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Die Vergangenheit ruht - Bruchstücke eines Lebens

von TamSang
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
23.09.2022
23.09.2022
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Schritte in ein neues Leben

Endlich, das Flugzeug war gelandet. Nach zwölf Stunden hatte ich meine neue Heimat erreicht. Ob ich mich hier jemals einlebte und wohlfühlte, würde die Zeit mit sich bringen. Schwer war mir der Entschluss meinem Heimatland den Rücken zu kehren nicht wirklich gefallen. Das einzige, dass mich dort halten könnte, wären meine Mutter und mein Großvater, aber Beide hatten darauf gedrängt, dass ich gehe und in der Ferne ein neues Leben, mein neues Leben beginnen sollte.
Europa war mir nicht fremd, auch nicht Berlin. Schon so einige Urlaube hatte ich mit meiner Familie hier verbracht. Ich kannte Rom, London und Paris, genauso, wie Athen oder eben Berlin. Ich hätte auch nach Frankreich, Italien oder Griechenland auswandern können, aber zu Deutschland fühlte ich mich seltsamerweise schon immer hingezogen. Einen Teil der Schuld konnte ich auf den Deutschunterricht schieben. Irgendetwas faszinierte mich an dieser Sprache und seltsamerweise lag sie mir. Mein Deutsch, obwohl nur Schuldeutsch, klang gut und fühlte sich für mich sicher an. Ich freute mich darauf endlich mal zu testen, wie gut ich tatsächlich war.
Sechs Monate standen mir noch zur Verfügung um meine Kenntnisse aufzupolieren, danach würde ich erfahren, ob ich beim Studium mithalten konnte. Germanistik, mit den Schwerpunkten Sprachwissenschaft und neue deutsche Literarturwissenschaft. Ich würde damit nie wirklich etwas anfangen können, aber es würde mir helfen mich in diesem Land besser zurecht zu finden, außerdem interessierte ich mich wirklich dafür.
Nach den Einreiseformalitäten, wartete ich auf meine Reisetasche. Das einzige, was mir aus meiner Heimat blieb, bis auf ein etwas größeres Paket, welches in den nächsten Tagen ankommen sollte. Vorübergehend zog ich erst mal bei meinem besten Freund aus Kinder- und Jugendtagen ein, bis ich eine Wohnung fand, in der ich mich wohlfühlen würde. Dank meinem Großvater spielte Geld keine große Rolle.
Ich hielt mich in der Nähe des Gepäckbandes auf, starrte auf das Band und suchte nach meiner Tasche, zwischen all den vielen Koffern meiner Mitreisenden. Nachdem ich meine prall gefüllte Tasche erblickte, nahm ich sie vom Band und strebte mit vielen anderen Menschen Richtung Ausgang.
Suchend schaute ich mich um. Seit zwei Jahren hatte ich Ka nicht mehr gesehen. Unterdessen musste er ein junger Mann sein, genauso wie ich. Auf ihn freute ich mich. Damals war er eine Stütze für mich gewesen, immer da und immer ein offenes Ohr, bis er mit sechszehn nach Deutschland ging, um hier sein Abitur zu machen. Dieses Jahr war es für ihn soweit und er würde es bestehen, sogar mit sehr guten Noten.
Durch unsere Telefonate wusste ich, dass ihn nichts zurückzog. Er hatte hier Freunde gefunden und fühlte sich wohl. Für ihn kam nur ein Studium an der Technischen Universität in Frage. Er wollte unbedingt Architektur studieren und nicht in die Fußstapfen seiner Eltern treten, die beide hochangesehene Chirurgen waren.
Heftig klopfte mein Herz, je mehr ich mich dem Ausgang näherte. Heute endlich begann mein neues Leben. Nicht zurückschauen, sondern nach vorn. Versuchen zu vergessen.
Unruhig huschte mein Blick hin und her, schweifte über die warteten Menschen und die Personen mit Schildern in der Hand. Mitten im Gewühl entdeckte ich Ka. Sofort fühlte ich mich beschwingt. Verdammt sah er gut aus. Die buntgefärbten Haare überraschten mich allerdings, denn damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Für mich trug er in Gedanken noch immer die kurzen, dunklen Haare. Frech fielen ihm einzelne Strähnen in die Stirn, die der halbe Zopf an seinem Hinterkopf nicht halten konnte. Auch ich trug die Haare länger, hatte sie einfach wachsen lassen. Ein leises Grummeln in meiner Magengegend, dazu gesellte sich ein aufgeregtes Kribbeln. Der Mann, der dort stand und nach mir Ausschau hielt, sah umwerfend aus. Nichts erinnerte mehr an den Jungen, der nur zwei Häuser weiter wohnte. Niemals wäre ihm damals in den Sinn gekommen eine Leder-Nietenjacke zu tragen, oder Bluejeans mit Rissen. Von den bunten T-Shirt mit dem Aufdruck einer Rockband ganz zu schweigen. Ka hatte seinen eigenen Stil gefunden.
Ich zog die Tasche noch mal auf meiner Schulter zurecht, dann lief ich zielstrebig in seine Richtung und genau in dem Moment entdeckte er mich.
Das Lächeln auf seinem Gesicht wirkte warm, glücklich, erfreut und irgendwie erleichtert. Nichts hielt ihn mehr an seinem Platz. Er schob sich durch die Menschen und blieb direkt vor mir stehen. Kein Wort der Begrüßung. Wir sahen uns einfach nur an.
Mir fiel die Tasche aus den Händen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie auf dem Boden auf. Unsere Finger fanden sich, dann lagen wir uns in den Armen.
Längst vergessene Gefühle peitschten durch meinen Körper, der sich sofort an Kas Nähe erinnerte. Ich klammerte mich regelrecht an meinen besten Freund, überglücklich, der Knoten in meiner Brust löste sich und Kas fester Griff tat sein Übriges. Stirn an Stirn standen wir da, die Augen geschlossen. Wir hatten uns endlich wieder und die Angst wich Stück für Stück aus meinem Leib.
Minuten vergingen, ohne dass wir uns auch nur einen Millimeter voneinander entfernten. Ich war in Sicherheit. Mein Vater weit weg.
Hinter meinen Augen brannte es. Ich ließ den Druck zu. Frei, endlich frei, hämmerte es in mir. Ich blinzelte, schnappte nach Luft und spürte, wie die Tränen meine Wangen hinabrannen und heiße, feuchte Spuren auf der Haut hinterließen.
„Yo, du bist da“, flüstere Ka mir ins Ohr und löste nun doch die Umarmung. Sanft strichen seine Daumen über meine Wangen und entfernten die salzigen Tränen.
„Bin ich“, antwortete ich, nachdem ich registrierte, dass mein bester Freund deutsch sprach. Zaghaft erwiderte ich sein Lächeln. Am liebsten hätte ich mich wieder in die schützende Umarmung fallen lassen, aber wir konnten nicht ewig hier herumstehen.
Noch einmal glitten Kas Daumen über meine Wangen, dann griff er nach meiner Tasche. „Lass uns nach Hause fahren!“
Nach Hause? Ja, das war es nun, mein neues zuhause. Schniefend nickte ich. Innerlich straffte ich mich und versuchte die wirren Gefühle, die mich zu überrollen drohten, tief in mir einzuschließen.
Warme Finger fanden die meinen. Zwischen Ka und mir schien sich nicht viel verändert zu haben, trotz der zwei Jahre, die wir uns nicht sahen. Alles fühlte sich vertraut an. Dankbar erwiderte ich den Druck seiner Hand und ließ mich führen, raus aus dem Flughafen, hin zu den Taxis, die auf Kundschaft warteten.
Der Fahrer, ein Mann aus dem mittleren Osten, schon mit grauen Schläfen, aber gutmütigen Augen, nahm Ka meine Tasche ab und verstaute sie im Kofferraum. Ich rutschte zu Ka in den Fond. Mein Freund nannte seine Adresse, dann startete der Taxifahrer seinen beigen Mercedes und fuhr uns Richtung Innenstadt.
„Du hast mir gefehlt“, flüsterte Ka und verschränkte wieder unsere Finger. „Ich bin froh, dass du hier bist.“
„Ich auch!“, antwortete ich, sah zum Fenster hinaus und schaute auf die vorbeifliegenden Häuser. Dies war sie nun, meine neue Heimat. Mit etwas Glück würde ich schon bald die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Die Anträge liefen und es sah gut für mich aus.
Die ganze Fahrt über hielten wir uns fest. Zärtlich strich Kas Daumen über meinen Handrücken. Erst, als wir etwa eine Stunde später vor dem Neubau hielten, in dem Ka eine Wohnung besaß, lösten sich unsere Finger wieder voneinander.
Neugierig schaute ich die Fassade hinauf, viel Glas, viel Stahl, wenig Beton. Helle Wohnungen, große Balkons. Wer hier wohnte gehörte nicht zur Mittelschicht. Wir befanden uns irgendwo Mitten im Zentrum.
Hinter mir bezahlte mein bester Freund den Taxifahrer, der sich überschwänglich mehrmals bedankte. Mein Freund hatte mit Sicherheit ein gutes Trinkgeld gegeben.
„Komm!“ Meine Tasche in der linken Hand, fanden Kas freie Finger wieder die meinen.
Seit einer Stunde ließen wir uns nicht mehr los. Die Sicherheit die Ka mir damit gab, ließ mich vergessen. Auf mich warteten neue Eindrücke und die wollte ich genießen. Meine Vergangenheit sollte mir nicht mehr im Weg stehen.
Die große Glastür schwang regelrecht leicht auf. Der Eingangsbereich wirkte beinah wie in einem teuren Hotel. Überall glänzte der Marmor. Die Briefkästen fielen kaum auf, verschwanden regelrecht in der Wand. Rechts des Einganges gab es einen kleinen Tresen. Dahinter entdeckte ich, auf einem Schreibtischstuhl einen älteren Herrn, der zum Wachschutz gehörte. Sein Blick ruhte auf den beiden Bildschirmen vor ihm. Nur kurz sah er auf. Er nickte Ka zu und wünschte uns einen schönen Abend.
„Ich habe dich schon angemeldet. Du kannst kommen und gehen, ohne dich beim Wachschutz anmelden zu müssen.“ Sanft dirigierte Ka mich Richtung Aufzug. Zwei Stück gab es und der rechte, war der erste, der das Erdgeschoss erreichte. Mit einem leisen Pling öffneten sich die Türen. Musik dudelte aus den Lautsprechern.
Wo Ka wohl wohnte. Als sein Finger den Knopf für die sechste Etage betätigte, musste ich schmunzeln. Natürlich wohnte mein Freund ganz oben.
Von der Seite betrachtete ich ihn. Sein Gesicht wirkte etwas markanter, nicht mehr ganz so rundlich. Ein leichter Bartschatten lag auf seinem Kinn. Er wirkte erwachsen und er sah verdammt gut aus. Ob er immer noch so durchtrainiert war? Durch die Lederjacke konnte ich nur erahnen, was er darunter verbarg. Was mir aber sofort ins Auge gefallen war, war sein kleiner, noch immer ziemlich geiler Hintern, der in den engen Jeans hervorragend zur Geltung kam.
Still lächelten wir uns einfach nur an, bis der Fahrstuhl anhielt und wir aussteigen konnten. Zwei Türen, eine rechts und eine links. Auch hier oben dominierte noch immer der Marmor. Das Treppenhaus war lichtdurchflutet, genauso wie die Wohnung, die ich betrat. Große Fensterscheiben, hohe, helle Zimmer. Das Wohnzimmer stilvoll eingerichtet, aber nur minimal. Mein Freund mochte es, im Gegensatz zu mir, schon immer etwas minimalistischer.
Das schwarze Ledersofa, modern und bequem, der Edelstahltisch davor. Die Essecke, ein hoher Tisch mit Barhockern. Kein Wohnzimmerschrank, dafür ein paar futuristisch wirkende Regal, aus schwarzen, verzinkten Edelstahl. Schwarzweiße Fliesen die so sehr glänzten, als wären sie gerade erst frisch poliert wurden. Irgendwie wirkte alles ein wenig kalt und so fühlten sich auch meine Füße an, da ich die Schuhe ausgezogen hatte.
„Fühl dich wie zuhause.“ Mitten im Raum ließ er meine Tasche stehen. Mein Blick folgte Ka, der zu seiner offenen Küche trat. Auch hier überwog der Edelstahl. Die Fronten der Küche glänzten silbern.
Der ganze Raum schrie regelrecht, dass mein Freund ihn nach seinem Geschmack eingerichtet hatte.
„Kaffee?“, hörte ich ihn fragen und nickte. Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Das Glattleder fühlte sich zwar weich und bequem an, aber eben auch kühl.
Müde schloss ich die Augen. Noch immer konnte ich es nicht so richtig fassen, dass ich mich nun hier befand, Mitten in der Hauptstadt von Deutschland. Bestimmt benötigte ich ein paar Tage, um mir dessen tatsächlich bewusst zu werden. Im Augenblick fühlte es sich eher so an, als wäre ich zu Besuch.
Leise blubberte die Kaffeemaschine. Ich rieb mir die Augen, gähnte herzhaft und blinzelte Ka an, der zwei Tassen aus dem Hängeschrank über der Kaffeemaschine nahm.
„Immer noch ohne alles?“
„Hmm“, machte ich zur Bestätigung seiner Worte. Irgendwie fühlte es sich seltsam an, auch ein wenig fremd, meinen besten Freund deutsch reden zu hören. Noch kein einziges Wort in unserer Heimatsprache war gefallen. Nicht nur ich wollte den Schlussstrich ziehen, sondern auch er. Vielleicht wollte er aber auch nur keine alten Wunden aufreißen.
Der verführerische Duft von Kaffee hüllte mich eher ein, als das die Tasse vor mir auf dem Tisch stand. Ich wartete gar nicht erst ab, das Ka sich zu mir gesellte, sondern trank sofort. Heiß rann mir der Kaffee die Kehle hinab und weckte meine müden Lebensgeister. Lecker. Kas Kaffee schmeckte um vieles besser, als das Zeug im Flugzeug. Ich spürte den Jetlag, dabei war ich doch gerade erst gelandet. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, wieso ich mich so erschlagen fühlte. Es war gerade mal kurz nach einundzwanzig Uhr. Mich überraschte es ehrlich gesagt, dass es noch so hell Draußen war. Es wirkte eher, als wäre es siebzehn Uhr und nicht schon nach Neun. Für meinen Körper allerdings fühlte es sich an, als wäre es um zwei Uhr Mitten in der Nacht, was es in Thailand ja auch gerade war.
„Bett?“ Fragend die Augenbrauen nach oben gezogen, musterte Ka mich. „Oder noch etwas reden?“
„Bett.“ Ich kippte meinen Kaffee runter. „Und davor duschen.“ Ich musste unbedingt aus den knittrigen Klamotten raus, die ich nun schon beinah einen ganzen Tag trug. Ich fühlte mich eklig, verschwitzt und klebrig.
„Ich zeig dir alles.“ Er kippte seinen letzten Schluck Kaffee, erhob sich und nahm wieder meine Tasche. Im Korridor angekommen, öffnet er die letzte Türe. „Dein Zimmer, wenn du magst.“
Neugierig schaute ich in den etwas kleineren Raum. Eher ein Arbeitszimmer, Kas Arbeitszimmer. Hier zeichnete er und erledigte alles fürs Studium. Auf dem Tisch stand ein Modell eines futuristisch anmutenden Hauses. Daneben ein Zeichentisch, auf dem Papier lag. Regale an der Wand, vollgestopft mit Büchern, Unterlagen und Zeichenmaterial. Eine Schlafcouch rundete das Bild ab.
Wie früher bettete Ka das Kinn auf meiner Schulter. Von hinten schlang er die Arme um mich. Die Hände faltete er auf meinem Bauch. „Du kannst auch bei mir schlafen.“
„Hmm.“ Langsam drehte ich mich und blickte ihm forsch in die Augen. „Hast du jemanden?“ In den letzten zwei Jahren hatten wir dieses Thema nie angesprochen. Ich wusste nicht, ob mein bester Freund einen festen Freund hatte. Vielleicht hatte er ja jemanden und es mir nur nie erzählt, um mich nicht zu verletzen.
„Nein.“ Warm strich sein Atem mein Gesicht.
Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Wir konnten dort weitermachen, wo wir vor zwei Jahren aufhören mussten. „Dein Schlafzimmer?“
„Gegenüber.“ Er gab mich frei und betrat vor mir den großen Raum. Hier wirkte alles eine Spur gemütlicher als im Wohnzimmer. Ein großes Bett, davor eine gepolsterte Sitzbank. Einen Kleiderschrank suchte ich vergeblich, dafür gab es zwei Türen. Eine davon öffnete Ka, dahinter entdeckte ich das Bad. Mit Badewanne, Extradusche, Toilette und Waschbecken. Alles wirkte edel und teuer.
Auf der Bank vor dem Bett stellte Ka meine Tasche ab. „Deine Sachen kannst du hier unterbringen.“
Ah, hinter der zweiten Tür befand sich also ein Ankleideraum.
„Ich lass dich mal alleine.“ Sacht fuhr seine Hand über meine Brust, dann hauchte er mir einen Kuss auf die Lippen und verschwand.
Da stand ich nun, Mitten in seinem Schlafzimmer und spürte den brennenden Abdruck, den seine Lippen auf den meinen hinterlassen hatten. Leise seufzte ich, fuhr mir durchs Haar und öffnet meine Tasche. Ich suchte nach meiner Waschtasche und betrat das Bad.
Flauschige Handtücher fand ich auf einem Edelstahlgestell, ordentlich gefaltet und nach Farben sortiert. Ich entschied mich für ein schwarzes Duschhandtuch und hängte es auf einen Haken neben der Duschkabine. Da in einem kleinen viereckigen, gefliesten Loch Duschbad und Shampoo standen, zog ich mich aus, legte meine Sachen auf den kleinen Hocker, der neben er Wanne stand und ignorierte meine Waschtasche.
Ich regulierte das Wasser, bis es eine für mich angenehme Temperatur besaß. Mit den Händen stützte ich mich an der gefliesten Wand ab und ließ meinen Gedanken freien Lauf.
Ka hatte mich geküsst und damit unzählige Gefühle in mir freigesetzt. Sein Kuss war der erste hier und auch der letzte in Thailand gewesen. Er war der erste und einzige Mann, den ich je geküsst hatte. Es gab niemanden sonst. Ka war der einzige, dem ich vertraute und den ich an mich ranließ. Niemand sollte jemals die Narben sehen.
Schmerzhaft drangen die Erinnerungen in mir hoch. Ich spürte die Hand, die mich von Ka wegriss, fühlte die brennenden Schläge auf meinem Rücken und biss mir fest auf die Lippe, um nicht laut zu schreien.
Ich konnte vor meinen Erinnerungen nicht weglaufen. Sie waren ein Teil von mir und würden es wohl immer sein. Eiskalt rann es mir durch den Körper. Selbst die warmen Wasserstrahlen konnten die Kälte nicht vertreiben.
Ich hasste ihn, den Mann, der mein Vater war und der mein Leben, in nur ein paar Minuten zerstörte. Die Wunden auf meiner Haut waren verheilt, aber die Wunden in mir, lagen noch immer bloß und hatten sich nie geschlossen.
Ich war Kas Mutter unglaublich dankbar dafür, dass sie alles getan hatte, damit die Wunden auf meinen Rücken nicht zu hässlichen Narben wurden, aber gegen den Schmerz in mir, hatte auch sie nichts tun können.
Noch immer spürte ich Kas Finger, die jeden Abend und jeden Morgen sanft ein Antinarbengel aufgetragen und einmassiert hatten. Ich erinnerte mich gut an die Laserbehandlungen und das Abschleifen, damit die Narben nicht mehr so wulstig wirkten. Alles erdenklich Mögliche hatte Kas Mutter getan, damit ich nicht jeden Tag vor mir selber erschrak. Natürlich konnte sie nicht zaubern. Die Narben würden mich mein ganzes Leben lang begleiten und dies nur, weil ich schwul war.
Tief in mir brodelte die Wut. Ich spürte, wie sie nach und nach immer mehr Platz forderte. Meine Hände bildeten sich zu Fäusten. Hart drangen die Nägel in meine Handballen. Ich wollte nur noch schreien und alles rauslassen, bevor ich dem Drang in mir jedoch nachgeben konnte, legte sich eine Hand auf meine Schulter.
Panik keimte in mir auf. Mit einem Ruck entzog ich mich den Fingern und wirbelte herum, bereit mich zu verteidigen, als ich in sorgenvolle, mir sehr vertraute dunkle Augen schaute. Erleichtert schluchze ich auf und fand mich in den Armen meines Freundes wieder.
„Du bist in Sicherheit.“

Ende
© by Tam Sang
September 2022 / 2565
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