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Über Minotauren

von Minotaur
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P16 / Gen
Lady Clarisse Laurent Stibbons
12.11.2022
24.11.2022
3
12.605
10
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24.11.2022 4.374
 
Kapitel 3: Unter dem Wappen der Ehre


Lady Clarisse Laurent setzte nur widerwillig den Fuß über die Schwelle. Sofort schlugen ihr eine Vielzahl üble Gerüchte in die Nase. Die Hafentaverne von Rihad war nicht unbedingt ein Ort, der ihren Sinnen schmeichelte. Bereits während der Nachmittagssonne drängten sich hier viele Seeleute und Hafenarbeiter am Tresen, um etwas zu trinken zu bekommen. Es waren zum Großteil dunkelhäutige Menschen. Es waren Rothwardonen.
Die Rothwardonen waren ein stolzes und heißblütiges Volk, dessen mächtigste Stämme lange miteinander verfeindet gewesen waren. Erst die die Hochzeit des bretonischen Königs Emeric mit einer rothwardonischen Prinzessin, hat diese Stämme vereint und unter die Flagge des Dolchsturz-Bündnisses gestellt. Leider war Lady Laurent bewusst, dass diese Friedensbemühungen auch nur dem Krieg gegen den Ebenherz Packt geschuldet waren.
Lady Laurent drängte sich an den Seeleuten vorbei und gab sie Mühe niemanden von ihnen zu berühren. Die meisten von ihnen rochen, als wären sie tagelang auf See gewesen, oder als hätten sie in der Sonne des warmen Klimas stundenlang Fracht verladen.
Lady Laurent suchte jemanden und entdeckte ihn schließlich in einer Nische sitzen. Er saß alleine an dem Tisch, obwohl man die Taverne als Überfüllt bezeichnen konnte. Vermutlich hatten selbst die raubeinigen Matrosen keine Lust, sich mit dieser düsteren Gestalt abzugeben, die hier so fehl am Platz wirkte. Sie trat an den Tisch.
Gelbe Augen funkelten sie unter der Kapuze an. „Ihr seid spät dran.“ Als er den Kopf drehte, konnte Lady Laurent nun auch die feuchte schwarze Nase und die Schnurrhaare erkennen. Das schwarze Fell des Kahjits verschmolz mit dem Schatten der Kapuze.
Laurent setzte sich. Dabei achtete sie darauf, nicht die Tischplatte zu berühren, die verdächtig im Licht der Öllampe glitzerte, die unweit an der Wand hing. „Sei froh, dass ich überhaupt gekommen bin“, sagte sie pikiert. „Ich hätte Stibbons schicken sollen. Ein solcher Ort wäre seinem Stand viel angemessener.“
Der Kahjit kicherte unter seiner Kapuze. „Wenn dieser hier sich nicht irrt, dann seit Ihr es, die etwas von Kato haben wollt.“ Er zog ein schmales Bündel unter der Tischplatte hervor und legte es auf den Tisch, ließ aber seine Hand darauf liegen. „Außerdem hättet ihr sonst das Treffen, mit einem alten Freund verpasst. Dieser hier wäre sehr traurig gewesen.“
„Ich freue mich ja wirklich dich wiederzusehen, Kato. Aber wir hätten uns auch an einem anderen Ort treffen können“, sagte Lady Laurent.
„Dieser hier ist der Meinung, dass Ihr auch ruhig ein wenig leiden könnt, wenn man bedenkt, dass Kato eine lange Reise wegen euch antreten musste. Dieser hier ist nicht froh hier zu sein. Die Kahjit sind an diesem Ort nicht gerade beliebt.“, wisperte Kato und seine Augen funkelten schelmisch. „Und das alles deswegen.“ Er tätschelte das Bündel vor ihm auf der Tischplatte.
„Es sind vor allem die Goldstücke, die ich Dir zahle, denen du freundschaftlich verbunden bist. Und das die Kahjit unbeliebt sind, wo auch immer sie auftauchen, solltest du langsam gewohnt sein. Was mich angeht, so habe ich den besten und schnellsten Kurier benötigt, den ich kenne“, sagte Laurent gnadenlos konternd. Sie wusste, dass der Kahjit sich einen Spaß mit ihr erlaubte und die Situation ausnutzte. Er hatte etwas in Besitz, was ihr sehr wichtig war. Aber sie kannte Kato schon eine ganze Weile und wusste, dass man ihm vertrauen könnte. Zumindest, wenn es um seine Arbeit ging.
Kato kicherte amüsiert über Laurents Worte. „Dieser hier ist beschämt und beeindruckt zugleich. Eure Schlagfertigkeit hat in den letzten Jahren wirklich zugenommen. Es freut mich, dass eure Gespräche mit Kato, dazu beitragen konnten.“
„Dazu sag ich jetzt mal lieber nichts“, sagte Laurent schmunzelnd. „Sonst berechnest du das noch als eine weitere Dienstleistung.“  
Wieder kicherte der Kahjit. „Ihr kennt Kato mittlerweile zu gut. Soll dieser euch etwas zu trinken bestellen?“
Laurent verdrehte die Augen. „Bei den Göttern. Nein danke. Ich habe es eilig und will so schnell wie möglich hier raus. Ich denke ihr habt euch genug amüsiert.“
Kato gab einen gequälten Laut von sich. „Es macht diesen hier betrübt, dass Ihr so kurz angebunden seid, aber wie es euer Wunsch ist, Lady Laurent.“ Er schob ihr das Bündel über den Tisch entgegen.
Lady Laurent nahm es an sich, prüfte den Inhalt und händigte Kato den zweiten Teil seiner Bezahlung aus. Einen Teil hatte er bereits auf anderem Wege erhalten. „War mir wie immer ein Vergnügen“, säuselte Laurent sarkastisch und wollte aufstehen.
„Wartet noch einen Moment. Dieser hier ist sich sicher, dass es gleich Ärger gibt.“
Lady Laurent hielt in der Bewegung inne. „Was? Wieso?“
Der Kahjit deutete in Richtung des Tresens. Dort war tatsächlich ein kleiner Tumult entstanden. Offenbar gab es einen Streit, zwischen einigen der Seeleute und einer Person, die Laurent nicht erkennen konnte, da ihr die Sicht versperrt war.
Plötzlich strömte die Menge auseinander. Einer der Seeleute flog durch den Raum und landete krachend auf einem der Tische. Die beiden Männer, die an den Tisch gesessen haben, sprangen auf und beschwerten sich lautstark über ihr verschüttetes Bier.
Nun konnte Lady Laurent die Person sehen, die dort im Zentrum des Aufruhrs stand. Wild und wütend schnaufend stand sie da, während die so hartgesottenen Seebären respektvoll zurücktraten. Laurent hob die Augenbrauen und ließ sich wieder auf die Sitzbank sinken. Sie wünschte sich spontan diesen Anblick in einem Gemälde festhalten zu können.
Es war eine Orkkriegerin. Ihr Oberkörper war in einer Lederrüstung gehüllt, die mit Knochenschmuck behangen war. Die Arme und Beine lagen frei und strotzten vor Muskeln. Ihre Haut war olivgrün. Ein langer, geflochtener Zopf peitschte durch die Luft, als ihr Kopf hin und her flog und jeden in ihrer Nähe mit einem drohenden Grunzen warnte, ihr zu nahe zu kommen. An ihrem Gürtel trug sie zwei Kampfäxte, aber noch hatte sie ihre Waffen nicht gezogen.
Lady Laurent war beeindruckt von ihrer Intensivität. Sie kannte die Orks. Sie hatte zusammen mit Stibbons Orsinium bereist und war mit ihrer Kultur vertraut. Eine Orkriegerin wie diese, hatte sie jedoch noch nie gesehen. Sie müssten zu einem der wilderen Stämme gehören, vielleicht aus den Bergen von Himmelsrand. Sie bemerkte eine Bemalung auf ihrer rechten Wange – drei Streifen, mit blutroter Farbe gezogen.      
Die Matrosen hatten ihren ersten Schock überwunden. Gemeinsam fühlten sie sich stark und lauernd kamen sie näher. Lady Laurent sah, wie einer von ihnen ein Messer zog.
„Wir werden dir schon benehmen beibringen, barbarische Diebin“, rief einer von ihnen.
Lady Laurent erhob sich entschlossen von ihren Sitzplatz und nickte Kato noch einmal zu. Dann drängte sie sich an zwei der Seeleute vorbei und trat in den Ring, der sich um die Kriegerin herum gebildet hatte.
Die Kriegerin schaute sie irritiert an, schien aber keine Gefahr in ihr zu sehen. Auch die Seeleute reagierten überrascht. „Aus dem Weg“, rief einer. „Oder seht ihr die Bedrohung nicht.“
Lady Laurent richtete ihren Blick, auf den Matrosen, der gesprochen hatte. „Ich sehe hier nur eine Bedrohung“, sprach sie mit erhobener Stimme. „Das es aufgrund von Dummheit zu unnötigen Blutvergießen kommt.“
Der Seemann verzog angestrengt das Gesicht. Vermutlich dachte er gerade darüber nach, ob er gerade beleidigt worden war. Da dies noch eine Weile zu dauern schien, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Rest der Meute. „Ihr habt sie eine Diebin genannt. Wie kommt diese Anschuldigung zustande?“
„Sie hat mir meinen Geldbeutel gestohlen. Er ist verschwunden, nachdem sie mich angerempelt hat“, behauptete ein Seemann. In seinem Gesicht leuchtete eine geschwollene, blutige Nase.
Die Kriegerin kommentierte den Vorwurf mit einem knurrenden Laut.
Nun hatte Lady Laurent eine Vorstellung davon, wie dieser Streit zustande gekommen war.
„Ich verstehe“, sagte Laurent. Eigentlich hätte es ihr egal sein können, was die Seeleute mit der Orkfrau anstellten, aber sie war ein großer Freund der Ermittlerin-Vala-Romane und sah hier die Möglichkeit es ihrer Romanheldin gleich zu tun und einen Kriminalfall aufzulösen. Sie konnte nicht wiederstehen. „Wenn ihr erlaubt, werde ich dieses Missverständnis aufklären.“ Sie schaute in die Runde und blickte zuletzt die Orkkriegerin an.
Die Seeleute tuschelten, hatten aber offenbar keine Einwände. Sie Kriegerin sah Laurent misstrauisch an, nickte ihr aber zustimmend zu.
„Leider kann ich den Verbleib des vermissten Geldbeutels nicht nennen“, sagte sie. „Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass er nicht von dieser Orkin gestohlen wurde. Sie ist eine Anhängerin von Malacath. Die drei Streifen in ihrem Gesicht, symbolisieren seinen Kodex, dessen dritter Punkt lautet: Stiehl kein fremdes Eigentum.“ Sie blickte den Mann an, der den Vorwurf vorgebracht hat. „Die Taverne ist gut besucht und du bist heute bestimmt schon von eine Menge anderer Leute angerempelt worden. Was macht dich so sicher, dass sie die Diebin ist?“
„Naja … Sie ist eine …“ Er war plötzlich ziemlich unsicher und geriet ins Stocken.
„Eine Fremde“, beendete Laurent seinen Satz mit bitterer Stimme. Dann wandte sie sich wieder der Menge zu. „Die Anschuldigung eine Diebin zu sein, war eine Beleidung und diese hat sie umgehend geahndet.“ Sie deutete auf die blutige Nase. „Vorhin sagte jemand, dass er dieser Orkin benehmen beibringen will. Ein recht unbedachter Einfall, wenn man jemand Fremdes vor sich hat. Das was ihr als Benehmen erachtet, mag in anderen Kulturen eine Beleidung sein. Gerade als Seeleute, die beizeiten fremde Ufer ansteuern, solltet ihr dies wissen. Diplomatie ist der Gewalt vorzuziehen. Schwerter haben die Macht Mauern zu erschaffen, Worte haben die Macht diese Einzureißen. Merkt euch das!“
Unter Lady Laurants belehrender Stimme schienen die Seeleute tatsächlich grüblerisch und zurückhaltend zu werden. Die aggressive Stimmung war abgeklungen.
„Ich hoffe ihr findet euren Geldbeutel wieder“, sagte sie zu dem Bestohlenen. Dann deutete sie auf die Tür und nickte der Kriegerin zu. „Ihr solltet diesen Ort lieber verlassen.“
Die Kriegerin neigte respektvoll den Kopf und schritt auf die Tür zu. Niemand hielt sie auf. Lady Laurent folgt ihr.  

Draußen erwartete sie die warmen Strahlen der Sonne. Die Hafenstadt Rihad befand sich an der südlichen Küste von Hammerfall mit einem entsprechenden Klima. Das Licht der Sonnenstrahlen glitzerte auf den goldenen Kuppeldächern der Türme, die sich im Stadtzentrum erhoben.
Die Orkkriegerin stand mit geballten Fäusten da und schien nur schwer ihre Wut im Zaum halten zu können.
„Offensichtlich seit ihr hier nicht gerade in vertrauten Gefilden unterwegs“, sagte Lady Lautent. „Ihr solltet eure Angelegenheiten regeln und weiterziehen.“ Den angefragten Rat zurücklassend, wollte Lady Laurent fortgehen.
Die Kriegerin stellte sich ihr in den Weg. „Ihr seid auch nicht aus dieser Gegend. Ihr seid Bretonin“, sagte sie mit tief raunender Stimme.
Lady Laurent bemerkte den forschenden Blick der Orkin. „Das ist richtig. Aber warum sollte euch das interessieren?“
„In der Taverne habt ihr kluge Worte gesprochen. Seid ihr eine weise Frau?“ Sie schaute Laurent neugierig an.
Ein Gefühl des Stolzes durchflutete Laurent. In einem Orkstamm gab es keine mächtigere Position, die man als Frau bekleiden konnte. Weise Frauen waren im Grunde Gelehrte, die sich mit Alchemie, Medizin und Magie auskannten und dem Häuptling beratend zur Seite standen.
„Nun, das kann man so sagen“, meinte Laurent ohne Bescheidenheit. „Ich bin eine Gelehrte und schreibe selbst Bücher.“
Die Kriegerin nickte. „Dann seit ihr die Frau, die ich suche. Lady Laurel.“
„Lady Laurent“, korrigierte sie reflexartig. „Ihr seid auf der Suche nach mir?“
Die Kriegerin nickte grimmig. Ihre Körperhaltung straffte sich. „Ich bin Kalis gra-Morak. Kriegerin aus dem Drachenschwanzgebirge. Mit blutigen Äxte habe ich Malacath bereits oft geehrt. Nun möchte ich sie in eure Dienste stellen.“
Laurent blinzelte irritiert. Es war nicht ungewöhnlich, dass Söldner ihre Dienste anboten. Aber ihre Instinkte sagten ihr, dass hier etwas anderes vorging. „Warum?“, fragte sie. „Warum wollt ihr euch gerade in meine Dienste stellen?“
„Ich hörte davon, dass ihr eine weitere Reise plant. Dorthin wo Arlokh gro-Begal von einem Minotaurus erschlagen worden ist. Wenn ihr dieser Kreatur wieder entgegentretet, dann will ich an eurer Seite stehen, um diese Kreatur im Kampf zu bezwingen“, erklärte Kalis.
Laurent war überrascht. Zwar hatte sie eine Botschaft an Arlokhs Stamm in Orsinium geschickt, um diesen von den Umständen seinen Todes zu unterrichten, aber sie hätte nicht gedacht, dass einer der Orks auf Blutrache aus war. Arlokh hatte ehrbar gekämpft, gegen einen Gegner, den er sich selbst ausgesucht hatte. Den meisten Orks hätte das gereicht.
„Arlokh hat im Sinne Malacaths gehandelt und ist im Kampf gestorben. In welchem Sinne soll euer Handeln sein?“, fragte sie.    
Ein wilder Ausdruck erschien auf Kalis Gesicht. „Es ist im Sinne meines Herzens. Malacath in Ehren, doch darüber gebietet er nicht!“
Laurent nickte verstehend. Offenbar handelte es sich hier um eine Angelegenheit romantischer Natur. Wenn Kalis aus dem Drachenschwanzgebirge kam, dann war sie vermutlich nicht vom selben Stamm wie Arlokh. Sie wusste es zwar nicht genau, aber sie konnte sich vorstellen, dass es einem Ork nicht erlaubt war, eine Frau aus einem anderen Stamm zu wählen. Die Regeln der Orkstämme waren streng. Es handelte sich hier wohlmöglich um eine verbotene Liebe. Der romantische Teil von Lady Laurents Herz erwärmte sich für die Orkkriegerin. Aber hier ging es um bedeutendere Dinge und Kalis Rache könnte ihre eigenen Pläne durchkreuzen.
Laurent schüttelte entschieden den Kopf. „Diese Reise dient nicht den Zweck Blut zu vergießen. Es tut mir leid, aber ich fürchte, es ist kein Platz für euch bei dieser Expedition.“
Kalis knurrte unzufrieden. „Ihr wollte diese Bestie nicht vernichten?“
„Ich will eine Ruine erforschen. Keinen Minotaurus jagen“, antwortete Laurent. Und nebenbei die Wahrheit hinter einer Legende beweisen, fügte sie in Gedanken hinzu. Davon abgesehen, war Kalis zwar eine starke Kriegerin, aber nachdem Laurent gesehen hatte, wie es Arlokh ergangen war, glaubte sie nicht, dass Kalis den Minotaurus besiegen konnte. Vermutlich würde er auch sie töten. So gesehen rettete Laurent ihr das Leben, wenn er ihr die Teilnahme an dieser Reise verweigerte.
„Ich brauche euch nicht. Sagt mir, wo diese Ruine liegt?“, forderte Kalis entschlossen.
Laurent schüttelte den Kopf. Kalis Feindseligkeit gegenüber dem Minotaurus könnte ihren Plan gefährden. „Euer Verlust tut mir leid. Aber ich werde euch nicht helfen, diesen Weg zu beschreiten“, sagte sie abschließend und ging an Kalis vorbei.
„Er ist in eurem Dienst gestorben!“, rief Kalis ihr hinterher. „Sollte es nicht auch in eurem Sinne sein, dies wiedergutzumachen?“
Laurent ignorierte sie. Mit Sicherheit wusste Kalis, mit welcher gefährlichen Arbeit Arlokh sein Geld verdient hatte. Es war der Schmerz, der aus ihr sprach. Lady Laurent hoffte, dass sie darüber hinwegkam.


Lady Laurent und Stibbons fuhren mit einem Schiff weiter an die Südküste von Cyradil. Nach kurzen Aufenthalt ging es weiter nach Norden. Unterwegs heuerte Laurent die beiden kaiserliche Söldner Haldon und Mirella an, die zusammen mit ihren weiter in Richtung des östlichen Gebirges zogen, das an der Grenze zu Morrowind lag.
Eine anstrengende Reise später erreichten sie die Stelle in den Bergen, an denen sie bei ihrem ersten Besuch ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch diesmal wählte Laurent diesen Ort um zu campieren.
„Morgen werden wir zu dem Eingang der Ruine gehen“, kündigte Laurent an.
Die Sonne war bereits von Himmel gewichen und ein heller Mond strahlte. Es war eine klare Nacht und diesmal waren die Berge nicht nebelverhangen.
„Sie zu, dass die Standarte mit dem Wappen einsatzbereit ist“, mahnte sie Stibbens.
Stibbons nickte eifrig. Er hatte das Bündel mit dem Wappen auf der ganzen Reise wie seinen Augapfel gehütet. Ihm gefiel der Gedanke, dass es bei dieser Reise nicht nur darum ging, irgendein verstaubtes Relikt zu bergen. Er war selbst sehr neugierig, wie der Minotaurus reagieren wurde. Natürlich könnte es auch sein, dass er dem Träger des Wappens, in diesem Fall ihm selbst, einfach den Kopf abriss. Das wäre wirklich sehr unangenehm.  
Stibbons war jedoch ganz guter Dinge. Er hatte bereits die erste Begegnung mit dem Minotaurus überlebt, und da hatte er dieses Wappen noch nicht gehabt.
In diesem Moment ertönte wieder das drohende Brüllen zwischen den Felsen, dass Laurent und Stibbons bereits vertraut war. Doch es war eine Weile her und Stibbons spürte, wie die Angst ihn packte. Der Minotaurus war lautstark darauf bedacht, sie erneut von hier zu verscheuchen. Stibbons Entschlossenheit wankte und er fragte sich, ob das nicht vielleicht sogar besser wäre einfach wieder zu gehen.
Haldon und Mirella zogen nervös ihre Schwerter. Lady Laurent beschwichtigte sie. Vermutlich würden sie dennoch kein Auge zu machen. Das war Stibbons eigentlich auch ganz recht. Sollten sie wach sein und Wache schieben. Dann konnte er sich sicher fühlen und schlafen.
Am Ende hatte er jedoch auch kaum ein Auge zugemacht. Seit er das Brüllen erneut gehört hatte, vermutete er, dass ihm bald ein übles Schicksal heimsuchen würde, wie es schon so oft der Fall war. Ihm spukten die Worte von Professor Gulban im Kopf herum. Er war kein Sklave und konnte jederzeit seine Stelle bei Laurent aufgeben, um dieser Gefahr zu entgehen.
Am nächsten Morgen, bevor sie zu dem Eingang der Ruine aufbrachen, packte Stibbons jedoch brav das Wappen aus und befestigte es an eine lange Stange. Lady Laurent schärfte den beiden Söldnern ein, sich zurückzuhalten und nur einzugreifen, wenn der Minotaurus deutlich aggressiv wurde.
Dann traten sie geschlossen auf die Ruine zu. Das Brüllen des Minotaurus war schon von weiter Ferne zu hören und Stibbons musste seinen ganzen Mut zusammennehmen.
Wutschnaufend stand der Minotaurus da. Offenbar war er intelligent genug, um seine Doppelaxt repariert zu haben, so dass er wieder bewaffnet war. Nicht das er nicht auch ohne eine tödliche Gefahr gewesen wäre.
Stibbons hielt die Standarte mit dem Wappen deutlich sichtbar in die Luft und tatsächlich schien der Minotaurus darauf zu reagieren. Er wurde deutlich ruhiger.
„Es funktioniert“, flüsterte Laurent freudig.
Noch machte der Minotaurus ihnen jedoch nicht den Weg frei. Wenige Meter vor dem Wächter, blieb Laurent und ihr Gefolge stehen.
„Grüße Wächter“, rief Laurent. „Alessia in Ehren, bitten wir um Einlass in ihr Reich.“
Der Minotaurus zögerte, dem Wunsch nachzukommen. Sein Blick haftete auf dem alten Wappen. Stibbons konnte nicht sagen, ob es Laurents Worte waren, oder ob das Wappen einen alten Instinkt des Wächters auslöste. Vielleicht war es beides. Schlussendlich trat er tatsächlich zur Seite und gab den Eingang frei.
Laurent lächelte zufrieden und verbeugte sich vor dem Wächter. „Habt dank.“ Dann trieb sie ihr Gefolge an. „Gehen wir.“
Die Söldner hatten nervös die Hände an ihrem Schwertgriff, aber der Minotaurus griff sie nicht an, als sie vorbeischritten. Laurent entzündete eine Laterne, um die Dunkelheit zu erleuchten. Hinter der Öffnung führte eine alte, beschädigte Steintreppe in die Tiefe.  
„Seid vorsichtig“, mahnte Laurent. „Wir wissen nicht wie stabil die Ruine ist. Wir wollen nicht, dass sie über uns zusammenbricht.“
Sie waren bereits einige Stufen hinuntergestiegen, da ertönte ein lautes Brüllen von draußen. Es war deutlich der Minotaurus, aber es klang nicht wie der warnende Schrei, den er sonst ausstieß. Diesmal war es eher ein Angriffsschrei und Kampflärm folgte.
„Was ist da los?“, fragte Stibbons.
Laurent hatte einen schrecklichen Verdacht. „Wir gehen nachsehen! Los!“
Als sie aus der Ruine wieder herausgestürmt kamen, sahen sie den Minotaurus mit erhobener Axt vor seinem Gegner. Lady Laurent erkannte die Orkkriegerin sofort. Es war Kalis gra-Morak. Sie hatte in jeder Hand eine Axt und griff den Minotaurus an.
„Verdammt! Sie muss uns gefolgt sein!“, fluchte Laurent.
„Der Minotaurs wird sie töten“, sagte Haldon und zog sein Schwert. Mirella tat es ihm gleich.
„Nein!“ Laurent hielt die Söldner energisch zurück. „Der Minotaurus wird uns auch als Feind betrachten, wenn wir ihn angreifen. Diesen Kampf hat sie sich selbst ausgesucht!“
Gebannt beobachtete Stibbons den Kampf. Kalis hatte einen anderen Kampfstil als Arlokh. Sie trug eine leichte Rüstung und wich den heftig geführten Schlägen der gewaltigen Streitaxt geschickt aus. Mit gleitenden Bewegungen huschte sie sich um den Minotaurus herum und führte schnelle Schläge aus. Der alte Wächter blutete bereits aus mehreren Wunden. Es sah fast so aus, als ob die Orkkriegerin ihn tatsächlich besiegen konnte. Doch ein einziger Treffer des Minotaurus reichte aus, um diesen Eindruck schließlich zu zerstören. Heftig fuhr das große Axtblatt in die Schulter von Kalis und durchdrang ihre Rüstung. Eine ihrer Äxte viel zu Boden.
Schwer getroffen taumelte Kalis. Der Minotaurus gab ihr etwas Raum und setzte nicht sofort nach. Vielleicht hätte Kalis die Chance gehabt, sich aus dem Kampf zurückzuziehen, doch sie dachte nicht daran. Sie ließ die verbliebende Axt in ihrer Hand kreisen und ging wild schreiend erneut auf den Minotaurus los. Doch durch die Verletzung war auch ihre Schnelligkeit gemindert. Schnell schickte sie ein Fausthieb zu Boden.
Stibbons Gedanken rasten. Laurent hatte ihm von Kalis erzählt und er wusste, dass sie nur Rache an der Bestie nehmen wollte, die Arlokh getötet hatte. Doch sie kannte nicht das große Ganze. Der Minotaurus hatte nur seinen Job als Wächter getan. In diesem Kampf gab es keinen Bösewicht. Es gab niemanden der es verdient hatte zu sterben. Und vielleicht war er der einzige der dies verhindern konnte. Er musste es versuchen. Immerhin war er nicht einfach nur ein Diener. Er war ein Abenteurer. In einem wahnwitzigen Moment des Heldentums stürzte er los.
„Stibbons!“, rief Laurent ihm nach. „Komm zurück!“
Stibbons hielt die Standarte mit dem Wappen erhoben und hoffte, dass der Minotaurus sich dadurch bezähmen ließ, wenn er sich vor Kalis stellte. Dummerweise stolperte er auf halben Weg über einem Stein am Boden. Die Standarte entglitt seiner Hand, während er selbst durch die Geschwindigkeit seines Laufs einen Moment durch die Luft flog, bevor er auf den Boden aufschlug.  
Der Minotaurus drehte sich zu ihm herum und brüllte. Die Orkkriegerin bewusstlos am Boden war erstmal keine Gefahr für ihn, also wandte er sich wütend Stibbons zu.

„Oh du guter aber dummer Diener“, murrte Laurent und beobachtete, wie die Standarte über den Boden schlitterte und direkt über einer schmalen Felsspalte liegen blieb. Das Wappen zog die Standarte nach unten, der Stab kippte und war in Gefahr in die Tiefe zu stürzen. Sollte dies geschehen, wäre er unrettbar verloren.
Gleichzeitig schritt der Minotaurus mit seiner bereits blutigen Doppelaxt auf Stibbons zu, der sich wieder aufgerappelt hatte, aber nun zitternd dastand und ganz offensichtlich vor Angst wie gelähmt war.  
Zwei Dinge gingen Laurent in sekundenbruchteilen durch den Kopf. Das erste war die Tatsache, dass ihre Mission gescheitert war, wenn sie zuließ, dass die Wappenstandarte in die Tiefe stürzte. Der Minotaurus würde ihnen ohne dieses Wappen sicher nicht friedlich gesinnt sein.
Das andere war Stibbons selbst. Vielleicht waren es die mahnenden Worte von Professor Guelban gewesen, die sie nicht ganz verdrängen konnte, oder aber Stibbons Erzählungen, was er schon alles hatte erdulden müssen, aber sie empfand eine gewisse Verantwortung. Wenn der Minotaurus Stibbons mit der Axt erschlug, gab es diesmal keinen Zauber und keinen Trank, der ihn retten konnte. Und ihre Ankündigung ihn als Untoten wieder ins Leben zu rufen, war natürlich nicht ganz ernst gemeint gewesen. Untoten rochen ganz unerträglich.
Sie gab den beiden Söldnern ein Zeichen. „Ihr bringt die Orkfrau in Sicherheit!“
„Aber …“ wollte Haldon widersprechen.
„Tut was ich euch befehle!“, rief sie mit gebieterischer Stimme. Die beiden Söldner gehorchten und rannten in Richtung der bewusstlosen Kalis, während Laurent in eine andere Richtung lief. Sie musste sich entscheiden ob sie das Wappen rettete oder ihren Diener, für beides blieb keine Zeit.
Der Minotaurus hob seine Axt, doch bevor er sie auf Stibbons hinunterfahren lassen konnte, sprang Laurent zwischen sie, während die Wappenstandarte in der Felsspalte verschwand. Der Minotaurus hielt überrascht inne, als Laurent demütig vor ihm auf die Knie fiel und ihn mit erhobenen Armen versuchte zu beschwichtigen. „Bitte!“, rief sie ihm entgegen. „Er ist nur mein Diener! Er will nichts Böses! Ich flehe euch an!“
Der Minotaurus schnaufte und schien die Situation erst einmal neu zu bewerten. Er realisierte langsam, dass weder von Laurent noch von Stibbons eine Gefahr ausging und beruhigte sich. Er blickte sich zu der Orkkriegerin um, aber die beiden Söldner hatten sie bereits hinter einem Felsen außer Sichtweite gebracht. Er gab nochmals ein warnendes Brüllen von sich, dann stapfte er zu dem Eingang der Ruine, um wieder seine Position als Wächter einzunehmen.
Laurent und Stibbons konnte erleichtert aufatmen.
„Ich glaub ich hab mich nassgemacht“, sagte Stibbons, immer noch zitternd.
„Zu viel Informationen, Stibbons. Komm schon. Verschwinden wir von hier.“
Sie gingen zu den beiden Söldnern, welche sich um Kalis kümmerten. Die Orkkriegerin war schwer verletzt, aber sie lebte. Laurent ordnete an, sie zurück zum Lager zu bringen.
Auf dem Weg dorthin blickte Stibbons Lady Laurent neugierig von der Seite an. „Ihr habt euer Leben für mich in die Waagschale geworfen. Warum habt ihr das nur getan?“
Laurent lächelte ihn an. „Mein lieber Stibbons. In deiner einfältigen Art hast du dein Herz wirklich am rechten Fleck. Wenn ein einfacher Diener über sich herauswachsen kann und die Ehre aufbringt, sich für ein fremdes Leben in Gefahr bringt, dann sollte ich in der Pflicht stehen, dies ebenfalls zu tun. Vor allem, wenn ein Freund in Gefahr ist.“
Stibbons sah sie überrascht an.
Sie lächelte. „Du hast deine Treue mir gegenüber so oft bewiesen, dass ich mir vorstellen könnte, deine Rolle in unseren Abenteuern aufzuwerten.“
Stibbons Gesicht spiegelte Stolz wieder. „Ihr meint zu einer Art Partner?“
Laurent kicherte. „Nun sagen wir eher zu einem stillen Teilhaber.“
Stibbons nickte zustimmend. Das war mehr als er je erwartet hätte. Sein Blick viel auf die verletzte Kalis, welche die Söldner trugen. „Wie wird es jetzt weitergehen? Ich habe zu meiner Schande das Wappen verloren. Der Minotaurus wird uns nicht mehr durchlassen.“
Laurent seufzte. „Es hätte schlimmer kommen können, aber ich glaube, dass unser Abenteuer hier erstmal ein Ende hat. Wir müssen Kalis in Sicherheit bringen, an einen Ort, wo man sich um ihre Verletzung kümmern kann. Vielleicht werden wir ein anderes Mal zurückkehren.“ Sie dachte einen Moment nach. „Aber vielleicht ist es das auch nicht wert. Wir sind heute glimpflich davon gekommen, mein Freund. Vielleicht sollte es uns erst einmal reichen, dass wir die Legende über die Minotauren bestätigt haben.“
„Sicherlich wird man euch dafür feiern“, vermutete Stibbons.
Laurent winkte ab. „Nein, das glaube ich weniger. Man wird uns eher für verrückt halten, so wie es auch Nonus Caprenius gegangen ist. Immerhin haben wir nicht wirklich Beweise vorzuweisen. Aber manchmal reicht es vielleicht, eine Legende am Leben zu erhalten. Und genau das werde ich in meinem neuen Buch tun.“ Sie tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. „Ich habe da schon einige Ideen. Ja, ich sehe die Worte schon vor mir, die beschreiben, wie ich als mutige und wunderschöne Abenteurerin die Ehre des Minotaurus wieder erwecke. Ich glaube, ich habe auch schon einen Titel. Was hältst du von ‚Der Minotaurus meines Herzens‘?“
Stibbons blinzelte verstört. „Äh … das klingt … nun ja … vielversprechend.“
„Ja, das finde ich auch“ Lady Laurent lächelte zufrieden und Stibbons tat das auch.



Ende
 
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