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Innocent

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Harry Potter Sirius "Tatze" Black
22.09.2022
05.10.2022
7
41.503
10
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
22.09.2022 5.767
 
Hallo liebe Leute

Diese Geschichte ist eine genehmigte Übersetzung des ersten Bandes der Innocent Serie von MarauderLove7.

Wer die Originalgeschichte in Englisch lesen will, findet sie unter diesem Link:

https://archiveofourown.org/works/30358428/chapters/7483861


Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen der Geschichte!

Alles Liebe, ThreeQuartersCat





1. Der Gefangene

„Ist dieser Platz besetzt?“, fragte Sirius Black.

„Nein“, erwiderte ein schmächtiger Junge mit unordentlichem, schwarzem Haar. „Du kannst dich setzen, wenn du willst.“

„Danke“, sagte Sirius und setzte sich.

„Gern geschehen“, sagte der Junge mit sandfarbenem Haar, der am Fenster sass. Er drehte sich um, schenkte Sirius ein aufgesetztes Lächeln und starrte dann schnell wieder auf den Bahnsteig.

„Du bist Black, nicht wahr?“, fragte der schwarzhaarige Junge.

Sirius seufzte, leugnete es aber nicht. „Ich bin Sirius“, sagte er und zupfte an seinem Umhang.

„James“, sagte James Potter und grinste. Er streckte seine Hand aus und Sirius schüttelte sie. „Das ist Remus...“ Remus - der Junge am Fenster - drehte sich wieder um und schenkte Sirius diesmal ein echtes Lächeln und reichte ihm schüchtern die Hand. Sirius schüttelte sie und lächelte zurück. „ und wir wissen nicht, wie sie heisst.“ Sirius drehte sich um und bemerkte zum ersten Mal die andere Insassin des Abteils. Es war ein Mädchen mit leuchtend rotem Haar, grünen Augen und einem traurigen, verweinten Gesichtsausdruck.

Sie schniefte etwas, was ein Gruss oder auch gar nichts hätte sein können, und Sirius nickte in ihre Richtung, bevor er sich wieder James und Remus zuwandte.

Remus hatte ein abgenutztes Exemplar des Standardbuchs der Zaubersprüche hervorgeholt und las es nun mit faszinierter Miene. James warf einen Blick auf die Seite und rümpfte die Nase. „Urgh. Der Fluch der Kobolde“, sagte er mit einem leichten Schaudern.

„Der Fluch der was?“, fragte Sirius mit grossen Augen.

James stupste Remus an. „Hey, Remmy, zeig es Sirius.“

Remus sah erschrocken auf. „Wie bitte?“ James riss dem anderen Jungen das Buch aus den Händen und reichte es Sirius, der angesichts des grausigen Bildes das Gesicht verzog und das Buch wegschob. James gab den schweren Wälzer grinsend an Remus zurück.

Sirius beobachtete ihre zwanglose Interaktion mit einem Anflug von Eifersucht. Die einzigen Freunde, die er je gehabt hatte, waren seine schrecklichen Cousinen und die verwöhnten Reinblutkinder, zu denen seine Eltern ihn gezwungen hatten, nett zu sein, wenn ihr gesellschaftlicher Kreis zusammenkam. Die Abteiltür glitt auf und gab den Blick auf einen schlaksigen Jungen mit fettigen schwarzen Haaren frei. Sirius öffnete den Mund, um Hallo zu sagen, aber der Junge ging direkt zu dem verweinten Mädchen, als wäre sie die Einzige, die anwesend war. Sirius, der sich einsamer denn je fühlte, verzog das Gesicht und drehte sich wieder zu James und Remus um. „Wie lange kennt ihr beide euch schon?“

„Ungefähr zehn Minuten“, antwortete James und zuckte mit den Schultern. Sirius fühlte sich geringfügig besser.

Remus markierte seine Seite und schaute auf seine Uhr. „Zwölf Minuten, um genau zu sein.“

James lachte. „Gut. Sagen wir elf.“

„Ich sage dir, es sind zwölf“, widersprach Remus.

„Elf“, summte James und legte sich auf seinen Sitz. Das weinerliche Mädchen und ihr Freund warfen ihm einen verärgerten Blick zu und rutschten rüber, um Platz für seine Füsse zu machen.

Sirius grinste. „Ich würde auf - Remus, nicht wahr? – hören. Er hat eine Uhr.“ Er und der Junge mit den sandfarbenen Haaren grinsten sich an.

„Gut“, sagte James, verzog das Gesicht und blickte zur Decke des Abteils. „Dann eben zwölf Minuten.“

„Jetzt sind es Dreizehn, genau genommen“, korrigierte Remus und sah entschuldigend aus.

James stöhnte auf und wurde dann munter. „Slytherin?“, sagte er als Antwort auf etwas, das der andere schwarzhaarige Junge gesagt hatte. „Wer will denn schon in Slytherin sein?“, fragte er und setzte sich auf. „Ich glaube, ich würde wieder gehen, du nicht?“

Sirius sah, wie Remus schluckte und wegschaute. Sein eigenes Lächeln verblasste. „Meine ganze Familie ist in Slytherin gewesen“, seufzte er. Und das würde er auch sein; das wurde erwartet, ganz egal, was er wollte.

„Verflixt. Und ich dachte, du wärst in Ordnung!“, sagte James, ohne den geringsten bösen Tonfall in seinen Worten.

Sirius musste grinsen, und er konnte sehen, wie Remus' Mundwinkel zuckten. James hatte einfach etwas an sich, etwas an seiner lässigen, freundlichen Art, das ansteckend war. „Vielleicht breche ich mit der Tradition. Wo willst du denn hin, wenn du die Wahl hast?“

James hob ein unsichtbares Schwert

und kippte von seinem Sitz, tot, sein Gesicht plötzlich zehn Jahre älter. Neben ihm lag Lily, unbeweglich, ihre grünen Augen starrten, ohne etwas zu sehen.

Remus drehte sich zu Sirius um, der Hass war in sein blasses, plötzlich einundzwanzigjähriges Gesicht gebrannt.

„Ich war es nicht!“, brüllte Sirius. „Nein, Moony, ich war es nicht! Ich habe sie nicht umgebracht! Ich bin unschuldig, ich schwöre es!“



Sirius Black schlug die Augen auf und setzte sich keuchend auf. „Ich schwöre“, flüsterte er, jetzt völlig wach. Ein Gefühl des Verlustes überkam ihn, wie immer, wenn er an James und Lily dachte. Er bezweifelte, dass er jemals über ihren Tod hinwegkommen würde, aber er glaubte, dass er es mit der Zeit zumindest würde akzeptieren können, wenn die Dementoren ihn in Ruhe lassen würden, und wenn sie ihn nicht mehr an diese Leere erinnern würden, die an dem Ort herrschte, an dem einst sein Herz gewesen war.

Er stand auf und ignorierte das flaue Gefühl in seinen Armen und Beinen. Er versuchte, sich so viel wie möglich zu bewegen; wenn er nicht schlief, ging er auf und ab. Seine Zelle war sieben Schritte von einer Wand zur anderen entfernt, und er kannte jeden stumpfen, grauen Ziegelstein, jeden Rostfleck an den eisernen Gittertüren und jedes Fleckchen Schmutz oder Staub, das den Boden bedeckte. „Unschuldig“, murmelte er beim Gehen.

Die Frau in der Zelle ihm gegenüber kicherte und presste ihr hageres Gesicht gegen die Gitterstäbe ihrer Zelle. Sirius hielt inne und warf ihr einen mitleidigen Blick zu – sie war erst seit einem Monat hier und schon verrückt –, dann drehte er sich um und ging in die andere Richtung zurück.

Auf dem siebten Weg innerhalb seiner Zelle hielt er inne, um seinen scharfen Stein aufzuheben und damit eine weitere kleine Linie in die Wand hinter ihm zu ritzen. Es waren zweitausendsechshunderteinundfünfzig – jetzt zweiundfünfzig – Linien an der Wand.

Die menschlichen Wachen hielten ihn für verrückt – schliesslich war er genau zweitausendsechshundertfünfzig Tage eingesperrt – und obwohl sie es versucht hatten, war es ihnen bisher nicht gelungen, herauszufinden, wofür die beiden zusätzlichen Linien standen. Hätten sie gefragt, hätte Sirius ihnen gesagt, dass die Zeichen für die Anzahl der Tage standen, die er von James und Lily getrennt gewesen war, aber sie hatten nicht gefragt und Sirius war allein gelassen worden, um über sein Denkmal für die beiden besten Menschen, die er je gekannt hatte, nachzudenken.

„Oder zumindest einem Anschein von Einsamkeit“, murmelte er, als die Frau in der Zelle gegenüber kreischte und nach einem unsichtbaren Insekt schlug; echte Insekten hielten sich von Askaban eher fern. Ihr Geschrei wurde lauter, als sie auf ihre Arme schlug - vermutlich landeten die „Insekten“ auf ihr - und dann begann, sich zu kratzen. Ihre Arme, ihre Beine, sogar ihre Wangen waren rot und wund, als sie wieder zu sich kam. Sie drückte ihre Handfläche auf ihr Schienbein, und es wurde rot. Sie schrie.

Sirius schauderte und zwang sich, weiter auf und ab zu gehen, auch wenn das wenig half, den Lärm auszublenden; ihr Geschrei regte die anderen Gefangenen auf. Abgesehen von den Wachen, der fehlenden Wärme und der Tatsache, dass er eigentlich gar nicht dort sein sollte, war die Unbeständigkeit eines der Dinge, die Sirius an Askaban am meisten hasste; in einem Moment war alles ruhig, im nächsten schien jeder Gefangene auf der Insel zu kreischen oder mit sich selbst zu reden. Sirius hielt sich die Ohren zu, - Stein und nicht viel anderes sorgten für ein höllisches Echo -, aber er konnte immer noch Schritte wahrnehmen.

„Ich habe sie gefunden!“, rief ein dunkelhäutiger Wachmann, der mit dem Rücken zu Sirius' Zelle zum Stehen kam. „Merlin, sieh dir nur an, was für ein Chaos sie angerichtet hat!“

Sein Partner kam einen Moment später, steckte seinen Zauberstab ein und starrte auf die blutende Frau. Er fuhr sich mit der Hand durch sein strohfarbenes Haar. „Gibt Parkinson ihr nicht normalerweise einen Zaubertrank oder so etwas?“

Der erste Wachmann fluchte. „Das tut er. Er liegt auf meinem Schreibtisch im Wachzimmer.“

„Meinst du, wir brauchen ihn?“

„Nein. Sie ist sowieso verrückt.“

Beide Wachen starrten die Frau an. „Godric, die sind mir unheimlich.“

„Es tut mir schrecklich leid. Wir Gefangenen versuchen, so ästhetisch wie möglich zu sein“, sagte Sirius trocken. Seine Stimme war brüchig, weil er sie lange nicht mehr gebraucht hatte, aber er fand, dass er immer noch witzig genug klang. Beide Wachen zuckten zusammen.

„Werd’ nicht frech, Black“, sagte der Blonde und zeigte mit dem Finger in Sirius' Richtung.

„Das würde mir im Traum nicht einfallen.“ Sirius begann wieder zu laufen.

„Verrückt, allesamt“, murmelte der andere. „Hör auf, so herumzulaufen, Black. Du regst alle auf.“

Sirius schnaubte, als er weiterging. „Es liegt nicht an mir. Sie ist es-“ Er nickte in Richtung der blutenden Frau, die nun hin und her wippte. „Die Gefangenen können das Blut riechen.“

„Grosser Gott, ich hasse diesen Ort“, sagte der Blonde mit einem Schaudern.

„Ich auch“, murmelte Sirius.

„Das reicht jetzt aber“, schnauzte der blonde Wachmann. „Hol bitte einen Dementor, Jordan. Ich glaube, Black hat seinen Platz vergessen.“ Sirius zog sich in die hinterste Ecke seiner Zelle zurück, während einer der Wachen verschwand. „Jetzt bist du nicht mehr so mutig, was?“

Sirius starrte ihn an. „Ich mag meine Seele da, wo sie ist.“

„Na, du bist ja ein lustiges Kerlchen“, sagte der Wachmann, den Sirius mit jeder Sekunde mehr hasste.

„Nicht mehr so lustig wie früher“, krächzte Sirius und zeichnete mit einem überflüssigen Finger eine der Linien an seiner Wand nach.

„Diese Zelle“, sagte der andere Wachmann, der mit einem Dementor hinter sich zurückgekehrt war. „Black.“ Die Kapuzengestalt glitt vorwärts und legte eine ihrer Skeletthände um die Eisenstäbe von Sirius' Zelle.

Sirius fröstelte und griff nach seiner fadenscheinigen Decke. Die Erinnerungen an diese Nacht, die Nacht, in der seine Welt unterging, tanzten vor seinen Augen.

James, mit schief sitzender Brille und vor Schock erstarrtem Gesicht, Lily, blass und regungslos, mit noch nicht getrockneten Tränen auf den Wangen, Harry, weinend, sein kleines Gesicht blutverschmiert, Hagrid, schluchzend, als er Sirius' Schulter tätschelte und einen der beiden einzigen Menschen mitnahm, die Sirius noch hatte, und, obwohl er ihn nie gesehen hatte, Remus, schluchzend in einem Büro, das dem von Dumbledore ähnelte, als er hörte, was passiert war...

Und dann vernebelte sich seine Erinnerung, hinterliess ein vertrautes leeres Gefühl und liess ihn sich fragen, ob sie überhaupt jemals real waren. Ob sie jemals existiert hatten, oder ob sie nur ein Traum gewesen waren. „Unschuldig“, flüsterte er. „Ich bin unschuldig.“ Du hast sie getötet. „Nein... nein!“

Er konzentrierte sich auf Peters Gesicht, das eine Gesicht, das nie aus seinem Gedächtnis verschwinden würde, und mit Peter kam alles andere; Lily und James - der Harry festhielt - umgeben von Ranken von blasser, silbriger Magie, während Peters schrille Stimme versprach, sie zu beschützen, das ungute Gefühl, das er gehabt hatte, als er Remus' Haus verliess, um nach Peter zu sehen, das kleine Lächeln auf Peters Gesicht, als er die Strasse in die Luft sprengte, und die Panik, die er empfunden hatte, als er seinen Schildzauber fast nicht mehr rechtzeitig eingesetzt hatte. „Ich bin unschuldig“, knurrte er.

Er öffnete die Augen und setzte sich auf, da er sich nicht daran erinnern konnte, sie geschlossen oder sich hingelegt zu haben. Die Wachen waren immer noch da und beobachteten ihn durch die Gitterstäbe mit den gleichen, empörten Blicken. Der Dementor jedoch schien sein Interesse an ihm verloren zu haben und schwebte auf die Zelle der Frau zu. Ihr Wimmern verstummte, und sie kroch vorwärts und streckte ihre rotgefärbten Hände nach ihm aus. Sirius spürte, wie die Temperatur sank, und wusste, was passieren würde, bevor es passierte. Er wandte den Blick ab und schluckte die Galle hinunter, als der Dementor einen rasselnden Atemzug ausstiess.

Die Wachen schrien auf und wirbelten herum, aber sie waren nicht schnell genug; die Frau sackte mit leerem Gesichtsausdruck auf den Boden ihrer Zelle. „Geh zurück auf deinen Posten“, knurrte der blonde Wachmann und versetzte dem Dementor einen bösartigen Stoss mit seinem Zauberstab. Der dunkelhäutige Wärter, der ein Stück weiter unten würgte, zitterte, als der Dementor vorbeiging, und als er sich wieder aufrichten konnte, fischte er in seiner Tasche herum und holte einen Schokoladenfrosch hervor. Sirius beobachtete sehnsüchtig, wie der Wachmann die Schokolade in seinen Mund steckte.

„Das wäre nie passiert, wenn Parkinson hier wäre“, sagte er und wischte sich den Mund ab. Der Geruch, der an seinem Umhang haftete, liess Sirius seine Nase rümpfen.

„Du sagst also, dass es meine Schuld ist?“

„Du hast ihren Trank vergessen.“

Der andere Wärter stiess eine Reihe von Schimpfwörtern aus und schloss dann die Zelle der Frau auf. „Leg sie auf ihr Bett“, wies er seinen Kameraden an.

„Ich glaube nicht, dass jemand so etwas verdient“, sagte der dunklere Wachmann zittrig und hob die Frau in eine sitzende Position.

„Ich glaube nicht, dass ich den Papierkram verdiene, der auf mich zukommen wird“, erwiderte der andere wütend. Sirius hätte ihn am liebsten geschlagen; eine Frau wurde geküsst und dieser Bastard machte sich Sorgen um den Papierkram?! „Und wo ist Parkinson heute?“

„Ich habe gehört, er hat eine der Malfoy-Gören zum Mittagessen eingeladen. Dieser Glückspilz...“

„Glückspilz? Diese kleinen Biester sind eine Handvoll...“

„Nein, das nicht. Ich bemitleide jeden Kerl, der mit Lucius Malfoys Brut Smalltalk machen muss. Ich meinte nur, dass er Glück hat, weil er Feierabend hat.“ Die Frau kippte mit einem leisen Stöhnen um.

„Verdammter Mist - hilf mir doch, bitte!“ Die beiden Wachen packten jeweils einen Arm und hoben die Frau zu ihrem armseligen Bett hinüber; es war ein Haufen zerlumpter Decken und ein schimmeliges Kissen. „Ich glaube nicht, dass es sich lohnt - Parkinson hat Feierabend, meine ich“, sagte der blonde Wachmann, während er sich die Hände an seinen Gewändern abwischte. „Welches Kind unterhält er denn?“

Sirius hörte gebannt zu. Er bekam nicht oft Neuigkeiten aus der Aussenwelt mit. Er konnte die Gespräche, die er in Askaban belauscht hatte, wahrscheinlich an einer Hand abzählen, und bisher war das hier am interessantesten, seit er von Alice und Frank gehört hatte, denn er wusste tatsächlich, über wen sie sprachen; seine Cousine Narcissa hatte den Malfoy-Erben geheiratet, und es schien, als sei Lucius jetzt immer noch ein genauso grosser Trottel, wie vor zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig Tagen oder so, als Sirius ihn zuletzt gesehen hatte.

„Den Älteren. Hyde oder so.“ Der Name rief etwas in Sirius' Gedächtnis wach. Er erinnerte sich vage an einen Bericht im Tagespropheten, etwa ein Jahr vor Harrys Geburt, in dem seine Cousine fast eine Fehlgeburt hatte.

„Ah, ja. Das Wunderkind von Lucius Malfoy. Der andere Junge-der-lebt.“

„Nein, er sollte Der-Junge-der-lebt sein“, widersprach der dunkelhäutige Wachmann. „Potter kam danach.“

„Potter?“, fragte Sirius und wurde bei dem vertrauten Namen hellhörig.

Die Wachen warfen ihm süffisante Blicke zu, als sie die Zelle gegenüber der seinen verliessen. „Der Junge, der deinen Meister vernichtet hat, Black. Hast du denn nicht gehört, was passiert ist?“

„Natürlich habe ich davon gehört“, sagte Sirius und zog sich in seine Ecke zurück. „Ich wusste nur nicht, dass er so einen lächerlichen Spitznamen hat. 'Der-Junge-der-lebt'. James und ich nannten ihn 'Voldemorts Untergang'.“ Sirius hielt sich den Mund zu, bevor er etwas über die Prophezeiung ausplaudern konnte.

„Du hast vielleicht Nerven“, spuckte der blonde Wachmann. „Über ihn zu reden.“ Sirius wischte sich die Spucke von der Wange, drehte sich zur Wand und zeichnete die Linien erneut nach. Merlin, er vermisste sie. Der Wachmann lachte. „Das hat dich zum Schweigen gebracht.“

„Er hat allerdings recht“, sagte der zweite Wachmann. „Vielleicht sollte man Potter einen neuen Spitznamen geben.“

„Warum?“

„Weil es jetzt zwei Jungen, die gelebt haben, in Hogwarts geben wird, und zwar im selben Schuljahr.“

Der andere lachte. „Ein Potter und zwei Malfoys... und wahrscheinlich ein oder zwei Weasleys... die Schule wird nicht wissen, wie ihr geschieht!“

Sie lachten beide über den Scherz - der nach Sirius' Meinung gar nicht so lustig war - und dann meldete sich der dunkelhäutige Wachmann wieder zu Wort. „Komm schon. Wenn wir eine Chance haben, zu einer anständigen Zeit nach Hause zu kommen, sollten wir besser mit dem verdammten Papierkram anfangen.“

Der blonde Wachmann sackte in sich zusammen und folgte seinem Begleiter aus Sirius' Blickfeld.

Sirius schlief in dieser Nacht unruhig, wenn er überhaupt schlief; in Askaban war das oft schwer zu erkennen.

Er träumte, dass ein Junge, der genauso aussah, wie James mit elf Jahren - mit wirrem Haar und allem - vor seiner Zelle stand, während er schlief. Im Traum wachte Sirius auf, und der Junge sah ihn mit enttäuschten Augen an, - die zwischen James' haselnussbraun und Lilys grün flackerten - während er mit einem Finger über die Gitterstäbe der Zelle fuhr. „Du hast mich enttäuscht“, sagte er und kratzte an einem Stück Rost.

„Nein“, sagte Sirius. Verdammt sei diese verdammte Wache, die über James und Harry sprachen. „Nein, bitte!“

„Gescheitert“, wiederholte der Junge, der James oder sein Patenkind hätte sein können - und ehrlich gesagt wusste Sirius nicht, was ihm mehr Angst machte -. Und dann drehte er sich um und ging weg.

Sirius dachte nicht nach, er sprang auf und war entschlossen, ihm zu folgen, koste es, was es wolle. Er verwandelte sich in Padfoot und steckte seinen Kopf durch die Gitterstäbe seiner Zelle. Der Junge verschwand um eine Ecke. Er wimmerte und zwängte seinen Körper durch die Gitterstäbe. Warte! dachte er, als sich orangefarbene Rostflocken von den Stäben lösten und wie Schnee zu Boden flatterten oder sich in sein struppiges Fell bohrten. Er wechselte wieder nach draussen und sah sich nach dem Jungen um. „Warte!“, rief er erneut.

„Dafür ist es zu spät“, hörte er.

„Nein, verdammt noch mal! Warte!“, brüllte Sirius. Er zwang seine verkümmerten Muskeln, sich zu bewegen, und nach seinem achten Schritt bemerkte ein kleiner Teil seines Verstandes - selbst, wenn er träumte -, dass das der weiteste gerade Weg war, den er seit sieben Jahren zurückgelegt hatte.

„Gescheitert...“

„Warte!“

Sirius wachte mit einem Schrei auf. Er stand hüfttief im kalten, salzigen Wasser. „Was zum Teufel?“ Er starrte auf seine durchnässten Klamotten und kletterte nach weiteren seiner Lieblingsschimpfwörter zurück auf den felsigen Boden, wo er fröstelnd zusammenbrach.

In Ordnung, sagte er zu seinem rasenden Verstand. Also gut, ich hatte einen Traum, in dem ich als Hund aus meiner Zelle ausgebrochen bin, und dann wache ich auf und bin draussen und gerade bereit, zurück zum Ufer zu schwimmen. Entweder bin ich frei, oder ich habe den Verstand verloren. Er neigte zu Letzterem, aber das erklärte nicht, warum seine Gedanken so klar waren wie seit Jahren nicht mehr oder warum er nass war... Dann bin ich also frei...

„Wie zum Teufel ist das passiert?“, fragte er den bedeckten Himmel, der ihm die Antwort verweigerte. Sirius blickte finster, aber beschloss dann, dass es ihm egal war. Was zählte, war, dass er frei war. Und dass er nicht in seine Zelle zurückkehren würde. Nie wieder. Zum einen, weil er bezweifelte, dass er sie wiederfinden würde, und zum anderen, weil er sie nicht wiederfinden wollte. Ich muss irgendwie von der Insel runter...

Zauberstab, war sein nächster zusammenhängender Gedanke. Bevor ich irgendetwas tun kann, brauche ich einen Zauberstab. Meinen Zauberstab. Und er wusste, wie er ihn bekommen konnte.

Eines der am strengsten durchgesetzten Zauberergesetze besagte, dass ein Zauberstab - ein unglaublich mächtiger und zuweilen flüchtiger magischer Gegenstand -, sobald er sich in der Obhut eines Aurors oder Hit-Wizards befand, nicht ohne Gerichtsbeschluss zerstört werden durfte. Eine weitere Besonderheit dieses Gesetzes war, dass es nicht öffentlich bekannt war. Nur diejenigen, die entweder im Zaubererrecht oder in der magischen Strafverfolgung ausgebildet waren, durften davon wissen, weil es eine wirksame Drohung war.

Als Sirius seinen Abschluss in Hogwarts gemacht hatte, waren er und James in die Abteilung für magische Strafverfolgung eingetreten, wo sie eineinhalb Jahre lang lernten, Auroren zu werden. Normalerweise dauerte es drei Jahre, um das strenge Auroren-Ausbildungsprogramm zu absolvieren, aber mit der Hilfe von Mad-Eye, vielen schlaflosen Nächten und der Tatsache, dass sich die Zaubererwelt im Krieg befand und das Ministerium jeden verfügbaren Mann für den Kampf brauchte, hatte Sirius - zusammen mit James - es in der Hälfte der Zeit geschafft.

Aufgrund dieser Ausbildung wusste Sirius zufällig von den Gesetzen über den Zauberstabvorbehalt Bescheid, und wegen eines Arschlochs namens Bartemius Crouch erfüllte Sirius zufällig die Voraussetzungen; man hatte ihm jede Form von Prozess verweigert und ihn mit dem nächstmöglichen Portschlüssel nach Askaban verfrachtet, was bedeutete, dass sein Zauberstab in der Wachstube des Gefängnisses zu den Habseligkeiten der Kurzzeithäftlinge hätte abgelegt werden müssen...

Ohne bewusstes Nachdenken - er vermutete, dass es inzwischen ein Überlebensinstinkt war - verwandelte sich Sirius. Wenige Minuten später schlüpfte ein riesiger, schwarzer, bärenartiger Hund, der bis zur Auszehrung abgemagert war, am Eingang zum Wachraum von Askaban an einem Paar Dementoren vorbei.

Nach weiteren zehn Minuten kehrte Sirius an den felsigen Strand zurück und steckte einen dünnen Holzstab und einen kleinen Spiegel ein, die er bei seiner Verhaftung in der Tasche gehabt hatte. Er hatte bereits versucht, James damit zu sprechen, und er hatte einen kurzen Blick auf James' lächelndes Gesicht geworfen, bevor es ihm zu viel wurde und er die Verbindung beendete.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, zu apparieren; wahrscheinlich gab es Schutzzauber dagegen, und selbst wenn nicht, war sein Geist nicht konzentriert genug, um es zu tun, ohne sich zu zersplittern. Sieht so aus, als würde ich doch noch schwimmen, dachte er grimmig, als er sich wieder in Padfoot verwandelte. Es war wirklich nicht weit - er konnte von dort, wo er war, Land sehen - aber das Wasser war rau und es war so viel davon, und es war so offen...

Er schüttelte sich. Sieben Jahre. Sieben Jahre hatte er verbracht, eingesperrt für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte. Tatsächlich hatte er wahrscheinlich genug Zeit im Gefängnis verbracht, um alles Schlechte zu kompensieren, das er je getan hatte, zu tun gedachte oder in Zukunft tun würde. Auch wenn er niemals von sich aus ausgebrochen wäre, würde er auf keinen Fall freiwillig in dieses Höllenloch zurückkehren, wenn die Freiheit so nah war.

Es hatte keinen Sinn, vorher zu fliehen oder es auch nur zu versuchen; Peter kauerte wahrscheinlich irgendwo unter einem Felsen, wo Sirius ihn nie finden würde, oder er würde es tun, sobald er hörte, dass er ausgebrochen war, Harry - von dem Hagrid gesagt hatte, er würde zu Lilys Schwester Petunia gehen - zählte wahrscheinlich die Jahre, die ihm noch blieben, bis er nach Hogwarts gehen konnte, und Remus.... da er Sirius nicht besucht oder versucht hatte, ihn zu kontaktieren, wusste er wahrscheinlich nicht, dass Peter der Verräter war und, so vermutete Sirius, würde die letzten sieben Jahre damit verbracht haben, um Lily, James und die Ratte zu trauern und sich mit seinem Hass auf Sirius zu beschäftigen.

Ich werde sie finden müssen, dachte Sirius. Harry, um zu sehen, ob er glücklich ist, Peter, um zu beweisen, dass ich unschuldig bin, und wenn ich das getan habe, kann ich Moony finden, um alles zu erklären, um mich zu entschuldigen... Und das wird nicht passieren, wenn ich meinen Arsch nicht von diesem verdammten Felsen hebe.

Sirius holte tief Luft und watete in das trübe Wasser hinaus.



°×°H°×°




„Mrs. Peterson!“

„Was, Dudley?“

„Harry kopiert mein Arbeitsblatt!“

Mrs. Patricia Peterson war seit siebzehn Jahren Lehrerin an der St. Grogory's Primary School. Da sie elf dieser Jahre in derselben Klasse verbracht hatte, in der sie die Kinder der vierten Klasse unterrichtete, konnte man mit Sicherheit sagen, dass Mrs. Peterson ihre Erfahrungen mit Acht- und Neunjährigen gemacht hatte. Sie hatte geglaubt, dass sie mit jedem Kind zurechtkommen würde. Und dann hatte sie Harry Potter kennen gelernt.

„Potter, schreibst du das Arbeitsblatt deines Cousins ab?“

„Nein, Mrs. Peterson“, antwortete der Junge leise.

„Lüg nicht“, sagte Dudley zu seinem Cousin.

„Du lügst“, murmelte Potter. Mrs. Peterson konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wann sie angefangen hatte, den Jungen mit ‘Potter’, statt mit 'Harry' anzusprechen. Sie nahm an, dass sie es vom Rest der Klasse übernommen hatte, und da es für den Jungen keinen Unterschied zu machen schien, hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, sich zu korrigieren.

„Mrs. Peterson!“, jammerte Dudley und verzog sein rundes Gesicht.

„Das reicht jetzt!“ Mrs. Peterson gab Linda ihr Arbeitsblatt zurück und ging zum Schreibtisch der Jungen hinüber. „Dudley, du brauchst mich nicht anzuschreien, denn ich habe dir schon zugehört, und Potter, ich habe dir gesagt, dass ich keine Lügen in meinem Klassenzimmer dulde.“ Einige der anderen Schüler kicherten, während Potter errötete.

„Ich lüge nicht, Mrs. Peterson“, sagte er und sah sie mit diesen grossen, bebrillten grünen Augen an.

Es war ihr unbegreiflich, wie ein Kind so mitleiderregend aussehen konnte, während es gleichzeitig ein solches Monster war, aber irgendwie schaffte Potter es. Er war unnatürlich höflich, was sie ihm nicht abnahm. Wahrscheinlich wollte der Junge sie für sich gewinnen, so wie er im letzten Jahr Mrs. Baddams für sich gewonnen hatte. „Arbeitsblatt“, sagte sie zügig und hielt ihm die Hand hin.

Er reichte es ihr ohne ein Wort. Sie überprüfte es, stellte fest, dass die Antworten nicht ausgearbeitet waren, und gab es zurück. „Nachsitzen, heute Mittag“, sagte sie. Dudley kicherte. Potter sah, wenn das überhaupt möglich war, erleichtert aus und nickte.

„Dudley, Arbeitsblatt“, forderte sie. Er reichte es ihr und sie stellte fest, dass die Antworten die gleichen waren, wie die des Potter-Jungen, ebenfalls ohne Ausarbeitung. „Ausgezeichnete Arbeit, wie immer. Ja, Katrina?“ Sie sah, wie sich Potters Hand um seinen Bleistift verkrampfte, als sie wegging.

Sie gab ihnen noch fünf Minuten Zeit, um an ihren Matheaufgaben zu arbeiten. „Den Rest könnt ihr als Hausaufgabe machen“, sagte sie der Klasse. „Also, wer schreibt die beste Geschichte?“ Alle sahen Katrina an, die errötete und den Kopf in den Nacken legte. „Ihr habt eine Stunde Zeit zu schreiben und das Thema ist... Wünsche. Fangt an.“ Sie zog sich an ihren Schreibtisch zurück, als die Bleistifte auf den Tischplatten zu kratzen begannen.

Mrs. Peterson beobachtete ihre Klasse mit einem warmen Lächeln. Felicity würde zweifellos etwas über Pferde schreiben, Malcolm mochte Geschichten über Fussballstars, Linda mochte Tänzer und Hannah Katzen. Sie freute sich schon fast darauf, die Geschichten zu lesen. Unter ihren aufmerksamen Augen hatte sich die Qualität der Texte ihrer Schülerinnen und Schüler deutlich verbessert, und das Fehlen lästiger Rechtschreib- und Grammatikfehler machte das Lesen der Arbeiten fast zum Vergnügen.

Mrs. Peterson beobachtete sie noch einen Moment lang - und lächelte darüber, wie Gordon jedes Mal das Gesicht verzog, wenn er etwas ausradieren musste, wie Hannah seufzte und sich immer wieder Graphit von der linken Hand wischte -, bevor sie ihr Exemplar von Oliver Twist aus der Schreibtischschublade zog. Es war eines ihrer Lieblingsbücher, obwohl es ihr als Lehrerin das Herz brach, Oliver - auch wenn er nur eine Figur war - unter so schrecklichen Bedingungen leben zu sehen; wenig Essen, keine Familie und gezwungen zu etwas, das man nur als Sklaverei bezeichnen konnte... es brachte sie jedes Mal zum Weinen.



„Mrs. Peterson?“

„Hmm? Oh ja, Gordon?“

„Die Stunde ist vorbei“, sagte der Junge und saugte am Ende seines Bleistifts. Ihr wurde bewusst, dass die meisten in der Klasse ihre Stifte weggelegt hatten und sie beobachteten. Potter, der ganz hinten im Klassenzimmer sass, war der Einzige, der nicht in ihre Richtung schaute. Er las die Geschichte vor sich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, den sie nicht recht einordnen konnte.

„Es ist so“, erklärte sie und markierte die Seite in ihrem Buch. „Ich verspreche mir viel von euren Geschichten“, sagte sie, als sie die Blätter einsammelte, „da ich euch eine Viertelstunde mehr Zeit gegeben habe. Ich danke euch, meine Lieben. Wenn ihr mir eure Geschichte gegeben habt, könnt ihr zum Mittagessen gehen.“ Mit einem kollektiven Jauchzen stürmte die Klasse hinaus und liess Potter auf seinem Stuhl sitzen. „Geschichte“, sagte sie und streckte eine ungeduldige Hand aus.

„Was soll ich nun machen?“, fragte er.

„Zeilen schreiben“, sagte sie seufzend, während sie den Stapel mit den Geschichten zurechtrückte. „Ich werde nicht die Arbeit anderer Leute kopieren. Zwanzig Mal sollte reichen und dann kannst du zum Mittagessen gehen.“

„Ja, Mrs. Peterson“, sagte Potter und riss ein Blatt Papier aus seinem Arbeitsbuch heraus.

Seltsam, dass er nie widerspricht... Ich nehme an, er weiss, dass es nicht funktionieren würde, oder vielleicht weiss er, dass er es verdient hat... Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und zog Potters Geschichte zu sich heran.

Es gab einmal einen Jungen namens James, hatte Potter geschrieben. James lebt bei seiner Mutter und seinem Vater. Jeden Morgen wacht James in seinem Zimmer auf und geht in die Küche, wo ihm seine Mutter Frühstück macht. Sein Vater fährt ihn zur Schule und nach der Schule gehen seine Eltern mit ihm in den Park. Wenn sie vom Park nach Hause kommen, helfen sie James bei seinen Hausaufgaben. Jeden Abend kocht James' Mutter das Abendessen und es schmeckt gut. Manchmal hilft James mit, weil er es möchte, nicht weil er es muss. Sie essen alle zusammen am Tisch, und manchmal isst James noch einen Nachschlag. Abends erzählen sie sich Geschichten, bringen James in sein Bett und sagen ihm, dass sie ihn lieb haben. James sagt ihnen, dass er sie auch liebt, und dann schläft er ein. Wenn er schlecht geträumt hat, darf er ihnen davon erzählen und in ihrem Bett schlafen, bis er sich besser fühlt. James braucht sich nichts zu wünschen, denn er hat schon alles.

„Potter.“

„Ja, Mrs. Peterson?“ Potter legte seinen Bleistift weg und sah auf.

„Du musst mich nicht jedes Mal Mrs. Peterson nennen, wenn wir uns unterhalten“, antwortete sie gereizt. „Wir haben das doch besprochen.“

„Tut mir leid, Mrs. Peterson - ich meine, tut mir leid.“

„Entschuldigung angenommen. Komm bitte hier rüber. Ich würde gerne mit dir über deine Geschichte sprechen.“

„Meine... meine Geschichte?“

„Ja, abgesehen davon, dass ich dir eine Stunde Zeit gegeben habe und du kaum einen Absatz geschrieben hast, hast du dich nicht an das Thema gehalten. Was habe ich gesagt, worüber du schreiben sollst?“

„Wünsche, Mrs. Peterson.“ Er hatte also zugehört.

„Ja, und worüber hast du geschrieben?“

„Über Wünsche.“

„Nein, Potter, das hast du nicht.“ Potter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn dann wieder. „Du hast über Dinge geschrieben, die jeden Tag passieren, während ich wollte, dass du über etwas schreibst, von dem du dir wünschst, dass es passieren könnte.“ Potter besass die Unverfrorenheit, verwirrt zu schauen. „Dinge, die nicht ständig passieren“, sagte sie und versuchte, ihn zu verstehen.

Potter runzelte die Stirn. „Aber ich kann keine Zeit mit meinen Eltern verbringen.“

„Warum nicht?“ Sie wusste, dass der Junge bei seiner Tante und seinem Onkel lebte, aber sie hatte immer geglaubt, dass das daran lag, dass seine Eltern nicht in der Lage waren, sich um ihn zu kümmern. Mrs. Peterson hatte das Gerücht gehört, der Vater sei ein Trinker und die Mutter untreu, eine Frau, die nicht wüsste, wie wahre Liebe aussähe. Das würde sicherlich erklären, warum Potter so geworden war, wie er war.

„Sie sind tot.“

Sie empfand einen Anflug von Mitleid mit dem Jungen, den sie nicht besonders mochte. „Ist es das, was du gemeint hast?“ Er nickte. „Nun, das zählt wohl, aber der Rest der Geschichte handelt nur von deinem Leben mit deiner Tante und deinem Onkel. Das ist nicht sehr kreativ.“

„Sie denken, das ist genau wie mein Leben mit...?“ Potter schien zu merken, dass er laut sprach, und hielt inne. „Richtig“, sagte er steif, sein Kiefer krampfte sich zusammen. „Soll ich es noch einmal schreiben?“

„Nein, nein.“ Mrs. Peterson schluckte und der Satz 'Wenn Blicke töten könnten' ging ihr durch den Kopf, als Potter sie anfunkelte und dann steif zu seinem Schreibtisch zurückging und sich setzte. „Nein. Noch weitere zehn Zeilen genügen. Ich werde die Anweisungen befolgen.“ Potter hob seinen Bleistift auf, der in seiner Hand zerbrach. Er sah auf und sprang mit grossen Augen etwa einen Meter aus seinem Sitz.

„Was starrst du so, Potter?“

„N-nichts“, sagte er, ohne sie anzusehen. Er nahm eine seiner Bleistifthälften in die Hand und begann zu schreiben, wobei er heimliche Blicke in ihre Richtung warf, wenn er dachte, dass sie nicht hinsah.

Mrs. Peterson war mitten in Piers Geschichte über Piraten, als es an der Klassenzimmertür klopfte. „Herein!“, sagte sie, ohne aufzusehen. Sie kritzelte eine Bemerkung zu der Geschichte - Piers war ein wunderbar fantasievoller Junge, aber er neigte dazu, ziemlich viel über Kämpfe zu schreiben - und zog eine andere Arbeit heran.

„Hallo, Patricia, hast du noch meinen Gedichtband?“

„Hallo, Sue, nein, den hab ich nicht mehr“, erwiderte Mrs. Peterson und blickte von Emmas Geschichte, wie sie eine Prinzessin wurde, auf. „Anne hatte ihn. Was schaust du denn so?“

„Blau“, sagte Sue undeutlich. „Warum ist dein Haar blau?

„Mein Haar?“ Sue nickte. Ein schrecklicher Verdacht keimte in Mrs. Petersons Kopf auf. „Potter!“, kreischte sie. „Was hast du getan?!“ Potter wurde blass und starrte sie mit grossen grünen Augen an, aber er antwortete nicht. „Darüber muss ich dir nach Hause schreiben“, sagte sie zu ihm, während Sue aus dem Klassenzimmer schlich und dabei so aussah, als würde sie versuchen, nicht zu lachen. „Also, was hast du mit meinen Haaren gemacht?!“

„I-ich habe nicht...“, stotterte Potter. „Ich habe Ihre Haare nicht angefasst, ich schwöre.“ Aber er sah nicht so aus, als wäre er sich dessen sicher. Er sah sogar ein wenig besorgt aus.

Du hast es getan, du kleines Monster, ich weiss, dass du es getan hast, dachte sie bösartig. „Ich schicke dich nach Hause. Du sollst diesen Brief deiner Tante geben und ich werde heute Abend anrufen, um sicherzugehen, dass du es getan hast.“ Potters Gesichtsausdruck war entsetzt.

Sie zog einen Stift aus ihrer Dose und schrieb:

Liebe Mrs. Dursley,


Ich weiss nicht, wie oder warum es passiert ist, aber Ihr Neffe hat es irgendwie geschafft, meine Haare blau zu färben.


Zur Strafe habe ich ihn heute Nachmittag vom Unterricht suspendiert - er wird das Verpasste in seiner eigenen Zeit aufholen müssen.


Ich vertraue darauf, dass Sie alle zusätzlichen disziplinarischen Massnahmen ergreifen, die Sie für erforderlich halten,


Mit freundlichen Grüssen,


Patricia Peterson.


Sie faltete das Papier in der Hälfte und steckte es in einen Umschlag, den sie an Mrs. Dursley adressierte. „Hier“, sagte sie und drückte ihn dem nun verängstigten Potter in die Hand. „Nimm das mit nach Hause, damit deine Tante es lesen kann.“

„J-ja, Mrs. Peterson“, stammelte er und steckte den Umschlag in seine Schultasche.

„Und denk‘ daran, dass ich heute Abend anrufen werde, um die Sache zu überprüfen.“ Potter nickte und floh.

Mrs. Peterson konnte nicht wissen, dass es das letzte Mal sein würde, dass er durch die Tür ihres Klassenzimmers ging.
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