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Treat you better

von Henri1421
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
01.11.2022
29.11.2022
29
50.387
2
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01.11.2022 1.783
 
Heyho, der Nano hat angefangen und ich möchte ihn dieses Jahr mit dieser Geschichte bestreiten. Ich hoffe, dass ich jeden Tag zu einem Upload kommen werde, weil ich leider recht viel arbeiten muss und im Einzelhandel vor Weihnachten (ja, schon im November) immer die Hölle los ist. Freut mich aber, dass ihr es hierher geschafft habt owo
Macht ihr auch beim NaNo mit?
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Samuel

Natürlich hatte es so enden müssen und nicht anders. Der Optimismus, der mir jeden Morgen sagte, es würde heute besser werden, war wie immer unbegründet gewesen. Es wurde nie besser, auch wenn ich das immer wieder dachte und immer wieder denken werde. Und nun sitze ich auf den Fliesen meines Bades und heule Rotz und Wasser. Die Gefühle, die in mir vorherrschen sind Einsamkeit und Trauer.  Und daran wird niemand in den nächsten Stunden, bis ich einschlafe, etwas ändern können.
Auch nicht die kleinen tapsigen Pfoten und die kalte Nase, die mich anstupste. Ebenso wenig die raue Zunge, die die salzigen Tränen von meiner Wange schleckte. Trotzdem kann ich ein Lachen nicht unterdrücken. Ein trauriges Lachen, auf das nur umso mehr Tränen folgen. Ich schnappe mir meinen kleinen Welpen und drücke ihn an meine Brust. Er ist noch jung, nur ein paar Monate alt, und das weiche Welpenfell ist kuschelig warm auf meiner Haut. Vor wenigen Wochen habe ich mir den kleinen Hund zugelegt und auf den Namen Skinna getauft. Schwedisch für Flausch. Jedenfalls wenn man Google fragt.
Schwanzwedelnd versucht Skinna sich  aus meiner Umklammerung zu befreien. Dabei zappelt er quirlik herum und schleckt mir immer wieder über das Gesicht. »Ist ja gut, ich stehe schon auf«, erkläre ich ihm unter Schniefen, lasse Skinna los und stehe auf.
Vorsorglich putze ich mir noch die Zähne, ehe ich meinem Welpen aus dem Bad folge und meinen Wohnraum betrete. Ich bin nur froh, dass ich heute schon mit ihm draußen war und nicht mehr muss, denn dazu fehlt mir schlicht die Energie. Eigentlich sollte Skinna mich eben dazu bringen. Das jedenfalls war der Plan meiner Psychologin. Dabei habe ich überhaupt keine Zeit für einen Hund. Von den Kosten für Versicherung, Futter und Tierarzt mal abgesehen. Aber irgendwie bekomme ich es hin. Jedenfalls bis jetzt. Wie es in Zukunft sein wird… ehrlich gesagt, keine Ahnung.
Ich bin müde. Also stecke ich mein Handy ans Ladegerät, lege es – in der Hoffnung doch noch ein Lebenszeichen von meinem Freund zu erhalten – neben das Kopfkissen, schnappe mir meinen eReader und lege mich in mein Bett. Skinna springt ebenfalls hinauf und kuschelt sich an meine Seite.
Lange lese ich nicht, bis mir vor Erschöpfung die Augen zufallen und ich während einer kurzen »Pause« beim Lesen einschlafe. In der Nacht schaltet sich mein Reader von selbst ab.
~
Mitten in der Nacht wache ich auf. Wie immer. Ich leide unter Schlafstörungen. Kurz gesagt bin ich immer müde. Und mit immer meine ich immer. Außerdem wache ich Nacht für Nacht auf. Das ist unausweichlich.
Noch eine schlechte Angewohnheit von mir ist, nachts auf mein Handy zu schauen. So wie auch jetzt. Ich entsperre den Bildschirm, dessen Licht mich stark blendet und öffne den Messanger. Gelesen, fährt es mir durch den Kopf, als ich den zweiten blauen Haken neben meiner Nachricht sehe. Gelesen. Er hat meine Nachricht gelesen, hat sie alle gelesen. Und wie so oft hat er es nicht für nötig befunden, mir auch nur eine kleine Antwort zu schreiben.
Erneut steigen mir Tränen in die Augen und ich beiße mir auf die Lippe, versuche sie krampfhaft zu unterdrücken. Ich tippe wütend eine Nachricht ein, doch ich schicke sie nicht ab, sondern lösche sie wieder. Wer bin ich, ihm Vorwürfe machen zu dürfen? Nur, weil ich ein Aufmerksamkeitsproblem habe und 24 Stunden am Tag jemanden brauche, der mich beschäftigt? Er hat sein eigenes Leben. Und ich eben keins…
Display aus, Augen zu. Ich konzentriere mich auf meine Atmung und schaffe es schließlich, wieder einzuschlafen.
~
Mein Wecker klingelt viel zu früh. Aber es hilft alles nichts, wenn ich liegen bleibe, wird Skinna meine Couch markieren. Er muss raus. Deshalb quäle ich mich aus dem Bett, ziehe mir notdürftig etwas über und verlasse mit ihm das Haus. Meine Stimmung hat sich trotz des Schlafes nicht geändert und auch Optimismus kann ich an diesem Morgen nicht zeigen. Vielleicht wird sich das in der Schule ändern, keine Ahnung.
Mit einem Headset höre ich Musik. Globis. Break from this world. Das ganze Album. Meist höre ich es nur bis zur Mitte und spule dann zurück an den Anfang. Ich fühle die Lieder, auch wenn ich die meisten der fremdsprachigen Texte überhaupt nicht verstehe. Es ist die Melodie und der Klang der Stimme, der bis zu meinem Herzen vordringt.
Skinna macht sein Häufchen und ich beseitige es mit einem Beutel. Dann gehen wir zurück. Ich frühstücke, ziehe meine Schuluniform an, schnappe meinen Rucksack und gehe los. Meinen Welpen gebe ich bei meiner Nachbarin ab. Sie ist Rentnerin und freut sich immer über die Gesellschaft. Auch über die eines aufgedrehten Welpen.  
All meine Wut, mein Hass und meine Vorwürfe lösten sich in dem Moment in Luft auf, in dem ich ihn vor der Schule erblickte. An unserem Treffpunkt, wo wir uns immer aufeinander warteten. Eine Bank am Waldrand etwas abseits des Schulgebäudes.
Ich hatte mir vorgenommen, ihm dieses Mal nicht so einfach zu verzeihen. Wirklich, ich will hart bleiben, aber mein Widerstand löst sich sofort, als er zu mir sieht und winkt. Etwas anderes als zu lächeln gelingt mir nicht mehr. All meine Vorwürfe waren unsinnig. Dass er keine Zeit für mich hat? Unsinn, er ist doch jetzt hier. Er hatte gestern einfach etwas zu tun, das darf ich ihn nicht vorwerfen. Und ich darf ihm auch nicht vorwerfen, dass er nicht pausenlos auf sein Handy schaut. Das ist undankbar. Ich bin undankbar.
»Hey«, begrüße ich ihn und lächle. Am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen, aber ich halte mich etwas zurück.
Matteo steht auf – er saß auf der Rückenlehne der Bank – und kommt zu mir. »Hey«, erwidert er meinen Gruß. Dann umarmt er mich fest. Ich atme seinen Duft ein und schmiege meinen Kopf an seine Brust. Seine Nähe ist alles, was ich brauche. »Gut geschlafen?«, fragt er dann und löst sich von mir, um mir einen sanften Kuss auf die Lippen zu hauchen.
»Ja«, lüge ich ihn an und lächle. Ich will nicht, dass er sich Sorgen um mich macht.
»Sry, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe«, erklärt er nun und durch diese Entschuldigung fühle ich mich noch ein gutes Stück schlechter, weil ich ihm innerlich deshalb Vorwürfe gemacht habe. »Meiner kleinen Schwester ging es nicht so gut. Sie hat mich den ganzen Abend belagert und auch bei mir geschlafen.« Nele, seine kleine Schwester, die halb so alt ist, wie wir. Und die unter einer psychischen Störung leidet, die ihr Angst einjagt. Matteo hat mir erzählt, dass sie eins im Urlaub überfallen wurden. Das hat Nele nicht verarbeitet. Seit dem hat sie des Öfteren Angst vor ihrem eigenen Schatten oder Spiegelbild, sieht Personen, wo keine stehen und fürchtet sich. Wie könnte ich unter diesen Umständen wütend auf ihn sein?
»Schon gut, ist kein Beinbruch«, erwidere ich also und lächle. »Lass uns rein gehen, die Schule fängt gleich an und ich will nicht zu spät kommen.«
Mein Freund nickt und gibt mir noch einen Kuss auf die Wange. Dann nimmt er meine Hand und gemeinsam betreten wir den Schulhof. Dann das Gebäude und schließlich unsere Klasse. Unsere Beziehung ist kein Geheimnis, ich hatte mein Outing schon vor zwei Jahren in der achten Klasse. Meinen Freunden – den wenigen, die ich hatte – war es egal, sie standen zu mir und meine Klassenkameraden ließen mich in Ruhe, auch wenn ich mir den ein oder anderen dummen Witz anhören hatte müssen. Was soll's, an sich ist es doch sowieso egal. Außerdem brauche ich sowieso nur Matteo an meiner Seite. Alle anderen in meiner Klasse sind Idioten, die vorschnell urteilen oder nur zu mir kommen, wenn sie etwas von mir wollen. Klingt mies, aber es ist so, das schwöre ich euch.
Gut, vielleicht haben sie mein Outing doch nicht so locker genommen und ich werde seit dem gemobbt. Aber damit wollte ich einfach nicht prahlen. Jetzt ist es trotzdem raus, also egal… Wo waren wir stehen geblieben?
Jedenfalls habe ich vor beinahe einem Jahr Matteo kennengelernt, als er neu in unsere Klasse von einer anderen Schule gewechselt ist. Wir haben uns sofort gut verstanden. Und als er mich eines Tages plötzlich geküsst hat, war selbst mir klar, dass er schwul war. Und dass er mich wollte. Seit dem sind wir ein Paar. Und keinen einzigen Tag haben wir es geheim gehalten. Wie auch, sein Kuss geschah vor der ganzen Klasse. Und gegen Matteo, der immer cool war, sagten sie nichts. Auch heute sagen sie nichts zu unserer Beziehung. Jedenfalls nicht offen. Aber sobald ich ihnen den Rücken kehre, höre ich ihr Flüstern und spüre ihre Blicke. Ich weiß, dass sie hinter Matteos uns meinem Rücken über uns reden.
Anders als meinem Freund setzt mir das zu. Aber ich lasse es mir nicht anmerken. Ich will nicht schwach neben ihm wirken. Auch ich stehe zu unserer Beziehung, denn ich liebe Matteo. Er ist immer für mich da. Jedenfalls dachte ich das immer.
Im Unterricht sitzen wir nebeneinander. Die Lehrer hatten gelernt, dass es keinen Sinn machte, uns zu trennen, weil wir auch ohne Worte und nur mit Blicken kommunizieren konnten. Es brauchte nur ein Stichwort und wir grinsten uns an, weil wir dieselben Gedanken teilten. Seit dem sitzen wir wieder nebeneinander. Wir sind leise und stören den Unterricht nicht. Und solange es so bleibt, werden uns auch die Lehrer in Ruhe lassen.
Wir ihr seht, kann meine Stimmung schnell umschlagen. Meine Wut auf Matteo ist verblasst, meine Trauer verschwunden und meine heile Welt wieder hergestellt.
Dass ich emotional abhängig von Matteo war, ist mir erst viel später klar geworden. Aber wir stehen schließlich noch am Anfang meiner Geschichte. Und eines kann ich euch versprechen, in ihrem Verlauf werden sich viele Dinge ändern. Ich werde Höhen und Tiefen durchlaufen, die Realität leugnen, abstürzen, den Lebenswillen verlieren und fluchen, bis ich es mit jemandes Hilfe schaffe, die Wirklichkeit zu akzeptieren und wieder nach vorne zu sehen. Wenn ihr also nicht auf tragische Geschichten und ein wenig Herzschmerz steht, dann solltet ihr dieses Buch jetzt weglegen und stattdessen eine Serie auf Netflix schauen. Wenn doch, dann freue ich mich, dass ihr die nächsten Tage mit mir verbringen werdet.
Das nächste Kapitel gebe ich allerdings erstmal an unseren zweiten Hauptdarsteller Louis ab. Denn seine Geschichte ist unmittelbar mit meiner Verbunden und auch er hat seinen Teil dazu beizutragen. Wir lesen uns dann später.
 
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