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"Sairock: Eine Insel im Sturm"

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P18 / MaleSlash
22.09.2022
29.09.2022
3
13.110
 
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22.09.2022 4.430
 
Von Raphael Frontmann.

Es war ein kalter, verregneter Tag, den Leon an diesem 23. Oktober erlebte. Mit gesenktem Kopf lief er über die geflutete Straße nach Hause, die namenlosen Häuser an seiner Seite wurden vom Regen allesamt matt und grau gefärbt. Genauso wie die Autos die mit scheinbarer Höchstgeschwindigkeit über die Straße fuhren, während er weiterhin allein unter dem Regen dahin lief. Er hatte die Hände in den Taschen, die Kälte der Fluten auf seiner Haut und den Blick auf den Boden gerichtet.

Leon verfluchte diesen Tag innerlich, und das hatte gleich mehrere Gründe, dieser Lauf durch den Regen war tatsächlich nur einer davon.

Alles hatte am frühen Morgen angefangen, als Leon fast verschlafen hatte. Noch vollkommen übermüdet kam Leon, dachte er zumindest, gerade noch rechtzeitig an der Bushaltestelle an. Aber sein alltäglicher Schulbus tauchte einfach nicht auf, und ließ Leon eine halbe Stunde in der Herbstkälte stehen. "Na zum Glück hat's da noch nicht geregnet" murmelte Leon ironisch. Er stapfte langsamen Schrittes er über den zentimeterhoch nassen Beton, während der Regen wie Flusswasser über die Straßen lief, und in den Tiefen der Berliner Abwassersysteme verschwand, aber selbst das konnte Leons Gedanken nicht mehr forttragen.

Nachdem der Schulbus endlich kam, hatte er in der Mathe-Klausur, die seine Klassenkameraden und Leon zurück bekamen, eine glatte sechs bekommen. "Großartig" murmelte Leon, als er mit seinem Schuh einen kleinen Stein wegkickte und diesen Tag innerlich verfluchte.

Der Schultag war damit noch nicht überstanden, nein er fing erst richtig an. Die ersten paar Stunden bis zur zweiten großen Pause konnte Leon noch irgendwie ertragen, da Mathematik und Deutsch eh nicht seine starken Fächer waren. Als Mathe dran war, hatte Leons Klasse und er nur über die Klausur und über irgendwelche Formeln geredet, was zumindest für einige ein halb interessantes Thema sein konnte.

Danach war deutsch dran, und deutsch war, mit dem richtigen Lehrer, ein in Leons Augen ganz passables Fach. Aber im Gegensatz zu den anderen Parallelklassen hatten Leon und seine Klassenkameraden nicht den richtigen Lehrer.

Leon saß müde und gelangweilt in der ersten Reihe vor der dunkelgrünen Tafel und versuchte nicht direkt vor dem Lehrer einzuschlafen. "Warum müssen wir uns eigentlich immer dasselbe anhören? Wir wissen, wie wir Texte zu interpretieren haben..." murmelte Leon leise, mit halb geschlossenen Augen.

Soweit sich Leon erinnern konnte hingen irgendwelche alte Texte an einem kleinen, roten Zeitstrahl an ein paar gelben Klammern herab. Von oben sorgten währenddessen ein paar LED-Lampen für ein so grelles Licht, dass sie in den frühen Morgenstunden nicht noch einmal runterkommen und früh am Morgen einschlafen konnten.

Herr Kröning erklärte seiner Klasse gerade, worauf sie bei der nächsten Textanalyse achten sollten, und warum sie das Buch, an dessen Namen sich Leon nicht mehr erinnerte, unbedingt bis morgen durchgelesen haben sollten.

Aber anstatt seinem Lehrer weiter zuzuhören, richtete Leon seinen Blick wieder durch die mit Herbstschmuck verzierten Fenstern in die gerade wieder aufwachende Natur Berlins.
Ein paar Mal wiederholte Herr Kröning seine vorherigen Aussagen noch, und die Klasse tat weiterhin so, als würde sie zuhören, bis es zur großen fünfundvierzig Minuten Pause kam.

In der zweiten Hofpause unterhielten sich Christian und Leon über die dringend benötigte musikalische Untermalung des in der nächsten Woche anstehenden Musikprojekts. Ihre gemeinsame Entscheidung war, aufgrund des Hauptthemas im Unterricht, dem Zweiten Weltkrieg, auf "Donaukinder" von Rammstein gefallen. Jetzt brauchten sie nur noch eine visuelle Unterlage dafür. Leon war der Ansicht, dass der Film „Der Junge im gestreiften Pyjama" eine perfekte Filmergänzung sei. Christian meinte dagegen, dass der Film aufgrund der Thematik zu hart sei und er deshalb nicht gut ankommen würde, was zu einer schlechteren Note führen könnte.

Während sich ihr Gespräch noch um die Musik drehte, war Leon auf dem nassen Pflastersteinboden des Schulhofs ausgerutscht, und fast mit dem Rücken auf die Steine geflogen, konnte sich aber noch mit dem rechten Arm etwas abfedern. Allerdings was ihm fast dasselbe bereits gestern passiert, was er auch dementsprechend spüren konnte.

Kurz nachdem das schon für einen halben Tag im Gefängnis ausgereicht hätte, geschah das, was jeden Tag passierte, dass blieb wie ein Nebelgeist in seiner Erinnerung hängen. Er und Christian trafen sich nach der Hofpause auf dem Schulflur, und gingen gemeinsam zum Essen in den Keller zur Mensa. Weder Leon noch er bemerkten überhaupt noch, dass sie sich wieder auf dem Weg nach unten befanden, weil jeder Tag die absolut gleiche Routine besaß. Nur diese eine Mahlzeit gab dem ganzen einen winzigen, positiven Rest, den Leon aus der immer gleichen Routine herausschmecken konnte.

Christian und er liefen die alten Stufen der Treppen zum Keller hinunter, während sich ihr Gespräch um die ihrer Meinung nach besten Horrorfilme der letzten Zeit drehte. Leon war der Meinung, dass die "The Conjuring" Reihe eine der besten Trilogien im Gerne waren, wogegen Christian stets felsenfest die Ansicht vertrat, dass es sich bei der alten Version von "Es" um einen der blutigsten Gruselfilme und damit um einen der besten der letzten Zeit handelte.

"Also, ein Paar aus Geisterjägern reist in verschiedene Orte um dort Familien zu befreien, die von Dämonen oder Geistern bessessen sind? Und bewahren die verfluchten Relikte dann in ihrem eigenen Haus auf, wo sie ganz leicht von Kindern oder Vollidioten geöffnet oder zerstört werden können?" fragte Christian noch einmal bei Leon, der diese Frage absolut hasste.

"Ja das tun sie, aber das ist auch ihr ganz eigenes Gruselmuseum. Dort werden die, von dir so treffend bemerkten, gefährlichen Artefakte aufbewahrt. Und ist das so viel besser als dein großes Monster, dass nur alle paar Jahrzehnte rauskommen muss, um ein paar Kinder zu fressen? Ich meine, von den paar Balgen wird man doch nicht satt" argumentierte Leon dagegen.

Sein Freund ignorierte den Einwand mit einem Schulterzucken. Durch einen leichten Druck schwang die gläserne Kellertür auf, und offenbarte einen unverputzten, fensterlosen Gang mit rotem Plastikboden, der von kalten Neonröhren an der weißen Putzdecke erhellt wurde. Christian schob die Tür zur Seite, hielt sie für Leon auf, und lief neben ihm wortlos den schattigen Gang entlang. Die Lichter an der Decke waren alt und viel zu klein, um wirklich den gesamten Flur zu erhellen. An der Wand zogen sich irgendwelche Kabel wie die Organe der Körper dieser Schule durch den Stein, und Leon versuchte all das liegen gelassene Bauarbeiterzeug an ihrer Seite getrost zu ignorieren.

Ihre Schritte hallten durch den menschenleeren Gang, hinter ihnen flackerten die Lampen plötzlich, als hätten sie nur noch für ihren Besuch durchgehalten, und würden nun langsam ihre Belastungsgrenzen erreichen. Leon und Christian überlegten, was sie außerhalb der Schule noch zusammen erleben könnten, doch damit hielt es sich wie bei jedem anderen Tag.

Mit einem ordentlichen Schwung öffnete Leon die Tür, und sie traten in die große Mensa ein. Der dunkelgrüne Raum der vor ihnen lag war zugestellt mit alten Tischen, die unverputzte Decke wurde von ein paar steinernen und in der gleichen Farbe gestrichenen Säulen getragen.

Durch die Kellerfenster fiel das helle Licht dieses späten Oktobertages herein, die sich etwas überhalb der Wand befanden, und damit die Tische am Rand der Fensterseiten in schattiger Dunkelheit ließen. Rechts und links stand neben der Essensausgabe eine kleine Salatbar für etwas gesundes.

Als Leon sein Essen holte, ein Stück Seelachsfilet in grauer Soße mit Königsberger Klopsen auf einemTeller und sich zu Christian in die Dunkelheit setzen wollte, kam ihm Raphael entgegen. Aufgekratzt und wahrscheinlich high wie immer lief er mit seinen zerissenen Klamotten auf Leon zu. In  seinen Eichenholz braunen Augen konnte Leon eine natürliche Offenheit zusammen mit einer gewissen, doch viel zu oft geprüften Lebensfreude funkeln sehen.

"Hallo, willst du dich nicht mal zu mir setzen? Du bist immer so alleine" schlug ihm Raphael ohne einen wirklichen Kontext vor.

"Eigentlich.."eigentlich möchtest du ablehnen, aber weißt genau dass du das lieber willst?" unterbrach Raphael Leon mit einem kleinen Grinsen im Gesicht, und Leon schloss den Mund. Welchen er zu einer Antwort öffnen wollte wieder und folgte Raphael einfach. Ein paar andere Mitschüler aus seiner oder Leons Klasse tauchten nach und nach auf, doch dafür konnte Leon keine Aufmerksamkeit hervorbringen.

Er hatte tatsächlich recht, und das überraschte Leon, während er noch mit seinem dampfenden Tablet zwischen der Besteckausgabe und den Tischen zu seiner rechten stand, überlegte er, ob er wirklich so leicht zu durchschauen war. "Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen?" Weiß ich nicht, aber gerade warst du es auf jeden Fall" antwortete Raphael auf die Frage, und Leon setzte sich an seine Seite.

Offenbar hatten sie sich dasselbe bestellt, und der vollgeschriebene Block an Raphaels rechter Seite war Leon natürlich nicht entgangen. Allerdings konnte er zwischen all den ungelenken, durchgestrichenen oder korrigierten Zeilen keinen einzigen deutschen Buchstaben erkennen, den er lesen konnte.

Mit einer kleinen Handbewegung bedeutete er Christian, sich ebenfalls zu Raphaels Tisch an der Fensterseite zu setzen, was ihm offensichtlich sehr gefiel. "Cool, mal mehr Leute zum Reden als nur meinen Kopf", murmelte Raphael scherzhaft, und trank einen Schluck aus seinem Wasserglas. "Wie alt bist du eigentlich?", fragte Christian Raphael als Gesprächseinstieg. "Ich? Ich bin fünfzehn" antwortete der Junge direkt "Cool, ich ebenfalls" sagte Christian und fing an zu essen."Warum seid ihr beiden alleine?" fragte Raphael die beiden anderen Jungen.

"Die anderen wollen uns einfach nicht..." sagte Leon neben dem Essen etwas leise. "Ihr seid da nicht alleine", erwiderte Raphael direkt. Aber anstatt dass er weiter seine neuen Banknachbarn ansah, wanderte sein Blick bei dieser Aussage zum Boden. "Sag mal Raphael, wenn ich kurz fragen darf, was hast du da?" meinte Christian, und zeigte mit seiner mit Essen vollgeladenen Gabel auf den Schreibblock der stets griffbereit neben ihm lag.

"Ach das...ja... sind nur ein paar Ideen, die ich halt mal aufgeschrieben und danach wieder verworfen habe"antwortete Raphael beiläufig, bis er weiter erklärte: "Eine geht zum Beispiel über eine Zombieakoplaypse, eine anderen dreht sich zum Beispiel um Animes...ach ich weiß auch nicht" murmelte der Junge etwas unentschlossen, seine linke Hand spielte derweilen mit dem Kugelschreiber herum, der auf seinem Block lag, während er aß und den anderen zuhörte.

"Magst du Zombies?" fragte ihn Leon, und Raphael nickte als Antwort direkt. "Dann lass doch mal hören" forderte Christian, offenbar von seinen Lieblingsbegriffen Zombies und Anime getriggert, Raphael auf, seine Ideen zu erzählen. Das ließ sich Raphael nicht zweimal sagen, mit einem gelernten Blick huschte er über das Schlachtfeld aus unzähligen, mit blauer Tinte hastig aufs Papier geschrieben Buchstaben, und fand eine, die er für gut genug hielt.

"Hier..es geht hierbei um einen Jungen der in einer zerstörten Welt aufwächst, und sich dort mit ein paar übrig gebliebenen Freunden gegen Zombies und andere Feinden wehren muss" erklärte Raphael ruhig, seine Hand spielte, als er seine Idee erklärte, immer noch mit dem Stift herum. Was Leon aus den Augenwinkeln auffiel, und seine Theorie vom Junkie Raphael nur noch verstärkte.

"Warum sitzt du immer alleine hier?" fragte Christian weiter "Keine Ahnung, ich glaube, ich bin einfach kein Mensch für soziale Gruppen" scherzte Raphael. Doch im Nachklang seines Lachens konnte Leon einen viel zu starken Schmerz heraushören, der viel zu tief war für einen fünfzehnjährigen. Mit einem leeren Teller stand Raphael auf, bewegte sich zur Essensaugabe, und achtete damit eher weniger auf die Umgebung.

Jedenfalls hatte er das vor, doch zwei Jungen aus Markos Gang hatten Rapahel entdeckt und schlenderten entspannt zu Raphael rüber, und trennten ihm den Weg ab." Heyy, Raffy, wie geht'sn dir?" fragte ihn der eine hochnäsig, während Maximilian sich direkt hinter ihm aufbaute, und verhinderte, dass er abhaute ."Lasst mich in Ruhe, Leute" erwiderte Raphael kalt, und reckte trotzig seinen Kopf etwas nach oben, weil Finn etwas größer als er war um ihm in die Augen blicken zu können.

Bei allen anderen hätte Leon das absolut kindisch gefunden, doch irgendwie war das bei diesem Jungen etwas anderes. Auf der anderen Seite war er auch ein absoluter Freak, weswegen es Leon erst einmal unterließ, wirklich einzugreifen, und stattdessen eher weiter aß. Was er allerdings tat, ist Finn merken zu lassen, dass die Situation inzwischen auch andere Ohren erreichte, als nur seine und Raphaels.

"Hey, hast du heute etwas dabei, hm? Oder kann sich deine Familie nichts anderes als deine Drecksklamotten leisten?" "Wahrscheinlich mehr als deine" konterte Raphael direkt, und grinste ihm in die Augen. Doch in Finns Blick konnte Raphael direkt sehen, dass er wusste, dass er deutlich mächtiger war als der schmächtige und leicht untersetzte Raphael, der vor ihm stand.

Im Gegensatz zu Leon und den anderen Mitschülern blieb Christian nicht sitzen und aß unbehelligt weiter, mit einem anscheinend entspannten Gang lief er an den dreien mit seinem Tablet in der Hand vorbei, und meinte mit einem kurzen Blick zu Raphael:" Hey, wieso sucht ihr euch nicht mal jemanden, der auch wirklich was hat? Wenn ihr eh davon ausgeht, dass der high ist, hat der kein Geld mehr. Der hat sicherlich schon alles ausgegeben, oder Raphael?" meinte Christian abfällig, und bedeutete Raphael, der nur verwirrt guckte, durch einen kleinen Stoß in die Seite mitzuspielen.

Raphael schien echt mit sich zu ringen, bevor er seine Aussage runterschluckte, seuftzte und etwas kleinlaut antwortete"Ja, ich bin high. Seid ihr jetzt zufrieden?" "Auf was bist du denn drauf? Gras?" "Klar, auf allem. Speed, Teile außerdem vor der Schule haben die anderen und ich auch noch einen geraucht" antwortete Raphael ohne ein Schulterzucken, während er mit den kaputten Schuhen leicht auf dem Boden scharrte.

Widerwillig zogen die zwei ab, und die Jungs hatten die Mensa wieder für sich, Christian lief zum offensichtlich sehr frurstierten Raphael zu, der gerade mit der Faust gegen eine der tragenden Säulen des Kelleraums geschlagen hatte. "Fck, jeden einzelnen Tag läuft das gleich!" In seinen Augen glitzerten kleine Tränen. Christian konnte nicht sagen, ob sie aus dem körperlichen oder aus dem geistigen Schmerz herrührten. "Raphael...tut mir leid. Das war echt nicht so gemeint.." versuchte Christian sich vorsichtig zu entschuldigen.

"Alles gut, das passiert nur...jeden...einzelnen Tag" brachte der Junge zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, mittlerweile hatte er seine Hand wieder runter genommen, und versuchte sich offensichtlich wieder zu beruhigen. Für einen kurzen Moment blickte er Raphael in die Augen, und sah eine kleine Träne im dunklen Braun seiner Augen aufglänzen.

"Sag mal, weinst du deswegen?" versuchte er vorsichtig nachzufragen, doch Raphael reagierte sofort. Er schluckte einmal, wischte sich einmal durch die Augen, und erwiderte kalt "Ich und weinen? Quatsch doch keinen Schrott", und wandte sich ab.

Die anderen Schüler, die es in der letzten Zeit ebenfalls in die Mensa verschlagen hatte, machten sich über ihr Essen her, sprachen miteinander oder taten so, als würden Christian und Raphael nicht existieren.

"Ey Leon, wieso willst du immer mit denen abhängen? Du hast doch gesehen, was das für welche sind, nicht wahr?" fragte Christian laut bei seinem Freund nach. "Ja, das hab' ich. Sry Raphael..." gab Leon etwas kleinlaut zu."Jaja, ist schon gut" murmelte der Junge leise, brachte seinen Teller weg und verschwand mit gesenktem Kopf im Gewimmel der Menschen, die zur großen Pause wieder runter in die Mensa strömten.

Nachdem das Mittagessen vorbei war, ging es direkt mit Geschichte und Chemie weiter, und diese Fächer waren in Leons Augen etwas ansatzweise interessantes. In der heutigen Stunde ging es dieses Mal um Säuren und andere ätzende Stoffe, was den letzten Block Gefänginsstunden etwas erträglich machte.

Um sechzehn Uhr war es vorbei, doch bereits um fünfzehn Uhr hatte der Himmel seine Tore geöffnet, um die Erde mit neuem Regen zu fluten. Leon rannte bis durch zur Bushaltestelle durch, nur um dann fest stellen zu dürfen, dass der Bus ein weiteres Mal nicht kam. Mit den Händen auf den Knien, brennenden Lungen, Seitenstechen auf beiden Seiten und einem Fluch an diesen Tag lief Leon von der Bushaltestelle aus in den nächsten Bezirk nach Hause. Allerderdings konnte das dauern, wenn er zu Fuß nachhaus' laufen musste.

Seit Stunden peitschte der Herbstregen auf Berlin nieder und Leon schritt mittendurch die eiskalten Fluten, er fror, seine Arme waren kalt und seine Hände taub gefroren. Selbst die Kapuze seiner schwarzen Herbstjacke hatte ihm nichts mehr im stürmischen Regenguss gebracht. Manche Autofahrer fuhren neben dem Knaben wie auf Kommando los, oder mitten durch Pfützen durch, was Leon schon nach ein paar Metern auf dem Gehweg neben der Straße wie einen bis auf die Knochen durchnässten und frierenden Hund aussehen ließ, der er sehr wahrscheinlich auch war.

Seine Hände waren klamm gefroren, seine Klamotten durchgenässt und konnten ihn so keine weitere Sekunde länger warmhalten, die langen Flüsse zogen sich zwischen den steinernen Ufern mehrere hundert Meter lang, bis Leon endlich in sein altes Viertel kam. Durch den dichten Nebel des Regens konnte er nur noch knapp ein paar alte Häuserblocks an jeder Seite stehen sehen, die wie graue Mauern einer riesigen Burg aussahen, die sie allesamt einsperrte.

Die Regentropfen liefen langsam an den Fensterscheiben der Autos herunter, während Leon mitten durch das Unwetter stapfen musste, sein sicherlich ebenfalls schon völlig durchnässter Rucksack lastete ihm schwer auf den Schultern. Während er mit seinen klammen Schuhen durch das ein paar Zentimeter hoch stehende Wasser das den Bürgersteig bedeckte, lief.

Seine Laune war am Boden, ihm war kalt, und das einzige was er sich wünschte, war dass er zuhause ankam, die nassen Klamotten endlich ausziehen und sich mindestens eine dreiviertel Stunde in ein warmes Bad legen konnte.

Nach einer Stunde, kam er auf seinem Schulweg an einem alten Antiquitätenladen vorbei. Es war ein altes Geschäft, dass sich zwischen einem kleinen Asia-Restaurant und einer alten, geschlossenen Modeboutique breitgemacht hatte.

Die Fassade war noch aus dem Berlin des zweiten Weltkriegs und das große Schaufenster mit Smaragdgrünen Vorhängen besetzt, die die in der Mitte ausgestellten Blickfänger noch eimal ganz besonders gut zur Geltung brachten. Meistens lagen irgendwelchen alten Gegenstände wie Uhren, Ketten oder gar Schwerter im Schaufenster neben der Straße aus, aber dieses Mal erblickte der nur zufällig vorbeikommende Leon etwas ganz anderes auf dem roten Samtkissen in der Mitte all der anderen Kuriosäten liegen.

Als er den Laden durch die polierte Holztür mit dem Totenkopf ähnlichen Türklopfer betrat, schlug ihm sofort wieder dieser altbekannte Geruch aus altem Pergamentpapier, Magnolienholz und nicht identifizierbaren Duftnoten entgegen, den Leon nur allzu gut kannte. Der Ladenbesitzer hatte ihn an so manchen kalten Tagen mal durch seinen Laden gehen lassen.

Als er leise die Tür schloss, ließ er wie immer seinen Blick eimmal durch den ungewöhnlichen Laden streifen, während von seinen nassen und klamm geforenen Klamotten ein paar Regentropfen auf den staubigen Parkettboden des Ladens fielen.

Das Innere des Geschäftes war zugestellt mit den merkwürdigsten und seltsamsten Gegenständen: Rüstungen, Bücher sowie grausige, schwarze Masken mit Zähnen und spitzen Augen hingen an der mit Eichenholz vertäfelten Wand. Von denen der Ladenbesitzer, Herr Terres, steif und fest behauptete, sie würden aus Teilen Nord-, Süd- und Westafrikas kommen. Aber auch runenverzierte Trinkhörner, Phiolen mit roten Flüssigkeiten und Drachenköpfe waren im Inneren zu finden.

Von der Decke baumelte der mittelalterliche Kronleuchter, welcher exakt dreizehn kristallene Aufsätze besaß, an der Wand hingen dunkelrote, hellgrüne oder eisblaue Banner mit seltsamen Aufschriften in anderen Sprachen wie: „Aktrus reas talerm" oder „Distrikt Lakai udtrat". Es war wieder genauso warm im Laden wie bei Leons letzten Besuchen, aber deswegen war er nicht gekommen. Mit einem doch wieder zufriedeneren Lächeln legte Leon die schwarze Kapuze seiner Windjacke ab, und seine durchnässten, schmutzig blonden Haare kamen zum Vorschein.

Durch die verzierten Fensterscheiben konnte er den Regen gegen die Fensterscheiben klopfen und trommeln hören, was in ihm den Glauben an einen guten Tag wieder erstarken ließ. Sein Blick schweifte in die Richtung der Holzvertäflung, die Leon kaum noch fand weil sie so verborgen war von Beistelltischen, Kommoden, alten Harnischen oder Waffen, dass er esinzwischen aufgeben hatte, danach zu suchen. Die alten Rüstungen waren jeden Tag aufs neue blank poliert, die dicken Harnische der alten Wachen glänzten im Licht des herumschwenkenden Kronleuchters, als Leon die alte Tür wieder aufgestoßen hatte, um einzutreten.

Er stand für eine kurze Zeit im Inneren des Ladens herum, und betrachtete einmal mehr all die ausgestellten Kuriositäten um ihm herum, zumindest bis sein Blick auf das fiel, was ihn erst hereingelockt hatte. Verwundert und neugierig ging er auf das Schaufenster zu, und nahm den Blickfänger heraus. Er war auffällig auf einem erhöhten, blutroten Samtkissen mit goldenem Eckbezug in der direkten Blickrichtung der vorbeilaufenden Kunden gelegt worden. Leon nahm ihn heraus, ohne wirklich darauf zu achten, was er sich griff. Ein mehr als nur unbewusster Blick zeigte ihm, was er eigentlich in seiner klamm gefrorenen Hand hielt.

In seiner rechten Hand hielt er ein waldgrün gebundenes Buch mit golden geschwungenen Buchstaben auf dem hölzernen Titel, die verschlungene Schrift bildete die Wörter:"Sairock: Die Insel im Sturm", als er mit sanften Fingern leicht über den Einband strich.

Neugierig schlug er es auf, der erste Buchstabe „V" war in Frakturschrift geschrieben, goldene, kleine Ketten und eine winzige Uhr wanden sich wie eine goldene Ranken um das Schriftzeichen. Dessen Konturen so deutlich waren, das Leon mit seinem Finger sanft über die Seite strich, um eine Bestätigung zu bekommen, dass alles echt war.

Plötzlich ertönte hinter ihm ein kleines, aber auffälliges Räuspern, überrascht wirbelte er herum, und blickte in das alte, gutmütige Gesicht des Ladenbesitzers, Herrn Terres. Er war, wie jeden Tag, in ein altes, meistens dunkles Hemd mit Kragen und einem Karomuster darauf sowie ein paar helle Hosen mit braunen Schuhen gekleidet. Seine Haut sah blass und faltig aus, auf der anderen Seite strahlte er auch die Freude eines Menschen aus. Der hart gearbeitet hatte, aber nun dafür die Früchte seines Schaffens erntete. "Möchtest du das Buch kaufen?" Leon war erst einmal ein paar Sekunden perplex, bis er das Angebot verstand, dass ihm gemacht wurde.

"Ja natürlich, wie viel kostet es denn?"."Was hast du da eigentlich, Junge? Achja, mein Neuzugang, ja? Der ist dir wohl ins Auge gesprungen, nicht wahr?" mit einem Funkeln in seinen Augen sah er Leon direkt an, der nur ein knappes "Ja natürlich" als Antwort für die Frage von Herrn Terres übrig hatte. Er war gespannt darauf, was sich wohl alles in diesem Buch verbergen mochte. "Aha. "Sairock 1: Eine Insel im Sturm". Gut, das macht dann sechzehn Euro zehn, bitte""Geht klar" erwiderte Leon direkt, und kramte das Geld aus seiner Tasche hervor.

Bei „Herres und Terres" gab es sicherlich vieles, aber mitnichten Fantasy Bücher, dem war sich Leon vor diesem besonderen Tage absolut sicher. „Tja, so kann man sich täuschen" meinte Leon, als er das neu erworbene Buch unter seine Jacke steckte den Laden verließ, wieder auf die regenfreie Straße trat, und seinen weiteren Nachhauseweg antrat. Langsam verzogen sich die Wolken wieder, der kalte Regen hatte aufgehört. Aus einem großen Wolkenloch brach die strahlende Sonne am Horizont wieder hervor, und ließ die nassen Autos, Straßen und Häuser in den ersten heutigen Strahlen wieder glänzen.

Mit einem freudigen Blick schaute Leon über die vom Regen nassen Türen, Autoscheiben und Fenster, die Straßen sahen wahrlich aus wie blank gespült, und die Autos fuhren nach und nach immer langsamer die Straßen entlang, selbst die Straßenschilder hatte es erwischt, was in Leon ein kleines Lächeln hervorrief.

Die verschiedenen Ecken und Straßen seines Schulwegs blieben hinter ihm, der leichte, frische Wind der ersten Minuten ohne Regensturm blies ihm durch die goldblonden Haare, seine Klamotten waren zwar noch immer komplett durchnässt, aber dafür war wenigstens die verdammte Kälte weg.

Mit durchnässter Kleidung, einem neuen Buch unter der Jacke und einem wirklich perfekten Tag stand Leon an der Ampel zur Ludwigsfelder und Kreuzberger Straße. Der grüne Ampelmast war auf der Griffhöhe mit Ninja-Warrior-Stickern beklebt, der hellgelbe Drücker schon ganz abgenutzt, Leon schlug einmal mit der rechten, flachen Hand drauf, und nahm das rote "Signal kommt" kurz zur Kenntnis.

Aus dem roten Männchen wurde ein grünes, und Leon lief über die noch immer vom Regenfall verwaschene Straße auf die andere Uferseite, unter seinen Schuhen konnte er den zentimeterhohen Wasserspiegel des Gusses spüren, während es sich so anhörte, als würde er geradewegs über Wasser laufen, seiner Fantasie gefiel das außerordentlich. Leon lief schnell über die Straße, erreichte das andere Ufer, und schritt ruhig auf das Haus an der Straßenecke zu.

Es war sein Zuhause, dass da an der Ecke zwischen den beiden Berliner Flüssen am Ende des Weges stand. In hellen, stählernen Lettern konnte er auf der salzweißen Wand klar und deutlich die Nummer dreizehn leuchten sehen, leicht schräg neben der Hausnummer lag der Erker, in dem man so wunderbar lesen konnte. Während Leon das nachtblaue Gartentor des Anwesens öffnete, strömte ihm bereits der erste Duft der letzten Herbstblumen entgegen, als er den gepflasterten Weg seines Vorgartens zur roten Haustür betrat.

Zwischen den hell beigen Hauptsteinen des Wegs lagen abertausende Kieselsteine, die einen farbenfrohen und doch sehr gleichmäßigen Kontrast zum sehr einheitlichen Grundtenor darstellten. Mit einem von allen Sorgen befreiten Lächeln auf dem Gesicht, einem unbekannten, aber dennoch magisch wirkenden Buch auf der Brust. Außerdem mit einem wieder erfachten Glaube an einen guten Tag lief Leon über den steinernen Weg vorbei an toten Blumen und den ersten Winterrosen zur Kellertür runter. Aus irgendeinem für ihn absolut unerfindlichen Grund mochte es keiner, wenn er die Haupttür benutzte. Außerdem unterließ man es stetig, Leon die Begründung dafür mitzuteilen.

Mit seiner alltäglichen Routine schloss Leon die glasige Milchtür auf, schritt mit in der Stille des Hauses laut hallenden Schritten die helle Eichenholztreppe hinauf, und ging ebenfalls wie einstudiert ins helle Wohnzimmer hinein. Sein Telefon hing an der üblichen, schwarzen Ladestation, und ein kurzer Blick auf das Display verriet ihm, dass es „Einhundert Prozent" besaß. Er kappte sein "Motorola-Handy" vom schwarzen "USB-C" Ladekabel, und ließ das Telefon in seine rechte Hosentasche rutschen.

Wie immer setzte sich Leon zum Lesen in die mit Kissen und einer Decke belegte Ecke des Erkers, sah den kleinen Regentropfen dabei zu, wie sie an der Fensterscheibe langsam zum Boden glitten, und lehnte seinen etwas verspannten Rücken an eines der großen, braunen Kissen an.

Aufgeregt, angespannt und neugierig setzte er sich in den Schneidersitz, öffnete das Buch, strich mit seinem Finger leicht über den ersten Frakturbuchstaben, um den sich goldene Ketten schlangen, als würde er zu einer alten Uhr gehören, und las.
 
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