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2022 10 28: welcome to reality [by gin-tonic2803]

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Het
28.10.2022
28.10.2022
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28.10.2022 3.743
 
Tag der Veröffentlichung: 28.10.2022
Titel der Geschichte: Welcome to reality
Song: Dame – Am Limit
Autor: gin-tonic2803
Kommentar des Autors: Dame habe ich im letzten Jahr lieben gelernt und höre seitdem einige Lieder rauf und runter. „Am Limit“ habe ich zum Anlass genommen, die Geschichte von Joanna und Brandon weiterzuschreiben. Viel Spaß

Die ersten drei Teile findet ihr hier: Erwachen Die Stadt Du darfst


Welcome to reality
Joanna


„…müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für einen anderen Kandidaten entschieden haben.“

Seufzend lege ich den Brief an die Seite. Eine Jobabsage, schon wieder. Seit Wochen schicke ich Bewerbungen raus, doch immer wieder kommen nur Absagen zurück. Ich war noch bei keinem einzigen Bewerbungsgespräch und wenn es so weitergeht, werde ich auch nie zu einem eingeladen werden.

Ich lehne mich mit dem Rücken an die Tür, ziehe mein Handy aus der Hosentasche und öffne eine Nachricht, die Alexander am Vortag geschickt hat. „Wenn du nicht bald in den Club kommst, sind deine Schulden fällig. Du hattest genug Zeit.“

Ich lasse mich zu Boden gleiten und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Tränen lösen sich aus meinen Augen und suchen sich ihren Weg meine Wangen hinab. Ich beiße fest auf meine Unterlippe und versuche mit dem Schmerz meine Enttäuschung zu überdecken und meine Tränen versiegen zu lassen. Brandon kommt gleich und darf mich nicht so sehen. Er hat keine Ahnung, wie dringend ich einen Job brauche, das Geld brauche. Er denkt, Geld sei kein Problem bei mir und eine Zeitlang war das auch so. Mir wurde nach dem Tod meines Vaters eine hohe Lebensversicherung ausgezahlt, von der ich lange leben konnte. Doch die Drogensucht und die ständigen Partys waren teuer und ein paar Monate vor meinem Entzug fing ich an, mir bei Alexander Geld für Drogen und Essen zu leihen. Immerhin war ich so schlau gewesen und hatte meine Miete für ein Jahr im Voraus gezahlt, doch das Jahr war fast um.  

Ich wische mir mit meinem Ärmel über das Gesicht, atme tief durch und stemme mich dann wieder auf die Beine. Brandon beginnt nächste Woche sein Studium, er hat genug zu tun und eigene Sorgen, ich muss das allein schaffen. Also setze ich mich an meinen Schreibtisch, klappe den Laptop auf und suche neue Stellenanzeigen heraus. Mein Ziel ist es für das nächste Jahr einen Ausbildungsplatz zu ergattern, doch in der Zwischenzeit muss ich zumindest einen Nebenjob finden, um irgendwie über die Runden zu kommen. Und vor allem, um das Problem mit Alexander zu lösen.

×


Es ist Freitag, die letzte Nachricht von Alexander ist zwei Wochen her, doch seit heute Mittag klingelt mein Handy immer wieder und er versucht mich zu erreichen. Bisher habe ich seine Versuche gekonnt ignoriert, doch ich weiß, wenn ich nicht bald etwas unternehme, wird er einfach vor meiner Tür stehen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er bisher noch nicht bei meiner Wohnung aufgetaucht ist. Ich beschließe, am Abend in den Club zu gehen, Brandon wird bei der Arbeit sein. Er hat heute seine letzte Nachtschicht, bevor am Montag sein Studium beginnt.

Bevor Brandon sich auf den Weg macht, wollen wir zusammen Essen. Während er kocht, decke ich den Tisch. Als mein Handy klingelt, zucke ich erschrocken zusammen. Ich fische es aus der Hosentasche und erwarte, Alexanders Namen auf dem Display zu sehen. Doch stattdessen ist es eine mir fremde  Nummer und ich zögere, ob ich nicht doch Abnehmen soll.
„Willst du nicht dran gehen?“, fragt Brandon, während er mit der Pfanne hantiert und nimmt mir so die Entscheidung ab. Gehe ich nicht dran, wird er fragen, was los ist.
„Doch klar“, entgegne ich und gehe aus der Küche, damit Brandon von dem Telefonat nichts mitbekommt.
Ich schlucke und drücke auf den grünen Hörer. „Hallo?“, frage ich leise ins Telefon.
„Ahh… Joanna! Ich wollte schon aufgeben!“, ruft mir eine fröhliche Stimme entgegen. „Ich bin’s Liza. Hör mal, ich habe mit Giovanni geredet und hab ihm erzählt, wie toll deine Probearbeit gelaufen ist. Er ist ganz begeistert und du kannst nächste Woche anfangen.“
Ich starre ungläubig auf die gegenüberliegende Wand und versuche die Worte von Liza zu verarbeiten.
„Joanna?“, fragt sich schließlich. „Kannst du mich hören?“
„J-ja!“, rufe ich ins Handy. „Oh mein Gott, danke! Ich freu mich, wahnsinnig, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Am anderen Ende der Leitung ertönt ein fröhliches Lachen. „Super! Also Montag ist Ruhetag, da können wir prima über deinen Dienstplan quatschen und ich kann dich noch ein bisschen mehr mit allem vertraut machen. Passt dir…hm… sagen wir 14 Uhr?“
„Ja! Ja, auf jeden Fall! Ich werde pünktlich da sein.“
„Na dann, bis Montag! Ich freu mich, Joanna!“, sagt Liza zum Abschied.
„Danke!“, rufe ich noch, ehe Liza auflegt.

Ich starre ein paar Sekunden ungläubig auf das Display, ehe ich mein Handy zurück in die Hosentasche schiebe und zu Brandon zurückkehre.
„Ist was passiert?“, fragt Brandon und mustert mich, während er innehält die Sauce zu rühren.
Ich schüttle den Kopf und strahle ihn an. „Ich hab den Job bei Giovannis.“
Brandon grinst mich an. „Das ist super!“
Dann dreht er sich wieder zum Herd, greift nach einem der Teller und fängt an, Essen aufzuladen.
„Ich versteh zwar nicht, warum du unbedingt Arbeiten willst, aber ich freu mich für dich, dass du etwas gefunden hast.“, sagt Brandon und drückt mir einen der Teller in die Hand.
Nein… , denke ich, …das verstehst du tatsächlich nicht. Sofort plagt mich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm nicht die Wahrheit erzähle. Aber er hat so viel um die Ohren und ohnehin schon so viel für mich getan, dass ich ihn damit nicht auch noch belasten will.
„Ich will einfach etwas zu tun haben und nicht nur zu Hause rumsitzen“, antworte ich und setze mich an den Tisch.
„Naja, aber du könntest doch auch etwas anderes machen. Ausgerechnet Kellnern?“
„Brandon bitte…“, sage ich leise. „Das Thema hatten wir doch schon. Wenn ich nur zu Hause sitze, hab ich Angst, dass ich rückfällig werde, einfach weil mir langweilig ist.“
Er seufzt nur, lässt das Thema aber auf sich beruhen. Ich weiß, dass er mir das nicht glaubt, dabei ist es nicht einmal wirklich gelogen. Ja, ich habe Brandon den wahren Grund verschwiegen, aber ich habe auch Angst, rückfällig zu werden, wenn ich nur zu Hause bin und zu viel Zeit zum Nachdenken habe.

„Ich komme nach der Arbeit her,“ raunt Brandon als wir uns an der Tür verabschieden. Ich lächle ihn an. „Okay“, erwidere ich leise und drücke dann meine Lippen auf seine.
Als Brandon die Tür hinter sich schließt, schaue ich auf die Uhr. Ich habe noch ein paar Stunden, ehe Alexander im Club sein wird und ich mit ihm dort Reden kann. Allein der Gedanke, ihn heute zu treffen, bereitet mir Bauchschmerzen. Es wird kein angenehmes Treffen, so viel steht fest.

Ich setze mich an meinen Laptop und nutze die Zeit, um noch eine der Bewerbungen für eine Ausbildungsstelle als Buchhändlerin zu überarbeiten, ehe ich Duschen gehe.
Die Aussicht auf den Job stimmen mich zuversichtlich, Alexander zu überzeugen, mich künftig in Ruhe zu lassen und ich bin fast fröhlich, als ich mich für den Club fertig mache. Nichts allzu Aufreizendes, das habe ich nicht mehr nötig, nur eine gutsitzende Jeans und ein selten getragenes Top, kombiniert mit etwas Make-Up und einer Kette, die Brandon mir geschenkt hat.


Der Türsteher lässt mich direkt durchgehen, als ich am Club ankomme, so wie immer. Ich begebe mich direkt in den VIP-Bereich, halte Ausschau nach Alexander. Er steht an der Theke und bestellt sich gerade etwas zu Trinken. Er entdeckt mich, als ich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt bin und kommt strahlend auf mich zu.
„Baabeeee!“, ruft er freudestrahlend. „Ich dachte schon, du hättest dir den goldenen Schuss verpasst!“ Er versucht mich in seine Arme zu ziehen und zu Küssen. Der Geruch von Alkohol und Zigaretten schlägt mir entgegen und ich schiebe Alexander von mir, bevor er mir zu nahekommen kann.
„Können wir irgendwo reden?“, frage ich und versuche gegen die laute Musik anzukommen.
„Was bist du denn so verklemmt?“, entgegnet er, bedeutet mir aber, ihm zu folgen. Zusammen gehen wir hinter der Theke durch eine Tür und laufen über einen schmalen Gang. Alexander öffnet eine der Türen und wir betreten ein Büro. „Setz dich“, sagt er und deutet auf einen der Sessel. „Ich habe den Laden vor ein paar Wochen gekauft, ist jetzt mein Büro.“
Ich nicke nur lahm und setze mich, während ich im Kopf nach den zurechtgelegten Worten suche. Doch ehe ich etwas sagen kann, öffnet sich die Tür und einer der Angestellten bringt etwas zu trinken.
„Gin-Tonic, mit deinem Lieblings-Gin.“, sagt Alexander und der Kellner stellt ein Glas vor mir auf einem der Untersetzer ab.
„Danke,“ sage ich leise. „Aber ich trinke nicht mehr.“
Alexander hält mitten in der Bewegung inne und schaut mich ungläubig über den Rand seines Glases hinweg an. „Was?“, fragt er dann und stellt sein Getränk zurück auf den Tisch.
„Ich war zum Entzug, deswegen hast du auch ewig nichts von mir gehört. Ich bin clean.“, antworte ich ruhig und warte auf Alexanders Reaktion.
„Du verarschst mich?“, fragt er dann und lacht. „Echt, ich hätte dir fast geglaubt. Jetzt trink schon.“

Ich lehne mich zurück und atme tief durch. Die Verlockung ist groß, den Gin-Tonic zu trinken, um ruhiger zu werden. Doch ich rühre das Glas nicht an, sondern halte meinen Blick fest auf Alexander gerichtet. „Ich trinke nicht mehr und mit den anderen Drogen ist auch Schluss,“ sage ich dann. „Ich bin hier, um dir zu sagen, dass ich nie wieder kommen werde.“
Langsam sickert die Erkenntnis in Alexanders Gehirn, was sich schließlich in seinem Blick widerspiegelt. Als er mir endlich glaubt, steht er auf und kommt um den Schreibtisch herum, lehnt sich mit dem Hintern dagegen, den Blick fest auf mich gerichtet. „Nun, ich denke, dass du nicht mehr herkommst, ist keine Option.“, sagt er entschlossen, greift nach meinem Getränk und nimmt einen Schluck. „Immerhin schuldest du mir eine hübsche Summe Geld. Die werde ich dir bestimmt nicht erlassen. Ich denke, ich war da deutlich in meinen Nachrichten.“
Ich nicke stumm.
„Also, wie denkst du, das Problem aus der Welt zu schaffen? Ich wäre bereit gewesen, dir Aufschub zu gewähren, als ich dich eben sah. Aber jetzt sagst du mir, du willst nicht mehr herkommen, seist clean und verweigerst dich mir?“
„Ja.“, antworte ich mit fester Stimme, während meine Hände in meinem Schoss verkrampfen. „Ich fange nächste Woche an zu arbeiten“, fahre ich fort, „dann kann ich dir dein Geld nach und nach zurückzahlen. Es ist erstmal nur ein Job als Kellnerin bei Giovannis, aber ich suche weiter, nach etwas besser Bezahltem. Du bekommst dein Geld auf jeden Fall zurück.“
„Und wenn ich damit mit nicht einverstanden bin?“, fragt Alexander, verschränkt die Arme vor der Brust und mustert mich. „Ich will das Geld nicht, ich will dich.“
„Ich stehe aber nicht mehr zur Verfügung,“ entgegne ich entschlossen und stehe auf. „Du bekommst dein Geld zurück, alles worum ich dich bitte, ist Zeit.“
Ein hämisches Grinsen legt sich auf Alexanders Gesicht, dann tritt er einen Schritt auf mich zu, hebt seine Hand, um mit einer meiner Haarsträhnen zu spielen. Sein Gesicht ist meinem unangenehm nah. „Wir wissen beide, dass du früher oder später wieder bei mir angekrochen kommst. Du bist schwach, Jo. So schwach und so kaputt. Dann wirst du wieder mir gehören. Vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht nächste Woche, aber bald.“
Ich schlucke heftig, versuche seine Worte nicht an mich herankommen zu lassen und das beklemmende Gefühl zu ignorieren, das seine Nähe in mir auslöst. „Also, was ist jetzt? Bekomme ich die Zeit von dir?“, frage ich schließlich und bin ein bisschen stolz auf mich, dass meine Stimme nicht zittert.
Alexander zuckt nur mit den Schultern, ehe er meine Haarsträhne fallen lässt, sich zurücklehnt und erneut zum Glas greift. „Meinetwegen, ich bin auf das Geld nicht angewiesen.“
„Danke,“ sage ich laut, drehe mich dann um und gehe, den Blick von Alexander im Nacken spürend.

×


Zwei Wochen sind vergangen, in denen ich mich bereits gut in den Job eingewöhnt habe und in denen Alexander nicht einmal versucht hat, mich zu erreichen. Um mich an die Abläufe bei der Arbeit zu gewöhnen, hat Liza mich bisher immer in die Mittagsschicht eingeteilt, doch damit war mit dem heutigen Tage Schluss. Meine erste Abendschicht steht bevor, ausgerechnet an einem Sonntag, und ich laufe schon den ganzen Tag nervös durch die Wohnung. Brandon ist nicht da, er ist in seiner Wohnung, um die Vorlesungsunterlagen der Woche aufzuarbeiten. Ohnehin sehen wir uns im Moment sehr wenig. Wenn er nicht in der Uni ist, ist er im Betrieb. Wenn ich jetzt noch anfing abends zu arbeiten, würden wir uns vermutlich gar nicht mehr sehen, aber es geht nicht anders. Ich muss das Problem mit Alexander aus der Welt schaffen, allein.

Als es endlich spät genug ist, verlasse ich meine Wohnung. Auf dem Flur begegne ich meinem Vermieter und ein Knoten bildet sich in meinem Magen.
„Ah, Joanna“, sagt er freundlich. „Du weißt, dass deine Vorauszahlung nächsten Monat aufgebraucht ist?“
Ich setze ein Lächeln auf, obwohl sich innerlich bei mir alles zusammenzieht. „Ja, ich weiß. Sie bekommen Ihr Geld rechtzeitig. Tut mir leid, ich muss zur Arbeit.“
„Aber sicher, dann ist ja alles gut“, entgegnet mein Vermieter und macht den Weg frei.

Ich mache mich auf dem Weg zum Restaurant, dort angekommen, begrüße ich alle fröhlich, stempele ein und binde mir meine Kellnerschürze um. Liza kommt gestresst angelaufen. „Hey Jo, gut, dass du da bist. Heute Abend sind echt viele Tische reserviert. Kümmere dich bitte um Tisch 8, der muss noch eingedeckt werden, da kommen gleich 10 Leute. Und dann kannst du da auch bedienen.“
„Mach ich, kein Problem.“, antworte ich und mache mich schon an die Arbeit. Die Tische eindecken ist fast schon Routine geworden in der kurzen Zeit, also ist die Aufgabe im Handumdrehen erledigt. Als ich fertig bin, schiele ich zum Empfang, wo gerade eine größere Gruppe steht. Das müssen die Leute für Tisch 8 sein. Ich erstarre, als ich den Mann erkenne, der sich mit meinem Kollegen am Empfang unterhält: Alexander.
Ich schlucke und versuche mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen, als Alexander mit seinen Leuten grinsend auf mich zukommt.
Kein Problem, rede ich mir in Gedanken Mut zu, du kannst das.

Doch ich konnte nicht. Alexander benahm sich den ganzen Abend, als würde ihm der Laden gehören und ließ bei keiner Gelegenheit unerwähnt, wie gut er mich kannte. „Aber ich freue mich ja, dass Jo den Entzug geschafft hat!“, erzählt er laut seinem Sitznachbarn, als Liza gerade frische Getränke bringt und ich leeres Geschirr abräume. Ich laufe rot an und würde am liebsten im Erdboden versinken. „Ich weiß noch, als ich sie einmal völlig zugedröhnt und bewusstlos auf dem Klo in der Disco gefunden habe, da dachte ich echt, sie würd’s nicht packen.“
Tränen steigen mir in die Augen, ich beeile mich mit dem Abräumen und versuche die Blicke der anderen zu ignorieren, während ich in die Küche eile.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie überstehe ich den Abend, ohne zusammenzubrechen. Ich lächelte jede fiese Spitze von Alexander weg und tat so, als würde ich gar nicht wahrnehmen, was er über mich erzählte. Doch am Ende des Abends war ich einfach nur fertig und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Aber wie ich bereits erwartet hatte, ruft Giovanni mich in sein Büro, ehe ich es schaffte aus dem Restaurant zu verschwinden.
Ich atme tief durch, ehe ich den kleinen Raum betrete. „Sie wollten mich sprechen?“, frage ich und schaue Giovanni an.
„Joanna“, sagt er und sein mitleidiger Blick verrät mir alles.
„Schon gut,“ sage ich leise, „ich gebe Liza Karte, Schlüssel und Schürze, bevor ich gehe.“
Giovanni seufzt. „Es tut mir leid Joanna, aber dein Freund…“
„Er ist nicht mein Freund.“
„Okay, dann dein Bekannter… sein Benehmen… er hat mit gedroht, jede Woche wieder zu kommen…Du weißt, zu welcher Familie er gehört?“
Ich nicke müde. „Ja… Sie müssen es nicht erklären, ich versteh schon.“
„Es tut mir wirklich leid, Joanna“, sagt Giovanni und macht einen Schritt auf mich zu. „Ich hätte dir gern eine Chance gegeben, aber so verliere ich meine Gäste, das geht nicht.“
Ich nicke erneut. „Schon okay, wirklich. Kann ich gehen?“
„Natürlich.“
„Danke, dass ich es versuchen durfte.“

Bevor Giovanni noch etwas erwidern kann, verlasse ich sein Büro. Vorm Gehen drücke ich Liza die Sachen in die Hand, danke ihr und verabschiede mich. Ich weiß, dass es unhöflich ist, doch ich warte nicht ab, bis sie etwas entgegnen kann, sondern gehe einfach. Ich will nur noch hier raus, an die frische Luft. Vor der Tür atme ich tief durch, starre in die Sterne und blinzle die Tränen weg. Dann mache ich mich auf den Weg, doch statt direkt nach Hause zu gehen, streife ich ziellos durch die Straßen. Ich weiß, dass ich zu Hause verrückt werden würde, doch so werde ich es auch. Ich will mich betäuben, will das Gefühl der Verzweiflung nicht spüren. Ich weiß nicht, wie ich denken konnte, ein besseres Leben haben zu können. Ohne den Job würde ich meine Wohnung verlieren und ewig in Alexanders Schuld stehen. Aber ich weiß, egal was ich versuchen werde, Alexander wird es verhindern. Immer und immer wieder, bis ich zu ihm zurückgekrochen komme. Ich beschleunige meine Schritte, kneife mir mit den Händen in die Arme, doch der Druck in mir wird immer größer. Ich will das alles vergessen, will meine Gefühle nicht fühlen.

Irgendwann gebe ich nach und suche mir eine offene Tankstelle, um mir irgendeinen billigen Wein zu kaufen. Am liebsten würde ich ihn an Ort und Stelle öffnen und exen, doch die Flasche hat einen Korken, den ich so nicht aufbekomme. Also gehe ich nach Hause, die Flasche in der Hand. Die kalte Herbstluft klärt meine vernebelten Gedanken etwas auf und ich ringe mich dazu durch, mein Handy zur Hand zu nehmen. Mit zitternden Fingern suche ich den Kontakt von Markus und tippe auf Anrufen, obwohl mir klar ist, dass es mitten in der Nacht ist und er nicht abnehmen wird. Doch nach dem dritten Klingeln erklingt seine Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Hallo?“
Schon beim Klang seiner Stimme breche ich in Tränen aus und ein Schluchzen löst sich aus meiner Kehle.
„Joanna? Bist du es?“ , fragt Markus, der dieses Schluchzen schon tausendmal während der Therapie gehört hat.
„Ja,“ entgegne ich krächzend.
„Bist du drauf?“
„Nein.“
„Das ist gut. Also, was ist los?“

Und dann reden wir. Wir reden den ganzen Weg bis zu meiner Wohnung und auch danach, bis ich alles gesagt habe, was es zu sagen gibt. Ich erzähle ihm von den letzten Wochen, von Alexander, von meinen Sorgen, meinen Problemen. Irgendwann gehe ich beim Telefonieren ins Schlafzimmer, stelle die Flasche Wein auf den Boden ab, während ich mich setze, den Rücken an die Wand gelehnt.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, schluchze ich ins Telefon.
„Schlafen, danach sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Und dann redest du mit Brandon, das ist wichtig.“
„Ich kann nicht, er hat doch schon so viel um die Ohren.“
„Joanna“, sagt Markus mit scheltender Stimme, „das hatten wir doch alles schon. Du musst mit ihm reden. Ohne ihn geht es nicht.“
„Und wenn er dann geht?“
„Er wird nicht gehen.“
„Und wenn doch?“
„Dann rufst du mich umgehend an und wir sehen weiter.“
„Okay…“
„Okay.“
Stille.
„Kommst du bis dahin klar?“, fragt Markus nach einer Weile.
„Ja…“ entgegne ich leise, den Kopf auf meinen Armen gestützt. „Danke, Markus.“
„Jederzeit. Melde dich später, Joanna.“
„Mach ich.“
Dann wird es wieder still und ich drücke auf „Auflegen“.
Ich starre auf das Display, mittlerweile ist es fast vier Uhr morgens. Dennoch schreibe ich eine Nachricht an Brandon, weil ich weiß, dass mich später der Mut verlassen haben wird. „Brandon, wir müssen reden. Bitte komm zu mir, wenn du kannst. Jo“

Ein paar Stunden später kann ich hören, wie meine Wohnungstür aufgeschlossen wird. Noch ist es nicht richtig hell draußen, es muss noch früh sein. Brandon kommt in mein Schlafzimmer und findet mich, wie ich zusammengekauert an der Wand sitze. Die Weinflasche ungeöffnet neben mir. Aber allein, dass ich sie gekauft habe, sagt viel über meinen Zustand aus.
„Jo?“, fragt er leise und ich spüre das Zittern in seiner Stimme, die Angst.
„Ich kann nicht mehr Brandon.“, sage ich verzweifelt und lehne meinen Kopf gegen die Wand.
„Bist…Hast..du…“ beginnt er leise, doch ich schüttle den Kopf. „Nein.“
Ich atme tief durch und schaue Brandon mit leeren Augen an. „Ich habe nicht getrunken und nichts genommen, aber ich hätte fast.“
„Was ist passiert?“, fragt er leise und lässt sich neben mir an der Wand zu Boden gleiten.
Eine Träne löst sich aus meinen Augen, als ich mich an Brandons Schulter lehne. „Ich bin am Limit, Brandon, ich kann nicht mehr. Ich passe nicht in dieses System, nicht in diese Welt.“
Er legt einen Arm um meine Schulter und zieht mich an sich, schon bei der ersten Berührung seiner warmen Hand brechen alle Tränen, die noch übrig sind, aus mir heraus und ich lasse mich schluchzend in seine Arme fallen, klammere mich an ihn. Brandon wartet geduldig, bis ich mich beruhigt habe, streicht mir über den Rücken, über den Kopf, durch die Haare, murmelt beruhigende Worte.

Als ich mich endlich beruhigt habe, erzähle ich Brandon alles. Ich erzähle ihm, dass ich ihn ewig belogen habe. Ich erzähle ihm von Alexander, von dem Geld, dass ich ihm schulde, dass ich nicht weiß, wie ich im kommenden Monat meine Miete bezahlen soll. Ich erzähle ihm von dem Telefonat mit Markus, von meiner Sehnsucht alle Gefühle zu betäuben. Ich erzähle ihm davon, dass ich mich als Schandfleck sehe, der nicht in dieses System passt. Ich erzähle ihm, dass ich nicht weiß, wie ich mein Leben jemals auf die Reihe bekommen soll. Ich erzähle ihm, dass ich am Ende bin und nicht mehr kann, dass ich nicht weiß, ob ich dem Druck standhalten kann. Doch statt zu gehen, zieht er mich feste in seine Arme.
„Ach Jo“, murmelt er leise, legte sein Kinn auf meinen Kopf. „Ich wünschte, du würdest dich sehen, wie ich dich sehe. Diese wundervolle junge Frau, die mein Leben um so vieles bereichert. Die strahlende Sonne in meinem Leben. Du bist ein guter Mensch, auch wenn du das nicht siehst und ich glaube fest an dich. Ich liebe dich Jo, und egal was es ist, zusammen werden wir alles schaffen.“
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