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Tierisches und allzu Menschliches

Kurzbeschreibung
SammlungAllgemein / P12 / Gen
18.09.2022
23.09.2022
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"Hüte dich vor den Gegenständen der Menschen!" Dieser Satz ist mir seit Urzeiten vertraut. Wäre ich ein Säugetier, würde ich sagen, dass ihn mir meine Mutter eingebläut hat. Aber wir Kröten wachsen nicht in der Obhut unserer Mütter auf, also verschont mich bitte mit wissenschaftlichen Erklärungen, woher ich diesen Satz kennen könnte. Hauptsache ist, dass ich ihn kenne. Aber wohl nicht gut genug, denn sonst hätte diese Geschichte gar nicht passieren können.

Ich will die menschliche Leserschaft nicht mit den Erlebnissen meiner Entwicklung bis zur ausgewachsenen Kröte langweilen, sondern beginne lieber an dem Tag, als ich in einem schönen verwilderten Garten meine Bleibe gefunden hatte. Oh, es ist ja heutzutage so schwer, einen wirklich tierfreundlichen Garten zu finden, aber ich hatte wirklich großes Glück. Ringsherum leben Menschen dieser Art, die uns Amphibien eine ständige Gefahr sind. Sie benutzen einmal pro Woche eine Maschine, die einen Höllenlärm und ebensolchen Gestank verbreitet und zudem noch die saftigen Wiesen am Wachsen hindert. Einzig und allein der Besitzer meines Gartens fällt nicht in die allgemeine Sucht mit ein, sondern lässt das Gras wochenlang in die Höhe schießen. Es ist ein Paradies für uns Tiere, und wenn ich des Nachts durch die Gegend streife, begegnen mir Igel, Schnecken, Mäuse und allerlei anderes Getier, das sich hier versammelt, wo weit und breit keine Gefahr droht.

Vielleicht fühlte ich mich deshalb zu sehr in Sicherheit und verlor die Scheu und angeborene Angst vor menschlichen Gegenständen? Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, einen dieser Gegenstände genauer zu betrachten, ja, ihn sogar zu meiner vorübergehenden Wohnung zu erwählen. Es war so etwas wie eine künstliche Höhle, die dort im Garten unweit der menschlichen Behausung stand. Eigentlich verdächtig nah bei den anderen Dingen dieser Menschen. Und es kam auch öfter der Sohn des Hauses, um an seinen Gegenständen etwas zu machen: mal wusch er sie, mal hängte der sie zum Trocknen an die Wäscheleine oder packte  sie weg. Ich hätte vorsichtiger sein und seine Unternehmungen genauer beobachten sollen. Aber nun ist es zu spät, um darüber Trübsal zu blasen. Diese künstliche Höhle sah nicht nur einer natürlichen zum Verwechseln ähnlich, nein, sie roch auch noch so vertraut nach Schlamm, dass ich nicht anders konnte, als mich häuslich darin niederzulassen. In meiner neuen Bleibe konnte ich warme Sonnentage verschlafen und mich nachts vor Feinden verstecken. Und so sehr der Mensch sie auch mit dem Gartenschlauch zu säubern versuchte, strömte sie doch immer noch diesen köstlichen Schlammgeruch aus, der uns Kröten einfach zum Bleiben verführt.
Doch eines Morgens stimmte etwas ganz und gar nicht. Der Mensch kam und trug meine Höhle fort, ehe ich überhaupt der Gefahr gewahr wurde. Ich hätte es nicht gewagt, aus meiner Behausung herauszuspringen, solange der Mensch sie durch die Gegend trug, also harrte ich lieber aus und hoffte auf eine bessere Gelegenheit, zu entkommen. Doch meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn ich war inzwischen Gefangene in meinem eigenen Haus. Man hatte mein Haus in eine höllische Maschine gebracht. Die Menschen haben ja für alles ihre eigenen Maschinen. Egal, ob sie die Wiese bis zur Unbrauchbarkeit kürzen wollen oder ob sie von einem Ort zum anderen gelangen wollen, ohne ihre Maschinen sind die Menschen nicht lebensfähig.

Wäre ich nicht in einer so verzweifelten Lage, so würde ich mich nun dem Philosophieren hingeben, aber noch suche ich einen Ausweg aus meiner Gefangenschaft. Vorsichtig werfe ich einen Blick aus meinem Versteck, und was ich sehe, lässt mich vor Entsetzen erstarren. Drei Menschen sitzen in ihrer Fortbewegungsmaschine und scheinen sich hier häuslich niedergelassen zu haben. Zumindest haben sie genügend Nahrungsmittel dabei, um mehrere Krötenleben zu überstehen. Das Verrückteste ist, dass sie in ihrer Fortbewegungsmaschine noch eine Maschine haben, die Musik macht. Können die armen Menschen denn nicht selber singen? Ich sehe schon, so schnell ist also hier kein Entrinnen. Nun habe ich genügend Zeit, mir meine eigenen Gedanken zu machen über die Kreatur, die sich die "Krone der Schöpfung" nennt. Sollten wir Tiere wirklich Respekt vor diesen seltsamen Wesen haben, die kaum mehr fähig sind, etwas aus eigener Kraft zu vollbringen? Wir Kröten wandern, wenn es die Laichzeit gebietet, der Mensch setzt sich in seine Maschine, um an einen für ihn wichtigen Ort zu gelangen. Wir Kröten überstehen den Winter, weil wir uns im Schlamm eingraben und unser Körper perfekt ausgestattet ist, um in Winterstarre zu fallen. Und was unternehmen die Menschen, um den Winter zu überleben? Sie brauchen Rohstoffe, um ihre Maschinen, die ihnen die Häuser wärmen, zu füttern. Einige brauchen Maschinen, um in wärmere Länder zu reisen. Diese bedauernswerten Geschöpfe sind nicht fähig, sich im Schlamm einzugraben, um auf den nächsten Frühling zu warten. Wir Kröten sollten Mitleid mit ihnen haben, aber sie keinesfalls fürchten!

Während ich so vor mich hin sinnierte, fiel mir zunächst gar nicht auf, dass sich etwas geändert hatte. Doch schlagartig wurde mir bewusst, dass diese höllisch laute Fortbewegungsmaschine keinen Lärm mehr erzeugte. Hieß das etwa, dass meine Menschen an ihrem Ziel angekommen sind? Die Maschine wurde geöffnet und Menschen und Gegenstände drängten ins Freie. Nun hätte ich ja wirklich versuchen können, zu fliehen. Aber ich muss gestehen, dass ich inzwischen neugierig geworden bin, was diese Menschen nun vorhatten. Es musste doch etwas ganz Besonderes sein, da sie sich solange dem Höllenlärm und Gestank ihrer Maschine ausgesetzt haben. Todesmutig verharrte ich in meiner Höhle, um mitsamt meiner Behausung an den menschlichen Bestimmungsort gebracht zu werden. Gespannt lauschte ich auf jeden Laut, und bald hörte ich den jungen männlichen Menschen etwas sagen, das so ähnlich wie "Indor-Daiving-Senta" klang. Was für eine seltsame Sprache die plötzlich sprachen! Sie hatten alle Hände voll zu tun, um ihre vielen Gegenstände in dieses seltsame Haus zu tragen, und so bemerkte zum Glück keiner, dass ich ab und zu einen Blick aus meiner Höhle riskierte, um ja nichts zu versäumen. Sie betraten das Gebäude, und drinnen angekommen, konnte ich etwas seltsam Vertrautes und doch gleichzeitig schrecklich Fremdes wahrnehmen. Ja, es war tatsächlich Wasser, ganz viel Wasser! Doch es verströmte nicht den angenehmen Duft, den wir Kröten so lieben. Kein bisschen Schlamm war hier weit und breit zu riechen. Nein, dieses Wasser war so rein, wie die Menschen es mögen. Ich hatte aber keine Zeit, um darüber nachzudenken, was die Menschen als "rein" empfinden, kann aber nur anmerken, dass es das absolute Gegenteil von dem ist, was wir Kröten brauchen, um uns wohlzufühlen. Zum wiederholten Male lugte ich vorsichtig aus meiner Höhle und sah viele Menschen, die  ganz seltsame Kleider trugen, die sie fast aussehen ließen wie meine Artgenossen. "Froschmänner" wollten sie in diesem Kostüm genannt werden, und ich konnte mich nicht mehr halten vor Lachen, als ich einige in ihren Froschanzügen ins Wasser steigen sah. Was trugen die denn auf dem Rücken? Waren das etwa auch Maschinen? Doch ich hatte schon wieder keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn mein junger Mensch rief plötzlich: "Ui Papa, da ist ein Frosch in meinem Füßling!" Der Mensch, der als Papa bezeichnet wurde, nahm mich in die Hand und trug mich ins Freie, ehe ich weghüpfen konnte. Ich stand Todesängste aus, als ich in zwei menschlichen Händen gefangen gehalten wurde, die ganz fürchterlich nach menschlicher Reinheit rochen. (Muss ich extra erwähnen, dass Menschen niemals angenehm nach Schlamm riechen?)

Ich bin unheimlich erleichtert, dass ich nun wieder weit weg von menschlichen Behausungen lebe. Nach einigem Suchen ist es mir auch gelungen, einen Tümpel zu finden, in dem andere Kröten leben. Natürlich wurde ich gefragt, wo ich herkäme, und als ich meine unglaubliche Geschichte erzählte, meinte ein Artgenosse: "Ja, ich hab auch schon gesehen, dass die Menschen sogar Maschinen brauchen, um unter Wasser zu atmen!" In Erwartung des nächsten Winters grabe ich mich erst mal im Schlamm ein. Im nächsten Sommer werde ich vielleicht darüber nachdenken, wieso sich der Mensch als die "Krone der Schöpfung" bezeichnet.
 
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