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Das Amulett des Magiers

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Fantasy / P12 / FemSlash
22.09.2022
27.09.2022
4
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22.09.2022 4.106
 
Samira

Es war ein verregneter Freitagmittag, als sich Samira Leben für immer verändern sollte.
Das 16 jährige Mädchen saß in der Schule und starrte mit einem besorgten Blick aus dem Fenster.
War sie besorgt? Ja. Sie hatte den ganzen Tag schon ein seltsames Gefühl gehabt. Irgendetwas stimmte nicht, aber sie wusste nicht was.
Vielleicht hatte es etwas mit en Wetter zu tun. Es war den ganzen Tag schon windig gewesen, in der letzten Stunde des Schultages, hatte sich der Himmel aber schlagartig verdunkelt. Es sah aus, als hätte sich plötzlich ein dunkler Schleier über die Sonne gezogen und den ganzen Himmel bedeckt. Sie wusste nicht warum, aber dieses Wetter machte sie nervös.
Normalerweise mochte sie Gewitter. Sie mochte das drückende Gefühl, bevor es einen Wolkenbruch gab. Sie liebte das Gefühl von kaltem Regen auf ihrer Haut. Es beruhigte sie und gab ihr ein Gefühl von Freiheit und kam ihr immer erfrischend vor.
Doch irgendetwas an dem heutigen Wetter verstörte sie. Der Wind klang wie ein düsteres heulen in ihren Ohren und die Bäume schienen sich so weit zu neigen, als würden sie nach den vorbeilaufenden Passanten greifen. Bei jeder neuen Böe stellten sich Samiras Nackenhaare auf. Es fühlte sich so an, als würden tausende von kleinen Ameisen unter ihrer Haut krabbeln und sie mochte dieses Gefühl nicht. Ganz und gar nicht.
Sie versuchte immer wieder sich auf den Unterricht zu konzentrieren, aber die monotone Stimme ihres Mathelehrers half auch nicht wirklich weiter.
Stattdessen schweiften ihre Gedanken ab.
Sie musste an ihren besten und leider auch einzigen Freund Shawi denken.
Zu Shawi gab es nicht viel zu sagen. Außer, dass er ein kleiner Drache war, der nicht länger war als die Länge von Samiras Ellbogen zu ihren Fingerspitzen. Anders gesagt, er war wirklich nicht sehr groß. Aber wenn andere Leute ihn sehen würden, wäre ihre erste Reaktion bestimmt Angst. Shawis Schuppen schimmerten wie schwarte Obsidiane und seine Augen hatten die Farbe von frischer Glut. Außerdem waren seine Zähne nicht gerade klein und sahen auch alles andere als ungefährlich aus.
Doch Samira wusste, dass er keine Gefahr war.
Ganz im Gegenteil. Der Drache hatte meistens Angst vor seinem eigenen Schatten. Was auch der Grund dafür war, dass sie sich jetzt Sorgen machte. Denn im Gegensatz zu ihr fürchtete er sich sehr vor Gewittern.
Das hatte wahrscheinlich etwas damit zu tun, wie die Beiden sich getroffen hatten.
Samira war 12 Jahre alt gewesen und ihr Bruder Damian war gerade erst zu ihrer Tante ins nahe gelegene Dorf gezogen und sie war seitdem nicht ganz einfach gewesen.
Sie war launisch und hörte weder auf ihren Vater noch auf ihre Stiefmutter. Anders gesagt, sie stritten sich die ganze Zeit und es wurde immer viel rumgeschrien.
An diesem Tag auch. Ihr Vater hatte sie auf ihr Zimmer geschickt. Doch Samira war dort nicht geblieben.
Seit sie denken konnte, war sie in der Lage magische Wesen zu sehen, die andere Leute nicht sehen konnten. Früher war das in Ordnung gewesen, doch je älter sie wurde, desto besorgter wurden ihre Eltern. Das ein 5-jähriges Kind noch mit imaginären Freunden spielte, war ja noch irgendwie normal. Aber mit 12 war das nicht mehr so. Aber Samira wusste, dass ihre Freunde echt waren. Und obwohl andere Menschen sie nicht sehen konnten, reagierten Tiere auf sie. Sie wusste, dass es sie gab und es war ihr gut gehütetes kleines Geheimnis. Warum gerade sie magische Wesen sehen konnte, wusste sie nicht. Aber das hatte sie, gerade als Kind, wenig interessiert.
Damals vor vier Jahren halfen ihr ihre Freunde. Samira war aus dem Fenster geklettert und sie hatten ihr geholfen sicher über den Balkon herauszuklettern. Die kleinen Feen hatten sie an ihren Armen gehoben als sie sprang und hatten dafür gesorgt, dass sie sanft auf dem Boden aufkam.
Dann war Samira gerannt. Die Straße hinunter und immer weiter. Sie war so voller Wut und Frust gewesen, dass es ihr egal war, wohin. Einfach nur weg.
Irgendwann war sie in einem Wald angekommen. Ein Wind war aufgezogen und hatte angefangen immer stärker zu werden. Und Samira war allein im Wald. Sie wusste nicht mehr wo sie war und ihre Freunde hatten sich wegen dem Sturm versteckt. Samira rief nach ihnen, aber sie bekam keine Antwort. Ängstlich war sie weiter gegangen, doch sie wusste nicht ob sie in die richtige Richtung ging. Sie wusste nicht was sie tun sollte.
Plötzlich hatte sie ein Geräusch hinter sich gehört. Samira hatte es am Anfang nur für ein Geräusch von dem Sturm gehalten. Doch dann hörte sie es wieder. Es war ein Wimmern.
Samira wollte erst weiterlaufen, doch irgendetwas an dem Geräusch hinderte sie daran das zu tun. Stattdessen hatte sie sich dafür entschieden nach der Quelle des Geräusches zu suchen.
Und sie fand diese auch. Im Dickicht versteckte sich ein kleines zitterndes Wesen.
Am Anfang konnte Samira nichts genaueres erkennen, bis auf seine rotglühenden Augen und der stark zitternde Körper.
Samira, sie schon damals klein für ihr Alter war, drängte sich zwischen den Ästen zu dem Wesen hin und sprach beruhigend auf es ein.
Da bewegte es sich und Samira konnte erkennen das es sich um einen kleinen Drachen handelte. Er schien er in einer Art Falle festzustecken. Vorsichtig hatte Samira ihn daraus befreit. Doch dabei musste sie feststellen, dass etwas mit seinem Flügel nicht stimmte.
Sie hatte ihn in den Arm genommen und dort versteckt zwischen den Ästen gewartet bis der Sturm nachließ. Dabei beruhigte sie die Wärme die der Drache ausströmte und auch er hörte auf zu zittern.
Tatsächlich hörte der Sturm kurz danach auf. Samiras magische Freunde kamen zurück und halfen ihr nach Hause zu finden. Dort angekommen, suchten schon ihr Vater und ihre Stiefmutter nach ihr. Samira versteckte den Drachen in ihrem Rucksack bevor sie ihn sehen konnten. Selbst wenn sie magische Wesen eigentlich nicht sehen konnten, bestand die Gefahr, dass sie ihn für eine streunende Katze hielten und das wollte sie nicht riskieren.
Ihre Eltern waren auf jeden Fall richtig sauer gewesen und sie hatte sich eine lange Standpauke anhören müssen und am Ende war es auf zwei Wochen Hausarrest hinausgelaufen.
Doch das war jetzt kein Problem mehr für Samira. Denn jetzt hatte sie einen neuen Freund, der in ihrem Zimmer lebte. Shawi, wie sie den Drachen nannte, lebte jetzt unter ihrem Schreibtisch. Samira hatte ihm dort ein kleines Lager gerichtet. Doch meistens legte er sich zu ihr ins Bett, wenn sie da war.
Sie hatte ihm beigebracht sich in ihrem Schrank zu verstecken, wenn er ein Geräusch vor der Tür hörte. Damit er wusste, dass es sich um sie handelte, hatten sie ein Klopfzeichen vereinbart. Wenn Samira ihr Zimmer betrat, klopfte sie kurz an die Tür. Dann wusste er, dass sie es war und dass er sich nicht verstecken brauchte.
Samira hatte auch versucht seinen Flügel zu richten. Die Wunde war zwar verheilt, aber irgendetwas stimmte immer noch nicht. Er konnte zwar damit fliegen, aber er konnte keine langen Strecken zurücklegen und musste viele Pausen machen. Sie wusste nicht wie sie ihm sonst helfen konnte, aber mit der Zeit hatten sich beide daran gewöhnt.
Aber eine Sache die sich nie verändert hatte, war Shawis große Angst vor Gewittern. Samira versuchte immer bei ihm zu sein und ihn zu beruhigen, aber leider ging das nicht immer. So wie an diesem Tag.
Sie seufzte. Sie wollte eben nur noch heim. Sie fragte sich eh wofür die das ganze brauchte. Samira verstand nicht, wovon ihr Lehrer sprach und ihr war ja klar, dass sie nichts davon behalten würde.
Und das seltsame Gefühl machte das ganze auch nicht besser. Vorsichtig sah sie sich um. Ihre Mitschüler hörten alle aufmerksam zu. Oder besser gesagt die meisten Taten das.
Nora in der letzten Reihe zum Beispiel schlief wieder, Markus saß am Handy und Lucy und Melina redeten leise mit einander. Der Rest sah auch eher müde als aufmerksam aus. Der Einzige der vielleicht tatsächlich aufpasste war Oliver, aber er war immer so.
Sie kannte ihre Klasse nicht so gut und das obwohl sie schon seit zusammen waren.
Aber Samira hatte Probleme damit, Kontakte zu knüpfen und außerdem gab es genug Gerüchte darüber, wie seltsam sie war, um ihre Mitschüler von ihr fern zu halten. Das sie älter war als die Meisten, da sie später eingeschult worden war, half auch nicht weiter. Ihre meisten Mitschüler waren 15, eine sogar erst 14 und auch wenn es kein großer unterschied war, war es für sie nur noch ein weiterer Grund, warum sie sich fehl am Platz fühlte.
Und schon wieder negative Gedanken.
Samira seufzte. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die sich auf den Unterricht konzentrieren würde.
Also richte sie den Blick wieder nach vorne.
Ihr Mathelehrer war ein kleiner Mann. Er hatte nur noch drei Haare auf dem Kopf, die er immer versuchte irgendwie zu stylen, was ihm aber natürlich nicht gelang. Er war dünn und trug ein Hemd und Jeans. Wie immer. Manchmal fragte sich Samira, ob er keine anderen Sachen im Schrank hatte.
Er sprach gerade irgendetwas über Gleichungen und das hatte definitiv nichts mit der Aufgabe die sie gerade Bearbeiteten. Also so kam es Samira jedenfalls vor.
Es dauerte nicht lang und sie verlor schnell wieder den Anschluss und entschied sich kurzerhand dazu, dass es ja offenbar doch keinen Sinn machte zu zuhören, wenn sie eh nichts verstand und sah wieder aus dem Fenster.
Plötzlich sah Samira aus ihrem Augenwinkel einen Blitz über den Himmel zucken. Gleichzeitig hörte sie ein Geräusch, das nach einem lauten, grellen Schrei klang. Es war so plötzlich und laut, dass Samira erschrocken aufsprang.
Sie selbst schien unter Strom zu stehen und das Kribbeln unter ihrer Haut nahm augenblicklich zu. Es half nicht, dass sie nun von jedem aus ihrer Klasse angestarrt wurde. Eine Situation die sich für die wie ein purer Albtraum anfühlte.
Sofort spürte Samira wir ihr die Röte ins Gesicht stieg.
Sie viel eigentlich nie in der Schule auf und das war auch so von ihr geplant. Alleine bei Präsentationen bekam sie Herzrasen und blanke Panik. Und jetzt waren einfach alle Blicke auf sie gerichtet. Und sie hatte nichts zu sagen.
„Stimmt irgendetwas nicht, Samira?“, fragte ihr Lehrer.
Samira schluckte. Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an.
„Äh, nein. Tut mir leid.“, sagte sie leise.
Herr Krissner kniff die Augen zusammen.
„Könntest du bitte Lauter reden. Hier vorne versteht man nichts.“
Samira räusperte sich. Sie zwang sich aufzuschauen und sagte nun etwas laute: „Es ist nichts. Tut mir leid.“
Das schien ihrem Lehrer zu reichen. Er widmete sich wieder seinem Unterricht,
Mit hochrotem Kopf setzte sie sich wieder hin und sah auf ihren Tisch.
Ein paar ihrer Mitschüler tuschelten miteinander und sie hörte jemanden das Wort „Freak“ murmeln. Samira ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte nicht zu schreien. Ihr Herz fing an zu rasen und sie brach in Schweiß aus. Irgendwie fühlte sich an diesem Tag alles noch schlimmer an, also an anderen Tagen.
In dem Moment hatte sie auf einmal das Gefühl beobachtet zu werden.
Samira sah wieder auf. Vorsichtig um nicht wieder die Aufmerksamkeit der Anderen auf sich zu ziehen, sah sie sich um. Ihre Klasse hatte sich wieder dem Unterricht zugewandt. Alles schien vergessen und niemand beachtete sie.
Das galt jedoch nicht für ein Mädchen in der letzten Reihe.
Sie hatte kinnlange, ungleichmäßig geschnittene Haare, deren Farbe Samira an Honig erinnerte. Ihre Augen waren dunkel und warm, wie Schokolade. Doch jetzt waren sie zusammengekniffen und voller Misstrauen. Ihre Haut war gebräunt, so als würde sie viel Zeit draußen verbringen. Sie sah sportlich aus und trug wie immer irgendwelche schwarzen oder grauen basic Shirts oder Hoodies und Jeans.
Melina Albers.
Samira konnte nicht genau sagen warum, aber in Melinas Nähe wurde sie immer nervös, ihr Herz fing an schneller zu schlagen und sie bekam fast kein Wort heraus.  
Und jedes Mal nervte es Samira. Sie war sich immer viel zu bewusst, wenn Melina in ihrer Nähe war. Das war jetzt schon seit zwei Jahren so. Es gab keinen genauen Grund warum das auf einmal passiert war. Sie wusste einfach nur, dass Melina ihr irgendwann einfach aufgefallen war und ihr nun nicht mehr aus dem Kopf ging. Es war einfach passiert.
Samira erwischte sich immer wieder wie sie unbewusst Melina anstarrte. Zum Glück war dieser das noch nicht aufgefallen. Samira schien aus Melinas Sicht wahrscheinlich eh nur am Rande zu existieren. Sie schenkte ihr jedenfalls nie wirklich Beachtung. Darum schien sie auch nicht zu merken, dass Samira ihr immer wieder sehnsüchtige Blicke zuwarf.
Aber nicht jetzt. Jetzt war es ganz und gar nicht so wie sonst.
Während alle anderen anfingen den Aufschrieb von der Tafel mitzuschreiben, starrte Melina einfach weiter direkt in Samiras Richtung. Diese wusste nicht, was sie tun sollte.
Unsicher drehte Samira sich wieder zur Tafel und versuchte sich noch einmal auf den Unterricht zu konzentrieren. Dabei schlug ihr Herz wie verrückt und sie merkte, wie sie noch roter wurde. Dabei spürte sie jedoch die ganze Zeit Melinas Blick im Nacken.
Anders gesagt, aus dem Konzentrieren wurde nichts.

Melina

Melina hasste Mathe. Es lag nicht daran, dass sie nichts verstand, ganz im Gegenteil. Es fiel ihr eigentlich ziemlich leicht. Das Einzige was sie immer nervte war, dass ihr Lehrer immer den schwersten Weg zur Lösung wählte. Das machte einfach keinen Sinn aber sie wollte nicht wieder den Fahler machen, ihn darauf anzusprechen.
Das hatte sie schon einmal getan und es endete in einer ewig langen Diskussion darüber welcher Rechenweg einfacher wäre und dass es ja nicht darum ging, dass sie es rechnen konnten, sondern dass sie es verstanden. Wobei sich Melina dachte, dass es so einfach erst recht niemand verstand.
Immer wieder warf Melina einen Blick auf ihre beste Freundin Lucy, die sich schwer konzentriert Notizen machte.
Genau wie sie, konnte Lucy Mathe nicht leiden. Aber aus einem völlig anderen Grund, als Melina. Sie war unglaublich gut, in allem was mit Sprache und Wörtern zu tun hatte. Melina hatte schon so oft versucht ihr Mathe zu erklären und war jedes Mal verzweifelt daran gescheitert. Lucy meinte einmal, dass das alle für sie absolut keinen Sinn machte. Dass sie unglaublich ungeduldig war und sich einfach nicht so lange konzentrieren konnte, bis sie die Lösung zu einer Aufgabe gefunden hatte. Das machte es für Melina nicht gerade einfacher ihr zu helfen und irgendwann hatte sie einfach aufgegeben.
Einmal hatte sie das auch zu ihrem Lehrer gesagt, was auch wieder ein Fehler gewesen war. Das Einzige was er zu ihrem Problem gesagt hatte war, dass Mathe eine Sprache sei und ihre Aussage darum keinen Sinn machte.
Jetzt war „Mathe ist eine Sprache“ ein Witz zwischen den Freundinnen.
Auf jeden Fall war es keine Überraschung für Melina, als Lucy ihren Stift nach nur wenigen Minuten zur Seite legte und sich zu ihr drehte.
„Das geht doch einfach nicht. Wer hat sich das denn bitte ausgedacht? Ich kann das nicht mehr.“
Melina grinste.
„Wow, ganze 15 Minuten, ich bin stolz auf dich.“
Lucy verdreht die Augen.
„Äh ja, ist auch besser so. Ganze fünf Minuten mehr als sonst! Ich sollte nen Preis dafür bekommen.“
Melina lachte und schüttelte leicht den Kopf.
„Wenn du willst kann ich es dir später nochmal erklären.“
Lucy warf ihr einen seltsamen Blick zu.
„Wow, heißt das wir treffen uns nach der Schule? Heißt das du hast endlich mal Zeit und deine verrückte Familie lässt dich mal nen Nachmittag mit Freunden verbringen? Was ist denn auf einmal los?“
Melina verzog das Gesicht. Dieser Kommentar hätte sie kommen sehen müssen.
„Nicht was ich gemeint habe, aber wir haben auch so etwas, wie eine Pause und ich denke mal das ist genug Zeit um dir das zu erklären.“
Lucy machte einen Schmollmund.
„Ach komm schon, ist das dein Ernst? Wir sind jetzt seit Jahren befreundet und wie oft haben wir uns getroffen? Zwei Mal für nur ein paar Stunden? Melina Albers, so behandelt man nicht seine Freunde! Du kannst froh sein, dass ich so verständnisvoll bin und deine Familiensituation akzeptiere.“
Melina nickte.
„Ja, du biste die beste Freundin die sich jemand wie ich wünschen könnte.“
Dabei dachte sie sich aber, dass es so ja eigentlich nicht stimmt. Wenn Lucy die Wahrheit über ihre Familie wüsste...Melina war sich sicher, dass sie sie dann als mehr als ein bisschen verrückt bezeichnen würde. Vielleicht eher gestört, oder psycho.
Aber Melina würde ihre Familie höchstens als speziell, beschrieben. Oder einfach sehr ihrer Sache verschrieben. Was auch Sinn machte, denn ohne die Organisation, zu der sie gehörten, wäre die Welt ein schrecklicher und sehr gefährlicher Ort.
Sie waren das Einzige was Menschen, wie Lucy und all ihre andern unwissenden Klassenkameraden, vor den Monstern und Biestern beschützen, die überall lauerten und nur darauf warteten, sie zu töten.
Denn ja, Monster existierten. Und sie waren überall. Lauerten in den Schatten von engen Gassen, in alten Ruinen und leerstehenden Gebäuden, in den Wäldern in denen unwissende Leute gerne spazieren gingen und am Gefährlichsten, sie gaben sich oft als normale Menschen aus, bis sie ihre wahre Natur zeigten.
Es war Melinas Job diese Monster ausfindig zu machen und zu töten. Der Job ihrer ganzen Familie. Seit Jahrhunderten gab es ihre Organisation, die dafür sorgte, das andere Menschen sicher waren.
Und sie hatten schon einiges geschafft. Viele übernatürliche Wesen gab es zum Glück schon nicht mehr. Drachen, zum Beispiel, waren genau wie Magier schon lange ausgestorben. Zum Glück. Diese Biester hatten schon massenweise Menschen auf dem Gewissen, bevor es den Jägern endlich gelungen war, sie zu auszulöschen.
Melinas Hand fuhr unbewusst zu der Kette, die sie um den Hals trug.
Sie war schlicht, einfach und aus echtem Silber. Der Anhänger erinnerte an einen Schmetterling. Eine dickere Linie in der Mitte und zwei Dreiecke an jeder Seite davon. Das Symbol war schon seit es ihre Organisation gab, ihr Zeichen. Doch seine Bedeutung war mit der Zeit verloren gegangen.
Melina und ihr Cousin Liam, hatten mal versucht dieses Geheimnis zu lüften, waren aber nicht weit gekommen. Aber es störte Melina auch nicht sehr.
Ob sie nun die Bedeutung kannte oder nicht, sie war Stolz darauf teil dieser Organisation zu sein. Stolz darauf, die Menschheit vor Monstern zu schützen. Und sie war gut darin.
Melina konnte übernatürliche Auren spüren. Es war etwas, das sie lange geübt hatte und sie war inzwischen eine der Besten in ihrer Gruppe. Wenn ein übernatürliches Wesen in der Nähe war konnte Melina es spüren. Außerdem wusste sie, je nachdem wie das Gefühl war, wie gefährlich es war. Das war eine große Hilfe für die Jäger, weswegen Melina sich dabei immer noch mehr anstrengte.
Zusammen mit ihrem Cousin war sie unschlagbar.
Er hatte gelernt Monster zu jagen, als er gerade dazu in der Lage war eine Waffe in der Hand zu halten. Sein Vater war der Anführer ihrer Gruppe und es war ihm sehr wichtig, dass Liam in seine Fußstapfen treten würde. Das war auch sehr lange gut gegangen. Bis vor ein paar Jahren.
Melina seufzte.
„Ach komm schon, so schlimm ist deine Familie doch nicht. War ja nur ein Scherz.“, riss Lucy sie aus ihren Gedanken.
Melina biss sich auf die Lippen.
Lucy war zwar ihre beste Freundin, aber sie wusste nichts von Melinas Leben. Genau so wenig wie alle anderen in ihrer Klasse. Und sie konnte es ihnen auch nicht einfach sagen.
Über die Jahre, mit dem Aussterben vieler magischer Wesen und der Entwicklung von Technik und Logik, verloren die meisten Menschen den Blick dafür das Übernatürliche zu erkennen. Sie würden sie selbst dann nicht erkennen, wenn man sie direkt in eine Troll Höhle führen würde.
Natürlich gab es immer noch Leute, die dazu in der Lage waren, magische Wesen zu sehen. Ein paar arme Leute waren einfach damit geboren und wurden wahnsinnig. Ander die damit geboren wurden wanden sich zu dunklen Mächten. Sie wurden zu Hexen oder Zauberern. Sie waren auch nicht besser als die Monster und waren sehr gefährlich.
Also zwang Melina sich zu einem Lächeln.
„Ich weiß.“
Dann drehte sie sich wieder nach vorne.
Melina versuchte angestrengt die Augen offen zu halten. Der heutige Tag schien gar nicht rum zu gehen. Das Einzige, was sie daran hinderte nicht einzuschlafen war das Wetter und das Gefühl, das es mit sich brachte.
Immer wieder warf sie einen Blick nach draußen. Der Himmel wurde immer dunkler. Es sah ganz so aus, als würde sich langsam ein Sturm aufbauen. Melina schauderte. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Und bei ihr bedeutete das selten etwas Gutes.
Gewitter an sich waren schon schlimm genug. Monster waren aktiver bei stürmischem Wetter. Sie verloren oft auch ihre Angst vor den Jägern und das war schlecht. Oft hielten sie sich versteckt. Nur bei Gewittern fühlten sie sich sicher genug um auch aktiv Menschen anzugreifen.
Und dieser Sturm fühlte sich wirklich nicht normal an. Ihr ganzer Körper kribbelte, so als ob tausende von kleinen Ameisen über ihrer Haut krabbeln würden. Anders gesagt der Sturm war noch gefährlicher.
Es gab magische Wesen, die Stürme hervorrufen konnten. Und ein großes Problem mit diesen Monstern war, dass sie auch andere Monster anlocken konnten.
Melinas Blick viel immer wieder auf die Uhr über der Tafel. Sie wollte nur noch nach Hause. Dort könnte sie sich auf den Kampf vorbereiten. Doch jetzt saß sie hier fest. Sie könnte so tun als wäre sie krank, aber dann würden ihre Eltern angerufen werden und das wäre gerade nicht gut.
Nervös fing sie an mit ihrem Bein auf und ab zu wippen. Die Minuten fühlten sich wie Stunden an und ihr Blick ging immer wieder von den zu langsam bewegenden Uhrzeigern zu dem stärker werdenden Sturm.
Melina schloss für einen kurzen Moment die Augen um sich etwas zu beruhigen, als das Gefühl plötzlich stärker werde und sie einen leisen Schrei in ihrem Kopf. Melina zuckte leicht zusammen. Erschrocken sah sie sich um. Keiner ihrer Klassenkameraden schien etwas gemerkt zu haben. Melina seufzte erleichtert aus.
Da sprang plötzlich Samira Rose ein paar Reihen vor ihr auf. Dabei stieß sie ihren Stuhl zurück, was ein lautes Geräusch von sich gab.
Lucy neben Melina zuckte zusammen.
Sie sah aus, als ob sie gerade aus einer Art Trance aufgewacht war.
„Was zum…“, murmelte sie und starrte Samira verwirrt an. „Was ist denn mit der los?“, flüsterte Lucy leise.
Melina schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung.“
Da war etwas in Samiras Blick als sie sich erschrocken umsah. Ihre blauen Augen, welche die Farbe von einem klaren Himmel hatten, sahen verwirrt, gehetzt und sehr panisch aus. Für einen kurzen Moment schienen sie auch leicht zu leuchten, aber da sie das sofort nicht mehr sah, tat Melina das als Einbildung ab.
Melina kniff die Augen zusammen und musterte ihre Mitschülerin misstrauisch.
So wie sie Samira kannte, falls man das überhaupt so nennen konnte, versuchte sie sich immer mehr im Hintergrund zu halten und nicht aufzufallen.
Aber wenn sie jemandem auffiel dann fielen einem auch die ungewöhnlicheren Dinge an ihr auf. Die unnatürlich dunkelroten Haare, deren Farbe nicht verblassen zu schien, so als wäre es ihre natürliche Farbe, die sie schon seit Melina sie kannte hatte. Dann war da die blasse Haut, die manchmal etwas kränklich aussah und die leichten Sommersprossen die sich über ihre Nase zogen. Und als letztes war da noch diese Sache, auf die Melina vor ein paar Wochen von Lucy hingewiesen wurde. Samira trug immer einen Choker oder ein Tuch um den Hals. Was auch immer es damit auf sich hatte, es interessierte Melina nicht wirklich. Samira war eben einfach nur eine eher ruhige Klassenkameradin gewesen, der sie nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Bis jetzt.
Manchmal vergaß Melina sogar, dass sie in ihrer Klasse war. Und dabei waren sie seit der 5. Klasse zusammen in einer Klasse, aber sie hatten bis auf ein paar Gespräche für Gruppenarbeiten oder anderen schulischen Sachen, nie miteinander gesprochen. In den Pausen saß Samira meistens auf ihrem Platz und las.
Melina hatte sie außerdem immer eher für schüchtern gehalten. Samira bekam ja schon wenn sie Aufgerufen wurde fast kein Wort heraus.
Und als Herr Krissner Samira ansprach schien diese auch wieder wie sonst auch in sich einzugehen.
Sie fiel in sich zusammen, so als ob jegliche Energie, die sie bis dahin gehabt hatte plötzlich aus ihr herausgepresst wurde. Sie sah zu Boden, wurde ziemlich rot und als sie sich beschämt wieder setzte, war der Vorfall auch schnell wieder vergessen.
Doch Melina blieb weiterhin skeptisch.
Was war das denn bitte gewesen? Hatte Samira den Blitz etwa gesehen?
Melina wusste plötzlich nicht mehr was sie von ihr halten sollte.
Sie fragte sich, ob Samira etwas gesehen hatte, was sie nicht hätte sehen dürfen.
Aber wie konnte das sein? Konnte Samira etwa die Fähigkeit haben, übernatürliche Wesen zu sehen?
Und wenn ja, auf welcher Seite stand sie? Woher hatte sie diese Fähigkeit?
Plötzlich war Melinas Interesse an dem Mädchen geweckt. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht.
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