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Kampf um die Nordsee

von eiswolf23
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P16 / Gen
04.11.2022
24.11.2022
2
7.493
 
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Geraud






“Der ganze Zug, Halt! Aufstellung! Augen Links!“ Sein Kopf jagte synchron mit dem Rest seines Regiments in Richtung des Gardeoffiziers der vor ihren sauber aufgestellten Reihen auf und ablief. Kritisch ihre Züge und die Zustände ihrer Uniformen musterte, ihre Waffen zu recht rückte oder sich einige Bemerkungen zu ihrem Aussehen erlaubte. Zugegeben, einen sonderlich erschreckenden Eindruck gaben sie wohl nicht ab, vor allem in einer solchen Konstellation. Rechts, vom Hauptgebäude der Kaserne aus betrachtet, stand in Reih und Glied ein Bataillon von Linieninfanteristen. Großgewachsene, muskelbepackte Musketiere, vierhundertvierzig Mann stark. Diese Soldaten liefen in sauberer Formation in der Schlacht auf die gegnerischen Reihen zu und mähten sie mit ihrem Palettenbeschuss einfach nieder. Sie waren das eiserne Rückgrat der Kaiserlichen Armee Napoleons. Der Stolz Frankreichs. Ein Heer das sich in Disziplin und Kondition mit den Legionen Roms oder den Hopliten Makedoniens messen konnten. Diese Soldaten hatten Ulm, Austerlitz und Jena überhaupt erst ermöglicht. Kein Imperator auf dieser Erde konnte sich eine besseres Heer wünschen. Frankreichs Streitkräfte waren schon immer ihrer Zeit voraus gewesen, wegweisend, aber unter Napoleon erlangten ihre Fähigkeiten und Kapazitäten eine völlig neue, noch nie gekannte Dimension. Plötzlich schien alles möglich, jeder Fürst in Europa und jede Nation erblasste vor Neid und erstarrte vor Angst wenn sie die Batterien dieser Soldaten vor sich auf dem Schlachtfeld erblickten. Und dann, im krassen Kontrast dazu, wie als verzerrtes Spiegelbild, sechzig Voltigeure. Die Elitetruppe war ebenfalls vom Kaiser persönlich erdacht und konzipiert worden, und zum ersten Mal überhaupt, wurden speziell Männer rekrutiert die sich aufgrund ihrer geringen Statur und ihres wenig robusten Körperbaus bisher kaum für den Militärdienst hatten bewerben können. Die Geschichte hinter dieser Elitegarde war etwas obskur, geradezu lachhaft, würden manche sagen, zu Recht.

Der ursprüngliche Plan hinter den Voltigeuren sah vor, kümmerliche, fast schon zwergenhafte Männer auf die Pferdekruppen der Kavallerie zu setzen, voltigiere, um diese dann als schnelle Eingreiftruppen in die vordersten Reihen zu bringen. In der Praxis war dieser Gedanke nie umsetzbar gewesen, doch blieben die Voltigeure weiterhin bestehen, denn sie hatten sich als Spezialisten für das zerstreute Gefecht erwiesen. Als Plänkler ausgebildet zählten sie zu den besten Schützen in der französischen Armee, und somit zu den besten der ganzen Welt. Jedem Infanteriebataillon war eine Kompanie Voltigeure zugeordnet die in der Schlacht den linken Flügeln deckten. Die Grenadiere standen rechts, boten aber kaum einen weniger respektablen Eindruck als die Linieninfanteristen. Die Voltigeure wurden von den Feinden Frankreichs, und auch noch immer von vielen ihrer eigenen Kameraden, als Schöne Knaben oder Weibskompanien verspottet, weil sie auch wirklich teilweise sehr feminin waren zierlich, einige kaum größer als Kinder. Aber dadurch waren sie teilweise in den von Schießpulver, vernebelten Schlachtfeldern Europas oder der See, schwerer zu treffen, wendiger und aber genauso tödlich in ihrer Entschlossenheit und Ergebenheit gegenüber dem Kaiser “Monsieurs, Ich bin Adjutant-Commandat Robert Alexander Kurtscho, euer neuer Oberbefehlshaber! Und in Abwesenheit von Marschall Édouard Adolphe Mortier, dem großen General der Nordarmee, der ranghöchste Verwalter der Regionalhauptstadt Hamburg!“

Geraud Beauchamp, ging mit seinen fünfeinhalb Fuß nicht gerade in der Masse der Voltigeure unter aber er stach auch nicht heraus, er war ein Teil einer ebenen Linie, die nur hier und da leicht nach oben oder unten schwappte. Der Regen der sie auf dem Marsch nach Norden begleitet hatte flachte allmählich ab, aber deshalb schien der Himmel noch lange nicht bereit der Sonne ein größeres Feld zu überlassen. Kurtscho war hochgewachsener, sogar höher als die meisten der Infanterie. Zäh, irgendwie ledern und mit einem von Meeressalz und Sonnenschein gegerbtes Gesicht. Seine Uniform war sauber gepflegt, aber die Orden auf seiner Brust hatten allmählich mit dem Rost zu kämpfen. Er stand auf einem Balkon im zweiten Stock der Kaserne und blickte auf den Hof in dem sich die neuen und die bereits einquartierten Kräfte versammelten herab. Stützte die Hände auf das weißbestrichene Holz der Rehling. Beugte sich leicht vor und zurück, spähte von links außen nach rechts und wieder zurück zur Mitte.

“Ich weiß das ihr alle schon viel Gerede über diese Stadt gehört habt, und allerhand Geschwätz über ihre maroden Zustände!“ Hinter dem Adjutant-Commandant standen seine hohen Offiziere, seine Garde und seine wichtigsten Beamten des Departments.

“Lasst mich euch sagen, der Großteil ist frei erfunden! Die Wahrheit sieht anders aus! Die Menschen dieser Stadt sind kompliziert, um es einmal vorsichtig auszudrücken! Sie können zuweilen schwierig sein, sehr schwierig sogar, so wie die meisten anderen Menschen auch! Ihr werdet euch mit der Zeit daran gewöhnen! Aber eine Sache, die ist sehr einfach und die müsst ihr euch zu jeder Tages- und Nachtzeit verinnerlichen! Hamburg, ist der Kontrollpunkt des Nordens! Wer diese Stadt hier hält kontrolliert sowohl Land als auch See!“ Dröhnte die tiefe aber auch sehr süffisante Stimme des Kommandanten. Er ging einige Schritte entlang der Balustrade, dabei fiel Geraud auf das er auf einem Bein hinkte.

“Es gibt jene die wollen uns dieses Recht streitig machen! Ob nun im Kleinen indem sie einen Beutel englischen Kaffee in die Stadt schmuggeln, oder den Linienschiffen der Engländer die Routen und Dienstpläne unserer Patrouillen zukommen lassen!“ Keiner sagte etwas. Keiner von ihnen rührte sich. Es war eiskalt, nass und zunehmend düster aber keiner von ihnen wagte es auch nur mit den Zähnen zu klappern. So stark war der eiserne Wille der französischen Armee. Kurtscho deutete über sie hinweg in Richtung Nordwesten, in Richtung Meer.

“Knapp sechzig Meilen jenseits dieser Küsten, hat sich die Royal Navy, die Söhne Albions eingenistet und zieht in diesem Augenblick ihre Kräfte zusammen! Das Meer ist der letzte Ort auf Erden wo sie noch wagen dem Kaiser offen zu trotzen! Diese Stadt hier, ob vor zwei Jahren noch deutsch, ist jetzt unser! Der Boden unter euren Füßen ist Französisch! Die Luft die ihr atmet ist Französisch! Die Huren denen ihr heute Abend beiwohnt sind Französisch! Diese Stadt hier, ihr Name ist Hamburg, ist Frankreichs Bollwerk gegen England! Gelingt Wellington hier ein Durchbruch, verlieren wir ein Stück unserer Heimat! Ihr wurdet hier her befohlen, weil ihr euch auf dem Schlachtfeld bewiesen habt! Durch Disziplin, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz aber auch Weitsicht und Ideenreichtum! Hier in den Straßen Hamburgs werdet ihr mit einer neuen Art von Kampf konfrontiert werden! Einem Kampf ohne Ehre, in versteckten Sälen und verwinkelten Gassen! Ihr werdet sehr schnell lernen müssen euch anzupassen! Flexibel auf unkonventionelle Situationen zu reagieren! Und unerbittlich hart durchzugreifen, wenn die Macht des Imperiums gefährdet wird! Wer fühlt sich dem gewachsen?!“

Ich Sir!“  Schwadronierten sie alle synchron und stampften dabei mit dem rechten Fuß auf.

“Zuallererst, da eure Einberufung sich lange Zeit verzögert und dann doch sehr plötzlich von Statten ging: Wer von euch kann Deutsch?!“ Ein paar der Hände gingen nach oben, besonders jene Männer die aus dem Ruhrgebiet einbezogen oder aus dem frischgebackenen Königreich Württemberg abkommandiert worden waren.

“Wer von euch kann Englisch?!“ Wieder hoben sich einige Hände, besonders Männer vom Kanal oder aus Italien.

“Tretet vor und lasst eure Namen vermerken, ihr werdet den Patrouillen und Besatzungen der Zollstationen als Dolmetscher zu geteilt!“

Geraud hatte so etwas schon oft erlebt während seiner mittlerweile dreijährigen Dienstzeit. In den neubesetzten Ländern Spaniens, Italiens, des Heiligen Römischen Reiches oder Österreichs gestaltete sich das Zusammenleben zwischen Befreiern und indigenen Landsleuten häufig als äußerst schwierig. Große Metropolen wie etwa Mainz, Leipzig oder Dresden waren kulturelle Kreuzwege und Austauschstellen zahlreicher Sprachen und Kulturen, Hamburg ganz besonders, war als Schmelzziegel der menschlichen Zivilisation berühmt. Über seine Häfen und Straßen kamen seit Jahrhunderten Leute aus der ganzen Welt in die freie Hansestadt. Sprachen aus den nordischen Ländern wie Dänemark und Norwegen, über ein Dutzend Deutsche Dialekte und natürlich das Zeug das der verhasste anglikanische Abschaum benutzte und inzwischen in den Departments der Küsten schon seit längeren als Schmugglersprache die Runde machte. Geraud, der sich bei beiden Sprachen gemeldet hatte unterschrieb auf einer Liste. Mit ein wenig kleinlicher Genugtuung zog er vor den Notaren den Hut als er seinen Namen zusammen mit den anderen auf der Liste las. Soldaten die sich mit besonderen Fähigkeiten hervortaten wurden oftmals mit Vergütungen belohnt.

“Kompanie XIV. ihr wurde Baracke acht zugeteilt, dort drüben. Richtet euch ein. Der Dienstplan hängt an der Wand im Foyer aus. Zapfenstreich um Neun Uhr Abends. Verpasst ihr es, werdet ihr marschieren bis eure Sohlen zu Stein werden, habt ihr verstanden?“

“Ja Sir!“

Es war ein Neubau einer Ruine. Hamburg hatte, im Versuch einer Besatzung zu entkommen, seine Verteidigungsanlagen selbst abgerissen um ihre Loyalität zu Frankreich und dem Kaiser zu bezeugen. Und danach durfte Frankreich die Kastelle Mauern, Gräben und Kasernen wieder aufbauen. Man sah genau wo die Böden mit frischem Holz beschlagen und wo der Mörtel nachgebessert worden war nachdem die Mauern zuvor eingerissen wurden. In den Baracken und Mannschaftsquartieren waren Privatsphäre und Hygiene relativ, doch besser als bei Regen, Schnee oder Hagel in zugigen Scheunen oder maroden Kornspeichern zu übernachten. Es gab Kohle und Holz zum Heizen, Wein, Essen und Gesellschaft “Also Männer wer heute Abend als erstes umkippt bekommt das Bett gleich neben dem von unserem Mon Chou.“ Scherzte Anton Hervé, ihr Zugführer seit sein Vorgänger durch einen Scharfschützen in Böhmen in Frührente versetzt worden war.

“Der ist immer wieder gut.“ Sagte Gereud monoton und kratzte sich dabei mit einem ganz bestimmten Finger an der Stirn.

“Es ist ja auch ein Klassiker.“

Mon Chou, bedeutete so viel wie mein Kohl, ein gehässiger kleiner Spitzname den Geraud sich n den Schützengräben hinter dem Rhein verdient hatte. Er sah es nicht ein aufgrund von zu hochgepriesener Hygiene wertvolles Wasser auf einem Feldzug zu verschwenden. Er wusch sich nur sehr wenig, trimmte sich die Haare kurz aber wurde auch von einer fast schon chronischen Duftnote nach faulem Gemüse begleitet Seine Kameraden hatten sich zwar mit der Zeit daran schon gewöhnt, waren sich aber noch nicht zu schade bei jeder sich bietenden oder biegenden Situation darüber herzuziehen. Sie schliefen je zu sechst in einer Kammer, in der sie aber außer zum Schlafen so gut wie nie waren. Die Hansestadt zerrte an allen Ecken und Enden an ihren Kräften. In den ersten neun Tagen wurden sie anderen Patrouillen zugeteilt. Hamburg war eine große Stadt, nicht von solchem Ausmaß wie Paris oder Berlin, aber genauso verwinkelt, mit teilweise genauso engen Gassen und dunklen Hinterhöfen. Die Straßenlaternen mussten vor Vandalen beschützt werden die Dunkelheit auf den Straßen bei Nacht zu bevorzugen schienen. Der Hafen und die Docks waren Sammelpunkte raubeiniger, leise murrender Gesellen. Seit Ausrufung der Kontinentalsperre litt der Handel in Hamburg stark unter den Folgen des Wirtschaftskrieges. Schiffe kamen jetzt, wenn überhaupt noch aus anderen Imperialen Städte. Der Warenverkehr über die See und den Fluss kam fast schlagartig zum Erliegen, die Binnengeschäfte über die Straßen die tiefer ins Inland führten nahmen dafür immer deutlicher zu. Viele, die nicht umschulen oder sich dem anpassen konnten verloren an Arbeit. Manche zogen ab, viele aber blieben. Seemänner und Tischler, die jetzt wenig Arbeit aber dafür viel Zeit hatten um auf dumme Gedanken zu kommen. Das Kaiserreich pumpte viel Geld um die Stadt zu erhalten, und seine Gesetze durchzusetzen. Es wurden einmal in der Woche abgefangene Plündergut auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Hinzu kamen die sprachlichen Defizite. Geraud hatte, wie viele seiner Kameraden auf ihren Feldzügen durch die Lande des ehemals Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation das nötigste an kurzen Sätzen gelernt, welche Treue? Welche Flagge? Wo geht’s zum nächsten Bordell? Aber Alltagsgespräche über Arbeit, Gemütszustand und dergleichen fanden fast nur über Dolmetscher statt. Selbst Geraud, der eine gute Schulbildung genossen hatte, stieß des Öfteren bei regionalen deutschen Akzenten mit seinem Wissen an eine Grenz.

“Was für ein versiffter Dreckshaufen von einer Stadt.“ Beschwerte sich Alexande wie nach jeder abendlichen Patrouille, es war zu einem regelrechten Ritual geworden, ein fester Bestandteil ihrer Routine um nicht die Nerven zu verlieren.

“Es ist nicht schlimmer als Magdeburg oder Heidelberg.“ Sagte Dijon.

“Heidelberg war ein Paradies verglichen mit diesem Rattennest.“

“Augsburg war aber am schlimmsten, da gab es Protestanten.“ Meinte Anton geringschätzig.

“Und hier gibt es Juden.“

Im Stadtteil Altona gab es mit eine der größten jüdischen Gemeinden die Geraud je gesehen hatte, mehrere Tausend. Dank den Konsistorien des Kaisers besaßen nun über eine Millionen französische Juden zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte Europas das volle Bürgerrecht. Nach seinen Eroberungen setzte er diese Gesetze auch auf der linksrheinischen Seite durch und erstickte den Widerstand gegen den Fortschritt. Das hieß er versuchte es zumindest.

“Die Juden sind nicht das Problem, nur ihre Hasser.“ Sagte Geraud.

“Also fast alle anderen.“ Die Liberalität der Viertel Hamburgs waren durchwachsen, die Kirchen in Europa aber, die einen Verlust ihrer weltlichen Macht erkannten wenn sie ihn sahen, fühlten sich durch diese und andere Gesetze betrogen und bedroht. Weshalb es keine Seltenheit war wenn plötzlich eines Morgens ganze Straßen und Häuserwände mit Hetzschriften plakatiert waren die Kaiser Napoleon mit dem Antichristen verglichen. Seit etwa drei Monaten waren die neuen Gesetze in Kraft getreten. Beiderseitige Kritik ließ zum Glück nicht lange auf sich warten.

“Ich hab ja nichts dagegen sie wie Menschen gleicher Klasse zu behandeln, ich fände es nur wünschenswert wenn sie sich nicht so sträuben würden, Einsatz für das Regime zu zeigen das sie beschützt.“ Meinte Kylian.

“Ja, zuerst befreien wir sie und dann beschweren sie sich das sie dafür auch etwas bezahlen müssen.“

Es galt die Juden von den Katholiken zu trennen und die Katholiken von den Evangelikern. Die Anarchisten von den Publizisten und die Anglophilen von den Deutsch –Imperialisten. Und sie daran erinnern ihre Bürgerpflicht zu tun indem sie weiter Steuern zahlten. Und das alles, mussten sie den Hamburgern dann auch noch auf Französisch erklären.

“Kommt Kameraden, dieses elende Gejammer will ich nicht hören. Dafür bezahlt man gewisse Unternehmer.“ Scherzte Paolo und grinste schief. Er hatte eine Narbe von einer Italienischen Granate auf der rechten Wange.

“Immerhin, indem wir heimische Produkte konsumieren und örtliche Dienste in Anspruch nehmen, fördern wir die Wirtschaft, regen den Warenfluss an und helfen bei dem Wechsel der Währung.“ Meinte Alexandre.

“Eben, stets pflichtbewusst gegenüber seiner Majestät Kaiser Napoleon.“

“Sag bloß den stellst du dir dabei vor.“ Sagte Geraud und die anderen lachten.

Durch den stätigen Besuch der Garnisonssoldaten in den örtlichen Bordellen und Gasthäusern, war der Livre mittlerweile gut in Hamburg angekommen. Ihr persönliches Lieblingsetablissement hieß Edle Jungfer. In den Räumlichkeiten, deren Eingangshalle einem römischen Atrium nachempfunden war, begegneten sie vielen ihrer Kameraden die genauso ihre Sorgen und körperlichen Plagen zu zerstreuen suchten wie sie und bereits kritisch das angebotene Fleisch beäugten. Selbst manche der höheren Ränge schien sich hier gut bedient zu fühlen, oben auf den Balustraden entdeckte er Stadtverwaltung, Richter, Anwälte und, dem Getuschel der Dirnen nach zu urteilen, so manch gewissen Heiligen. Es roch nach Wein, Rosenwasser, Kerzen und Rauch. In der Mitte stand ein Marmorbrunnen und an den beiden Wänden zur Seite spendeten knisternde Kamine angenehm Wärme. Der prächtige Brunnen vor ihnen war gut zweimal so groß wie er, doch waren seine Speier längst versiegt, in seinen Becken war kein Wasser sondern Wachs von Kerzen. Das geronnene Wachs triefte an dünnen Fäden über die drei Beckenränder herüber. Wie Spinnenfäden bedeckten den langen gewundenen Hals des Brunnens. Hinter diesem kam eine prächtig gekleidete Gestallt hervor, die jeder Franzose in Hamburg in seine Dankesgebete mit einschloss.

“Monsieurs, wie schön sie hier wieder begrüßen zu dürfen. Kommt herein! Kommt herein!“ Da keiner so innig Wortwechselmit den französischen Soldaten und Beamten führte, sich ihre Plagen und Sorgen anhörte, ihr Heimweh oder ihr Geläster über die Offiziere sprachen vor allem die Dirnen Hamburgs ihre Sprache, die wohl wirklich einzigen die in der Herrschaft Frankreichs einen vollkommenen Segen sahen. Achttausend Männer in guten Jahren mit Geld in den Taschen und Sehnsucht nach weiblicher Gesellschaft. Die Madam des Hauses hatte sogar ihren Namen frankophiliert, von Beatrice zu Babette. Einer Frau die gut drei Voltigeure im Ganzen verschlingen konnte und ihren Stabsoffizier noch dazu. Geraud hatte sie noch nie ohne ein überbreites süffisantes Lächeln gesehen oder einer Rotte von Kurtisanen die an ihrem Rockzipfel hingen.

“Madam Babette, die gute Seele Hamburgs. Eine Sirene, dem Ozean entstiegen um uns in den Schlaf zu singen!“ Begrüßte Anton sie überschwänglich freundlich und küsste sie auf beide Wangen.

“Ich tue nur meine Bürgerpflicht indem ich unseren werten Beschützern ihr neues Leben in der Stadt so angenehm wie möglich gestallte.“

“Eine Bürgerin des Reiches, wie sie im Buche steht. Was steht heute auf der Tafel, Mylady?“ Fragte Gauvain und hing Hut und Mantel an einen der Kleiderständer m Atrium.

“Meine Zwillinge hatten heute ihren Waschtag, blitzeblank ist alles unten rum, und rasiert das kann ich ihnen versichern. Und, falls es sie nicht stört, Louis ist gerade dem Krankenbett wieder entstiegen. Noch etwas gedehnt aber sie ist immer noch eine meiner geschicktesten. Und natürlich eine ganz neue, Anette wird sie genannt, noch ein wenig schüchtern aber Haut wie Alabaster. Kommt ich zeige sich euch Monsieur. Für die Herren Beauchamp und Hervé die üblichen Vorbestellungen. In den Zimmern fünf und sieben für sie.“ Sagte Babette und deutete mit ihren ringbesetzten Fingern hoch in den zweiten Stock.

“Besten Dank Madam Babette.“

Es kostete zwar einiges extra aber Geraud und Anton bezahlten beide eine extra Prämie um sich zwei besondere Leckerbissen zu reservieren. Sie hatten beide sehr festgelegten Geschmäcker und waren auch bereit mehr dafür zu bezahlen. Babette konnte es nur Recht sein, solange sie bezahlt wurde stellte sie keine unnötigen Fragen.

“Immer dasselbe mit euch zwei, wird euch das nicht irgendwann fade immer nur die gleichen Schenkel zu sehen?“ Frage Dijon.

“Hast du eigentlich schon diese Woche deiner Frau geschrieben Dijon?“

“Warum musst du immer gleich persönlich werden?“ Soldaten waren Soldaten und das schon seit Anbeginn der Zeit. Fern der Heimat, ohne um Frau und Kinder zu wissen mussten sie ihren Hunger anders befriedigen. Die meisten in der Armee waren schon seit Jahren verheiratet und hatten teilweise dutzende von Kindern. Aber Jahre der Schutzmacht zerrten an ihrer Willenskraft. Die vier anderen folgten der Madam während Anton und Geraud die breite Treppe zu den oberen Zimmern empor stiegen.

“Hast du gehört das in Spanien Saragossa gefallen ist?“

“Wirklich? Bist du sicher?“

“Hab es vom Waffenoffizier gehört, der Postreiter wird es uns in einem Monat bestätigen.“ Berichtete Anton.

“Großartig, dann wird General de l’Étang als nächstes Portugal angreifen.“ Meinte Geraud.

“Bald gehört dem Kaiser der ganze Kontinent. Dann bleibt nur noch das beschissene England.“

“Gäbe es nur eine Landzunge über den Kanal würde der Kaiser längst vor London stehen.“ Meinte Geraud abfällig.

“Was redest du denn da Geraud? Er wäre längst bis nach Edinburgh gezogen.“

“Stimmt, trink nicht wieder so viel. wir müssen morgen zum Apell wieder in der Kaserne sein. Und zwar nüchtern!“ Schärfte er Anton an.

“Du weißt schon das ich eigentlich dein Vorgesetzter bin?“ Fragte er sarkastisch zurück.

“Musst du das denn immer wieder erwähnen?“ Stöhnte Geraud dramatisch.

“Du weißt ich kann pro Leben immer nur ein Geheimnis für mich bewahren.“ Sagte er und zwinkerte Geraud zu ehe er in einem der Zimmer verschwand. Geraud nahm das zwei Türen weiter.

“Monsieur Geraud, ich habe euch vermisst. Ihr wart wieder viel zu lange weg. Hättet ihr mich heute Nacht auch gemieden hätte ich mich in den Schlaf weinen müssen.“

Ihr Name war Athéna. Sie war vielleicht nicht die hübscheste Dirne in Hamburg, nicht einmal in diesem Etablissement wenn auch ihr voller schwarzer Zopf, die roten Apfelwangen und der lange Hals sie alles andere als unattraktiv machten. Was sie aber wirklich zu Gerauds Liebling machte waren ihre Augen. Sie waren milchig weiß “Athéna meine Liebe, u ahnst ja gar nicht wie sehr ich mich nah dir gesehnt habe? Hast du mich denn nachts nicht nach dir rufen hören?“

“Ihr habt nach mir gerufen?“ Fragte sie und schmiegte ihre Hände in die seinen.

“Mein Herz hat geschrien jede Nacht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang.“ Sie lachte und küsste ihn innig auf die Lippen. Sie griff instinktiv, so wie sie es gelernt hatte nach seinem Gürtel doch Geraud hielt sie entschieden zurück.

“Du weißt wie ich es am liebsten mag“ Leicht gekränkt schob sie die Unterlippe vor und legte den Kopf schief.

“Oh, ich verstehe mein Liebster, aber warum nur?“

“Weil Gott mich so geschaffen hat mein Täubchen. Leg dich aufs Bett.“

Geraud blieb am Kopfende des Bettes stehen und begann sich einer Uniform, der Schuhe und des Gürtels zu entledigen. Athéna schnürte mit beeindruckender Eleganz und Schnelligkeit die Schnüre ihres Mieders auf Das schlichte Seidenkleid glitt ihr vom Körper. Ihre Brüste waren etwas asymmetrisch und die Beine mit Flecken übersät. Athéna kroch auf das gerichtete Bett und leckte sich zwei Finger sauber ehe sie diese zwischen ihre Beine führte “Ich würde jetzt so gerne von dir berührt werden, mein Liebster.“ Stöhnte sie zwischen ihren schweren Atemstößen hervor.

“Aber ich berühre dich doch meine Liebe. Spürst du denn nicht wie ich dir mit der Zunge über den Bauch lecke? Die Innenseite deiner Schenkel ablecke Ich bin da. Ich bin bei dir. Ich bin in dir.“

“Oh ja. Geraud!“ Sie spielte etwas übertrieben aber Geraud liebte sie nicht wegen ihrer Darbietung sondern wegen ihrer Augen. Sie war seit ihrer Kindheit blind und sah gar nicht wie Geraud sich auszog. Wenn doch hätte sie die zwei kleinen Brüste erkannt, die unter den Metern an Bandagen hervorkamen die sie sich um die obere Hälfte ihres Torsos wickelte um als Mann durchzugehen.

“Schneller.“ Befahl sie Athéna.

“Oh. Oh! Ja. Mein Liebster ja!“

Sie keuchte auf und musste sich mit den Händen auf das Bettgerüst abstützen um nicht den Halt zu verlieren. Genevieves Haut war von blutroten Riemen und Furchen im Bereich zwischen Schlüsselbein und Bauch gezeichnet. Ihre jahrelange Tarnung forderte einen Tribut. Endlich befreit zu sein ließ sie keuchen so dass Athéna gar nicht anders konnte als darin Lustschreie zu hören.

“Noch schneller.“ Befahl sie Athéna.

In anderen Städten hatte sie ihren Huren die Augen verbinden und die Hände fesseln müssen um nicht aufzufallen, da war ihr Athénas Blindheit wie ein Segen gekommen. Sie atmete tief ein und streckte ihre gebeutelten Muskeln ein wenig um wieder ein Gefühl in der Brust zu bekommen.

“Seid ihr schon fertig mein Liebster?“ Fragte Athéna nachdem sie eine Weile nichts mehr von ihr gehört hatte.

“Ja warte gleich. Spiel an deinen Brüsten herum.“

Ein Soldat der nicht regelmäßig ins Bordell ging erregte mehr Aufmerksamkeit als ein bunter Hund also tat sie alles um ja den Schein zu wahren. Genevieve täuschte noch zwei Orgasmen vor ehe sie Athéna wieder wegschickte. Sie hatte sich auch eine Wanne mit heißem Wasser vorbestellen lassen um sich zu waschen. Früher war Genevieve sehr auf ihre Hygiene bedacht gewesen, aber auf Feldzügen konnte sie nicht wie die anderen Soldaten einfach in einem Fluss oder See baden, also hatte die Reinlichkeit ihres Körpers mit der Zeit deutlich nachgelassen was schließlich zu ihrem Spitznamen führte. Eigentlich war ihr das nur Recht, mit den kurzen Haaren und dem verschwitzten Körpergeruch von den müffelnden Bandagen ging sie in der Masse der Voltigeure leicht unter und das schon seit Jahren. Zum Teil mit Hilfe einiger weniger Vertrauter, die durch andere Geheimnisse fest an sie gebunden waren. Sie schlief im Bordell ein nachdem sie sich hatte reinigen können, erwachte aber früh. Früher als die meisten anderen, die Jahre in der Armee hatten sie zu einer hellhörigen Katze mit einem sehr leichten Schlaf werden lassen. Sie zog sich ihre Uniform zu Recht nachdem sie die alten Bandagen im Kamin verbrannt und gegen neue gewechselt hatte, dabei aber weckte ein leises Poltern in der Wand ihre Aufmerksamkeit. Sie hatte schon beim ersten Mal die versteckten Gucklöcher in den Wänden entdeckt und ihren Nutzen daraus gezogen. Jetzt gerade etwa um einen mit Narben übersäten Mann zu entdecken der gerade einer großen Kupferwanne gefüllt mit dampfendem Wasser entstieg. Sie wandte sich wieder ab als ein Klopfen an der Tür sie aus ihrer Starre riss.

Geraud komm schon, wir müssen los. Ich will nicht schon wieder die Ställe ausmisten.“

“Ich bin ja schon da. Ich bin ja schon da! Und wie war deine wieder?“ Fragte sie Anton und knöpfte sich dabei den Mantel zu.

“Erfrischend und belebend wie immer. Deine?“

“Ich fühle mich wie neugeboren.“ Sie lachten weil sie es beide besser wussten und machten sich daran zu gehen.

“Die anderen?“

“Muss ich noch wecken, Babette hat schon ein paar Eimer kaltes Wasser aus dem Fluss vorbereitet.“

“Perfekt.“ Ihr Grinsen erstarb als die Tür vor ihnen aufgeschlagen wurde und ein scharfer Blick die ihrigen kreuzte.

“Sir.“ Sagte Anton und salutierte vor dem Offizier.

“Sir.“ Erwiderte Geraud die Geste etwas verkrampft und blickte zu Boden.

“Männer.“ Es war einer der höchsten Offiziere in ganz Hamburg.

“Was ist? Gerad was hast du?“ Anton blickte etwas irritiert als er bemerkte wie ihr Blick nicht von dem dahingehenden Colonel wich.

“Ganz du vielleicht noch ein Geheimnis für dich behalten?“
 
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