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Behemoth

Kurzbeschreibung
GeschichteHorror, Übernatürlich / P18 / Mix
Engel & Dämonen
11.11.2022
28.11.2022
17
59.570
1
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24.11.2022 4.495
 
Kapitel 11: Das Versprechen



Das erste Omen: Ein Beben nie dagewesenen Ausmaßes wird die Erde erschüttern.



Michael hat ein ungutes Gefühl, als der neue Tag auf der Erde anbricht. Es ist keine direkte Bedrohung, die er bemerkt hat, auch gibt es keinen Grund für seine Unruhe, aber da ist diese untergründige Beunruhigung, die sich immer zeigt, wenn etwas Schlimmes passiert. Er hat nicht die Gabe der Voraussicht, das haben nur die obersten Engel der höchsten Hierarchiestufe. Sie liefern die Voraussagen, die sie im Namen des Herrn verkünden. Diese Art von Voraussage, die den Fall eines Engels ankündigt… Die Omen dafür sind immer noch nicht alle sichtbar geworden, aber Michael ahnt Übles.

So übel wie die schwarze Präsenz, die sich urplötzlich als Nebel vor der Himmelspforte manifestiert und die Wächter ihre Schwerter ziehen lässt. Michael eilt zur Pforte und zieht seine Waffe ebenfalls, als sich zwei Gestalten formen, die er im Leben nicht hier erwartet hätte. Da sind Luzifer und sein Stellvertreter Belial. Um überhaupt in die Nähe der Pforte kommen zu können, müssen sie große Macht angesammelt haben. Die Art von Macht, die von der Angst der Menschen genährt wird. Je mehr sich die Menschen vor den Dämonen fürchten, desto mehr Frechheiten können sie sich erlauben.

Luzifers Gesicht ähnelt dem, das er als Erzengel trug, aber seine rechte Hälfte ist entstellt. Noch hat er nicht zu alter Stärke zurückgefunden. Michael hebt sein Schwert und bewegt sich auf ihn zu, um ihn im Falle eines Angriffs direkt bekämpfen zu können, aber Luzifer streckt lediglich beide Arme aus und lässt sein charmantes Lächeln sehen, das Michael innehalten lässt. Es ist Gabriel, der ihn zur Seite schiebt und unbewaffnet auf den König der Hölle zukommt, um ihn abschätzig von oben bis unten zu mustern.

„Was hast du hier zu suchen?“, fragt er frei heraus, da zuckt Luzifer nonchalant die Achseln und hebt beide Augenbrauen. Dieses Schauspiel passt zu seinem Hang zur Theatralik, findet Michael. Alles an ihm schreit nach Dramatik. „Antworte!“

„Ich schaue nur kurz vorbei, um mich zu vergewissern, dass der Verräter noch hier bei euch ist – oder vielleicht möchte er sich ja schon zeigen und direkt mitkommen, das würde einiges erleichtern“, erklärt Luzifer süffisant und stemmt die Hände in die Hüften. Seine schwarzen Flügel sind löchrig und sehen denen eines Drachen ähnlich. Eine der vielen Ausgeburten der menschlichen Fantasie. „Oh? Die niederen Engel schauen ja ein wenig überrascht aus? Wisst ihr es etwa noch nicht?“

„Doch, sie wissen es“, erklärt Gabriel schnell und baut sich vor Luzifer auf. Belial stürmt nach vorne, kann Gabriel aber nicht berühren. Er belässt es bei einem zähnefletschenden Knurren und weicht zurück. „Es gibt keine Anzeichen für einen Engel, der uns verraten wird. Die Omen sind nicht alle eingetreten. Die Voraussage muss fehlerhaft sein, genau wie die Offenbarung des Johannes.“

„Tch, Gabriel…“, spuckt Luzifer aus und schnalzt einmal mit der Zunge. „Du hast es immer noch nicht verstanden, oder? Nichts passiert ohne Grund und unmotiviert. Manchmal muss man die Voraussage selbst interpretieren und die Anzeichen eigenhändig in Gang setzen, sonst wird das nie was. Die Prophezeiung muss sich im Prinzip selbst erfüllen. … Geduld war noch nie meine Stärke, aber wem erzähle ich das, hm?“

„Geh zurück in das Loch, aus dem du gekrochen bist“, dröhnt Raphaels Stimme aus der Mondsphäre hervor, und kurz darauf ist der Erzengel zu sehen, dicht gefolgt von Uriel, die ihr Schwert bereits in der Hand hält und bereit für den Angriff scheint. Michael will nicht, dass die Situation ausgerechnet vor der Himmelspforte eskaliert, aber er kann nicht weiter darüber nachdenken, als Luzifer noch einmal ein einnehmendes Lächeln aufsetzt und schließlich direkt in seine Augen sieht.

„Ich werde die Welt erneut mit Chaos überziehen, weil ich die Omen so schnell wie möglich auftauchen sehen möchte“, erklärt er. „Das Beben am Jüngsten Tag war nicht das Beben, das in der Voraussage als Omen für den fallenden Engel genannt wurde. Bis jetzt ist noch kein weiteres Omen aufgetaucht, also muss ich tätig werden. Da ihr nicht in die irdischen Belange eingreifen dürft, wird es mir ein Vergnügen sein, eure Verzweiflung zu beobachten. Die Menschen haben euch höchstselbst verboten einzugreifen – wie kann man nur so töricht sein? So etwas habt ihr verteidigt! Denkt mal darüber nach.“

„Wage es dich nicht“, spuckt Gabriel herrisch aus und nähert sich Luzifer, aber der lässt sich davon überhaupt nicht beeindrucken.

„Oh, und wie ich es mich wagen werde, Gabriel“, säuselt Luzifer und schlägt kokett die Augen auf. „Seht und staunt, meine teuren Freunde. Von euren geliebten Menschen ist bald nicht mehr viel übrig, und ihr seid zum Zusehen verdammt. Und das alles nur, weil einer von euch ein Verräter ist, sich aber nicht zeigen will. Vielleicht gibt es ihm ja zu denken, wer weiß.“

Michael reckt sich ein Stück vor und beobachtet die Erde, die just in dieser Sekunde von einem Beben erschüttert wird. Selbst aus dieser Entfernung kann er sehen, wie zahlreiche Gebäude in sich zusammenstürzen und unschuldige Seelen unter sich begraben. Kurze Zeit später trifft der Großteil dieser Seelen vor der Himmelspforte ein und will hineingelassen werden. Michael hebt den Kopf und wird von Luzifers Blick getroffen.

„Wir sehen uns“, sagt er mit sanfter Stimme. „Versprochen.“

Dann verschwindet er ohne ein weiteres Wort in dem Nichts, aus dem er hergekommen ist. Gabriel übergibt den Wächtern der Pforte die Aufgabe, die Menschenseelen in ihre Sphären aufzuteilen, damit alles seinen geordneten Gang gehen kann. Michael kann nicht mitzählen, so schnell kommen die Massen bei ihnen an und bitten um Einlass. Er hat das Bedürfnis, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und will sich kopfüber auf die Erde stürzen, wird aber in letzter Sekunde von Gabriel zurückgehalten.

„Wir müssen uns beraten, bevor wir irgendetwas Unüberlegtes tun, hörst du mich?“, mahnt er und packt Michaels Schulter. „Wir können uns keinen Fehler mehr erlauben. Und erinnere dich an die Absprache, die wir mit den Menschen getroffen haben. Es ist uns untersagt, einfach ins irdische Geschehen einzugreifen. Sie haben den freien Willen gewählt.“

„Und wenn diese Entscheidung offensichtlich die falsche war?“, hält Michael dagegen und klammert sich am Griff seines Schwertes fest. „Sind wir nicht da, um die Menschen zu schützen, selbst wenn sie sich irren und ihre Arroganz sie zu einem Fehler verleitet? Gibt es denn keinen Grund, um ihnen diesen Fehler zu verzeihen?“

Bevor Gabriel antworten kann, hören sie hinter sich laute Stimmen. Schnell drehen sie sich um und sehen noch in der letzten Sekunde, wie sich einer der Hashmalim eilig aus dem Himmelreich auf die Erde stürzt und in die Erdatmosphäre eintritt. Michael, Gabriel und Uriel folgen ihm sofort, um ihn vielleicht noch einfangen zu können.

War das etwa der Verräter, der Luzifer gefolgt ist?



***



Das Gefühl in diesem Keller ist beklemmend. Idris kommt sich vor, als würde er kaum Luft bekommen, aber das muss an der Präsenz eines größeren Dämons liegen, der die Umgebung mit seiner negativen Energie verpestet. Die kleineren Dämonen ohne besonderen Rang hat Ayesha bereits exorziert, auch hat sie die befreiten Ecken mit Weihwasser bespritzt, damit der Dämonenbefall sich so schnell nicht wiederholt. Er wiederum ist schon allein in den Keller vorgedrungen, um sich umzusehen, obwohl er längst weiß, dass der große Fisch hier unten hockt und sich versteckt.

Idris atmet flach, um nicht noch mehr des Gestanks in sich aufzunehmen. Je stärker ein Dämon, desto intensiver ist der Gestank nach Schwefel und Verwesung in seinem Revier. Wenn er nah genug dran ist, kann er den Geruch nicht mehr ignorieren oder mit naiven Hilfsmitteln wie Geruchssalz abblocken. In seinen Händen liegt der geweihte Einhänder, an dessen Klinge bereits das schwarze Blut vernichteter Dämonen klebt. Wenn sie hier raus sind, muss er es in die Reinigung geben, um die Spuren beseitigen zu lassen.

Der Keller ist muffig und die Atmosphäre ist dicht und schwer. So dicht, dass ihm das Atmen noch schwerer fällt als vor wenigen Minuten. Die Treppenstufen aus Holz knarzen bei jedem seiner Schritte. Etwas weiter weg kann er eine Ratte hören, die vor ihm flüchtet. Idris konzentriert sich auf die Finsternis vor ihm und richtet seine Augen auf den Treppenabsatz, vor dem er eine Bewegung in der Dunkelheit ausmachen kann. Zwei rote Augen tauchen urplötzlich vor ihm auf und starren ihn an. Er holt aus und will den Dämon mit der Klinge angreifen, da schreckt dieser schnell zurück. Idris spürt den Widerstand; er muss ihn erwischt haben, aber nur oberflächlich.

„Exorzist“, sagt der Dämon mit dunkler Stimme, während Idris eine Hand von seinem Schwert löst und nach seiner Taschenlampe greift. Er knipst sie an und lässt den Lichtkegel einmal durch den Keller schweifen. Etwa zehn Meter von ihm entfernt lauert ein großer Dämon mit hässlichem Gesicht, in dem ein Schnabel glänzt. Die Haare auf seinem Kopf bestehen aus sich bewegenden Schlangen, die Idris nicht detailliert ausmachen kann. Dieser da heißt Charun und ist ein Dämon des Todes. Ein mächtiges Wesen, das schon lange existiert und welches das Konzil seit Jahren sucht, um es zu exorzieren. Idris hat nicht hier mit ihm gerechnet. Er muss schnell mit Ayesha hier raus. „Von dir habe ich schon gehört, Exorzist. Willst du wissen, wie deine Zukunft aussieht?“

„Nein“, sagt Idris nüchtern und lässt sein Schwert sinken. Charun ist geschwächt, sonst würde er sich nicht hier unten verstecken und ihn mit Konversation hinhalten. Wenn er es geschickt anstellt, dann kann er ihn hier und heute exorzieren und sie wären das Problem los, bevor es zu einem richtigen Problem werden kann. Gleichzeitig hält er sich zurück, weil er nicht weiß, wo sich Ayesha gerade befindet. Sie könnte ins Gefecht geraten. Hin und her gerissen harrt er aus und wartet auf den Dämon.

„Komm her und versuche es, Exorzist“, schnarrt Charun süffisant. „Ich will wissen, wie dein Fleisch schmeckt.“

Bevor Idris angreifen kann, geht hinter ihm die Tür zum Keller auf. Der Lichteinfall blendet seine Augen und lässt ihn das Gesicht verziehen. Sie müssen ganz dringend hier weg.

„Idris, bist du hier?“, fragt Ayesha nichtsahnend, da bricht vor Idris im Keller das Chaos aus. Voller Gewalt reißt Charun die Kellerwände ein, um sich den Weg nach draußen zu buddeln, was er auch innerhalb weniger Minuten schafft, in denen Idris die Treppe nach oben stolpert, um Ayesha am Arm zu packen und sie nach draußen zu zerren. Das Gebäude wird instabil, einige Wände brechen schon in sich zusammen, während der Rigips von den Decken fällt und sie beide erschlägt, wenn sie sich nicht beeilen.

Sie kommen zur großen Doppeltür des Gebäudes, durch die sie vor wenigen Stunden eingetreten sind. Idris stößt Ayesha mit voller Kraft nach draußen und schafft es selbst in der letzten Sekunde, in die verregnete Kälte zu springen, wobei er sich und Ayesha zu Boden reißt und sich über ihren Oberkörper begibt, um ihren Kopf zu schützen. Das Gebäude bricht in sich zusammen und spuckt dicke Staubwolken aus, auch fliegen Splitter und Scherben wie Geschosse an ihnen vorbei. Es dauert eine Weile, bis es wieder ruhig wird. Idris lässt sich zur Seite fallen und lässt von Ayesha ab. Schwer atmend liegt er neben ihr und rappelt sich schon wieder auf, als er den Flügelschlag des Dämons über sich hören kann. Die Flügel sind verletzt, deshalb schlingert Charun, als er sich in den Wald vorkämpft und zwischen den Bäumen versteckt. Ein angsteinflößender Blick geht in Idris’ Richtung.

„Wir sehen uns wieder, Exorzist“, schnappt Charun bedrohlich. „Und dann werde ich dir sehr wehtun, versprochen.“

Seine roten Augen sehen für den Bruchteil einer Sekunde an Idris vorbei, dann setzt Charun ein breites Grinsen auf und setzt zum Sprung an. Der Dämon schwingt sich in die Luft und macht sich eilig davon, indem er über die Baumwipfel hinwegklettert und kurze Strecken fliegt. Idris kann seinen verärgerten Blick erst von ihm lösen, als er ein Ächzen hinter sich hört. Er dreht sich eilig um und sieht noch, wie sich Ayesha aufrappelt und den Dreck von ihrem Anzug klopft.

„Meine Fresse, der hat ja miese Laune“, schnauft sie und wischt sich eine Strähne aus der Stirn. Idris streckt die Hand aus und entfernt ein Blatt aus ihrem Haar, was sie nicht weiter kommentiert, sondern lediglich mit einem peinlich berührten Räuspern quittiert. Ihr Blick wandert einmal an ihm herab, dann weiten sich ihre Augen, als sie an seiner Hand hängenbleibt. „Scheiße, wisch das sofort ab!“, ruft sie und kramt ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche hervor, während sie schon nach seiner Hand greift. Erst, als er das schwarze Blut auf seiner Haut sieht, beginnt diese zu brennen.

Idris’ Haut ist mit vielen feinen Narben übersät, weil es niemand schafft, sich immer an die oberste Regel zum Eigenschutz zu halten. Der Spritzer, der einmal über seinen linken Handrücken geht, schmerzt und ist blutrot. Noch etwas länger, dann hätte sich das schwarze Blut bis unter seine Haut geätzt und ihn womöglich vergiftet.

Ayesha wischt seine Hand gewissenhaft ab und verteilt etwas Weihwasser über der geröteten Haut, dann packt sie das Tuch mit spitzen Fingern und wirft es auf den Boden vor sich.

„Das Zeug stinkt“, stellt sie naserümpfend fest.

Idris schweigt, dann nickt er ihr kurz zu.

„Wie viele hast du erwischt?“, fragt sie mit dem Anflug eines schelmischen Grinsens im Gesicht.

„Das ist kein Wettbewerb“, hält er neutral dagegen, da knufft sie ihn mit dem Ellbogen einmal kurz in den Oberarm.

„Komm schon, sei kein Spielverderber“, drängt sie ihn. „Ich habe heute vierzehn Dämonen erledigt. Erst fand ich die Zahl dreizehn irgendwie ironisch und wollte damit schon nach draußen gehen, um auf dich zu warten, aber dann habe ich doch noch einen gefunden, weil du nicht hinne gemacht hast.“

„Es ist egal, wie viele ich erwischt habe – diesen einen habe ich nicht erwischt, dabei wäre er der Hauptgewinn gewesen“, sagt Idris und sieht zur Ruine des Gebäudes, von dem nach Charuns Flucht gar nicht mehr viel übrig ist. Eine Sekunde später und sie wären von den herabfallenden Trümmerteilen womöglich begraben worden. ‚Glück im Unglück‘ sagt man angeblich dazu. Idris fragt sich, wann sein Glück zu Ende ist, jetzt, da ihm ein hochrangiger Dämon ein Versprechen gegeben hat.

Abgelenkt steckt er sein Schwert zurück in die Schwertscheide und wirft es sich an seinem Riemen über die Schulter, danach klopft er seinen Anzug auch einmal von oben bis unten ab, um die gröbsten Spuren des Drecks loszuwerden. Der Stoff ist mit feinen Matschspritzern bedeckt, genau wie bei Ayesha. Das zusammengebrochene Gebäude staubt immer noch, aber der einsetzende Nieselregen hält die Verbreitung von Dreck in Grenzen. Ayesha macht ein genervtes Geräusch hinter ihm und kramt in ihrer Tasche, um das Mobiltelefon hervorzuholen. Wie vereinbart setzt sie sich mit dem Hauptquartier des Konzils in Verbindung, um Meldung zu machen.

Idris hebt derweil den Kopf und sieht sich um. Die Dämonen verstecken sich vielleicht noch in den Baumwipfeln, aber die kleinen von ihnen haben sie offenbar in den Trümmern begraben. Den großen Fisch hat er sich durch die Lappen gehen lassen, dabei saß Charun auf dem Präsentierteller vor ihm. Er war geschwächt, aber nicht schwach genug. Allein hätte Idris ihn heute vermutlich nur mit Glück exorzieren können, aber eine so große Aufgabe kann er Ayesha noch nicht aufbürden. Mit einem erfahrenen Partner hätte er es schaffen können, aber der Schutz seiner Rekrutin hat Vorrang. Er möchte nicht dieselbe Erfahrung wie Enyaba machen.

Außerdem hat er vor den Kardinälen geschworen, dass er das Leben seiner Rekrutin immer priorisieren wird. Er hat nicht vor, diesen Schwur zu brechen.

„Hey, hast du gehört?“, fragt Ayesha und tippt ihn an die Schulter. „Wir sollen zurück ins Hauptquartier kommen und Meldung machen.“

„Hm“, macht er und geht los. Ayesha folgt ihm und steckt ihr Telefon zurück in ihre Tasche, als sie um die Ruine herumgehen und schließlich den Dienstwagen entdecken, auf dem ein großes Stück der Hauswand liegt. Auf diesem Trümmerteil sitzt ein mittelgroßer Dämon und hüpft auf und ab, um das zertrümmerte Auto noch weiter zu zerstören. Idris nutzt seine Ablenkung, zieht das Schwert und geht schnellen Schrittes auf den Wagen zu. Mit einem Hieb schlägt er dem Dämon den Kopf ab und lässt ihn zu Staub zerfallen.

„Dieser Scheißkerl!“, ruft Ayesha hinter ihm und schließt zu ihm auf. Mit der freien Hand deutet sie auf das Autowrack und verzieht das Gesicht. „Das hat er doch mit Absicht gemacht! … Ich rufe mal im Hauptquartier an, vielleicht kann uns jemand einsammeln…“

Ayesha zückt erneut das Telefon, während Idris einmal um den Wagen herumschreitet. Da hat der Dämon tatsächlich ganze Arbeit geleistet. Aus irgendeinem Grund findet er den Anblick des zertrümmerten Dienstwagens eher amüsant als ärgerlich, aber er hält sich zurück und wartet, bis Ayesha zu Ende telefoniert hat. Sie sieht schon während ihres Gesprächs nicht begeistert aus und stemmt ihre freie Hand in ihre Hüfte, in der Armbeuge hat sie die Hellebarde eingeklemmt. Ihr dunkelblondes Haar ist zu einem Zopf gebunden, den sie wiederum geflochten hat. Ihr Zopf reicht bis zwischen ihre Schulterblätter und einzelne Strähnen fallen in ihr Gesicht.

Das Hemd und das Jackett sind eine Nummer zu groß, auch trägt sie ihre Krawatte ein wenig zu locker über dem geöffneten obersten Hemdsknopf. Die Spritzer der nassen Erde lassen sie aussehen, als wäre sie geradewegs aus einem Erdloch gekrochen. Idris selbst sieht nicht besser aus, seine Uniform hat einiges abbekommen und er spürt einen stechenden Schmerz in seinen Knien, mit denen er vorhin beim Sprung als erstes draußen aufgekommen ist. Heute Abend muss er vermutlich einen Kühlakku aus seinem Gefrierfach bemühen.

„Sie können uns keinen Ersatzwagen bringen, der Fuhrpark ist ausgelastet – die Dämonen scheinen heute durchzudrehen“, sagt sie missmutig und steckt ihr Telefon zurück in ihre Hosentasche. „Was jetzt?“

„Wir laufen“, stellt Idris fest und setzt sich kurzerhand in Bewegung. Hinter sich hört er, wie sie entrüstet „Wie bitte?!“ ruft, dann aber losläuft, um zu ihm aufzuschließen. Ayesha legt ihre Hellebarde mit dem Stiehl über ihre Schulter und geht zeternd neben ihm her.

„Wir sind schon eine Stunde mit dem Auto gefahren, bis wir hier waren – wie lang willst du denn jetzt zurücklaufen? Da sind wir doch morgen früh noch unterwegs“, schnappt sie mies gelaunt und stapft neben ihm her, der sich unbeirrt in beide Fahrtrichtungen umsieht und dann die große Hauptstraße im Industriegebiet überquert. Hier ist kaum etwas los, zum Glück wohnt auch niemand hier, weil das Nest alle Menschen in die Flucht getrieben hat. Schweigend setzt er einen ersten Fuß auf den gegenüberliegenden Bürgersteig und versucht aus der Erinnerung heraus zurück Richtung Innenstadt zu navigieren. Ayesha darf nichts von seinem Glücksspiel erfahren, sonst tritt sie vermutlich noch in Sitzstreik.

Murrend läuft sie ihm nach und klammert sich an ihrer Hellebarde fest, die senkrecht aufgestellt ein Stück größer ist als sie. Ayesha reicht ihm gerade einmal bis zur Schulter, aber sie ist geschickt und flink. Aus diesem Grund hat er sie ausgesucht, als man ihm die metaphorische Pistole auf die Brust gesetzt hat. Die Akademie-Schüler hatten einen Tag lang ein Nahkampftraining im Gym absolvieren müssen – das war die Deadline, bis wann er sich einen Rekruten aussuchen sollte. Da es sein erster Rekrut werden sollte, durfte Idris die Wahl treffen. Normalerweise werden die Rekruten einfach nach Zufallsprinzip zugeteilt. Wahrscheinlich dachten die Kardinäle, dass sie ihn damit locken und schneller eine Entscheidung aus ihm herauskitzeln würden, aber er wollte eigentlich keinen Rekruten.

Nicht, weil er nicht lehren will, sondern weil er nicht weiß, ob er es überhaupt kann.

„Wollen wir wetten, wie lange unser Fußweg dauert?“, fragt Ayesha nach einer Weile neben ihm und pustet sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich tippe auf eine Dekade. Jetzt du.“

Idris schweigt.

„Wie hieß der Dämon vorhin eigentlich, der da im Keller war? War er die mächtige Entität, die wir aufspüren sollten?“, will sie wissen, als er nicht auf ihr Geplapper eingeht.

„Charun“, sagt er knapp.

„Huh…“, macht sie und zieht ein nachdenkliches Gesicht, wie er im Augenwinkel erkennen kann. „Der Todesdämon? … Ist das nicht der, über den ich die ganzen Akten wälzen musste? Moment mal!“ Sie deutet mit dem Zeigefinger auf sein Gesicht, dann knufft sie ihn in den Oberarm. „Hast du das gewusst?“

„Nein, ich hatte bloß eine Vorahnung“, sagt er wahrheitsgemäß. Er hat sich alle Zeitungsartikel über Dämonensichtungen in dieser Gegend durchgelesen, und zwar über Wochen hinweg, seit er das Nest zugeteilt bekommen hat. Je eher man sein Ziel im Blick hat, desto besser. „Es hat sich bloß bei den Sichtungen und gezielten Beobachtungen immer mehr so angehört, als wäre es der Todesdämon. Oder jedenfalls einer davon.“

„Jetzt tu doch nicht so bescheiden“, neckt sie ihn scherzhaft und zwinkert einmal. „Gib ruhig mal ein bisschen mehr an, sonst denken sich die Leute noch mehr Geschichten über dich aus. Je mehr sie über die Wahrheit wissen, desto besser. Die Wahrheit ist nämlich ausreichend.“

Idris weiß, dass sich die Leute Geschichten ausdenken, wenn der Tag lang ist. Manchmal erzählt Enyaba ihm einige der Gerüchte, die über ihn die Runde machen, aber er hört die meiste Zeit bei diesem Thema sowieso nicht zu. Er ist nur hier, um seine Arbeit zu machen, und nicht, um irgendwen zu beeindrucken. Auch das ist ein weiterer Faktor, wegen dem er Ayesha ausgesucht hat – sie hat sich als einzige skeptisch gegenüber den ganzen Geschichten über ihn geäußert, wie ihm Herr Marwan zugetragen hat. Immer, wenn einige seiner Manöver angesprochen wurden, hat Ayesha gefragt, ob sie überhaupt realistisch wären. Es nützt nämlich nichts, wenn jeder von ihnen einem unerreichbaren Ideal nacheifert, statt das zu liefern, was möglich ist. Das ist immer noch mehr als genug.

„Hast du je zum Spaß selbst eines dieser Gerüchte in die Welt gesetzt, um zu gucken, was die Leute alles glauben, solange dein Name genannt wird?“, fragt sie dann neugierig, aber er reagiert nicht auf die Frage. Was soll er auch dazu sagen? Er hat keine Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen. „Komm schon, sei kein Troll. Ich würde das an deiner Stelle machen, einfach, um mir ins Fäustchen zu lachen. Wäre doch zum Schießen.“

Idris schweigt immer noch, weil ihm nichts Gescheites dazu einfällt.

„Warum bist du eigentlich Exorzist geworden? Da wir die nächsten zehn Jahre mit Laufen beschäftigt sind, können wir ja auch über Privates reden, oder?“, fragt sie beiläufig und steckt eine Hand in ihre Hosentasche, da bleibt er stehen. „Warum bleiben wir stehen?“, will sie angespannt wissen und sieht sich um, da deutet er mit dem Finger auf ein Schild neben sich. Ayesha hebt den Kopf und zieht die Stirn in Falten. „Eine Bushaltestelle?“

„Ja, du willst doch nicht laufen – also fahren wir mit dem Bus“, stellt er nüchtern fest und setzt sich auf die Bank neben dem Schild. Laut Fahrplan kommt der nächste Bus erst in zwanzig Minuten, also kann er noch eine rauchen. Beiläufig kramt er seine Packung Zigaretten aus der Brusttasche hervor und steckt sich eine Kippe an. Ayesha lehnt ihre Hellebarde an die Bank und setzt sich daneben, sodass sich die Waffe jetzt zwischen ihnen befindet.

„Rauchst du schon lange?“, fragt sie nun etwas leiser und überschlägt die Beine auf Höhe der Füße, während sie sich zurücklehnt. Idris denkt nach und rechnet.

„Ja.“

„Seit wann?“

„Ziemlich genau fünfzehn Jahre“, sagt er.

„Du hast als Kind angefangen?“, fragt sie ungläubig. Er nickt.

„Gibt im Heim nicht viel anderes zu tun“, erwidert er. Idris beißt sich auf die Zunge und sieht absichtlich stur geradeaus auf eine rußige Häuserwand. Es fährt kein Auto und es läuft auch niemand über die Straßen. Sie sind ganz allein hier. Hoffentlich fährt hier überhaupt noch ein Bus.

„Kinderheim?“, hakt Ayesha vorsichtig nach, da nickt er wieder und nimmt einen Zug von seiner Kippe. „Hm, da war ich nur ein Jahr. Ich war sechzehn, als meine Eltern starben. Irgendein mittelwichtiger Dämon. Hat ihnen die Augen gestohlen und die Leichen liegenlassen. Hab’ sie dann gefunden, als ich von einer Pyjama-Party zurückkam. Wie bescheuert… Wie alt warst du?“

„Zwölf“, sagt er lahm.

„Scheiße…“, raunt sie stimmlos, stellt aber keine weitere Frage zu seiner Kindheit. Er dreht die Augen in ihre Richtung, aber Ayesha sieht auf ihre matschbeschmierten Knie. Offenbar will sie ihm nicht zu nahetreten. Er ihr auch nicht, deshalb fragt er nichts. „Ich rauche nicht, weil meine Eltern es nicht wollten. Sie sagten, es wäre ungesund. Und das ist es auch, also warum rauchst du dann?“

Idris denkt nach, und zwar lange. Als er nach einer guten Minute immer noch zu keinem Ergebnis gekommen ist, zuckt er die Achseln.

„Wahrscheinlich nur noch aus Gewohnheit“, gibt er dann zu und dreht den Kopf in ihre Richtung. Ihre braunen Augen ruhen auf ihm, aber sie wendet den Blick schnell ab, als er zu ihr sieht. Er klemmt sich die Kippe zwischen die Lippen und streckt eine Hand aus, um einen kleinen Zweig aus ihrem Haar zu ziehen. „Den habe ich vorhin übersehen“, sagt er und wirft ihn vor die Hellebarde. Idris tut so, als würde er es nicht bemerken, aber er sieht ganz eindeutig, wie ihre Wangen rosa anlaufen. Ayesha verhält sich nicht wie ein verknalltes Mädchen, sondern vielmehr wie eine Rekrutin, die von ihrem Mentor gesehen werden will. Und er ist dieser Mentor, über den sich die Leute das Maul zerreißen.

Kein Wunder, dass sie so reagiert.

Er löscht die Zigarette auf dem Boden und wirft den Stummel danach in den kleinen Mülleimer der Haltestelle, als er den Linienbus schon von weitem heranfahren sehen kann. Ayesha steht auf und schnappt sich ihre Waffe, um sich seufzend neben ihn zu stellen. Geduldig warten sie darauf, dass der Bus vor ihnen zum Stehen kommt und die Vordertür öffnet. Die Fahrgäste sehen alle irritiert aus, weil die wenigsten von ihnen schon einmal mit einem Exorzisten in Berührung gekommen sind. Dass diese nun auch noch in einem Bus mitfahren, und zwar bewaffnet, kommt vielen sicher wie ein schlechter Scherz vor.

Idris lässt sich nicht beirren, sondern schreitet einmal durch den Gang, um sich in einem größeren Stehbereich bei der hinteren Tür hinzustellen und an einer der Schlaufen festzuhalten. Ayesha stellt sich an das große Fenster und hält sich an einer Stange fest, die Hellebarde fest im Griff, die ein wenig schräg stehen muss, damit sie nicht die Decke des Busses aufreißt. Er kratzt sich kurz am Kopf, als er die betretene Stille im Bus bemerkt. Ayesha dreht das Gesicht von ihm weg, aber sie kann nicht mehr verbergen, wie sie mit hochrotem Kopf einen Lachkrampf zurückzuhalten versucht, bis sie schließlich anfängt zu kichern.

„Das ist mal ne Geschichte, die man rumerzählen kann!“, krächzt sie lachend und grinst ihn einmal breit an. Bevor er etwas dazu sagen kann, fährt eine Erschütterung durch den Bus. Idris schaut aus der Scheibe und sucht nach dem Fahrzeug, mit dem sie kollidiert sind, doch da ist kein Fahrzeug. Ein weiteres Beben lässt den Boden vibrieren und er springt als erstes aus dem Bus, der anhält und alle Türen öffnet. Idris richtet den Blick gen Himmel und dreht sich einmal um die eigene Achse, während sich Ayesha zu ihm stellt und sich ebenfalls umsieht. Da ist nichts, nicht ein einziger Dämon, dann wird die Erde noch einmal erschüttert, sodass Ayesha beinahe zu Boden stürzt. Idris fängt sie auf und geht mit ihr in die Knie.

„Scheiße, was ist das denn jetzt?“

„Ich weiß es nicht“, erwidert er. „Halt die Augen offen. Es könnte alles sein.“
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