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she doesn't know you like I do

OneshotRomance / P16 / MaleSlash
02.10.2022
02.10.2022
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she doesn't know you like I do


Wir sitzen am Tisch. Wir alle. Zu viert. Als Familie.
Familie. Als ob wir das wären. Der Sohn, der säuft und kifft und auf seinen Abschluss scheißt, die Tochter zu der ich nie einen Draht hatte, und dann sie. Meine Frau. Die all die Jahre immer da war, und nie gesehen hat, wie ich ihn anschaue. Oder vielleicht wollte sie es auch nicht sehen.
Die es nicht bemerkt oder einfach darüber hinweggesehen hat, wenn ich nachts nicht nach Hause kam. Die es wahrscheinlich immer gesehen und niemals etwas gesagt hatte. Wenn er im Hotel gewesen war. Einmal die Woche. Dann zweimal. Dreimal. Fünfmal. Mit ihm. Nein, nie hatte sie auch nur ein Wort gesagt. 29 Jahre Ehe. Eine Lüge. 29 Jahre, die er für ihn jede verdammte Nacht freudig in die Tonne tritt. Aber sie können damit nicht aufhören. Es ist schon lange keine Affäre mehr.


~


Wieder eine Nacht im Hotel. Er sitzt im Auto, lässt die vergangene Nacht Revue passieren. Verbotene Küsse. Kleidung auf dem Boden, Haut auf Haut. Hitze. Stöhnen. Reibung in der Dunkelheit. Das Gefühl, das ihm sonst niemand geben kann. Nur er. Sein sogenannter 'bester Freund'. Aber beste Freunde tun so etwas nicht.
Er sieht aus dem Fenster, das Hotel und die geparkten Autos verschwinden beinahe im dicken Nebel, der sich morgens über das Land legt wie eine milchig weiße Daunendecke. Die Tür des Hotels schwingt auf und er kommt heraus und geht zu seinem Auto. Er öffnet die Tür. Sieht zu ihn herüber. Ihre Blicke treffen sich, sehnsuchtsvoll, schuldbewusst, eben so wie jedes Mal.Dann steigt er ins Auto, dreht den Zündschlüssel und fährt rückwärts aus der Parklücke. Er schüttelt den Kopf (als ob das die Bilder von letzter Nacht vertreiben könnte) und startet den Wagen.


~


Wir sitzen alle zusammen beim Italiener. Meine Familie. Seine Familie. Er scherzt mit meiner Frau, lacht über einen Witz, den meine Tochter erzählt hat, macht Smalltalk. Ich werde sowas nie können. Ich werde mich immer schuldig fühlen. Er trägt seine Maske. Er ist gut darin, den Menschen die er liebt das zu erzählen, was sie hören wollen. Sein Bein streift meins. Ich ziehe scharf die Luft ein. Zu meinem, nein, unserem Glück bemerkt es keiner. Seine Hand liegt auf meinem Bein. Bewegt sich langsam hin und her, streichelt über den Oberschenkel. Ich atme stoßweise.
Ich erhebe mich ruckartig und gehe in Richtung Toiletten. Ich lasse mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Die Tür öffnet sich hinter mir. Scheiße.
Unsere Familien, unsere Frauen und Kinder sitzen keine 20 Meter entfernt.
Das hält ihn trotzdem nicht davon ab, mich gegen das Waschbecken zu pressen und mich so verlangend zu küssen, dass mir die Knie weich werden. Er legt die Hand in meinen Nacken, ich zerwühle mit meinen Händem seine sonst so akkurate Frisur. Er stöhnt in den Kuss, seine andere Hand wandert langsam meinen Rücken hinunter. Ein paar Minuten später sitzen wir wieder am Tisch als wäre nichts geschehen. Meine Frau sitzt mir gegenüber, aber ich kann sie nicht ansehen.
Aber ich kann auch nicht aufhören.


~


Drei Tage später. Er küsst mich, drückt mich gegen die Hauswand. Es ist schon spät, das Haus ist dunkel, da ist niemand, der uns sehen könnte. Der Nachthimmel ist unter einer dichten Wolkendecke verborgen, der Halbmond scheint blass vom Himmel und spendet ein wenig Licht. Seine Haare sind verwuschelt, mein Hemd drei Knöpfe weit aufgeknöpft. Seine Wangen haben einen wunderschönen Rotton angenommen und seine dunklen Augen funkeln.
Als wir uns wieder voneinander lösen, versuche ich mein Haar wieder einigermaßen zu ordnen und küsse ihn dann nochmal. Er dreht sich um und geht in Richtung Auto, während ich nach meinem Schlüssel krame. Plötzlich öffnet sich die Haustür. Der Flur ist dunkel, doch im Türrahmen steht meine zehnjährige Tochter, mit vom Schlaf unordentlichen Haaren und im Nachthemd. Scheiße.
Sie schaut mich mit leerem Blick an. Dann tritt sie zur Seite, geht zurück in die Wohnung und schließt ihre Zimmertür hinter sich.


~


Ich erinnere mich gut, wann das alles angefangen hat. Es hat sich langsam angemahnt, über Jahre hinweg, immer und immer wieder. Ein zu langer und zu tiefer Blick beim Weihnachtsessen, eine beinahe zufällige Berührung am Arm während wir am Tisch saßen, eine Umarmung die auch nur eine Sekunde zu lange dauerte. Und dann unser erster Kuss. Als sich all das Verlangen zum ersten Mal entlud.
Wir saßen in einer Bar, an einem Freitagabend, so wie wir es damals oft taten. Unterhielten uns, tranken ein, zwei, drei Bier. Vielleicht auch mehr. Um dieses verdammte Gefühl zu unterdrücken, das ich schon damals in seiner Nähe verspürte. Irgendwann ging ich auf die Toilette, oder schwankte vielmehr dorthin. Und als ich mir die Hände wusch, betrat er ebenfalls die Toilette. Als mir klar wurde, dass wir das erste Mal überhaupt ganz allein in einem Raum waren...war es vermutlich schon zu spät. Als ich mich umdrehte, stand er so nah vor mir, dass unsere Gesichter sich beinahe berührten. Er atmete schwer und sein Gesicht war leicht gerötet. Und dann tat ich es, ich gab dem Verlangen endlich nach, das schon seit Jahren in uns beiden loderte und presste meine Lippen auf seine. Er erwiderte den Kuss und das Verlangen explodierte in uns. Ich konnte den Alkohol schmecken und roch sein Zitronen- Aftershave an seinem Hals, und dann gab es kein Zurück mehr. Ich weiß nicht mehr, wie wir es ins Hotel geschafft hatten, aber in dieser Nacht ließen wir uns von dem Feuer, das in uns schon so lange loderte, verzehren.


~


Und nun stehen wir wieder auf dem Parkplatz des italienischen Restaurants, er neben seiner Frau und seinem Sohn, ich neben meiner Frau und meinen Kindern. Er trägt mal wieder seine Maske, unterhält sich, macht Witze. Er umarmt seinen Sohn von der Seite, verstrubbelt ihm die Haare. Sowas werden ich und mein Sohn nie haben. Ich werde immer verkrampft sein und mir Vorwürfe machen, und er wird weiter mit seinen Freunden Drogen nehmen und sich die Zukunft verbauen. Daran kann ich nichts ändern. Aber ich versuche zumindest, ihm ein ansatzweise guter Vater zu sein. Er kann schließlich nichts dafür, dass ich so verkorkst bin. Und es ist das Beste, wenn er es niemals erfährt. Schlimm genug, dass meine Tochter es weiß.  Seitdem sehe ich den leeren Blick nicht nur von meiner Frau, wenn ich morgens am Tisch sitze und die Nacht im Hotel verbracht habe. Wir verabschieden uns, er umarmt meine Frau, ich seine. Wir stupsen uns freundschaftlich an, auch wenn ich ihn viel lieber küssen würde.
Bald,verspricht mir eine leise Stimme in meinem Kopf.Bald.
Als ich in meinem Bett liege und aus dem Fenster starre, vibriert mein Handy. Meine Hand schnellt zum Nachttisch und ich checke das Display.
Morgen Abend im Hotel?
Bald.


~
 
 
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