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Zwischen Gold und Silber

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Historisch / P16 / Gen
Charles H. Lightoller Harold Lowe Margaret Brown OC (Own Character) Thomas Andrews William M. Murdoch
09.10.2022
30.11.2022
37
131.150
2
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24.11.2022 4.216
 
Kapitel 29

Und wenn ich nur könnte, würde ich einen Deal mit Gott machen und ihn dazu bringen, unsere Plätze zu tauschen. Lauft die Straße hinauf, lauft den Hügel hinauf. Auf dieses Gebäude hinauflaufen. Sag, wenn ich nur könnte.
(Running up that Hill – Kate Bush, deutsche Übersetzung)

Harold Lowe und seine Kollegen starrten in die Dunkelheit. Es war Ruhe eingekehrt. Von den tosenden Schreien, dem Gesang des Todes so vieler Menschen war nichts mehr zu hören. Eine kalte, zu friedliche Stille hatte diesen Ort heimgesucht. Die Männer, Frauen und Kinder in den Rettungsbooten saßen eng umschlungen dort inmitten der Kälte. Einige weinten, andere senkten nur ihre Köpfe oder zeigten gar keine Emotionen mehr. Nur ab und an schallte ein zischendes Geräusch durch die Stille. Eine Trillerpfeife, dachte William Murdoch und band soeben das letzte Boot neben sich mit einem Anderen zusammen. Harold Lowe stand inzwischen vor den Anwesenden und erklärte die weiteren Schritte. Der junge Kollege hatte vor wenigen Minuten mit den anderen Offizieren eines beschlossen: Sie konnten nicht hier warten. Sie mussten zurück und den Menschen helfen, die dort noch trieben. Nun sprach Harold zu den anderen Herren im Boot.

„ In Ordnung. Jetzt hört mir gut zu, Männer.“, erhob der Schwarzhaarige nun seine Stimme und leuchtete mit der Taschenlampe auf die geretteten Männer und Frauen. Dabei war er vollkommen ernst, auch wenn sein Herz zu zerspringen drohte.
„ Wir müssen wieder zurück. Ich möchte, dass alle Frauen und Kinder von diesem Boot in dieses umsteigen, und zwar so schnell es geht! Bitte! Schaffen wir ein bisschen Platz. Verteilt sie gleichmäßig vorn und achtern.“, sprach er und half immer wieder einigen Frauen in das andere Boot. William und Lightoller taten das Gleiche, sodass die gesamte Situation ein wenig schneller von Statten ging. Nebenbei ertönte immer leiser werdend das Pfeifen.
„ Wir müssen uns beeilen.“, sprach William leise und brachte bereits zwei andere Schiffsangestellte in das leere Boot.
„ Ich werde mich auf den Weg machen und nach Überlebenden suchen.“, erklärte der erste Offizier, als Charles ihn ein wenig zur Seite nahm. Sein Blick sagte einiges, was Murdoch nicht zusagte.
„ Du und ich werden hierbleiben, Will. Wir kümmern uns um die Frauen und Kinder. Harold wird losfahren.“
Der Angesprochene wollte erst einen Einspruch erheben. Doch dann… er wusste mit einem Mal, warum er nicht fahren sollte. Er war nun ihr leitender Offizier und musste sichergehen, dass es den Passagieren gut ging. Außerdem… vielleicht drehten seine Emotionen zu große Kreise, wenn er sich auf die Suchen machen sollte. Immerhin… Delilah war noch nicht hier. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dort irgendwo schwamm, wurde mit jeder Minute größer. Konnte er die Ruhe behalten, wenn er sie dort draußen sehen sollte? Nein. Er wäre emotional zu Grunde gegangen. Gerade in einer Situation wie dieser. Aus diesem Grund nickte er seinem zweiten Offizieren nur zu und ließ den fünften Offizieren sowie zwei Stewards in das freie Boot steigen. William sah ihnen kurz nach, richtete seine Augen dann aber wieder auf die Passagiere. Charles und er verteilten Decken und schrieben bereits notdürftig auf, welche Personen es lebend aus diesem Unheil geschafft hatten.

„ Sir… Sir Murdoch?“
Esmeralda hatte weinend ihre Stimme erhoben und sah den leitenden Offizieren nun an. Dieser kam dichter auf die Frau zu und neigte sich mit dem Oberkörper nach vorne.
„ Sie… Sie haben Delilah gesehen, oder? Sie ist in einem der Boote, stimmt das?“, fragte sie verzweifelt und konnte ihren Kummer nicht zurückhalten. Eduard neben ihr umfasste den zitternden Körper der Schwarzhaarigen, sah den Offizier aber ebenso an. Doch dieser schluckte nur tief und musste erst einmal den Kopf schütteln.
„ Ich… Ich kann es Ihnen nicht sagen, Miss.“, murmelte er entschuldigend und reichte der Grünäugigen und ihrem Sitzpartner eine weitere, wärmende Decke. Diese drückte sich weinend an den Blondhaarigen, konnte noch immer nicht glauben, was er gesagt hatte. William schüttelte kurz seinen Kopf und vernahm nur von weitem die Rufe von Harold Lowe. Er hoffte, dass sie… ja… dass sie noch nicht zu spät waren.

„ Hilfe!“
„ Oh, bitte! Jemand muss uns doch helfen!“
„ Kommt zurück! Dreht mit den Booten um!“

Stille. Nichts schien diesen Ort mehr einzunehmen als die vollkommene Abwesenheit jeglichen Geräusches. Die Schreie der hilflosen Seelen waren verstummt. Die Menschen, egal ob alt oder jung, riefen nach niemandem mehr. Sie hatten sich damit abgefunden, dass ihre Gebete niemanden mehr erreichten sollten und schwiegen von nun an für immer. Das Geräusch der Pfeife, welche einem Offizieren gehörte, hatte ihren Ton verloren. Vor einigen Minuten hatte man sogar noch seine Stimme hören können. Kommt zurück, dreht um. Doch auch dieses Licht war nun in die Schatten des Todes gezogen worden. Nur noch die hunderten Sterne leuchteten flackerte am Himmel. Es war fast so als wären es Zuschauer gewesen, welche stumm dieses Unglück beobachtet hatte. Doch niemand von ihnen konnte oder wollte helfen. Ihre schweigenden Körper hockten dort, weit fern von allen Katastrophen auf diesem Planeten. Nachdem diese tausenden glitzernden Punkte soeben die toten Menschen ansahen, betrachteten sie ohne Kommentare eine Tür, welche zwischen den leblosen Körpern schwamm. Auf diese wurde gerade ein junges Mädchen abgelegt. Ihre dunkelbraunen Haare klebten an ihrem Gesicht, welches durch die Kälte ein wenig bläulich angelaufen war. Der Körper zitterte immer wieder kurz. Im Grunde waren es eher ruckartige Krämpfe, welche sie quälten. Ein schwacher Versuch von ihrem Organismus, ein wenig Bewegung in die vom Frieren fast tauben Gliedmaßen zu bekommen. Das Medaillon um ihren Hals glitzerte im Schein der Sterne.

„ Kleines… Kleines…“, hauchte eine Stimme in ihre Richtung. Kaum merklich öffnete sie die Augen. Ein junger Mann hing neben ihr an der Tür, wirkte nur noch halb bei Kräften. Seine Atmung durchflutete seinen Körper kaum noch, während er dem Mädchen einige Haarsträhnen aus dem Gesicht streichelte. Seine Hand umfasste behutsam ihre Wange. Sie war eiskalt, genauso wie der Rest ihres Körpers. Ihre dunkelblauen Augen starrten ihn nur leblos an. Seine Berührungen spürte sie kaum, fast gar nicht. Ihr Gegenüber hingegen hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, wünschte sich, er hätte mehr für sie tun können.
„ Hey.. Du… Du willst doch jetzt nicht sterben, kleines Mädchen… Dieser… Dieser Offizier… Murdoch wartet… doch auf dich…“, bekam er gerade über die Lippen und sah sie mit einem sanften Schmunzeln an. Delilah glaubte eine Illusion vor sich zu sehen. Warum… warum hatte dieser Mann sie gerettet? Doch ehe die Brünette ihn genauer ansehen konnte, stieß er sich von dem Brett ab, auf dem sie lag.
„ Ich… Ich werde die Anderen suchen. Ich… Ich werde sie finden, warte nur hier auf mich…“, sprach er zu ihr. Sein Körper trieb hinfort, irgendwo in die Dunkelheit hinein. An einen Ort, dem niemand mehr leben entkommen konnte. Sie wusste das, vergoss daher eine einsame Träne für den jungen Mann. Sie… sie wusste im Inneren, dass beide sich niemals wiedersehen sollten.
„ P… Pietrou…“, brachte sie geradeso über die Lippen, bevor ihr Körper nach hinten fiel. Somit lag das Mädchen nun auf dem Rücken und starrte direkt in den schwarzen Himmel. Ihre dunkelblauen Augen schienen allen Lebensmut verloren zu haben. Vollkommen apathisch sahen sie hoch zum Reich des Herren, erhofften sich tausende Antworten auf ihre Fragen. Ihre Atmung erzeugte kleinere Wolken, welche sich erhoben und sie im kalten Wasser zurückließen. Ihr Körper zitterte unkontrolliert, strengte sie somit zusätzlich an. Die Stille umhüllte die Tänzerin. Noch nie hatte die Brünette so etwas mitbekommen. Es war unheimlich ruhig. Selbst das Meer selbst machte keine Anstalten mehr, sich zu bewegen. War dies… das Ende? Vollkommen allein zwischen den leblosen Menschen, der Kälte und der Ungewissheit, ob ihre Freunde überlebt hatten? Lydia… Ja. Lydia war nicht hier. Sie musste doch noch Lydia finden, dachte Delilah benommen und paralysiert zugleich. Sie musste doch große Angst haben, ganz allein unter diesen ganzen Menschen. Aber… war sie denn überhaupt hier? Lebte ihre Freundin noch? Nein… bestimmt nicht, sprach die Resignation zu der braunhaarigen Frau und ließ ihre Augen erneut an Lebensmut verlieren.
„ Es… wird… leiser…“, murmelte sie sich selbst zu. Nein, es war schon leise. Weit, weit in der Ferne erklangen die Stimmen der geretteten Menschen. Jene, welche von Gott dazu erwählt worden waren, zu überleben. Niemand von ihnen schien jedoch auch nur den Gedanken daran zu verschwenden, hierher zurückzukehren und Hilfe anzubieten. Denn… Die Anderen… Jene Menschen schwammen hier oder auf dem Grund des Atlantiks. Automatisch fielen Tränen über ihre Wangen. Diese fühlten sich aufgrund ihres abgekühlten Körpers wärmer an als sie es wohl in Wirklichkeit waren.

„ … Hilfe…“, entkam es aus ihr. Das kleine Kind in dem Mädchen drohte langsam, fortzugehen. Ihre Stimme hallte kaum noch in Delilah´s Kopf. Einfach gehen… loslassen. Ja. Gar kein schlechter Gedanke. Hier war es kalt, dunkel und einsam. Ob dort oben das Leben ein besseres sein sollte? Ob es… Mister Andrews gut ging, dort wo er nun war? Sah er möglicherweise auf sie herab und fragte sich, wann Delilah zu ihm kommen sollte.
„ Komm zu uns, Delilah.“
„ Hab keine Furcht, Delilah. Wir nehmen dich an die Hand.“
„ Wir können gemeinsam hier oben zusammen sein. Komm zu uns.“

Selma… Mister Andrews… Marchella. Ihre Stimme legten sich um das Herz der jungen Frau. Ja, sie konnte bei ihnen sein. Sie müsste nur ihre Augen schließen und es zu lassen. Ja… Ungewollt schloss Delilah ihre dunkelblauen Augen und spürte bereits wie die Winde sich von ihr abwandten. Einfach an einen anderen Ort verschwinden, das wollte sie nun. Vielleicht war auch Lydia dort, dann könnten sie gemeinsam-

„ Ist hier noch jemand am Leben!?“
Delilah hielt in ihren ungeordneten Gedanken inne, dachte zuerst dass der schleichende Tod ihr einen Streich spielen wollte. Aber dann… die Stimme erklang erneut, sodass Delilah ihre Augen wieder öffnete. Wer rief dort? Wer störte sie in ihren ruhigen und warmen Vorstellungen, gleich wieder mit ihren Freunden – ihrer Familie – zusammen zu sein? Warum hörte er nicht damit auf?
„ Hallo! Ist noch jemand am Leben!? Kann mich irgendjemand hören!?“, erklang die Stimme erneut und war damit das Einzige, was die Stille hier durchbrach. Delilah wandte ihren Blick leicht zur Seite. Ganz weit in der Ferne erkannte die Blauäugige die Umrisse eines Bootes. Ebenso das Licht einer Taschenlampe, welche die Nacht durchdrang. Sie sollten die Menschen nicht wecken, sprach eine Stimme zu ihr.
„ Hallo!? Bitte, kann mich jemand hören!?“
Mister Lowe… es war seine Stimme. Er hatte wohl überlebt und suchte nun nach Menschen, die er noch retten konnte. Er sollte niemanden mehr hier finden. Das sagte die Intuition der braunhaarigen Reisenden. Delilah behielt ihren Blick weiter bei, atmete aber tief durch und merkte erneut wie einige Stimmen nach ihr riefen. Sie halluzinierte, das stand außer Frage. Ihr Körper und ihr Geist waren es müde, gegen diese Katastrophe anzukämpfen. Sie wollten ruhen… genauso wie Delilah selbst. Nur ihr Herz schien sich gegen die anderen Beiden aufzulehnen. Es wollte leben. Das schrie es Delilah zu. Leben… Aber… wie sollte das gehen? Weiterleben, wenn alles in Scherben zu liegen schien. Mister Andrews, Selma und Marchella… Lydia. Sie waren tot und würden niemals wiederkommen. Was sollte sein, wenn Esmeralda und Eduard das gleiche Schicksal getroffen hatte? Was war… wenn William tot war?
„ … William… William…“, hauchte sie in die Nacht hinein. Die Sterne konnten ihr keine Antwort geben. Sollte es möglicherweise doch besser sein, einfach einzuschlafen? Ja. Dann wäre alles wieder gut… Alles wäre gut…

„Es spielt keine Rolle, welche Wege wir in unserem Leben bestritten, bestreiten und noch bestreiten werden. Es kommt nur darauf an, auf sich selbst zu vertrauen. In unserem Leben werden wir immer vor Entscheidungen stehen, welche uns Angst und Kummer bereiten. Jeder trägt eine gewaltige Last auf seinen Schultern, welche vielleicht niemals vollkommen verschwinden wird. Aber… es liegt ganz allein an uns, was wir daraus machen.“
Esmeralda. Die Stimme ihrer besten Freundin erklang in ihrem Kopf. Es lag an uns allein, was wir aus dem machten, was uns gegeben wurde. Dieser Gedanke setzte sich im Kopf von Delilah fest. Ja… Sie lebte noch. Die Götter hatten ihr das Leben nicht genommen, sondern es in ihrem Körper zurückgelassen. Sie konnte weiterleben, sie… Sie brauchte nur den Mut und die Stärke dafür zu kämpfen. Unruhig sah Delilah wieder zur Seite. Harold Lowe entfernte sich immer weiter mit dem Boot von ihr, trieb anscheinend zurück zu den anderen Überlebenden.
„ Kommt… zurück! Kommt… zurück!“, wimmerte die Blauäugige. Doch niemand sollte ihre hauchende Stimme weit entfernt von allem Leben wahrnehmen. Ihre Augen suchten deshalb einen Weg, sich bemerkbar zu haben. Nicht weit von ihr entfernt schwamm ein Offizier der ehemaligen RMS Titanic. Laut seinem Gesichtsausduck schien es sich um Mister Wilde gehandelt zu haben, welcher nun ebenfalls ins Reich der Stille gezogen worden war. Um seinen Hals herum baumelte eine Pfeife, welche er nie mehr in seinem Leben benutzen sollte. Die Blauäugige musste diese nur erreichen und einen Ton erzeugen, dann… dann könnte Mister Lowe sie vielleicht hören!
„ Du… Du kannst… kannst das…“, murmelte Delilah sich selbst zu. Mit einem sehr unelegantem Ruck schaffte sie es, vom Brett ins Wasser zu kommen. Sogleich atmete sie keuchend auf. Die Kälte stach wieder in ihre Glieder, welches das Schwimmen kaum möglich machte. Wie ein ertrinkender Hund bewegte die Frau ihre Arme und Beine, drängte sich an einigen toten Menschen vorbei. Naja. Delilah hangelte sich eher von Mensch zu Mensch. Bei einer Mutter hielt sie inne. Diese hatte ihr Baby im Arm, wirkte ruhig, fast als würde sie schlafen. Dem Kind erschien es genauso zu ergehen. Es lag dicht an der Brust seiner Mama, die Augen waren geschlossen. Ein schreckliches Bild, welches sich wohl niemals mehr aus ihrem Kopf verabschieden sollte.
„ Du schaffst das, Delilah.“
„ Komm, Kleines! Gib jetzt nicht auf!“


Ja, sie durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt, so kurz vor ihrem Ziel. Sie musste leben, damit ihre Freunde und Mister Andrews nicht umsonst sterben mussten. Jemand… jemand musste ihre Geschichte weitertragen. Das, was ihr Leben ausmachte, ihre Gedanken und Anschauungen, durften nicht vergessen werden! Das erste Mal in ihrem Leben konnte Delilah einen klaren Weg vor sich erkennen. Einen Fad, welcher ihr neuen Lebenswillen gab. Mit diesem Gedanken hievte sich Delilah weiter zu dem jungen Mann, welchem sie die Pfeife aus dem Mund zog. Kurz schickte sie ein Gebet für den einst leitenden Offizier in den Himmel, bevor sie ihre Augen auf den Horizont richtete und einen grellen, schrillen Ton erzeugte. Immer wieder und wieder, während neue Tränen über ihre Gesicht huschten. Delilah Winston wollte leben. Leben, um an jene zu gedenken, die ihr Leben nicht mehr hatten.


„ Wir haben zu lange gewartet..“
Harold Lowe murmelte dies vor sich hin, als er erneut eine Mutter mit ihrem Kleinkind mithilfe seiner Taschenlampe einfing. Er fokussierte diese, konnte sich seine Tränen kaum noch verkneifen. Ihre Vorbereitungen, um dieses Boot leer zu bekommen, hatten zu lange angedauert. Gleichzeitig kam dazu, dass kein anderes der Rettungsboote umgekehrt war. Nur er trieb hier zwischen den Menschen umher, suchte noch verzweifelt nach Überlebenden.
„ Vergewissert euch weiter! Sucht weiter!“, rief der Dunkelhaarige erneut und wollte bereits schon seine Hoffnungen aufgeben. Aber… plötzlich hielt er in seinen Bewegungen inne als der fünfte Offizier ein ihm sehr bekanntes Geräusch hörte. Sofort wies er seine Männer an, zu stoppen. Einen kurzen Augenblick wurde es wieder still, bis ein weiteres Mal ein greller Ton die Nacht zu durchbrechen schien. Eine Pfeife… eine Pfeife! Dort lebte noch jemand!
„ Männer, wir drehen um! Wir haben einen Überlebenden! Los, wir dürfen keine Zeit verlieren!“, sagte dieser sofort fest. Wenige Sekunden später schnappten sich die anderen Männer die Ruder und machten sich auf den Weg zurück. Erneut mussten sie an den toten Menschen vorbei, welche er eben schon ansehen musste. Diese hunderten Toten, welche ihr Leben verloren hatten. Am schlimmsten waren die Mütter, welche teilweise neben ihren Kindern im Wasser schwammen. Seelen, die er auf dem Schiff noch lebend gesehen hatte, existierten nicht mehr. Harold Lowe platzte fast vor Schuldgefühlen. Er und die anderen Offiziere hatten zu lange gewartet. Eindeutig. Murdoch und Lightoller waren bei den anderen Booten geblieben, trieben diese noch immer  zusammen, sodass keines verloren gehen konnte. Einige Diskussionen waren mit Sicherheit noch nicht geführt worden. Besonders, als Murdoch erneut auf Ismay angesprochen worden war. Mister Ismay hatte überlebt und sollte mit seinen eigenen Schuldgefühlen und jenen der anderen Menschen leben müssen. Wenn Harold ehrlich zu sich selbst war, dachte er auch nicht an diesen Mann.… ja… Harold schluckte fest und bemerkte wie sie dem Pfeifen näher kamen. Er dachte an Delilah Winston. Die blauäugige Tänzerin fehlte noch immer. Niemand hatte sie in einem der Rettungsboote transportiert, sodass nun nur zwei Optionen offen blieben. Eine traute sich der Mann nicht auszusprechen. Wenn… Wenn Delilah es nicht geschafft haben sollte, dann… William würde…

„ Sir! Passagierin direkt voraus!“, holte ihn sein Nebenmann aus den Gedanken. Der Dunkelhaarige hielt sofort seine Taschenlampe auf die gezeigte Stelle und erstarrte dann. Direkt vor ihrem Boot schwamm sie. Ihr Körper hielt sich an der leblosen Gestalt von Henry Wilde fest, während sie versuchte, ohne Rettungsweste nicht zu ertrinken.
„ Delilah…“, murmelte er leise. Vollkommen blau angelaufen und mit leichten Eiskristallen in den Haaren musterte sie den Offizier. Die Augen voller Tränen rot und unterlaufen. Wie ein kleines Kind, welches man zurückgelassen hatte, hielt sich die Brünette noch immer an ihrem Nebenmann fest. Die zitternde Passagierin schien wohl nicht zu glauben, dass sie nun gerettet werden sollte. Anders als der Mann neben ihr, dachte Harold und blickte zu dem verstorbenen leitendenden Offizier Wilde. Dieder war schon längst erfroren, half dem Mädchen aber dabei, nicht unterzugehen.
„ H-H… H-Hilfe…“, murmelte sie erneut leise und schien jeden Augenblick ohnmächtig zu werden. Offizier Lowe bereite im Boot bereits alles vor, während dieses selbst vorsichtig näher kam. Als einer der Männer sie aus dem Wasser holen wollte, half Lowe sofort aus und hob die geschwächte Frau aus den eiskalten Wasser. Ihr Körper zitterte nun noch stärker, was er sogleich mitbekam.
„ Eine Decke, schnell!“
Diese kam innerhalb weniger Sekunden, sodass Harold sie in dieser einwickeln konnte. Ganz vorsichtig setzte er sie auf dem Boot ab, berührte ihre Stirn. Mit Sicherheit sollte sie noch Fieber bekommen, dachte er.
„ Ich… Ich… konnte sie… nicht… nicht festhalten…“, murmelte Delilah ihm apathisch entgegen und starrte leblos in das Gesicht das Offiziers. Dieser schluckte zitternd, legte ihr die Decke fester um den Körper und sah sie an.

„ Miss Delilah, wir bringen Sie zu Will. Jetzt wird alles gut werden.“, hauchte er leise, sodass nur sie es verstehen konnte. Die Angesprochene sah ihn weiter an, konnte aber keine Emotionen zeigen. Nur Leere erfüllte ihren Ausdruck. Erneut spürte der fünfte Offizier einen weiteren Stich in seinem Herzen. Nun erhob er sich wieder und ruderte mit seinen Kollegen zu den anderen Booten zurück. Delilah selbst lehnte ihren Körper ein wenig zurück und schloss dann irgendwann ungewollt ihre Augen. Ihr war so unfassbar kalt, dass sie es nicht mehr beschreiben konnte. Aber… sie lebte. Delilah Winston sollte nach dieser riesigen Katastrophe die Chance bekommen, ihr Leben weiter zu gestalten. Eine einsame Träne musste die Braunhaarige dann aber doch noch vergießen, während sie an diese ganzen Toten dachte. Selma und Marchella sowie Lydia sollten nicht wiederkommen. Ihre Reise war an diesem Ort beendet, bevor diese eigentlich richtig angefangen hatte. Mister Andrews sollte seine Familie von heute an allein lassen. Er würde seine Tochter nicht mehr aufwachsen sehen, was wohl am meisten schmerzte. Aber auch Pietrou, der Anführer ihrer einstigen Gruppe hatte höchstwahrscheinlich den Kampf gegen die Kälte verloren. Wo er nun umhertrieb… wer konnte dies schon wissen.
„ Wecken… Sie… d-d-die Menschen… nicht auf…“, murmelte die Blauäugige als Offizier Lowe wieder ein paar treibende Menschen im Wasser anleuchtete. Dieser sah über seine Schulter zu der Geretteten.
„ Sie… S-S-Sie können I-Ihnen… n-n-nichts mehr g-g-geben.“, erklärte die Brünette und zitterte erneut auf. Delilah drückte ihren Kopf dabei weiter gegen die Decke, als sie die Stimme von Harold Lowe erneut hörte. Dieser rief den Offizieren auf den Booten zu, dass sie einen Überlebenden gefunden hatten. Ja… man hatte sie gefunden, wiederholte Delilah in ihrem Kopf und wurde gerade behutsam hochgehoben. Lowe drückte das Mädchen dabei mehr in die Decke und überreichte sie dann an die nächste Person. Dass William sie in seine Arme nahm, an sich drückte und dann an ihren Mitreisenden Eduard weitergab, bekam die Brünette nicht mit. Lediglich das entfernte Weinen von Esmeralda und ihre liebende Umarmung erreichte sie noch irgendwo.
„ Noch jemanden, Mister Lowe?“
„ Nein, Mister Murdoch? Außer die Geretteten vor einigen Minuten und Miss Winston… Sonst… sonst keine Überlebenden…“, murmelte er mit gesenkter Stimme. Die Offiziere zogen nun gemeinsam ihre Kappen, läuteten somit eine Schweigeminute ein. Delilah öffnete kaum merklich ihre Augen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Esmeralda neben ihr saß. Eduard hielt sie anscheinend nun wieder in seinen Armen. Sie… Sie hatten überlebt. Erleichterung kam in Delilah auf während sie erneut in den Schlaf absank. Nun jedoch wurde die Brünette von seinen Armen vollkommen umschlungen und schlief ein.
Und dann… Ja…
Dann hieß es warten. Warten auf den Morgen, auf den Tod oder eben das, was Gott mit ihnen allen vorgesehen hatte. Fünfzehnhundert Menschen waren in den Tiefen des Atlantiks verschluckt worden, in jener kalten Nacht. Sechs waren am Ende von diesen gerettet worden. Zwanzig Boote waren es, welche die RMS Titanic verlassen hatte. Nun trieben diese auf dem Meer. All die geretteten Menschen saßen einfach nur in diesen und warteten. Einige weinten, anderen fehlte selbst dazu die Kraft. Vereinzelnd wurde gebetet, Sünden wurden offengelegt und manch einer flehte den Herren um Vergebung an. Unter den Männern ging gerade eine kleiner Flachmann mit Alkohol herum, welcher von ihnen wärmen sollte.
„ Hier, nehmen Sie.“, wurde Eduard von einem Mann aus der ersten Klasse angesprochen. Dankbar nahm er diesen an und bekam von dem Älteren ein Lächeln zurück. Auch die Damen bekamen einen Schluck. Keiner erhob seine Stimme, niemand verurteilte jemand aus einer niedrigeren Gesellschaftsschicht. Dieses Unglück hatte mal wieder das gezeigt, was in so manchen Büchern der Weltgeschichte thematisiert wurde: Die Menschen waren Menschen. Hier zählte es nicht, wer das meiste Geld oder Ansehen hatte. Jeder hoffte für den Anderen, dass dieser überleben sollte. Delilah öffnete nach einer unendlichen langen Zeit ihre dunkelblauen Augen. Diese sahen zunächst angestrengt geradeaus, bevor sie den Offizieren vor sich einfingen. William Murdoch hockte vor dem Mädchen und wickelte die herunter gerutschte Decke um ihr Gesicht. Als er ihren Blick bemerkte, lächelte er beruhigend und umfasste mit seiner Hand ihre Wange. Dieses Mal… spürte sie die Wärme seiner Haut. Auch, wenn diese langsam auch aus seinem Körper verschwand. Nebenbei erkannte sie ein hellgrünes Warnlicht, welches über ihnen in den Himmel stieg. Es… es dämmerte bereits, dachte Delilah verwundert und bemerkte im selben Augenblick erst einmal, wie lange sie wohl geschlafen hatte. Diese grüne Leuchtfackel passte sehr schön zu dem Himmel, welcher wohl all seine schönsten Farben für diesen Tag hervorgebracht hatte. Die vollkommene Ruhe nach dem Sturm, so fühlte es sich an. Es dauerte leider noch eine ganze Weile, bis endlich ein anderes Schiff ihnen entgegen kam. Die Carpathia, ein Passagierschiff wie die Titanic, bemerkte die Menge an Rettungsbooten, sodass dieser Koloss zum Stehen gebracht wurde. Anscheinend hatte sich der Untergang des Schiffes herumgesprochen, aufgrund der guten Arbeit der Funker. Murdoch und Lightoller wiesen alle Anwesenden ein, dass sie an den Jakobsleitern der Carpathia hinauf klettern sollten. Jene, welche jedoch zu schwach waren, wurden von den einzelnen Offizieren beider Schiffe angehoben und nach oben gebracht. Delilah schaffte es mit der Hilfe von William sich auf die Beine zu hieven und konnte dadurch die Leiter zum Großteil allein hinauf kommen. Eduard, welcher vor ihr lief, half seiner Reisegefährtin die letzten Stufen hinauf. Oben bekam sie wie die Anderen erneut eine Decke umgelegt und einen Becher mit heißem Tee. William ging dabei neben ihr, sprach nebenbei mit den Offizieren der Carpathia, welche sich ebenfalls um die Menschen sammelten. Denn als alle auf dem Schiff waren, wurden sie wieder sauber nach den Klassen getrennt. Delilah blieb vor einem Mann stehen, welcher soeben ihre Personalien aufnahm.

„ Könnten Sie mir ihren Namen sagen, Miss?“
Die Blauäugige sah den Mann mit einem unerkennbaren Ausdruck an, nickte dann aber nur und beantwortete ihm die gestellte Frage. Esmeralda hinter ihr lächelte, als sie das erste Mal seit Jahren Delilah´s echten Namen aus ihrem Mund hörte. Ja… Sie hatte endlich den richtigen Weg für sich gefunden.
„ Winston… Delilah Winston ist mein Name.“
Der junge Mann weitete seine Augen, schien für einen kurzen Augenblick zu glauben, dass das Mädchen ihn anlog. Aber dann schrieb er sich diesen einfach und schickte sie in Richtung erster Klasse. Esmeralda und Eduard hinter ihr wurden in die dritte Klasse geschickt, sodass Delilah ein wenig verloren zwischen den Menschen stehenblieb. Die Offiziere bekamen dies nicht mit, da die Masse an Menschen sie beschäftigt hielt. Lediglich William kam auf sie zu und legte dem Mädchen nun seinen dunkelblauen Mantel über.
„ Geh mit den Anderen in die erste Klasse. Dort werdet ihr aufgenommen und registriert. Ich muss erst einmal mit den anderen Offizieren die wichtigsten Informationen zum Unglück austauschen und festhalten.“, hauchte er ihr sanft zu und spürte wie Delilah sich während seiner Worte an ihn lehnte. Der Dunkelhaarige atmete seit den Geschehnissen das erste Mal wieder tief durch, zog seine Kappe etwas ins Gesicht und drückte Delilah an sich. Die Menschen hier… mussten ihn nicht weinen sehen. Aber im Grunde tat er genau das, was Delilah nun auch tat. Jetzt, wo der Albtraum ein Ende gefunden hatte, kamen erneut Emotionen in ihr hoch. Jene, welche sie glaubte auf dem Atlantik verloren zu haben.

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Mit freundlichen Grüßen

Eure Elli :)
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