Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Humor / Alte Nerds

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Alte Nerds

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor / P12 / Gen
20.11.2022
20.11.2022
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Irgendwann im Frühjahr diesen Jahres kam mir mal der Gedanke, wie es wohl sein wird (oder mal sein könnte), wenn ich als alter Mann an meine Jugend zurückdenke und an die Abenteuer, die ich damals erlebt habe. Da erkannte ich, dass es zwei Arten von solchen Abenteuern gibt: Die, die ich im wahren Leben erlebt habe, und die, die ich bei diversen Rollen- und Tabletop-Spielen erlebte. Ich fand die Vorstellung lustig, als Senior versehentlich oder absichtlich beide Welten zu vermischen, und schrieb eine kleine Geschichte dazu.
Diese Geschichte zeigte ich Odin, und er hatte noch so viele zusätzliche Ideen und Vorschläge, dass ich die Geschichte umschrieb und ihn auch einbaute. Ich bin „Herr Richter“ und er ist „Herr Riese“ (natürlich heißen wir in Wirklichkeit anders), und wir beide sind:

Alte Nerds!

Und das sind (oder vielmehr „waren“) unsere Abenteuer (hauptsächlich aus „Das schwarze Auge“ und „Magic – the Gathering“, aber einmal ganz kurz wird auch „The Elderscrolls 5 – Skyrim“ erwähnt):



„So, Herr Richter, hier ist Ihr Tee“, sagte die junge Frau im himmelblauen Kittel, als sie dem Senior eine dampfende Tasse auf das Tischchen neben ihm stellte.
„Vielen Dank, Frau, äh...“, zögerte der alte Mann und blickte sie zweifelnd an.
„Birker, Valerie Birker. Sie kennen mich, ich habe immer die Spätschicht“, half sie ihm freundlich auf die Sprünge.
„Ach ja, richtig“, antwortete Herr Richter, doch an seiner Stimme merkte man, dass er sie immer noch nicht erkannt hatte. Dies schien ihn zu betrüben, und so meinte die junge Frau, wie um ihn aufzumuntern:
„Machen Sie sich keine Gedanken, Sie haben sich in Ihrem Leben schon so viele Namen merken müssen.“
Der 85-jährige nickte eifrig und griff nach der Teetasse. „Da haben Sie Recht“, stimmte er ihr zu, „Es waren so viele über die Jahre, dass es mir heute schwerfällt, sie alle richtig zuzuordnen. Lassen Sie mich mal überlegen...“ Herr Richter wandte sich dem anderen alten Herren zu, der auf der gegenüber liegenden Seite des kleinen Tischchens saß und wie er aus dem Fenster hinaus in den Garten des Altenheims blickte, in dem beide seit einer Weile lebten. Frau Birker wusste, dass die beiden sich zwar noch nicht kannten, aber nun erstmal nächste Zeit beschäftigt wären, und ging weiter ihrer Arbeit nach. Im Weggehen hörte sie noch, wie Herr Richter zu erzählen begann:
„Ich glaube, die Namen, die ich am längsten kenne, lauten Krolldir und Zwölf. Ja genau, Krolldir und Zwölf. Krolldir war ein Zwerg, wissen Sie, ein echter Haudegen. Wo der hinschlug, stand kein Gegner mehr. Und Zwölf war ein Elf. Das mit dem Namen fand er wohl irgendwie lustig. Mit ihm habe ich mich immer besonders gut verstanden. Das war, als ich noch ganz jung war, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt. Damals zog ich mit einer Gruppe durch Aventurien und erlebte so allerhand. Krolldir war gar nicht so lange dabei, der heiratete dann irgendeine Echsenfrau, eine Häuptlingstocher, glaube ich. Als wir Jahre später wieder in ihrem Dorf vorbeikamen, na, was soll ich sagen? Stellen Sie sich mal deren Kinder vor!“
Herr Richter lachte so sehr, dass er husten musste, und er trank dann erstmal einen Schluck Tee. Da sein Tischnachbar ebenfalls nur Tee trank und nichts sagte, sondern auch nur lachte, nahm Herr Richter die Unterhaltung wieder auf: „Aber Zwölf, der war lange bei uns. Ich erinnere mich noch gut, wie geknickt er war, als wir einmal ausgeraubt wurden und er seinen heißgeliebten Mammuton-Panzer verlor. Er hat fast geweint, so schlimm traf ihn das. Aber für einen Elfen war er sowieso ein etwas ungewöhnlicher Typ, wissen Sie? Ich meine, klar, er war ein herausragender Bogenschütze, aber dass er auch noch ein Schwertkämpfer war und mit so einer Rüstung herumlief, naja, das war schon ungewöhnlich für einen Elfen. Immerhin brachte er unserer Gruppe manchmal etwas Geld ein. Immer wenn wir irgendwo übernachten wollten und mal wieder pleite waren, stellte er sich hin und sang oder spielte Flöte, um für Kost und Logis zu bezahlen. Hach ja...“ Herr Richter schien kurz den Faden zu verlieren. Dann, als ob es ihm wieder eingefallen wäre, fuhr er fort:
„Wissen Sie, Zwölf wäre einmal beinahe einem Gott geopfert worden. Das war in einer Stadt, wie hieß die bloß...? Na, ist ja auch egal. Jedenfalls hatten wir beim Betreten der Stadt all unsere Waffen abgeben müssen und das hatte vor allem den Krieger unserer Gruppe sehr geärgert, das war nämlich ein Paladin, und diese Leute gehen nicht gerne unbewaffnet durch die Welt, verstehen Sie?“ Als von seinem Gesprächspartner als einzige Reaktion ein aufforderndes Nicken kam, erzählte Herr Richter munter weiter: „Ich weiß noch, dass ich damals der einzige in unserer Gruppe war, der noch eine Waffe hatte, denn ich war damals von Beruf Jäger, wissen Sie, und als solcher hatte ich natürlich eine Holzfälleraxt dabei, eine ganz normale, solide Holzfälleraxt. Für einen Paladin ist das aber keine angemessene Waffe, oh nein! Deshalb hat er, bevor wir die Stadt betraten, die Spitze seiner Pike abmontiert und sie in seiner Hose versteckt. Sobald wir drinnen waren, suchte er sich einen Besenstiel, hackte ihn mit meiner Axt in drei Teile und ließ sich von einem Schmied zwei Scharniere anfertigen, um die Teile wieder zusammenstecken zu können. So trug er dann eine Klapp-Pike mit sich herum, und solange sie zerlegt war, kamen ihm die Stadtwachen einfach nicht drauf, haha.“
Herr Richter musste so sehr lachen, dass er sich verschluckte, und so machte er wieder eine Pause und trank noch einen Schluck Tee. Sein Tischnachbar lachte auch, aber vielleicht war es nur aus Höflichkeit? Herr Richter ließ sich jedoch nicht beirren. Er war auf den Geschmack gekommen und plauderte weiter:
„Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mehr so genau, was eigentlich in dieser Stadt nicht stimmte, aber eines Abends, als wir nach Einbruch der Dunkelheit die Stadt durchstreiften, um ... etwas zu suchen...“ Der alte Mann zögerte und kam ins Grübeln. Er wusste offenbar nicht mehr, wie er seine Erinnerung einordnen sollte, doch man musste berücksichtigen, dass das alles ja schon fast 70 Jahre her war. Schließlich fand er sich damit ab, die Zusammenhänge nicht mehr zu wissen, und berichtete stattdessen das Erlebnis weiter:
„Nun ja, jedenfalls gingen wir an einem Flussufer entlang und es war schon sehr dunkel und Nebel kam auf. Wir waren gerade unter einer Brücke, als uns jemand entgegenkam: Eine Gestalt im dunklen Umhang, die Kapuze tief übers Gesicht gezogen. Wir beobachteten ihn genau, und als er näherkam, erkannten wir unter der Kapuze rot leuchtende Augen. Der Krieger fing sofort an, seine Pike zusammenzubauen, aber der Fremde hob beschwichtigend die Hand und rief aus: 'Haltet ein, ich bin kein Feind!' Daraufhin zögerte der Krieger und nahm seine halb zusammen gebaute Pike wieder auseinander. Der Fremde kam näher und nahm die Kapuze ab. Seine Augen leuchteten immer noch rot und er war furchtbar blass, und als er sprach, sah man seine langen Eckzähne. Er erklärte, er sei ein Vampir, stellen Sie sich das mal vor! Natürlich begann der Krieger sogleich wieder, seine Pike zusammen zu bauen!“ Herr Richter lachte wieder und machte mit den Händen die Bewegung des Kriegers nach, als er seine Pike erst zusammengebaut, dann auseinandergenommen und sofort danach wieder zusammengebaut hatte. Auch sein Tischnachbar lachte wieder, und beide tranken nochmal von ihrem Tee, während im Hintergrund Frau Birker eine alte Dame im Rollstuhl in den Raum schob und zwischen die beiden Männer an das Tischchen bugsierte.
Herr Richter ließ sich davon nicht ablenken und berichtete weiter: „Naja, der Vampir erwies sich dann tatsächlich als freundlich und erklärte uns, dass ein böser Kult die Stadt im Griff habe, und er gab uns den entscheidenden Tipp, wie wir diesen Kult besiegen und die Stadt retten könnten. Natürlich trauten wir ihm nicht, denn er war ja ein Vampir, nicht wahr?“
„Möchten Sie auch etwas Tee, Frau Lippski?“, fragte Valerie Birker die Frau im Rollstuhl, und diese nahm dankend an.
Herr Richter wurde dadurch kurz aus der Fassung gebracht, und als er weitererzählte, schienen seine Gedanken einen Zeitsprung gemacht zu haben: „Jedenfalls, weil wir ihm nicht trauten, machten wir alles falsch und es endete damit, dass mein Freund Zwölf, der Elf, von diesem Kult gefangen genommen wurde. Sie fesselten ihn an einen Altar in ihrem Tempel und wollten ihn opfern! Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wem sie ihn opfern wollten und warum... naja, vielleicht hatten sie auch keinen richtigen Grund, nicht wahr? Solche Leute sind ja immer etwas... unberechenbar. Ich meine Leute, die in einer Sekte sind, wissen Sie?“
„Da haben Sie Recht“, mischte sich Frau Lippski ein, „Meine Schwiegertochter ist da mal an einen Kerl geraten, der hat ihr weiß Gott was versprochen und war am Ende nur hinter ihrem Geld her!“
„Ja genau, solche Leute sind das“, bestätigte Herr Richter, doch bevor Frau Lippski das Gespräch an sich reißen konnte, fuhr er fort: „Jedenfalls war Zwölf an den Altar gefesselt und unser Paladin hatte vorher irgendwie seine Klapp-Pike verloren, ich weiß nicht mehr, wie... Vielleicht ist sie auch einfach kaputt gegangen, das war ja keine sonderlich stabile Konstruktion, nicht wahr?“
„Die Sachen halten heutzutage nicht mal mehr halb so lang wie früher“, bekräftigte Frau Lippski eifrig, während der andere Herr wieder nur nickte, aber weiterhin schwieg. Er wirkte aber sehr interessiert an Herrn Richters Geschichte.
Dieser nickte auch wieder, froh über die Zustimmung, und erzählte weiter: „Jedenfalls hatten wir jetzt nur noch eine einzige Waffe, nämlich meine Holzfälleraxt. Und dieser verdammte Tempel war voll mit Kultisten. Und Zwölf war auf den Altar gefesselt. Wir saßen auf dem Dach des Tempels und schauten durch eine kleine Luke hinunter und überlegten, was wir tun sollten. Unser Druide hatte noch einen Berserker-Trank dabei, und das war unser Glück!“
Herr Richter pausierte kurz, um etwas zu trinken, und Frau Lippski nutze die Gelegenheit, um sich dazwischen zu drängen, und meinte: „Der Typ von dieser Sekte sagte auch, er wäre Druide oder sowas, ich weiß nicht mehr genau, jedenfalls irgend so ein Guru, der hat uns immerzu irgendwelches 'Gereinigtes Wasser' oder so verkaufen wollen und behauptet, das würde Krebs heilen, so ein Unsinn. Jeder weiß doch, dass nur Weihwasser besondere Kräfte hat, aber DAS kann nicht mal Weihwasser, leider.“
„Ja, aber wir hatten damals kein Weihwasser“, erinnerte sich Herr Richter, „wir hatten nur den Berserker-Trank, und da kamen wir auf eine Idee, wie wir ihn sinnvoll benutzen konnten: Wir gaben unserem Krieger die Axt, weil er nun mal der stärkste und beste Kämpfer unserer Gruppe war, und dann sollte er den Berserker-Trank trinken und durch die Dachluke in den Tempel springen, damit er schon unten wäre, wenn das Zeug wirken würde - sonst würde er damit ja auf uns losgehen, wissen Sie?“
Frau Lippski ließ sich zu der Bemerkung „Heutzutage ist auch auf Niemanden mehr Verlass“ hinreißen, doch Herr Richter war nun kurz vor dem Höhepunkt seiner Geschichte und ließ sich nicht mehr aufhalten. Unbeirrt fuhr er fort:
„Also trank der Krieger und sprang mit der Axt unter die Kultisten, gerade als der Trank zu wirken anfing, und der Krieger bekam einen Blutrausch und fing an, wie ein Irrer mit der Axt um sich zu schlagen. Die Kultisten waren überrascht und wohl auch keine großen Kämpfer, und so metzelte er sie alle gnadenlos nieder. Er war ja jetzt ein Berserker, wissen Sie?“
„Ich weiß nicht, wieso die jungen Leute heutzutage immer einen Rausch haben wollen“, fragte sich Frau Lippski.
„Na ja, diesen Rausch wollten wir schon haben, denn sonst hätte unser Krieger ja keine Chance gehabt gegen diese ganzen Kultisten, wissen Sie? Aber die Sache wurde am Ende noch richtig knapp. Der letzte Kultist sah ein, dass er keine Chance hatte, und rannte weg, und der Trank wirkte ja immer noch und zwang den Krieger, alles anzugreifen, was in der Nähe war. Und wenn der letzte Kultist nun weglief, dann war bloß noch mein armer Freund Zwölf in der Nähe, wehrlos gefesselt an diesen blöden Altar, und der Krieger hätte gar keine Wahl gehabt, er hätte ihn angreifen müssen, und das wäre mit der Axt sicherlich böse ausgegangen. Wir alle saßen oben an unserer Dachluke und hielten den Atem an, denn wir konnten nichts tun. Würden wir auch hinunter gehen, würde er - gezwungenermaßen - auch auf uns losgehen. Doch selbst im Berserker-Rausch war der Krieger noch erstaunlich klug für einen von dieser Sorte, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er schleuderte dem letzten Kultisten die Axt hinterher - und er traf ihn auch, direkt zwischen die Schulterblätter - sodass er jetzt zwar gezwungen war, Zwölf anzugreifen, aber immerhin nicht mehr mit einer Waffe. Der Krieger gab Zwölf so richtig eins in die Fresse, das hallte richtig in diesem Tempel! Aber er tötete ihn nicht, und darauf kommt es an. Dann verlor der Trank seine Wirkung, und wir konnten alle hinunter gehen und Zwölf befreien. DAS war ein Abenteuer, sage ich Ihnen.“

Herr Richter lehnte sich zufrieden zurück und trank von seinem Tee, während der andere Mann nun zum ersten Mal etwas sagte. Er kommentierte den Schluss der Geschichte trocken mit: „Da bekam Zwölf also voll eins auf die Zwölf, sozusagen.
Herr Richter musste darüber lachen, während Frau Lippski einen Vortrag darüber begann, wie gewalttätig die Jugend heute sei. Der andere Mann am Tisch wartete, bis Frau Lippski mit ihrer Rede fertig war, und erklärte dann:
„Ich war auch mal in Aventurien, als ich jung war. Damals reiste meine Gruppe in eine Stadt, die von Boron verflucht war, und die Leute baten uns sozusagen um Hilfe. Wir fanden heraus, dass im Boron-Tempel irgendetwas Finsteres vor sich ging und dass der Tempel dadurch sozusagen entweiht worden war. Ich erinnere mich noch gut, wie einer aus meiner Gruppe die Einheimischen fragte, wieso Boron denn dann die ganze Stadt verflucht hatte und nicht bloß den Tempel, und wissen Sie, was ich da sagte?“
Erwartungsvoll schaute er Herrn Richter an, und der entgegnete gespannt: „Was?“
„Ich sagte: 'Vielleicht kann Boron nicht gut zielen!' Haha, verstehen Sie? Nicht gut zielen?“
Beide Männer lachten ausgiebig, und das taten sie immer noch, als Valerie Birker wieder zu ihnen stieß und bekannt gab: „So, meine Herren, meine Dame, es wird bald Zeit zum Abendessen. Wären Sie so nett, sich zu Tisch zu begeben?“ Alle stimmten zu und Frau Birker fuhr zuerst Frau Lippskis Rollstuhl weg, sodass die Männer noch einen Augenblick unter sich waren. Der Tischnachbar stellte sich vor: „Mein Name ist übrigens Riese.“
Herr Richter musterte ihn kurz und fragte dann lachend: „Und jetzt sagen Sie bloß noch, sie waren früher auch einer?“
„Nein, ich war sozusagen ein Oijaniha-Stammeskrieger“, gab Herr Riese trocken zurück.
Herr Richter schien beeindruckt. „Da haben Sie in Ihrer Jugend ja ganz schön was erlebt, oder?“
„Oh ja“, bestätigte Herr Riese, „wissen Sie, ich war mal mit meiner Gruppe in einer Stadt und wir lebten da in einem Haus. Wir ernährten uns von den Fischen, die einer aus unserer Gruppe fing, der war nämlich sozusagen Fischer von Beruf. Er lagerte die Fische immer im Dachboden, wo er sie zum Trocknen aufhängte. Und eines Tages, als einer aus der Gruppe hungrig nach Hause kam und fragte, ob noch Fische da seien, antwortete der Fischer, dass der Dachboden sozusagen voll davon wäre. Und wissen Sie, was der Andere dann gesagt hat?“
„Was?“, fragte Herr Richter.
„Er sagte: 'Ok, dann geh ich mal rauf und hole mir einen runter!'“
Beide Männer bogen sich immer noch vor Lachen, als Valerie Birker wieder kam und sie an den Abendessenstisch führte.


Es ergab sich, dass Herr Richter und Herr Riese beim Abendessen zu weit voneinander weg saßen, um sich weiter unterhalten zu können. Nach dem Essen schlug Frau Birker den alten Herren vor, noch ein wenig fernzusehen, aber beide zeigten sich wenig begeistert und zogen es vor, wieder ihre Plätze an dem kleinen Tischchen mit Blick auf den Garten zu beziehen, die sie vorher schon eingenommen hatten.
Dort nahm Herr Richter die Unterhaltung wieder auf: „Sie haben vorhin von einem Boros-Tempel erzählt, da ist mir gleich eingefallen, dass ich ja auch mal bei den Boros war.“
Herr Riese korrigierte seinen Tischnachbarn: „Boron, nicht Boros.“
„Ja, genau, Boros“, stimmte Herr Richter zu und wollte weitersprechen, aber Herr Riese ließ ihn nicht und beharrte: „Boron, mit N! Die Boros sind in Ravnica, Boron ist in Aventurien, und außerdem ist Boron ein Gott, die Boros sind aber eine Gilde.“
„Wirklich?“, fragte Herr Richter zweifelnd. „Ich war mir sicher, ich wäre in einem Boros-Tempel gewesen. Aber Sie haben Recht, das war auf Ravnica. Sind Sie etwa auch ein Weltenwanderer?“
„In den letzten Jahren nicht mehr“, erklärte Herr Riese mit deutlichem Bedauern in der Stimme. „Ich fand sozusagen einfach keine Gelegenheit mehr dazu, können Sie sich das vorstellen?“
Herr Richter nickte, um zu zeigen, dass er seinen Gesprächspartner gut verstand, und meinte: „Ja, ich denke schon. Es gibt schließlich so viele Welten, die man betrachten und erleben möchte, aber es kommt so oft etwas dazwischen.“
In diesem Moment kam Valerie Birker wieder mit Frau Lippskis Rollstuhl herangefahren und unterbrach die beiden Männer: „Stört es Sie, wenn Frau Lippski sich wieder zu Ihnen setzt? Sie sagt, sie hat sich vorhin mit Ihnen so gut unterhalten.“ Herr Riese und Herr Richter beteuerten, dass es ihnen nichts ausmachen würde, und so stellte Frau Birker den Rollstuhl am Tischchen ab und blockierte die Räder, damit er nicht versehentlich wegrollen konnte. „Möchten Sie noch etwas?“, fragte sie dann die Anwesenden.
„Vielleicht noch einen Tee?“, fragte Herr Riese, und Herr Richter nickte zustimmend.
„Und Sie, Frau Lippski?“, fragte Valerie.
Die alte Dame dachte nach, dann bat sie um einen Schnaps, worauf Frau Birker lachte, aber mit den Worten ablehnte: „Sie wissen doch, dass das nicht gut für Sie ist. Möchten Sie nicht lieber auch einen Tee?“
„Aber nur mit Schuss“, versuchte Frau Lippski zu verhandeln.
Frau Birker nickte lachend und ging. Es war nicht anzunehmen, dass sie tatsächlich Alkohol in Frau Lippskis Tee geben würde, aber das musste diese ja nicht wissen.
„Wo waren wir stehen geblieben?“, grübelte Herr Richter.
Herr Riese erinnerte ihn: „Dass wir mit dem Weltenwandern sozusagen aufhören mussten, weil wir einfach keine Gelegenheit mehr dazu fanden.“
Herr Richter nickte und wollte den Faden wieder aufnehmen, aber Frau Lippski war schneller und funkte dazwischen: „Das kenne ich! Ich bin früher auch immer mit meinem Mann in Wanderurlaub gefahren, aber heute geht das leider nicht mehr. Nun ja, ehrlich gesagt glaube ich auch, dass mir das Wandern heutzutage zu anstrengend wäre.“ Mit Bedauern blickte sie auf ihren Rollstuhl.
Da brachte Valerie Birker auch schon den versprochenen Tee und stellte ihn auf das Tischchen. „So, bitte sehr!“
Alle bedankten sich und eine Weile herrschte Schweigen am Tisch. Jeder der Senioren hing seinen eigenen Gedanken nach. Gelegentlich nippte einer an seinem Tee, und alle schauten durch das Fenster in den dunkler werdenden Garten. Frau Lippski ließ nicht erkennen, ob sie merkte, dass ihr Tee ohne 'Schuss' war.

Schließlich war es Herr Riese, der den Faden wieder aufnahm. Er erzählte mit verträumter Stimme: „Das waren noch tolle Zeiten, als ich sozusagen noch ein Weltenwanderer war. Nach den Boros besuchte ich Zendikar. Aus Ravnica hatte ich sozusagen ein paar Andenken mitgenommen, um mir den Abschied leichter zu machen. Am schönsten fand ich das Petschaft, aber ich glaube, das Amulett war wertvoller.“
„Ja, Schmuck ist eine gute Geldanlage, pflegte mein Mann immer zu sagen“, kommentierte Frau Lippski Herrn Rieses Jugenderinnerung. „Aber ich verstehe auch nicht, wie die Preise zustande kommen. Es ist seltsam, aber die hässlichsten Sachen sind meistens am wertvollsten.“ Darüber schüttelte Frau Lippski verständnislos den Kopf.
„Ja, sozusagen“, bestätigte Herr Riese, bevor er mit seiner Geschichte fortfuhr. „Ich war nun also auf Zendikar -“ Er unterbrach sich selbst und neigte sich zu Herrn Richter hinüber: „Kennen Sie Zendikar?“
Herr Richter zögerte. „Äh, ja, sicher“, meinte er, aber an seiner Stimme erkannte man, dass er sich nicht wirklich erinnern konnte. Herrn Riese schien das aber nichts auszumachen. Er kam nun langsam in Fahrt und plauderte weiter:
„Ich war also auf Zendikar und schloss mich dort einer Gruppe von Leuten an, die sozusagen die besten Freunde waren, die man sich nur wünschen konnte. Ich glaube, wir waren 24 Personen. Oder 25?“ Er zögerte kurz, bevor er abwinkte und weitersprach: „Jedenfalls waren wir ziemlich viele, und die Gruppe war sozusagen bunt gemischt. Die meisten waren natürlich Menschen, tapfere Männer und Frauen aus Zendikar, aber es gehörten auch viele Kor dazu, und sogar ein Zwerg und zwei Minotauren waren dabei. Und am merkwürdigsten waren zwei - ich schätze, es waren Brüder, aber ich habe nie nachgefragt, weil ich das sozusagen für unpassend hielt, denn es geht mich ja nichts an, nicht wahr? Jedenfalls waren diese beiden ganz seltsame Leute. Sie waren nicht einfach Menschen, oder Kor, oder Zwerge, oder Minotauren. Nein, sie waren alles gleichzeitig!“ Herr Riese blickte in die Runde und erkannte zufrieden, dass seine Zuhörer beeindruckt waren.
Es war Frau Lippski, die entgegnete: „Ich hatte mal einen Nachbarn, der war auch alles gleichzeitig. Also Mann und Frau, wenn sie wissen, was ich meine.“ Sie zwinkerte dabei verschwörerisch, als ob sie etwas Geheimes laut ausgesprochen hätte.
Herr Richter aber nickte nur beiläufig. „Ja, das gibt es manchmal“, erklärte er kurz angebunden, denn er fand das nicht allzu seltsam.
Herr Riese jedoch sah sich genötigt, seine Ausführungen genauer zu erläutern: „Ja, aber so etwas meine ich nicht. Diese beiden waren nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Menschen und Kor und Zwerge und Minotauren. Sie waren sogar Mauern. Sie waren wirklich alles gleichzeitig, sozusagen.“
„Auch Mauern?“, fragte Frau Lippski entgeistert. Das war ihr nun wirklich neu. Oder hatte sie es schonmal gehört und nur vergessen?
„Ja, auch Mauern“, bestätigte Herr Riese. Dann erzählte er weiter: „Sie müssen bedenken, dass ich damals noch sehr jung war und dass diese Gruppe deshalb einen großen Eindruck auf mich machte. Sie waren alle wirklich gute Freunde und halfen sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit.“
„Das ist aber schön“, warf Frau Lippski lächelnd ein. Solche Geschichten mochte sie.
„Ja, das war es auch“, bestätigte Herr Riese. „Alle in dieser Gruppe waren toll, aber am meisten mochte ich meinen Freund Bruse. Der konnte fluchen, dass jeder Matrose vor Scham erröten würde, aber er hat die Anderen immer mitgerissen und motiviert, so dass sozusagen jeder begeistert das Doppelte leistete. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Bruse das Herz der Truppe war, und alle schauten zu ihm auf, auch ich.“
Herr Rieses Blick verlor sich in den fernen Weiten der Vergangenheit, als er sich erinnerte. „Da war einmal ein Kampf, in den wir verwickelt wurden. Die meisten aus der Gruppe waren gerade nicht da, nur Bruse, ich selbst und der Zwerg. Der hieß Bruenor und war unser stärkster Kämpfer. Er war auch der Einzige von uns, der eine Waffe dabei hatte: Ein Kusari-Gama.“
Herr Riese schien nicht zu bemerken, dass seine Zuhörer sich fragende Blicke zuwarfen. Offenbar hatten sie keine Ahnung, was ein Kusari-Gama war, aber für Herrn Riese war das klar und er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand etwas so Grundlegendes nicht wissen könnte, also erzählte er einfach weiter: „Ich wollte mich schon ins Getümmel stürzen, aber es waren viele Gegner und ich wusste nicht, ob ich das überleben würde, aber Bruse behielt einen kühlen Kopf. Er feuerte Bruenor so heftig an, dass dieser über sich hinauswuchs und mit einem einzigen Rundumschlag die gesamte gegnerische Gruppe sozusagen ausschaltete. Ich kam gar nicht dazu, selbst etwas zu tun, so schnell ging das.“
Herr Richter nickte anerkennend, während Frau Lippski fragte, wieso Herr Riese und seine Freunde nicht einfach die Polizei gerufen hatten, aber Herr Riese erklärte ihr, dass es auf Zendikar seines Wissens gar keine Polizeiwachen gab. „Keine Polizei?“, fragte Frau Lippski entgeistert. „In so einer gefährlichen Gegend würde ich nie Wandern gehen!“
„Mit Freunden wie Bruse geht das“, meinte Herr Riese trocken. „Oder mit Akiri“, fügte er nach einer kurzen Pause noch hinzu. „Akiri war sozusagen ein Waffennarr. Sie hatte immer ein ganzes Arsenal dabei. Meistens benutzte sie die Dinger aber gar nicht selbst, sondern gab sie den Anderen aus der Gruppe. Wenn sie sah, dass alle gut ausgerüstet waren, freute sie das dermaßen, dass sie selbst schon gar keine Waffen mehr brauchte. Mit jemandem wie ihr war man sozusagen auf alles vorbereitet.“

„Ja, man braucht gute Begleiter, um sich gegen all die Gefahren zu wappnen, die auf fremden Welten auf einen lauern“, stimmte Herr Richter Herrn Riese zu. „Ich hatte mal Würmer als Begleiter, wissen Sie? Die waren echt riesig, das hat Viele beeindruckt.“
„Meine Katzen bekamen einmal im Monat Wurmtabletten“, antwortete Frau Lippski auf diesen Kommentar.
Herr Richter ließ sich davon aber nicht aus der Fassung bringen und sprach weiter: „Diese Würmer, die waren grün, wissen Sie? Sie waren nicht aufzuhalten und ich habe sie auf vielen verschiedenen Welten gesammelt. Mit ihnen konnte man Gegner wunderbar reinlegen. Es war nämlich so, dass diese Würmer groß waren, wissen Sie? Und große Würmer wachsen langsam, und das dauert also seine Zeit, und die Gegner dachten dann immer, dass sie schneller wären als ich, aber dann kam der Trick. Ich konnte mit meinen großen Würmern nämlich meine verlorene Kraft wieder herstellen, und damit rechneten die Gegner nie, haha.“ Man konnte Herrn Richter ansehen, wie stolz er darauf war, vor so vielen Jahren auf diesen Trick gekommen zu sein.
„Bei mir waren die Druiden grün“, erinnerte sich Herr Riese. „Ich kannte sozusagen ganz viele davon, und sie haben mir geholfen, sehr schnell irgendwelche wirklich großen Bestien zu rufen, gegen die kein Gegner etwas ausrichten konnte. Ja, mit Druiden kann man viel mehr anfangen, als die meisten Leute so glauben.“
„Also mir reichte dieser komische Druiden-Guru, der behauptete, er könne Krebs heilen“, warf Frau Lippski unwillig ein.
„Diese Druiden waren sozusagen nicht zum Heilen da“, erläuterte Herr Riese.
„Ja, zum Heilen bräuchte man etwas anderes“, stimmte Herr Richter zu. „Ich glaube, Skelette konnten sich ganz gut heilen, oder?“
„Nur die alten“, brummte Herr Riese, „aber das war keine gute Taktik.“
„Ja, ich sage auch immer, Vorbeugen ist besser als Heilen“, betonte Frau Lippski.

Herr Richter deutete nach draußen. „Schauen Sie mal, da zieht Nebel auf. Das erinnert mich an das Nebelmeer. Das war vielleicht was. Wissen Sie, da ist auch immer erst Nebel aufgezogen, daher kam ja der Name. Und durch die Nebelbänke hat keiner durchgefunden, das war natürlich schön. Und dann, irgendwann, tauchten aus dem Nebel Schatten auf, wenn die großen Sceadas aufstiegen.“
„Was für Vögel sind denn das? Hoffentlich gibt es die nicht hier bei uns!“, fragte Frau Lippski, aber Herr Richter ging nicht darauf ein, sondern erzählte weiter:
„Meistens reichte das schon, wissen Sie? Diese Sceadas sind nichts, womit man spaßen kann. Aber manchmal hat das auch nicht gereicht. Doch das Nebelmeer war ja tief, und wenn man lange genug gewartet hat, dann tauchten aus den Tiefen des Ozeans große Kreaturen auf, richtig große, wissen Sie? Spätestens die haben den Sack zu gemacht, immer!“
„Also ich war immer nur an der Adria“, erklärte Frau Lippski, „da gab es eigentlich nie Nebel.“
„Ich kenne das auch ohne Nebel“, warf Herr Riese ein, „und bei mir ging es schneller. Da gab es auch keine Sceadas, sondern ich habe Tricks benutzt, um gleich am Anfang die Ungeheuer der Tiefe zu rufen.“
„Ich finde Tricks unehrlich“, warf Frau Lippski ein.
„Wer sagt, dass ich ehrlich bin?“, fragte Herr Riese mit einem verschmitzten Lächeln, und Frau Lippski schien erschrocken angesichts dieser Enthüllung zu sein:
„Man muss immer ehrlich sein, das habe ich schon als Kind gelernt!“
Herr Riese nickte zustimmend: „Das ist auch wieder richtig. Meine besten Zeiten hatte ich auch bei den Kämpfern des Guten, das waren sozusagen noch echte Verbündete! Die haben sich immer gegenseitig geholfen und man konnte sich voll und ganz auf sie verlassen.“
„Ja, so sprach mein Mann auch immer von seiner Militärzeit. Das war, bevor er mich kennengelernt hatte. Danach hat er seine alten Kameraden natürlich nicht mehr gebraucht, denn jetzt hatte er ja mich“, erklärte Frau Lippski bestimmt.
„Ich verstehe“, meinte daraufhin Herr Richter mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen. „Zum Glück konnte ich immer verhindern, einen 'Pfeil ins Knie' zu bekommen, wie man in Himmelsrand so schön sagt. Wissen Sie, dort war ich eigentlich immer am liebsten.“
„Diese Welt kenne ich gar nicht“, sagte Herr Riese verwundert.
„Also ich war schonmal in Himmelsrand“, behauptete Frau Lippski da plötzlich. Beide Männer blickten sie erstaunt an. „Ja, wirklich“, betonte sie, „das ist ein ganz toller Skiort in den Alpen!“
„Ach, das liegt in den Alpen?“, fragte Herr Richter verwirrt, doch da trat Valerie Birker wieder zu dem Tischchen und lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich:
„So meine Dame, meine Herren, es wird langsam Schlafenszeit.“
„Och, wie schade“, kommentierte Frau Lippski diese Entwicklung. „Wir waren gerade dabei, Urlaubserinnerungen auszutauschen!“
 
 
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