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Nachtgeschichten

Kurzbeschreibung
OneshotRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Ennis Del Mar Jack Twist
29.10.2022
29.10.2022
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Howdy Cowboys :D

Zurzeit fallenregelmäßige Uploads schwer, ich lebe mich aber gern kreativ aus und Brokeback good me good (again). Das Ergebnis war dann das hier. Nach mehrmaligen Korrekturen habe ich mich entschlossen, es als OneShot hochzuladen. :)

Zeitlich einzuordnen ist die Story nach Ennis' Scheidung und Jacks erstem "Ausflug" nach Mexiko. Es ist das erste Treffen der beiden auf dem Brokeback seit Ennis Jack erneut zurückgewiesen hat.
____________________

Jack lag wach in Wyomings kühler Morgenluft. Tau perlte von den Zeltwänden und die Tannen rauschten leise. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Aber die schläfrige Trägheit war noch nicht ganz gewichen und wahrscheinlich würde er noch ein bisschen dösen können, wenn er nichts unternahm, um sie zu vertreiben. Er rückte den Schlafsack zurecht und drückte sich enger in die Wärme des Mannes, der hinter ihm lag.
Ennis seufzte gepresst, beinahe klang es wie ein Wimmern. Sein Arm, der bisher über der Taille seines Begleiters geruht hatte, bewegte sich.
Jack blinzelte. Hatte er Ennis geweckt? Behutsam drehte er sich erst auf den Rücken, dann auf die andere Seite. Nein, Ennis war nicht wach. Er träumte. Vereinzelt zuckten die Muskeln um seine Augen, als versuche er, die Träume wie Mücken zu verscheuchen. Auf seiner Stirn hatte sich eine tiefe Falte eingegraben. Im dumpfen Morgenlicht wirkte sein Gesicht ausgezehrt und verspannt wie das eines gehetzten Flüchtigen, der seinen grausamen Häschern nur um Haaresbreite entwischt war.

Jack hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen erst durch Ennis‘ schmutzblondes Haar, das ins Grau zu verblassen begann. Dann wanderten seine Finger über Ennis‘ Schläfe, über die Wange bis hinab zu seinem Kiefer. Wieder gab Ennis dieses Seufzen von sich, seine Augen ruckten unter den Lidern hin und her wie bei einem Wahnsinnigen.
Es war offenkundig kein angenehmer Traum, aber Jack weckte ihn dennoch nicht. Ennis würde verstimmt sein, er mochte es nicht, wenn man Momente, die er als Schwäche empfand, mit ihm teilte. Jack hätte ihn gern getröstet, ihm zur Seite gestanden, die Bürde mit ihm getragen. Wenn sein Freund nur ein wenig nahbarer wäre, sich helfen ließe. Aber Ennis wollte davon nichts wissen. Und so konnte Jack nur warten und bei ihm sein, in der stummen Hoffnung, es würde zu ihm vordringen.

**********

„…und dann meinte er, Rodeo ohne Alkohol wäre wie Tanzen ohne Musik.“
„Hat er wenigstens gehalten, was er versprochen hat?“
„Ja! Du hättest ihn auf dem Bullen sehen sollen!“ Jack lenkte Harlow, eine noch unerfahrene Falbstute, auf einen schmalen Pfad, der neben einem Gebirgsbach verlief. Sie hatten beschlossen, ein Stück in Richtung Wind River Range zu reiten. Das Wetter war wie gemacht für einen Bergritt. Der Wind trieb Wolkenfetzen über den blauen Himmel, die Sonne malte mit dem Schatten der Bäume auf die Hänge. Unter den Hufen ihrer Pferde rollten kleine Steinchen davon. Jack konnte das Schnauben von Ennis‘ Wallach hinter sich hören. Er wandte den Kopf, um seinen Freund anschauen zu können.
Ennis hatte seinen Hut tief in die Stirn gezogen, die ausgebeulte Jacke war ihm etwas zu groß. Da der Weg anstieg, hatte er sich im Sattel etwas nach vorn gelehnt. Ein Kribbeln wie von schwachem Strom rann Jacks Rückgrat hinab. Es war beinahe albern, aber manchmal kam es ihm so vor, als müsse er Ennis nur ansehen, um sich auf der Stelle wieder neu in ihn zu verlieben, selbst nach all den Jahren noch. Aber dann war es eben albern. Wenn kümmerte es? Ihn ganz bestimmt nicht.

Ennis deutete geradeaus. „Jack, guck nach vorne!“
Jack blinzelte. Er sah, wie Ennis‘ Lippen sich bewegten, die Worte drangen an sein Ohr, aber er war so in seinen liebesverschleierten Betrachtungen versunken gewesen, dass er ihren Sinn nicht sofort erfassen konnte. Doch dann traf es ihn buchstäblich wie ein Schlag. Ein tiefhängender Ast erwischte ihn vor der Brust, drückte ihn nach hinten aus dem Sattel. Der Ast brach nicht ab, Harlow hielt nicht an und so landete Jack fucking Twist hinter seinem Pferd auf dem Hosenboden. Harlow, erschrocken über den plötzlichen Ballastabwurf und den dumpfen Aufprall hinter ihr, wieherte auf und schoss zwischen den Bäumen davon.
Ennis ritt neben ihn. „Alles klar?“, fragte er, eine Spur von ernster Sorge in seiner Stimme.
„Das war, glaube ich, der lächerlichste Sturz, den ich je hingelegt habe seit ich ein kleiner Junge war.“ Jack grinste und blickte vom Boden zu dem anderen auf.
Ennis, erleichtert, dass sein Begleiter unverletzt war, erlaubte sich ein leises Lachen. „Du bist mir ja ein schöner Rodeo-Cowboy. Und dabei bist du nicht mal betrunken.“
Jack erhob sich, ohne auf das Knacken in seinen Knien zu achten, hob seinen Hut auf und schlug ihn ein paarmal gegen den Oberschenkel. „Schauen wir mal, wo Harlow abgeblieben ist.“
„Weit wird sie nicht sein.“ Ennis schaute sich prüfend um. Als er sichergestellt hatte, dass niemand außer ihnen in der Gegend war, streckte er die Hand aus. „Komm hoch.“

Dieses Angebot schlug Jack nicht aus. Er ergriff Ennis‘ Hand, nahm Maß und saß schwungvoll hinter ihm auf. Scout, Ennis‘ Brauner, schnaubte und schlug mit dem Schweif, blieb jedoch stehen. Er war ausgeglichener als Harlow.
Ennis schnalzte mit der Zunge und sie setzten sich in Bewegung. Der wippende Schritt des Pferdes warf Jack immer wieder leicht gegen Ennis‘ Rücken wie Wellen, die rhythmisch einen Strand hinaufrollten. Wie von allein fanden seine Hände den Weg um Ennis‘ Mitte und trafen sich knapp über dessen Gürtel. Wenn er den Kopf ein wenig nach vorn neigte, konnte er Ennis riechen. Eine Mischung aus Rauch, Bier, einer Note Schweiß und etwas Undefinierbarem, Unvergleichlichem, was Jack in seiner Vorstellung nur als Ennis‘ Duft benennen konnte. Es war noch der gleiche Geruch wie vor so vielen Jahren als er ihn zum ersten Mal gerochen hatte. Eine Konstante unter all den Variablen.
Jacks Kinn sank auf die Schulter seines Freundes. In Momenten wie diesen plagte ihn das schlechte Gewissen wegen seines Ausflugs nach Mexiko. Es war eine Übersprungshandlung gewesen, eine impulsive Reaktion auf Ennis‘ erneute Rückweisung. Aber kaum war die Leidenschaft vorbei gewesen, hatte er sich schlecht gefühlt. Sehr schlecht. Ganz so, als habe er Ennis betrogen. Obwohl sie genau genommen keine Verpflichtungen zur Treue gegenüber dem anderen hatten. Schließlich waren sie kein Paar. Der Gedanke bohrte sich schmerzhaft hinab in seine Brust. Nein, zusammen waren sie wohl nicht. Während ihrer viel zu kurzen Fluchten auf den Brokeback fiel Jack die Vorstellung davon aber sehr leicht. Und jeder noch so absurde Gedanke daran nährte die Glut der Hoffnung, die unbarmherzig in ihm brannte und ihn daran festhalten ließ, dass Ennis eines Tages mit ihm kommen würde und sie dann endlich und wirklich zusammen wären. Wohin sie gehen würden, wusste er noch nicht. Vielleicht nach Illinois. Dort gab es wunderschöne Landschaften, viele Ranches und vielleicht weniger patriotische Rednecks, die meinten, jede Abweichung von den von ihnen aufgestellten Idealen mit Gewalt zurückstutzen zu müssen.

Sie erreichten einen Bergkamm, die Hänge auf beiden Seiten waren mit satten Wiesen bewachsen, bunte Flecken aus Blüten sprenkelten sie, als hätte ein Maler beim Erschaffen eines Kunstwerks großzügig Farbe auch neben der Leinwand verteilt. Der Wind wirbelte die Hänge hinauf und spielte mit der Mähne des braunen Wallachs.
„Da vorne ist Harlow.“
Jack hob den Kopf. Die junge Stute stand einige Meter weiter vorn und rupfte das Gras vom Gestein, als wäre nichts gewesen. Jack brummte, machte aber keine Anstalten, sich von Ennis zu lösen.
Ennis stoppte sein Pferd. „Absitzen, Rodeo.“
„Hast du es eilig?“, murmelte Jack, und legte mehr Kraft in seine Umarmung. Sanft drückte er seine Lippen gegen Ennis‘ Hals, dort wo die Haut unter dem Stoff des Hemds verschwand. Langsam arbeitete er sich aufwärts.
Ennis blieb stumm, neigte aber den Kopf leicht zur Seite.
Ermutigt von dieser kleinen Bewegung verstärkte Jack seine Bemühungen. Bei Ennis‘ Ohr angekommen, machte sein Pfad aus Küssen kehrt und nahm den gleichen Weg zurück. Nur diesmal zog er bei jeder Berührung die Lippen leicht zurück, sodass seine Schneidezähne gegen die Haut drückten. Kein Beißen, nur abwechselnd weiche Lippen und harte Zähne. Er wusste aus Erfahrung, dass Ennis diese Kombination erregte.
Jetzt atmete Ennis hörbar aus, seine Hand glitt nach hinten in Jacks Nacken. Der spürte die rauen Finger über seine Halswirbel streichen.
„Lass uns doch hier eine Rast einlegen“, wisperte Jack atemlos. „Und später weiterreiten.“
Ennis brummte. „Wenn wir damit jetzt anfangen, kommen wir heute nirgendwo mehr hin.“
„Ist doch egal.“
Aber Ennis‘ Kopf ruckte nach vorn, er entzog sich Jacks Berührungen. „Steig wieder auf dein Pferd, Rodeo.“
Jack setzte einen theatralisch schmollenden Gesichtsausdruck auf. „Das wirst du später wieder gut machen, Ennis Del Mar.“ Er glitt von Scouts Rücken und ging zu seiner Stute hinüber.

**********

„Weißt du, was der Name Ennis bedeutet?“
„Das weiß ich nicht, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“
„Lureen hat so eine Freundin, die ist ein bisschen nervig, aber die kennt sich mit solchen Sachen echt aus. Namenskunde, Ahnenforschung und solche Sachen.“
„Deine Frau hat nur eine nervige Freundin? Alma hatte ungefähr vier von dem Kaliber.“
Sie folgten einer Serpentine den Hang hinab zum See, an dessen Ufer sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Im Westen kroch träge das Rot über die Berggipfel.
„Jedenfalls habe ich die mal danach gefragt und…“
„Du solltest zuhause nicht über mich reden.“
„Herrgott, jetzt sei doch nicht so paranoid. Die hat vielleicht gedacht, das ist mein Bruder oder mein Hund oder so.“ Er drehte sich kurz zu seinem Freund um und grinste ihn schelmisch an. „Wahrscheinlich hat sie auch gar nichts dabei gedacht. Jedenfalls hat die mir erzählt, dass Ennis ein irischer Name ist und Insel bedeutet.“
„Mhm“, machte Ennis nur.
„Und bedeutet Del Mar nicht sowas wie im Meer? Ein schöner Name, den deine Eltern sich da ausgedacht haben.“
Ennis brummte nur.

Die Berge schnitten in den Himmel und der blutete ins Tal, es tropfte von den Ästen und nährte die Schatten, die unaufhaltsam dunkler wurden. Jack hatte diesen Anblick schon so oft gesehen und dennoch erfüllte es ihn jedes Mal mit einem Gefühl tiefer Ehrfurcht. Die Seen, die Wälder, die geröllbedeckten Hänge… Das alles existierte schon seit Jahrtausenden. Er betrachtete es als Teil ihrer gemeinsamen Geschichte, dass Ennis und er sich ausgerechnet an diesem Ort zum ersten Mal begegnet waren.
„Wusstest du, dass die Rockies zerfallen?“
„Mh?“
„Die Rockies. Sie zerfallen. Siehst du das ganze lose Geröll auf den Bergen? Die Berge sterben langsam.“
„Hast du das auch von einer Freundin von Lureen?“
„Nein, das habe ich gelesen.“
„Gelesen?“
„Ja. Das hat mit diesen Büchern zu tun, Ennis. Hast du bestimmt schon mal gesehen.“
„Tja, ich hab mit fünfzehn die Schule abgebrochen. Bei mir ist es mit der Bildung nicht weit her.“

Jack ließ Harlow zurückfallen bis er neben Ennis ritt. Der Weg war schmal, die Pferde mussten dicht nebeneinander gehen. Manchmal streifte Jacks Knie das von Ennis. „Hast du eigentlich jemals darüber nachgedacht, den Abschluss nachzuholen? Ich meine…“
„Dazu hatte ich nie die Zeit“, sagte Ennis mürrisch. „Und das Geld auch nicht. Ich musste immer arbeiten, um gerade so über die Runden zu kommen.“
„Schon klar, dass es anstrengend sein würde. Aber du hast doch Talente und mit einem Abschluss könntest sicher wesentlich mehr Geld verdienen. Man kann bei…“
„Willst du mir irgendetwas sagen?“, schnappte Ennis.
„Nein! Meine Güte, jetzt krieg dich doch mal ein! Was ist denn los mit dir?“
Ennis sagte nichts, und zum ersten Mal bei diesem Treffen wurde Jack ein wenig wütend auf ihn. Ennis war schon in dieser gereizten Stimmung, seit sie hier angekommen waren. Jack glaubte ja, dass die Scheidung von Alma und der Unterhalt für seine Töchter ihn belastete, aber Ennis hatte kein Recht, das an ihm auszulassen. Er versuchte zu helfen, bot Lösungen an, und Ennis tat nichts anderes, als das Haar in jeder Suppe zu suchen. Erinnerungen an Ennis‘ Reaktion auf sein erneutes hoffnungsvolles Angebot, zusammen eine Ranch zu kaufen, und die damit einhergehende Enttäuschung stiegen in ihm auf, obgleich er sich fest genommen hatte, sie tief zu begraben, damit sie ihr Treffen nicht belasteten. Tja, sie hatten wohl gute Schaufeln.

„Wenn du mir nur wenigstens einmal erzählen würdest, was in deinem Kopf vorgeht!“ Jack stieß Harlow die Fersen in die Flanken, die Stute trabte an.
Sie erreichten das Seeufer, träge schwappten kleine Wellen über die polierten Steine. Ein paar Schritte entfernt lag eine tote Forelle zwischen Tang und Holz, der weiße Fischbauch ragte wie Elfenbein aus verrottenden Blättern hervor. Jack biss sich auf die Wange, dass es schmerzte.
„Jack?“ Ennis sah ihn nicht an, während er sprach. Er spürte Jacks Verbitterung.
Ein paar Augenblicke gab sich Jack noch Mühe, den Blick starr auf den See und die dahinterliegenden Berge gerichtet zu lassen; dann gab er nach. „Ja?“
„Ich will dir einen Vorschlag machen.“
Jack schloss die Augen. Das war Ennis’ Art sich zu entschuldigen. Er sprach es nie aus, genauso wenig wie andere Dinge. Und Jack vergab ihm immer, ohne Ausnahme. „Was denn für einen?“
„Wir machen einen Rennen das letzte Stück zum Camp. Wenn du gewinnst, kannst du mich fragen, was du willst, und ich erzähl’s dir. Wenn ich gewinne, kann ich’s lassen.“
Ein langer Atemzug, dann wandte Jack den Kopf. „Du denkst, da hast du eine Chance?“
„Also bist du dabei?“ So sehr Ennis auch versuchte, gleichgültig zu klingen, war die Erleichterung nicht vollständig aus seiner Stimme zu verbannen.
Jacks leckte sich über die Lippen. „Game on, Motherfucker!“ Und noch bevor Ennis zu einer Erwiderung ansetzen konnte, preschte Harlow davon.

Jack spürte die kraftvollen Bewegungen des Pferdes wie das Auf und Ab von mechanischen Kolben. Seine Stute war eine gute Sprinterin, der steinige Untergrund bremste sie kaum. Dennoch wagte Jack er es nicht, nach hinten zu sehen. Er hatte Ennis mit seinem unvermittelten Start vielleicht ein wenig überrumpelt, aber der Vorsprung dürfte nicht lange vorhalten. Auch wenn er das wahrscheinlich zurückweisen würde, war Ennis ein ausgezeichneter Reiter, dem Kommunikation mit Pferden leichter fiel als mit anderen Menschen. Aber da vorn war bereits ihr Zelt in Sicht.
Harlow setzte gerade über einen Baumstamm, als Jack aus den Augenwinkeln Ennis‘ braunen Wallach wahrnahm. Er war schon beinahe neben ihm. Jack feuerte seine Stute an und tatsächlich schien es so, als würde sie an Geschwindigkeit gewinnen. In diesem Moment schob sich Scout an ihnen vorbei. Stück für Stück überholte Ennis und als sie das Zelt passierten, hatte er etwa eine halbe Pferdelänge Vorsprung.

Ennis zügelte sein Pferd. „Gewonnen.“
Jack murrte. Das Ergebnis war wohl kaum anzuzweifeln. Dabei störte ihn seine Niederlage weniger als die Enttäuschung, nun keine Antworten von Ennis einfordern zu können. Der würde sein Privileg zu schweigen ausnutzen, das stand außer Frage. Mit nur schwer zu unterdrückender Resignation stieg er aus dem Sattel. Schweigend kümmerten sie sich um ihre Pferde, während das Licht von Rot zu kaltem Purpur wechselte.
In einem letzten Handgriff hing Jack Harlows Zaumzeug über das Sattelhorn, Ennis war hinter ihm noch den Steigbügeln zugange. Jack betrachtete den Rücken seines Freundes und unwillentlich begann er zu lächeln. Wieder rann dieses leichte Kribbeln sein Rückgrat hinab, das erste Mal hatte er es gespürt, als er ihn vor so vielen Jahren an Joe Aguirres Büro hatte lehnen sehen. Damals hatte er nicht die blasseste Ahnung gehabt, was dieses Kribbeln bedeutete. Aber ihre Zeit auf dem Brokeback hatte es freigelegt, wie Wind ein unter Sand begrabenes Monument. Er hatte sich verliebt. In einen anderen Mann. Es hatte sich so natürlich, so selbstverständlich angefühlt, dass er es einfach akzeptiert hatte. Es fühlte sich gut an und es schadete keinem. Er sah keinen Sinn darin, etwas Verwerfliches in ihrer Beziehung zu suchen, deshalb hatte er es auch nie getan. Für Ennis sah die Sache allerdings anders aus.

Wie von einer unsichtbaren Leine gezogen, überbrückte er die letzten Meter zu Ennis und legte von hinten die Arme um ihn. Er spürte, wie Ennis‘ Muskeln sich anspannten, wich aber nicht zurück. Jack sehnte sich nach Berührungen, nach Intimität. Und es war immer zu wenig Zeit.
Ennis entspannte allmählich wieder. Ohne sich aus Jacks Umarmung zu lösen, drehte er sich um und schlang seinerseits die Arme um seinen Gefährten.
Jack schloss die Augen und lehnte sich gegen Ennis. Der senkte den Kopf ein wenig, Jack spürte Stoppeln und Schweiß auf der Wange. Seufzend schob er eine Hand in Ennis‘ Nacken. Ohne ihn fühlte er sich wie ein Fisch auf dem Trockenen, er brauchte ihn, brauchte physische Nähe. Wenn er sich abends auf die Couch setzte, wollte er sich ankuscheln. Wenn er einschlief, wollte er in jemandes Armen liegen. Lureen war ihm in dieser Hinsicht keine Hilfe. Sie mochte keinen Körperkontakt, wenn sie schlief. Für Jack dagegen war es ein essentieller Teil seines Wohlbefindens. Und dabei ging es ihm nicht einmal um Sex. Er hatte wirklich gern Sex mit Ennis, doch es genügte ihm nicht. Er wollte mit ihm zusammen sein, aber was er auch versuchte, er schien diesem Traum keinen Schritt näher kommen zu können.
Dieser Gedanke zerriss ihn schier. Er presste das Gesicht in Ennis‘ Halsbeuge und kämpfte mit den Tränen.
Ennis drückte ihn ein kleines Stück von sich weg. Als Jack fragend den Blick hob, verschloss Ennis seine Lippen mit einem Kuss.

**********

Die Stöcke knackten im Lagerfeuer, Hitze prickelte trocken auf Jacks Gesicht, in der Ferne ertönte der heisere Ruf eines Ziegenmelkers. Die Berge um sie herum waren zu dunklen Dreiecken geworden, die schroff wie Zähne eines Hais in den Himmel ragten. Der Mond war hinter einem der Gipfel verborgen.
Jack hörte Schritte, er hob den Kopf. Ennis war kurz in die Büsche gegangen, und nun schien die Finsternis ihn nicht wieder gehen lassen zu wollen. Sie schien an seiner Jacke zu haften wie Spinnweben. Ein Kribbeln rann über Jacks Rückgrat, aber keines von der warmen, wohligen Sorte. Es war ein Gefühl, wie wenn einem im Winter Schnee unter das Hemd geriet, kalt und feucht.
Ennis blieb vor ihm stehen. „Bist du müde?“
„Nicht sehr.“
Sein Freund brummte zustimmend, bevor er sich bedächtig neben Jack setzte. Er beugte sich nach vorn, warf ein paar Stöcke ins Feuer, obwohl es noch warm und hell brannte. Gierig fauchte es auf, Schatten flackerten in Ennis‘ Gesicht. Er nahm seinen Hut ab und legte ihn sorgsam neben sich, bevor er eine Zigarette aus seiner Jackentasche fummelte und sie an einem Glutnest am Rande des Lagerfeuers entzündete. Während er den ersten Zug nahm, ließ er sich langsam zurücksinken, bis er mit dem Rücken an Jacks Brust lehnte und den Kopf an dessen Schulter abstützen konnte.
Jack war verblüfft. Es kam nur selten vor, dass Ennis von sich aus Kontakt suchte. Aber er war nicht so verblüfft, dass er die Situation nicht sofort nutzen würde. Er legte den Arm über Ennis‘ Brust und drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. Ennis ließ es geschehen. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.

„Jack, kann ich dich mal was fragen?“, sagte Ennis schließlich leise.
„Klar.“
„Hattest du… mal etwas mit einem anderen? Einem anderen Mann, meine ich?“
Zum zweiten Mal an diesem Abend wurde Jack unvermittelt kalt. Für einen Augenblick war er davon überzeugt, dass Ennis irgendwie von seinem Abenteuer in Mexiko wusste. Aber das konnte nicht sein. Wie sollte er es erfahren haben?
„Nein“, log Jack rasch. Aber eigentlich war es nicht mal eine richtige Lüge, oder? In der Ferne schrie wieder der Ziegenmelker. „Warum fragst du das?“
Er spürte, wie Ennis die Schultern hob. „Weiß nicht. Nur so, denke ich.“
„Was ist mit dir?“
Diesmal ein Kopfschütteln. „Nie.“
„Hast du… mal dran gedacht?“
„Nein. Du?“
Das war ein merkwürdiges Gespräch. Warum wollte Ennis das wissen? Das war untypisch für ihn. Jack überging die Frage. „Es gab da ein paar Mädchen…“
„Ein paar? Weiß Lureen davon?“
„Das war vor Lureen! Ich war Rodeo-Cowboy. Das hat diesen ganz bestimmten Effekt auf Mädchen.“
„Und du bist offenbar beim Rodeo ein paarmal zu häufig auf den Kopf gefallen.“
Jack lachte. „Das würde einiges erklären.“ Er wandte den Kopf, damit er an Ennis‘ Haar riechen konnte. Die Erinnerungen an seine leidenschaftlichen Kurzweiligkeiten verblassten augenblicklich wie Polaroid-Fotos, die zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen waren.

„Und du?“, fragte Jack nach einer Weile. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an. Nach einem tiefen Inhalieren hielt er sie Ennis hin.
„Was meinst du?“ Er nahm die Zigarette aus Jacks Fingern.
„Mädchen.“
Ennis stieß einen Laut zwischen Lachen und Schnauben aus. „Ich bin nicht so ein Schwerenöter wie du.“ Er gab die Zigarette zurück.
„Und das heißt?“
„Es gab nur Alma. Und dich natürlich. Aber du bist ja auch kein Mädchen.“ Die letzten beiden Sätze hatte er etwas leiser hinzugefügt.
„Echt? Das nenne ich diszipliniert.“ Sie hatten noch nie über diese Dinge gesprochen. Und bisher war Jack das nicht einmal bewusst gewesen. „Wie lange haben du und Alma euch gekannt, bevor ihr geheiratet habt?“
„Wir waren sechzehn, als wir uns kennengelernt haben.“
„Diszipliniert und Durchhaltevermögen. Ich bin wirklich beeindruckt.“ Er lachte. Ennis‘ Haar kitzelte ihn an der Nase. „Lureen und ich haben nach fünf Monaten geheiratet. Hauptsächlich weil sie schwanger war.“
„Du Romantiker.“ Ennis fischte eine Whiskey-Flasche aus ihren achtlos dahingeworfenen Taschen. „Deshalb wollte Alma nichts davon wissen, bevor wir nicht verheiratet waren.“ Er beendete den Satz abrupt, als wäre ihm etwas herausgerutscht, was er nicht hatte sagen wollen.
Aber Jack hatte es gehört; und zog die richtigen Schlüsse. „Warte… heißt das, das damals hier auf dem Brokeback im Zelt… Das war so richtig und wirklich dein erstes Mal?“
Ennis gab einen gequälten Laut von sich und bedeckte die Augen mit der Hand, als würde die Welt um ihn herum auf diese Weise im Dunkel seiner Handfläche verschwinden.
Jack lachte. „Ich hab Ennis Del Mar entjungfert. Dafür will ich ein Zertifikat.“
„Halt die Klappe“, brummte Ennis. Bevor Jack etwas erwidern konnte, drehte Ennis sich um und stieß seinen überrumpelten Gefährten zu Boden.

Jack spürte, wie die kantigen Steine sich in seinen Rücken gruben, als Ennis sich über ihn beugte und ihn leidenschaftlich küsste. Er schlang die Arme um seine Schultern und erwiderte den Kuss. Ein Kribbeln breitete sich von seinem Rückgrat bis in seine Gliedmaßen aus. Ennis‘ Gewicht auf sich zu spüren erregte ihn, er drückte die Wirbelsäule durch und presste sich an ihn. In Momenten wie diesen wollte er, konnte er nicht glauben, dass Ennis nicht dasselbe empfand wie er. Eine solche Leidenschaft konnte nicht gespielt sein. Zum Teufel damit, Ennis‘ Erster gewesen zu sein. Er hätte auch sein Zweiter, Vierter oder Siebter gewesen sein können, es war ihm einerlei. Aber er würde alles, was er auf dieser Welt besaß, dafür geben, Ennis‘ Letzter sein zu dürfen.

Jacks Hände glitten über Ennis’ Oberkörper hinab zu seiner Jeans. Mit geübten Fingern öffnete er - fast ohne darüber nachzudenken - Ennis‘ Gürtel.
Ennis leckte über Jacks Schneidezähne - als er plötzlich innehielt und den Blick hob.
„Was ist? Was ha…“
Ennis hielt ihm den Mund zu und deutete ihm mit Blicken, in Richtung Seeufer zu schauen. „Wir haben Publikum.“ Er sagte es leise, beinahe nicht zu hören.
Da Ennis immer noch auf ihm lag, musste Jack den Kopf weit nach hinten legen, um zum Ufer schauen zu können. Dort am Wasser stand ein riesiger Wapiti-Hirsch, bestimmt fünf Fuß von den Hufen bis zur Schulter, das Geweih verästelte sich in mindestens zwölf Enden, wahrscheinlich sogar mehr. Er sah zu den beiden Männern hinüber, die Nüstern bebten, in den dunklen und irgendwie wissenden Augen spiegelten sich die flackernden Fetzen ihres Lagerfeuers. Jacks Welt stand durch seine unbequeme Lage auf dem Kopf, was der Szenerie etwas Surreales und dem Hirsch etwas ungemein Erhabenes verlieh.
Die Männer und das Tier verharrten regungslos und ohne einen Laut von sich zu geben. Der Ziegenmelker nahm sein heiseres Rufen wieder auf, im Feuer knisterte das Holz. Dann setzte sich der Wapiti in Bewegung und schritt anmutig am Ufer entlang. Sein Fell glänzte im kalten Mondschein, bis er die Baumgrenze erreichte und zu einem Schatten wurde.
Jack löste sich aus seiner unbequemen Haltung, sein Nacken erinnerte ihn schmerzhaft daran, dass er ihn die ganze Zeit überdehnt hatte. „Hast du schon einmal einen so aus der Nähe gesehen?“
„Nein. Noch nie.“ Ennis hielt den Blick weiterhin auf den Platz am Ufer gerichtet, wo der Hirsch gerade eben noch gestanden hatte, und seine Augen spiegelten die grellen Zungen des Lagerfeuers.

**********

Der Wind hatte aufgefrischt, die Zeltabdeckung knatterte wie ein loser Kotflügel bei voller Fahrt. Noch regnete es nicht, aber es würde bald wieder anfangen.
Jack zog seine Jacke enger um die nackten Schultern. Nicht weil es kalt war, in der vergangenen halben Stunde hatten sie sich selbst wie auch das Innere des Zelts ordentlich aufgeheizt. Es war die Stimmung, die ihm auf den Magen schlug. Ennis saß mit angezogenen Beinen ein Stück vor ihm, hatte ihm den Rücken zugewandt und rauchte eine Zigarette. Er hatte Jack genommen, wie er es beinahe immer tat. Voll aggressiver Leidenschaft, ungezügelt und doch hastig, als wollte er es schnell hinter sich bringen. Jack hatte nichts dagegen einzuwenden, zumal das alles war, was er von Ennis bekam. Und doch wünschte er, sein Gefährte würde sich etwas mehr… Zeit lassen. Das Verhalten, das Ennis im Augenblick zeigte, bereitete ihm jedoch Sorgen. Normalerweise hatte Ennis nichts gegen ein wenig Nähe und ein paar Zärtlichkeiten, nachdem es vorbei war. Doch heute schottete er sich vollkommen ab und schien mit den Gedanken woanders. Sein Gesicht wirkte angespannt wie in der vergangenen Nacht, als er diesen Albtraum gehabt hatte.

Jack rückte näher und legte ihm behutsam die Hand auf den Rücken. Er wollte vorsichtig sein. Wenn Ennis derart angespannt war, dann war er reizbar und die Stimmung konnte schnell umschlagen. Mit der Betonung auf schlagen. Doch Ennis akzeptierte seine Annäherung, und ermutigt davon begann Jack, mit der Hand sanft Ennis‘ Rückgrat auf und ab zu streichen. „Was ist los, mein Lieber? Hm?“
Ennis ließ den Kopf nach vorn auf die Brust hängen, den Blick hielt er starr auf den Boden gerichtet. Draußen fegte der Wind ein paar Zweige gegen die Zeltwand. „Kann ich dir was erzählen, Jack?“ Wieder dieser Tonfall wie bereits vorhin am Feuer, dieses Mal mit einem leichten Zittern in der Stimme.
Jacks Herz klopfte schneller. „Klar. Immer.“
„Aber du musst mir versprechen, dass du nicht lachst. Machst du das?“
„Mach ich.“
„Ich meine es ernst, Jack.“
„Ich auch. Ich werde nicht lachen. Versprochen.“ Er küsste Ennis‘ Schulter, als wollte er sein Versprechen besiegeln.

Ennis atmete tief ein, drückte einen Handballen gegen die Stirn. Er sah Jack nicht an. „Erinnerst du dich noch an die Geschichte mit Earl und Rich? Was mit ihnen passiert ist?“
Jack erinnerte sich, ließ Ennis aber trotzdem erzählen. Es schien irgendwie zu seiner Geschichte gehören.
„Es war zwei oder drei Wochen später. Da hat mein Dad mich zu sich in die Scheune gerufen.“ Die Zigarette zwischen Ennis‘ Fingern zitterte. „Bei uns auf der Ranch haben immer zwei wilde Katzen gelebt. Meine Schwester hatte sie so weit gezähmt, dass sie und ich sie streicheln konnten. Na ja, jedenfalls hatten diese Katzen hin und wieder Junge. Irgendwann waren die aber immer verschwunden. Ich hab immer gewusst, dass Daddy sie tötet, aber… An dem Tag, an dem er mich mit in die Scheune genommen hat, hat er mir die Kätzchen gezeigt. Es waren fünf. Eines weiß und die anderen getigert. Sie waren so klein, nicht mal so groß wie Daddys Hand. Er hat mir gesagt, er würde mir zeigen, wie man sie tötet. Er hat eines mit zwei Fingern am Nackenfell hochgenommen und hat es dann gegen die Scheunenwand geschmissen. Es hat dabei so ein komisches Geräusch gemacht, als hätte es miauen wollen. Auf dem Boden haben seine Beine noch ein paarmal gezuckt, dann hat es stillgelegen. Er hat ein zweites genommen und es auch geworfen. Das hat einen Blutfleck an der Scheunenwand hinterlassen, war aber gleich tot. Danach hat er gesagt, ich wäre dran. Aber dieses Geräusch… Und der Fleck an der Wand… Ich konnte es einfach nicht, Jack. Mein Dad ist wütend geworden. Er hat mich am Arm gepackt und sich über mich gebeugt. Ich weiß noch, dass er so vorm Fenster gestanden hat, dass er nur eine dunkle Silhouette gewesen ist. Sein Griff hat weh getan, aber das war nicht so schlimm. Schlimm war, dass ich… riesige Angst vor meinem Daddy hatte.“

Ennis schien an dem Wort Angst beinahe zu ersticken. Seine Zigarette war abgebrannt, ohne dass er daran gezogen hätte. Er betrachtete sie verwirrt, dann stieß er sie so heftig in die Öffnung einer leeren Bierdose, dass ihr Filter an der scharfen Kante gespalten wurde.
„Mein Daddy stand über mich gebeugt da und ich hatte Angst, mir in die Hose zu machen. Er hat mir direkt ins Gesicht geschaut, als er mich gefragt hat. ‚Bist du etwa auch so ein Homo-Bübchen?‘ Das hat er gesagt.“
Ennis fummelte eine neue Zigarette aus der Packung hervor und schob sie sich zwischen die blassen Lippen. Er wollte sie mit dem Feuerzeug anzünden, aber es gelang ihm nicht. Seine Hände zitterten zu stark.
Jack sah ihm einige Sekunden dabei zu, dann streckte er die Hand nach dem Feuerzeug aus. Im ersten Moment glaubte er, Ennis würde ich ihm widersetzen, doch dann gaben die verkrampften Finger das Feuerzeug frei. Die Flamme zuckte nach oben und Ennis hielt die Spitze der Zigarette hinein, bis der Tabak rot glühte. Eine Weile sah Jack Ennis stumm beim Rauchen zu. Noch immer strich seine Hand den Rücken seines Gefährten auf und ab, aber er hatte nicht das Gefühl, dass es viel half. Schließlich fragte er: „Was ist dann passiert?“ Seine Stimme klang beinahe unangenehm laut in dem kleinen Zelt.

Ennis schwieg so lange, dass Jack schon annahm, er würde auf seine Frage keine Antwort erhalten. Doch dann sprach Ennis weiter. „Ich hab mich losgerissen und bin ins Haus zu meiner Mutter gerannt. Ich habe meine Schuhe nicht ausgezogen - Mom war da immer sehr eigen, was Schuhe im Haus anging. Sie hat nur meine Schuhe gesehen und mich dann angeschrien. ‚Raus!‘ war alles, was sie gesagt hat. Dann muss sie mein verheultes Gesicht gesehen haben, aber da war ich schon wieder nach draußen gerannt. Sie ist mir gefolgt, hat mich eingeholt und mich getröstet. Ich glaube, ich habe sogar einen Kakao bekommen und das hat es so gut wie nie gegeben für uns.“

Ennis sank förmlich in sich zusammen. Er hatte erzählt, was er erzählen wollte. Sein Gesicht war verschlossen, es war unmöglich daraus abzulesen, wie er sich fühlte. Aber alle Kraft schien aus seinem Körper gewichen zu sein. „Daran muss ich die ganze Zeit seit der Scheidung denken. Ich weiß nicht warum, Jack. Aber irgendwie…“ Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass die Kiefer knackten.
Jack wusste nicht, was er sagen sollte. Also umarmte er Ennis einfach und hielt ihn fest. Denn wenn er eines von Ennis gelernt hatte, dann das Worte nicht die Macht von Berührungen und Nähe hatten. Ennis‘ Körper bebte hilflos, sein Atem wurde stockend. Als die Tränen kamen, legte er einen Arm über die Augen, damit Jack es nicht sah. Der zog den Arm weg und Ennis schlang nun seinerseits die Arme hastig um seinen Gefährten, das Gesicht drückte er in dessen Halsbeuge. Seine Tränen waren heiß und hart.
„Unterdrück es nicht, Ennis. Lass es raus.“ Jack ließ sich behutsam nach hinten sinken und zog Ennis mit sich.
Lange lagen sie so eng umschlungen in der Dunkelheit, während draußen der Regen einsetzte.

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Von da an wurde es besser. Ihre so begrenzte und deshalb umso kostbarere gemeinsame Zeit wurde wieder unbeschwerter. Der Schatten, den ihre Auseinandersetzung vor gut einem Monat über ihr Treffen geworfen hatte, war verschwunden. Sie ritten durch die Rockies, lachten, rauchten Zigaretten, tranken Whiskey, hatten Sex, redeten am Lagerfeuer und genossen die Nähe des anderen.
Ennis war erstaunt, wie sehr ihm das Reden mit Jack geholfen hatte. Die Erinnerung, die ungewollt nach oben in sein Bewusstsein getrieben war, verschwand nicht, aber sein Vater wirkte darin nicht mehr so überlebensgroß. Der alte Brokeback-Zauber nahm ihn wieder ein und mit ihm eine Leichtigkeit, die nur Jack ihm geben konnte. Es hatte ihn eine immense Portion Überwindung gekostet, aber es war… gut gewesen. Stumm versprach er seinem Freund, sich ihm in Zukunft häufiger anzuvertrauen und mehr mit ihm zu teilen.
Jack konnte (und wollte) sich der Vorstellung von einem gemeinsamen Leben mit Ennis nicht widersetzen. Egal, was Ennis sagte oder tat, Jack würde ihn immer lieben; und sobald er bereit war, würde Jack an seiner Seite sein. Dass dieser Tag kommen würde, daran hatte er nach Ennis‘ Erzählung nicht die geringsten Zweifel. Er wusste, wie schwer es für seinen Gefährten gewesen sein musste, ihm das alles zu erzählen. Und er konnte sich nun umso besser vorstellen, warum Ennis derart mit seinen Gefühlen und ihrer Beziehung haderte. Ohne zu ahnen, wie ähnlich seine Gedanken denen von Ennis waren, versprach er seinem Freund in aller Stille die Treue. Sein erster Ausflug nach Mexiko würde auch sein letzter gewesen sein.

Keiner der beiden Männer sollte sein Versprechen halten.
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