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Survive for your Love

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P18 / Het
09.10.2022
29.01.2023
28
98.160
12
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09.10.2022 3.704
 
Nach diesem Tag brauche ich dringend einen Drink, auch wenn ich ungern ohne Nathan in die Bar gehe. Ich gönne ihm zwar sein heutiges Date, aber hätte er das nicht später ansetzen können? Jetzt muss ich hier alleine sitzen. Wie wirkt das denn?
Obwohl ich mich etwas unwohl fühle, setze ich mich heute ausnahmsweise direkt an den Tresen. Ich möchte keinen Tisch unnötig besetzen. Als ich mich jedoch umsehe, wer hier noch so sitzt, bereue ich meine Aktion. Die Typen um mich herum, sehen allesamt aus, als würden sie die Scheiße ihres Lebens hinter sich haben. Mein Tag war zwar hart, aber so schlimm nun auch nicht, dass ich mich dazuzählen würde. Doch welche Wahl habe ich? Zuhause werde ich mit Sicherheit sofort von Jennifer überfallen, die mich wieder mit irgendwelchen Hochzeitsdetails nervt. Da würde ich erst recht nicht zur Ruhe kommen. Dann sich lieber hier für eine Stunde wie ein Loser betrinken.
Ich bestelle beim Barkeeper einen Scotch und lasse, während ich darauf warte, den Tag Revue passieren. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich den Auftrag haben will. Auch wenn er prestigeträchtig ist, das würde eine Menge Arbeit bedeuten. Und ob ich mir das jetzt erlauben kann? Schließlich hat Jennifer die nächsten zwei Monate minutiös geplant. Auf der anderen Seite würde Nathan mich lynchen, wenn ich dem Kunden absage.
Mir wird gerade mein Glas vor die Nase gestellt, wofür ich dem Barkeeper mehr als dankbar bin. Vielleicht bringt mich das jetzt auf andere Gedanken.
Ich will gerade für den ersten Schluck ansetzen, als sich jemand direkt neben mir niederlässt und ein ‚Hey‘ herüberwirft.
Ich drehe mich kurz zu ihm und erwidere es mit einem gezwungenen, höflichen Lächeln. Nachdem ich kurz den Scotch genieße, sehe ich mir den Typen jedoch genauer an. Irgendetwas an ihm ist seltsam. Ist es, dass er etwas zu jung für diese Bar scheint? Der kann doch nicht älter als achtzehn sein.
„Bist du sicher, dass du hier richtig bist?“, frage ich ihn.
„Ziemlich sicher.“ Warum grinst er so bescheuert?
„Na, wenn du meinst.“ Ich nehme wieder einen Schluck und versuche den Typen zu ignorieren.
„Weißt du, mein Dad sagt immer, Scotch ist der Teufel. Davon sollte man die Finger lassen.“
„Weiser Mann“, gebe ich desinteressiert zurück.
„Warum trinkst du ihn dann?“ Wirklich jetzt? Ich dachte am Tresen gibt es die unausgesprochene Regel niemanden anzusprechen und jetzt will er mir ein Gespräch aufdrängen?
„Weil es Tage gibt, wo einem nur der Teufel helfen kann.“ Er lacht plötzlich laut auf, weswegen ich verwundert zu ihm sehe. „Was gibt es da zu lachen?“
„Das sagt mein Dad auch immer, wenn er ein Glas in der Hand hat.“
„Ah ja. Vielleicht sollte dein Dad mehr darauf achten, in welchen Bars sich sein Sohn herumtreibt.“
„Oh… mein Dad weiß genau, wo ich bin. Genau genommen, hat er mich sogar hierhergeschickt.“ Der Typ wird mir immer suspekter.
„Um hier fremden Leuten auf den Sack zu gehen?“ Also sein seltsames Grinsen irritiert mich immer mehr.
„Nein! Um ihn vor den größten Fehler seines Lebens zu bewahren.“ Das wird hier ja immer verrückter.
„Na dann … Viel Glück dabei!“ Ich brauche dringend noch einen Drink, daher kippe ich den Rest meines Scotchs herunter und gebe dem Barkeeper ein Handzeichen mir einen neuen zu machen.
„Das kann ich tatsächlich gebrauchen. Denn er sagte, du wirst es mir nicht gerade leicht machen.“ Was? Ich sehe ihn wieder an und jetzt ist sein Grinsen endlich verschwunden. Er wirkt nun mehr neugierig.
„Was soll das heißen?“
„Ich bin wegen dir hier.“
„Wegen mir? Ich kenne dich nicht.“
„Das stimmt. Noch nicht.“ Ich versuche irgendwie schlau aus ihm zu werden, doch es gelingt mir nicht.
„Wer ist dein Dad?“ Vielleicht kenne ich ja den, wenn er sagt, dass dieser ihn zu mir geschickt hat.
„Sagen wir, jemand, der dich besser kennt als irgendjemand sonst.“ So das reicht! Ich drehe mich zu ihm.
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Louis.“
„Louis und weiter?“ Er zögert und sieht so aus, als müsse er darüber nachdenken, ob er mir seinen vollen Namen sagt.
„Louis Shaw.“ Das lässt mich stutzen. Ist das jetzt ein Zufall, dass mich jemand mit demselben Nachnamen anquatscht oder ist das Ganze hier noch verrückter als ich dachte? Oder …
„Gott, sag mir nicht, mein alter Herr hat sich echt noch ein Balg angeschafft.“ Darauf mustere ich ihn wieder. Wenn er wirklich um die achtzehn ist, dann hat Dad sich nach der Scheidung von Mum ja nicht sehr viel Zeit gelassen irgendeine neue Tussi zu schwängern.
„Ähm… nein.“
„Dann sind wir also nicht auf irgendwelche verquere Weise verwandt?“
„Oh doch, wir sind verwandt.“ Ich lache ungläubig auf und greife mir sofort das Glas, das mir der Barkeeper reicht.
„Dann aber wohl auf sehr entfernte Weise. Denn weder habe ich Geschwister noch irgendwelche Tanten oder Onkel.“ Ich nehme einen kräftigen Schluck.
„Dein Name ist Jared Shaw, geboren am 31. Juli 1990 in Perth. Deine Eltern sind Lynn und Benjamin Shaw. Du hast Architektur an der University of Sydney studiert. Du lebst seit vier Jahren wieder hier und betreibst ein eigenes Architekturbüro mit deinem besten Freund Nathan McKinney.“ Ich sehe ihn völlig entgeistert an.
„Wer zum Teufel bist du?“, frage ich nun völlig perplex. Er beugt sich auf den Tresen mir etwas entgegen.
„Was, wenn du jemanden die wichtigste Sache der Welt erklären müsstest, aber er glaubt dir nicht?“ Er ist nun vollkommen ernst und wirkt in diesem Augenblick nicht mehr wie ein halbes Kind.
„Ich würde es versuchen“, hauche ich, warum auch immer. Er sieht mir noch eine Weile in die Augen, als würde er irgendetwas abschätzen wollen. Dann, ohne den Blick von mir zu nehmen, holt er etwas aus seiner Jackentasche.
„Mein Dad meinte, ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Er schiebt mir etwas auf dem Tresen entgegen, das wie ein Foto aussieht. Ich sehe immer wieder zwischen ihm und diesem Foto hin und her. Seine Haltung macht mich neugierig. Und von seiner Frage geradeeben ganz zu schweigen.
Ich nehme mir das Foto und sehe es mir an. Das, was ich da sehe, verwirrt mich nur noch mehr. Es sieht aus wie ein Hochzeitsbild. Ein Hochzeitsbild von mir und einer Frau, die unmöglich Jennifer sein kann. Denn die Frau auf dem Foto hat lange, rotblonde Haare. Jennifer hat kurze, braune Haare. Oder hat sie irgendetwas davon erzählt, dass sie zur Hochzeit eine komplette Typveränderung will? Es würde mich nicht wundern, wenn mir das entgangen wäre, mit all den Infos, mit denen sie mich in letzter Zeit zugebombt hat. Ich habe mir nicht einmal die Hälfte davon gemerkt.
Warte mal … Die Hochzeit ist erst in einem Monat.
Ich schaue völlig bedeppert zu dem Typen auf.
„Was, wenn ich dir sage, dass in nicht allzu weiter Zukunft Zeitreisen möglich sind?“ Ich lache ungläubig auf.
„Zeitreisen?“
„Ja, Zeitreisen.“
„Du willst mir sagen, du kommst aus der Zukunft?“
„Ja, genau das will ich dir sagen.“ Mein Lachen wird noch heftiger.
„Das ist lächerlich.“ Ich schiebe das Foto zurück.
„Glaubst du? Und was glaubst du, was das hier ist?“ Er hält das Foto hoch.
„Eine Fotomontage. Das kriegt jeder Nerd an einem Computer hin.“
„Und warum sollte ich das tun?“
„Sag du es mir!“ Er knallt das Foto vor mir auf den Tresen.
„Ob du es mir nun glauben willst oder nicht, das bist du an deinem Hochzeitstag.“
„Ach, wirklich?“ Ich zeige auf die Frau, die ich auf dem Bild im Arm halte. „Das sieht nicht im Geringsten nach meiner Verlobten aus. Und abgesehen davon, mein Anzug, den ich tragen werde, ist blau und nicht schwarz.“
„Das ist ja auch nicht die Hochzeit, von der du gerade ausgehst.“
„Alter, was soll die Scheiße hier? Ist das irgend so ein kranker Scherz von Nathan. Das würde erklären, warum er mich heute so plötzlich versetzt hat.“ Ich schaue mich in der Bar um, ob ich ihn irgendwo entdecken kann.
„Du glaubst mir nicht?“
„Nein“, gebe ich lachend zurück.
„Gut. Hast du dir denn wenigstens mal die Frau auf diesem Foto angesehen?“
„Warum sollte ich?“
„Tu es einfach!“ Ich seufze genervt auf. Dann gönne ich Nathan eben den Spaß.
Ich greife mir wieder das Foto und sehe mir die Frau jetzt genauer an. Sie ist hübsch, das ist nicht zu leugnen. Obwohl … wunderschön trifft es eher.
Der Gedanke lässt mich schnell den Kopf schütteln. Ich erinnere mich daran, dass ich nächsten Monat heirate.
„Und? Kennst du sie?“ Ihre Züge kommen mir schon irgendwie bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich sie hinstecken soll. „Stell sie dir jünger vor. So im Teenageralter.“ Teenageralter? Das wird immer absurder. Dennoch durchforste ich mein Gedächtnis.
Ich brauche eine ganze Weile, bis mir jemand einfällt, der ihr ähnlichsieht. Aber das kann nicht sein. Das letzte Mal sah ich sie auf der High School.
„Und?“
„Was und? Ja, sie sieht vielleicht einem Mädchen ähnlich, das ich aus meiner Kindheit kenne. Na und? Kann immer noch eine Fotomontage sein.“
„Ein kranker Scherz von Nathan?“
„Ja, genau!“
„Hast du Nathan jemals von ihr erzählt? Oder sonst irgendjemandem?“ Seine Frage wirft mich aus der Bahn. Denn wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich das wirklich nicht. Nachdem ich Perth verließ und nach Sydney ging, zwang ich mich jede Erinnerung an sie hier zu lassen.
„Du willst mir im Ernsten erzählen bei dieser Frau handelt es sich um Viv. Vivienne Hale?“
„Ja, genau.“
„Ich werde Vivienne Hale heiraten?“, frage ich wieder völlig ungläubig lachend. „Eine Frau, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen habe?“
„So ist es.“ Ich gebe ihm erneut das Foto zurück.
„Nicht schlecht. Aber nein!“
„Du glaubst mir immer noch nicht?“
„Nein“, sage ich lachend und leere mein zweites Glas.
„Wegen der Zeitreisesache und dem Umstand, dass ich dir gerade deine Zukunft zeige oder wegen ihr?“
„Sie war das beliebteste Mädchen der Schule und ich ein Niemand. Sie hatte nicht das geringste Interesse an mir. Und jetzt willst du mir sagen, dass ich sie heiraten werde?“ Darauf kann ich nur schnauben und ein weiteres Glas bestellen. Als ich zu ihm schaue, nachdem es für eine Minute ruhig bleibt, grinst er wieder so bescheuert.
„Ihr wart jahrelang befreundet.“
„Ja, weil ich direkt nebenan wohnte und unsere Eltern befreundet waren. Wäre dem nicht so gewesen, hätte sie mich nicht mal mit dem Arsch angesehen. Sie hatte doch gar keine andere Wahl.“ Sein Grinsen wird immer breiter. „Wenn du nicht langsam damit aufhörst, dann haue ich dir dieses Grinsen aus dem Gesicht.“
„Entschuldige, aber deine Reaktion ist herrlich.“
„Wie bitte?“
„Du wirst hier immer lauter wegen einer Tatsache, die, wie du sagst, über 15 Jahre her ist. Sie muss dir schon damals viel bedeutet haben.“ Ich presse fest die Lippen aufeinander und atme tief durch. „Warum ist es dann so abwegig, dass du sie einmal heiraten könntest? Weil du glaubst, dass sie damals kein Interesse an dir hatte? Hast du sie denn jemals danach gefragt? Oder ihr gesagt, was du für sie empfindest?“ Das ist lächerlich. Ich wende den Blick ab und halte nach dem Barkeeper Ausschau. „Warum wehrst du dich so dagegen?“
„Weil das Vergangenheit ist. Und ich jetzt Jennifer habe.“
„Eine Frau, die du heiraten willst, obwohl du sie nicht liebst.“ Ich schaue brüskiert zu ihm. Langsam wird er frech.
„Ich liebe sie.“
„Tust du das? Warum hast du mich dann hierhergeschickt, um die Hochzeit mit ihr zu verhindern?“
„Ach, auf einmal soll ich dich geschickt haben? Gerade hieß es noch es war dein Dad. Merkst du nicht, wie unsinnig deine Geschichte hier ist?“ Er sieht mich mit einem Blick an, wo ich eine ganze Weile brauche, bis mir ein Licht aufgeht.
„Oh nein!“ Ich schüttle heftig den Kopf. „Nein!“ Er betrachtet mich jetzt etwas mitleidig. „Niemals! Ich will gar keine Kinder.“ Nun schaut er aus, als hätte ich ihn verletzt.
„Das höre ich jetzt zwar nicht so gerne, aber gut. Du hast mich ja vor dir gewarnt.“ Was? „Wie dem auch sei, mit ihr willst du wohl Kinder.“ Er zeigt auf das Foto. „Denn zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger.“ Ich sehe fassungslos auf das Bild.
„Das kann doch alles nur ein schlechter Traum sein“, nuschle ich und sehe mich verloren um, in der Hoffnung doch noch einen Anhaltspunkt zu finden, der beweist, dass dieser Moment nicht real ist oder zu mindestens ein schlechter Scherz.
„Mir ist schon klar, wie unglaublich das für dich sein mag …“
„Ach, wirklich?“, brumme ich sarkastisch.
„…, aber hast du mich mal genauer angesehen?“ Ich drehe mich mit noch mehr Fragezeichen in den Augen wieder zu ihm. „Willst du mir sagen, dass dir mein Anblick im ersten Moment völlig fremd war?“ Nicht auch das noch. „Wir können gerne ein Foto aus deiner Collegezeit herauskramen, wenn du Schwierigkeiten damit hast, es zu erkennen.“ Ich weigere mich partout dem nachzugehen, was er gerade von mir verlangt, weswegen ich ihm weiter in die Augen schaue. Die sind nämlich grün und nicht blau, was seiner Andeutung widerspricht.
„Ich höre nicht gerade selten, wie sehr ich meinem Dad ähnlichsehe. Abgesehen von den Augen. Die habe ich von Mum.“ Mum? So, wie er das ausspricht, lässt das meine Widerstände fallen. Ich sehe unwillkürlich zurück auf das Foto und jetzt, wo ich sie wieder sehe, kann ich mich an diese einzigartigen, grünen Augen erinnern, die mich immer mit so unglaublich viel Wärme ansahen.
Ich starre unablässig auf das Foto und langsam kriege ich das Gefühl, es brennt sich bei mir ein. Denn nun fallen mir Details auf, auf die ich bisher nicht geachtet habe. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen. Bei Jennifer habe ich dafür gekämpft am Strand zu heiraten, weil ich das Meer liebe. Doch sie träumte schon immer von einer kirchlichen Hochzeit. Und mit dem stetigen Argument sie sei doch die Braut wurden meine Wünsche rigoros ignoriert.
Des Weiteren trage ich keine Fliege, sondern eine Krawatte, worüber ich nächsten Monat sehr dankbar wäre. Ich mag keine Fliegen.
Doch das, was mich am meisten verwundert, ist mein Blick. Das ist kein Blick, den ich von mir kenne. Ich bin eigentlich nicht so der emotionale Typ, doch hier wirke ich wie der verliebteste Trottel überhaupt, als wäre ich dreizehn und nicht 32.
Gott, aber ich war mal der verliebte, dreizehnjährige Trottel. Und ein kranker noch dazu. Wie oft habe ich versucht durchs Fenster einen Blick von Viv zu erhaschen?
„Übrigens, sie hatte Interesse an dir und es hat ihr das Herz gebrochen, dass du ohne Verabschiedung einfach nach Sydney gingst.“ Ich wende den Blick vom Foto ab und in seinen Augen liegt etwas, das es einem schwer macht dem nicht Glauben zu schenken.
„Das kann nicht sein. Sie hat jeden Monat einen anderen Typen gedatet.“
„Ja, um dich eifersüchtig zu machen.“ Was? „Und bei mir habt ihr immer nur genervt ‚Teenager‘ genuschelt und amüsiert den Kopf geschüttelt. Ihr wart anscheinend kein Stück besser.“ Jetzt sieht er so aus, als wäre er genervt, denn er verdreht die Augen. „Wenn nur einer von euch beiden mal den Arsch in der Hose gehabt und dem anderen gesagt hätte, was er fühlt, dann hätten wir uns das alles hier sparen können.“ Das ist das erste Mal, wo er für mich vollkommen authentisch wirkt und ich nicht glaube, dass das hier ein kranker Scherz ist.
Ich drehe mich auf dem Barhocker nun komplett in seine Richtung.
„Ich bitte dich jetzt vollkommen ehrlich zu sein. Du bist wirklich aus der Zukunft, in der ich offensichtlich mit Viv verheiratet bin? Und du bist …“ Ich schaffe es nicht es auszusprechen. „Das ist keine kranke Scheiße, die sich Nathan ausgedacht hat, um mich vor der Hochzeit noch einmal aufs Korn zu nehmen? Oder zu testen?“, setze ich unsicher und nuschelnd hinterher. Denn das kommt mir langsam auch in den Sinn, schließlich kann ich nicht leugnen, dass mich der Anblick von Viv, wie sie auf dem Bild so traumhaft schön in meinen Armen liegt, nicht kaltlässt.
Er dreht sich mir nun ebenso komplett zu.
„Ich schwöre. Ich bin hier, weil du mich darum gebeten hast. Oder in 20 Jahren darum bitten wirst.“ Ich muss heftig durchatmen, obwohl mir das schwerfällt. Generell kriege ich das Gefühl langsam hier drin nicht mehr richtig Luft zu bekommen. Ich kriege doch jetzt nicht wirklich eine Panikattacke?
„Tut mir leid, aber ich muss hier raus.“ Ich komme auf die Beine, krame aus meiner Tasche einen 20 Dollar Schein und werfe ihn auf den Tresen. Dann flüchte ich schon beinahe aus der Bar. Statt mir wie üblich ein Taxi zu nehmen, laufe ich diesmal. Vielleicht hilft mir das wieder herunterzukommen und meine sich überschlagenden Gedanken zu sortieren.

Ich gehe nur sehr zögerlich durch die Tür, da ich nicht weiß, wie ich mich Jennifer jetzt gegenüber verhalten soll. Ich weiß so oder so nicht, ob ich den ganzen Abend als völlig absurd abhaken oder wirklich ernst nehmen soll.
„Da bist du ja endlich.“ Ich habe kaum die Tür geschlossen, da kommt mir Jennifer auch schon entgegen. Wie üblich gibt sie mir einen Kuss, was mir unerklärlicherweise heute unbehaglich ist.
„Warst du noch mit Nathan in der Bar?“
„Wie kommst du darauf?“ Warum klang das so nervös? Das ist nichts, was ich verheimlichen müsste.
„Du schmeckst nach Scotch.“ Natürlich.
„Ja, war ein harter Tag.“ Sie zieht mir die Jacke aus und zieht mich dann ins Wohnzimmer, wo sie mich gleich mit auf die Couch setzt.
„Willst du mir davon erzählen?“
„Sei mir nicht böse, aber jetzt nicht. Ich bin echt fertig. Ich denke, ich nehme nur noch schnell eine Dusche und gehe dann ins Bett.“
„Aber ich dachte, wir gehen noch einmal die Tischordnung durch und besprechen danach unsere Eheversprechen.“ Das lässt mich schlucken. Schon vor diesem Abend war ich kein großer Fan von dieser Hochzeitsplanung, doch jetzt fühlt es sich noch eigenartiger an.
„Können wir das nicht auf morgen verschieben? Ich denke nicht, dass du jetzt noch viel Freude mit mir haben wirst.“
„Na gut. Ich denke, das mit der Tischordnung kriege ich auch allein hin.“
„Denke ich auch“, pflichte ich ihr bei und stehe auf.
„Dann gute Nacht.“ Ich zwinge mir ein Lächeln ab, bevor ich mich in Bewegung setze.

Nachdem ich aus der Dusche komme, verschlägt es mich, warum auch immer, zum Abstellschrank. Ich hole die Kiste hervor, die ich oben im Fach verstaut habe. Ich muss eine Weile kramen, bis ich finde, was ich suche. Ich starre eine ganze Weile auf das alte Jahrbuch meiner High School, bevor ich mich traue es zu öffnen. Ich blättere die Seiten durch, bis ich auf jene stoße, wo mein Teenager-Ich mir entgegen lächelt. Ich muss bei meinem Anblick unweigerlich schmunzeln. Ich sah schlimm aus. Von der Pubertät gezeichnet und durch einen erneuten Wachstumsschub völlig unproportioniert. Dementsprechend war ich alles andere als beliebt. Für die anderen war ich immer nur der seltsame Typ, der ständig zeichnete.
Mein Blick wandert automatisch ein paar Reihen runter. Sie hingegen sah aus wie ein Engel. Nein, sie war ein Engel. Sie war im Gegensatz zu den anderen hübschen und beliebten Mädchen völlig normal und bodenständig. Ich glaube, genau deswegen mochten sie alle.
„Oh mein Gott. Bist du das?“ Ich schrecke auf, als ich Jennifers Stimme hinter mir höre. Aus einem Reflex heraus klappe ich das Buch zu. „Oh nein. Zeig mal her!“ Sie nimmt es mir aus den Händen und schlägt es wieder auf. Dann fängt sie an zu lachen.
„Wie du da noch aussahst.“ Ich entreiße es ihr und stopfe es zurück in die Kiste.
„Was erwartest du? Ich war sechszehn.“ Sie kommt noch immer nicht aus dem Lachen heraus, was ich ihr ein wenig übelnehme.
Nachdem ich die Kiste zurückstelle und die Schranktür schließe, spüre ich plötzlich ein paar Finger über meinen Oberkörper fahren.
„Aus dem kleinen, pickligen Jungen ist ja Gott sei Dank noch ein ansehnlicher Mann geworden.“ Obwohl ihr raue Stimme und ihre Berührung mir eigentlich das Gefühl des Begehrens geben könnte, stoßen mich ihre Worte aus einem unerfindlichen Grund ab.
Ich entziehe mich ihr, weil ich absolut nicht in Stimmung bin, und gehe ins Schlafzimmer.
„Ach, komm schon, Jared.“
„Nacht“, rufe ich nur, bevor ich die Tür hinter mir schließe. Ich tausche das Handtuch um meine Hüften gegen eine neue Boxershorts, schnappe mir mein Handy und gehe damit ins Bett.
Ich zögere für eine ganze Weile und versuche mir einzureden, dass das doch Schwachsinn wäre, doch meine Neugier siegt. Ich öffne den Browser und gebe bei Google den Namen Vivienne Hale ein. Eigentlich hätte ich jetzt nicht viel erwartet, doch es werden mir sofort unzählige Bilder angezeigt, die eindeutig zeigen, dass es sich dabei um sie handelt. Ich klicke auf eins von ihnen und nachdem es vergrößert wird, bin ich überrascht, dass sie genauso aussieht wie auf dem Foto, das mir … wie hieß er nochmal? Louis?
Ich kann den Blick nicht davon abwenden und mir kommen derweil die Worte von diesem Louis in den Kopf. Er sagte etwas von 20 Jahren. In meinen Augen sah er schon nach etwas wie zwischen 18 und 20 Jahren aus. Das würde heißen, ich würde Viv innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahren heiraten? Das kann unmöglich sein. Niemals würde ich solch einen Schritt in so kurzer Zeit wagen. Im Grunde habe ich Jennifer auch nur gefragt, weil sie schon gedrängelt hat und meinte, dass es langsam Zeit wird. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das sonst von allein gemacht hätte.
Ich sehe mir nun weitere Bilder an, wo sie recht häufig im Wasser mit Delfinen zu sehen ist. Es dauert eine Weile, bis ich einmal darauf komme mir auch ein paar Seiten, von denen die Bilder stammen, durchzulesen. Anscheinend ist sie Meeresbiologin und arbeitet in einem Forschungscenter. Das ist schon irgendwie cool. Dann liebt sie wohl noch immer genauso sehr das Meer wie ich.
Mir kommt wieder unweigerlich Louis Foto in den Sinn, das am Meer aufgenommen wurde. Und weil es mir das Gefühl gibt, als würden das alles einzelne Puzzlestücke sein, die sich wohl oder übel langsam zu einem Ganzen zusammenfügen, schalte ich umgehend das Display aus und werfe mein Handy zur Seite.
Das ist doch lächerlich. Das kann unmöglich echt sein. Es gibt keine Zeitreisen! Ich habe keinen Sohn! Und ich werde gewiss nicht Viv heiraten! Ich heirate in nicht mal sechs Wochen Jennifer. Punkt! Aus! Fertig!
Ich schalte das Licht aus, lasse mich ins Kissen fallen und versuche diese verrückte Halluzination mit diesem Jungburschen zu vergessen.
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