ihm kein bisschen.

“Ach”, Leon grinst schief und zuckt mit den Achseln. “Jule und ich kennen uns halt schon ewig. Bei ihm weiß ich, dass er nur ja sagt, wenn er auch wirklich okay damit ist.”

Es fühlt sich an, wie eine Ausflucht. Kai ist sich ziemlich sicher, dass es eine ist. Er hat genug von der Unterhaltung mitbekommen, um seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Bevor er darüber nachdenken kann, ob es eine gute Idee ist, die folgenden Worte auszusprechen, haben sie schon seinen Mund verlassen: “Nicht, weil ihr euch schon mal geküsst habt?”

“Woher…?” Leon wirft Jule einen verwunderten Blick zu. “Hast du ihm doch-“

Nein”, unterbricht Julian ihn scharf durch zusammengebissene Zähne. “Hab ich nicht.”

“Jule hat doch eben gesagt es wäre nicht das erste Mal?” Kai weiß, dass er es lassen sollte, aber er kann nicht anders, als nachzuhaken. Wenn er sich einmal in etwas verrannt hat, dann fällt es ihm schwer, den Rückwärtsgang zu finden, egal wie albern er dabei aussehen mag. Sein Clowncar steckt in einer Häuserschlucht fest und Kai kann den Fuß nicht von Gas nehmen. Zu laut rauscht das Blut in seinen Ohren.

“Oh, oh.” Leon lacht leise. “Trouble in paradise.”

“Ach, halt doch die Fresse”, faucht Jule, bevor er sich zu Kai dreht und eine Spur zu gleichgültig aussieht, um glaubhaft zu sein, und fragt: “Wundert dich das jetzt wirklich so sehr? Denk mal dran, wie lange Leon und ich uns schon kennen. Du weißt doch wie Lehrgänge in den U-Jahrgängen sein können.”

“Ihr und ich scheint sehr unterschiedliche Erfahrungen mit den Lehrgängen gemacht zu haben.” Mittlerweile ist Kai die Schärfe seines Tonfalls egal, viel zu sehr muss er sich darauf konzentrieren, das Zittern in seinen Händen nicht zu offensichtlich werden zu lassen.

Leon hebt erst die Augenbrauen, dann die Hände in einer besänftigenden Geste. “Ich glaube, ich gehe dann wirklich mal.” Er springt aus dem Sessel, bevor jemand etwas sagen kann. “Jule, du sagst Bescheid, wenn sich was am Plan ändern sollte. Ansonsten sehen wir uns später, Jungs.” Er hebt zwei Finger zum Gruß, bevor er hinter der Ecke verschwindet.

Für einen Moment herrscht peinliches Schweigen zwischen ihnen. Kai kann sich nicht daran erinnern, dass es
jemals peinliches Schweigen zwischen ihnen gab. Normalerweise schweigt er gerne mit Julian, vor allem in den wenigen Momenten, die ihnen heutzutage dafür bleiben. Aber jetzt ist es unangenehm und das Loch in seiner Brust scheint in den Rest seines Körpers auszustrahlen.

“Du hast Leon geküsst”, bricht er das Schweigen, anstatt die Chance zu ergreifen, das Thema ruhen zu lassen. Obwohl er es besser wissen sollte, obwohl er es besser weiß.

Jule schnauft. “Ja, hab ich. Und?”

“Nur einmal?”

“Was ist denn das für eine Frage?”

“Eine ziemlich simple”, blafft Kai zurück.

Da ist genug Gift in seinem Ton, um Jule innehalten zu lassen. Für einen Moment sieht er Kai aus zusammengekniffenen Augen an, dann steht er auf. “Komm mit.”

Wie automatisch verschränkt Kai die Arme vor der Brust und lässt sich tiefer ins Sofa sinken. “Wohin?”


“In mein Zimmer”, sagt Jule und streicht sich mit einer nervösen Geste die Haare aus der Stirn. “Oder deins. Mir egal. Wir sollten reden.”

Jule hat noch nicht einmal die Eier, ihm ins Gesicht zu schauen und jetzt will er reden? Kai lacht spöttisch. “Und was, wenn ich nicht will?”

“Mann, Kai!” Jule wirft die Hände in die Luft und wirkt fast hilflos dabei. “Mach mich nicht wahnsinnig und komm jetzt.”



Kai läuft den ganzen Weg zu ihren Zimmern zwei Meter hinter Jule, Hände tief in den Taschen seiner Shorts vergraben. Die Blicke der Mitspieler, die sie passieren, sind ein eindeutiges Zeichen, dass es ebenso albern aussieht wie es sich anfühlt. Aber Kais Dickköpfigkeit hat es kaum zugelassen, dass er Jule überhaupt folgt. Gingen sie Seite an Seite, Kai ist sich nicht sicher, ob er ihn nicht einfach in den Pool schubsen würde.

Er weiß nicht genau, warum ihn die ganze Sache so wütend macht, und es ist schwer, es herauszufinden, wenn er kaum einen klaren Gedanken fassen kann, weil schon der Anblick von Jules Hinterkopf ihn rasend macht. Wenn er gehofft hatte, Kai würde sich auf dem Weg beruhigen, dann hatte er sich geirrt. Stattdessen gibt er Kais Zorn die Möglichkeit, so weit hochzukochen, dass Jules Zimmertür für Sekunden in den Angeln vibriert, nachdem Kai sie hinter ihnen zugeschlagen hat.

“Setzt dich”, sagt Jule und deutet auf die Sitzecke vor der Fensterfront.

“Ich will mich nicht setzen.” Kai verschränkt die Arme. “Ich will hören, was du zu sagen hast.”

Mit einem deutlich genervten Seufzen lässt Jule die Luft aus seinen Lungen. “Dann halt nicht.” Er reibt eine Hand über seine Brauen, seufzt noch einmal und sagt dann: “Leon und ich haben als Teenager ein paar Mal miteinander rumgemacht.” Er sieht Kai nicht in die Augen. “Du weißt schon, wie man halt experimentiert, wenn der eigene Körper zu neunzig Prozent aus Hormonen besteht.”

“Nee, weiß ich nicht.” Kai hat nie mit irgendwem als Experiment rumgemacht. Schon gar nicht mit einem Jungen, schon gar nicht mit einem Teamkameraden.

“Okay, dann eben nicht.” Jule zuckt mit den Achseln, eine kurze, abgehackte Bewegung. Kai kann den Muskel an der Seite seines Halses sehen, der nur bei extremer Anspannung hervortritt. Er hasst sich ein bisschen dafür, wie gut er Jule kennt, wie gut er ihn lesen kann. “War eben so und war auch keine große Sache. Ich weiß jetzt auch gar nicht, warum du da so ‘ne Show draus machen musst?”

Ich mache eine Show draus?” Kai lacht schnaubend. “Wer von uns beiden will sich denn vor einem Millionenpublikum von Goretzka abknutschen lassen?”

“Jetzt übertreib mal nicht.”

“Wo übertreibe ich bitte?” Kai geht einen, zwei Schritte auf Jule zu, ohne so genau zu wissen, warum eigentlich. “Und wenn es so egal wäre, warum hast du mir das mit dir und Leon nie erzählt?”

Jule hebt fast trotzig das Kinn und wirft ihm einen scharfen Blick zu. “Was wird das hier, Kai? Der Moment, in dem du mir offenbarst, dass du ‘n homophober Wichser bist? Oder warum ist das jetzt so ein Problem, dass ich dir das nie erzählt hab?”

“Ich dachte wir sind Freunde, du Arschloch! Freunden erzählt man sowas.”

Sowas?” Jule schnaubt. “Wir reden hier über etwas, das zehn Jahre her ist und überhaupt nichts zu bedeuten hat. Is’ ja nun nich’ so, als würde ich dir Leon, meinen geheimen Ehemann, verschweigen.”

Kai sieht rot. Seine Hände sind an Julians Schultern, bevor er überhaupt weiß, was er tut und auch Jule scheint nicht damit gerechnet zu haben. Er taumelt rückwärts und Kai mit ihm. Irgendetwas fällt zu Boden und zerspringt mit einem Klirren, das in Kais Ohren nachhallt. Sie kommen erst zum Stehen, als Jule mit dem Rücken an die Wand stößt. So hart, dass Kai die Luft, die aus Jules Lungen entweicht, in seinem Gesicht spüren kann.

Jule blinzelt, als müsste er sich orientieren, doch das Feuer ist schnell wieder in seinen Augen. Er versucht Kai von sich wegzuschieben und faucht: “Hast du sie noch alle?! Was ist eigentlich dein verficktes Problem? Du führst dich ja auf wie ein eifersüchtiger Platzhirsch.”

Kais Wut ist so schnell verschwunden, wie sie gekommen ist. Stattdessen ist da für einen Moment nichts als blanke Panik. Seine Finger krallen sich in den Stoff von Jules T-Shirt, als die Welt vor seinen Augen verschwimmt.

Scheiße.
Scheiße, scheiße, scheiße.

Was für ein absoluter Idiot er ist, dass er es bisher nicht verstanden hatte, was das Gefühl in seiner Brust ist. Eifersucht. Natürlich. Jetzt, wo Jule es ausgesprochen hat, kann Kai es nicht länger leugnen oder ignorieren. Er ist eifersüchtig. Er ist eifersüchtig auf die Jahre, die Jule und Leon vor ihm miteinander hatten. Eifersüchtig darauf, dass Leon Dinge von Jule weiß, die Kai nicht mal ahnt. Und das Schlimmste: Er ist eifersüchtig, dass Leon weiß, wie Jule küsst.

Er ist so eifersüchtig, dass er nicht mehr klar denken kann. Das ist die einzige Erklärung, die Kai im Nachhinein dafür haben wird, was er als Nächstes tut.

Er beugt sich zu Jule herunter und küsst ihn. Unplatziert und zu stürmisch, aber für drei glorreiche Sekunden erwidert Jule den Kuss. Seine Lippen sind weich und voll, und Kai läuft ein Schauer über den Rücken, der sich in seinen Fingerspitzen sammelt, bis er nicht anders kann, als seine Hände in Jules Nacken und Haar zu schieben.

Dann zieht Jule den Kopf zurück und keucht erschrocken: “Was… Kai, was wird das?”

Kai traut sich nicht, die Augen zu öffnen, hat Angst, dass der Moment zu Ende sein könnte, bevor er wirklich begonnen hat. Blind lehnt er sich vor, bis seine Nase Jules findet, bis seine Lippen nur Millimeter über Jules schweben. “Bitte”, wispert er fast flehend. “Bitte, Jule. Ich…”

Kann es nicht ertragen.
Muss wissen, wie du schmeckst.
Will das hier mehr, als ich je geahnt hätte.

Kai wird nie wissen, welcher Satz, der ihm im Kopf herumspukt, es geworden wäre, denn auf einmal ist es, als wäre ein Schalter in Jules Kopf umgesprungen. Er lehnt sich vor und bringt ihre Münder wieder zusammen, lässt seine Zunge in Kais Mund gleiten, vergräbt seine Finger in Kais T-Shirt, zieht ihn so nah es nur irgend geht.

Kai wird schwindelig vor Verlangen und Verständnis dafür, was er seit Jahren mit sich herum getragen hat und nun endlich dechiffrieren kann. Und er weiß, sobald sich Jule von ihm lösen wird, wird diese Realisation mit einer Gewalt über ihn hereinbrechen, die Trümmer hinterlassen wird. Wie auch immer diese aussehen werden, seine Perspektive auf die Welt hat sich gerade um 180 Grad dreht.

Denn das hier ist ohne jeglichen Zweifel der beste Kuss, den Kai je hatte.

Ob es Sekunden, Minuten oder Stunden sind, er hat keine Ahnung, wie lange sie sich küssen, doch irgendwann wird das Tempo langsamer, die Berührungen sanfter; irgendwann bricht Jule den Kuss und lehnt seine Stirn gegen Kais.

“Ich hätt’s dir sagen sollen”, murmelt er. Mit einem leisen Seufzen, das all das Bedauern der Welt in sich zu tragen scheint, presst er seine Wange an Kais.

“Hättest du”, stimmt Kai leise zu und hält ihn noch ein wenig fester.

Vielleicht ist es ein Versprechen. Vielleicht ist es der Abschied von etwas, das Kai erst seit Minuten will und es vielleicht für immer tun wird.

Solange er Jule festhält, wird er es nicht erfahren müssen.


*


Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, lasst mir gerne einen Kommentar da, wie es euch gefallen hat. :)
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