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Über Minotauren

von Minotaur
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P16 / Gen
Lady Clarisse Laurent Stibbons
12.11.2022
24.11.2022
3
12.610
12
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12.11.2022 3.663
 
Kapitel 1: Das Brüllen im Nebel


Das Gewicht, das auf seine Schultern lastete, verhinderte, dass Stibbons aufrecht ging. Vermutlich war die Neigung seiner Herrin, ihn wie einen Packesel zu benutzen, der Grund, warum er im Allgemeinen eine leicht gebeugte Haltung hatte. Zwar hatten sie einen Wagen benutzt, der von Pferden gezogen worden war, um von Hochfels in den Westen von Cyrodiill zu reisen, aber diesen hatten sie an ihrem Lager am Fuß des Berges zurückgelassen. Zwischen den zerklüfteten Felsen der Berge, die sich an der Grenze zu Morrowind erhoben, gab es keine Straßen und das Gelände eignete sich nicht für ein Fahrzeug.
„Beeil dich ein wenig, Stibbons“, rief Lady Laurent ungeduldig, die schon mehrere Schritte vorausgegangen war. Ihre blonden Haare wehten im Wind. „Ich spüre, dass wir dem Ziel unserer Reise näher kommen.“
„Jawohl, Lady Laurent“, bestätigte Stibbons und bemühte sich nach Kräften ihrer Anweisung nachzukommen, doch die Ausrüstung in dem Rucksack, die Lady Laurent nicht am Lager zurücklassen wollte, wog schwer.
Er hatte es nicht leicht als Diener von Lady Clarisse Laurent, einer bretonischen Adligen, die sich selbst gerne als Abenteurerin, Schatzsucherin und Autorin bezeichnete. Tatsächlich waren die Bücher über ihre Abenteuer in ganz Tamriel bekannt. Stibbons war einer der wenigen Personen die wussten, wie überzogen die Darstellung ihrer niedergeschriebenen Berichte war, auch wenn er schon lange aufgehört hatte, diese wirklich zu lesen. Lady Laurent neigte dazu, die Rolle von Söldner und Helden, die ihr den Weg ebneten, herunterzuspielen, während sie sich selbst als heldenhafte Entdeckerin darstellte. Aber das war wohl das Vorrecht der Autorin. Abgesehen davon interessierten sich Söldner nur für Gold und Helden war der Ruhm egal. Die Bücher, die Lady Laurent schrieb, waren jedenfalls weniger Tatsachenberichte. Stattdessen verkaufte sie dem Leser viel mehr den Traum von einem romantischen Abenteuer.
Was Stibbons eigene Rolle in Lady Laurents Abenteurern anging, so wusste er, wo sein Platz war. Wenn hier oben auf diesem Berg irgendjemand ein unangenehmes Schicksal ereilen würde, dann sicher ihm. Es lief meistens so ab.
„Das ist es!“, rief Lady Laurent plötzlich aufgeregt.
Stibbons blickte auf und sah, wie Laurent auf eine Formation zusteuerte, die nicht natürlichen Ursprungs war. Es war eine halb zerbrochene Säule, die Hinweis auf Handwerkskunst war und sich von den Felsen der Umgebung abhob.
Die Adlige betrachtete die Säule genauer. Ursprünglich war sie mit irgendwelchen uralten Schriftzeichen verziert gewesen, aber diese waren zu verwittert, um sie noch lesen zu können. Dennoch besagte das Aufblitzen in ihren Augen, dass sie auf den richtigen Weg waren.
„Sieh nur, Stibbons.“ Sie deutete an der Säule vorbei und Stibbons erkannte eine Art Pfad, der sich zwischen den Felsen entlang schlängelte. Über den Boden des Weges zogen sich Nebelschwaden, was in dieser Höhe nicht ungewöhnlich war. „Dort muss es zu der Ruine gehen, die wir suchen. Vermutlich gehörte diese Säule einstmals zu einem Torbogen, der Reisenden den Weg weisen sollte.“
Skeptisch musterte Stibbons den Pfad. Er schien weiter den Berg hinaufzuführen. Er mulmiges Gefühl machte sich in seinem Magen breit. „Das gefällt mir gar nicht“, bemerkte er, auch wenn er genau wusste, dass Lady Laurent seine Meinung kaum teilen würde. Wenn es um das erforschen alter Ruinen und das Heben von uralten Artefakten und Schätzen ging, dann begab sie sich meist auf einen Pfad jenseits aller Vernunft.
„Keine Sorge!“, ertönte die Stimme des Orksöldners, den Laurent zu ihrem Schutz mitgenommen hatte. „In diesen Bergen gibt es nichts, mit dem meine Klinge nicht fertig wird!“
Stibbons betrachtete den breitschultrigen Orkkrieger, dessen Name Arlokh lautete. Er hatte eine schwere Rüstung aus Stahl an und trug ein mächtiges Zweihandschwert auf dem Rücken. Er wirkte wie ein erfahrener Kämpfer und seine Zuversicht beruhigte Stibbons tatsächlich etwas. Aufgrund seiner Erfahrung, die er auf den Reisen zusammen mit Lady Laurent hatte sammeln können, hätte er es allerdings besser wissen müssen.

Nachdem sie den Pfad hinauf gestiegen waren, wobei sie mitten im Nebel wandelten, fanden sie schließlich, was Lady Laurent gesucht hatte – die Ruine einer Festung aus der ersten Ära. Sie war halb in einen Bergspalt gerutscht und größtenteils zerstört. Vielleicht war es bei einem Erdbeben passiert, oder sie war einfach nur ein Opfer der Zeit. Im Nebel waren nur wenige Ausläufer der Ruine zu sehen, aber schon jetzt war zu erahnen, dass sie gewaltig sein musste.
Lady Laurent war völlig aus dem Häuschen. „Wundervoll, einfach wundervoll!“, säuselte sie begeistert in den Wind, der scharf durch die Felsen pfiff. Sie wandte sich an ihre Begleiter. „Wisst ihr eigentlich, was wir hier gefunden haben?“
Arlokh grunzte nur verständnislos.
„Ist es das, was wir gesucht haben?“, fragte Stibbons.
Wenn die Antwort auf seine Frage ‚Ja‘ lautete, dann wusste er ganz genau, was sie hier gefunden hatten. Immerhin hatte Lady Laurent ihm mehrere Male von der uralten namenlosen Festung erzählt, die sich angeblich hier in den Felsen befinden sollte. Respektable Forscher taten die Gerüchte als Spinnerei ab, die von dem üblichen mythologischen Unsinn begleitet wurden, wie sie es ausdrückten. So solle der Eingang zu dieser Ruine von einem mächtigen Wächter bewacht werden. Stibbons fragte sich manchmal, ob besagte respektable Forscher jemals den Schritt aus der Bibliothek herausgewagt hatten.
Lady Laurent jedenfalls hatte kein Problem damit, ein Wagnis einzugehen. Meist warf sie sogar jegliche Vorsicht über Bord, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte. Ganz zum Leidwesen von Stibbons.
„Ich bin mir sicher!“, rief Laurent begeistert. „Diese Ruine muss aus der ersten Ära stammen. Wir haben hier eine Ruine entdeckt, die vermutlich seit Jahrhunderten von keiner lebendenden Seele betreten worden ist.“
Ein mussmutig klingendes Grunzen ertönte zwischen Arlokhs Hauern. „Woher wollt Ihr das wissen?“
„Weil jemand sonst den Namen dieser Festung herausgefunden oder ihr einen gegeben hätte“, behauptete Laurent felsenfest. „Was meint ihr? Wie soll ich sie nennen? Vielleicht Laurenthalle?“
„Klingt ganz hervorragend“, bestätigte Stibbons unterwürfig. Im Grunde war es ihm ziemlich egal, wie diese Ruine genannt wurde. Hauptsache er musste sie nicht betreten. Wenn die Gerüchte über diese Ruine stimmten, dann stimmte vielleicht auch der angebliche ‚Unsinn‘ über den Wächter.
Laurent nickte zufrieden, dann sah sie sich um. Der Nebel war hier oben zum Glück nicht allzu dicht. „Wir werden dort unter den Felshang ein Lager aufschlagen. Dort ist es etwas windgeschützt“, entschied sie schließlich. „Bei dem Nebel wird es vermutlich ein wenig dauern, einen Eingang zu der Ruine zu finden und meine Haare sind durch den Wind schon völlig zerzaust.“ Sie blickte in den Himmel. „Außerdem ist es kühl. Die Wolken halten sich hartnäckig am Himmel. Wir sollten ein Feuer machen.“
„Wie Ihr wünscht“, bestätigte ihr Diener und steuerte die besagte Stelle an. Dort löste er das zusammengerollte Zelt von dem Rucksack, um es aufzubauen.
Während sich Lady Laurent weit unter den Hang in den Windschutz zurückgezogen hatte und Stibbons Anweisungen gab, stellte sich Arlokh pflichtbewusst einige Schritte entfernt an den Zugang zu dem Berghang und hielt Wache.
Gerade als Laurent darüber zu jammernd begann, dass Stibbons es noch nicht geschafft hatte, ein Feuer zu entzünden, um ihr einen Tee zu kochen, damit sie ihre Teezeit nachholen konnte, klarte das Wetter auf. Am Himmel schienen sich die Wolken verzogen zu haben, und Sonnenlicht durchflutete die Szenerie, welches den Nebel langsam aufzulösen schienen.
„Stendarr ist uns hold“, rief Stibbons begeistert und suchte seine Erklärung bei den Göttern.
Laurent trat hervor und schirmte ihre Augen vor der Sonne ab. „Oder es ist einfach ein meteorologisches Phänomen“, warf sie als Möglichkeit ein.
Stibbons zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich ein markerschütterndes Brüllen ertönte. Es schien aus einiger Entfernung zu kommen, hallte aber so zwischen den Felsen wieder, dass man nicht heraushören konnte, aus welcher Richtung der Laut kam. Stibbons stieß einen spitzen Schrei des Schreckens aus. „Was war das?“
„Der Wetterumschwung hat vielleicht ein Untier aufgeweckt“, vermutete Arlokh. „Der Ruf könnte bedeuten, dass wir in seinem Territorium sind.“ Er dachte kurz nach. „Vielleicht ein Bergtroll.“
Stibbons glaubte nicht, dass der Ruf von einem Troll ausgestoßen worden war, und auch Arlokhs Stimme hatte nicht besonders überzeugt geklungen. So einen Schrei hatte Stibbons noch nie gehört, da war er sich sicher.
Lady Laurent trat ein paar Schritte an den Orksöldner heran. „Ich habe vollstes Vertrauen darauf, dass eure Klinge mit jeder Gefahr fertig wird“, sagte sie mit eindringlicher Stimme zu ihm. „So, wie ihr es versprochen habt.“
„Ich werde meine Klinge mit dem Blut jedes Wesens rot färben, welches euch zu nahe kommt“, bestätigte Arlokh. Er blickte sich suchend um und wirkte, als würde er sofort losstürmen, sobald sich der Gegner zeigte.
Laurent nickte zufrieden und wollte sich wieder Stibbons zuwenden.
„Am besten in werde die Gegend einmal auskundschaften“, sagte Arlokh plötzlich.
Lady Laurent hielt in der Bewegung inne und schaute den Ork überrascht an. „Ihr wollt uns alleine lassen?“, fragte sie skeptisch.
„Falls dieses Brüllen ein Versammlungsruf war, dann rotten sich jetzt vielleicht mehrere Trolle zusammen, um uns anzugreifen. Besser, ich erledige sie einem nach dem anderen, während sie auf dem Weg sind. Oder wollt ihr warten, bis wir von einer ganzen Gruppe Trolle angegriffen werden?“, grunzte Arlokh selbstsicher.
Laurent sah den Krieger forschend an. Sie hatte sich nicht lumpen lassen und gutes Sold führ einen erfahrenen Kämpfer bezahlt. Also würde sie auf sein Urteil hören. „Seid vorsichtig.“
Er nickte stumm und verschwand kurz darauf zwischen den Felsen.

Wenige Zeit später hatte Stibbons den Tee aufgebrüht und beobachtete, wie Lady Laurent an ihrer Tasse nippte.
Zufrieden nickte sie ihm zu. „Du verfügst nicht über sehr viele Talente, aber meinen Tee auch unter widrigen Umständen so schmackhaft zuzubereiten, gehört doch zu deinen Stärken“, lobte sie ihren Diener.
„Danke Herrin“, sagte Stibbons, zuckte aber plötzlich erschrocken zusammen, als erneut ein lautes Brüllen ertönte. Es klang wie das erste Brüllen, was sie gehört hatten, aber noch sehr viel angriffslustiger. Kurz darauf war ein zweiter Schrei zu hören, der jedoch anders klang und nicht von dem ersten Wesen ausgestoßen worden war. Dennoch schien auch der zweite Laut ein Angriffsschrei zu sein.
„Ich habe das Gefühl, Arlokh hat unseren Troll gefunden“, vermutete Lady Laurent und lauschte neugierig.
„Ich glaube nicht, dass es sich bei der Bestie um einen Troll handelt“, wagte Stibbons zu behaupten.
Die Adlige grübelte einen Moment. „Nun, ich glaube das auch nicht“, sagte sie schließlich. „Aber vielleicht hat Arlokh ja den Wächter gefunden. Und dies würde bedeuten, dass er den Eingang zu der Ruine gefunden hat.“
Stibbons sah Lady Laurent besorgt an. „Ihr habt doch nicht vor …“, wollte er seine Bedenken zum Ausdruck bringen, aber Laurent ließ ihn nicht ausreden.
„Wir werden uns das ansehen!“, entschied sie entschlossen. „Nimm den Rucksack mit und komm. Wir werden vielleicht das Brecheisen und die Laterne brauchen.“
„Ist das nicht viel zu gefährlich?“, fragte Stibbons ängstlich und schien plötzlich sehr viel kleiner geworden zu sein.
„Dieser Schrei verscheucht jedes andere Lebewesen und ich denke, das soll auch der Zweck sein. Hier gibt es keine anderen gefährlichen Bestien“, vermutete Laurent weiter. „Wenn es aber der Wächter ist, dann muss ich ihn sehen. Keine Sorge, Stibbons. Selbst wenn dir etwas passieren sollte, dann werde ich, sofern mein Herz noch in meiner Brust schlägt, dich von einem Nekromanten wiedererwecken lassen. Ich glaube, es würde keinen anderen gelingen, meinen Tee so schmackhaft anzurichten. Außerdem habe ich keine Lust, einen neuen Diener anzuwerben.“
Stibbons lachte leise, da er glaubte, Lady Laurent hätte einen Witz gemacht, aber als er in ihr Gesicht blickte, war er sich plötzlich nicht mehr so sicher. Der Gedanke, selbst über den Tod hinaus der Diener von Lady Laurent zu sein, war irgendwie verstörend.
„Los, beeil dich, Stibbons“, trieb sie ihren Diener an.
„Stenarr steh uns bei“, murmelte Stibbons. Dennoch gehorchte er und legte den Rucksack an, um Lady Laurent zu folgen.
Es war leicht, den Ort des Geschehens zu finden, denn schon bald hörten sie die Kampfgeräusche. Vorsichtig schlichen sich Laurent und Stibbons näher. Von einer Felsanhöhe konnten sie auf einen Teil der Ruine hinabblicken. Vor der Ruine befand sich der Orksöldner Arlokh im Zweikampf mit einer Kreatur.
Das Wesen gegen das Arlokh kämpfte, war bestimmt zwei Köpfe größer als der Ork, obwohl dieser ebenfalls nicht gerade klein war. Der Körper des Wesens war muskelbepackt und er schwang eine gewaltige, langstielige Doppelklingenaxt. Das bullige Gesicht und die Hörner machten Lady Laurent deutlich, um was für eine Kreatur es sich handeln musste, auch wenn sie so ein Wesen noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte.
„Ein Minotaurus“, kam es ihr über die Lippen.
Für Stibbons Geschmack klang die Stimme der Adligen viel zu begeistert. Stibbons wusste nicht viel über Minotauren, außer die zahlreichen Gerüchte, die von Abenteurern und Schatzsuchern verbreitet wurden. Demnach waren Minotauren schreckliche und gnadenlose Krieger, die mit Vorliebe jeden angriffen, der sich in ihre Nähe wagte.
Stibbons und Lady Laurent beobachteten den Kampf. Arlokh schlug sich tapfer und schien keinen Schritt weichen zu wollen, auch wenn der Gegner größer und mächtiger als der Ork zu sein schien. Doch der Minotaurus trug keine Rüstung, sondern nur einen einfachen Lendenschurz, während Arlokh einen Panzer aus orkischem Stahl trug. Dies schien den Kampf auszugleichen. Während die Axt des Minotaurus bereits einige Dellen in die Rüstung des Orkkriegers geschlagen hatte, blutete die gehörnte Kreatur aus mehreren Wunden, die ihm von Arlokhs Schwert zugefügt worden waren. Doch die Kampfkraft und Ausdauer des Minotaurus schien das bisher nicht besonders geschwächt zu haben.
Wieder ertönte das schreckliche Brüllen, ausgestoßen von dem Minotaurus, der seinen Gegner damit einschüchtern wollte. Doch Arlokh kannte scheinbar keine Frucht.
„Komm schon du hässliche Bestie! Bringen wir es zu Ende!“, rief er der Kreatur seinerseits entgegen.
Der Minotaurus kam der Aufforderung nach. Er schwang die Axt über seinen Kopf und ließ sie auf Arlokh niedersausen. Der Ork wich im letzten Moment aus und die Axt führ neben ihm in den Boden. Arlokh nutzte diese Gelegenheit, um seinen Gegner zu entwaffnen. Mit einem gezielten und wuchtigen Hieb schlug er auf den Stiel der Waffe ein, der lautstark zersplitterte.
Etwas irritiert starrte der Minotaurus auf seine zerstörte Waffe, dann zog Arlokh sein Schwert über die Brust der Kreatur und drängte ihn weiter zurück.
Arlokh atmete einen Moment durch. „Du bist erledigt, Monster! “, verhöhnte er das gehörnte Wesen. „Meine Rüstung besteht aus gehärtetem Orichalcum. Ohne deine Axt hast du keine Chance, sie zu durchdringen!“
Der Minotaurus schnaufte und scharrte wütend mit den Hufen. Die Wunde auf seiner Brust blutete und sicher empfand er Schmerz, doch auch für ihn schien Aufgeben so undenkbar zu sein wie für den Ork. Plötzlich hob er eine seiner gewaltigen Pranken und seine Lippen bewegten sich murmelnd.
Der Ork wollte gerade wieder auf den Minotaurus losgehen, da begann seine Rüstung in einem magischen Licht aufzuleuchten.
„Bei Malacath!“ rief Arlokh überrascht. „Was ist das?“
„Zauberei“, erkannte Lady Laurent, doch der Ork war zu weit entfernt, um das geflüsterte Wort zu hören.
Als das Licht verschwand, war auch die Rüstung des Orks verschwunden. Nur die Unterkleidung aus Stoff war ihm geblieben. Der Zauber des Minotaurus hatte seine Rüstung einfach aufgelöst.
Noch während Arlokh versuchte zu begreifen, stürmte der Minotaurus heran und spießte den Ork mit seinen Hörnern auf. Das Schwert fiel zu Boden.
Lady Lautent legte erschrocken eine Hand auf ihren Mund, während Stibbons einen spitzen Schrei ausstieß.
Beide Hörner hatten die Brust den Orks durchstoßen und er hing aufgespießt auf den Hörnern des Minotaurus. Einen Moment zappelte er noch, dann erschlaffte sein Körper. Für Arlokh gab es keine Hoffnung mehr.
Der Minotaurus schüttelte die Leiche ab und schleuderte sie zur Seite. Der Blick der gehörnten Kreatur wanderte langsam hinauf zu Laurent und Stibbons. Scheinbar hatte er den erschrockenen Schrei des Dieners gehört. Seinem Blick folgte wieder ein markerschütterndes Brüllen, so als wollte er davor warnen, erneut herausgefordert zu werden. Dann sammelte er die Bruchstücke seiner Axt ein und bewegte sich auf die Ruine zu. Hier positionierte er sich vor einer Öffnung, die tatsächlich ein Eingang in die alte Festung war.

„Er hat uns gesehen“, meinte Stibbons und konnte seine Besorgnis kaum verbergen. „Wir sollten hier verschwinden.“
„Er greift uns aber nicht an“, erkannte Lady Laurent das Offensichtliche. Sie blickte weiter auf die Ruine und den Minotaurus herab, der fast bewegungslos vor dem Eingang wachte, den die Adlige gerne nehmen würde, um in die Ruine vorzudringen. „Seltsam“, grübelte sie vor sich hin. „Was ist seine Motivation?“
„Seine Motivation? Er ist eine Bestie! Wer versteht schon die Motive einer Bestie?“ Stibbons verstand nicht, warum sie immer noch hier waren. Ohne den Söldner als ihren Schutz, waren sie solchen Gefahren wie dem Minotaurus schutzlos ausgeliefert.
„Stibbons, versuch doch einmal deinen Kopf zum Denken zu benutzen“, entgegnete Lady Laurent mit belehrender Stimme. „Jemand der Wache steht, braucht auch etwas, das er bewacht. Also wieso bewacht er diese Ruine? Was beschützt oder versteckt er?“
„Einen Schatz? Gold und Edelsteine?“, vermutete Stibbons.
„Vielleicht. Aber er sieht nicht so aus, als ob er sich viel aus Reichtümern machen würde. Nun gut, wir müssen herausfinden, was er will.“ Laurent sah Stibbons ungerührt an. „Geh hinunter und rede mit ihm.“
„Mit ihm reden?“ Stibbons glaubte für einen Moment, dass Lady Laurent es nicht abwarten konnte, aus ihm einen untoten Diener zu machen. „Was sollte ihn daran hindern mich zu töten, so wie er es mit Arlokh gemacht hat?“
„Nun, was sollte ihn davon abhalten hier hinaufzukommen und uns zu töten? Warum auch immer, er tut es nicht. Außerdem ist er fähig Magie zu wirken. Das passt alles nicht unbedingt zu einer Bestie. Und wenn er keine ist, dann kann man vielleicht mit ihm reden. Wir müssen es zumindest versuchen!“
Stibbons lag der Vorschlag auf den Lippen, dass sie doch selbst hinunter gehen solle, um mit dem Minotaurus zu reden, doch er sprach ihn nicht aus. Der unterschiedliche Stand zwischen ihm und der Adligen machten klar, dass er derjenige sein musste, der sich in Gefahr begab. Eigentlich war das auch nicht neu für ihn. Doch immer noch lag Arlokhs Leiche dort unten und mahnte davor, was sehr bald schon ihm selbst widerfahren könnte.

Stibbons setzte einen Fuß vor den anderen und fühlte sich dabei, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung spazieren. Wer sagte ihnen überhaupt, ob dieser Minotaurus ihn verstehen würde. Und selbst wenn, war er fähig zu antworten?
Nervös strich er sich über seinen Glatzkopf. Außer einen Kranz schwarzer Haare war ihm nicht viel auf dem Kopf geblieben. Als er seinen Dienst für Lady Laurent vor vielen Jahren angetreten hatte, waren noch sehr viel mehr Haare auf seinem Kopf gewesen. Vielleicht lag es an Situationen wie diesen, dass sie ihm ausgegangen waren.
Vorsichtig schob er seinen Kopf an einem Felsen vorbei. Der Minotaurus stand ungefähr zwanzig Meter von ihm entfernt vor der Ruine und rührte sich nicht. Erst als Stibbons hinter dem Fels hervorgetreten war, schnaufte die Kreatur ungehalten.
Auf wackligen Beinen machte Stibbons noch zwei Schritte auf die Kreatur zu, blieb aber abrupt stehen, als er bemerkte, wie der Minotaurus begann, mit einem seiner Hufen über den felsigen Boden zu schaben.
Er entschied sich also einfach von hier aus mit ihm zu sprechen. „Oh großer Minotaurus“, rief er der hünenhafte Gestalt zu. „Ich und meine Herrin, die ehrenwerte Lady Clarisse Laurent, sind friedliche Forscher aus dem fernen Bretonien. Wir sind einen weiten Weg gereist, um diese Ruine zu erforschen. Sag uns, was verlangst du, damit du uns hinein lässt?“
Der Minotaurus streckte dem Diener seinen gehörnten Kopf entgegen und brüllte ihn mit dem Lärm von tausend Posaunen an.
Auch wenn Stibbons mehrere Meter von ihm entfernt war, glaubte er zu spüren, wie der Atem der Kreatur ihm ins Gesicht schlug. Für ihn war dieses Brüllen das deutliche Zeichen, sich aus dem Staub zu machen. Er wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte davon.
Der Minotaurus schnaufte zufrieden.

„Es tut mir leid!“, versuchte sich Stibbons in weinerlichem Tonfall zu entschuldigen, nachdem er zurück zu Lady Laurent gelaufen war. „Er wirkte wirklich nicht so, als wäre er an einer Unterhaltung interessiert.“
Die Adlige winkte ab. „Schon gut, Stibbons. Ich habe alles gesehen. Auch wenn du lediglich erneut deine Feigheit bewiesen hast, so habe ich doch gesehen, was ich sehen musste.“
„Was meint ihr?“, fragte er überrascht.
„Es ist wie du selbst erkannt hast. Er ist nicht an unseren Worten interessiert, vielleicht versteht er sie gar nicht. Sein Brüllen soll deutlich eine abschreckende Wirkung haben. Auch scheint er nicht am Töten interessiert zu sein, sofern man nicht versucht, die Ruine zu betreten“, entschlüsselte Lady Laurent das, was sie beobachtet hatte.
„Aber er hat Arlokh getötet?“, gab Stibbons immer noch atemlos zu bedenken.
„Arlokh ließ sich von dem Brüllen des Minotaurus nicht erschrecken. Er kannte keine Angst. Ich vermute, er trat dem Minotaurus offen entgegen und forderte ihn zum Kampfe, so wie es seine Art war. Sein Mut hat ihn am Ende umgebracht. Deine vorhersehbare Feigheit hingegen hat dir das Leben gerettet“, erklärte Laurent weiter ihre Vermutung.
Stibbons machte große Augen. Manchmal kam er sich wie einer dieser armen Mäuse vor, welche die Zauberer von Winterfeste für ihre Experimente missbrauchten. „Was wenn ihr euch geirrt hättet?“, fragte er seine Herrin.
Lady Laurent hob demonstrativ den Kopf. „Mach dich nicht lächerlich, Stibbons. Ich irre mich nie!“ Dann drehte sie auf dem Absatz herum und schritt zurück zum Lager. „Komm schon, Stibbons. Wir müssen eine Reise planen.“
„Eine Reise planen?“ Verwirrt stolperte der Diener hinter ihr her. „Wir sind doch von dieser Reise noch gar nicht zurück.“
„Wir werden auch nicht nach Hochfels zurückkehren. Noch nicht. Wir müssen Informationen über diesen Minotaurus sammeln. Es gibt einen Grund für das, was er tut, und das ist der Schlüssel, um in die Ruine vorstoßen zu können“, erklärte Lady Laurent.
Derweil erreichten sie ungehindert ihr Lager. Der Minotaurus schien tatsächlich kein Interesse an ihnen zu haben, sofern sie sich von der Ruine fernhielten.
„Und wo wollt ihr diese Informationen herbekommen?“, wollte Stibbons wissen.
„Aus einer Bibliothek natürlich. Das ist doch wirklich nicht schwer zu erraten.“ Sie legte einen Zeigefinger an ihr Kinn und grübelte. „In den Bibliotheken der Kaiserstadt würden wir sicher fündig werden, allerdings ist dies keine Option. Dank des Krieges steht die Stadt unter Belagerung. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. Hmm, wir werden wohl eine Seefahrt machen müssen.“
„Oh Nein!“, jammerte Stibbons. „Ihr wisst doch, dass ich so schnell seekrank werde.“
„Stell dich nicht so an. Du wirst es überleben, so wie immer.“
 
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