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Fabelblut

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Zauberer & Hexen
02.11.2022
07.12.2022
55
99.622
7
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25.11.2022 2.075
 
Es dauert keine Minute, dann bricht im Kolleg die Hölle los. Von allen Seiten höre ich Schreie und die Füße panischer Menschen. Durch das Gemäuer hallt dumpfes Krachen zu uns herauf, als in den unteren Stockwerken die Fensterläden zugeschlagen werden. Irgendwo fällt ein Möbelstück um.
Ich selbst kann mich nicht vom Fleck rühren. Wie festgefroren starre ich auf den geteilten Wald, aus dem jetzt immer neue Geschosse fliegen.
„Lina, weg vom Fenster!“ Erst als Eleanor mich gewaltsam zu Boden zieht, kapiere ich, dass ich die ganze Zeit wie ein Trottel in der Schlusslinie gestanden habe.
„Hey!“ Hinter der Lehne meines Lieblingssessels taucht Mos Gesicht auf. Er winkt mir zu. „Komm rüber!“ Ich will schon aufstehen, aber bevor ich weit gekommen bin, drückt mich Eleanor wieder auf den Teppich. „Unten bleiben, alle beide!“
Am liebsten hätte ich laut geflucht. Ist das ihr Ernst? Auf allen Vieren krieche ich unter dem Fenster vorbei hinter den Sessel, wo Mo schon auf mich wartet. Dabei fühle ich mich wie einer dieser verrückten Survival-Sportler, die sich im Fernsehen durch schlammige Hindernis-Parcours quälen. Die haben allerdings auch Muskeln. Ich sehe wohl eher aus wie eine Robbe auf dem Trockenen.
Eleanor wirft die Fensterläden zu. Sofort wird es stockfinster im Raum. In der Dunkelheit taste ich nach Mo und bekomme seine Hand zu fassen. Seine Finger schließen sich um meine und obwohl ich mir dumm und hilflos vorkomme, beruhigt sich mein Herzschlag. Immerhin muss ich hier nicht allein mit Eleanor sterben.
Zu meiner Rechten zischt ein Streichholz und wie aufs Stichwort erscheint Eleanors Gesicht in der Dunkelheit, beleuchtet von einer Öllampe, deren Lichtkranz ihr unpassenderweise einen Heiligenschein um den Kopf rahmt. Sie kauert sich neben Mo und stellt die Lampe vor unsere Füße. „Alles in Ordnung?“
In Ordnung? Tickt die noch richtig? „Ihr habt mir nie gesagt, dass Fabelreich im Krieg ist!“, stoße ich hervor.
Eleanor schnaubt. „Wir sind nicht im Krieg. Solche Attacken erleben wir öfter. Mach dir keine Sorgen. Der Schild hält.“
„Wenn er sicher hält, warum haben wir uns dann versteckt und die Fensterläden zugemacht?“ Eleanor und Mo wirken wie die Ruhe selbst, aber ich zittere am ganzen Körper.
„Reine Vorsicht“, sagt Eleanor, „Es gibt ein Protokoll für solche Fälle.“
„Ein Protokoll?“ Meine Stimme wird gefährlich hoch. Gleich überschlägt sie sich und das wird hässlich. „Wann wolltet ihr beide mir das alles sagen? Wenn ich in meinem Grab liege?“
„Beruhige dich, Lina.“
„Ich bin aber nicht ruhig! Ihr seid das vielleicht gewöhnt, aber sorry, für mich ist es gerade das erste Mal, dass mich jemand umbringen will!“
„Niemand wird dich umbringen.“
„Aber sie versuchen es, oder etwa nicht?“
Daraufhin schweigt Eleanor. „Ich weiß es nicht“, sagt sie nach einer Weile, „Ich weiß nicht, wie weit sie gehen würden. Ausgerechnet jetzt ist Demetra nicht da.“
„Das haben die geplant“, brummt Mo, „Ich sag´s euch schon lange. Die beobachten jeden unserer Schritte.“
„Wer sind die?“
„Kommt drauf an, wen du fragst.“ Mo hat meine Hand noch immer nicht losgelassen. Sein Gesicht liegt halb im Schatten. „Fanatiker, sagen die Wächter. Rebellen nennen sie sich selbst. Ihr Anführer heißt Spartakus.“
Ein weiteres Geschoss knallt gegen den Schutzschild und lässt die Fensterläden  in ihren Angeln beben. Sogar Eleanor zuckt jetzt.
„Spartakus?“ Ich runzele die Stirn. „Wie der Anführer der römischen Sklavenaufstände?“
„Genau der.“ Eleanor hat einen seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht. In sich gekehrt, als habe der Name eine Erinnerung geweckt. Vielleicht ist sie auch einfach nur überrascht von meinen Geschichtskenntnissen. So viel Allgemeinbildung hat sie mir sicher nicht zugetraut. Arrogante Schnepfe.
„Und gegen was rebellieren sie?“, frage ich. „Kommt schon, lasst euch doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“
„Gegen uns, natürlich.“ Mos Miene ist düster. „Das Kolleg.“
Eleanor seufzt. „Die Rebellen halten Fabelreich für ein Gefängnis. Sie wollen zurück in die richtige Welt. Und wir hindern sie daran. Du weißt es ja selbst. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Wächter: Fabelreich und seine Geschöpfe vor den Gefahren der Menschenwelt schützen.“
„Ja und? Was ist das Problem?“, frage ich. „Es stimmt doch. In der Menschenwelt werden sie verfolgt und ausgerottet. Wie wäre es satt Rebellion mal mit ein wenig Dankbarkeit? Wenn die Wächter nicht wären, gäbe es heute vielleicht gar keine Fabelwesen mehr.“
„Richtig“, sagte Eleanor. „Das ist unser offizielles Narrativ. Seit Jahrhunderten. Aber was würdest du sagen, wenn man dich vor jeder Gefahr schützen würde? Kein Alkohol mehr, kein Party machen, kein Auto fahren. Am Ende dürftest du nicht mal mehr das Haus verlassen. Ein sicheres Leben hättest du dann. Aber wäre es das wert?“
„Da kann man ja wohl kaum vergleichen.“
„Warum?“ Über Eleanors Gesicht huscht wieder dieses arrogante Halblächeln. „Weil du ein Mensch bist und das da draußen nur irgendwelche Tiere mit magischen Kräften?“
Ihre Worte sind wie ein Schlag in den Magen. Ich funkle sie an, aber Eleanor hält meinen Blick. Selbst als meine Augen glasig werden, blinzelt sie nicht. O, ich hasse diese Frau. Wieso muss sie mich jedes Mal vorführen, wenn ich mit ihr rede? Aber gerne. Das kann sie zurück haben: „Ist das der Grund, warum dich das ganze Kolleg meidet? Weil du diejenigen verteidigst, die euch zerstören wollen?“
Meine Worte wischen die Arroganz von Eleanors Gesicht und genau das habe ich beabsichtigt. Als sie spricht erwarte ich, dass sie mich anschreit oder wenigstens einen bissigen Kommentar zurückschießt. Fast wünsche ich mir, sie würde es tun. Aber zu meinem großen Frust bleibt ihre Stimme völlig ruhig. „Lass dir einen Rat von einer Frau geben, deren zahlreiche Fehler sie mittlerweile weise gemacht haben“, sagt sie. „Denke schnell, urteile langsam.  Ich verabscheue diese Angriffe genauso wie jeder hier. Die Wächter sind meine Familie. Trotzdem, keine Familie ist perfekt. Und ich bin ich nicht blind. Ich glaube nicht, dass die da draußen das pure Böse sind und wir hier drinnen die strahlenden Retter der magischen Welt. Niemand im Kolleg würde es zugegeben. Aber auch Wächter haben Vorurteile. Selbst in Fabelreich ist es schwer, wenn man anders ist.“
Ich kann ihr nicht in die Augen sehen, nicht nach dem letzten Satz. Vielleicht, weil ich ahne, was sie meint. Plötzlich tut mir mein Kommentar von vorhin leid. „Ich hab nicht gemeint, dass-“
Etwas Großes wummert gegen die Scheiben. Die Vibration erschüttert den Boden wie ein Erdbeben. Nicht, dass ich schon mal eins erlebt hätte, aber so stelle ich es mir vor. Gleich darauf höre ich noch etwas anderes. Ein Knacken oder Splittern. Es ist das gleiche Geräusch, das eine zugefrorene Pfütze macht, kurz bevor sie einbricht.
„Scheiße.“ Eleanors Augen werden weit.
Mo wirft ihr einen ängstlichen Blick zu. „Meinst du, der Schild-?“
„Was sonst. Ich muss sofort runter.“
„Aber die Alumini-“
„-werden offensichtlich allein nicht Herr der Lage. Wir sitzen jetzt seit zehn Minuten hier. Wer weiß, wann Demetra wieder kommt. Es ist Zeit, dass jemand eingreift.“
„Jemand, nicht du!“
„Mo. Wir wissen beide, dass es niemand anderen gibt.“
Er biss sich auf die Lippe. „ Schön. Sei vorsichtig. Ich schwör dir, ich bring dich um, wenn du irgendeinen Alleingang machst.“
„Keine Sorge.“ Sie lächelt, was wohl beschwichtigen soll, aber der Ausdruck erreicht ihre Augen nicht. „Bleibt, wo ihr seid. Wenn ich in einer halben Stunde nicht zurück bin, dann öffnet ihr ein Portal und verschwindet. Verstanden?“
Mo nickt, aber kaum hat Eleanor den Raum verlassen, schnappt er sich die Öllampe vom Boden und steht auf. „Komm, schnell“, raunt er mir zu, leise als fürchte er, Eleanor könnte immer noch vor der Tür stehen und lauschen.
Ich zögere. „Eleanor hat-“
„Seit wann hörst du auf das, was Eleanor sagt?“
Verdammt. Der Kerl weiß wirklich, welche Knöpfe er bei mir drücken muss.
Ich folge Mo, das dunkle Kollegium hindurch und die Treppen hinunter. Die Öllampe wirft flackernd unsere riesigen Schatten an die Wände. Allein dieser Anblick reicht, dass sich die Härchen auf meinen Armen sträuben. Der Rest des Hauses wirkt wie ausgestorben. Wir begegnen keiner Menschenseele, bis wir in der Eingangshalle ankommen, doch hinter den geschlossenen Türen kann ich Geflüster hören.  
Das Portal zum Hof steht weit offen. Mitten auf der Schwelle stehen Seite an Seite die Alumni. Demetras silberner Umhang fehlt, aber ich erkenne Eric und Constanze. Sie diskutieren offensichtlich mit Eleanor, die neben ihnen steht und jetzt den schwarzen Umhang von meiner Einführungsfeier trägt. Die drei haben uns den Rücken zugekehrt, doch allein ihre Lautstärke verrät, dass sie streiten.
„Alles ist unter Kontrolle, wir bekommen das alleine hin-“ Erics Worte gehen in einem Zischen unter, als das nächste Geschoss über die Baumwipfel saust. Auf Höhe des schmiedeeisernen Tores trifft der Gegenstand eine unsichtbare Barriere und verglüht.
Jetzt verstehe ich es. Stormglen Manor ist von einem unsichtbaren Schild umgeben, sozusagen ein magisches Raketenabwehrsystem. Wir sitzen in einer Art riesiger Schneekugel. Einer Schneekugel, die langsam Sprünge bekommt.
Ich kann es sehen. An manchen Stellen wirkt der Schutzzauber wir ausgefranst. Seine Ränder sind sichtbar geworden. Leichte Ziele für die Angreifer.
„Wir können nicht hier stehen und warten, bis sie durchbrechen!“, höre ich Eleanors Stimme, „Wenn wir jetzt angreifen, haben wir noch eine Chance. Gemeinsam.“
Eric schüttelt den Kopf. Mittlerweile glaube ich, er wiederspricht Eleanor schon aus Prinzip. „Du entscheidest hier gar nichts! Wir warten auf Demetra.“
„Demetra ist verdammt nochmal nicht hier!“
„Eleanor.“ Alumna Constanzes Stimme ist leise, fast ängstlich. Sie macht den Eindruck, als würde sie am liebsten wegrennen und sich zusammen mit ihrem Kollegium verstecken. „Wir sollten wirklich auf Demetra warten.“
Mo duckt sich hinter eine Vase und schleicht noch ein wenig näher zum Portal. Die Angriffe kommen jetzt sekündlich. Sogar ich, die noch nicht lange Mitglied in diesem Verein ist, erkenne, dass der Schild solchen Angriffen auf Dauer nicht standhalten wird. Die Frage ist, wie lange es noch dauert, bis er nachgibt.
Nun, wie sich herausstellt: Nicht lange.
Wieder kracht ein Geschoss gegen den Schild, ein Felsbrocken von der Größe eines Kleinwagens, doch diesmal verglüht er nicht. Der Schild vibriert, flirrt wie Luft an einem heißen Tag. Von der Einschlagsstelle ausgehend laufen Wellen über seine Oberfläche, breiten sich aus, kreisförmig, als hätte jemand einen Stein in einen Teich geworfen. Es knackt. Und dann schnellt ein Riss durch den Schild.
„Oh, shit“, höre ich Mo flüstern.
Mit einem Mal herrscht Stille. Die Angriffe stoppen, die Alumni hören auf zu streiten. Verteidiger und Angreifer scheinen erstarrt. Alle Augen richten sich auf den Riss, der sich jetzt langsam ausbreitet. Er schiebt sich voran, verästelt sich wie ein Baum, bis die ganze Glocke des Schildes mit feinen Rissen bedeckt ist. Ein Angriff jetzt, ein kleiner Steinwurf und Stormglen Manor wäre ausgeliefert.
Aber dazu kommt es nicht mehr.
Für einen Moment erstrahlt der Schild in einem weißen, unheimlichen Glimmen. Dann bricht die Welt zusammen.
Constanze kreischt, als die Glocke um uns herum explodiert. Die freigewordene Energie lässt die Scherben zu Geschossen werden, wie Eissplitter hageln die Reste des Schildes auf die Dachziegel und den Hof. Eleanor zieht Eric vom Eingang weg, Constanze rettet sich selbst hinter ein Bücherregal. Sie sind viel zu beschäftigt, um Mo und mich zu bemerken. In den Mienen der Allumi steht Schock.
Der Schild von Stormglen Manor war einmal.
Aus dem Wald hinter dem Tor dringen Jubel und Freudenschreie. Bei dem Klang legt sich mir ein Stein in den Magen.
„Wir müssen da raus, jetzt!“, schreit Eleanor. „Wer kommt mit?“ Ihr Blick geht zwischen Constanze, die sich zitternd an die Lehne ihres Sessels klammert, und Eric hin und her. Keiner von beiden macht Anstalten sich zu bewegen.
„Na, vielen Dank auch.“ Eleanor schnaubt. „Feiglinge.“
„Das ist doch Wahnsinn!“ Constanzes Kopf schaut hinter dem Sessel hervor, die Finger hat sie immer noch in die Lehne gekrallt. „Eleanor, komm zurück! Du weißt doch nicht mal, was du tust!“
Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Ich kann Eleanors Gesicht nicht sehen, als sie aus dem Schatten der Eingangshalle in die Hof tritt, aber ihre Haltung spricht für sich. Da ist kein Schwanken, kein Zittern. Nicht das leiseste Anzeichen von Unsicherheit.
Ich werfe einen Blick zu Mo. Sein Gesicht ist angespannt, aber es ist unmöglich zu erkennen, ob er Angst hat.
Vor dem Hintergrund des mächtigen Herrenhauses wirkt Eleanor winzig, fast verloren. Ihre Hände sind leer. Sie trägt kein Schwert oder sonst irgendetwas, mit dem sie sich verteidigen könnte.
Was hat sie vor? Verhandeln?  
Für einen Augenblick ist alles still, die Szene eingefroren wie auf einem mittelalterlichen Gemälde. Der einsame Ritter vor der Armee, oder so. Dann öffnet Eleanor die Handflächen. Sie hebt den Kopf und mit ihm die Arme, bis sie aussieht wie ein Pfarrer am Altar. Ich höre sie wispern.
Und die Schatten antworten.
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