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Das Leben

von melodream
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
OC (Own Character)
11.11.2022
28.01.2023
14
28.573
6
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Dieses Kapitel
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16.11.2022 2.993
 
>>Die Stürme im Leben; sie machen keine Unordnung. Sie räumen auf.<<
-Unbekannt-



„Mads kommst du bitte runter?“, rief Thea nach ihrem Sohn. Sie würden gleich zu Familie Christiansen rüber gehen müssen. Sigrid zog sich schon ihre Jacke an, als Mads dann auch zu ihnen nach unten kam.

„Gehen wir jetzt?“, Thea nickte.

„Wenn du deine Medikamente genommen hast, geht es los. Ich habe sie dir in die Küche gelegt“, Mads nickte und ging in die Küche. Thea folgte ihm unauffällig, damit sie auch genau sah, dass er alle Tabletten schluckte. Mads hatte erst vor kurzem begonnen, seine Medikamente oral einzunehmen. Daher hatte Thea immer noch gerne ein Augen darauf, dass er sie auch wirklich alle herunter schluckte. Eigentlich nahm Mads seine Medikamente immer erst zum Essen, aber sie hatte heute Abend keine Lust auf fragende Blicke und betretene Stille am Tisch. Und schon gar nicht sollte dieser selbstgefällige Arsch etwas von Mads seinem Gendefekt mitbekommen.

„Bin fertig“, Mads lächelte sie nun an wie ein Honigkuchenpferd. Er konnte es schon den ganzen Tag nicht abwarten, dass sie endlich rüber gehen würden.

„Dann komm“, Thea hielt ihre Hand zu ihm hin, die er auch gleich ergriff und sie zurück in den Flur gingen, wo Sigrid schon zu warten schien. Thea half Mads bei seinen Schuhen und hielt ihm dann seine Jacke hin, in die er nun hineinschlüpfte.

„Ich weiß das du aufgeregt bist, aber vergiss bitte nicht zu essen. Ansonsten muss ich dir wieder Essen über die Sonde geben und das möchtest du doch nicht, oder?“, Mads schüttelte mit dem Kopf. Seit ein paar Wochen wollte er nicht mehr sondiert werden, aber manchmal kam er da nicht drumherum. Es gab immer mal wieder Tage, an denen er es partout nicht schaffte auf seine geforderte Kalorienmenge zu kommen, obwohl er sich so bemühte mit dem selber Essen. Und an diesen Tagen half Thea ihm noch über die Sonde aus. Für Thea war dies kein Problem, schließlich hatte er die Sonde nicht ohne Grund und in der Vergangenheit war sie für sie definitiv ein Segen gewesen. Sie hatte ihn ernährt, als er jahrelang das Essen verweigert hatte, ohne sie wäre er nicht mehr da. Solche Gedanken verbot sich Thea eigentlich, aber immer mal wieder schlichen sie sich in ihren Kopf und ließen sie erschaudern. Sie lächelte Mads noch einmal zuzwinkernd an und schloss den Reißverschluss seiner Jacke. Als sie nun wieder aufstand registrierte sie sofort den fragenden Blick ihrer Tante auf sich ruhen, doch sie ignorierte diesen. Schließlich war das ausschließlich eine Sache zwischen Mads und ihr.

Thea half ihrer Tante die Eingangstreppe hinunter und blieb auch auf dem kurzen Weg zum Nachbarhaus in ihrer Nähe, falls sie ins straucheln geraten würde. Doch dies trat nicht ein und sie kamen wohlbehaltend an dem dunklen Holzhaus an. Tante Sigrid betätigte die Klingel und Mads griff nach Theas Hand. Sie schmunzelte, er war doch ziemlich aufgeregt, auch wenn der ganze Nachmittag die Vorfreude auf Vetle im Vordergrund bei ihm stande.

„Hallo zusammen“, ein großer weißhaariger Mann mit einem ebenso weißen Bart und mit einem leichtem Bauchansatz öffnete ihnen die Tür.

„Hallo Georg“, begrüßte ihn Tante Sigrid herzlich. Georg also, Thea sah sich ihn noch einmal genauer an, als sie nun von Sigrid ihm vorgestellt wurde.

„Georg, das ist meine Nichte Thea und ihr Sohn Mads“, seine Augen strahlten eine Herzlichkeit aus, die sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Die Ähnlichkeit zu seinem Sohn war nicht zu verleugnen, doch er war ihr jetzt schon sympatischer als Vetle es je sein könnte.

„Hallo Thea, hallo Mads. Kommt doch rein“, Georg ließ sie an sich vorbei eintreten. Schon der Eingangsbereich strahlte eine absolute Wärme und Gemütlichkeit aus. Es war nicht super aufgeräumt, aber auch nicht unordentlich. Man sah einfach deutlich, dass hier gelebt wurde und Thea fühlte sich jetzt schon wohl. Georg nahm ihnen die Jacken ab und ging vorran ins Wohn- Esszimmer. Im Kamin, welcher den Wohn- und den Essbereich räumlich etwas trennte, loderte ein wärmendes Feuer knackend vor sich her.

„Sigrid, schön das du wieder da bist“, eine ältere Frau mit kürzeren grauen Haaren kam freudig ihrer Tante entgegen und drückte sie erst einmal herzlich.

„Wie geht’s deinem Bein?“, ihre Tante winkte ab.

„Das wird schon wieder. Du kennst mich doch, Unkraut vergeht nicht“, wiegelte Sigrid sorglos ab.

„Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

„Randi darf ich dir meine Nichte vorstellen. Meine kleine Thea und ihr Sohn Mads“, lächelnd kam Randi nun auf Thea und Mads zu und begrüßte auch diese bevor sie auch schon wieder in die Küche musste. Diese war von hier aus einsehbar und in ihr sah es augenscheinlich danach aus, dass in ihr schon ordentlich gekocht wurde. Fast die komplette Arbeitsfläche war gerade in Beschlag genommen mit irgendwelchen Schüsseln und auf dem Herd standen mehrere Töpfe, aus denen es ordentlich dampfte. Ein köstlicher Geruch lag schon in der Luft.

Aus dem Wohnzimmerbereich waren gedämpft Stimmen zu hören, weswegen sich Thea nun in diese Richtung drehte, welcher sie gerade bis eben noch den Rücken zugekehrt hatte. Vetle, den sie sofort erkannte, unterhielt sich mit einer kurzhaarigen blonden jungen Frau.

„Vetle, ich gratuliere dir auch noch. Ich konnte vor lauter Spannung schon gar nicht mehr richtig hinsehen“, Tante Sigrid humpelte an ihr vorbei und Thea beobachtete das Gespräch still aus dem Hintergrund. Thea vermutete, dass sie irgendein Rennen von ihm ansprach. Vielleicht Olympia? Thea war sich nicht sicher. Geschaut hatte sie kein Einziges, sie hatte lediglich mitbekommen, dass das norwegische Biathlonteam ordentlich in China abgeräumt hatte. Dementsprechend schaffte sie es nicht wirklich diesem Gespräch zu folgen.

„Tiril, wie schön dich mal wieder zu sehen. Hast du Stian und Vega auch mitgebracht?“, wandte sich ihre Tante nun an die blonde Frau. Sie musste etwa in Theas Alter sein.

„Stian nicht, aber Vega ist auch hier. Sie schläft aber schon.“

„Ach wie schade. Ich hätte sie gerne mal wieder gesehen. Tiril, Vetle ich möchte euch gerne meine Nichte Thea und ihren Sohn Mads vorstellen“, sofort wandten sich alle sechs Augenpaare auf sie.

„Thea und Mads, das ist Tiril. Sie ist Randis und Georgs Tochter. Und Vetle kennt ihr ja schon“, Tiril kam freudestrahlend auf sie zu und begrüßte sie.

„Schön, euch kennen zu lernen“, Tiril strahlte sie mit einer absoluten freudigen Ehrlichkeit in den Augen an, so dass man es ihr nur glauben konnte.

„Sigrid hat mir schon so viel von dir erzählt.“

„Ja, hat sie das? Mir hat Sigrid nie etwas über Thea erzählt“, Vetle betonte mit purer Absicht ihren Namen und sah sie wieder so triumphierend an. Jetzt wusste er ihren Namen, den sie ihm vor zwei Tagen nicht sagen wollte. Thea merkte, wie sie sich anspannte, als Vetle sich nun in das Gespräch einklinkte.

„Tja Bruderherz das kommt davon, wenn man Sigrid nicht so oft besucht, wie ich es früher immer getan habe“, Vetle lachte auf.

„Dafür kennst du noch nicht meinen Kumpel Mads“, Vetle ging die wenigen Schritte, die sie bis eben noch getrennt hatten und hielt Mads seine Hand zum einschlagen hin. Mads gab ihm ohne zu Zögern ein High Five und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Die kleine Hand ließ Vetles Hand nur noch größer wirken, als sie sowieso schon war.

„Das Essen ist gleich fertig. Setzt euch am besten schon mal hin“, Randi war wieder hinter der Küchenzeile verschwunden und rührte in einem Topf herum. Vetle war der erste, der am Tisch saß. Mads folgte ihm wie sein persönlicher Schatten und setzte sich an seine Seite. Tiril hakte sich bei Thea unter.

„Komm, wir setzen uns auch“, Tiril dirigierte sie genau an den gegenüberliegenden Platz von Vetle und setzte sich an ihre Seite. Georg und Tante Sigrid hatten auch schon Platz genommen, als Randi das Essen auf den Tisch stellte. Es entstand eine gefräßige Stille. Alle waren damit beschäftigt sich Essen auf ihre Teller zu machen und dieses zu essen. Einzig das Klappern des Geschirrs war zu hören. Vetle sah immer wieder zu ihr herüber, dass konnte Thea aus den Augenwinkel heraus erkennen, aber sie versuchte es zu ignorieren. Vielmehr war sie beschäftigt zu schauen, ob Mads sich ausreichend Essen auf den Teller gemacht hatte und dieses auch aß.

„Sag mal Thea, wo wohnt ihr eigentlich?“, Randi, welche am Kopfende saß, sah sie fragend an.

„Mads und ich wohnen in Oslo.“

„Oslo? Vetle wohnt auch in Oslo“, Vetle nickte nur mit vollem Mund, als er seinen Namen hörte und sah wieder zu ihr. Thea interessierte es nicht wirklich, wo dieser Mensch wohnte, deswegen sagte sie nichts weiter. Vetle ging auch nicht nicht weiter darauf ein. Er führte gerade ein angeregtes Gespräch mit Mads. Oder besser gesagt, Mads bombadierte ihn mit Fragen und er kam kaum hinterher zu antworten geschweige denn zu essen. Aber nicht nur Vetle kam nicht wirklich zum essen, sondern Mads auch nicht, deswegen schritt Thea nun ein.

„Mads, vergiss bitte nicht zu essen“, mahnend sah sie zu ihm herüber und Mads sah betreten hinab auf seinen Teller.

„Du kannst doch Vetle danach alle deine Fragen stellen“, versuchte sie Mads Stimmung wieder etwas zu heben. Er seufzte aber widmete sich wieder seinem Essen. Tante Sigrid beobachtete die Szene mit aufmerksamen Augen, das konnte Thea aus den Augenwinkel heraus sehen.

„Wenn du möchtest, zeig ich dir nach dem Essen die Medaillen“, sagte Vetle zu Mads und dieser sah ihn mit tellergroßen Augen an.

„Wirklich? Darf ich sie auch mal anfassen“, Velte nickte.

„Natürlich, du darfst sie dir sogar umziehen wenn du magst“, damit hatte Mads nicht gerechnet, so wie er Vetle nun ansah und ungläubig grinste.

„Aber wir müssen beide erst essen“, Thea zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Vetle ihr zustimmte. Für seine Verhältnisse hatte Mads ziemlich zügig dann seinen Teller geleert und rutschte unruhig von der einen Poseite auf die andere. Er wartete darauf, dass auch Vetle fertig aufgegessen hatte. Er schob sich gerade die letzte Gabel in den Mund.

„Dürfen wir?“, fragend sah er zu Thea. Auch das hatte sie nicht von ihm erwartet, nach den bisherigen Begegnungen mit ihm. Er respektierte sie als Mutter von Mads und er wusste ganz genau, dass sie das letzte Wort in dieser Sache hatte. Thea nickte und beide verschwanden ziemlich zügig vom Tisch.

„Mads ist aber wirklich ein toller Junge“, kam es von Randi. Sie nickte. Das war er. Ein toller Junge, ihr toller Junge. Thea wurde es ganz warm ums Herz.

„Ja, das ist er. Obwohl das wohl jede Mutter über ihr Kind sagen würde“, Randi lachte.

„Das stimmt wohl“, Randi sah verträumt in die Ferne.

„Gibts denn auch einen Vater dazu?“, Thea gefror bei dieser Frage alles ein.

„Mamma!“, Tiril fand die Frage ihrer Mutter wohl auch ziemlich unpassend.

„Was denn? Das kann man doch mal fragen“, Randi war sich ihrer Dreistigkeit nicht eine Spur bewusst. Abwartend sah sie nun wieder Thea an, welche eigentlich gar nicht antworten wollte.

„Randi wirklich, das geht uns allen nichts an“, pflichtete nun auch Georg dazu.

„Das hat doch damit nichts zu tun. Thea und auch ihre Mutter habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich würde doch nur gerne wissen, was in all den Jahren geschehen ist“, versuchte Randi ihre forsche Frage zu erklären und ein wenig verstehen konnte Thea sie damit auch.

„Du kanntest meine Mutter?“, versuchte Thea das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Randi nickte.

„Natürlich, Geilo ist ja wie ein Dorf. Da kennt man sich untereinander. Du siehst ihr wirklich unglaublich ähnlich“, es freute Thea, dass Randi die Ähnlichkeit zu ihrer Mutter sah. Sie war ihr immer ein wichtiger und besonderer Mensch in ihrem Leben gewesen. Der Verlust ihrer Mutter schmerzte umso mehr.

„Sie ist leider vor zwei Jahren verstorben.“

„Ja, Sigrid hat es uns erzählt. Das tut uns allen sehr leid. Sie war ein wundervoller Mensch“, Thea wurde es ganz warm ums Herz, so wie Randi nun über ihre Mutter sprach. Da hatte sie sogar schon die unpassende Frage von vorhin vergessen.

„Ja, das war sie wirklich“, Thea merkte wie sie mit ihren Gedanken zu ihrer Mutter in die Vergangenheit abschweifte. Sie erinnerte sich gerne an sie, aber es tat auch weh an sie zu denken. Sich wieder bewusst zu machen, dass die wichtigste Person, neben Mads, nicht mehr an ihrer Seite war schmerzte imens. Ihre Mutter hatte eine riesengroße Lücke hinterlassen, die bisher noch keiner stopfen konnte. Eine Hand legte sich über ihre und holte Thea wieder in das Hier und Jetzt zurück. Die Hand gehörte zu Tante Sigrid, welche sie mit feuchten Augen nun anblickte und versuchte ihr Trost zu spenden. Trost, den sie scheinbar genauso benötigte wie Thea auch. Thea lächelte sie dankbar an, war aber auch froh, dass Tiril nun das Gespräch am Tisch auf ein anderes Thema lenkte. Stumm folgte sie dem Gespräch, in dem es scheinbar um ihre Tochter ging und versuchte sich wieder zu sammeln. Auch Tante Sigrid, die neben ihr saß, brauchte ein paar Minuten um wieder am Gespräch teilnehmen zu können.

Nach dem Essen hatten sie sich alle mit einem Glas Wein und Tiril mit einem Glas Wasser auf die bequemen Couchmöbel gesetzt. Vetle und Mads waren bisher immer noch nicht wieder zu ihnen zurückgekehrt. Thea merkte, dass der Wein ihr ganz leicht das Gehirn vernebelte. Viel zu lange hatte sie schon keinen Alkohol mehr getrunken und jetzt merkte sie schon das halbe Glas Rotwein. Georg, Randi und Sigrid unterhielten sich prächtig über einen Ausflug im letzten Jahr und Tiril und sie saßen zusammen.

„Schau, das ist Vega“, Tiril hielt ihr ihr Handy unter die Nase. Fasziniert sah sie sich das Handybild an, welches gerade aufleuchtete. Tiril hatte ihr gerade lebhaft erzählt, wie sie Vega letztens in der Küche erwischt hatte, wie diese sich über den nicht gesicherten Süßigkeitenschrank hergemacht hatte. Ein kleines Mädchen mit freudig auflachenden Augen sah in die Kamera. Sie war über und über mit klebriger Schokolade verschmiert, die es nicht in ihren kleinen Mund geschafft hatte. Thea musste schmunzeln. Die Geschichte alleine, war schon lustig gewesen. Mit dem Bild jedoch noch einmal deutlich besser.

„Hat Mads so etwas in Vegas Alter auch getan?“, die von Tiril sorglos gestellte Frage, ließ Thea innerlich zusammenzucken. Ohne das sie es wollte liefen vor ihrem inneren Auge Bilder von Mads in Vegas Alter ab. Keines davon zeigte ein Kind, welches sich über Essen hermachte. Es waren Bilder wie Mads sich vor jedem Essen ekelte und nichts aß, Bilder wie Mads sich vor lauter Ekel erbrach, Bilder von einem blassen dünnen Mads im Krankenhaus...

„Thea?“, Tiril rüttelte an ihrem Arm. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Tiril sie angesprochen hatte.

„Mhm?“

„Ist alles in Ordnung?“, Tirils sorgenvoller Blick lag prüfend auf ihr. Thea stellte ihr Weinglas nun ab und versuchte Tiril die Sorgen zu nehmen.

„Es ist alles in Ordnung. Mir ist nur vom Wein etwas schwummrig. Ich geh mal kurz an die frische Luft“, mit dieser Erklärung ließ sie Tiril und die anderen zurück und ging hinaus auf die Veranda.

Die frische Abendluft wehte ihr um die Nase und Thea versuchte etwas durchzuatmen. Die Bilder die Tiril gerade wieder an die Oberfläche geholt hatte, ließen sie nicht kalt. Der Gedanke an diese vergangene Zeit war wieder mehr als präsent und die Gefühle, die sie damals durchlebt hatte durchfuhren sie in der selben Intensität von damals erneut. Sie hatte eigentlich gedacht, dass sie die Anfangszeit mit Mads gut verarbeitet hatte, aber dennoch hatte sie es gerade ganz schön getriggert. Thea roch sogar wieder den Krankenhausgeruch von damals. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper und es lag nicht nur daran, dass sie ohne Jacke auf der Veranda der Familie Christiansen stand. Nein, die Gänsehaut kam aus ihrem tiefsten Inneren. Plötzlich wurde ihr eine Jacke umgelegt, was Thea zusammenzuckend herumfuhren ließ.

„Ich wollte dich nicht erschrecken, entschuldige“, Vetle stand nur wenige Zentimeter vor ihr und hob beschwichtigend beide Hände nach oben. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Vetle zu ihr nach draußen getreten war.

„Was willst du hier?“, ihre Frage sollte hart rüber kommen, doch sie tat es nicht. Ihre Stimme klang für ihren Geschmack in diesem Moment viel zu zerbrechlich.

„Ich war gerade auf dem Weg zur Toilette, als ich gesehen habe dass du hier alleine draußen in der Kälte stehst und das ohne Jacke“, prüfend sah sie ihrem Gegenüber in die Augen und versuchte herauszufinden, ob er dies wirklich ohne einen Hintergedanken tat. Vetle schien ehrlich mit seinem Gesagtem zu sein, was Thea gleich ein schlechtes Gewissen einbrachte, weil sie so undankbar auf seine nette Geste reagiert hatte.

„Danke.“

„Ist alles okay bei dir?“, prüfend sah er sie mit ernsten Gesichtsausdruck an. Sie nickte.

„Ja“, log sie. Er war definitiv die letzte Person auf dieser Welt, mit der sie über alles sprechen wollte. Doch selbst wenn sie jemanden ihr Herz ausschütten wollte, da gab es keinen. Es gab seit dem Tod ihrer Mutter keinen Menschen mehr in ihrem Leben, bei dem sie sich mal fallen lassen konnte, schwach sein und über alles reden konnte, was sie so belastete. Sie musste stark sein für Mads.

„Wirklich?“, Vetle holte sie aus ihren Gedanken wieder zurück. Er schien ihr nicht zu glauben. Sie musste wohl besser lügen um ihn zu überzeugen.

„Ja es ist wirklich alles in Ordnung. Mir ist nur etwas schwummrig vom Wein und ich dachte die frische Luft tut mir etwas gut“, ihr Gegenüber zog eine Augenbraue skeptisch nach oben. Das war jetzt wenigstens nicht komplett geflunkert gewesen, doch er schien immer noch nicht wirklich überzeugt zu sein. Thea drehte sich wieder herum und blickte in den wolkenlosen Nachthimmel. Heute Nacht konnte man wirklich gut die Sterne sehen. Im Augenwinkel heraus sah sie, wie Vetle sich dicht zu ihr stellte. Was wollte dieser Mann damit bezwecken?

„Die Sterne haben etwas beruhigendes. Findest du nicht auch?“, fragte er sie nun.

„Eher die Stille. Zu Hause in Oslo ist es nie still.“

„Das stimmt wohl“, Vetle hatte sich nun mit beiden Armen auf die Brüstung gelehnt und sah nicht mehr in die sternenklare Nacht hinein, sondern sah mit seinen stechend blauen Augen zu ihr herüber.
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