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Über Minotauren

von Minotaur
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P16 / Gen
Lady Clarisse Laurent Stibbons
12.11.2022
24.11.2022
3
12.610
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17.11.2022 4.547
 
Kapitel 2: Legenden und ihre Gefahren


Die Sonne stand hoch am Himmel und wärmte mit ihrem Licht. Einige blaue Schmetterlinge flatterten vorbei und Stibbons sah ihnen so lange nach, bis er sie über einem Feld aus bunten Blumen aus den Augen verlor. Er musste zugeben, dass dieser Ort wunderschön war.
Er stand zusammen mit Lady Laurent auf einem von Bäumen gesäumten Weg und blickte hinauf zur Akademie der Illumination, welches ihr Ziel war. Eigentlich erinnerte der Gebäudekomplex mit seinen Spitztürmen und den zahlreichen Ziergiebeln eher an ein Schloss als an eine Universität. Dieser pompöse und dennoch anmutige Baustil war in dieser Gegend jedoch nicht unüblich. Die Akademie der Illumination lag auf der Größten der Sommerset-Inseln – der Heimat des Volks der Altmer, die im allgemeinen Sprachgebrauch Hochelfen genannt wurden. Lady Laurent hatte ein paar Beziehungen spielen lassen müssen, um hierherzukommen. Immerhin waren es Zeiten, die von einem Krieg geprägt waren, bei dem Bretonen und Elfen nicht auf derselben Seite standen. Doch mit dem Krieg hatte sie nichts am Hut.
Stibbons führte ihr Packpferd am Zügel und folgte Lady Laurent durch das ovale Portal, welches durch die Außenmauer in den Innenhof führte. Nachdem sie eine Allee aus Arkaden beschritten hatten, eröffnete sich vor ihnen eine Gartenanlage, die denselben märchenhaften Charme besaß wie auch die Landschaft jenseits der Mauern. Zahlreiche Studenten waren zu sehen, die in Pavillons saßen oder es sich schlicht am Rande der Teiche und im Schatten der Bäume gemütlich gemacht hatten. Die meisten waren in ihre Bücher vertieft, aber einige unterhielten sich leise.
Von den Ställen der Akademie kam ein junger Bediensteter herbeigelaufen und fragte, ob er helfen könne. Lady Laurent erkundigte sich nach Professor Guelban und der Junge antwortete, dass dieser in der Halle der Illumination zu finden sei. Laurent gab ihm ein paar Münzen und ließ das Pferd in seiner Obhut, bevor sie und Stibbons sich dem Gebäude zuwandten, auf das der junge Elf verwiesen hatte.
Das Bauwerk war eines der schönsten auf dem Schulgelände. Stibbons blickte hinauf zu den lang gezogenen, mit Maßwerk verzierten Fenstern. Auch wenn Stibbons von Baukunst wenig Ahnung hatte, so wirkten die hochstrebende Bauweise und der filigrane Baustil auf ihn, als würde das Gebäude noch aus aldmerischen Zeiten stammen.
Im Inneren folgte Stibbones Lady Laurent durch die Vorhalle, bevor sie schließlich durch eine Doppelflügeltür die Haupthalle betraten. Stibbons blickte zu der gewaltigen, von Spitz- und Strebebögen gestützten Gewölbedecke hinauf, die weit über ihnen lag. An den Wänden waren auf mehreren Etagen Bücherregale aufgestellt, welche über Emporen zu erreichen waren. Stibbons wurde klar, dass es sich bei der Halle der Illumination um die Universitätsbibliothek handelte. An den Seiten gab es mehrere Durchgänge, die in gemütlich eingerichtete Lesezimmer führten. Eine andächtige Stille lag über allem.
Neben einem der Tische stand ein Hochelf in langen weißen Roben die mit goldenen Mustern bestickt waren. Stibbons hielt ihn aufgrund seines Alters und seiner Ausstrahlung für einen der Professoren. Er redete gerade auf die zwei Studenten ein, die an dem Tisch saßen, als Lady Laurent zielstrebig auf ihn zuschritt. Der Professor drehte den Kopf, sah sie kommen und zog die buschigen, weißen Augenbrauen zusammen. Stibbons glaubte wenig Begeisterung in seinen Augen zu erkennen. Lady Laurent hatte ihm erzählt, dass sie Professor Guelban aus einer Zeit kannte, bevor Stibbons ihr Diener geworden war.
Doch noch bevor sich Laurent und der Professor begrüßen konnten, sprang eine der Studentinnen mit einen spitzen Schrei auf die Füße, so dass jeder in der Halle aufmerksam wurde. „Ihr seid Lady Clarisse Laurent“, rief die junge Frau in der Novizenrobe aufgeregt. „Ihr habt ‚Unter der Kluftspitze‘ und ‚Die Wahrheit über den Smaragdkelch‘ geschrieben. Ich liebe Eure Abenteuerberichte.“
„Oh, wie nett. Ein Fan“, reagierte Laurent zufrieden lächelnd.
„Kann ich ein Autogramm bekommen?“, fragte die Studentin aufgeregt und griff nach ihren Schreibutensilien, die auf dem Tisch lagen, um Laurent Papier und Feder unter die Nase zu halten.
„Aber natürlich“, sagte Laurent freundlich und griff nach der Schreibfeder.
Schnell kamen weitere Studenten herangelaufen, die entweder neugierig waren oder selbst ein Autogramm wollten. Die kurz zuvor noch so stille Halle war nun von aufgeregten Gesprächen erfüllt. Lady Laurent gab eifrig Autogramme und hatte für jeden ihrer Fans ein Lächeln übrig.
Der Professor drückte die Hände in die Seite und beobachtete unzufrieden, wie sich die Dinge entwickelt hatten, nachdem Lady Laurent den Raum betreten hatte. „Schluss damit!“, ging er lautstark dazwischen. „Das ist eine Universität und kein Jahrmarkt. Geht zurück an eure Arbeiten!“
Widerwillig aber gehorsam verstreuten sich die Studenten wieder. Einige hatten immerhin ihr Autogramm ergattert und drückten es stolz an ihre Brust. Stibbons konnte sich lebhaft vorstellen, dass sie sich erträumten, einmal ähnlich aufregende Abenteuer wie Lady Laurent zu erleben. Er hoffte, dass irgendjemand ihnen beibrachte, dass die Realität meistens ganz anders aussah, als die Geschichten in Laurents Büchern.
„Professor Guelban, seit mir gegrüßt“, sprach Lady Laurant schließlich den Professor an, der mit wütend funkelnden Augen vor ihr stand. „Ich brauche Eure Hilfe.“
Professor Guelban schnaufte ungehalten. „Es ist lange her und Ihr kommt immer noch direkt zur Sache, Lady Laurent. Ich wundere mich immer wieder um eure mangelnde Fähigkeit der Etikette. Immerhin seit Ihr in hohem Hause aufgewachsen.“
„Entschuldigt meine Unverfrorenheit, mein Freund. Aber die Sache ist mir wichtig und ich bin in Eile.“
„Um Autogramme zu geben scheint Eure Zeit jedenfalls auszureichen“, meinte Guelban schlagfertig.
Lady Laurent überging diese Bemerkung. „Niemand kennt sich besser mit dem Altertum aus als Ihr, vor allem in der Zeit des allesianischen Widerstands.“ Lady Laurent legte viel Überzeugungskraft in ihre Stimme.
Professor Guelban rümpfte die Nase. „Es ist sehr geschickt von Euch, mich mit meinem Fachgebiet zu ködern“, gab er zu. „Also, um was geht es? Hoffentlich nicht um eines eurer wahnwitzigen Abenteuer.“
„Eines dieser wahnwitzigen Abenteuer hat eurer Akademie ein sehr seltenes Buch beschafft, oder?“, fragte Laurent ködernd.
Der Professor schnaufte so heftig, dass seine Spitzohren zitterten und funkelte Laurent böse an. „Erinnert mich nicht an dieses verfluchte Buch. Es hat fast die ganze Belegschaft verhext. Großmeisterin Melisse hat sich sechs Tage lang für ein Huhn gehalten. Wir mussten es loswerden.“
„Nun, es konnte keiner von uns ahnen, dass so etwas passiert. Die Akademieleitung wollte das Buch jedenfalls haben“, verteidigte sich Laurent.
Guelban war ein Elf fortgeschrittenen Alters, was bedeutete, dass er vielleicht schon mehr als zwei Jahrhunderte lebte. Stibbons bemerkte den starken Kontrast zwischen dem alten Hochelf und der jungen Menschenfrau und fragte sich, ob es Guelban nicht so vorkommen musste, als ob er es bei Laurent mit einem Kind zu tun hatte.
Professor Guelban blickte Stibbons an. „Und wer ist das?“
„Das ist nur Stibbons, mein Diener“, antwortete Lady Laurent ungeduldig.
„Ihr begleitet sie doch nicht auf diese selbstmörderischen Abenteuer, oder?“, fragte Guelban daraufhin direkt an Stibbons gewandt.
„Es gibt hier keine selbstmörderischen Abenteuer“, versuchte Lady Laurent das Thema zu beenden.
„Nun ja, da war kürzlich diese Sache mit dem Minotaurus“, gab Stibbons kleinlaut zu bedenken.
„Hervorragende Überleitung, Stibbons“, unterbrach die Adlige ihren Diener. „Genau aus dem Grund sind wir hier.“
„Ein Minotaurus?“, fragte Guelban mit zweifelnder Stimme. „Was soll dieser Unsinn nun wieder?“
„Wir brauchen Informationen über die Minotauren“, erklärte Lady Laurent enthusiastisch. „Ihr Ursprung müsste zur Zeit der Anfänge der ersten Ära zurückgehen. „Während des allesianischen Widerstandes.“
„Pah, Minotauren. Ihr solltet lieber mit einem Monsterjäger sprechen als mit einem Gelehrten der Geschichte. Es gibt keine Fakten über Minotauren, nur Theorien und Legenden.“ Der Hochelf wedelte mit der Handfläche hin und her, so als wollte er Lady Laurent verscheuchen.
„Wenn es keine Fakten gibt, dann muss man sich die Legenden genauer anschauen, um die dort verborgene Wahrheit zu finden, so sagt man doch, oder?“, versuchte es Lady Laurent weiter. „Sicher haben sich schon viele Gelehrte mit diesem Thema beschäftigt. Wo liegt der Ursprung der Minotauren? Ich bin an diesen Theorien sehr interessiert, und ich habe keine Zeit, um Bücher zu wälzen. Ich weiß, dass ihr mit weiterhelfen könnt und vielleicht helft ihr mir so dabei, ein jahrhundertealtes Geheimnis aufzudecken.“
Professor Guelban blickte Lady Laurent tief in die Augen und seufzte schließlich gequält auf. „Oh, dieser jugendliche Leichtsinn in euren Augen. Nichts wird euch von euren Weg abbringen, auch nicht die Weisheit der Älteren. Na schön! Ich werde ein paar Bücher heraussuchen lassen, welche von Bedeutung sein könnten. Immerhin hat ein alter Mann nicht mehr alle Details im Kopf. Wartet dort vorne in dem Studierzimmer.“
Lady Laurent lächelte erleichtert. „Ich danke Euch.“

Lady Laurent, die es sich auf einem der gepolsterten Stühle gemütlich gemacht hatte, klopfte ungeduldig mit den Fingerkuppen auf der Oberfläche des Tisches.
Eine Studentin, die an der anderen Seite des Tisches saß, blickte über den Rand ihres Buches hinweg zu ihr hinüber. Die junge Elfe glaubte vermutlich, ihr genervter Blick könnte Lady Laurent dazu bringen, dieses Getrommel zu unterlassen, aber Lady Laurent ignorierte sie komplett und schien nicht einmal ihre Anwesenheit zu bemerkten. Sie war voll und ganz in ihren eigenen Gedanken versunken.
Schließlich gab sich die Studentin geschlagen, raffte ihre Bücher zusammen und zog sich zurück. Stibbons hob entschuldigend die Schultern und machte ein betroffenes Gesicht, als sie noch einen giftigen Blick zu ihnen herüberwarf, bevor sie durch die Tür verschwand.
„Professor Guelban scheint euch gut zu kennen“, eröffnete Stibbons ein Gespräch, nachdem sie nun alleine waren. Ihm war durchaus aufgefallen, dass dieses kurze Zusammentreffen mit Professor Guelban auf ihre Laune geschlagen hatte und er war neugierig geworden.
„Er ist mit meiner Familie befreundet. Daher auch diese übertriebene Sorge und die Vorwürfe. Er klingt genau wie mein Vater“, nahm Lady Laurent das Thema direkt an. In ihrer Stimme war Bitterkeit zu hören.
„Beide haben durchaus Gründe für ihre Sorge. Ihr könnt nicht abstreiten, dass Ihr euch auf gefährliche Abenteuer begebt“, sagte Stibbons vorsichtig.
Lady Laurent verdrehte die Augen. „Fang du nicht auch noch an, Stibbons. Es ist schon ein gefährliches Abenteuer, morgens aufzustehen und aus der Tür zu gehen. Das ist alles eine Sache des Blickwinkels.“
Stibbons musste einen Moment über ihre Worte nachdenken, so dass er nicht sofort etwas antwortete. In dieser Zeit betrat Professor Guelban den Raum, gefolgt von zwei Bediensteten, die jeweils einen Stapel Bücher trugen. Guelban ließ sie die Bücher auf dem Tisch ablegen und scheuchte sie dann hinaus.
Lady Laurent begutachte die Bücher kritisch. Sie hatte sich aus gutem Grund direkt an Guelban gewandt, denn sie hatte kaum Lust, all diese Bücher selbst zu lesen. Das würde Tage und Wochen dauern. Mit der Hilfe des Professors jedoch würde sie sicher schnell die Stellen finden, die sie auch interessierten.
Professor Guelban breitete die Bücher vor sich aus und blickte sie mit grüblerischer Miene an. „Soweit ich mich an die Thematik erinnere, gibt es nicht besonders viele von Fakten untermauerte Informationen über Minotauren“, brummte er in seinen Bart.
„Das sagtet Ihr bereits, Professor. Berichtet mir über die Thesen, die für Gesprächsstoff unter den Gelehrten gesorgt haben“, bat Lady Laurent inständig.
Guelban seufzte und schlug eines der Bücher auf. „Der renomierte Gelehrte Tyronius Liore war ein Verfechter der alchemistischen Theorie, nachdem die Minotauren das Ergebnis eines fehlerhaften alchemistischen Experiments sein sollen. Vielleicht wurden sie als Dienerkreaturen von den elfischen Vorfahren auf Aldmeris erschaffen, bevor die Inseln im Meer versank. Laut der Expertise von Tyronius, würde dies die Ziellosigkeit und Primitivität der Minotauren erklären. Als Dienerkreaturen brauchen sie Führung, aber die einzige Macht, der sie gehorchen, existiert nicht mehr.“
„Man spricht ihnen das Privileg ab, von den Göttern erschaffen worden zu sein?“, warf Stibbons überrascht ein und erntete einen strengen Blick von Lady Laurent. Unterwürfig senkte  er den Blick. Er hatte nicht unterbrechen wollen, aber die Erinnerung an den Minotaurus, vor den er gestanden hatte, war noch allzu frisch. Zwar hatte die Kreatur ihn zu Tode geängstigt, aber im Endeffekt hatte er sich nicht wie eine Bestie auf ihn geworfen. Wie eine seelenlose Dienerkreatur war er ihm nicht vorgekommen. Aber was verstand er schon von solchen Dingen.
„Minotauren waren niemals besonders beliebt“, erwiderte der Professor auf Stibbons Zwischenruf. „Viele Abenteurer und Helden zogen aus, um Minotauren zu erschlagen und sich zu beweisen. Immerhin sind Drachen dieser Tage immer seltener geworden. Man spricht ihnen auch keinerlei nennenswerte Kultur zu.“
„Woher kommt dieser Hass gegen sie?“, fragte Lady Laurent.
Professor Guelban hob die Schultern und lachte ironisch. „Vielleicht, weil sie erbarmungslose Bestien sind, die schon zahlreiche Wanderer erschlagen haben? So ist zumindest die Meinung der meisten.“
„Es gibt also andere Meinungen. Berichtet mir davon“, sagte Lady Laurent schnell und lächelte zufrieden.
Der Professor sah sie skeptisch an, bis er den erwartungsvollen Blick nicht mehr widerstehen konnte. Er seufzte und nahm eines der Bücher zur Hand. „Tyronius Liore war auch dafür bekannt, die wahnwitzigen Theorien eines anderen Forschers zu kritisieren, dem weniger renommierten Nonus Caprenius. Dieser hat eine recht fantastische Vorstellung darüber, wo der Ursprung der Minotauren liegt. Seine Theorie ist geradezu gegenteilig zu der wenig wertschätzenden Meinung von Tyronius Liore über die Minotauren. Ich habe das Buch von Nornus Caprenius im Zuge meiner Forschungen über das allessianische Reich gelesen, aber der Inhalt ist schwierig und grenzt für viele an Gotteslästerung.“
Bevor Guelban das Buch auf die Tischplatte legte, um es aufzuschlagen, konnte Stibbons für einen Moment den Titel entziffern: ‚Über Minotauren, von Nonus Caprenius‘.
Guelban überflog die ersten Seiten. „Ah ja, bereits im Vorwort wird deutlich, welche Kritik seine Theorien hervorbrachten. Er scheint jedoch fest überzeugt zu sein, dass Minotauren größerer Respekt entgegengebracht werden sollte. Hört euch das an.“ Er räusperte sich und begann zu lesen: „Versteckt im Hintergrund, oft absichtliche verschleiert, doch für all jene unter uns, die wissen, wonach sie Ausschau halten müssen, immer noch sichtbar, verbarg sich ein ganzes Volk Humanoider, das von der Geschichtsschreibung nahezu ausgelöscht wurde. Dieses Verbrechen gegenüber der Geschichte darf nicht fortgeführt werden, und ich gelobe, diesen Kreaturen wieder ihren angemessenen Platz in der Chronik des Kaiserreichs zukommen zu lassen.“ Einen Moment hielt er nachdenklich inne, dann schüttelte er verstimmt den Kopf. „Es scheint recht offensichtlich zu sein, was das Problem von Nonus Caprenius war. Er macht den Fehler, den viele junge Gelehrten und Forscher machen, er geht mit zu viel Träumerei und Gefühl an die Sache.“ Er hob den Kopf und sah Lady Laurent vorwurfsvoll an.
Diese ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Klingt wirklich vielversprechend. Lest bitte weiter, Professor.“
Guelban brummte irgendwas unverständliches, vertiefte seine Nase aber wieder in das Buch. Er blätterte einige Seiten weiter. „Ah … hier wird deutlich, worauf der Kollege hinauswill.“ Wieder räusperte er sich, bevor er zu lesen begann: „Mit fester Überzeugung behaupte ich, dass die Ursprünge der Minotauren bis zu Alessia selbst zurückzuführen sind, erster Kaiserin und Gründerin des ersten cyrodiilsche Reiches. Wie Kenner der Thematik wissen, hatte Alessia die Hilfe der Götter als sie das Menschenvolk von der Unterjochung der Herzlandelfen befreite und das Kaiserreich gründete. So schickte Kynareth, die Göttin des Himmels, ihren Sohn Morihaus um ihr beizustehen. Dieser, in den alten Schriftrollen als Minotaurus dargestellte Halbgott, soll sich in Alessia verliebt und eine Affäre mit ihr gehabt haben. Die aus dieser Beziehung geborenen Nachkommen, sind meiner Meinung nach, die Vorfahren der heutigen Minotauren.“
Stibbons versuchte mitzukommen. Wenn er das richtig verstand, dann wären die Minotauren von geradezu göttlicher Abstammung.
Professor Guelban überflog die nächsten Seiten und fasste zusammen: „Weiter behauptet er, dass die ursprünglichen Minotauren genauso intelligent und kultiviert waren wie Menschen, Elfen, Orks oder die Khajiit. Sie sollen dem Kaiserreich treu gedient haben und waren ergebene Verteidiger von Kaiserin Alessia. Laut seinen Forschungen war es jedoch schließlich der alessianische Orden selbst, der für den Untergang der Minotauren verantwortlich war. Der Hass gegen die Elfenvölker, von denen sie einst unterdrückt worden waren, soll irgendwann zu einer feindlichen Haltung gegenüber aller nichtmenschlichen Völker geführt haben. Somit geriet auch das Volk der Minotauren ins Fadenkreuz und wurde unter dem Einsatz von Gewalt beinahe ausgelöscht. Viele erhaltene Schriften oder Kunstwerke dieser Zeit sollen noch darauf hinweisen, aber leider wurden auch viele Beweise zerstört und die vorhandenen werden fehlinterpretiert.“
Der Professor schwieg und begann wieder zu blättern. Lady Laurent grübelte nachdenklich über das gehörte. „Der Minotaurus den wir getroffen haben, hat eine Ruine bewacht. Eine Festung aus der ersten Ära, vielleicht sogar aus Alessias Zeitalter. Das würde doch Sinn ergeben, oder?“
Professor Guelban sah sie an. „Euer Verstand arbeitet ähnlich, wie der von Nonus Caprenius, so viel steht fest. Er hat etwas ganz ähnliches über die Minotauren geschrieben.“ Suchend blätterte er einige Seiten weiter. „Ah … hier ist es. Nornus behauptet hier, dass noch heute die degenerierten Nachfahren dieses edlen Minotaurengeschlechts an alten Städten zu finden sind, die einst eine wichtige Rolle im Kaiserreich spielten. Sie sollen sich noch instinktiv an die Zeit erinnern, in denen sie Verteidiger des Kaiserreichs gewesen waren.“
„Das ist doch wirklich interessant“, murmelte Laurent nachdenklich.
Der Professor hob den Kopf und rümpfte die Nase. „Ihr solltet euch hüten diese Worte zu leichtfertig zu glauben“, mahnte er. „Was wollt Ihr tun? Mit euren Minotaurus eine gepflegte Unterhaltung über Geschichte führen?“ Abrupt knallte er das Buch auf die Tischplatte.
Sowohl Stibbons wie auch Laurent zuckten zusammen.
„Selbst wenn Caprenius mit seiner Theorie Recht hätte, so sind die Minotauren heute auf einem sehr niedrigen geistigen Niveau, möchte ich behaupten“, redete der Professor weiter. „Sie sprechen keine Sprache und werden eure Worte nicht verstehen. Die Laute die sie selbst ausstoßen, sind etwa so gut zu deuten, wie die von Tieren.“
Stibbons nickte zustimmend. „Ja, das stimmt, Lady Laurent. Er hat sicher nichts von dem verstanden, was ich zu ihm sagte.“
Professor Guelban sah Stibbons erstaunt an. „Soll das heißen, dass ihr schon versucht habt, mit diesem Minotaurus zu sprechen? Seid ihr von Sinnen?“
Stibbons fragte sich das manchmal auch.
„Wie ich immer sagte. Ihr seid unvorsichtig bei euren sogenannten Forschungsreisen“, warf Guelban Lady Laurent vor.  
„Ich bin nicht unvorsichtig. Ich schicke immer erst meinen Diener vor, wenn es gefährlich werden könnte“, verteidigte sich Lady Laurent und deutete mit dem Daumen auf Stibbons.
Professor Guelban blickte Stibbons teilnahmsvoll an. „Mein Beileid. Ich bin mir sicher im Reich des Vergessens ist schon ein Platz für euch reserviert.“
„Moment“, stieß Stibbons hervor. „Was soll das heißen, im Reich des Vergessens?“
„Ihr wisst ja wohl, was das Reich des Vergessens ist, junger Mann?“, reagierte der Professor entrüstet und setzte eine belehrende Miene auf.
„Ihr meint …“ Stibbons fasste sich reflexartig an den Kragen. „Die Totenlande?“
Der Professor nickte ernst und Stibbons versuchte einen dicken Kloß herunterzuschlucken, der ihm in der Kehle zu stecken schien.
„Stibbons ist schon seit einigen Jahren mein Diener. Er hat nichts zu befürchten, immerhin weiß ich was ich tue“, behauptete Lady Laurent von sich selbst überzeugt.
„Jahre?“ Der Professor sah Stibbons eindringlich an. „Und in dieser Zeit seid ihr niemals in Gefahr gewesen?“
Stibbons stieß ein Lachen aus. „Naja, da waren schon einige Begebenheiten, die ich …“
„Können wir uns vielleicht auf den Grund meiner Anwesenheit hier konzentrieren“, fiel Lady Laurent ihrem Diener ins Wort. „Es muss doch möglich sein auf eine andere Art mit dem Minotaurus zu kommunizieren, als über Worte. Caprenius hat nicht zufällig auch dazu eine Theorie?“
Professor Guelban sah Laurent grübelnd an. „Vielleicht. Aber zuvor bekommt ihr meine Einschätzung, immerhin habt ihr euch an mich gewandt, da das Zeitalter von Alessia mein Spezialgebiet ist. Und ich sage euch, dass die Theorie von Caprenius nicht stimmen kann. Zumindest nach meinem Wissen. Alessia und Morihaus hatten laut der Überlieferung zwar einen Sohn, der Belharza der Menschenbulle genannt wurde, aber dieser ist in der Schlacht getötet worden und hatte keine Nachkommen.“
„Das ist alles lange her. Ihr werdet mir zustimmen, dass es keine Sicherheit gibt, dass all diese Überlieferungen wahr sind“, entgegnete Laurent entschlossen. „Also, was hat Carprenius über das Kommunizieren mit einem Minotaurus geschrieben?“
Guelban seufzte und griff wieder nach einem der Bücher um darin zu blättern.
Stibbons hatte neugierig und wissensdurstig der bisherigen Unterhaltung und entsprechender Erkenntnisse gefolgt. Aber ihm ging eine andere Sache nicht aus dem Kopf. „Wisst Ihr, ich bin schon wirklich häufig in Gefahr, während unseren Reisen“, platzte er plötzlich heraus, so dass sowohl Laurent wie auch Guelban ihn mit großen Augen ansahen. „So wie damals, als ich durch den magischen Effekt von Torugs Armband, den wir aus den Höhlen im Berg Kummer geborgen hatten, in eine Eisstatue verwandelt worden bin.“
„Habt Ihr etwa freiwillig ein magischen Gegenstand benutz, von dem ihr sei Wirkung nicht kanntet? Meine Güte! Ich würde euch die Ohren langziehen, wenn Ihr zu meinen Studenten gehören würdet!“ grollte Guelban entrüstet.  
„Es musste doch getestet werden, ob wir das richtige Artefakt geborgen hatten. Ich konnte dem Museum in Orsinium doch nicht irgendeinen Tand andrehen“, versuchte Lady Laurent zu argumentieren.
Der Professor sah sie an und schüttelte wortlos den Kopf.
„Außerdem habe ich mich darum gekümmert, dass dein gefrorener Leib den ganzen Weg von den nördlichen Bergen der Orklanden zur Magiergilde in Orsinium gebracht wurde, um nach einen Gegenmittel zu forschen. Und ich bin erfolgreich gewesen, oder etwa nicht?“, rechtfertigte sich Laurent weiter.
„Das stimmt schon“, gab Stibbons kleinlaut zu. „Auch wenn ich seither immer wieder ein taubes und steifes Gefühl in meinen Gliedern habe.“  
„Stellt dich nicht so an, Stibbons. Für die Forschung müssen manchmal Opfer gebracht werden.“ Für Lady Laurent schien das Thema wieder beendet zu sein und sie konzentrierte sich wieder darauf, weitere Informationen aus dem Professor zu bekommen. „Also, Professor? Was sagt Carprenius noch?“
„Nun, es gab da ein ziemlich kontroverses Experiment, welches Carprenius durchgeführt hat.“ Er blickte in das Buch während er sprach. „Es gab ein Gebiet im nördlichen Cyrodiil, genau genommen einen Felspass, der bis Himmelsrand führt, in dem immer wieder Überfälle von Minotauren gemeldet worden sind. Carprenius ließ zwei Karawanen von Söldnern durch diesen Felspass ziehen. Die eine trug eine Wappenstandarte vor sich her, welche eine Reproduktion des Wappens von Alessia war, und die Carprenius hatte anfertigen lassen. Die andere hatte dieses Wappen nicht.“
„Was ist passiert?“, wollte Laurent neugierig das Ergebnis dieses Experiments wissen, doch da störte Stibbons wieder.
„Wisst Ihr noch, wie ich in dieses Skeavernest gefallen bin? Damals, als ich Euch in die Katakomben von Unur gefolgt bin?“, erinnerte er sie.  
Laurent winkte ab. „Nun stellt dich nicht so an. Du hast kaum zwei Tage unter der Hirnfäule gelitten, mit denen dich diese Kreaturen infiziert hatten. Immerhin habe ich von einer Alchemistin extra einen Trank für dich zusammenbrauen lassen, der dich geheilt hat.“
„Seit damals habe ich immer wieder Konzentrations- und Gedächtnisprobleme“, bemerkte Stibbons.
„Vermutlich macht sich langsam das Alter bei dir  bemerkbar“, behauptete Laurent.  
Stibbons sah sie mit großen Augen an. „Ich bin gerade mal 32 Jahre alt.“
„Wirklich?“ Lady Laurent schien ehrlich verwundert zu sein. „Du siehst sehr viel älter aus.“
Stibbons stöhnte gequält auf.
Der Professor sah Stibbons mitfühlend an. „Es gibt auf dem Universitätsgelände einen Schrein. Ich würde Euch empfehlen so häufig wie möglich zu den Göttern zu beten.“
„Das ist ein weiser Ratschlag“, erwiderte Stibbons sichtlich resigniert.
Laurent gab ein missgelauntes Geräusch von sich und legte genervt einen Finger an die Schläfe. „Jetzt werdet mal nicht melodramatisch. Es ist nicht so, dass ich Stibbons den Monstern zum Frass vorwerfe, oder so? Ich heuere stets Söldner an, welche die gefährliche Arbeit übernehmen“, sagte sie. „Also Professor, was war das Ergebnis dieses Experiments von Carprenius?“
Professor Guelban seufzte. „Nun die Karawane mit dem Alessia-Wappen hat den Pass ohne Probleme durchquert, während die Karawane ohne Wappen angegriffen wurde.“ Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, sah er ein gefährliches Leuchten in den Augen von Lady Laurent. „Ich möchte Euch auch hier warnen, dies als eine Bestätigung für Carprenius Theorien zu verstehen“, sagte er schnell. „Dieses Experiment gilt nicht als anerkannt. Die Angriffe in diesem Pass sind zwar häufig aber nicht regelmäßig. So konnte es Zufall sein, dass die Karawane mit dem Wappen nicht angegriffen worden ist. Es haben immerhin auch schon andere Reisende diesen Pass unbeschadet bereist.“  
Lady Laurent schien ihm jedoch gar nicht mehr zuzuhören. Sie hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und wischte begeistert mit der Hand durch die Luft. „Das ist es! Ich kann es schon vor mir stehen, Stibbons. Wir machen einen Standartenträger aus dir und dann wirst du uns mit Alessias Wappen an dem Minotaurus vorbeiführen!“
„W-Was?“ Stibbons schnappte panisch nach Luft.
„Danke, Professor. Ich glaube ich weiß jetzt alles, was ich wissen muss“, sagte Laurent zu Guelban und ignorierte Stibbons Reaktion.
„Ich würde Euch ja beschwören, von euren tollkühnen Ideen abzulassen, aber ich befürchte damit verschwende ich nur unser aller Zeit“, brummte Guelban zurück. „Passt auf Euch auf.“ Er blickte zu Stibbons. „Und bei dem Willen der Götter, auch auf euren Diener!“
„Keine Sorge, Professor.“ Laurent rauschte durch den Raum und auf den Ausgang zu. „Komm schon, Stibbons! Wir haben noch viel vorzubereiten.“
„Äaah … jawohl, Lady Laurent“ Stibbons setzte sich zögerlich in Bewegung.
„Wartet“, hielt Guelban ihn auf.
Lady Laurant war bereits zu Tür hinaus, so dass Stibbons einen Moment mit dem Professor alleine war.
Guelban funkelte ihn aus weisen, alten Augen an. „Ihr wisst schon, dass Ihr nicht euer Leben für so etwas in Gefahr bringen müsst, oder? Ihr habt die freie Wahl.“
Stibbons musste über diese Worte einen Moment nachdenken. Hatte er wirklich eine freie Wahl?
„Das mag schon sein“, erwiderte er schließlich. „Aber was würde dann passieren? Würde sie sich dann nicht selbst in Gefahr bringen?“
„Das wäre dann ihre freie Wahl“, antwortete Guelban mit einem Kopfnicken.
„Stibbons, wo bleibst du denn?“, ertönte die Stimme von Lady Laurant durch den Türspalt. „Wir haben doch keine … oooh, was ist das? Ermittlerin Vala und der Fall der neunäugigen Eule! Diese Bibliothek ist ja noch besser ausgestattet als ich dachte!“
Der Professor schnaufte verächtlich die Tür an, bevor er Stibbons zuwinkte. „Nun geht, bevor Eure Herrin weiter diese ehrwürdige Halle mit ihrer Lautstärke belästigt! Und dieses Buch kann sie gerne mitnehmen. Ich mag es sowieso nicht, wenn die Studenten sowas lesen. Diese Art der Unterhaltungsgeschichten wird irgendwann der Untergang der Literatur sein!“
„Danke Professor“ Er deutete eine Verbeugung an und schlüpfte durch die Tür.
Mit einem Buch unter dem Arm kam Lady Laurent ihm entgegen. „Und? Hat dir der alte Mann Angst gemacht? Du musst wissen, je älter Elfen werden, umso langweiliger werden sie. Und Guelban ist steinalt. Er hat keinen Sinn für Abenteuer und Feldforschung.“
Stibbons hatte Angst. Aber er hatte auch die freie Wahl. Und am Ende war ihm ein Abenteuer lieber, als irgendeiner Dame am Hofe den Hintern zu pudern. Ein Leben als Abenteurer war weit aufregender, aber man musste auch in Kauf nehmen, dass es gefährlich war. Und vielleicht musste er es eben auch genauso betrachten. Er war nicht einfach nur ein Diener. Er war ein Abenteurer!
„Träumst du, Stibbons?“, fragte Laurent, nachdem Stibbons ihr zu lange stumm vor sich hingestarrt hatte.
„Oh. Entschuldigung.“ Stibbons straffte seine Haltung. „Ich muss zugeben, dass ich schon neugierig bin, ob die Theorie von Caprenius stimmt.“
Freudestrahlend sah Lady Laurent ihren Diener an. „Das ist der richtige Geist, Stibbons.“ Sie drehte sich herum und ging auf das Portal zu, das zurück auf den Hof führte. „Wir werden sofort wieder abreisen. Hier haben wir alles erledigt.“
Stibbons folgte ihr. „Aber … aber ich wollte noch an dem Schrein beten, bevor wir aufbrechen.“


Anmerkung des Autors: Die beiden Gelehrten Tyronius Liore und Nornus Caprenius sind Kanon-Figuren. Die Bücher 'Die Wahrheit über Minotauren' von Tyronius Liore und 'Über Minotauren' von Nornus Caprenius findet man bei Elder Scrolls Online in der Universität der Illumination auf Sommerset. Entsprechend übernommene Textstellen wurden von mir abgeändert und erweitert, der Inhalt ist aber weitgehend gleich geblieben, abgesehen von dem Experiment des Carprenius. Das hab ich mir ausgedacht.
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