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Das Ende von: Flussdornen - Rebhuhns erster Fall

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteKrimi / P16 / Gen
26.09.2022
26.09.2022
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Rebhuhn blieb noch lange in seinem Wagen sitzen. Still starrte er vor sich in die Hecke, die sich direkt vor seinem Auto in die Höhe streckte. Er schaut auf die Uhr seines Radios, das schon seit fünf Jahren nicht mehr funktionierte. Viertel vor 11; es war beinahe so weit. Zögernd ließ er die Hand auf dem Türgriff liegen, während seine Zähne das blaue Bonbon in seinem Mund zermalmten und er es herunterschluckte. Sein Kopf schaute zur Seite. Dort in der Ecke hatte der Wagen des alten Zimmerers gestanden. Der Baldachin-Verschnitt, vor dem das Auto gestanden hatte, wirkte so verlassen wie an dem Tag, an dem er zu dieser Ermittlung hinzugerufen wurde. Beleuchtet war der Parkplatz nur von wenigen Straßenlaternen. Für einen Moment fragte er sich, ob die Beleuchtung nach Mitternacht wieder abgeschaltet wurde, um Strom zu sparen. Ob Zimmerer sich das auch gefragt hatte?

Rebhuhn schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Er zog den Griff seiner Wagentür zurück und stieß die Tür auf. Seine Hand griff nach seinem Hut. Der alte, graue Pork Pie sah heute Abend besonders ramponiert aus. Sein Großvater hätte gelächelt. Ein gut genutzter Hut ist ein Kamerad fürs Leben, so hatte er immer gesagt. Das fiel Rebhuhn wieder ein, als er auf die hochpoliert und durchaus gepflegte Kupferbrosche starrte, die an dem Hutband befestigt war. Er hob den Hut an und setzte ihn sich auf. In dem Moment, in dem sein Arm sich wieder gesenkt hatte, schaute Rebhuhn sich noch einmal um. So einsam und verlassen wie vor einigen Tagen auch, jetzt jedoch in der Mitte der Nacht. Nicht so wie am frühen Morgen des Sonntages, an dem er das letzte Mal hierhergekommen war.
Das Geräusch seiner Schuhe, die über den Parkplatzstein streiften, wurde nach wenigen Metern von dem Geräusch der Wiese in der Mitte des kleinen Parkplatzes abgelöst, als er über sie hinwegschlenderte. Er blieb kurz stehen; die Treppe zu dem Versammlungshaus neben ihm; schaute an dem Gebäude hoch. Trotz der ernsten Stimmung konnte Rebhuhn sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er an all die guten Erinnerungen dachte, die er in diesem Gebäude gesammelt hatte.
Tief atmete er ein, als er aus seiner Jackentasche ein neues Bonbon angelte. Schwarz dieses Mal. Er fragte sich, welche Geschmacksrichtung es dieses Mal war, als er hinüber zum Fischergässchen ging. Das Bonbon war herrlich süß, so wie selten nur. Vanille, ein Stich Haselnuss, einen Hauch Jasmin und Brombeere. Er lächelte, dann schloss er die Augen und begann den Weg hinunter zum Gondelweiher.
Zu dieser Uhrzeit war so gut wie niemand mehr auf den Beinen. Es beruhigte ihn. Merkwürdigerweise. So seufzte der Polizist als er auf die Gartenterrasse trat und kurz zur St. Georg Kirche hochschaute, die von Scheinwerfern bestrahlt einen Lichtpunkt in die Dunkelheit warf. Dann schaute er hinunter zum pechschwarzen See. War das der gleiche Anblick Zimmerers gewesen, als er an dem verhängnisvollen Abend die Gasse hinunterstapfte?
Er stellte sich den alten Mann vor, wie er humpelnd auf seinen Gehstock gestützt den Kiesweg entlang stolzierte, grummelig und missmutig, wie er immer gewesen war. Die Fontäne war immer noch ausgeschaltet, das erkannte er von hier oben bereits. Wahrscheinlich würde sie erst in einem Monat wieder den Betrieb aufnehmen, sobald die Polizei keinerlei Spuren mehr finden konnte.
Seine Augen wanderten über das Wasser; das Bonbon von der linken Wangentasche in die Rechte. Als er an der Gabelung ankam schaute er kurz nach links. Er sah den Steg, wusste auch, dass die Bank am Wege davor lag, doch die Bank selbst war von dieser Position noch mit Büschen und Gestrüpp verdeckt. Ein paar Schritte weiter und das Gebüsch wich den tiefhängenden Ästen einer Weide. Dann noch ein paar Schritte. Er atmete durch, als die Äste mit einem anderen Schaubild wechselten.
Eingerahmt von der tiefanfangenden Gabelung des Baumes, der ihm an dem einem Sonntag bereits aufgefallen war, sah er eine Frau. Sie saß auf der Bank, den Schirm auf dem Schoß liegend, der Kater Simba neben ihr auf der Bank. Sie starrte still auf das Wasser hinaus, als Rebhuhn sich zu ihr setzte, seine Hände locker neben sich ruhend. Der Kater stand auf streckte sich, stapfte dann los, um es sich auf dem Schoß des Polizisten bequem zu machen, wobei er laut schnurrte und sich an den stillen Mann schmiegte, der den Kater langsam streichelte.
„Es ist gut zu wissen, dass er jemanden hat, den er mag. Das beruhigt mich, wenn ich nicht mehr da bin.“, sagte die Alte Golbiene, die die Hände zusammenrieb und lächelte. Rebhuhn nickte und schaute die alte Dame an. Sie trug dasselbe, schwarze Kleid, welches sie zu Zimmerers Beerdigung anhatte. Nur der verschleierte Hut fehlte dieses Mal. „War da die Blume bei? An der er sich die Hand gestochen hat?“, fragte er auf den neben ihren liegenden Blumenstrauß deutend, woraufhin sie nickte.
„So kann man das sagen.“, murmelte sie. Die alte Dame zuckte nicht einmal bei der Antwort. „Und haben sie auch hier so ruhig gesessen? Als er dort im Wasser lag und ertrank? Als der Eisenhut ihm durch jegliche Venen zog und ihm das Leben aushauchte?“
Dieses Mal reagierte sie.  Sie zuckte leicht mit dem Mundwinkel, es erschien als wäre der Abend doch nicht vollkommen kühl an ihr vorbeigezogen. „Ja, das habe ich.“, flüsterte sie. Rebhuhn seufzte, kraulte dem Kater hinter dem Ohr, legte mit der anderen Hand seinen Hut neben sich. „Sie sind ein interessantes Triumvirat, wissen sie? Die Zwei haben Sie nicht verraten. Sie haben bis ins letzte Detail alles beschrieben, nur um Sie zu schützen.“, sagte er und schaute zu ihr, wie sie den Blumenstrauß in die behandschuhten Hände nahm. „Nur die Rose. Die hatten sie nicht erwähnt. Konnten sie ja auch nicht, wussten ja nicht, dass es sie gab.“
Golbiene lächelte und schloss die Augen. „Ja, ja, das war meine Note. Mein Denkzettel an den Möchtegern. Der Todesstoß der Drei Musketiere.“, sagte sie. Zorn sprang in ihre Stimme, doch er verflog nach wenigen Momenten, als sie langsam einatmete und die Augen schloss.

„Wissen sie, wie Wolfs Wurz wirkt?“, fragte sie und lehnte den Kopf zurück. Wieder einmal erkannte Polizist Rebhuhn die natürliche Schönheit der Seniorin an, welche so im Kontrast zu ihren Kindheitsfreunden Thomas und Lorenz stand. Der graue Zopf fiel nach hinten, als sie leise vor sich her summte und zu erklären begann. „Es lähmt das Nervensystem oder so. Es lähmt auf jeden Fall. Und es verkrampft sich alles und man kann nichts mehr. Und man muss sie nur anfassen. Viel schlimmer, wenn ein paar Dornen durch die Haut gehen.“
Schweigen breitete sich aus, als Rebhuhn darüber nachdachte. Er stellte sich den alten Zimmerer vor, wie er nach Luft keuchend in dem See lag, um sich schlug und verkrampfte, während seine Lunge sich langsam mit Wasser füllte. Plötzlich stand die Witwe Goldbiene auf und strich mit einer Hand ihr Kleid flach. Ihr Blick wanderte auf den See hinaus.
„Er hat alles darangesetzt, sich gegen unsere Pläne zu stellen. All die guten Sachen, die wir hätten machen können. All die Änderungen zum Gute der Welt. Wissen sie, wie sich das anfühlt? Wenn das Lebenswerk mit Füßen getreten wird, nur weil Plastik einfacher ist? Nicht mal billiger waren die, nein. Aber die Müllkonzerne, oh, die haben ihm die Taschen gefüllt, dass er bloß für sie weiterarbeitet und weiter Schund und Schmutz auf uns wirft.“
Ihre verkrampfte Haltung löst sich langsam, dann atmet sie tief ein. „Wissen sie, wir wollten so viel Gutes tun. Aber das macht jetzt auch nichts mehr. Vielleicht kann wer anders das jetzt schaffen, wenn diese Idioten von der Politik und von den Schmiergeldkonzernen nicht mehr im Weg stehen.“ Dann, mit einem Ruck, dreht sie sich um und lächelt ihn an. Die Erkenntnis, was genau er sieht, kommt erst nach einem Moment. Er sieht den Blumenstrauß in ihrer Hand. Er sieht, dass ihr Handschuh fehlt. Er sieht das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorsickert. „Passen sie bitte auf meinen Kater auf.“, wünscht sie.
„NEIN!“, schreit Rebhuhn. Simba springt von seinem Schoß und faucht, als er sich in die Ecke der Bank presst und klein macht. Der Mann prescht vorwärts. Doch Magdalene Golbiene lässt den Strauß zu ihren Füßen fallen. Dann macht sie einen Schritt nach hinten, dreht sich und springt mit einem Satz in den Weiher.

Rebhuhn keucht, als er am Ufer ankommt. Sein Mantel ist von Wasser durchzogen, sein Herz klopft, sein Körper ist kalt. Simba hockt auf der Bank vor ihm. Er hat sich etwas beruhigt allem Anschein nach. Seine Augen sind weit und er starrt Rebhuhn an, beinahe als ob er sagen will „Und jetzt?“.
„Ja. Und jetzt?“, murmelt Rebhuhn verzweifelt und ringt nach Atem. Zögernd dreht er sich der alten Dame zu. Sie ist tot. Er fragt sich, ob ihr das Lächeln vergangen war, weil der Schmerz sie eingeholt hatte oder ob es das Zucken und Krampfen gewesen ist, welches sie mit der Vergiftung packte. Sie hätte ihn um Haaresbreite mit in den Weiher gezogen. Ihre Faust war mehr als einmal mit ihm in der unkontrollierbaren Motorik kollidiert. Er ist sich sicher, er wäre ertrunken, wenn sein Gehirn ihn nicht rechtzeitig aus der Bewusstlosigkeit gezogen hätte, in dem Moment, in dem er sein Bonbon verschluckt hat. Insgeheim weiß er allerdings, dass es sinnlos gewesen war, der alten Dame hinterherzuspringen.
Rebhuhn schließt seine Augen und lässt seinen Kopf im Nacken liegen, beruhigt sich. Dann greift er das alte Nokia aus seiner Jackentasche. Der alte Klotz war nach wie vor unverwüstlich, funktioniert noch. Er wählt die Nummer der Polizei. Einen Moment später, dann hebt die Frau am anderen Ende ab. Rebhuhn fällt ihr bei der Begrüßung ins Wort. „Rebhuhn hier.“, keucht er und hustet. „Beim … Naturpark Tor. Gondelweiher. Wassenberg. Die alte Golbiene ist tot.“, flüstert er kurzgebunden. Seine Gesprächspartnerin beginnt gerade, Fragen zu stellen, da legt der Polizist wieder auf. Mühselig rafft er sich auf seine Füße und stapft auf die Bank zu, auf die er sich wieder niederlässt. Nachdenklich starrte er auf den Blumenstrauß, der vor ihm auf dem Boden liegt, während seine linke Hand sich den Hut wieder aufsetzt. „Ja. Und jetzt?“, flüstert er leise, streicht sich mit der Rechten kurz übers Gesicht.
Seine Linke streckt sich nach dem Kater aus, welcher sich sofort in jene mit dem gesamten Rücken hineinschmiegt und wieder laut zu schnurren beginnt.
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