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Porzellanpuppen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Andromeda Tonks Barty Crouch Jr. Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Kreacher Ted "Teddy" Remus Lupin
16.11.2022
14.12.2022
3
27.484
8
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
16.11.2022 6.110
 
Inhalt: Ihre Haut hatte noch immer die Farbe von Tante Petunias Porzellan – dem Guten, das Harry immer nur auf den Tisch stellen sollte, wenn ganz besondere Gäste kamen (von dem er selbst jedoch niemals essen durfte). Aber etwas an ihr wirkte lebendiger, als er sie in Erinnerung hatte. Menschlicher. // Dezent depressiver Nachkriegs-Harry trifft auf Saphira, die nun alleinerziehende Mutter einer Tochter ist. [Harry/Saphira]

P18: weil es düsterer wurde, als ich es mir gedacht hatte. Insbesondere das vorletzte Kapitel, ich werde dort ggf. nochmal expliziter etwas dazu sagen. Im Zweifel kann man mich aber auch gerne anschreiben und danach fragen. Bin kein großer Freund von Inhaltswarnungen, wenn sie zu viel spoilern, meh.

Keine Sorge: Diese Geschichte enthält keine Spoiler, die über den aktuellen Stand von Slytherin Hearts (168) hinausgehen. Alles, was hier über die Zeit nach dem sechsten Schuljahr geschildert wird, passiert in SH anders.
Nur eine Kleinigkeit: Die Zeit zwischen Dumbledores Tod und der Schlacht von Hogwarts beträgt sowohl hier als auch in SH nicht ein, sondern zwei Jahre (hauptsächlich damit man mit den im Krieg geborenen Kindern auch ein bisschen interagieren kann, Babys sind langweilig, sorry).

Kann man die Geschichte auch ohne Vorwissen lesen? Ich denke schon. Saphira Black ist die uneheliche Tochter von Regulus Black. Zur Hogwartszeit war sie 1.5 Jahre in einer Beziehung mit Draco Malfoy und hatte mit Depressionen und einer Essstörung zu kämpfen. Fundament der Antipathie zwischen ihr und Harry war damit auch maßgeblich die Feindschaft zwischen Harry und Draco. Nachdem die Beziehung zwischen ihr und Draco geendet ist, war sie eine Weile so gut wie verlobt mit dem Todesser Andrew Selwyn.
Barty Crouch wurde am Ende des vierten Schuljahres nicht vom Dementor geküsst, sondern konnte fliehen und war bis zu deren Tod (3 Monate vor Dumbledores Tod) mit Saphiras Mutter Cecilia in so etwas wie einer Beziehung.
Mehr muss man zur Grundlage eigentlich nicht wissen.

Beta: dying beauty (Da ich niemand anderem meine singenden Augen anvertraue und wir definitiv noch mehr Architekten brauchen.)

Alles, alles Liebe und Gute zum Geburtstag liebe LeiaZ (:
Ich danke dir von Herzen für all dein Interesse an meinen Charakteren und die Umsetzung meiner bekloppten Ideen in Fanfiktions zu meinen Fanfiktions.
Du hast dir Sarry gewünscht … Ich hätte nicht gedacht, dass ich es dieses Jahr noch schaffe, aber hier ist es, pünktlich zu deinem Geburtstag. Viel Vergnügen mit …

Kapitel 1 / 5 (oder 6, je nachdem wie explizit ich bei einer gewissen Sache werde)

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Porzellanpuppen

1. Porzellanhaut

Mittwoch, 12.01.2000

Ohrenbetäubend laut hallten seine Schritte von den kahlen, feuchten Wänden des nach dem Krieg nur notdürftig sanierten Treppenhauses des St Mungos wider und Harry zog seine Ärmel über die fröstelnden Hände an diesem bitterkalten Januarmorgen. Dem ersten Januar nach der Schlacht von Hogwarts. Ein neues Jahr, ein neues Jahrtausend – an welches so viele Menschen vermutlich zu hohe Erwartungen stellten, sich eine gar märchenhaft bessere Zukunft ausmalten, als verschwände der Schmerz des Vergangenen mit dem abgelaufenen Kalender, den man von der Wand nahm.

Im Laufschritt legte er die letzten Stufen zurück, als hätte er noch irgendetwas vor … Hatte er nicht, doch das gehetzte Fortbewegen (bloß nicht zu lange an einem Ort verweilen, weiter, weiter, die nächste Aufgabe erledigen und raus aus der Öffentlichkeit in ein sicheres Versteck flüchten) war ihm in den zwei Jahren, die er mit Ron und Hermione im Untergrund gelebt hatte, so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es sich nur schwer wieder ablegen ließ.
Am Ende seiner überschaubaren Aufgabenlisten folgten leere Tage und zahllose Abende, in denen Kreacher seine einzige Gesellschaft blieb, alles in ihm sich nach der Illusion einer heilen Welt mit Ginny verzehrte, die vielleicht nie mehr gewesen war als das: eine Illusion. Er hätte sich diese Auszeit vor der Aurorenausbildung wohl nicht nehmen sollen … Aber nach Hogwarts zurückzukehren, wie Hermione es getan hatte, war für ihn undenkbar. Ron –

Tief in Gedanken versunken riss er die Türe zum Eingangsbereich des Krankenhauses auf und sah sich einer blonden Frau gegenüber, deren Anblick seine Grübeleien jäh unterbrach. Sie war etwa einen Kopf kleiner als er, trug einen dunkelgrünen Reiseumhang und … ein Kind auf dem Arm. Harry blinzelte und glaubte schon, sich geirrt zu haben, als die Frau den Kopf hob und ihm ein überraschtes: „Black!“, entfuhr.
„Sind wir schon wieder beim Nachnamen, Potter?“, erwiderte sie mit weicher Stimme, sah ihn jedoch nur kurz an, da ihre Aufmerksamkeit von dem Kleinkind beansprucht wurde, das sich unruhig die Strickmütze vom Kopf ins Gesicht zog. Lächelnd langte Saphira danach und strich das pechschwarze Haar des Mädchens zurecht, was das quengelige Kind zu besänftigen schien.

„Ehm, ja … Saphira, hallo“, stammelte Harry und starrte das Mädchen auf ihrem Arm mit unverhohlenem Staunen an. Wie alt mochte sie sein? Ein paar Monate älter als Teddy? Vielleicht gut zwei Jahre alt … konnte das … Die Kleine wandte den Kopf und auch Saphira sah ihn wieder an, sodass Harry plötzlich in gleich zwei Paar großer dunkelgrüner Augen blickte. Kein Zweifel, das Mädchen sah ihr verdammt ähnlich – abgesehen von den dunklen Haaren. Das war ihr Kind, Saphiras Kind. Deswegen war sie geflohen.

Bis vor vier Wochen war ihm nicht einmal aufgefallen, dass sie nach dem sechsten Schuljahr verschwunden und auch ein dreiviertel Jahr nach der Schlacht von Hogwarts nicht wieder in der britischen Magiergemeinschaft aufgetaucht war. Es war dem puren Zufall seines zu frühen Erscheinens geschuldet, dass er mitbekommen hatte, wie im Hause Tonks der Name Saphira gefallen war. Beinahe jedes Wochenende besuchte Harry seinen Patensohn Teddy, doch Ariadne Crouch hatte er dort noch nie zuvor angetroffen. An diesem Tag jedoch stand sie mit dem Rücken zu ihm im Türrahmen, offenbar im Begriff zu gehen, als er das Gartentor durchschritt, und rief Andromeda zum Abschied zu:
Und sag Saphira: Das ist mein voller Ernst!
Mit diesen Worten wandte sie sich um, warf Harry ein beiläufiges: Hi, Potter, tschau, Potter!, zu und eilte auf die Appariergrenze jenseits des Grundstücks zu.


Saphira Black, begann Harry, irgendwo zwischen einem Schluck zu heißem Tee und dem Zerbröseln eines Kekses in seinen ewig kalten Fingern, auf der endlosen Suche nach einem unverfänglichen Konversationsthema, Belanglosigkeiten, die nichts mit toten Freunden und zerbrochenen Familien zu tun hatten. Wo ist die eigentlich abgeblieben?
Sie möchte nicht, dass ihr Aufenthaltsort bekannt wird, da sie noch nicht weiß, ob sie nach England zurückkehren wird.
Oh, nuschelte Harry, den Mund voll mit dem köstlichen Gebäck, das er nun gar nicht schätzen konnte. Er hatte seine Frage für besser gehalten, gehofft, sie verschaffe ihm mehr Zeit, um in seinen Tee zu starren und selbst nicht sprechen zu müssen. Er schluckte umständlich und sprach das Erste aus, das ihm einfiel, obgleich er auch darauf keine ausführliche Antwort mehr erwartete: Warum ist sie denn überhaupt weggegangen?
Das ist eine lange Geschichte, die zu erzählen mir nicht zusteht, erwiderte Andromeda erwartungsgemäß, fügte jedoch knapp hinzu: Sie wollte sich von der Todesser-Seite unserer Familie lossagen. Und wir haben sie darin unterstützt, einen sicheren Ort zu finden, an dem sie bleiben kann.
Verstehe, murmelte Harry, verstand es ehrlich gesagt jedoch überhaupt nicht. Feige war sie. Nichts weiter. So viele Menschen hatten ihr Leben gelassen, waren für eine bessere Welt in den Kampf gezogen und Saphira Saphira hatte Andromeda und ihre gesamte Familie als Mitwisser zusätzlich in Gefahr gebracht, um sich selbst aus dem Staub zu machen. Obwohl ihr eigenes Leben zu keiner Zeit in Gefahr gewesen war. Was hätte sie schon zu befürchten gehabt, wäre sie den Todessern schlichtweg fern geblieben? Nach dem sechsten Schuljahr volljährig eine reiche Waise mit eigenem Haus.

Je öfter Harry in den folgenden Wochen darüber nachgrübelte und er dachte häufig daran, lenkte ihn dieses kleine Ventil seiner Emotionen doch so wunderbar von dem eigentlichen Schmerz tief in seinem Innern ab, den er nicht antasten wollte , desto heißer brodelte die Wut über Saphira Blacks Verhalten in ihm auf. Feiges, verwöhntes Gör, das sie war. Tonks und Remus waren gestorben gestorben für ihn, für ihren Sohn, für Gerechtigkeit. Ted, der so viele Muggelstämmige versteckt und im Untergrund mit ihnen weitergekämpft hatte, war seiner Frau entrissen worden, die nun als Witwe ganz alleine ihr Enkelkind aufzog, während Saphira Black wahrscheinlich an irgendeinem Strand in Italien oder Frankreich lag und es sich gutgehen ließ.
Ein sicherer Ort für eine Reinbterin, der keinerlei Gefahr drohte. Dass er nicht lachte dass er keinen humoristischen Roman darüber schrieb


Sein lodernder Hass erlosch so rasch, als hätte ihm jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet – und genau so fühlte Harry sich auch.
Saphira Black hatte ein Kind. Ein Kind, dessen Vater höchstwahrscheinlich ein Todesser war. Nun, ein nicht ganz freiwilliger Todesser vermutlich, aber dennoch. Deswegen hatte Andromeda sie in Sicherheit gebracht, kombinierte er und bekam es doch nicht in sein Hirn. Er blinzelte und schüttelte ratlos den Kopf, ehe er einen Schritt zurücktrat, um ihr die Tür zum Treppenhaus aufzuhalten.

„Danke, aber ich laufe nicht in den fünften Stock, ich nehme den Fahrstuhl“, kommentierte sie trocken und deutete auf den bereits gedrückten Fahrstuhlknopf.
„Natürlich“, pflichtete Harry ihr bei, versenkte die Hände unsicher in den Taschen und wünschte sich, er könnte aufhören, sie anzuglotzen. Ihre Haut hatte noch immer die Farbe von Tante Petunias Porzellan – dem Guten, das Harry immer nur auf den Tisch stellen sollte, wenn ganz besondere Gäste kamen, von dem er selbst jedoch niemals essen durfte. Aber etwas an ihr wirkte lebendiger, als er sie in Erinnerung hatte. Menschlicher.
„Du bist also nach England zurückgekehrt?“, stellte er stumpfsinnig fest. Offensichtlich, du Genie.
„Ja, Ariadne hat gedroht, mich sonst eigenhändig zu entführen“, lächelte sie matt und zuckte die Schultern, sich offenbar ähnlich unwohl fühlend wie er. Und Harry konnte es ihr ob seines penetranten Starrens nicht verdenken.

„Und, geht’s dir gut – euch gut? Ich meine …“, fragte er weiter, senkte den Blick gen Boden und biss sich auf die Zunge. Er sollte einfach die Klappe halten.
„Bestens, bestens“, erwiderte sie lakonisch und fügte mit einem Kopfrucken in Richtung des Kindes: „Routineuntersuchung“, hinzu.
Darauf nickte Harry nur stumpfsinnig, gefangen in einem Sturm aus Verwirrung und schlechtem Gewissen … Da waren sie wieder, die Schuldgefühle, die ihm beinahe jede Nacht den Atem raubten, ihn zu ersticken drohten, wann immer ihm gewahr wurde, wie viele Menschen seinetwegen gelitten hatten. Und nun musste er mitansehen, wie sich seine neuerdings liebste Ablenkung in Schall und Rauch auflöste. Saphira entpuppte sich nicht als der Sündenbock, für den er sie gerne gehalten hätte …

„Tja, also … mach’s gut“, sagte sie und verschwand im Aufzug, riss den zerknirscht dreinschauenden Harry aus seiner gedanklichen Selbstgeißelung.
Er antwortete nicht, sah die beiden nur an, indes das Kind ihm zuwinkte … nein, es war Saphira, die die Hand der Kleinen in die Luft streckte und ihm damit zuwinkte, aber dem Mädchen schien es zu gefallen, wenn er das Lachen auf ihrem Gesicht richtig deutete. Instinktiv grinste Harry zurück und hob ebenfalls zu einem Gruß an, doch im selben Moment schloss sich die Fahrstuhltür und ließ ihn in seiner Einsamkeit zurück.

+

Sonntag, 30.01.2000

Ein weiterer Sonntag in Andromedas Wohnzimmer, ein weiterer Tag, an dem er dem Rest der Magierwelt erfolgreich aus dem Weg ging und sich im Gefängnis seiner eigenen Gedanken verschanzte, Ablenkung im Spiel mit dem so unbedarften und leicht zu amüsierenden Teddy fand, der von dem Elend der Welt um ihn herum noch nichts begriff.
Der Brief von Ginny, in welchem sie ihre Verabredung für den folgenden Donnerstag absagte, da ihr Trainingscamp spontan verlängert worden war, lag ihm zentnerschwer in der Brusttasche. Erst hatte ihm vor dem Treffen gebangt, nun trauerte er dieser Möglichkeit, ihr emotional wieder näherzukommen, nach. Der flüchtige Moment unbeschreiblichen Glücks zwischen ihrem ersten Kuss und Dumbledores Tod kam Harry inzwischen vor wie ein uralter Traum, den man Abend für Abend noch einmal zu träumen ersehnte und es doch niemals schaffte.

„Hat Teddy eigentlich auch Spielgefährten in seinem Alter?“, fragte Harry so unverfänglich wie möglich, wie um sich selbst zu überzeugen, damit keinerlei voyeuristisch neugierigen Hintergedanken zu verfolgen, dass er nicht herauszufinden versuchte, was es mit Saphira Black und dem Kind auf sich hatte.
„Ein paar“, lächelte Andromeda betont beiläufig, als imitierte sie ihn .
So gab Harry sich einen Ruck:
„Ich habe sie neulich getroffen.“
„Wen?“ Ein Hauch von Amüsement in Andromedas Stimme ließ Harry ertappt den Blick senken.
„Saphira“, ergänzte er schnell. „Saphira Black.“
„Oh“, machte Andromeda interessiert. „Sie lebt nun mit ihrer Stiefschwester Ariadne Crouch zusammen und ist auch häufig bei uns zu Besuch. Aber ich dachte, sie meidet die Öffentlichkeit noch. Wo hast du sie gesehen?“
„Im St Mungo“, erklärte Harry und sprach rasch weiter, um seine Verlegenheit zu überspielen: „Wenn du sie siehst … Ich hab ihr mal angeboten, sich das Haus am Grimmauldplatz anschauen zu können. Sag ihr gerne, das Angebot steht noch.“ Mehr an sich selbst gewandt fügte er hinzu: „Wenn sie will, kann sie es auch gleich kaufen. Ich muss da wirklich raus.“ Wenige Monate zuvor noch war er überzeugt gewesen, Sirius‘ Haus nicht loslassen zu können; inzwischen wusste er, dass er es ebenso sehr verabscheute, wie sein Pate es getan hatte. Keine gute Erinnerung versteckte sich in den düsteren Räumen. Er erstickte darin.

„Kaufen wird sie es nicht können. Saphira hat gerade genug zum Leben, aber ich richte es ihr aus.“
„Hat sie denn nichts geerbt? Ihre Familie war doch reich?“, wunderte sich Harry.
„Als unverheiratete Frau stand ihr das nicht zu.“
Darauf fiel ihm nichts ein, außer sein Angebot zu wiederholen:
„Nun, falls sie es dennoch sehen will … Sag ihr, sie kann sich jederzeit melden.“

+

Donnerstag, 17.02.2000

Knapp drei Wochen später war es soweit. Der ewig ächzende und 22 Stunden am Tag schlafende Kreacher war wie ausgewechselt gewesen, als er hörte, wer diesen Mittwoch vorbeikam, und hatte das Haus auf Hochglanz poliert, bis er gestern Abend vor Erschöpfung ohnmächtig in Regulus Blacks altem Zimmer zusammengebrochen war.
Vielleicht war er auch nur ein bisschen dramatisch gewesen, denn als Harry nach ihm schaute, bemerkte er, wie der Elf ihn durch die einen winzigen Spalt breit geöffneten Lider beobachtete und diese augenblicklich fest verschloss, da Harry näher getreten war.


Nur widerwillig ließ die Kleine sich von Saphira absetzen, drückte die Wange fest an ein Bein ihrer Mutter, die Augen wachsam durch die Eingangshalle des fremden Hauses schweifend, bis ihr Blick an Harry hängen blieb, der sich vor sie kniete.
„Na, du … Ich bin Harry.“
Anstatt zu antworten, drückte das Mädchen ihr Gesicht nun vollständig gegen Saphiras Oberschenkel, als könnte sie sich dort vor dem Unbekannten verstecken. Unsicher schielte Harry zu Saphira hinauf, deren liebevolles Lächeln ihm ein warmes Gefühl in der Magengegend bescherte. Mühsam löste sie das Klammeräffchen von ihren Beinen und begab sich mit ihnen auf Augenhöhe, ehe sie sanft fragte: „Möchtest du Harry verraten, wie du heißt, oder soll das unser Geheimnis bleiben?“
Das Mädchen verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und schaute angestrengt drein, als wog sie diese beiden Möglichkeiten genauestens ab, ehe sie sich zu Harry umwandte, den Blick weiterhin fest auf ihre winzigen Lackschühchen gerichtet.
„Ich heiße Sophie.“

Ehe Harry etwas erwidern konnte, stürmte Kreacher, der im Türrahmen gestanden und sie angestarrt hatte, auf sie zu, unfähig, länger an sich zu halten, und fiel japsend vor Saphira auf den Teppichboden, der schon bessere Tage gesehen hatte.
„Miss Black, welche Ehre, Sie offiziell kennenlernen zu dürfen, welche Ehre, Kreacher hat Ihr Leben lang darauf gewartet. Miss Black ist in das Haus Ihrer Ahnen zurückgekehrt, oh meine Herrin, wenn sie wüsste, sie würde Freudentränen vergießen!“
Vom Kreischen des Elfen überfordert begann Sophie ebenfalls zu schreien und wurde von Saphira schneller hochgehoben, als Harry die Situation überhaupt überblicken konnte.
Hochnotpeinlich berührt sah er Kreacher tadelnd an, wusste aber nicht, was er sagen sollte, als zu seinem völligen Unverständnis Saphira zu lachen begann.
„Schon gut, schon gut, Kreacher. Mir ist es auch eine Ehre, aber schau mal, hier ist noch eine ganz kleine Black, die schnell Angst bekommt, also müssen wir sehr leise sein.“

Mit riesigen, beinahe aus den Höhlen quellenden Augen presste Kreacher die Finger vor den Mund, leise murmelnd: „Kreacher hat einen großen Fehler gemacht, Kreacher wird sich so hart bestrafen, wie er sich noch nie bestraft hat. Kreacher muss leise sein, Kreacher hat einen Fehler gemacht …“
„Harry!“, stieß Saphira aus und kicherte mitleidig in Richtung des uralten Elfen. „Befiehl ihm, sich nicht zu bestrafen, ja?“
Wieder an Kreacher gewandt setzte sie nach: „Alles gut, Kreacher. Du hast keinen Fehler gemacht, alles gut. Nur ab jetzt etwas leiser, ja?“
„Kreacher wird für immer flüstern“, nuschelte der Elf beinahe unverständlich, da er sich inzwischen eine ganze Faust in den Mund gezwängt hatte und es mit der zweiten auch noch versuchte, während Harry mit einem Kopfrucken in Richtung des Elfen kommentierte:
„Willkommen in meinem Leben.“

Saphira schenkte ihm zur Antwort ein kleines Grinsen, ehe sie ihre Bemühungen wieder aufnahm, Sophie, die das tränenverschmierte Gesicht noch immer fest gegen Saphiras Schulter drückte, zurück auf die eigenen Beine zu stellen.
„Ich kann dich nicht ewig tragen, Schatz, du wirst dafür langsam zu groß.“
Murrig ließ Sophie sich wieder an die Hand nehmen und trottete lustlos neben ihrer Mutter her, als diese von Harry durch die Eingangshalle geführt wurde.

„Sie ist noch sehr scheu. Fremde Menschen, Umgebungen und Geräusche machen ihr Angst. Ich habe sie wohl zu lange von der Außenwelt abgeschirmt. Ihr einziger Spielkamerad ist Teddy. Ich versuche, das langsam zu ändern, aber es ist nicht leicht. Niemand traut mir so recht über den Weg. Und irgendwo verstehe ich es.“
„Es ist nicht fair“, entgegnete er. „Aber ich versteh’s auch.“
Saphira reagierte nicht sofort und da Harry die Stille nicht ertrug – dieses betretene Schweigen, das sich durch jedes seiner Gespräche zog, mit wem auch immer er es führte, dieses ohrenbetäubende Nichts, das seine Gedanken zurück aufs Schlachtfeld lenkte –, wechselte er rasch das Thema:
„Wo wart ihr eigentlich die letzten zwei Jahre?“
„In Südtirol bei einer alten Schulfreundin von Andromeda, die eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss hat, die sie sonst an Feriengäste vermietet. Dora war die letzten drei Monate vor Teddys Geburt ebenfalls dort“, erklärte Saphira und setzte leise nach: „Sie fehlt mir.“
Also doch Italien! Weit entfernt von Meer und Strand, aber Italien war nicht verkehrt, dachte Harry in einer absurden Sekunde spöttischen Triumphes, der sich sogleich wieder verflüchtigte. Aber es war so viel einfacher, sich auf diesen Fakt zu stürzen, als seine Trauer um die verstorbene Freundin anzutasten.


Harry, der zu lange mit seinen urteilenden Gedanken über die Welt um sich herum alleine geblieben war, hatte sich fest vorgenommen, keine privatsphäreverletzenden Fragen zu stellen, nachzudenken, bevor er aussprach, was ihm in den Sinn kam … und noch während er den folgenden Satz formulierte, hätte er sich ohrfeigen können, aber sein Mund wollte schlicht und ergreifend nicht stillschweigen:
„Ihre Haare sind ganz schön dunkel für eine –“
„Für eine Black?“, fiel Saphira ihm dazwischen. „Nein, eigentlich nicht. Narzissa und ich sind die einzigen Blacks mit blonden Haaren – und ich habe sie vermutlich von meiner Mutter.“
„Jah, da hast du wohl Recht“, pflichtete Harry ihr bei; auch wenn ihre Interpretation seines Vorwurfs nicht das war, was er hatte andeuten wollen.


Bedächtig zeichnete Saphiras Zeigefinger die Linie nach, die Orion mit Walburga verband, bis sie auf Regulus‘ Namen zum Halten kam, neben dessen Geburtstag nur ein Sterbedatum stand. Kein weiterer Ast des kunstvollen Stammbaums verband ihn mit Cecilia Steel zu einem neuen Zweig, unter dessen Ende Saphiras Name hätte stehen können … und Sophies.
Leise seufzend schloss Saphira die Augen und legte für die Dauer eines tiefen Atemzugs die flache Hand auf den Wandteppich, an die Stelle, die ihr zugedacht gewesen wäre, und Harry fühlte sich in diesem Moment wie ein Eindringling.

Nur Sekunden später widmete Saphira sich wieder ihrer Tochter, die eine Porzellanpuppe auf einem Beistelltisch neben dem Kamin entdeckt hatte und nun ungeduldig an der Hand ihrer Mutter zerrte.
„Darf sie?“, fragte Saphira.
„Hm? Ehm, klar“, erwiderte er schulterzuckend.
Die hübsche, schwarzhaarige Puppe war eine der wenigen nicht grotesk gruseligen und verfluchten Dekorationen, die sie damals in diesem Horrorhaus gefunden hatten. Es war Ginny gewesen, die sie entdeckt, gereinigt, ihr ein neues Kleid aus einem ihr selbst zu klein gewordenen Rock genäht und sie dort hingestellt hatte, um ein wenig Freundlichkeit in den Raum zu bringen, erinnerte sich Harry und unterdrückte einen wehmütigen Seufzer.
Ach, Ginny.

Vergrämt lenkte Harry seinen Blick davon weg zurück zum Stammbaum und blieb am Namen Draco Malfoy haften. Wieder sah er das Kind an, das so gar nicht an die Malfoys erinnerte, und schaffte es nicht, sein vorlautes Plappermaul zu zügeln. Die Neugier siegte und da ihm der Feinsinn fehlte, um sensibel mit diesem heiklen Thema umzugehen, fragte er höchst unspezifisch:
„Wie geht es ihm?“
„Wem?“
„Draco.“
„Oh“, machte Saphira, überließ Sophie die Puppe und richtete sich wieder auf, ehe sie antwortete: „Den Umständen entsprechend.“

Ein stummes Nicken, ihr Blick schweifte in die Ferne und auch Harry versank erneut in seinen eigenen Gedanken, nicht bemerkend, dass sie näher getreten war. Verschreckt zuckte er zusammen, als ihre schlanken Finger sich unvermittelt um sein Handgelenk legten und er ihr plötzlich direkt in die Augen sah. Sie war ihm so nahe, dass er einige verirrte Tuschebröselchen auf der Haut unter ihrem Wimpernkranz ausmachen konnte – und Harry hielt den Atem an, unsicher, ob er in der Früh daran gedacht hatte, sich die Zähne zu putzen.
„Danke, dass du dich für ihn eingesetzt hast, Harry. Er hat viel falsch gemacht, aber …“
„Nach Askaban gehört er nicht, nein“, beendete Harry ihren Satz. „Ich denke, er war gestraft genug – und wird es mit den Bildern in seinem Kopf und der gesellschaftlichen Ächtung weiterhin sein. Ich fand es falsch, dass sie ihn dorthin geschickt haben.“
„Danke“, wiederholte sie und löste ihren Griff, hinterließ ein Stück Leere auf seiner Haut, nahm die Wärme mit, die sie umgab, und mit einem Mal fröstelte es Harry leicht.
Ob er Kreacher bitten sollte, den Kamin anzufachen?

„Ich habe Draco und Narzissa vergangene Woche besucht. Sie sind wohlauf, meiden die Öffentlichkeit aber noch stärker als ich.“
„Nachvollziehbar“, murmelte Harry keinen Deut schlauer, wer Vater des Kindes war, doch mit dem immer deutlicher werdenden Verdacht, dass Malfoy damit nichts zu tun hatte.


Der Kamin blieb kalt. Wenige Minuten später schon waren sie in Regulus‘ Zimmer angekommen, wo Saphira sich zum ersten Mal seit dem Betrachten des Familienstammbaums wieder Zeit beim Erkunden ließ. Bislang schien sie sich beeilt zu haben, wollte scheinbar nicht zu lange in diesem Haus verweilen. Ob sie sich hier drinnen so unwohl fühlte wie Harry oder ihm nur keine Umstände machen wollte, wusste er nicht und fragte auch nicht.

Zurückhaltend lehnte er im Türrahmen und überlegte, ob er doch häufiger Besuch einladen, sich einen Grund geben sollte, die Kronleuchter zu entzünden und die Flure mit dem Duft Kreachers köstlichen Schokoladenkuchens zu füllen, denn dieses Gruselkabinett wirkte so viel freundlicher, wenn Leben darin war, andere Stimmen erklangen als nur seine eigene und das elendige Hintergrundgemurmel der Portraits.

„Na ja“, murmelte er genauso leblos wie die Portraits und zuckte die Schultern, als könnte er diese Phantasien damit abschütteln. Sein Blick fiel auf Sophie, die aufs Bett geklettert war und ihm den Rücken zugewandt mit der Puppe sprach. In dem Moment jedoch, da sich seine Lippen zu einem leisen Lächeln formen wollten, setzte sein Herz einen Schlag aus, denn die Puppe … antwortete. Erschrocken trat Harry einen Schritt näher an sie heran. Nein, es war nicht die Puppe, die er da gehört hatte, sondern Sophie selbst, die mit verstellter Stimme so tat, als spräche das Spielzeug auch mit ihr. Bei Merlins geblümter Unterhose … dieses Haus trieb ihn noch in den Wahnsinn.

„Ich bin gleich soweit“, sagte Saphira, der seine hektische Bewegung wohl nicht entgangen war.
„Lass dir ruhig Zeit“, beschwichtigte Harry und stellte sich neben sie, um seine Neugierde zu stillen, was ihre Aufmerksamkeit gefangen hielt. Im schummrigen Licht der anachronistischen Öllampe wirkte ihre Haut porzellanartiger denn je, doch nun erkannte er auch, was sich verändert hatte: die tiefdunklen Furchen unter ihren Augen waren verschwunden, ihre Wangen nun rosig, das Haar fiel ihr in kunstvoll drapierten Locken über die Schultern und war viel länger, als er es in Erinnerung hatte. Sie sah nicht mehr krank aus. Und sie roch gut, irgendwie nach … nun ja, jedenfalls stank sie nicht mehr nach Rauch.
Mensch, Harry. Was war das denn?

Er zwang sich, den Blick von ihrem Gesicht zu dem gerahmten Foto in ihren Händen zu lenken, auf dem eine junge Frau ihren im Wind flatternden Schal mit der linken Hand fest umklammert hielt und freudestrahlend in die Kamera blickte. Auch einige Strähnen, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatten, wehten ihr ums Gesicht, während die Wellen hinter ihr unsanft gegen die Felsen gepeitscht wurden (dennoch fragte Harry sich, ob die junge Dame wirklich nur unschuldig ihren Schal festhielt oder viel eher stolz den Diamantring an ihrer Hand in Szene setzte). Eine Bewegung Saphiras, die gedankenverloren nach einer Kette griff, die ihm bislang nicht aufgefallen war, da sie diese unter dem Oberteil getragen hatte, lenkte Harrys Interesse zurück zu ihr, und als sie den Ring daran neben das Foto hielt, bestätigte sich sein Verdacht.
„Deine Mutter?“
Zur Antwort nickte sie bloß und ließ wie ertappt von dem Schmuckstück ab.
„Darf ich das haben?“, fragte sie, das Bild noch immer nicht aus den Augen lassend.
„Natürlich, du kannst alles haben, was dir am Herzen liegt. Ich werde ansonsten verkaufen, was sich zu Geld machen lässt, und beim Rest hoffen, einen Käufer zu finden, der sich um die Entsorgung kümmert.“

„Hm“, machte sie und sah sich nachdenklich in dem mehr als renovierungsbedürftigen Raum um. „Eigentlich ist es ein schönes Haus, man müsste nur … die Düsternis vertreiben und wieder Leben hineinbringen. Und damit meine ich in allererster Linie: von den Tapeten bis zu den Teppichen alles raus … Die Vertäfelungen könnte man restaurieren und gegebenenfalls streichen lassen. Einige der Möbel sind echte antike Schmuckstücke, ich kann dir einen guten Restaurateur empfehlen, wenn du magst. Einzig die Bäder und die Küche würde ich komplett erneuern lassen, dort ist nichts mehr zu retten.“
Ob ihres enthusiastischen Vortrags eine Sekunde sprachlos starrte Harry sie an und fühlte sich bei den folgenden Worten schon fast wieder schlecht: „Jah, das klingt … verlockend und sicher könnte ich den Preis damit enorm in die Höhe treiben, aber … ganz ehrlich gesagt habe ich da weder Ideen noch Muse zu. Inneneinrichtung ist nicht gerade mein Spezialgebiet, wenn du verstehst.“
„Ja, natürlich“, gab Saphira gedämpft zurück. „Es war auch … nur ein dummer Gedanke. Es ist dein Haus, ich wollte mich nicht einmischen.“
„So meinte ich es nicht“, widersprach Harry rasch. „Wenn du magst … misch dich ein, vielleicht können wir das Projekt ja gemeinsam angehen.“ Warum er das sagte, wo er doch nur so schnell wie möglich hier raus wollte, wusste er selbst nicht so recht und war daher beinahe erleichtert, dass Saphira sich eine Antwort darauf ersparte, nur milde lächelte, als nähme sie ihn überhaupt nicht ernst.

„Wann gehen wir nach Hause, Mummy?“, riss eine gequälte Stimme hinter ihnen Harry aus seinen Überlegungen.
„Gleich, Schätzchen, gleich“, beschwichtigte Saphira, die im Gegensatz zu Harry weder überrascht noch erschrocken wirkte, da sie die Anwesenheit ihrer Tochter offensichtlich nicht vergessen hatte. „Aber bevor wir uns in den Zug setzen, solltest du etwas essen, das wird sonst zu spät.“
„Ihr fahrt Zug?“
„Du kannst mit einem so jungen Kind nicht gefahrlos apparieren oder flohen“, erklärte Saphira und seufzte leise. „Portschlüssel funktionieren, sind aber noch immer schwer zu bekommen. Das Ministerium prüft aktuell alles doppelt und dreifach und ist Menschen wie mir nicht sonderlich wohlgesonnen.“
„Oh“, erwiderte Harry nur stumpfsinnig und beobachtete Saphira dabei, wie sie den ganzen Arm in einen absurd kleinen Beutel steckte, den sie aus der Innentasche ihres Umhangs geholt hatte.
„Da ist es ja“, murmelte sie und nahm eine Glasschale mitsamt Löffel daraus hervor.

Unbeholfen ließ Harry sich neben Saphira auf dem Bett nieder, wo sie ihre Tochter auf den Schoß genommen hatte und ihr die Schale hinhielt, während Sophie mal besser mal schlechter mit dem Löffel hantierte und sich den Brei ins Gesicht und aufs Lätzchen schmierte, aber auch immer wieder ihren Mund traf.
Ein kleines Lachen konnte Harry sich darüber nicht verkneifen.
„Ich weiß gar nicht, ob Teddy auch schon so elegant mit Besteck umgehen kann, den füttere ich immer selber“, erzählte er, froh, endlich auch etwas halbwegs Sinnvolles zur Konversation beitragen zu können.
„Oh ja“, pflichtete Saphira ihm bei. „Teddy ist ein bisschen einfacher zu händeln, das Monster hier mag es gar nicht, wenn sie nicht selbst die Kontrolle darüber hat. Wenn ich ihr den Löffel anreichen will, verweigert sie es entweder ganz oder wird schnell gelangweilt und behauptet, sie sei satt … nur um mir dann eine halbe Stunde später einen Hörsturz zu verschaffen, weil ich sie verhungern lasse. Aber so funktioniert es. Selber essen findet sie so spannend, dass sie meistens bis zum Schluss durchhält – und der Großteil landet auch tatsächlich in ihrem Mund, obwohl es jetzt vielleicht nicht so ausschaut. Und das Beste daran: Sobald du erstmal ein Kind hast, wirst du plötzlich richtig gut in Reinigungszaubern, weil du so viel üben darfst“, scherzte Saphira und entlockte Harry damit ein weiteres ehrliches Lachen.

Merlin, wann hatte er das letzte Mal in Gegenwart einer Person, die nicht Teddy war, so herzlich gelacht?, fragte Harry sich und ließ den Blick durchs Zimmer schweifen, als er sich gleichzeitig der Absurdität dieser Szenerie bewusst wurde.
Saphira schien einen ähnlichen Gedanken zu haben.
„Wer hätte gedacht, dass ich mal im Kinderzimmer meines verstorbenen Vaters meine Tochter füttere … und dabei auf dem Bett neben Harry Potter sitze.“
Anstatt einer richtigen Antwort stieß Harry nur halb amüsiert, halb ratlos Luft durch die Nase aus und sah ihr in die Augen, nur ganz kurz, ehe er rasch wegschaute und sich die folgenden Minuten darauf konzentrierte, Sophie, nicht Saphira zu beobachten.

~

Keine halbe Stunde später standen sie schon wieder in der Eingangshalle, um leb wohl zu sagen, dabei …
„… ist Miss Black doch gerade erst angekommen!“, beschwerte sich Kreacher in kehlig-raspligem Flüsterton. „Kreacher hat noch gar nichts gekocht, dabei hat Kreacher die Rezepte der fürstlichen Fünf-Gänge-Geburtstagsmenüs der Blacks rausgesucht und alle Zutaten dafür besorgt!“
„Oh, nein“, stieß Saphira aus und hockte sich vor dem Elfen auf den Boden, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. „Ich wusste nicht, dass du für mich kochen wolltest, Kreacher, aber wir müssen leider wirklich los, sonst verpassen wir unseren Zug.“
„Miss Black muss sich nicht entschuldigen“, widersprach Kreacher. „Aber Miss Black wird doch wiederkommen! Und dann kocht Kreacher ein Zehn-Gänge-Menü und Miss Black darf all ihre Freunde einladen und Kreacher wird sie alle alleine bedienen, bis sie zufrieden und glücklich sind.“
„Das ist immer noch mein Haus, in dem du gerade eine Großveranstaltung planst, Kreacher“, schaltete Harry sich spöttisch ein und entlockte Saphira damit nun ebenfalls ein Kichern.
„Ach, Kreacher, das ist so lieb von dir“, lächelte sie und nahm eine Hand des Elfen zwischen ihre. „Ich schau, was sich machen lässt, in Ordnung? Aber wenn, dann komme ich alleine und mir reicht auch eine einfache Hauptspeise – mit Nachtisch, wenn du darauf bestehst.“
„Oh, Kreacher besteht darauf!“, nickte der Elf emsig und starrte ehrfurchtsvoll die Hand an, welche sie soeben losgelassen hatte.
„Oh je“, kommentierte Harry. „Die Hand wird er nie wieder waschen, fürchte ich.“

„Mach dir keine Sorgen, ich lade mich hier nicht selbst ein“, sagte Saphira beim Überziehen ihres Reiseumhangs leise, während Kreacher glückselig den Rückzug in die Küche antrat. „Aber ich danke dir von Herzen, dass du mich das Haus einmal hast sehen lassen.“
„Du darfst gerne – Ihr dürft gerne wiederkommen“, verbesserte Harry sich. „Dann kannst du mir mehr von deinen Renovierungsideen erzählen.“
„Du musst das nicht tun“, erwiderte sie und blickte aus unerfindlichen Gründen sehr ernst drein – dass es am stummen Kampf mit Sophie, die sich die Mütze nicht anziehen lassen wollte, lag, bezweifelte Harry irgendwie …
„Was?“, fragte er ratlos.
„Nett zu mir sein. Du bist ein guter Mensch, aber du musst das nicht mehr unter Beweis stellen.“
„Ich bin nicht … ich …“, begann Harry und spürte, wie sich eine Zornesfalte zwischen seinen Brauen bildete, Ärger in ihm hochkochte, den Saphira nicht verdient hatte, dennoch spie er unüberlegt aus, was ihm auf der Zunge lag: „Dass mir wirklich niemand zutraut, Dinge auch einfach zu tun, weil ich es möchte, ohne dass irgendein Heldenkomplex daran schuld ist, kotzt mich so dermaßen an, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Sag doch einfach, dass du nicht wiederkommen willst, voll in Ordnung, aber unterstell mir nicht, irgendwelchen Pflichtgefühlen zu folgen. Ich bin dir nichts schuldig, ich dachte, ich … Keine Ahnung, was ich gedacht hab …“

Ob seines eigenen Ausbruchs erschrocken, hielt er inne und blickte zwischen Saphira und Sophie hin und her. Zwei Paar große grüne Puppenaugen starrten ihn an, Sophies füllten sich mit Tränen und ihre Unterlippe begann, gefährlich zu zittern. Mehr bekam Harry davon nicht zu sehen, denn bevor die Kleine tatsächlich zu weinen anfing, hatte Saphira sie bereits geistesgegenwärtig auf den Arm genommen und streichelte ihr beruhigend über den Rücken.

„Das … das tut mir leid, ich wollte nicht laut werden, das … scheiße“, stammelte Harry und schämte sich in Grund und Boden. Weniger wegen dem Inhalt als der Form seiner Tirade, die ihn an das letzte Mal erinnerte, das er in diesem Haus so dermaßen die Nerven verloren hatte … (Es ist das Haus, dieses finstere Loch machte ihn mürbe.) Damals traf sein Zorn auf die Welt Ron und Hermione, doch ihre Freundschaft war auf ein so grundsolides Fundament gebaut, dass es dieser emotionalen Explosion standgehalten hatte.
Mit Saphira verband ihn nichts. Also war auch nichts verloren, wenn sie ihm das übelnahm – nicht wahr?

„Ich verstehe das, Harry“, sagte Saphira nach einer ihm schier endlos vorkommenden Pause.
„Und es tut mir leid, dass es dir so geht.“ Sie löste eine Hand von Sophies Rücken und tätschelte ihm damit sanft die linke Schulter. „Aber ich habe zu lange zu viel Verständnis für die emotionalen Defizite verschiedenster Männer gehabt. Ich denke, wir sollten es dabei belassen. Trotzdem … alles Gute, Harry. Ich hoffe, du findest einen Weg, deinen Frust dort zu bearbeiten, wo er herkommt.“
„Schön, dass du da warst“, nuschelte Harry mit belegter Stimme, weil ihm sonst nichts anderes einfiel, weil ihm selten jemand so sehr den Wind aus den Segeln genommen und ihn sprachlos zurückgelassen hatte wie heute.

Scheppernd fiel die Türe hinter den beiden ins Schloss und hinterließ ein ganzes Haus voll Einsamkeit. Vorsichtig legte Harry die rechte Hand auf die Stelle, an der Saphira ihn berührt hatte, und fühlte die Wärme der vergangenen Stunden von dort entweichen, als hätte sie ein Ventil geöffnet. Der Schmerz gesellte sich zu all den offenen Wunden in seinem Inneren, die er nicht antasten wollte, nicht antasten würde – und so blieb ihm nur die Leere.

Lustlos schleppte er sich ins oberste Stockwerk, wo er seit Ende des Krieges mehr schlecht als recht schlief, vorbei an der offenen Tür zu Regulus Blacks Schlafzimmer, auf dessen Bett noch immer diese vermaledeite Porzellanpuppe saß und ihn so durchdringend anstarrte, als würde sie jeden Moment lebendig. Weiterer Stoff für seine Albträume. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, um diesen Tag perfekt zu machen.
Wütend, maßgeblich über sich selbst, schlug er die Türe so fest zu, dass sie gleich wieder aufsprang – und Harry hätte schwören können, das zuckersüße Lächeln der Puppe wäre breiter geworden, verhöhnte ihn in seinem Elend.

Als Kreacher im Treppenhaus auch noch ein fröhliches Liedchen zu trällern begann, das Harry in der ersten Sekunde beinahe einen Herzinfarkt bescherte, wandte er den Blick endlich von dem nun doch äußerst gruselig gewordenen Spielzeug ab und zog sich mit hängenden Schultern weiter in den obersten Teil des Hauses zurück.
Willkommen in deinem verdammten scheiß Leben, Harry Potter.

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Kapitel II ist bereits fertig und kommt am 24.11.

Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.
Und Harry auch. Lasst Harry nicht einsam sterben :‘D
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