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2022 09 23: Retterkomplex [by Satyrical]

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / Gen
Iori Tsukimitsu Taishi Touma Toru Shirota
23.09.2022
23.09.2022
1
1.715
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23.09.2022 1.715
 
Tag der Veröffentlichung: 23.09.2022
Titel der Geschichte: Retterkomplex
Song: Gib mir eine Chance von Lukas Litt
Autor: Satyrical
Kommentar des Autors: Erstmal eine kleine Content bzw. Trigger Warnung für Kindesmissbrauch (nicht graphisch beschrieben).
Huh. Ich habe lange nichts mehr für Servamp geschrieben, dabei ist es zusammen mit My Hero Academia eins meiner liebsten Fandoms. Es hat ein wenig gedauert, wieder in die Charaktere hereinzukommen, aber ich bin trotzdem recht zufrieden.


Tooru liebte es Menschen zu helfen. Es gab ihm einen Sinn im Leben, eine Aufgabe, ein Ziel welches er verfolgen konnte. Es machte ihn glücklich, die Menschen lächeln zu sehen oder lachen zu hören und es gab ihm ein warmes Gefühl in seiner Brust.

Er hatte immer gedacht, es wäre einfach jemandem zu helfen, die Hand nach ihm auszustrecken.
Und doch gab es da diesen einen Jungen der seine ausgestreckte Hand mit scharfen Worten von sich wies, den seine Worte nicht erreichten.

-

Sie waren vielleicht vier oder fünf Jahre alt gewesen, als sie sich das erste Mal begegneten, aber Taishi hatte viel jünger gewirkt, viel kleiner - nicht körperlich, bereits damals war er ein gutes Stück größer gewesen als er, aber..

Schwach. Verletzlich. Er hatte große grüne Augen, die nie den Kontakt zu seinen suchten, stattdessen starr auf den Boden vor sich gerichtet waren, die Musterungen im Laminat verfolgten als könne er sich so an einen anderen Ort wünschen.
Tintenschwarze Haare fielen unordentlich in sein Gesicht, ein scharfer Kontrast zu seiner kreidebleichen Haut, zittrige Hände zupften unablässig am löchrigen Stoff seines Pullovers.

So wie er dort stand, alleine, in sich gekehrt und nervös, wirkte er wahrlich fehl am Platz zwischen den spielenden und lachenden Kindern. Er hatte Tooru schlichtweg leidgetan.

Er wusste nicht, was im Kopf des fremden Jungen vor sich ging, aber das musste er auch gar nicht, um zu tun, was er für richtig hielt. Er streckte ihm die Hand hin und lächelte ihn an.

"Willst du mit mir spielen?"

Die Ablehnung des Jungen kam schnell und scharf und unerwartet.

"Lass mich in Ruhe."

-


Sie waren zwölf Jahre alt, Mittelschüler, als Tooru zum ersten Mal Taishis Narben sah.

Sie hatten sich für den Sportunterricht umgezogen und beinahe hätte er erschrocken aufgeschrien, als er die Unmengen an Narben erblickte, die Taishis Brust und seinen Rücken zierten, seine Wirbelsäule herunterkrochen, seine Beine tüpfelten.

Es waren  kreisrunde... Löcher, stellte er erschrocken fest, die sich tief in die blasse Haut des Jungen gegraben hatten.  Nein, gebrannt - es waren Verbrennungen, wurde ihm bewusst, solche, wie sie eine Zigarette verursachen würde, wenn...

Oh Gott.

Ihm war übel. Seine Gedanken rasten mit so einer Geschwindigkeit durch seinen Kopf, dass ihm schwindelig wurde, und er dankbar dafür war auf einer Bank zu sitzen.

Wer würde so etwas tun? Und... Warum war es noch niemandem aufgefallen? Taishi war schon immer ein Außenseiter gewesen, er verbrachte die Pausen alleine und soweit Tooru es beurteilen konnte hatte er innerhalb der Klasse auch keine Freunde, aber...

Er wünschte, er hätte es früher gesehen. Er wünschte er hätte es gar nicht gesehen. Warum zum Teufel ging ihm das alles so verdammt nahe?

Die Trillerpfeife seines Lehrers riss ihn aus seinen widersprüchlichen Gedanken, und obwohl er stets mit großer Begeisterung an den verschiedenen Sportangeboten teilgenommen hatte konnte er sich heute auf kein einziges von ihnen konzentrieren.

-

"Hast du seine Narben gesehen?"

Iori zuckte mit den Schultern. "Das geht uns nichts an."

Fassungslos starrte Tooru seinen Freund an. Dieser lächelte wie immer und wirkte, ganz anders als er, kein bisschen bekümmert über das groteske Bild was sich ihnen in der Umkleide geboten hatte.

"Sag mal, Tooru.. Haben deine Eltern dir nie gesagt, dass du dich von ihm fernhalten sollst?"

"Von ihm fernhalten? Wieso das?"

"Er kommt aus einer schlechten Familie," kam die unbefriedigende Antwort. "Es ist keine gute Idee, sich mit.." für einen Augenblick schien Iori nach dem richtigen Worten zu suchen, "Mit... Menschen wie ihm abzugeben."

"Menschen wie ihm? Er kann doch nichts dafür, in was für eine Familie er geboren wurde!"

"Schlechte Väter zeugen schlechte Kinder", sprach Iori unbekümmert weiter und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. "Aus schlechten Eltern kann kein gutes Kind entstehen, so einfach ist das."

"Womit nimmst du dir das Recht, so etwas zu sagen? Nur weil du in eine reiche Familie geboren wurdest... Du hast doch keine Ahnung wie es ist, echte Probleme zu haben!"

Ioris magische Barriere fing nur knapp den Schlag ab, welcher für sein Gesicht gedacht war. Am liebsten hätte Tooru es gleich noch einmal versucht. "Aber Tooru." Iori lachte und hob unschuldig die Hände. "Ich will nicht mit dir streiten. Wir sind doch Freunde."

"Dann solltest du mal nachdenken bevor du redest! Hörst du dich eigentlich selber?? Du-"

Bevor Tooru weiter auf seinen Freund einreden konnte unterbrach ihn ein lautes Hupen.

"Das ist dann wohl meine Mutter. Bis Morgen, Tooru!" Und damit war Iori auch schon verschwunden.

-

"Hey... Taishi, oder?" Tooru lachte unsicher, fuhr sich mit einer Hand in die unordentlichen braunen Haare.  Obwohl sie den selben Kindergarten und die selbe Grundschule besucht hatten kannte er den schwarzhaarigen Jungen kaum - er war äußert unregelmäßig erschienen, erinnerte er sich, und an den Tagen an denen er da war war er wie ein Schatten - so still und leise, dass man ihn mit Leichtigkeit übersehen konnte.

"Was?"  

"Können wir kurz reden? Bitte? Es ist wichtig..."

Taishi verdrehte die Augen, setzte sich dann allerdings doch auf die niedrige Steinmauer hinter sich. "Wenn es sein muss."
Er zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche. Das Rauchen auf dem Schulgelände war strengstens untersagt, aber das wusste Taishi sicherlich selber, also unterließ er es, ihn darüber zu belehren. Das taten die Lehrer sicher bereits oft genug.

Er nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel bevor er diese auch Tooru anbot. Dieser schüttelte mit einem unsicheren Lächeln den Kopf.

"Ah.. Nein Danke, ich rauche nicht."

"Also. Was willst du von mir?"

"Gestern.. In der Umkleide..." Vielleicht hätte er sich vorher überlegen sollen, was er sagen wollte. So extrovertiert, wie er normalerweise war, hatte er sich darüber gar nicht erst Gedanken gemacht, aber jetzt wo er so vor Taishi stand war sein Kopf wie leergefegt.

Dieser zog nur mit einem resignierten Seufzen an seiner Zigarette. "Du meinst meine Narben", stellte er fest. "Meine Eltern nennen mich nicht umsonst Aschenbecher."

Tooru starrte ihn überrascht an. Ehrlich gesagt hatte er gar nicht erst mit einer Antwort gerechnet, noch weniger mit einer derart direkten. Das musste auch Taishi gemerkt haben, denn dieser lachte.

"Was? Dachtest du, ich würde ein großes Geheimnis daraus machen?"

"Ich... Brauchst du Hilfe...?"

"Was willst du schon machen? Mit dem Jugendamt reden? Oder gleich mit meinen Eltern?" Taishis Lippen formten ein Grinsen. "Du hast doch keine Ahnung, Shirota."

"Ich will dir doch nur-"

"Spiel dich gefälligst nicht auf wie ein Ritter in strahlender Rüstung, okay? Ich brauche deine Hilfe nicht."

Taishi drückte die Zigarette in seiner Hand an seinem Arm aus. Anders als sein Oberkörper waren seine Arme weitestgehend frei von Verbrennungen, die Haut kreidebleich und unberührt. Vermutlich hatten seine Eltern Angst gehabt, jemand könne die Verletzungen ihres Sohnes sehen.

"Ein Rat noch für dich, Shirota: Hör auf dich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen."

-

"Die Leiche von Vizeabteilungsleiter Touma wurde noch nicht gefunden."

Tooru wusste nicht, was er von dieser Aussage halten sollte.

Zum einen klammerte er sich noch immer an die Hoffnung, Touma könnte den Einsturz der Abteilung überlebt haben - so große Schwierigkeiten er seinem Neffen Mahiru auch bereitet hatte, er war noch immer sein Freund.

Zum anderen wünschte er sich, er könne sich von ihm verabschieden, ihn vernünftig zur Ruhe legen, so wie es jeder Mensch und jeder Magier nach seinem Tod verdient hatte.

"Was sollen wir tun, Abteilungsleiter?" fragte einer seiner Mitarbeiter und blickte erwartungsvoll zu Iori. Dieser tippte gedankenverloren auf den dicken Stapel Papiere herum, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.  

"Was denkst du, Tooru?"

"Wir werden ihn wohl oder übel als verstorben abheften müssen." Er seufzte leise. Es tat weh, einen seiner besten Freunde so leicht abzustempeln, aber nach all dem Drama, für welches er innerhalb der Organisation gesorgt hatte... Vielleicht wäre es besser, ihn für tot zu erklären, selbst wenn er noch irgendwo da draußen war. Immerhin würde ihn so niemand für seine Taten verfolgen.

"Er hat keine Angehörigen, die ihn vermissen werden, von daher..." Iori lächelte. "Ist es wohl nicht weiter wichtig."
Ich werde ihn vermissen, dachte Tooru still, aber abgesehen von Toumas Nachfolger Tsurugi war er mit diesem Gefühl vermutlich tatsächlich alleine.

"Ehrlich gesagt... Kommt mir das alles gerade Recht." Iori lachte leise, und fuhr sich durch die graublonden Haare. "Dead men tell no tales... Wir können die ganzen Probleme einfach Touma in die Schuhe schieben."

"Iori..." Toorus Gesicht verfinsterte sich. Auch Iori hatte Touma, nach einigen Startschwierigkeiten, seinen Freund genannt. Iori war schwer zu lesen, das musste Tooru  schon zugeben - selbst nach langjähriger Freundschaft wusste er nur selten, was im Kopf des Blonden vor sich ging. Aber es fiel ihm schwer zu glauben, dass seine Freundschaft mit Touma keine echte war. Dafür hatte er mit ihr zu viel aufs Spiel gesetzt.

Nein, er war ohne Zweifel sein Freund gewesen. Aber die Art, wie er über ihn sprach... So abgeklärt und emotionslos... Vielleicht musste man so sein, wenn man einen derart hohen Rang bekleidete wie Iori. Dennoch fühlte es sich falsch an.

"Ich scherze, ich scherze. Man spricht nicht schlecht über Tote, so ist es doch, nicht?"

Er war sich sicher, dass Iori noch weitersprach, doch er hatte es nicht mehr in sich, ihm weiter zuzuhören. Seine Gedanken waren woanders, waren bei Touma.

Hätte er das Ende der Geschichte vorraussehen können? Hätte er es ändern können, wäre er nur ein wenig hartnäckiger gewesen, hätte er darauf bestanden, ihm zu helfen?

Wenn Touma ihm nur eine Chance gegeben hätte, ihn zu retten...
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