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Dschungelfieber

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Erotik / P18 / MaleSlash
03.11.2022
04.12.2022
18
39.281
8
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24.11.2022 1.966
 
„Du bist echt spät, so spät bist du noch nie gewesen. Ich habe mich dieses Mal tatsächlich totgestellt, weil ich dachte du wärst jemand anderes“, grummelte Shell vor sich hin, als Kit die Plane notdürftig hinter sich schloss und schwer ausatmete. Er ließ sich auf seine Schlafdecke plumpsen, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Er antwortete Shell nicht, was untypisch für Kit war. So untypisch, dass es Shells Aufmerksamkeit erregte.
„Ist alles okay?“, fragte der Teenager vorsichtig und runzelte die Stirn. Als er immer noch keine Antwort von Kit bekam, richtete er sich auf und rückte vorsichtig dichter an den anderen heran.
„Kit? Ist was passiert?“, Shell kramte nach der kleinen Lampe, die zur Ausstattung des Rettungsbootes gehörte und entzündete sie. Als er Kits Gesicht erblickte weiteten sich seine Augen.
„Da ist Blut“, stotterte Shell, die Hand, mit der er die Lampe hielt, begann leicht zu zittern. Irritiert fasste sich Kit ins Gesicht und wischte sich über die Nase. Als er die Hand wieder runternahm und eine große Menge Blut an ihr entdeckte, welches er wohl aus seinem Gesicht gewischt hatte, war er überrascht. Durch das Taubheitsgefühl hatte er nicht mitbekommen, dass ihm aus der Nase nicht unerheblich wenig Blut gelaufen war, was sogar einen Teil seines Uniformkragens dunkel eingefärbt hatte.
„Oh, das hatte ich gar nicht gemerkt. Aber ich denke es sieht schlimmer aus, als es ist. Es ist nichts gebrochen, keine Sorge“, lächelte Kit. Shell schwieg.
„Ich wollte nur um ein paar Zigaretten Karten spielen und dann gabs etwas Stress. Aber wie gesagt es ist wirklich nicht schlimm“, versuchte Kit ihn zu beschwichtigen und zwang sich zu einem leicht künstlichen Lächeln. Shell war wie weggetreten. Seine Pupillen waren gespenstisch klein im Schein der Öllampe. Seine Hände zitterten immer auffälliger, während der Rest des Körpers sich versteifte.
„Shell? Sag bloß, dass du kein Blut sehen kannst?“, Kit war das Lachen nun komplett vergangen.
„Ich habe was zu essen mitgebracht!“, versuchte er vom Thema abzulenken und zückte nach und nach verschiedene Lebensmittel aus seiner Tasche, so wie Zigaretten und eine kleine Flasche Schnaps. Mit jedem Gegenstand, den er vor Shell ablegte, wurde es unheimlicher, da Shell immer noch nicht reagiert. Seine Atmung beschleunigte sich hörbar und seine Augen waren immer noch auf Kits blutende Nase fixiert. Shell wirkte panisch auf ihn. Die Situation erinnerte Kit daran, wie der Junge im Schlaf von Alpträumen geplagt gekrampft hatte und Kit wurde zum ersten Mal bewusst, dass Shell psychisch angeschlagen war. Kit berührte ihn am Arm und führte diesen samt Lampe von seinem Gesicht weg, so dass seine blutige Nase nicht weiter ausgeleuchtet wurde. Dann öffnete er den Alkohol und ließ davon etwas auf das nächstbeste Stück Stoff träufeln, was er in die Finger bekam, um sich das Gesicht damit zu waschen. Als er alles grob gereinigt hatte, näherte er sich vorsichtig wieder Shell und nahm ihm sanft die Lampe aus der steifen Hand. Kit löschte das Licht und stellte sie zurück in das Fach für die Notfallausrüstung. Er wusste nicht was zu tun war, also musste er sich auf seine Intuition verlassen. Dann nahm er eine der Decken und legte diese Shell sanft um die Schulter.
„Was wird uns in Südamerika erwarten?“, fragte Kit leise ins Dunkle. Ihn beschlich das ungute Gefühl, dass der Grund warum Shell nicht mehr reisen sollte, mehr als triftig war. Der Teenager antwortete nicht, sondern rollte sich in seine Decke ein und drehte sich zur Seite. Kit wusste, dass es unmöglich war, jetzt noch etwas aus Shell rauszubekommen, also entschied er sich dazu ebenfalls zu schweigen und den Wellen zu lauschen, die gegen den Bug des Handelsschiffes schlugen. Müdigkeit überkam ihn und er erinnerte sich, dass er selbst einen sehr unruhigen Abend hatte und Schlaf vielleicht nicht das Schlechteste wäre. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Spirituosenflasche, mit der er sein Gesicht gereinigt hatte und legte sich dann nieder. Kit schloss die Augen und als er schon am wegdämmern war, kam Bewegung in das kleine Häufchen Elend, welches am anderen Ende des Rettungsbootes hockte. Langsam schlug es die Decke über seinem Kopf weg und bewegte sich lautlos auf Kit zu. Wie eine Katze ließ der Junge sich neben Kit nieder und schmiegte sich an seinen Rücken an. Kit brauchte einen Moment, um zu verstehen, was die Absicht des Jungen war. Ein Arm schlang sich um seine Taille und er konnte spüren, dass sich eine kleine Nase in sein Schulterblatt drückte. Kit konnte hören, dass Shell die Nase hochzog und seine feuchten Wangen an seinem Rücken abwischte. Sich schlafend zu stellen war in Kits Augen die einzig vernünftige Lösung, wenn er nicht riskieren wollte Shell wieder zu verjagen und ihn die einzige Chance auf Komfort zu verwehren.
„Wenn wir Heth nicht aufhalten, dann sind viele schlimme Sachen umsonst passiert“, flüsterte Shell in Kits Rücken. Das war das letzte was Kit mitbekam, bevor er einschlief.

Der Morgen kam schneller und brutaler, als Kit es sich hätte träumen lassen. Er erwachte mit einem Aufschrei, ausgelöst durch eine grobe Hand an seinem Hemdkragen, die ihn in die Höhe riss. Orientierungslos schlug er um sich und musste schnell feststellen, dass es zwecklos war. Er wurde schneller fixiert als er bis drei zählen konnte. Es waren die frühen Morgenstunden, doch die Sonne war schon aufgegangen und tat alles dafür Kit die Sicht zu nehmen und ihn zu blenden. Fünf Matrosen standen in seinem Rettungsboot, welches nicht mehr unterhalb der Reling angebracht war, sondern langsam an Deck geholt wurde, um es zu räumen. Zwei von ihnen unterhielten sich aufgebracht und der Rest war damit beschäftigt Kit in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. Von Shell fehlte jede Spur. Kits Gedanken überschlugen sich und er überlegte fieberhaft, was schief gegangen war. Warum wurden sie plötzlich entdeckt und warum ausgerecht jetzt? Er sah sich um so gut er konnte, doch die Spur, die sie verraten hatte, war kaum zu übersehen. Kit musste gestern Nacht wirklich sehr stark aus der Nase geblutet haben. Er hatte eine ganze Spur bestehend aus Blutstropfen hinter sich zurückgelassen, die unverkennbar an der Reling über dem Rettungsboot endete. Es waren immer nur ein paar Tropfen gewesen, doch die Regelmäßigkeit sprach für sich und Kit fühlte sich an Hänsel und Gretel erinnert und die Spur an Brotkrumen, die sie hinter sich zurückließen. Kit wollte sich für diese Unachtsamkeit selbst Ohrfeigen. Er überlegte was für einen Sinn es machen würde sich gegen die Gefangennahme zu wehren und was für Chancen er hatte, wenn er versuchen würde zu fliehen, doch er kam zu dem Ergebnis, dass es schlauer war sich einfach abführen zu lassen. Vielleicht würden sie ihn zu Shell bringen oder er könnte zumindest erfahren, wo er sich aufhielt. Unsanft wurde Kit über das Deck gestoßen und unter Protest in eine der gehoberen Kabinen gebracht. Die Männer, die ihn brachten, setzten in ihn einen massiven Stuhl aus Holz und fixierten sowohl die Füße als auch die Handgelenke an dem Möbelstück. Sie schwiegen bei ihrer Arbeit und aus Anstand fragte Kit sie zwei Mal halbherzig, warum sie ihn gefangen nahmen und was das alles sollte, in dem Wissen, dass die Männer wussten, dass er ein blinder Passagier war. Als sie fertig waren knallten sie die Tür zur Kabine mit Schwung zu und ließen ihn allein zurück. Kit überlegte fieberhaft was zu tun war. Noch war nichts verloren und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Heth einen Grund fand ihn einfach über Bord zu werfen. Sie würden reden, er würde seine Situation erklären und Heth würde entweder Verständnis zeigen oder keins. In Südamerika angekommen konnte er sie zurückschicken oder auf dem Rückweg wieder mitnehmen. Immerhin war Shell auch illegal auf dem Schiff und diesen auf der Reise zu verlieren, brachte Heth mit Sicherheit Ärger mit den Montgomerys ein. Nach anfänglicher Aufregung hatte Kit sich beruhigt und bereitete sich auf das Gespräch mit Heth vor. Es konnte an sich ja nicht schwieriger werden als sein Bewerbungsgespräch bei Lady Montgomery. Wobei, wenn er sich genauer daran erinnerte, war dies nicht unbedingt ein schwer zu führendes Gespräch gewesen. Mit einem Knarzen wurde Kit aus seinen Gedanken aufgeschreckt, als Sir Kurt Heth die Kabinentür wieder öffnete und eintrat. Seine schweren Schritte bedingt durch sein Körpergewicht, ließen das Holz unter seinen Füßen ächzen. Er ging langsam auf seinen Schreibtisch zu, umrundete diesen und setzte sich lässig auf den wuchtigen Stuhl dahinter. Er schwieg betrachtete Kit für einen Moment und kniff dabei leicht die Augen zusammen.
„Ja, ja. Ich erinnere mich doch an Ihr Gesicht. Sagt mir wage was. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als mir einer meiner Offiziere mitteilte, dass wir einen blinden Passagier an Bord haben! Ich hatte keine größeren Sicherheitsvorkehrungen getroffen, muss ich gestehen. Aber, was soll ich sagen? Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass jemand tatsächlich als blinder Passagier auf ein Handelsschiff gehen würde. Zudem mit dem Ziel Mexiko. Das erschien mir etwas sehr unwahrscheinlich, nicht wahr?“, Heth lachte sein bellendes Lachen und Kit lachte aus lauter Verzweiflung anstandshalber mit. Daraufhin beäugte Heth ihn argwöhnisch und Kit verstummte.
„So, also. Was genau hat Sie zu uns an Bord gebracht?“, Heth lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Die Luft in der Kabine wurde stickiger, oder zumindest kam es Kit so vor.
„Nun, ich haben keinesfalls beabsichtigt, jemanden zu verärgern, ganz besonders Sie nicht. Ich war gezwungen mich an Bord zu schleichen, ich hatte keine Wahl müssen Sie wissen“, er verstummte als er beobachtete, wie sich die Miene von Kurt Heth mit jedem Wort, was er sprach weiter verfinsterte. Dann griff Heth seufzend in die Innentasche seines Jacketts und zog ein Stück Papier heraus. Kit wusste sofort, dass es sich bei dem Stück Papier um das Foto handelte, welches er bei der Schlägerei verloren hatte. Der Mann gegenüber legte es langsam vor Kit auf den Tisch.
„Woher haben Sie das? Meine Männer haben mir berichtet, dass Sie dies bei sich geführt haben. Sie müssen nicht versuchen, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, ich würde sie als solche erkennen. Nun, bitte?“
Kit starrte auf das Bild, als würde ihm dadurch eine plausible Erklärung einfallen, warum dieses Bild in seinem Besitz war, doch egal wie intensiv er es betrachtete, ihm wollte nichts geschicktes dazu einfallen.
„Henry wollte zurück nach Südamerika und ich konnte ihn nicht davon abbringen sich an Bord zu schmuggeln, ich bin ihm gefolgt, da ich die Aufsicht für ihn habe. Das Foto habe ich von Howard Montgomery bekommen ich habe es bei mir behalten “, erklärte er schließlich nüchtern. Die Antwort schien Heth zu gefallen, sein Gesicht hellte sich auf und seine Haltung wurde gelassener.
„Nun, dass Henry an Bord ist, ist mir bereits bekannt. Wir haben uns gerade schon kurz gesprochen, allerdings war er nicht sehr gesprächig“, gab er zu. Kit wurde hellhörig.
„Wo hält Henry sich jetzt auf?“, wollte Kit wissen.
„Er ist in guten Händen, Sie brauchen nicht beunruhigt zu sein“, klärte Heth ihn auf.
„Ich würden ihn dennoch gerne sehe“, blieb Kit beharrlich.
„Entspannen Sie sich ein bisschen, ich biete Ihnen die Gelegenheit eine Pause von ihrer Aufsicht machen zu können. Könnte Ihnen gelegen kommen, zumal Sie ja anscheinend ein wenig überfordert mit der Aufgabe waren Henry nicht aus den Augen zu lassen“, bemerkte Heth und lachte, was noch gekünstelter wirkte als sein Lachen zuvor. Kit ballte seine eingeschnürten Hände zu Fäusten.
„ich möchte mich lediglich vergewissern, dass es ihm gut geht“, presste Kit hervor und sah seinen gegenüber böse an.
„Haben Sie so wenig Vertrauen in mich?“
„Beweisen Sie mir, dass ich Ihnen vertrauen kann“, Kit hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache, doch er wollte Heth nicht wissen lassen wie ausgeprägt schlecht sein Bild von ihm war. Dass sie beide nun getrennt waren und Heth Anstalten machte sie wieder zusammen zu führen hatte Kit die Idee einer freundlichen Unterhaltung schon längst wieder verworfen.
„Sie bringen mich jetzt sofort zu Henry.“
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