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1. September

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Horace Slughorn
22.09.2022
22.09.2022
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805
 
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Eine Windböe trägt einige orange-goldene Blätter durch die Straßen Londons. Leichter Nieselregen färbt die gepflasterten Straßen dunkelbraun. Kutschenräder rattern. Irgendwo bellt ein Hund.

In einer Kutsche, die von zwei Braunen gezogen wird sitzt eine Frau in einem schwarzen Tagestrauerkleid, gegenüber einem vielleicht sechzehn Jahre altem, etwas schwerfällig aussehenden Jungen, der seine rechte Hand in den Stoff seines grauen Gehrocks gekrampft hat und immer wieder nervös aus dem Fenster sieht, ihren schwarzen Spitzenschleier nach hinten über ihren Hut geschlagen, eine Hornbrille mit silberner Brillenkette tief auf ihrem Nasenrücken und liest Zeitung. Das Datum in der oberen rechten Ecke lautet 1. September 1878.

Plötzlich schließt sie die Zeitung abrupt. Ihre Augen sind weit, eine behandschuhte Hand bewegt sich vor ihren Mund um ein erschrecktes Keuchen zu unterdrücken. „Wie schrecklich!“ Sie schüttelt den Kopf. „Wie überaus schrecklich!“ Der Junge dreht den Kopf zu ihr, unbeeindruckt. Er nickt ohne jeden Enthusiasmus, dann mit monotoner Stimme: „Ja, Mutter, überaus schrecklich.“ Seine Mutter nickt so heftig, dass ihr beinahe die Brille von der Nase fällt. „Dass jemand zu so etwas fähig ist! Gott steh uns bei.“, sie bekreuzigt sich inbrünstig.

Der Junge seufzt nur und sieht wieder aus dem Fenster ins endlose grau.
Es ist nicht dasselbe Grau wie sein Gehrock. Eher heller an manchen Stellen vom Rauch der Fabriken, eher dunkler, fast schon schwarz vor Regenwolken an anderen. Für einen Moment wünscht er sich er wäre eine Regenwolke. Seine Mutter plappert einfach weiter, ohne sich darum zu kümmern, dass sie kein Publikum mehr hat.

Kaum hat die Kutsche ihre Destination erreicht springt der Junge, ohne auf den Kutscher zu warten, der ausgestiegen ist um die Tür zu öffnen nach draußen, weicht noch im Sprung einer Matschpfütze aus und läuft nach hinten zur Leiter um seinen Koffer vom Dach zu holen. Für gewöhnlich ist er eher träge, sieht keinen Grund darin sich anzustrengen, aber dieser Tag scheint ihm beinahe Flügel zu verleihen. Er wartet ungeduldig auf seine Mutter, mit wippenden Füßen, dreht immer wieder seinen Kopf nach der Menge die sich im Bahnhof tummelt, suchend.

Gemeinsam bewegen sich Mutter und Sohn auf die Wand zwischen Bahnsteig neun und zehn zu. Sie sehen sich um, gehen dann weiter, gradewegs durch die Wand hindurch.

Bahnsteig 9 ¾ ist überfüllt von jungen Hexen und Zauberern mit ihren Familien, die auf die Abfahrt des Zuges warten. Ihre Gespräche verschwimmen in einem einzigen Geräuschpegel von Abschieden. Die Mutter legt eine Hand auf die Schulter ihres leicht keuchenden Sohnes. Sie lächelt, süß wie Honig und scharf wie ein Fleischermesser. „Mach mich stolz, Horace.“
‚Verbocks nicht wie letztes Jahr, Horace.‘ Er nickt, drückt ihre Hand. „Jawohl, Mutter.“ Eine leichte Verbeugung. „Ich werde Sie nicht enttäuschen.“

Sie nickt. Ihr Lächeln ändert sich nicht. Sie dreht sich um und macht sich auf den Weg zurück zu ihrer Kutsche, während Horace immer noch auf dem Bahnsteig steht. „Auf Wiedersehen, Mutter.“, sagt er. Zu leise, als dass sie es noch hören könnte.

Nach einigen Sekunden macht er sich auf den Weg, manövriert seinen Koffer über den Bahnsteig, vorbei an unzähligen Familien, einflussreich und einflusslos, in den Zug. Fast ohne darauf zu achten erinnert er sich an die Namen all derer, die auf irgendeine Art und Weise Einfluss haben. ‚Verbindungen, Horace, sind das A und O.‘

Je weiter er sich den Gang hinunter bewegt, desto schneller werden seine Schritte. Er geht zielsicher, ohne anzuhalten immer weiter, grüßt manchmal im Vorübergehen einen Klassenkameraden oder eine Klassenkameradin. Es ist klar, dass er genau weiß wo er hin will.

Am vorletzten Abteil im vierten Wagen bleibt er stehen, stellt seinen Koffer kurz ab, klopft und tritt dann ein.

In diesem Abteil sind nur drei Menschen, ein Junge und zwei Mädchen, von denen sich eine (Miss Felicitas Brown, Tochter des Kohlegiganten Eduard Brown, Hufflepuff, fünftes Jahr) unter kichern und rot werden mit dem Jungen unterhält, während die andere (Miss Virginia R. Clearwater, Tochter des Beamten Roderic Clearwater, Slytherin, siebtes Jahr) ohne ihnen Beachtung zu schenken in ‚Sinclair‘s Gesamtwerk über die Verteidigung gegen die Dunklen Künste‘ liest.

Horace betritt das Abteil, lüpft seinen Hut in Richtung der Damen mit einer leichten Verbeugung, setzt sich aber noch nicht. Der Junge unterbricht sein Gespräch mit Miss Brown und wendet sich in Horace‘s Richtung. Seine Augen leuchten. Er hat seine unmodisch langen rotbraunen Haare mit einem verstaubten Samtband zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden, seine Krawatte sitzt etwas schief, sein rechtes Auge ist (schon wieder) blau geschlagen und er hat das breiteste Lächeln der Welt auf seinem Gesicht. Beinahe wäre er wohl aufgesprungen. „Horace!“

Ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht des stämmigen Jungen aus.
„Albus!“

Zum ersten Mal in was sich wie eine Ewigkeit anfühlt, fühlt sich sein Herz warm an. Vielleicht, denkt Horace, als er sich neben seinen besten Freund auf einen der gepolsterten Sitze fallen lässt, fühlt es sich so an nach Hause zu kommen.
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