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Beflügelt

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Guy of Gisburne
29.09.2022
29.09.2022
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1.653
 
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Am gestrigen Abend hatte es ein Festessen gegeben, welches sich – wie die meisten dieser Veranstaltungen – als eine fürchterlich langweilige Angelegenheit herausstellte, bei dem der einzige Vorteil das reichhaltige Essen war, denn das hatte selbst der Sheriff nicht verhindern können. Schließlich musste er die wichtigen und einflussreichen Gäste, die er bewirtete, bei Laune halten und aus diesem Grund war auch sein Stellvertreter in den Genuss dieses Festmahls gekommen. Trotzdem hatte dieser den langen Abend nur dadurch überstehen können, dass er große Mengen Wein in sich hineinkippte, denn dies war die einzige Möglichkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten blieb. Er bediente sich dieses Wegs trotz der Konsequenzen für den nächsten Tag, die ihm durchaus bewusst waren. Glücklicherweise blieb ihm normalerweise nicht im Gedächtnis, wie solche Abende zu Ende gingen. Das war – in den meisten Fällen – eine Wohltat und davon gab es wenige im Dienst des Sheriffs.
Als Gisburne am nächsten Morgen aus seinem unruhigen Schlummer erwachte, stellte er sofort fest, dass es erstaunlich ruhig in der Burg war. Natürlich waren überall Diener unterwegs, aber keiner von denen wagte es, ihn anzusprechen. Vor allem war aber nichts vom Sheriff zu sehen und zu hören – vielleicht hatte dieser ja dem Wein auch zu reichlich zugesprochen, was nicht das erste Mal wäre - was der Ritter als eine große Erleichterung empfand. Nachdem er sich ziemlich hastig für den Tag fertig gemacht hatte – und nach einem Abstecher in die Küche, weil er die Große Halle meiden wollte – begab er sich geradewegs in den Stall. Da es nicht den Anschein hatte, als warteten irgendwelche nervtötenden Aufgaben auf ihn, wollte er sich in aller Ruhe dem widmen, was er am liebsten tat. Er wollte mit Fury ausreiten, der in den letzten Tagen wenig Gelegenheit gehabt hatte, sich zu bewegen, da der Ritter wegen der Vorbereitungen auf das Fest die Burg nicht hatte verlassen können.
Als er den Burghof überquerte, befürchtete er immer noch, von jemandem aufgehalten zu werden – de Rainault war es durchaus zuzutrauen, hinter irgendeiner Ecke zu lauern und nur darauf zu warten, seiner ansichtig zu werden – aber er erreichte den Stall ohne jegliche Zwischenfälle und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Etwas Zeit für sich selbst war im Dienst des Sheriffs eine Kostbarkeit, und auch genau so selten wie diese.
Der schwarze Hengst begrüßte ihn mit einem freudigen Wiehern und Sir Guy verbrachte eine ganze Zeitlang damit, seinem vierbeinigen Freund die Aufmerksamkeit zu schenken, die dieser eigentlich jeden Tag verdiente. Als er mit der ausgiebigen Pflege fertig war, sattelte er Fury hastig für einen Ausritt, denn solange er sich in der Burg aufhielt, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass de Rainault seiner habhaft wurde und ihm irgendeine unsinnige, anstrengende oder gefährliche Aufgabe – wie die Gesetzlosen zu fangen – aufhalsen würde. Darauf konnte Gisburne an diesem Morgen verzichten.
Kaum hatten die beiden die Stadt hinter sich gelassen, ließ der Ritter seinem Reittier freien Lauf und Fury nutzte dies sofort dafür aus, los zu galoppieren. Sowohl Pferd als auch Reiter genossen dieses Gefühl der Freiheit, auch wenn Gisburne wusste, dies war nur eine Illusion, die nicht lange anhalten konnte. Er war aber fest entschlossen, das Beste aus dieser Zeit zu machen, die ihm zur Verfügung stand.
Er hatte schon eine Zeitlang nicht mehr auf seine Umgebung geachtet, aber plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, denn Fury machte einen gewaltigen Sprung nach vorne. Gisburne war ein exzellenter Reiter und daher lief er selbst in einem Moment wie diesen nicht Gefahr, vom Pferd zu fallen, auch wenn er überrascht worden war, denn er hatte mit so etwas nicht gerechnet. Soweit er das hatte erkennen können, gab es keinerlei Hindernisse auf ihrem Weg.
Was er dann aber gewahr wurde, nahm ihm schier den Atem, denn er musste feststellen, dass sie sich nicht mehr auf der Straße befanden, sondern ein ganzes Stück über ihr. Und während er noch staunend nach unten blickte, stiegen sie sogar noch höher, als würde Fury die Seite eines unsichtbaren Hügels erklimmen. Aber Gisburne hatte, als er sich umblickte, nicht nur gesehen, dass sie sich hoch über der Straße befanden, sondern – zu seiner großen Überraschung - rechts und links von sich je einen riesigen, schwarzen Flügel entdeckt, der aus dem Leib seines Pferdes entwachsen war. Diese Flügel bewegten sich mit einem stetigen Auf und Ab und waren ganz offenbar die Ursache dafür, dass sie sich nun in der Luft befanden. Dem Ritter gelang es so gerade noch, sich zusammenzureißen, ansonsten hätte er mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen um sich geschaut.
Aber er benötigte nur einen kurzen Moment, um sich wieder unter Kontrolle zu haben, vor allem, weil ihm sofort klarwurde, dass es für ihn keinen Grund zur Furcht gab, denn er saß immer noch auf dem Rücken von Fury und wusste, sein Freund würde ihn niemals willentlich in Gefahr bringen. Er vertraute ihm blindlings, auch wenn er jetzt auf einmal über ein paar wunderschöne, schwarz glänzende Flügel verfügte, die kräftig – und gleichmäßig - schlugen und sie immer weiter in die Luft beförderten. Jetzt schon befanden sie sich in einer größeren Entfernung zum Boden und ein Sturz aus dieser Höhe wäre sicherlich tödlich, aber der Ritter hatte keine Zweifel daran, dass ihm nichts passieren würde. Das einzige, was er in diesem Moment verspürte, war Erstaunen und eine große Freude über das, was er gerade erlebte, denn das Gefühl der Freiheit, welches er schon normalerweise im Sattel von Fury verspürte, hatte sich gerade immens verstärkt. Und außerdem bewunderte er die Schönheit seines Hengstes, die durch die Flügel – seiner Meinung nach - nur noch größer geworden war.
Schon hatten sie Sherwood erreicht, den ausgedehnten, uralten Wald, der einen Großteil der Grafschaft einnahm und den Gesetzlosen, derer Gisburne nicht habhaft werden konnte, Unterschlupf bot. Doch daran dachte der Ritter in diesem Moment nicht, denn er war vollends damit beschäftigt, diesen Wald von oben zu betrachten. Er blickte auf das schier endlose Grün der Bäume, zwischen denen das Grau und das Braun der felsigen Klippen zu erkennen war, die über den Wald verstreut waren, sowie das Blau der zahlreichen Bäche, Flüsse, Tümpel und Seen, die im Sonnenlicht wie kostbare Edelsteine glitzerten. Noch niemals hatte er den Anblick des Waldes als so schön empfunden, wie er sich ihm aus dieser ungewohnten Perspektive darbot. Er konnte sich nicht daran sattsehen und zum ersten Mal seit langer Zeit betrachtete er ihn nicht mit Argwohn und einem Anflug von Angst.
Aber dann begann Fury über einer größeren Fläche Wasser zu kreisen und Gisburne ging auf einmal auf, dass sie sich bereits seit vielen Stunden in der Luft über dem Wald befanden. Mit einem Mal machte sich sein schlechtes Gewissen bemerkbar, denn in seiner Aufregung und in der Freude über dieses unerwartete Abenteuer hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, dass sein Hengst irgendwann müde werden musste. Schließlich war dies kein normaler Ausritt und der Ritter war sich in diesem Augenblick nicht sicher, wie lange Fury die Anstrengung des Fliegens noch durchhalten konnte. Es wäre wohl besser, wenn sie so schnell wie möglich landeten.
Aber da schien es ein Problem zu geben, denn Fury hatte zwar bereits einiges an Höhe verloren, aber er schien unsicher zu sein, wie es weitergehen sollte. Auf einmal verstand Gisburne, dass sein Reittier zwar offenbar kein Problem damit gehabt hatte, in die Lüfte zu steigen, aber offensichtlich nicht wusste, wie es wieder heil herunterkommen sollte, ohne sich die Beine zu brechen und er schalt sich selbst einen Idioten, weil er – in seiner Freude und der Aufregung – daran nicht gedacht hatte. Jetzt allerdings wurde ihm sehr schnell klar, dass sie nicht zwischen den Bäumen landen konnten, da dort nicht genug Platz für die mächtigen Flügel war. Darüber hinaus waren sie auch noch viel zu schnell unterwegs.
Offenbar aus einem Instinkt heraus hatte Fury nach einer großen Wasserfläche Ausschau gehalten, wie der, über der er jetzt kreiste und Gisburne verstand, dass eine Landung im Wasser wahrscheinlich ihre einzige Chance war, heil aus diesem Abenteuer herauszukommen. Dann geschah alles auf einmal sehr schnell. In einem Moment befand sich das Pferd noch in der Luft über der Wasseroberfläche und im nächsten war es bereits im Wasser. Durch den Aufprall verlor das Tier sehr schnell an Geschwindigkeit und Gisburne, der nicht darauf gefasst war, wurde über den Hals von Fury nach vorne katapultiert.
Kaum war er seines Missgeschicks gewahr geworden, da war er auch schon gelandet, aber nicht wie sein Hengst im Wasser, sondern bäuchlings auf einer schlammigen Fläche, die sich an dieser Stelle in der Nähe des Ufers und der Einmündung eines Baches ausbreitete und sein Schwung ließ ihn etliche Schritte weiter rutschen, bis er endlich zum Halten kam, über und über mit Schlamm bedeckt. Und leider nicht rechtzeitig, um einer dicken Wurzel aus dem Weg zu gehen, die ins Wasser ragte.
Ihm wurde für einen Moment schwarz vor Augen und sofort verspürte er einen heftigen Schmerz im Kopf. Ein Pochen direkt hinter seiner Stirn hinderte ihn für einen Augenblick daran, sich zu bewegen und selbst das Atmen fiel ihm auf einmal schwer. Schließlich schaffte er es aber doch mit viel Mühe, sich wieder aufzurappeln und die Augen zu öffnen, die er offenbar vor Schreck fest zusammengekniffen hatte.
Als er sich allerdings nach Fury umblickte, schnappte er unwillkürlich nach Luft, weil er sich auf dem Fußboden seiner Kammer wiederfand, direkt neben seinem Bett, und er war sowohl in die Decke, aber auch in das Laken verheddert, welches er bei seinem Fall offenbar mitgerissen hatte. Auf einmal verstand er, dass sein Kopf schmerzte, weil er ihn sich bei diesem Sturz gestoßen hatte – obwohl wahrscheinlich auch noch aus einem weiteren Grund, der ihm nur zu gut bekannt war. Einen Augenblick lang konnte er sich nicht erklären, wieso er sich auf einmal in seiner Kammer befand, aber dann wurde ihm die ganze scheußliche Wahrheit bewusst, was dazu führte, dass ihm nun nicht nur wegen des Weines schlecht war, den er am gestrigen Abend in sich hineingekippt hatte. Und die Tränen in seinen Augen rührten auch nicht nur davon her, dass er sich den Kopf gestoßen hatte.
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