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SMILE FOR THE DEVIL

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Bob Andrews Inspektor Cotta Justus Jonas Peter Shaw Skinner "Skinny" Norris
22.09.2022
25.09.2022
2
5.078
3
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22.09.2022 2.397
 
I would crash my car just to see you
I'm on a high-speed chase just to reach you


no matter how fast I go
I cannot reach the place



SMILE FOR THE DEVIL


Eins


„Unglaublich, dass ich drei kostbare Stunden meines Tages verschwendet habe. Vielen Dank auch“, grummelte Justus missmutig. Er wusste, dass es nichts brachte, sich über sein heutiges Date aufzuregen. Trotzdem stach es gewaltig in seinem Herzen. Eisern umklammerte seine Hand die Blumen. Er hatte den Strauß heute Morgen in der Stadt besorgt und mittlerweile ließen die Rosen durstig die Köpfe hängen. Ein enttäuschtes Lächeln legte sich auf seine Lippen.

Der Tag neigte sich dem Ende und die Sonne verschwand am Horizont. Ihre letzten Strahlen verliehen nicht nur seiner Haut einen Hauch Wärme, sondern färbten die umliegenden Gebäude in ein sattes Rot. Der Schein erstreckte sich über den Asphalt.

Im Licht erkannte er seine schwitzigen Fingerabdrücke auf der Folie, in die der Strauß gewickelt war. Es waren die Spuren seiner Nervosität. Das stundenlange Bangen hatte ihm jegliche Kraft geraubt. Und obwohl die Erschöpfung über ihn hereinbrach, schlenderte er weiter die Straße entlang und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Niedergeschlagen ließ er dabei die Schultern hängen. Ab und zu, wenn ein Auto vorbeifuhr, hob er den Kopf. Selbst in Zeiten wie diesen, wenn es wichtigeres gab, siegte seine Neugier. Vereinzelt drang laute Musik aus den Autofenstern. Bis zur nächsten Straßenecke lauschte er den Klängen, bevor sie in der Ferne davonrauschten. Und letztlich verstummten.

Dann war er wieder allein mit seinen Gedanken.

Er starrte auf den Gehweg vor sich. Seine Beine bewegten sich automatisch – zeigten ihm den Weg zurück zum Parkplatz. Von Weitem erkannte er das riesige Werbeschild, das vor dem Parkplatz stand, auf dem sein Motorrad auf ihn wartete. Keine drei hundert Meter von dort entfernt, hatte er seinen Tag in einer Eisdiele verbracht.

Justus hob den Kopf und schaute in den klaren Himmel. Der salzige Geruch des Meeres lag in der warmen Luft. Das Kreischen der Möwen schallte durch die Straßen. Sie stritten sich vermutlich um die Essensresten, die Touristen und Einwohner täglich in der Stadt verteilten.

Erbarmungslos steuerte Justus auf den nächsten Mülleimer zu. Dabei meckerte er: „Nie wieder! Peter wird sicher nicht erfreut sein, wenn er das erfährt. Besonders nachdem er so ein gutes Wort für sie bei mir eingelegt hat. Aber statt diesem Date fielen mir deutlich bessere Möglichkeiten ein, meine Zeit zu nutzen.“

„Ist das dein Scheißernst?“ Eine ihm bekannte Stimme schallte über die gesamte Straße und störte den Frieden.

Justus hielt inne. Seine Schuhsohlen verwuchsen mit dem Bürgersteig. Verstohlen sah er sich zuerst um und horchte. Die Enttäuschung über das Date verwandelte sich sofort in Gereiztheit, als er die Stimme erkannte. Sie jagte ihn in seinen Albträumen. Skinny fiel ihm eben immer auf, in jeder Situation. Egal wie viele Jahre sie sich nicht sahen, weil die Eltern seines Erzfeindes ihn wieder einmal ins Internat gesteckt hatten oder er im Knast gelandet war. Dieser unnachahmliche Unterton, der durch den Raum hallte, wenn er den Mund aufmachte, war sein Markenzeichen. Die pure Ironie und der Hohn, die wie Honig von seiner gespaltenen Zunge tropften, drehten Justus jedes Mal den Magen um.

Eine weitere Männerstimme meldete sich nun zu Wort. Sie war tiefer, aber schien genauso wütend. Die Stimmbänder des Fremden ertrugen keine weitere Zigarette mehr. Jeder Satz klang kratzig – kroch ihm unangenehm unter die Haut. Misstrauen nistete sich in seinem Brustkorb ein. Je näher er der Auseinandersetzung kam, desto schwieriger fiel es Justus, das Gefühl zu ignorieren.

Einerseits juckte es ihm in den Fingerspitzen, den Lauten nachzugehen und die Situation zu ergründen. Doch andererseits sehnte er sich nach seinem Bett. Sein Tag war anstrengend genug gewesen.

Im Vorbeigehen pfefferte er den Blumenstrauß in den Müll! Die Wucht erschrak die Wespen, die in dem Eimer hockten und sich an ihrem Festmahl satt aßen. Hektisch schwärmten sie in alle Richtungen aus und ließen die warmen Essensreste zurück. Justus scheuchte eine von ihnen, die ihm vor dem Gesicht herumflog, davon. Dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und lief ungerührt weiter.

Auf der rechten Seite erstreckte sich das Gelände des hiesigen Abschleppdienstes aus Rocky Beach. Ein wackeliger Holzzaun umschloss den Platz. Auf ihm thronte ein Geflecht aus Stacheldraht, indem sich eine Möwe verfangen hatte. Leblos und schlaff hingen ihre Flügel hinab. Der Draht hatte sich um ihren Hals gewickelt. Selbst von der anderen Straßenseite aus erkannte Justus den Schwarm Fliegen, der seine Runden um den Leichnam drehte. Eine Brise wehte ihm den Geruch des Todes entgegen. Er rümpfte die Nase. Sein Blick wandte sich von dem armen Tier ab.

Wenn sein Zaun eine Gefahr für die Vögel ist, könnte er wenigstens ein anständiges Begräbnis organisieren!

Justus beobachtete das Geschehen vor dem Eingang des Geländes. Ein stämmiger Mann im Overall umschloss mit der Hand das Gitter und schob das gusseiserne Tor zu. Im staubigen Boden erkannte er die Umrisse einer Schiene, durch die die Rädchen des Tores glitten. Das Quietschen war so laut, dass im Nachbarsgarten ein Hund mit einem Jaulen antwortete. Mit einem Knall schlug es zu!

Der Besitzer der S & H Keystone Towing Company fischte sich eine einzelne, krumme Zigarette aus der Brusttasche seiner Arbeitskleidung. Ölflecken krallten sich in den robusten Stoff. Er kramte in der Hosentasche nach dem Feuerzeug.

Justus kannte den Mann. Sam Keystone war der Inhaber des Abschleppdienstes. Vor Jahren wurde er verdächtigt, Autos mitsamt gefälschten Papieren zu verkaufen. Doch aufgrund des Beweismangels, musste Inspektor Cotta ihn widerwillig laufen lassen. Dass er außerdem ein Fan der Prügelstrafe war, lernte der erste Detektiv in seiner Kindheit recht früh. Damals galt man als mutig, wenn man es schaffte, sich auf das Gelände zu schleichen, ohne erwischt zu werden. Die Nachbarskinder liebten diese Mutprobe! Sie versteckten sich hinter den Mülltonnen oder zwischen den Autos, um die Rekordzeiten der anderen Kinder zu brechen. Wer am längsten auf dem Platz ausharrte, gewann.

Er erinnerte sich noch genau daran, dass er das eine Mal versehentlich einen Eimer Lack umgetreten hatte.
Das waren die härtesten Ohrfeigen, die ich je bekommen hab. Hätte Mathilda das gewusst, läge er schon lange unter der Erde.

Ein verwegenes Grinsen legte sich auf Justus Gesicht, dann verlangsamte er seine Schritte und lauschte dem Gespräch, das Sam und Skinny führten. Es war nicht wirklich eine Konversation, sondern eher ein Schrei-Wettbewerb. Der erste Detektiv musste sich nicht einmal anstrengen, zu zuhören. Natürlich machen sie es mir so leicht!

„Wir haben jetzt geschlossen! Es bringt nichts, mir auf den Sack zu gehen. Verpiss dich!“, fauchte Sam ungehalten. Er zog sich die Basecap tiefer ins verschwitzte Gesicht, dann zündete er sich die Kippe an. Mit einer scheuchenden Handbewegung zwang er Skinny, ihm Platz zu machen. Doch der hochgewachsene Mann verschränkte bloß die Arme vor der Brust und stierte trotzig zu ihm hinab. Er dachte gar nicht daran, ihn durchzulassen!

Händeringend rief Norris Junior: „Du kannst doch kurz mal aufmachen! Ich hab das Geld dabei. Ehrlich! Diesmal verarsch ich dich nicht.“ Gehetzt griff er in seine Tasche und zog ein dicht zusammengerolltes Bündel Scheine heraus. Es war mit einem Gummiband umwickelt. Er hielt es dem Älteren hin. Seine Hände zitterten vor Wut. In seiner Stimme spiegelte sich ein Hauch Verzweiflung wider.

Es war ein ungewöhnlicher Klang, eine Abwechslung, fand Justus. Mitleid keimte in ihm auf, als er Skinny dort mit hängenden Schultern stehen sah. Er sah so verloren aus. Schmerzhaft verzog Just kurz das Gesicht, dann zwang er sich, sich zusammenzureißen! Bleib professionell!

„Ernsthaft? Wow! Ist mir aber scheißegal! Ich hab heute schon zwei Stunden länger gemacht! Meine Frau und mein Abendessen warten auf mich“, brummte Sam griesgrämig. Seine Mundwinkel waren so weit nach unten gezogen, dass er Just an eine französische Bulldogge erinnerte.

Er zog sich den Rucksack von den verspannten Schultern und öffnete ihn. Eine schwere Gliederkette kam zum Vorschein, mit der er das Tor sicherte. Der Wind drehte sich. Bevor das dicke Vorhängeschloss zuschnappte, kniff er die Augen zusammen, um ihnen den Zigarettenqualm zu ersparen. Mit dem Filter zwischen den aufgeplatzten Lippen erwiderte der Mann gehässig: „Ha! Übrigens bin ich ab morgen im Urlaub. Du kannst den Wagen in zwei Wochen abholen – aber dafür musste du nochmal extra blechen! Ist nicht gerade günstig, die Karre so lange hier stehen zu lassen. Ist ja kein Parkhaus.“

Skinnys Gesicht nahm einen ungesunden Rotton an. Er biss die Zähne fest zusammen, sodass seine Kiefermuskeln schmerzten. Die Dokumente in seiner Faust wurden beinah zerquetscht, so fest ballte er sie. Er hatte sie schon die ganze Zeit in der Hand gehalten, doch Justus waren sie nicht aufgefallen. Der Detektiv verfluchte sich dafür, dass das Mitleid für Skinny seine Sinne trübte. Es kam selten vor, dass Justus ein Detail übersah!

Bedrohlich trat er einen Schritt auf den Mann zu.

Die beiden Streithähne werden doch nicht gewalttätig! Oder? So oder so kann ich jetzt nicht vom Ort des Geschehens verschwinden! Der erste Detektiv blieb stehen und überlegte, was er tun könnte, falls die Situation eskalierte. Er sah sich um. Vor ihm lag bloß die Straße und links von ihm stand ein Apartmentkomplex. Weit und breit entdeckte er keinen Hauseingang. Die Haustüren lagen auf der anderen Seite der klotzigen Gebäude.

Nachdem er realisierte, dass es keine Möglichkeit gab, sich zu verstecken, hockte er sich auf den Bürgersteig. Bestimmt zog er an seinem Schnürsenkel und öffnete die Schleife, um sich im Schneckentempo eine neue zu binden. Dabei richtete er den Blick starr auf den Boden. Bloß ab und zu beobachtete er aus dem Augenwinkel, was die beiden Männer trieben.

Obwohl Sam zwei Köpfe kleiner war, sah er recht unbeeindruckt zu Skinny hinauf. Ein dreckiges Grinsen enthüllte seine gelb belegten Zähne. Er zuckte nicht einmal, als Norris ihm außer sich vor Wut entgegen brüllte: „Wenn das kein Parkhaus ist, dann öffne das verfickte Tor, nimm mein Scheißgeld und lass mich meinen Wagen mitnehmen!“

Justus wurde das Gefühl nicht los, dass es besser wäre, erstmal im Verborgenen zu bleiben. Glücklicherweise war Skinny so sehr damit beschäftigt, sich mit Sam die Köpfe einzuschlagen, dass er sich nicht umdrehte. Er bemerkte den Passanten, den ersten Detektiv überhaupt nicht.

Tief in seinem Inneren sträubte sich ein Teil seiner Vernunft gegen den Gedanken, die Initiative zu ergreifen und den Streitschlichter zu spielen. Er hatte die Schnauze voll davon, abgewiesen zu werden! Das Date hatte ihm heute völlig gereicht. Und von Skinny gesagt zu bekommen, dass seine Dienste nicht gebraucht wurden, hinterließ mehr als nur einen bitteren Nachgeschmack.

Justus stellte sich die schlimmsten Szenarien vor. Dass Skinny ihm die Visitenkarten vor der Nase in kleine Schnipsel riss, sie auf den Boden warf und drauf pinkelte. Oder dass er ihn auslachte. Oder beleidigte. Oder ihm direkt einen Schlag in den Magen verpasste, weil er sich getraut hatte, ihm in dieser Situation auf die Nerven zu gehen!

Nein, danke! Mein Selbstwertgefühl hat heute schon enormen Schaden erlitten. Ich ziehe es vor, diesem hasserfüllten Nervenbündel aus dem Weg zu gehen. Ich bin nur ein Beobachter! Wieso fiel es ihm so schwer, sich um seinen eigenen Kram zu kümmern?

„Dann park vernünftig und nimm den Behinderten nicht ihre Parkplätze weg!“, fauchte Sam zurück und riss den Reißverschluss des Rucksacks brutal zu, „Fuck! Weißte, wie viele Leute hierherkommen und mir genau diese Scheiße erzählen? Ich hab kein Mitleid mit dir! Denk das nächste Mal drüber nach, wo du parkst! Ist doch nicht meine Schuld, dass deine Dreckskarre bei mir landet!“

„Dreckskarre? Willst du mich verarschen? Du könntest nicht mal wahre Schätze erkennen, wenn sie direkt vor dir stehen und jemand mit nem verfickten Scheinwerfer drauf leuchtet! Verfickter Idiot!“, verteidigte Skinny sein Auto und schnappte empört nach Luft. Er schob die Unterlippe vor. Das Geldbündel wurde von seiner geballten Faust verschluckt. Die vielen silbernen Ringe an seinen Fingern glänzten im warmen Abendlicht.

Skinny räkelte das spitze Kinn in die Höhe und säuselte arrogant: „Mein Wagen brauch nur ne Wäsche! Der Motor schnurrt immer noch wie ein Kätzchen und bis jetzt sind noch alle originalen Bauteile drin – was man von deinem verfickten Körper nicht sagen kann, wenn ich dir die Knochen brech!“

In dem letzten Teil seines Satzes hörte Justus deutlich, wie sich die Arroganz erneut in Aggression verwandelte. Sams Blick verfinsterte sich weiter. Mit einem angewiderten Schnauben wischte er sich ein paar Tropfen seiner Spucke aus dem Gesicht, die ihm Skinny beim Reden ins Gesicht gefeuert hatte.

„Du willst mir drohen?“, fragte Sam entgeistert. Seine grünen Augen weiteten sich gespielt ängstlich und seine Knie zitterten so übertrieben, dass es lächerlich aussah. Als wären zwei Schlangen seine Hosenbeine hochgekrochen und er müsse sie herausschütteln, um nicht gebissen zu werden. Er hampelte herum wie ein Clown, dann brach er in schrilles Gelächter aus.

Immer noch lachend setzte er seinen Rucksack auf. Nach Luft schnappend schlug er sich auf den Oberschenkel und rief: „Ist ja niedlich! Du kriegst doch sowieso nichts geschissen! Norris, du kannst nicht mal in nem Kindergarten einbrechen und erfolgreich nen Bauklotz klauen, ohne im Knast zu landen. Wie willst du mir wehtun?“

Frech blies er Skinny den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht. Sein Kommentar nahm dem Kleinkriminellen glatt den Wind aus den Segeln. Er schluckte hart. Justus sah ihm an, dass seine Worte wie eine Bombe bei ihm eingeschlagen waren. Doch keine Sekunde später streckte sein Erzfeind die Brust heraus und raunte angepisst: „Ach, was. Du wirst schon sehen, was du davon hast! Ein gut gemeinter Rat: Schmeiß nochmal n bisschen was in dein Sparschwein. Man weiß nie, was passiert. Künstliche Hüften sind teuer.“

Sam winkte ab, dann machte er sich auf den Weg zum Parkplatz, auf dem Justus Motorrad stand. Ohne sich noch einmal zu Skinny umzudrehen, marschierte er davon. Dabei lachte er immer noch leise vor sich hin. Der erste Detektiv hatte ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache.

„Wo willst du hin?“, rief Skinny dem Mann nach. Wieder klang seine Stimme flehend, doch Sam zeigte ihm über seine Schulter hinweg den Mittelfinger. Diese Antwort genügte ihm. Verzweifelt fuhr er sich durch das Gesicht, dann steckte er die Dokumente und das Geld wieder in seine Hosentaschen. Er blinzelte verdächtig oft, bevor er in die entgegengesetzte Richtung floh.

Justus zog seine Schleife fest zu und erhob sich wieder. Von all dem Mitleid wurde sein Herz bleischwer. Er spielte mit einem gefährlichen Gedanken.

Schwer seufzend fasste er einen folgenschweren Entschluss. Ich habe genug gehört! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe.


and I hate your guts
but damn, I love the chase

– crash my car – guccihighwaters –
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