Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wenn das Leben dir Zitronen gibt

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost / P12 / Het
01.11.2022
29.01.2023
36
74.424
4
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
01.11.2022 2.795
 
Schön, dass du hergefunden hast. Viel Spaß mit dem ersten Kapitel.
LG


Wenn das Leben die Zitronen gibt


1. Krebs ist ein Arschloch

Juna

An manchen Tagen fehlt er mir besonders. Dann sitze ich da und schaue mir Fotos und Videos von ihm an, oder ich höre mir zum 100 Mal seine Sprachnachrichten an. Seit über einem Jahr ist er nicht mehr da und er fehlt mir wie am ersten Tag. „Ach Papa“, seufze ich, und ohne das ich wirklich darüber nachdenken, tippe ich eine Nachricht an ihn. Er war mit Leib und Seele Schotte, kam nur wegen Mama damals nach Deutschland. „Du fehlst mir so sehr. Was würde ich dafür geben, dich noch einmal in die Arme nehmen zu dürfen“, shreibe ich. Ohne es abzusenden, lege ich das Telefon zur Seite und gehe zu Hintertür, als es bellt. Ich lasse unsere Hündin Elli rein, die sich freut mich zu sehen, sich erstmal Streicheleinheiten abholt, dann fressen geht und schließlich ins Wohnzimmer verschwindet. Ich gehe in die Küche, um nach dem Mittagessen zu sehen. Liva wird bald aus der Schule kommen. Ich rühre den Eintopf um und stelle den Herd runter, decke schon mal den Tisch. Ich schaue nach draußen. Es regnet und ist grau. Der Herbst kündigt sich an. Vorbei das Barfußlaufen und T-Shirt tragen. Ich liebe den Sommer. Ich liebe es, leicht bekleidet herumlaufen. Keine Socken an den Füßen. Im Pool liegen und die Wärme genießen. Oder einfach mit meiner Tochter ans Meer oder zum See zu fahren.
Ich sehe meine Tochter mit dem Fahrrad den Holperweg heranführen und stelle den Topf auf den Tisch. „Hallo Mama“, begrüßt sie mich wenig später und gibt mir einen Kuss auf die Wange, so wie immer. „Hallo mein Schatz", begrüße ich sie und helfe ihr mit der schweren Schultasche. Dann geht sie in die Hocke, um Elli zu begrüßen, die fiepend um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Anschließend geht Liva ihre Jacke aufhängen und setzt sich dann zu mir an den Küchentisch. „Wie wars in der Schule?“ frage ich sie. „Gut. Hab die Deutscharbeit wiederbekommen.“ „Oh und?“ will ich wissen. „Ich habe eine zwei bekommen.“ „Toll Schatz. Ich bin stolz auf dich“, sage ich erfreut. Sie hat sich viel Mühe beim lernen gegeben und ihre Noten sind wirklich gut. Seit diesem Jahr besucht sie eine neue Schule in einem anderen Ort, zu der sie mit dem Bus fährt. Seit dem geht es ihr besser. Sie ist kein gewöhnliches Mädchen. Auf dem ersten Blick schon. Sie hat lange Blonde Haare, trägt gern Pink und Lila und liebt Pferde und singt für ihr Leben gern. Doch sie wurde als Junge geboren. Aber schon im Alter von vier Jahren war klar, eigentlich ist sie ein Mädchen. Ich habe sie darin unterstützt, während Mike damit überhaupt nicht klar kam. Er wollte seinen Sohn behalten. Mir jedoch war es wichtig, ein glückliches Kind zu haben. Egal welches Geschlecht es hat. Vor vier Jahren haben wir mit der Hormonterapie begonnen und aus Levi wurde Liva. Mike ist abgehauen und seit dem kümmere ich mich allein um meine Tochter.
Bis letztes Jahr lebte mein Vater bei uns. Als er krank wurde legte ich meine Arbeit auf Eis, damit ich für ihn da sein konnte. Letztes Jahr im Mai, nur einen Tag nach Livas Geburtstag verlor er den Kampf gegen den Krebs. Er hat ein riesiges Loch hinterlassen. Liva liebte ihren Opa abgöttisch und auch für mich bedeutete er alles.
„Mama, guck nicht wieder so traurig“, bittet mich meine Tochter und ich schenke ihr ein sanftes Lächeln. Ich weiß, sie macht sich Sorgen, aber dass muss sie nicht. Es geht mir gut und ich komme klar. Ich habe etwas Zeit gebraucht, zurecht zu kommen, aber ich finde mich langsam wieder zurück. Seit einem knappen halben Jahr habe ich meine Arbeit wieder aufgenommen und arbeite nun drei Tage die Woche für jeweils 6 Stunden. Es tut gut wieder zu Arbeiten, wieder unter Leute zu kommen.
„Mama, darf ich heute Nachmittag zu Michelle?“, fragt Liva mich dann. „Ja, natürlich. Soll ich dich bringen?“ „Nur wenns regnet“, bittet sie und isst ihren Teller leer. Ich habe auch aufgegessen und wir beide räumen den Tisch ab. Ich Räume die Spülmaschine ein und schicke Liva hoch, ihre Hausaufgaben machen. Ich hole mein Handy aus dem Wohnzimmer und sehe, dass ich eine Nachricht habe. Als ich mein Handy entsperre und nachschaue, bleibt mein Herz stehen. Papa hat geantwortet. Wie bitte? Ich habe doch die Nachricht gar nicht abgeschickt. Elli! Sie muss es gewesen sein, als sie aufs Sofa gesprungen ist. Mit zittrigen Fingern öffne ich die Nachricht. „Ich enttäusche sie nur ungern, aber ich denke, sie haben die falsche Nummer. Ich hoffe, ihr Kummer ist nicht allzu groß“, hat jemand geantwortet. Natürlich war es nicht Papa. Soll ich etwas dazu schreiben? Ich denke ich sollte mich erklären. „Es tut mir wirklich leid. Mein Hund muss die Nachricht abgeschickt haben. Ich wusste nicht, dass die Nummer meines Vaters neu vergeben wurde. Er starb letztes Jahr“, schreibe ich und rechne nicht damit, dass ich nochmal eine Antwort bekomme. Doch nur wenige Minuten später meldet sich mein Telefon mit einem leisen „Pling". „Was für ein intelligenter Hund, wenn er WhatsApp Nachrichten versenden kann“, schrieb die Person und bringt mich damit zum lachen. Dann kommt gleich eine weitere Nachricht rein. „Das mit ihrem Vater mir leid. Ich kann ihren Schmerz verstehen. Mein Vater starb auch letztes Jahr.“ Oh. „Mir tut es auch leid. War ihr Vater krank?“ schreibe ich. Warum, weiß ich nicht. „Nein, eigentlich nicht. Er erkrankte am Covid Virus. Was war mit ihrem Vater? “ Schrieb die Person. Wie schrecklich. „Das muss ein Schock gewesen sein. Mein Vater starb an Krebs.“
Eine Weile kommt keine weitere Nachricht und ich lege mein Telefon zur Seite, gehe dann hoch zu Liva, die nach mir gerufen hat.


Jamie

Ich kenne die Nummer nicht, von der ich diese Nachricht bekommen habe, aber ich denke, ich sollte dieser Person antworten. Ich tippe eine Antwort und damit ist das Thema für mich eigentlich gegessen. Ich stecke mein Telefon zurück in die Hosentasche und fahre los, um Bertie, meine jüngste Tochter vom Kindergarten zu holen. D.D. und Elvi würden auch bald von der Schule kommen und ich habe noch nichtmal was zu Mittag machen können. Die Zeit war mir einfach davon gelaufen. Kinder wegbringen, einkaufen, Haushalt und schon war es Mittag. Würde es also mal wieder Sandwiches geben.
Alles fällt mir so viel schwerer, seit ich allein bin. Sich alles zu teilen, die Arbeit, die Kinder, das war viel einfacher, doch Millie ist nicht mehr da. Ich habe keine Ahnung, wo sie im Moment steckt und eigentlich ist es mir egal. Es ändert nichts. Sie meldet sich alle paar Tage, um mit den Mädchen zu sprechen, sagt ihnen, wie lieb sie sie hat und dass sie sie vermisst, doch nach Hause kommt sie nicht. Sie muss arbeiten, belüge ich meine Töchter und wie lange ich das noch kann, weiß ich nicht. Dass sie mich im Stich gelassen hat ist die eine Sache. Dass sie das gleiche mit den Mädchen getan hat eine ganz andere. Aber ich will nicht, dass die Mädchen schlecht über ihre Mutter denken. Sie lieben sie und so soll es sein. Und für sie bin ich stark. Ich bin in ein anderes Haus gezogen, ganz in der Nähe meiner älteren Schwester. Sie greift mir unter die Arme, wo auch immer sie kann und dafür bin ich unendlich dankbar. Auch unsere älteste Schwester gibt mir Kraft und Halt. Haben wir doch nur noch uns. Es ist noch immer schwer zu begreifen, dass Dad nicht mehr bei uns ist. Dass dieser verdammte Virus diesen gesunden Menschen aus unserer Mitte gerissen hat.
Ich fluche über einen Idioten, der mir die Vorfahrt klaut und konzentriere mich wieder auf den Verkehr. Beim Kindergarten angekommen, kommt Alberta auf mich zugelaufen, sobald sie mich erblickt. „Daddy!“ quiekt meine mittlerweile drei Jährige freudig, und ich hebe sie hoch, drücke ihr einen Kuss auf die Wange. „Na Spätzchen, hattest du einen schönen Tag?“ frage ich sie und sie nickt. „Ja“, antwort sie knapp, denn eine große Quatschtante ist sie noch nicht. Sie versteht alles, hält sich mit eigenen Worten jedoch gern noch zurück. „Wollen wir nach Hause?“ frage ich und wieder nickt sie. „Ja.“ Ich lache und setze sie ab, helfe ihr mit ihren Schühchen.
„Bertie hunger“, sagt sie, als ich sie in ihren Kindersitz setze und sie anschnalle. „Zuhause bekommst du etwas“, verspreche ich. „Wie wärst mit Tayto Smaschies?“ frage ich sie und sie klatscht in ihre Händchen. „Smaschies!“ freut sie sich und ich grinse, drücke ihr noch einen Schmatzer auf uns steige selbst ins Auto. Mein kleines Mädchen ist so einfach glücklich zu bekommen.
Ich fahre nach Hause und nachdem wir Schuhe und Jacke ausgezogen haben, begrüßt sie Lenny, unserem Hund. Er schlabbert ihr das Gesicht ab. „Lenny aus“, herrsche ich ihn an, denn er soll das nicht. Er frisst liebenden Vogelkacke und soll den Mädchen nicht durchs Gesicht lecken. „So Mäuschen. Hände waschen, dann gibt es Smashies“, verspreche ich und Bertie läuft ins Gästebad, zieht den Hocker hervor, steigt hinauf und wäscht sich die Hände. Mit Seife versteht sich. Sie quatscht zwar nicht viel, aber dafür ist sie ein ziemlich selbstständiges Mädchen.
Ich mache ein Sandwich für sie und als sie dieses vertilgt, landet natürlich das meiste der Cheese and Onion Chips auf ihrem Teller und auf dem Boden. Sehr zu Freude von Lenny. Die Chips auf ihrem Teller stopft sich Bertie natürlich selbst in den Mund. Mir ist klar, dass Tayto Smashies nicht das gesündeste sind, aber perfekt wenn es mal schneller gehen muss. Heute Nachmittag muss ich DD, meine Älteste zum Gitarrenunterricht fahren. Elvi hat Turnen und für Bertie steht eine Impfung an.
Nach dem Mittagessen darf Bertie etwas Fernsehen und ich räume das Chaos in der Küche weg, merke dann mein Telefon in der Hosentasche vibrieren. Es ist eine Antwort von der unbekannten Nummer. „Es tut mir wirklich leid. Mein Hund muss die Nachricht abgeschickt haben. Ich wusste nicht, dass die Nummer meines Vaters neu vergeben wurde. Er starb letztes Jahr.“ Ich lache über die Aussage mit dem Hund. Sie ist überrascht dass diese Nummer bereits neu vergeben ist. Tatsächlich habe ich diese Nummer erst ein paar Wochen. Meine alte Nummer hatten einfach zu viele Menschen, die sie nicht haben sollten. Diese Nummer hier haben nur die wichtigsten Menschen in meinem Leben.
„Was für ein intelligenter Hund, wenn er WhatsApp Nachrichten versenden kann“, schreibe ich und sende ab, schreibe gleich eine weitere Nachricht. „Das mit ihrem Vater mir leid. Ich kann ihren Schmerz verstehen. Mein Vater starb auch letztes Jahr.“ Warum ich das erzähle, weiß ich selbst nicht. Eigentlich rede ich ungern darüber, aber irgendwie fühle ich mich mit diesem Menschen verbunden. Es ist jemand, dem das gleiche Schicksal ereilte. Und abgesehen davon hat die Person keine Ahnung, wer ich bin. Ich stelle die Spülmaschine an und bereite schon mal die Sandwiches für DD, eigentlich Dulcie und Elva vor. Das Handy vibriert erneut. „Mir tut es auch leid. War ihr Vater krank?“
„Nein, eigentlich nicht. Er erkrankte am Covid Virus. Was war mit ihrem Vater?“ Ich sendete die Nachricht ab und hörte dann die Haustür. „Wir sind zuhause, Daddy!“ höre ich Dulcie rufen. Lenny ist eher bei ihnen und fordert seine Streicheleinheiten ein, die er von Beiden bekommt. Ich nehme meinen Töchtern ihre Schulranzen ab und stelle sie vor die Treppe. „Was gibt’s zu essen?“ möchte Elva wissen und läuft in die Küche. „Smaschies!!“ freut sie sich und Dulcie verdreht die Augen. „Schon wieder?“ DD wird bald 9 und ist schon voll in der ersten Pubertätsphase. Eigentlich braucht sie dringend ihre Mutter, doch die glänzt weiter mit Abwesenheit. „Ja, ich weiß. Morgen gibt’s was anständiges“, verspreche ich. „Na da bin ich ja mal gespannt“, murmelt sie und geht zu ihrer Schwester in die Küche. Ich sehe kurz nach Bertie, die vor dem Fernseher eingeschlafen ist und Decke sie zu. Eine halbe Stunde gönne ich ihr, dann muss ich sie wecken.
Nach dem Mittagessen machen die beiden Großen ihre Hausaufgaben und ich weckee Alberta, die anfängt zu jammern und knartschig ist, weil ich sie geweckt habe. Aber es nützt nichts. Wir müssen gleich los.

Am Abend, als alle drei Mädchen im Bett sind und schlafen, gönne ich mir ein Glas Wein und setze mich auf die Couch. Lenny liegt zu meinen Füßen und schnauft zufrieden. Amelia hat heute Abend angerufen und dementsprechend aufgedreht waren die Mädchen. Ich habe ihr schon einige Male gesagt, dass sie nicht so kurz vorm Schlafengehen anrufen soll, doch sie ignoriert meine Bitte. Sie muss die Drei ja auch nicht ins Bett bringen.
Ich bin ko und gähne. Ich Blicke auf mein Telefon uns lese erst jetzt die Antwort von der oder dem Unbekannten. „Das muss ein Schock gewesen sein. Mein Vater starb an Krebs.“ Schok… oh ja, allerdings. Ich war gerade am anderen Ende der Welt in Australien und verharrte in Quarantäne. Ich konnte nicht zu meiner Familie, hab sogar die Beerdigung verpasst. Noch heute habe ich daran zu knabbern. Verdammter Virus.
Krebs. Krebs ist genau so ein Arschloch.  „Ja, es war ein großer Schock“, bestätige ich. „Aber Krebs ist genauso scheiße. Ich hab meine Mom daran verloren“, schreibe  ich und bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, mich auf dieses Gespräch einzulassen. Was wenn es mich zu sehr runter zieht. Dennoch sende ich die Nachricht ab und trinke einen Schluck Wein. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Das ist furchtbar. Krebs ist ein Arschloch und Covid ebenso. Ich hoffe, sie sind gesund.“ Ein leichtes Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Manche sagen ich bin oben nicht ganz richtig, aber ja. Ich und meine Töchter sind gesund. Und der Rest meiner Familie auch. Ich hoffe es bleibt so. Und bei Ihnen? Wie ist Ihr Name? Ich heiße Jamie“, schreibe ich, denn mir ist nach plaudern zumute. Reden mit jemanden, der keine Ahnung hat, wer ich bin. Der Gedanke hat irgendwie etwas beruhigendes.
„Hallo Jamie. Ich bin Juna. Sie haben Töchter. Wie schön. Ich habe auch eine Tochter. Ihr Name ist Liva.“ Juna. Und Liva. Was für schöne Namen. „Sie haben einen Schönen Namen“, schreibe ich. „Liva klingt toll. Meine Töchter heißen Dulcie, Elva und Alberta.“ Was meine Töchter angeht bin ich vorsichtig, aber wie hoch ist die Chance, dass jemand die Namen gleich mit mir assoziiert?
„Vielen Dank. Den Namen hat sie sich selbst ausgesucht. Ihre Mädchen haben auch schöne Namen.“
„Sich selbst ausgesucht? Dass müssen sie mir erklären“, bitte ich und trinke einen weiteren Schluck Wein.
„Ich habe ihr eigentlich den Namen Levi gegeben. Sie ist als Junge geboren, fühlt sich aber als Mädchen. Sie ist 12. Wie alt sind ihre Töchter?“ Interessante Geschichte. Sie ist also ein sehr toleranter Mensch. Das mag ich. „Interessant. Schön, dass sie hinter ihr stehen und sie sich verwirklichen lassen. Meine Mäuse sind 8, 6 und 3. Und da gibt es noch Lenny, unseren Labrador. Er ist 5“, plaudere ich und fühle mich gut dabei. „Und was ist mit ihrer Frau?“ fragt sie. Damit hätte ich rechnen müssen. „Wir haben auch einen Hund. Unsere Elli. Ein Sennenhund. Sie ist erst 1 Jahr alt.“  „Hunde sind was tolles. Die Mutter meiner Töchter braucht eine Auszeit. Was ist mit Livas Vater?“ Nun bin ich auch neugierig. „Der hat sich verabschiedet, als unser Kind mit der Hormontherapie angefangen hat und offiziell den Namen Liva angenommen hat“, Autsch. „Arschloch“, schreibe ich ohne zu überlegen. „Wie recht sie haben…“

Die Zeit vergeht unglaublich schnell und doch mag ich nicht gute Nacht sagen. Ich habe erfahren, dass Juna und Liva in Deutschland leben. Ihr Vater war Schotte, weshalb er auch eine Britische Nummer hatte. Wegen seiner Geschwister und so. Juna hat keine Geschwister und ihre Mutter starb vor sieben Jahren an der Lungenkrankheit COPD. Sie und Liva sind ganz allein, keine wirkliche Familie. Das tut mir leid. Ich habe ihr von meinen Schwestern erzählt, von meinen Nichten und Neffen. Von meinen unzähligen Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel. Ja, ich habe eine große Familie, aber abgesehen von meinen Schwestern Jessica und Liesa leben alle noch in Belfast.
Kurz vor Mitternacht muss ich mich dann doch verabschieden, sonst komme ich morgen nicht aus den Federn. Und das schreibe ich ihr auch. „Dann wünsche ich Ihnen einen gute Nacht, Jamie. Ich muss auch ins Bett. Alles Gute und vielleicht… bis bald…“ schreibt sie und ich lächle. „Gute Nacht. Bis bald…“ Irgendwie fühle es sich merkwürdig an, doch auf einer Weise fühle ich mich leicht. Es war schön, sich mal wieder zu unterhalten, den Abend nicht einfach vor den Fernseher zu sitzen. Konversation halten, jemanden kennenlernen. Das ist schon immer schwer für mich gewesen. Und erst recht in der heutigen Zeit, wo niemand lange Zeit raus durfte.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast