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Sonnengelber Stacheldraht

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Sci-Fi / P18 / Het
Eric OC (Own Character)
18.11.2022
24.11.2022
2
8.952
3
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
24.11.2022 4.699
 
Ein kleines Vorwort:

Hallo liebe Leser!

Danke vorab für die beiden lieben Kommentare! So macht das Hochladen wirklich Spaß. Ich freue mich herzlich über jedes Feedback. Gerne weiter so :)

Im nächsten Kapitel lernt ihr meinen Eric etwas besser kennen und ich bin tatsächlich sehr gespannt, wie ihr ihn findet. Im Buch und auch im Film hat er ja gar nicht so viel Präsenz und macht unserer lieben Tris bloß als nebensächlicher Antagonist das Leben schwer. Ich habe mir also einiges selbst ausgedacht und mich nur teilweise von dem Grundmaterial inspirieren lassen.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und schonmal ein tolles Wochenende!

Herzliche Grüße,
Avilon



Minimaler Kontrollverlust



Eric stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, nachdem die Tür seines Büros hinter der jungen Frau ins Schloss gefallen war.
Mit dem Seufzer machte er all der schlechten Laune und der Frustration Luft, die während des Gesprächs mit Elliot Harper aufgekommen war.

Auf dem Flur vor seinem Büro gab es eine Überwachungskamera, die eine direkte Verbindung zu Erics Computer hatte, damit er immer sehen konnte, wer gerade vor seinem Büro stand. Meistens hatten die Leute natürlich einen Termin bei ihm, aber es gab auch unangekündigte Besucher, die einfach so mit ihren Anliegen zu ihm kamen.

Also hatte Eric Elliot Harper dabei zuschauen können, wie sie sechs Minuten lang vor seinem Büro herumgehampelt hatte. Bevor er überhaupt wusste, wer sie war und was sie von ihm wollte.
Zunächst hatte er gedacht, dass es einfach irgendeine Ferox sei, die ihn um ein Date bitten wollte. Es war lächerlich, doch es kam überraschend häufig vor. Der Führerposten schien bei jungen Frauen wie ein Aphrodisiakum zu wirken. Es hatte lange gedauert, bis Eric sich an diese Art der Aufmerksamkeit gewöhnt hatte.
Als Elliot aber nicht direkt klopfte, sondern sich die Zeit im Flur zu vertreiben schien, war Eric neugierig geworden. Dieses Verhalten war neu.
Er hatte seinen Terminplaner gecheckt, jedoch keinen Termin mit einer jungen Frau finden können.
Die ganze Zeit war er davon ausgegangen, dass der Name Elliot Harper zu einem Mann gehörte.
Er hätte wirklich vorher ihren verdammten Lebenslauf checken sollen.

Nach genauerer Betrachtung des Videomaterials war ihm dann auch aufgefallen, dass er das Mädchen tatsächlich kannte. Wenn auch nur flüchtig.
Es war ebenjene Frau, die er vor zwei Jahren mit Betäubungsmitteln zugedröhnt im Flur seiner Wohnebene gefunden hatte.
Eric hatte damals im ersten Moment gedacht, dass sie einfach völlig besoffen sei und wollte an ihr vorbei und in seine Wohnung, als ihm auffiel, dass sie ohnmächtig war. Mit schwachem Puls.
Er hatte sie dann zur Krankenstation gebracht und es hatte sich herausgestellt, dass ihr jemand ein gängiges Betäubungsmittel ins Getränk gemischt haben musste.

Erics damalige Wohnung war nicht weit von der Grube entfernt gewesen und es hatte nahe gelegen, dass sie sich selbst bis in seinen Flur geschleift hatte, um etwas Ruhe zu haben. Vielleicht auch, um vor jemandem zu fliehen.
Der Arzt in der Krankenstation hatte gesagt, dass Eric ihr vermutlich das Leben gerettet hatte. Und er hatte bloß mit den Schultern gezuckt und war ins Bett gegangen. Elliot hatte danach nie versucht ihn zu erreichen. Entweder war ihr ihr Retter egal oder sie wusste nicht, dass er es gewesen war. Und Eric war das recht gewesen.
Er hatte den Vorfall einfach vergessen. Nur einen Monat danach war er zum Anführer ernannt worden. Er war umgezogen und hatte ein ganz neues Leben begonnen.
Als er sich daran erinnerte, fragte er sich, ob Elliot nun doch herausgefunden hatte, wer ihr damals den Arsch gerettet hatte. Er vermutete, dass sie sich vielleicht bei ihm bedanken wollte. Doch sicher war er sich nicht.

Also war er einfach rausgegangen und hatte sie mit ihrer unpassenden Anwesenheit konfrontiert.
Er hatte in ihren Augen keine Dankbarkeit gesehen. Kein Wiedererkennen. Bloß Aufregung und Neugierde. Und dann hatte sie angefangen zu reden. Wie ein gottverdammter Wasserfall und die Situation hatte sich schnell geklärt.

Sie war jener Elliot Harper, den Max und Grimes in seinem Namen mit dem Ausbilderposten besetzt hatten. Und Überraschung, Elliot Harper war kein männlicher Ferox, der voll Kraft und Tatendrang strotzte. Es war ein Mädchen, eine junge Frau. Eine ehemalige Amite, die nie gelernt hatte, dass Schweigen Gold war.
Eric hatte schnell umdisponiert und sich mit der Situation arrangiert.
Er hatte nur ein paar Minuten gebraucht, um zu sehen, dass Max und Grimes einen Fehler gemacht hatten. Vielleicht hatten sie Eric mit Elliots Einstellung ärgern wollen. Oder was auch immer.

Elliot war nett und irgendwie weich. Ihre Stimme klang weich und ihr Körper war weich. Sie hatte überall Kurven und Rundungen. Von den geschwungenen Augenbrauen bis zum Dekolleté. Von den runden Augen, bis zu den ausladenden Hüften. Auch nach vier Jahren bei den Ferox wirkte sie wie eine Amite, die Verkleiden spielte.
Die sechzehnjährigen Initianten würden sie niemals respektieren und als Aushängeschild für die Fraktion war sie nutzlos.
Eric wusste selbst, dass die Zahlen der Feroxinitianten zurückgingen und seine Fraktion definitiv etwas Werbung gebrauchen konnte. Aber er wusste auch, dass es der falsche Ansatz war, deswegen einfach die freie Ausbilderstelle mit dem nächstbesten, hübschen Mädchen zu besetzen.

Also entließ er Elliot, die zum Glück keinen Nervenzusammenbruch in seinem Büro bekam, und hakte die Sache damit ab. Er hatte noch eine halbe Woche, um sich selbst jemanden für den freien Platz zu suchen. Ihm fielen direkt ein paar junge, starke Ferox ein, die gut mit der Position klarkommen würden.

Eric knirschte unwirsch mit den Zähnen.
Eigentlich hatte er sich darüber gefreut, sich  dieses Jahr nicht mit Vorstellungsgesprächen und derlei Kram herumschlagen zu müssen.
Er hatte momentan sowieso mehr als genug zu tun und war erleichtert gewesen, als Max und Grimes angeboten hatten, ihm dieses Verfahren abzunehmen.
Max hatte gesagt, dass er jemand guten finden würde. Dass dieser jemand qualifiziert sein würde. Dass Eric gut mit diesem jemanden klarkommen würde.
Am Arsch.
Die Besetzung seines zukünftigen Kollegen war nun also eine weitere Aufgabe, die auf der seine lange Liste für diese Woche schreiben konnte. Vielleicht sollte er Atlas fragen, damit dieser einen Teil der Vorstellungsgespräche führte. Wobei Atlas auch manchmal Dinge tat, die Eric nur schwer nachvollziehen konnte.
Lauren würde sowieso kaum ein Wort mit ihm wechseln, bevor sie nicht wieder offiziell zusammenarbeiteten.
Gut. Dann würde er es eben allein machen. Dann lag es wenigstens vollkommen in seiner Hand.

Eric öffnete die Fenster seines Büros, um den Nachhall des blumigen Parfüms von Elliot loszuwerden, und begann dann sich durch Tabellen zu klicken und Berichte zu lesen.
Manche verlangten ausgedruckt und unterschrieben zu werden. Manche überflog er bloß kurz.
Gegen vier Uhr kam auf seinem zweiten Bildschirm ein Videoanruf von Max rein.
Eric seufzte erneut und wappnete sich gegen eine neue Welle aufkommender Übellaunigkeit.
Er nahm den Anruf an und zog Max Gesicht auf den großen Hauptbildschirm. Mit verschränkten Armen lehnte er sich zurück.

„Was gibt’s?“ Die kleine Kamera oben im Bildschirm blinkte blau und signalisierte Eric damit, dass Max ihn nun auch sehen konnte.
Dieser lächelte und zeigte dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne „Hi, Eric. Bist du mit Elliot schon durch? Oder ist sie noch da?“
Resignation machte sich in Eric breit, als erkannte, dass er Max wohl heute noch sagen musste, dass er seine Auserkorene gefeuert hatte. Zu gerne hätte er dieses Gespräch bis zum nächsten Tag aufgeschoben.
„Elliot ist schon weg.“ Antwortete Eric und wartete auf eine passende Gelegenheit.
Max nickte und fragte dann „Wie findest du sie?“
Sein warmer Tonfall implizierte, dass er selbst sie für gut geeignet befand.
Eric holte tief Luft und ließ die Bombe dann einfach wenig subtil platzen „Ich habe sie gefeuert.“
Er konnte nun genau dabei zuschauen, wie das Lächeln auf Max Gesicht gefror und dann verschwand.
„Warum das denn? Ist etwas vorgefallen?“ Anspannung schwang in Max Stimme mit.
„Elliot Harper ist nicht die Richtige für den Job.“ Erklärte Eric „Ich weiß nicht, was ihr euch dabei gedacht habt. Sie hat keinen Biss und würde die Arbeit bei Weitem nicht so gut machen, wie viele andere.“
Max hob kritisch seine Augenbrauen „Und das weißt du, nachdem ihr bloß eine knappe Stunde miteinander gesprochen habt?“
„Ich habe sie bereits nach ein paar Minuten entlassen.“ Berichtigte Eric den anderen Anführer.
„Eric!“ Brauste Max auf „Was soll das? Du hast das Bewerbungsverfahren in unsere Hände gelegt und wir haben entschieden, dass Elliot Harper die beste Wahl ist. Vor allem momentan, wo kaum noch jemand zu den Ferox möchte, weil alle glauben, dass wir unsere Initianten quälen und umbringen.“
Eric unterdrückte ein genervtes Schnauben „Ich bin mir dieser Problematik durchaus bewusst. Jedoch bin ich davon ausgegangen, dass ihr jemanden mit den nötigen Referenzen einstellt, um das Problem zu lösen.“
Eine wütende Ader begann leicht auf Max Stirn zu pochen und die höfliche, anfängliche Freundlichkeit war vergessen „Und wer wäre deiner Meinung nach gut geeignet für den Job?“
Unbeeindruckt von Max Rage zuckte Eric mit den Schultern „Jemand wie Atlas. Von mir aus auch jemand wie Lauren. Groß, stark, respekteinflößend. Etwas schweigsamer und generell mehr wie der klassische Ferox.“
Max schien damit ganz und gar nicht zufrieden „Das ist doch Mist, Eric! Du kannst nicht einfach alle Ferox stereotypisieren. Das Klischee vom stoisch schweigenden, muskelbepackten Ferox ist völlig veraltet. Dieses Jahr geht es doch genau darum zu zeigen, dass wir mehr sind als breite Schultern und ein grimmiges Auftreten.“
„Aber das bedeutet nicht, dass wir die nächstbeste Amite einstellen.“ Hielt Eric dagegen.
Die Ader auf Max Stirn stach nun noch deutlicher hervor „Elliot Harper ist nicht die nächstbeste Amite. Sie ist eine Ferox. Durch und durch. Auch wenn du das nicht so siehst. Nur weil sie etwas im Kopf hat und die Dinge manchmal anders angeht, heißt das nicht, dass sie weniger Ferox ist.“
Jetzt schnaubte Eric doch genervt „Das Mädchen ist hier reingekommen und hat geredet als gäbe es kein Morgen. Mit dem Dauerlächeln taugt sie vielleicht für Fotos, aber sie kann keine zukünftige Generation von Ferox ausbilden.“
„Das weißt du doch gar nicht!“ Max Bildschirm verschwamm kurz und wurde dann wieder klar „Du hast dich ja kaum ein paar Minuten mit ihr auseinandergesetzt. Ich bin davon überzeugt, dass sie eine gute und verständnisvolle Lehrerin wird. Und damit ist sie ein gutes Gegenstück zu dir.“
Eric zog eine Braue in skeptischer Manier hoch „Ich brauche also ein Gegenstück?“
Max seufzte „Du kannst nicht leugnen, dass du nicht auch ein wenig Schuld an den sinkenden Zahlen bist. Du machst deine Arbeit gut und du kennst dich aus, Eric, aber bei allem Respekt, manchmal kannst du zu hart sein. Du lässt diese Kids auf Leben und Tod kämpfen und verweist sie der Fraktion, wenn sie ein Fünkchen Schwäche zeigen.“
„Sollte ich die Schwachen lieber aus Mitleid durchwinken? Max, wir können auf sowas keine Rücksicht nehmen. Wir sind die Beschützer dieser Stadt und sorgen dafür, dass alles läuft. Wir können eben nicht jeden aufnehmen. Da kann ich auch nichts für.“ Erics Genervtheit verwandelte sich langsam in Wut.
So arteten die Gespräche zwischen ihm und Max oft aus. Sie hatten beide ihren eigenen Kopf und waren dazu ausgesprochen stur. Und irgendwie konnten sie sich auch nicht wirklich leiden.
Max fuhr sich über die Stirn „Es ist den Initianten trotzdem erlaubt, Fehler zu machen. Wenn sie zu uns kommen, liegen meistens vierjährige Ausbildungen vor ihnen. Sie haben also genug Zeit, um Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, bevor sie wirklich systemrelevant werden.“
„Unsere Fraktion basiert auf Mut, Durchsetzungsvermögen und Stärke.“ Gab Eric schroff zurück „Viel Platz zum Fehler machen ist da nicht.“
Max verschränkte die Arme vor der Brust „Sich seine Fehler einzugestehen ist auch eine Art von Mut. Und daraus zu lernen, zeugt von Stärke.“

Eric verdrehte die Augen. Max war seiner Meinung nach schon immer etwas zu weich gewesen. Er neigte dazu, zu viel Gutes in der Welt zu sehen. Er legte die Grundsätze der Ferox so aus, wie es ihm gerade passte und kümmerte sich dabei nicht viel um Traditionen und Ursprungswerte.
Max hatte keine Ahnung, wie es war, wenn man jedes Jahr einem Haufen von Kindern gegenüberstand, die zum Großteil kein Potenzial hatten.
Diese Teenager waren die Zukunft der Fraktion und wäre Eric nicht so kritisch bei den Tests und Prüfungen, wären die Ferox längst vor die Wand gefahren worden.

Als Eric länger nichts sagte, sondern Max einfach über den Bildschirm anstarrte und ihm eine wirklich fiese Krankheit wünschte, ergriff der ältere Anführer wieder das Wort.
„Du wirst Elliot Harper benachrichtigen und ihr sagen, dass das ein Missverständnis war. Ich würde dir für den guten Willen raten, persönlich zu ihr zu gehen und dich zu entschuldigen. Aber ich weiß, dass du das nicht tun wirst. Sie ist trotzdem wieder eingestellt.“ Max sagte die Worte mit seinem Befehlston.
Den benutzte er oft, wenn es zu Treffen mit anderen Anführern kam. Eric hasste diesen Tonfall.
„Ich will nicht mit ihr arbeiten.“ Antwortete Eric schlicht.
Die wütend pochende Ader auf Max beruhigte sich etwas und er schien langsam wieder gefasster „Es ist an dieser Stelle egal, was du willst, Eric. Du hast das Bewerbungsverfahren Grimes und mir überlassen und wir haben Elliot eingestellt. Sie hat uns mit ihrer Art und ihren Ideen überzeugt.“
„Mich hat sie nicht überzeugt.“ Eric erkannte, dass er die Besetzung der freien Stelle niemals aus seiner Hand hätte geben sollen.
„Der Vertrag ist unterschrieben. Von ihr, Grimes und mir. Es gibt also kein zurück. Arrangiere dich mit ihr. Gib ihr eine Chance. Ich verlange nicht, dass du übermäßig nett zu ihr bist. Aber denk daran, dass sie ein ehrenwertes Mitglied dieser Fraktion ist.“ Max klang Tonfall war endgültig.
Er unterstrich die Endgültigkeit damit, dass er den Videoanruf einfach beendete.
Er legte auf und Erics Bildschirm wurde schwarz.

„Fuck.“ Knurrte Eric in die leere Stille seines Büros.
Er fummelte eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche seiner Weste und ging zum Fenster. Finster starrte er auf die vorbeizischenden Rover, während er sich eine Zigarette anzündete.
Schon seit Beginn seiner Zeit als Anführer war er immer wieder auf Diskussionen und Streitigkeiten mit den anderen Anführern gestoßen.
Jede Fraktion hatte fünf Anführer und die Einstellungsverfahren waren von Fraktion zu Fraktion unterschiedlich.

Bei den Altruan und Amite wurde man von der gesamten Fraktion gewählt, bei den Ken musste man bestimmte Tests machen und bei den Candor wurde man von den anderen Anführern gewählt.
Bei den Ferox war es schon immer so gewesen, dass man sich auf die Ausbilderstelle bewerben konnte. Die übrigen vier Anführer wählten unter den Bewerbern fünf Kandidaten aus und unterzogen sie dann verschiedenster Prüfungen, um den geeignetsten Ferox herauszupicken. Der Anwärter hatte dann eine weitere, einjährige Ausbildung vor sich, bevor er überhaupt sein Amt antreten durfte.
Eric hatte all seine Prüfungen gemeistert und sich mehrfach bewährt, doch auch nach zwei Jahren war er immer noch der Neue. Er musste sich von den anderen anhören, dass er sehr jung war und noch viel zu lernen hatte, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kam.
Eine weitere Hürde für ihn war, dass die anderen Anführer sich gut untereinander kannten. Grimes und Max waren beide seit fast neun Jahren im Amt und verstanden sich seit jeher gut. Auch Emma und Silas waren lange dabei. Die beiden waren sogar schon vor ihrer Amtszeit befreundet gewesen. Es gab also die beiden Zweierpaare, die unter sich oft einer Meinung waren und Eric.
Emma und Grimes mochte er noch am liebsten. Max ging ihm sowieso auf die Nerven und mit Silas hatte er sich bereits mehrfach geprügelt.
Glücklicherweise war Silas für alles rund um den Zaun verantwortlich und lebte auch in der improvisierten Containerstadt am Zaun, sodass sie sich nicht häufig sahen. Silas war… eigensinnig und hatte eine ähnlich kurze Zündschnur wie Eric.
Sie waren allesamt stolz und ehrgeizig, zwischendurch mit leicht cholerischen Tendenzen und so war fast jedes gemeinsame Meeting wie ein Boxkampf.
Für die Fraktion war es natürlich gut, dass sie alle ihre verschiedenen Meinungen einbrachten und oft stundenlang die Vor- und Nachteile der jeweiligen Aspekte diskutierten, um die bestmöglichen Voraussetzungen für die Ferox zu schaffen, aber, scheiße, es war auch wirklich anstrengend.

Was die Initiation betraf, so waren sich alle Anführer immer einig darin gewesen, dass Eric gut damit betraut war. Niemand hatte wirklich Lust auf diesen Job und Eric machte ihn tatsächlich gerne.
Er sah die Initiation als eine der wichtigsten Säulen der Fraktion und war daher auch immer besonders streng bei der Auswahl der neuen Feroxanwärter.
Es war schon immer so gewesen, dass viele Teenager einfach gern zu den Ferox wechselten, weil sie es aufregend fanden. Sie strebten nach einem Gefühl der Freiheit, weil sie voll jugendlichem Leichtsinn waren und bisher nur das strenge Leben innerhalb ihrer Fraktion kannten.
Jedoch war die Freiheit auch bei den Ferox nicht umsonst und auch nicht unendlich.
Erics Fraktion bestand nicht bloß aus Piercings, Tattoos, Alkohol und Nervenkitzel. Natürlich waren das allgemein beliebte Nebeneffekte, aber der Kern der Fraktion lag in der Kontrolle und im Beschützen der Stadt und deren Bewohner.
Auch bei den Ferox herrschte Ordnung im Chaos und Zügellosigkeit oder übertriebener Genuss wurde nicht gern gesehen.
Also hatte Eric bei der Initiation immer nach jenen Kindern Ausschau gehalten, die aus den falschen Gründen die Ferox gewählt hatten. Und auch wenn Four ein Mistkerl war, hatte er Eric dabei immer geholfen.

Es war also alles gut gewesen, bis die Zahlen aus Angst vor der strengen Initiation zurückgingen. Eric und Four und Atlas und Lauren waren trotzdem ein gut eingespieltes Team gewesen.
Jedoch hatte  Four nun beschlossen, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, um seiner Freundin einen Braten in die Röhre zu setzen. Four und Tris wurden also bald glückliche Eltern und Eric blieb zurück.
Anscheinend nun mit Elliot Harper an seiner Seite.

Eric schnipste ungehalten den aufgerauchten Zigarettenstummel aus dem Fenster und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Mit einem kurzen Zögern öffnete er ein weiteres Mal den Lebenslauf von Elliot Harper. Er hatte ihn bereits während des Gesprächs kurz überflogen.
Oben in der rechten Ecke gab es ein Foto von ihr.
Aufgeschlossen lächelte sie der Kamera entgegen und silberne Kreolen funkelten an ihren Ohren. Auch auf dem Bild trug sie dunkelroten Lippenstift. Sonst schien sie ungeschminkt. Wenn man auf den ersten Blick das Foto betrachtete, konnte man leicht vergessen, dass sie zu den Ferox gehörte.
Sie sah aus wie eine selbstbewusste Amite.
Auf den zweiten Blick konnte man dann doch die kleinen Dinge sehen, die Elliot als Ferox kennzeichneten. Die feine Narbe auf dem Wangenknochen, der silberne Ring im Nasenflügel und natürlich die Narbe ihrer Schussverletzung.
Eric hatte direkt gesehen, dass man ihre Verletzung nicht gerade gut versorgt hatte. Die Narbe war nicht dezent, sondern grell rosa und zerklüftet. Vielleicht hatte man sie einfach einem auszubildenden Arzt überstellt.
Es war weiterhin gelistet, dass sie insgesamt neun Ängste hatte und allesamt innerhalb eines angemessenen Zeitspektrums bewältigt hatte.

Sie war also eine Ferox. Gut. Ihre Noten waren auffällig unauffällig. In den Rankings belegte sie immer Plätze in der Mitte. Das Einzige, was in ihrem Lebenslauf herausstach, war, dass sie anscheinend gut bei dem Angriff der Fraktionslosen mitgearbeitet und ihre Ausbildung ohne Vorstrafen absolviert hatte.
Ihre Leistungen waren vollkommen unscheinbar und Eric dachte an all die Ferox, die so viel mehr geleistet hatten und den Job neben ihm nicht bekommen würden.

Eine Nachricht von Max ploppte in der Ecke von Erics Bildschirm auf und er öffnete sie. Die Notiz war leer, doch im Anhang befand sich ein Video.
Eric klickte drauf und hatte Elliots Gesicht in Hochauflösung vor sich.
Er verdrehte die Augen und überlegte, ob er das Video einfach löschen sollte.
Doch ein klein wenig Neugierde übermannte ihn und er begann Elliot Harpers Bewerbungsvideo abzuspielen.
Wieder lächelte sie in die Kamera. Das Video musste vor ein paar Monaten aufgenommen worden sein, denn die Schussverletzung war noch verkrustet und überhaupt nicht vernarbt. Ihr langes, braunes Haar, das strähnenweise gelockt war, trug sie in einem großen Dutt, aus dem einzelne Strähnen ihr Gesicht umrandeten. Wieder dunkelroter Lippenstift und wieder ein Top mit schmalen Trägern.

„Hallo. Mein Name ist Elliot Harper und ich bewerbe mich mit diesem Video für die freie Ausbilderstelle der Initianten.
Ich bin zwanzig Jahre alt und beende gerade meine vierjährige Ausbildung als Soldatin für die Stadtwache. Vor mir stehen nur noch die abschließenden Prüfungen und mein Ausbilder, James Handler, hat mir bestätigt, dass ich alle kommenden Tests mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bestehen werde.
Ich werde also Ende Mai fertig ausgebildete Soldatin sein. Wie viele andere Ferox in meinem Alter habe ich dann eine dreimonatige Pause, die ich selbst gestalten kann, da mein Arbeitsvertrag erst im September beginnt.
Diese drei Monate möchte ich gerne nutzen, um Werbung für die Fraktion zu machen und die Zukunft der Ferox zu prägen. Ich könnte mir dafür nichts Besseres vorstellen, als die Ausbildung der diesjährigen Initianten mitzugestalten und auszuführen.
Ich bin gebürtige Amite und habe bereits früher freiwillig in der Kindertagesstätte geholfen. Schon damals hatte ich großen Spaß am Lernen und Lehren. Und auch wenn die fraktionswechselnden Initianten natürlich keine kleinen Kinder mehr sind, denke ich doch, dass ich mit meiner Freude an der Lehre einen guten Beitrag leisten kann, um ihre Ausbildung so qualifiziert wie möglich zu gestalten.
Ich bin eine verständnisvolle und mutige Frau, die weiß, wie man Probleme angeht und dabei den Schaden aller Beteiligten möglichst klein hält. Ich habe gute Referenzen in Empathie, Kommunikation und Konfliktlösung und kann auch unter leichtem Stress und Druck ruhig und konzentriert arbeiten.
Meine Mitauszubildenden beschreiben mich als freundliche, ideenreiche und intelligente Ferox, mit der man gerne zusammenarbeitet.
Ich bin davon überzeugt, die Richtige für den freien Job zu sein. Nicht zuletzt, weil ich eine Menge guter Ideen habe, wie man die Ferox für junge Leute attraktiver machen kann. Außerdem habe ich diverse Vorschläge, wie sich die Initiation verbessern lässt, sodass im Endeffekt für alle bessere Lebenskonditionen herausspringen.
Einige dieser Ideen sind beispielsweise; verbesserte Aufklärungsarbeit über die Fraktion, abgeänderte Sicherheitsmaßnahmen, kreativere und vielfältigere Trainingspläne und Beratung für Initianten während der Initiationsphase.
Ich bin mir sicher, dass wir diese Fraktion gemeinsam wieder zu altem Glanz führen und die Zahl der Interessenten steigern können.
Meldet euch gerne bei Rückfragen oder Neuigkeiten bei mir. Bis bald.“

Zum Abschluss winkte Elliot kurz in die Kamera und dann gefror das Bild auf Erics Bildschirm. Er klickte das Video weg und atmete angespannt aus.
Diese Frau war selbstbewusst und von sich überzeugt. Sie wusste, wie man sich verkaufte und wie man an seiner Beliebtheit feilen konnte. Das ganze Video hinweg hatte sie gelächelt und dabei freundlich und strukturiert gewirkt. Ohne Großspurigkeit und Dämlichkeit.
Eric war trotzdem nicht überzeugt. Als er Elliot persönlich in seinem Büro gehabt hatte, hatte sie eine gewisse Grundnervosität an sich gehabt. Damit hatte sie ihn an ein Eichhörnchen oder eine kleine Maus erinnert, jedoch nicht an eine Ausbilderin für junge Ferox.

Elliot würde ihm keine Hilfe sein, wenn die Initianten anfingen, sich gegenseitig zu attackieren. Auch wusste er nicht, ob sie die nötigen Nerven hatte, um den ganzen Lehrplan auswendig zu lernen und zu verinnerlichen.
Er konnte dazu nicht ganz nachvollziehen, weshalb man sie überhaupt für die Ausbildung der Stadtwache zugelassen hatte.
Sie passte eher in eine Bar oder in eins der Tattoostudios. Wenn sie doch so kreativ war und gute Ideen hatte, sollte sie sich im künstlerischen Bereich ausleben und ihm nicht zur Last fallen.

Eric entschied, dass Trübsal blasen nichts brachte.
Er entschied, Max erneut anzurufen und nochmals mit ihm über die ganze Sache zu sprechen. Er nahm sich vor, diesmal ruhiger zu bleiben und seine Argumente einfach offen auf den Tisch zu legen.
Sein Cursor hang schon über Max Kontakt, als ihn eine weitere Nachricht erreichte. Diesmal von Grimes. Er rang kurz mit sich.
Erst Max anrufen oder erst Grimes Nachricht lesen?
Er entschied sich für Letzteres und öffnete die Mail.

Hi Eric!

Ich habe von deinem Kennenlernen mit Elliot Harper gehört. Max ist ganz schön angepisst, weil du sie einfach gefeuert hast und ich find´s, ehrlich gesagt, auch nicht gut.
Ich kann verstehen, dass du Elliot gewöhnungsbedürftig findest und jemand anderen erwartet hast, aber Max und ich sind uns nach wie vor einig, dass ihr super zusammenarbeiten könnt.

Elliot steckt voller Kreativität und wird bestimmt in der Lage sein, eine Menge Kids für unsere Fraktion zu gewinnen. Auch im Training selbst wird sie dir gut unter die Arme greifen können. Sie kennt sich mit den Plänen schon aus und weiß sogar über die Seren für die zweite Phase Bescheid. Mit all diesen Dingen wurde sie während ihrer eigenen Ausbildung oft konfrontiert.
Sie ist voller Energie, dynamisch und sieht ganz gut aus ;). Was will man mehr?

Wenn du trotzdem nicht überzeugt bist, erinnere ich dich gerne daran, dass du an der Entscheidung kaum noch rütteln kannst. Ich habe die Regeln nochmal gecheckt und wenn du Elliot tatsächlich entlassen wollen würdest, müssten du und zwei weitere Anführer für ihre Kündigung stimmen. Mit Emma habe ich schon kurz telefoniert und sie steht hinter Max und meiner Entscheidung. Und ich denke, du weißt, dass es sinnlos ist, Silas deswegen zu behelligen.
Wenn sich Elliot wider Erwarten als ungeeignet herausstellt und am laufenden Band Fehler macht, wird sie natürlich ersetzt, aber ich glaube nicht, dass das passiert.

Versuch also einfach, das Beste aus der Situation zu machen. Du hast ja immer noch Atlas und Lauren an deiner Seite und ich denke, mit Elliot werdet ihr ein wirklich gutes Team sein.

Grüße,
Grimes


Eric war drauf und dran einfach seine Tastatur aus dem Fenster zu werfen, um der aufkommenden Wut etwas Luft zu machen. Doch er beherrschte sich und die Wut blieb vorerst als brodelndes Bündel in seinem Inneren verpackt.
Hatten sich heute denn alle gegen ihn verschworen? Vermutlich schon.
Wenn nun also schon drei Fünftel der Anführer predigten, wie toll die verdammte Elliot Harper doch war, sollten sie mit ihr zusammenarbeiten.
Eric verstand die Argumente, die wohl irgendwie für die junge Frau sprachen, doch seine Zweifel überwogen.

Wann war es Trend geworden die Werte seiner Fraktion zu vernachlässigen und einen auf Gutmenschen zu machen? Wollten jetzt alle wie die verfluchten Altruan sein?
Außerordentlich schlecht gelaunt rauchte Eric eine weitere Zigarette und bestellte einen Kaffee bei seinem Assistenten.
Er verzichtete nun doch auf ein weiteres Gespräch mit Max. Er würde nicht ruhig bleiben können, wenn er auf taube Ohren stieß.
Er verfluchte sich selbst dafür, einen kleinen Teil der Kontrolle seines Gebiets abgegeben zu haben und nahm sich vor, das nie wieder zu machen.
Eric war ein Mann, der die Zügel immer fest im Griff behielt und diese ganze Situation zeigte ihm einmal mehr, weshalb er diesen Stil fortführen sollte. Von nun an würde er kein Fünkchen seiner Kontrolle mehr abgeben.
Auch wenn er sich Nächte voller Arbeit um die Ohren schlagen würde, machte er sie lieber ausschließlich selbst. Um so einen Mist vorzubeugen.

Gegen Abend war Eric alle möglichen Optionen durchgegangen. Er hatte überlegt, ob er seinen Posten als Anführer einfach missbrauchen sollte, um Elliot Harper verschwinden zu lassen. Der Gedanke, das lächelnde und naive Gesicht nie wieder sehen zu müssen, war verlockend. Aber nicht so verlockend, dass er seine Stellung dafür riskieren würde.
Er hatte sogar in Erwägung gezogen, Four zu fragen, ob er nicht doch noch ein Jahr als Ausbilder bleiben konnte.
Aber die Idee vor Four zu Kreuze zu kriechen, verpasste ihm stechende Magenschmerzen und er entschied, dass er dann doch lieber Elliots Verschwinden vorzöge.

Letztendlich war ihm nur die Möglichkeit offengeblieben, sich mit der jungen Frau zu arrangieren. Es war die Option, die im Angesicht der Situation die wenigsten Nachteile bot. Und auch, wenn der Gedanke an die nächsten zehn Wochen mit dem plappernden Sonnenschein an seiner Seite derbe an seinen Nerven riss, sah Eric ein, dass es nicht wirklich einen anderen Ausweg gab.
Also downloadete er die 52 Seiten Material, die die Einführung und Regeln für Ausbilder der Initianten beinhaltete und packte sie in den Anhang einer Nachricht.
Er hielt die Textnachricht so kurz wie möglich.

Morgen, 8:00 Uhr. Mein Büro. Verinnerliche das Material.

Lange schwebte sein Cursor über dem Button zum Senden der Nachricht und er ging ein letztes Mal seine Optionen durch.
Es wurde nicht besser und Eric Coulter drückte auf Senden.
Vielleicht hatte er ja Glück und Elliot würde eine Reihe von Fehlern machen, womit eine Entlassung legitim wäre. Vielleicht könnte er sie sogar ein wenig provozieren und manipulieren, damit sie Fehler machte und schlecht dastand.
Das war ein fieser Gedanke, aber Eric hatte kein Problem damit, fies zu sein, wenn er dafür die Kontrolle behielt.
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