Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

"Sairock: Eine Insel im Sturm"

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P18 / MaleSlash
22.09.2022
26.11.2022
12
42.224
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
22.09.2022 4.937
 
Vor langer Zeit lag im Westen eines großen Reiches ein kleiner Ort, der von tiefen Wäldern, weiten Kornfeldern und einem Spiegel gleichen See umgeben war. Es ward wahrlich kein auffäliger Ort, der sowohl vom mehr und weniger reichen Ertrag der Felder als auch von der Jagd und von den Schätzen der umgebenden Natur lebte.

Schwitzend vor Hitze und aufgeregt über die anstehenden Tage lief Leon über einen Feldweg in Richtung des nahen Waldes voran. Seine einfachen Lederschuhe wirbelten den trockenen Staub des Feldweges auf, und eine leichte Sommerbrise wehte über die nahen Grashalme der Felder.

An seiner Seite gedeihten wilde Gräser wie Kornblumen, Waldmeister oder Brennessellen die mit ihrer Blüte wie Edelsteine aus dem blass grünen und gelben Meer der Gräser hervorstachen. Die gleißende Sonne schien prall vom wolkenlosen, Meeres blauen Firmament herab, und ließ die Luft wie beim Dorfgrillen flimmern, als die Feldschätze in ihrer vollen Blüte standen, während sich das Senf gelbe Gras genauso wie die stoppelblonden Ähren im leichten Wind dieses Sommertages wiegte.

Die Bauern schnitten mit ihren scharfen Sensen die Weizen vom Felde, das Metall ihrer Klingen spiegelte den Sonnenschein, und auf dem nahegelegenen See tanzten die kleinen Boote der Fischer auf den seichten Wellen. Vom nahen Wasser streichelte der Wind durch die Gräser, vertrieb für einige Sekunden die Hitze mit einer angenehmen Frische, während Leons Weg ihn direkt auf den tiefen Wald zuführte.

Mit jedem getanen Schritt entfernte sich das Dorf weiter in der flimmernden Luft, die Pflanzen wurden größer und wilder an seiner Seite und nur die weiten Felder begleiteten ihn noch bis zum Anfang des Blättermeers. Bis auch der nahe Wald mit seinen Bäumen einen zitternden, Schatten auf die erhitzte Erde warf, sich die ersten großen Pflanzen unter seinem Schutz im Winde wiegten und er seinen Weg hinein fortsetzte.

An seiner rechten Seite wiegten sich ein paar Königs blaue Blumen zusammen mit blutroten Mohnblumen im leichten Hauch der Sommerluft, von denen sich Leon jeweils eine pflückte und einsteckte, als ein starker Windhauch durch die Blätter des nahen Waldes drang, und dessen Bäume zum Rauschen brachte. Als wollte er Leon begrüßen und sagen:"Welch' Überraschung, dich wieder hier zu sehen, Leonard. Fühle dich willkommen in meinem Reich". Er konnte die flüsternde Stimme des Waldgeistes zwischen dem tiefen Atmen der Bäume im Wind fast schon flüstern hören.

Er trat zwischen die ersten Bäume, fühlte er den kühlenden Schatten der dichten Blätter auf seiner Sonnen verbrannten Haut, roch den würzigen Geruch des Waldes, der wie der Duft eines guten Essens seine Nase umspielte. Als er die ersten Schritte in den Wald hinein getan hatte, spürte er Äste unter seinen Schuhen, und hörte deutlich wie das schwache Unterholz zerbrach.

Die hohen Bäume überspannten mit ihren Kronen wie einen einzigen Schild den wolkenlosen Himmel, während Leons Ohren erfüllt wurden von der leichten Stille des Waldes. Er ließ mit losgelösten Augen seinen Blick durch den Wald schweifen. Durch die Schatten des Waldes sah er, wie kleine Tiere im dichten Unterholz flohen, und ein kleines Reh im dichten Geflecht des Waldes verschwand.

Leon ließ seinen Blick über die, im leichten Zwielicht des Waldes schattig und gleichzeitig Sonnen erleuchteten, Ebene schweifen. Die sich sanft über ein paar leichte Hügel erstreckte, der Boden war mit dichtem Unterholz, Dickicht und vielerlei Arten von Pflanzen bedeckt, die dürren Stämme der Bäume standen wie aufgestellt im Inneren des Waldes herum, und ihre Blätter wiegten sich sanft im Spiel des Waldes.

Mit jedem Schritt blieb die trockene Hitze des Feldes weiter hinter ihm zurück, und bald schon verstellten die Bäume die Blickrichtung, in der Taisdrum lag. Leon lief weiter durch den Wald, in seinen Gedanken war er bereits inmitten der Weiten dieses Reiches verloren. Er lief und er lief, die Schuhe sanken im Unterholz des Waldes bei jedem Schritt ein, durch die Stille drang das starke Rauschen eines nahen Flusses.

Die Wellen strömten wie ein einziger Guss durch den Wald, teilten das Land, und zogen auf ihrem Jahrhunderte alten Weg einem unbekannten Ziele entgegen. Mit jedem Schritt kam Leon näher, das tiefe Strömen des Wassers vermischte sich mit der sonderbaren Stille, und Leons Gedanken kreisten um all die Schätze, die man im Inneren dieses reißenden Stroms bergen konnte.

Ringe, Reife oder Münzen, oder gar alte Waffen zogen mit einfachen Steinen durch die Fluten, bis sie irgendwann von etwas festgehalten wurden, und Leon hoffte jedes Mal, dass er es herausfischen konnte, was immer es auch war. Mit einem neuen Entdeckergeist sprang Leon von der Wurzel herunter, auf der saß, rannte über das leichte Dickicht, vorbei an Fuchsbauten oder anderen Heimen der Tiere, und freute sich bereits wie ein Kobold auf das erhoffte Gold.

Aufgeregt über die verborgenen Schätze der Fluten, rannte Leon immer weiter auf den Fluss zu, unter seinen Schritten brachen und knackten Äste, die Frische des Waldes kühlte seine Haut, und beim Rennen konnte er jede Sehne in seinem Körper spüren, als er wie ein aufgeschrecktes Reh durch den Wald sprang.

Leon ließ ein klein wenig erschöpft seinen Sack auf den Boden fallen, und kniete sich zum Trinken auf den weichen Waldboden nieder. Das glasklare Wasser rann eiskalt seine trockene Kehle hinunter, und er konnte im Abgang noch die vielen Steine und unterschiedlichen Erden heraus schmecken, über die der Fluss in seinem langen Lauf bisher geflossen war.

Leon konnte mit einem Blick die Erde, die Steine und die Äste auf dem Grund des Rivers erkennen, die von den rasenden Wellen überspült wurden. Genauso wie einen im hellen Sonnenlicht blitzenden Gegenstand, der sofort Leons Aufmerksamkeit erregte. "Was blinkt da eigentlich ?" fragte er sich, und streckte sogleich seinen rechten Arm in die Fluten herab.

Zuerst griff er vorbei, und spürte nur aufgewirbelte Erde und scharfe Steine, bis er plötzlich etwas greifen konnte. Als er seinen rechten Arm wieder zurück zog, sah er mit staunenden Augen, was er sich da eigentlich gegriffen hatte. Der Schatz des Flusses war schwer, schimmerte im hereinbrechenden Tageslicht golden, und war mit tiefen Gravierungen versehen, deren einzelne Konturen vom Wasser gereinigt und von Dreck befreit wurden.

Es ward ein goldener Armreif, dessen Oberfläche vom rasenden Wasser so geschliffen wurde, dass Leon jede einzelne, kleine Kontur und jedes eingravierte Detail darauf lesen konnte.

"Wer mochte ihn wohl hier verloren haben?" fragte sich Leon, und steckte das Gold wieder weg. "Doch wem auch immer er gehören mochte...der Fluss hat ihn genommen, und nun ist der Schatz mein" murmelte Leon glücklich, und setzte seinen Weg mit dem Reif in seiner Hand fort, während er überlegte, wie viel das Kleinod eigentlich wert sein konnte. "Welch Glück ich doch hab', da tut der Fluss mir glatt Gold zuspielen..." meinte Leon, und ließ seinen Schatz im Licht der Sonne funkeln.

Aufgeregt steckte Leon seinen neuen Fund wieder weg, und schwor sich, dass er niemand anderes von diesem wertvollen Schatz erzählen würde. Bis er ihn möglichst teuer verkaufen konnte. Nicht weiter als fünfhundert Meter von Leon entfernt überspannte eine kleine Brücke aus Brettern die beiden Ufer des reißenden Stroms. Weder irgendjemand anderes noch Leon selbst hatte es je gewagt, das Flusswasser zu durchwaten oder gar zu versuchen, hindurch zu schwimmen.

Das Flussbett ward nicht zu tief, und Leons Reif hatte sich an einem hervorragenden Stein festgeklammert, doch das tat der Gefährlichkeit keinen Abbruch. Leon ging zwar davon aus, dass das Wasser ihm vermutlich nur bis zu den Lenden reichen würde, doch dafür Leib und Leben zu riskieren erschien ihm für dieses Wissen zu teuer. Mit einem angeregten Blick suchte er die rasenden Fluten nach weiteren, blitzenden Gegenständen ab, die er herausfischen und für teures Aldrémarer Gold verkaufen konnte.

Nur besaß der Fluss keine mehr, und Leon ließ seine kleine Suche sein, stattdessen widmete er sich der alten Brücke, die etwa fünfzig Meter vor ihm die beiden Ufer des Waldes überspannte. Leon stapfte auf die Brücke zu, den Reif trug er am Arm, während das kalte Rauschen des Wassers seine Ohren erfüllte. Die Planken waren schwarz und moosbewachsen, die Bretter ächzten bei jedem Tritt, und es gab weder Geländer noch andere Sicherheiten.

Wenn man einbrach und von den Fluten mitgerissen wurde. Das dunkle, morsche Holz war schon lange im Einsatz, die Planken hielten nur noch provisorisch, und er hoffte jedes Mal auf's neue, dass er nicht einbrach. Leon schluckte einmal, und tastete mit seiner rechten Hand nach dem Schwert, dass an seinem schwarzen Ledergürtel hing.

Die mittellange Klinge spiegelte das Sonnenlicht, die Parierstange hielt das Schwert an seinem Gürtel, und der lederne Griff mit dem kleinen Knauf am Ende spürte Leon bei jeder längeren Rennerei an seinem Magen. In den Hals der Waffe hatte jemand die Worte "Soldrat" eingeritzt, und Leon hatte sich, seit er es gefunden hatte, darüber gewundert.

Als sein nachdenklicher Blick wieder auf das blank polierte Schwert mit dem seltsamen Namen fiel, kam in ihm wieder diese alte Frage auf. "Dort müsst' doch eigentlich Soldat stehen, oder täusche ich mich?" fragte sich Leon, und versuchte noch immer die Bedeutung dieses Wortes herauszufinden.

Seine Gedanken schweiften weiter, als er seinen Weg über den Waldboden mit der blanken "Soldrat" fortsetzte, seine Kleider klebten ihm trotz der Frische unter den Blätter am Leib, bei jedem Schritt sank er schon fast in das leichte Unterholz ein, und schnitt sich mit der scharfen Klinge seines Hirschfängers den Weg durch kleinere Äste, Dickicht und Waldbeeren von Sträuchern ab.

Genauso, als sei er wieder ein kleiner Junge sprang er über die sanften Hügel, rannte über die Ebenen und durch die Reihen der Bäume, fühlte mit seinen Händen die Blüten und das sanfte Moos. Die an der Rinde der umgestürzten Baumstämme wie die weißen Zunderpilze gewachsen waren.

Mit vollen Lungen atmete er die Waldluft ein, und drehte sich inmitten des Waldes wie ein Kind im Kreis, unter seinen Schuhen wirbelte das Unterholz auf, durch die Stille des Waldes erklang ein Vogelschrei, und Leon roch durch die sommerliche Luft den Geruch von frischen und wilden Kräutern, die an den Wurzeln der Bäume wie so manche leckere Pilze wuchsen.

Unter seinen Schuhen brachen Pflanzen, in seine Ohren drang das Schreien und Rufen der Tiere, die warme Augustluft streichelte ihm wie Kornähren über's Gesicht, während ein Windstoß die Bäume wieder zum Sprechen brachte, und Leon versuchte ihre Sprache zu erkennen, um die Bedeutung ihrer Wörter zu verstehen.

Denn man musste wahrlich nur die Ohren offen und den Kopf frei lassen, um zu lauschen und zu verstehen. Was der Geist des Waldes einem sagte, mit seinem Rascheln und Rauschen, mit seinem Flüstern und Brechen, und seinem leisen Sprechen.

Unter seinen hastigen Schritten knackte und brach das leichte Unterholz, durch die beschützenden Blätter der Bäume brach die Hitze des Sommertages durch, und Leon erschien gar verloren inmitten den weiten Tiefen des Waldes, als er seinen Aufstieg zum Bardum Astar begann, dem ersten Berg des Brockens. In Leons Augen ward er ein Koloss.

Eine Burg umgeben von einem tiefen, wogenden Meer aus abertausenden Bäumen, deren Wellen sich allesamt in einem einzigen Windhauch wiegten und bewegten. Durch die Wellen der Bäume flogen Vögel zum Himmel und zu unbekannten Zielen empor, während die Tiere am Boden unter dem Meer lebten, und mit ihren Augen den ganz besonderen Zauber erblickten, der diesen Wald umgab.

Leon lief weiter über die vielen Gräben und Täler, die sich der Wald erobert hatte, und dachte derweilen wieder über den Brocken nach. Über ihm teilten sich der zwielichtige Schatten der Bäume und die lichte Sonne des Tages die Herrschaft im Wald, und so beherrschten verzerrte Schatten und vom Sonnenschein durchdrungenen Lichtungen dieses weite Reich.

Er dachte an die Meter hohen Gipfel, an die tiefen Schluchten, die dieses Gebirge wie viel zu tiefen Schnittwunden durchzogen, über die flachen Täler oder über die meterhohen Berge, die fast so aussahen, als könnten sie mit ihren Spitzen wahrlich die Wolken durchbrechen.

Der Waldessboden selbst stieg weiterhin an, und mit jedem neu erreichten Höhenmeter standen die Bäume wahrlich spärlicher, ihre Reihen lichteten sich mehr und mehr, unter Leons Füße fiel etwas Erde zum Tal herunter, als er sich mit der Hilfe einer hervorstehenden Wurzel und dem starken Ast einer Nadel armen Kiefer weiter hinaufzog, der kleine Sack lastete schwer auf seinen Schultern, als er sich auf die letzte Ebene des Walds zog.

Er spürte unter seinen Schuhen harten Stein anstatt weicher Erde , der nur spärlich von ein paar kleinen Pflanzen und winzigen Grashalmen bedeckt wurde. Erschöpft und verschwitzt ließ Leon den schweren Sack von seinen Schultern gleiten, und streckte sich erstmal, bevor er zur Felswand emporblickte.

Mit dem Kopf im Nacken blickte er an der Seite des meterhohen Kolosses bis zu den zerrissenen Wolken hinauf, sein gesamter Leib war heiß, seine Kleider schweißnass, aber sein Kämpferwillen ungebrochen, weil weder seine Arme noch seine Beine kaputt waren. Trotzdem erwartete er den ansteigenden Kraftakt mit Furcht, denn nur ein kleiner Fehler, und er stürzte aus mehreren Metern Höhe unhaltbar in die Tiefe.

Mit einem Seufzer kramte er in seinem weißen Leinensack, bis er einen großen Stock heraus holte, und sich den Sack wieder über die Schulter warf.

Das Werkzeug war in etwa so lang wie sein Unterarm, besaß einen Griff und am oberen Ende ein langes, gekrümmtes Metallstück, dass aussah wie der krumme Schnabel eines Rabens. Leon strich aufgeregt über den mit etwas Stoff umwickelten Knauf, und über den mit Schrammen verzierten Kletterstock

Ganz egal ob es sich um einen Berg handelte, den es zu erklimmen galt, oder um andere Pflichten, weder sein "Schlagstock" und "Soldrat" hatten ihn niemals im Stich gelassen. Ein letzter, kleiner Atemzug verließ noch seinen Mund, als er das Schwert mit der Klinge nach unten in ein paar starke Stofftücher wickelte, und in seinem Sack verstautet, bevor sich Leon endgültig dem Aufstieg stellte.

Aus seinem Sack holte er ein paar kleine Eisen heraus, legte sie an, und packte den Griff seines Schlagstockes fester, bevor er ihn doch wieder in den Gürtel steckte, um mit den Eisen und seiner eigenen Hände Kraft hoch zu klettern. Sein Gerät schaukelte bei jedem Halt auf der zackigen und kantigen Felswand umher. Seine schwitzigen Hände rutschten fast an den mickrigen Kanten des Berges ab, doch Leon kletterte verbissen weiter, mit Händen und Metall erkämpfte er sich jeden einzelnen neuen Meter am Fels.

Mit zusammengebissenen Zähnen zog er den kleinen Schlagstock aus seinem Gürtel heraus, holte aus, und schlug zu. Der metallene Rabenschnabel grub sich in ein Loch herein, und Leon zog sich an seinem Griff wie an einem Ast beim Baumklettern hoch, während ihn die Klettereisen an seinen Schuhen ihn am Berg hielten. So kletterte er immer weiter nach oben, die Hände auf den Kanten zogen ihn hoch, und die Schuhe am Fels zogen nach, bis er oben war.

Weder wagte Leon einen Blick zur Seite oder gar nach unten, denn jede Konzentration war auf die Kraft war auf den Gipfel des Berges gerichtet, er musste einfach ankommen. Langsam aber sicher überstieg er die Gipfel der Bäume, und langsam erreichte er seine eigentliche Höhe, von der er aus mit dem richtigen Klettern erst starten wollte.

Nun traf ihn die Sonne mit voller Wucht, als er erst mit dem Schopfe, danach mit dem kompletten Körper die ersten Bäume überstieg, und sich weiter nach oben kämpfte, hielten ihn nur noch seine Eisen am Felsen fest. Unter seinen Schuhen prasselten kleine Steine nach unten, der Schweiß lief ihm in die Augen, und der Rabenschnabel reflektierte die Sonne bei jedem einzelnen Schlag wieder, als er sich immer weiter oben kämpfte.

Mit der rechten Hand schlug er ein weiteres Mal zu, das metallische Klingen der Rabenklinge klang wie ein Glockenschlag in seinen Ohren nach, als er mit seinem rechten Fuß gerade wieder nachtreten wollte, rutschte er plötzlich mit der linken Hand ab, und mit einem schnellen Blick bemerkte er, dass nur noch seine rechte Hand und sein rechter Fuß ihn überhaupt noch am Felsen fest hielten.

Unter ihm ging es mehrere hundert Meter in die ungewisse Tiefe, die Bäume raschelten im leisen Wind, er schwitzte, spürte den Schmerz in seinen angestrengten Armen und die fehlende Kraft in seinen Beinen, als er mit einem kampfbereiten Augen wieder nach oben blickte, fand Leon einen weiteren, kleinen Halt. Ohne weiter zu zögern packte er seine Hand drauf, und ruhte wie gekreuzigt an der Felswand.

Ein paar Meter vor ihm flog mit freien Schwingen ein Rabe vor der Felswand entlang, und ließ sich frei wie er war, einfach nur von den Lüften dieser Welt tragen und fortwehen auf unbekannten Wegen.

Leons Blick folgte für eine kurze Zeit dem Vogel, während er an einer schroffen Felswand hing, die scharfen Kanten durch seine Kleider spürte, und zwischen seinen Beinen den Abgrund sah. Seine Beine brannten, und seine Arme fühlten sich so an, als hätte er sie auseinander gezogen, sein gesamter Leib war schweißgebadet. Sein Kopf war schon ganz rot von der Sonne, die ihn auf voller Breitseite traf. Leon schluckte einmal, blickte hinauf, und schluckte noch einmal.

Denn der kleine Felsvorsprung, auf dem er stand, war nur ein winziger Posten auf einer riesigen Mauer. Erschöpft und kampfbereit ließ Leon seinen Blick über die weiten Wälder schweifen, aus denen er gekommen und in denen er, genauso wie auf den weiten Feldern, die sich wie gelbe Streifen in diesem unendlich erscheinenden Meer aus Grün erstreckten, aufgewachsen war.

Seine Kehle war trocken wie eine Südwüste, seine Arme brannten, als stünden sie in Flammen, und seine Beinen waren abgefallen. Als wäre es ein ganz normaler Tag umspielte eine kühle Brise sein von der Hitze glühendes Gesicht, und Leon fasste wieder neuen Mut weiter zu klettern.

Rechts und links Leon durchstachen neben Berggipfel mit ihren Spitzen aus Felsgestein das Himmelszelt, während der Eingang über ihm für ihn immer wichtiger wurde. Ehrgeizig und zielstrebig packte er einen Halt nach den anderen, zog sich mit letzter Kraft hoch, selbst wenn seine Arme brannten, setzte einen Schritt nach oben, mit den Augen nach oben gerichtete, konnte er schon fast den Boden sehen, und hatte es dann plötzlich geschafft.

Vor ihm lag der Eingang einer tiefen Höhle, der direkt in die Blickrichtung der aufsteigenden Sonne zeigte. Mit seinen allerletzten Kraftreserven hob sich Leon selbst auf den steinernen, und mit kleinen Kieselsteinen übersäten Boden, und dankte den Göttern, dass er es trotz allen Gefahren hier hinauf geschafft hatte. Seine Brust hob und senkte sich rasend schnell. Seine Arme steckten in glühenden Eisen, und seine Beine klebten beim Hoch-kraxeln des Berges wahrscheinlich immer noch irgendwo an der Felswand fest. Der Sack auf seinem Rücken lastete wie ein Felsbrocken auf seinem Rücken, und die Sonne schien ihn mit ihren goldenen Strahlen zu seinem Erfolg gratulieren zu wollen.

Mit in beide Richtungen wie am Kreuz ausgestreckten Armen lag in der Höhle, während seine Beine immer noch über der Kante schwebten, und versuchte zu begreifen, was er gerade getan hatte. Denn er hatte den Bardrum Astar bezwungen, den ersten kleinen Berg des verdammten Brockens. Der schwere Rabenschnabel lag zu seiner rechten, und sein Körper hörte für die nächsten Stunden erstmal nicht mehr damit auf, die verwendeten Energien wieder aufzufüllen.

Als die nächsten Stunden vergangen waren, legte er den schweren Sack ab, schmiss ihn die Ecke, und streifte sogleich auch sein kratziges, durchgeschwitztes Sommergewand ab, und sah sich um.

Er hatte eine geradezu ideale Höhe gefunden, deren Decken und Boden mit abertausenden kleinen Steinen übersät waren, die im untergehenden Licht der Sonne wie Diamanten funkelten. Am weit entfernten Horizont fing die Sonne langsam an, unter zu gehen, Leon setzte sich an die Kante des Einganges, und schweifte mit seinem Blick zum lodernden Horizont.

Um sein losgelöstes Gesicht wehten die Bergluft, die nach Kiefernnadeln, der Frische des Berges und dem rauchigen Aroma des Abends mitbrachten. Während seine losgelösten Blicke immer mehr im aufleuchtenden Feuerspiel der untergehenden Sonne versanken, dachte er einfach nur nach, während er mit verschränkten Armen auf seinen Beinen an der Höhlenwand saß. Und das Ende des Tages beobachtete. Die Wolken am Himmel zogen sich zu langen Streifen zusammen, die letzten Strahlen der Sonne entzündeten den Horizont in einem Strahlenkranz aus einem leuchtenden gold, dass von einem feurigen Rot umrahmt war.

Dessen lodernde Flammen von einem tiefen Violett geziert wurden. Und mittendrin versank die Sonne in ihrem eigenen Feuerspiel, während sich hinter Leons Bergen bereits die Nacht auf die Almen und Gipfel des Brockens zu legen begann. Hier oben kam die Nacht so viel schneller, als dort unten, bemerkte er mit einem Schulterzucken. Doch eigentlich interessierte ihn das gar nicht, denn gedanklich war er schon längst fort, und weit, weit draußen in einer ganz anderen Welt.

Das leise Rauschen des Waldes drang noch an seine Ohren, das Feuer spiegelte sich in seinen erschöpften Augen, während er unten noch bemerkten konnte, wie sich langsam nur noch die letzten Ähren auf den Feldern im seichten Abendwind drehte. Als er wieder in das Innere stapfte, öffnete er seinen schweren Sack, schüttete ein paar Gegenstände heraus, und die begehrten Sachen fielen heraus. Mit erschöpften Händen griff er sich diese, lief zur Ende der Höhle, und begann damit, das zu errichten, was er aufbauen wollte.

Der lange Stock hielt sowohl zwischen Dach als auch Boden stand, was Leon begrüßte. Schnell ward die Plane noch dazwischen gequetscht, und schon stand sein Zelt fest und stark in der Höhle. Rasch warf er noch seinen Leinenschlafsack hinein, und ging damit zur nächsten Aufgabe über.

Außer seinem Schlafplatz lagen noch zwei Hölzer im großen Sack, große Steine gab es hier wahrlich mehr als genug, und der weiße Zunder aus seiner Tasche würde sicherlich für eine ordentliche Hitze zum Köcheln sorgen. Die Kochstelle ward schnell aufgebaut während Leon sich an den herrlich knisternden Flammen erfreute, als er an der Wand saßund sich das Lager vom Feuer erwärmen ließ. Die hitzigen Zungen tanzten wie zackige Schatten an der Decke, und er ließ seine Gedanken wieder weiter schweifen. Das mitgebrachte Essen kochte in einem Eisentopf, der an den zwei Hölzern aufgestützt über den Flammen hing.

Nach und nach warf die Nacht ihr weites, samtenes Diamantentuch über der Welt aus, löschte das Licht und ließ die Menschen mit ihrer Ankunft verstummen, während der Mond sich bereits auf seine alte Runde über den Sternen übersäten Himmel begann. Leon stand auf, legte seine Waffe zur Seite, und setzte sich an den Rand der Höhle. Vor ihm lag sein Heimatland, über ihm funkelten die Gestirne, während der seichte Nachtwind leise über seinen Körper strich.

Die Welt war schwarz wie die Unterwelt, durch die Luft drangen Eulen und Tierrufe, und nur die letzten Häuser Taisdrums warfen noch ihr fahles Licht auf die Straßen dieses schlafenden Ortes. Der Wald rauschte düster im Wind der Sternenzeit, während nur der Mond sein fahles Licht auf die Seen und Felder des Westlandes des Landes warf.

Die Zeit verging, die Nacht nahm ihren Lauf, und nur noch Leon saß noch an seiner Klippe, mit dem losgelösten Blick zu den Sternen gerichtet, und dachte nach. Er dachte nach über all die Dinge, die diese Welt bereit halten konnte, über all die Reichtümer dieser Zeit, und woher sie eigentlich alle stammten. Im Geister gleichen Hauchen des Nachtwindes dachte Leon jedes Mal.

Gar Stimmen herauszuhören, die aus einer fernen, fernen Zeit stammten. Geister und Tote, die fort getragen wurden vom Ruf der Zeit, und nur noch als leises Flüstern im Rauschen des Windes in der Stille der Nacht existierten. Ihre Stimmen sprachen vom Reisen, von fernen Ländern und Gefahren, von Städten die in unendlichen Feldern lagen, Festungen in einem Reich aus Eis und Schnee und einem Herrscher, der alles regieren wollte.

Als das blasse Mondeslicht bereits seinen fahlen Schein in das dunkle Maul hereinwarf, in dem Leon saß, bemerkte er, dass es Zeit zum Ruhen war. Mit einem entspannten und doch sehr aufgeweckten Gefühl stand er auf, und lief durch die Höhle auf sein Lager zu. Er konnte glücklicherweise einen Stoffstreifen vor den Eingang hängen, sodass ihn kein Strahl des nächtlichen Lichtes stören sollte.

Leon zog seine restlichen Kleider aus, legte sie neben seinen Schlafsack, kuschelte sich in die offene und mit Wolle gestopften Decke, und schloss seine Augen. Unter dem weichen Stoff spürte er den harten Stein, fühlte den herein wehenden Wind aus seinem Antlitz, und roch noch die letzten Aromen des Waldes, bevor er hinüber tritt in das Land der Träume.

Er blickte sich um, die schwarze Landschaften war übersät mit totem Holz, dass aussah, als hätte ein Drache diesen Wald verbrannt, die Bäume waren verkohlt, der Boden bedeckt mit schwarzem Staub übersät, und sein Blick schweifte durch die Bäume, doch er konnte keinen anderen Wald mehr erkennen. Die Äste waren dürr, Asche wirbelte unter seinen Schuhen auf, und der Himmel war mit grauen Wolken bedeckt.

Von einem kleinen Instinkt getrieben schaute Leon an seinem Gürtel herab, und erblickte ein rubinrotes Schwert mit einer blutbesudelten Klinge an seiner Seite. Die Parierstange des Schwertes war aus einem hellen Stahl gefertigt, und schien das neblige Licht seiner Umgebung zu reflektieren. Der Griff war aus einem schwarzen Marterial gefertigt, mit schwarzen Riemen umwickelt, und am Ende des blutigen Schwertes wartete ein großer Knauf in der Form eines Totenkopfs.

Draußen streichelte leise der Wind über die kleinen Gräser des Gebirges, am Firmament funkelten die Sterne, und das einzige Licht war das, des Monds, welches kalt und weiß auf die schlafende Erde fiel. Mit einem Seufzer fiel Leon wieder zurück in seine warme Decke, schüttelte seinen Kopf, und versuchte wieder weiter zu schlafen. Seine Brust hob und senkte sich in gleichmäßigen Atemzügen, bis er sich beruhigt hatte, ganz verwirrt ward er von dem seltsamen Traum.

Mit einem noch immer im Reich des Traumes gefangenen Geist und einem warmen Leib setzte er sich auf, bei jeder Bewegung konnte er den harten Stein unter seiner Decke und dem Leinenzelt spüren. "Was ein seltsamer Traum", murmelte er verwirrt.

Müde und verschlafen bemerkte Leon, wie ein Geruch hereingeschwebt kam, der leicht süßlich, aber auch bitter und würzig auf einmal roch. Verschlafen blickte er sich um, doch alles war er sah war pure Dunkelheit, bis er den Streifen aus Stoff beiseite zog, der ihm als Schutz gegen das Mondeslicht gedient hatte, und sah direkt zum Eingang der Höhle.

Draußen stand im Eingang eine Gestalt, deren leichtes Gewand im untergehenden Mondesschein leuchtete. „Wer bist du, verrate deinen Namen" sprach Leon, mit dem Knauf von Soldrat in der rechten, als er die sich im hereinfallenden Licht spiegelnde Klinge auf das Wesen richtete, dass auf der anderen Seite leicht zu schweben ließ.

„Ich bin Ursaslra, die Botin des Schicksals" antwortete sie sogleich auf Leons direkte Frage. „Was willst du, Botin?" „ Du hast etwas zu finden, einen Stein", erwiderte sie in einer Stimme, die auf der einen Seite beschwörerisch und auf der anderen wie ein Singsang klang. „Was für einen Stein?", fragte Leon kritisch nach. „Den Stein der Meisterin des Eises, Marudriam" flüsterte sie mit ihrer singenden Stimme dem Knaben entgegen. Während Leon versuchte, sie zu verstehen, fiel ihm ihr Gewand auf, wenn man dies noch so nennen konnte.

Um ihre bleichen Schultern fiel ein langer, aber fast durchsichtiger Umhang bis auf den steinigen Boden, ihr Oberkörper wurde von einem langen Kleid verhüllt, über dass sich eine Tora wie ein Band aus Sternenlicht wand. Ihr langes Haar fiel ihr über die Schultern.

Ihr Gesicht sah aus wie das eines Engels. Die zwei hellblauen Augen schienen so hell wie das Eis selbst sein, ihre Lippen waren gar sanft geschwungen, und die Haut der Erscheinung ward so blass und hell wie die Sterne. Nur ihr Haar konnte Leon nicht zuordnen, denn es ward weder blond, noch weiß oder grau. Es schien zu schwach zu sein, um eine Farbe zu besitzen. Die Haut war bleich, die Ohren gar leicht spitz und das Antlitz kam gar einem Elben gleich.

Langsam legte Leon sein Schwert wieder weg, doch fragte noch immer auf Abstand:" Und wo soll ich diesen Stein finden"? „Im Turm der Stürme"antwortete sie „Ihr sprecht in Rätseln, liebe Botin, wozu soll ich das überhaupt tun?"fragte Leon verwirrt. „Schurdradras marlemss, tastiatr basturdm" hauchte sie leise, und als die bereits die Sonne hinter den fernen Wäldern aufging, begann sie an zu verschwinden. Ihr Gesicht verblasste in den ersten Morgenstrahlen, ihr Haar verflog wie der Geist im Luft, und ihr Körper verflog mit dem ersten Hauch des Morgenwinds. Als wäre sie niemals dort gewesen, wo Leon nun saß und das alles zu verstehen versuchte.

Mit einem verwirrten und nachdenklichen Blick schaute er weit über die tiefen Wälder die diesen Berg umgaben, und blickte stumm bis zu den Feldern von Taisdrum, und überlegte in seinen Gedanken, was dies alles zu bedeuten hatte. Die Meisterin des Eises besaß einen magischen Stein den ich holen soll, überlegte er stumm. Doch warum? Welchem Zwecke sollte das dienen, und welchen Vorteil ergab sich daraus für die Händler, das Dorf und mich, dachte er weiter.

Und vor allem, wo sollte er sie finden? Im Dorf gab es viele Legenden um den Brocken, die von Zwergen, Tatzelwürmern oder Erdgeistern bis hin zu mächtigen Zauberern reichten.
Schwach und dunkel konnte sich Leon noch daran erinnern, dass eine dieser mächtigen Magierinnen in einem großen Turm am Ende eines Berges auf einem großen Plateau am Ende einer eisigen Brücke hausen sollte, Von diesem Ort aus sollte man angeblich über alle Grenzen bis in fremde Grenzen schauen könne.

Langsam wurde ihm kalt, weswegen Leon rasch wieder tiefer in seine Höhle schritt, und etwas aus dem Bergfluss mitgenommenes Wasser in den Topf kippte. Mit seinem Zunderpilz und den abgeschnittenen Ästen von gestern ward recht schnell ein Feuer entzündet, dessen lodernde Flammen hoch über die Feuerstelle züngelten und tasteten.

Vor freudig auf das Essen leerte der Knabe seine Feldflasche, schüttete das geschröpfte Bergwasser in den Eisentopf, und warf noch gleich ein paar leckere Schätze des Waldes in seinen heißen Pott dazu.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast