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Goldene Flügel

von LadyLaika
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
26.09.2022
26.09.2022
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„Hast du völlig den Verstand verloren?“, kreischte er quer durch die Wohnung und fuchtelte wild mit den Armen herum. „Wie kannst du mir das antun? Hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, wie sich das für mich anfühlt?“
Sie stand in der Tür und seufzte. Wie hatte sie auch eine andere Reaktion erwarten können? Nach einem tiefen Atemzug fing sie mit ruhiger Stimme an zu sprechen, in der Hoffnung, seinen Gefühlsausbruch dämmen zu können.
„Hör zu, das ist nur eine Abschlussfeier, nicht mehr und nicht weniger. Deine Sorgen sind völlig unbegründet -“
„UNBEGRÜNDET?!“, donnerte er zurück, „Hast du eine Ahnung, wie viele Typen da sein werden?“
„Ja, ungefähr alle aus meinem Jahrgang, die kenne ich doch alle.“ Sie rollte die Augen. Das selbe Spiel wie immer, wenn es um irgendein Thema ging, was mit Männern zu tun hatte. Er drehte sich zu ihr um und ging schnellen Schrittes auf sie zu. Sie kämpfte gegen ihren Wunsch an, zurückzuweichen, sondern blieb starr stehen.
„Die werden sich alle an dich ran machen und einer wird es bestimmt schaffen, dich ordentlich abzufüllen und wird dich bei der erstbesten Gelegenheit flachlegen!“, sagte er laut, und lies sich schließlich kraftlos in den Sessel fallen. Plötzlich wurde seine Stimme viel weicher, beinahe flehend. „Nimm doch mal Rücksicht auf mich. Du weißt, dass ich so etwas nicht mag, vor allem nicht, wenn du da alleine hingehst.“
Selbst wenn du dabei wärst, wäre es genauso furchtbar, dachte sie. Erneut atmete sie tief durch. Das war wieder einer dieser Streits, bei denen er früher oder später mit Schluss machen drohen würde, sollte sie nicht das tun, was er für richtig hielt. Es war jedes Mal dasselbe, mittlerweile hatte sie ein richtiges Muster erkennen können. Erst war er wütend und schrie, manchmal machte er dabei sogar Dinge kaputt (die letzten Male waren diverse Gläser und ein Kerzenständer aus Porzellan zu Bruch gegangen), schwang seine Stimmung plötzlich um und er benahm sich wie ein jammerndes Kleinkind, welches unbedingt Mitleid erregen wollte und in der dritten Stufe drohte er mit dem Beenden der Beziehung. Manchmal wünschte sie sich, er würde es endlich wirklich durchziehen, damit es endlich vorbei sein würde. Doch jedes Mal war es nur eine leere Drohung seinerseits, um sie so zu manipulieren, dass sie nach seiner Pfeife tanzte.
Sie wusste das. Sie wusste, dass er sie manipulierte, dass er absolut toxisch war, narzisstisch noch dazu, und dass diese Beziehung meilenweit davon entfernt war, gesund zu sein. Und trotzdem hatte sie es bisher nicht übers Herz bringen können, selbst die Beziehung zu beenden.
„Ich verstehe nicht, warum dich das so aufregt. Warum musst du eigentlich in jedem Mann einen Konkurrenten sehen?“, platze es plötzlich aus ihr heraus und die Ruhe, die sie bewahren wollte, war mit einem Mal wie weggefegt. „Es ist jedes verdammte Mal so. Möchte ich mit meinen Freundinnen weggehen, willst du das nicht, denn da könnten ja ihre Brüder dazukommen. Lädt mich ein Freund mal zum Kaffee ein, kriegst du gleich die Krise, obwohl er erstens schwul ist und zweitens einen festen Freund hat. Und jetzt willst du mir ernsthaft verbieten, auf meine eigene Abschlussfeier zu gehen, weil du, und nur du, irgendwelche Männerkomplexe hast!“
Sie drehte sich um, stampfte den Flur entlang ins Bad und wollte sich zur Beruhigung kaltes Wasser ins Gesicht spritzen. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Gerade wollte sie die Tür hinter sich zu werfen, da wurde sie von der anderen Seite aufgerissen. Er stieß die Tür beiseite, baute sich vor ihr auf und schnaufte wütend, sodass seine Nasenflügel bebten.
„Wag es … ja nicht, so mit mir zu reden, hast du kapiert?“, sagte er mit einer so lauten Stimme, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte und sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Seine Brust stieß an ihre Nase, und er versuchte noch größer zu wirken, um sie einzuschüchtern. Was nicht nötig gewesen wäre, immerhin war er auch so schon fast zwei Köpfe größer als sie.
Der Duft von seinem Parfum und seinem Schweiß stieß ihr in die Nase und sofort atmete sie durch den Mund weiter. Sie hatte es nie leiden können, dass er sich dermaßen einparfümierte, dass man im Vorbeigehen das Gefühl hatte, er würde einen ganzen Douglas- Laden hinter sich herziehen. Dieser starke Duft löste bei ihr jedes Mal Kopfschmerzen und leichte Migräneanfälle aus, dennoch hatte er nie etwas daran geändert.
Ihr Herzschlag wurde schneller und sie beschlich das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern würde, ehe die Situation komplett eskalieren würde. Doch das galt es zu verhindern. Er hatte zwar in den anderthalb Jahren ihrer Beziehung nie Hand an sie gelegt, doch sie wollte es auch nicht mit übermäßigem Verhalten herausfordern. Doch es wäre sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis er wieder seinen „Die Beziehung ist für mich beendet“- Ritt vorführte, um sie zum Bleiben zu bewegen. Der tatsächliche Grund dafür, dass sie immer wieder geblieben war, war aber dennoch nicht der, dass sie irgendwelche Gefühle romantischer Natur für ihn hegte.
Nein, ihre Gefühle für ihn waren schon vor einiger Zeit immer weniger geworden, bis schließlich nur noch ein kleines Häufchen an zusammengekehrten Scherben übrig geblieben war, was irgendwann mal etwas ähnliches wie Liebe gewesen sein muss. Nein, der wahre Grund war ein anderer gewesen.
Er hatte geweint. Jedes Mal.
Bei jedem Pseudo- Schlussmachen- Szenario, an das sie sich erinnern konnte, hatte er früher oder später auf die Tränendrüse gedrückt. Das war ihre Schwachstelle und das ist es schon immer gewesen. Sobald jemand weinte, bekam sie Mitleid, wurde weich und gab nach. Und das wusste er, oder er hatte seinen früheren Einfluss auf sie genutzt und sie umprogrammiert.
Auf die Idee, dass er nur weinte, um sie zu manipulieren, war sie erst vor ein paar Monaten gekommen und seither war ihr Mitleid ihm gegenüber jedes Mal weniger geworden.
In ihrem Kopf versuchte sie etwas zu finden, was sie beruhigte, um einen rationalen Weg aus dieser Situation zu finden und sich nicht noch weiter hineinzusteigern. Schlafende Kätzchen schwebten durch ihre Gedanken, und sie versuchte, an dem Gedanken festzuhalten und ihren Puls zu normalisieren.
Um die Situation zu deeskalieren, versuchte sie sich schweigend an ihm vorbei zu drücken und das Bad zu verlassen, doch er hielt sie an der Schulter fest und bohrte seine Finger in ihre Schulter. „Wo willst du hin?“
Sie nahm einen leisen, aber tiefen Atemzug. „Weg.“
„Wie, weg? Sag mir gefälligst, wo du hingehst!“, keifte er sie an.
Noch ein tiefer Atemzug, dann drehte sie sich um, während er seine Hand von ihrer Schulter nahm und sah ihm fest in die Augen.
„Ich gehe weg, Ben. Weg von dir. Das war´s für mich“, sagte sie kalt. Sofort öffnete er seinen Mund, um zu protestieren, doch schon hatte sie sich umgedreht und war in den Flur verschwunden. Zu ihrem Glück kam er ihr nicht hinterher gelaufen, sondern wütete scheinbar im Bad, knallte die Tür auf und zu und fluchte laut vor sich hin, natürlich nicht, ohne sie dabei auch in höchstem Maße zu beleidigen.
Doch sie konnte darüber hinweg hören. Alles, was sie hörte, war das Rauschen ihres Blutes, es war wie ein Lärmschutz. Schnell packte sie all ihre Kleidung, die sie dort behalten hatte, in ihren Rucksack, genau wie ihre DVD´s, die sie ihm ausgeliehen hatte und legte schließlich den Schlüssel zu seiner Wohnung auf die Anrichte in der Küche.
Ben war mittlerweile im Bad auf dem Boden zusammengesunken und weinte theatralisch und übertrieben laut, doch dieses Mal würde sein Manipulieren ein Ende haben. Schließlich schlüpfte sie in ihre Schuhe, warf sich ihre Jacke über und warf einen kurzen Blick in den Spiegel der Garderobe. Sie lächelte. Endlich war sie frei.
 
 
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