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Kalte Fronten mit warmen Wünschen

von Codanina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
16.09.2022
26.09.2022
7
9.998
 
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23.09.2022 1.792
 
Als Emilia den Parkplatz des Supermarktes betrat wurde ihr sofort mulmig und am liebsten wäre sie direkt nach Hause gerannt.
Sofort erkannte sie das Auto wieder, dass sie gestern beinahe überfahren hatte. Ihr Herz begann immer schneller zu schlagen. Es saß niemand drin. Doch das ungute Gefühl fesselte sie so sehr, dass sie sich noch ein paar Mal nach dem Auto umsah. Emilia ist gut jetzt. Das Auto wird nicht von alleine los fahren und auf dich halten. Und es war ja auch sicher keine Absicht gestern. Allerdings ist der Wagen zur Cherokee Farm gefahren. Ob das Auto wohl dem neuen Besitzer gehört? Na, wird es wohl müssen. Andere Menschen würden da ja nicht freiwillig rein gehen geschweige denn das Grundstück betreten. Ohne dass sie es merkte lief Emilia immer schneller und verringerte ihr Tempo auch in dem Laden nicht. Immer noch in Gedanken sah sie ein letztes Mal durch die Scheiben des Supermarktes zu dem Audi. Ihr Anflug von Paranoia sollte aber nicht ohne folgen bleiben. Denn bevor sie den Blick wieder auf den Gang vor ihr richten konnte, stieß sie wenig elegant mit einem großen Mann zusammen. Der abrupte Stopp brachte sie ins Straucheln und bevor sie sich an einem Regal festhalten konnte spürte sie einen unangenehmen Druck auf ihrem Oberarm, welcher sie daran hinderte ungebremst auf den Fliesen zu landen. Der Fremde hatte sie geistesgegenwärtig aufgefangen und stand nun vor ihr. Sofort erkannte sie ihn wieder und starrte ihm in seine unendlichen blauen Augen. „Gucken sie gefälligst hin, wo sie hin treten. Es gibt hier noch mehr Leute!“ zischte er sie böse an, ließ sie los und ging geradewegs zur Kasse. Emilia war immer noch überrumpelt von der Situation und brachte nur ein verschämtes „Entschuldigung…“ heraus, was er sicher nicht mehr hörte. Sie war zwar sonst nicht nah am Wasser gebaut, aber der Moment hatte sie überfordert und ihr stiegen die Tränen in die Augen. Diese Kälte kannte sie von Dean nur zu gut und ihr wurde mulmig.
Ohne Zeit zu vergeuden sammelte sie alles ein, was sie brauchte und bezahlte. An der Kasse fiel ihr Blick auf das schwarze Brett und sie war froh über die Erinnerung, sonst hätte sie es doch wieder vergessen.
Sie nahm einen Vordruck vom Stapel und schrieb ein kurzes Gesuch. Oder Angebot? Naja beides irgendwie.
„Suche Mitbewohner/in.
Du solltest ruhig, aber gesellig sein und das geordnete Chaos mögen. Haus in sehr ruhiger Lage mit Meerblick.“ sie hinterließ noch ihre Handynummer und pinnte den Zettel zu den anderen an die Wand. Vielleicht bringt es ja was, wobei… wer hier einkaufen geht wohnt ja wohl auch hier und dann sucht der keine neue Wohnung. Ach egal. Ein Versuch ist es wert.
In Gedanken verließ sie den Supermarkt und schlenderte nach Hause.

*****

Gerade hatte er die Eier gefunden und nahm die Packung aus dem Regal, als jemand in ihn hinein rannte. Aus Reflex griff er nach dem jungen Mädchen und verhinderte dass sie stürzte. Als sie sich gefangen hatte sah sie zu ihm rauf und sein Herz setzte schon wieder ein paar Schläge aus. Es war die Kleine aus dem Café und genau wie vorhin sah sie ihm so eindringlich in die Augen, dass er sich völlig nackt fühlte. Was macht sie da? Und wie? Was soll das? Was will sie überhaupt hier? Verfolgt sie ihn nun schon?
Nach dem Jonathan den Schock überwunden hatte raunte er sie nur an. „Gucken sie gefälligst hin, wo sie hin treten. Es gibt hier noch mehr Leute!“ Augenblick ließ er sie los, nahm seine Eier und ging. Sie nuschelte noch ein „Entschuldigung…“ doch ohne sich nochmal umzugucken ging er direkt zu seinem Auto und fuhr nach Hause.
Diese junge Frau ging ihm aber für den Rest des Abends nicht mehr aus dem Kopf. Auch in seinem Essen stocherte er eher herum, als dass er aß.
Jonathan konnte sich kaum an viel mehr als ihre Augen erinnern. Sie waren blau. Ein kräftiges Blau. Direkt um ihre Pupille zog sich ein gelber Ring. Im Kontrast dazu war der äußerste Ring in der Iris dunkel, fast schwarz. Und dann diese hellen Strahlen in dem blau. Es sah aus als würden sie einen Stern bilden. Und sie waren so durchdringend.
So krasse Augen sieht man nun wirklich nicht jeden Tag. Und jeden Tag sehe ich in sehr viele Augen. Die letzten Augen die ich vergöttert habe, waren die von Charlotte. Er seufzte bei dem Gedanken an seine Frau. Er sah zu dem einzigen Bild in dem Haus. Er hielt sie im Arm. Im Urlaub in Bali. Was ein scheiss Klischee. Sie lächelten beide in die Kamera und er erinnerte sich, wie glücklich sie waren.
Jonathan schüttelte energisch mit dem Kopf und hatte die Hoffnung, dass damit auch die Bilder verschwinden würden. Vergeblich. Um dennoch seinen Kopf frei zu kriegen zog er sich seine Laufsachen an und lief auf direktem Weg zur Küste hinunter. Da angekommen lief, eigentlich rannte er in Richtung Laurel Bay. Noch ehe er seine Gedanken langsam auf den Lauf fokussieren konnte stellte er erschrocken fest, dass er schon Cotton Island sah. Mit dem Wissen, dass die Runde nun deutlich größer und länger wurde als erwartet, setzte er den Lauf fort. Jonathan hatte immer noch keine Lust auf Menschen, also lief er einmal um die Stadt und dann im nächsten Wald auf direktem Weg zurück zur Farm. Bevor er die Farm erreicht hatte verlangsamte er sein Tempo und blieb letztlich noch am Zaun stehen. Die weiße Katze schlich schon wieder ums Haus. Dann wollen wir doch mal sehen, wie du ins Haus gekommen bist. Hier im Dunkeln wird auch die mich nicht sehen. Doch als hätte die Katze seine Gedanken gehört sah sie zum Wald, schien ihn aber tatsächlich nicht zu sehen und legte sich dann demonstrativ auf die Terrasse.

*****

Zuhause ließ Emilia das paranoide Gefühl nicht los und sie verspürte den Drang die Tür abzuschließen. Das hatte sie in der ganzen Zeit nicht getan und dennoch fühlte sie sich nicht wohl.
Sie verräumte ihre Einkäufe und machte sich ein Sandwich. Dass sie den schönen Fremden heute umgerannt hatte war ihr wirklich peinlich. Und dieses Auto. Sie würde es wohl nun öfter sehen, aber Emilia nahm sich fest vor ihm nicht noch öfter als notwendig begegnen zu müssen. Irgendwie schlug das alles auf ihren Magen.
Außerdem bekam sie scheinbar wieder eine Migräne. Bei einem letzten Blick aus dem Wohnzimmer konnte sie wieder eine Gestalt zum Wasser rennen sehen. Warum um alles in der Welt muss man hier im Dunkeln herumrennen. Warum überhaupt rennen? Vielleicht sollte ich mir fürs Wohnzimmer doch noch Vorhänge besorgen.
Mit diesen Kopfschmerzen war ihr alles ein bisschen zu viel und sie ging ohne Umschweife ins Bett.
Die Nacht war der Horror. Ständig erwachte sie aus Alpträumen, die ihr immer und immer wieder den Tag zeigten, als man ihr sagte, dass ihre Eltern tot waren. Ihre Eltern waren tot und sie musste ins Heim. Die Prügel, die sie im Heim bekam ließen sie immer wieder hochschrecken. Schweißgebadet war für sie um fünf die Nacht zu Ende.
Sie beschloss sich mit dem Thema „Schlaganfall und seine Folgen“ auseinanderzusetzen. Vielleicht nicht die einfachste Lektüre am Morgen, aber was sollte sie sonst um die Zeit machen?

Die weiteren Wochen waren wenig aufregend. Sie arbeitete viel und lernte noch mehr.
Den gruseligen Audi sah sie nur gelegentlich, aber egal wie sehr sie sich anstrengte, Emilia konnte nie sehen, wer der Fahrer war.
Immer mehr Gerüchte streuten sich. Vor allem ging es dabei um den neuen Besitzer der Cherokee Farm. Er sollte ein Einzelgänger sein. Mal war er verbittert und bösartig. Mal wurde seine Familie getötet, mal hatte er es selbst getan. Mal sollte er Anfang 20 sein, mal schon an die 60. Er soll die Farm nur aufgrund von Beziehungen in den Stadtrat bekommen haben oder mit sehr viel Geld gelockt haben. Doch die ganzen Gerüchte waren immer so widersprüchlich, dass Emilia irgendwann aufhörte hinzuhören. Und keiner traut sich hin zu gehen und ihn selbst zu fragen. Verärgerung machte sich gelegentlich in ihr breit. Sie mochte es nicht wenn man über andere vorschnell urteilte.

Im Café ging alles seinen gewohnten Gang. Die Kunden kamen und gingen. Der ein oder andere Stammkunde flirtete sie an. Zu ihrem Pech bekamen es meist Miguel oder Joy - im dümmsten Fall sogar beide mit und zogen sie damit auf. Doch Emilia wollte keinen Mann. Und schon gar keine Beziehung. Zumindest erstmal nicht und auf ungewisse Zeit nicht. Das mit Dean versetzte ihr immer noch einen Stich in die Brust. Sie hatte ihn wirklich geliebt…bis er so bösartig wurde, dass selbst seine Eltern ihn nicht mehr wieder erkannten. Sie wusste bis heute nicht was mit ihm passiert war. Was das in ihm ausgelöst hatte. Hätte sie bleiben sollen? Ihm helfen können?
Diese Gedanken waren absurd und das wusste Emilia. Was er getan hatte war nicht zu verzeihen und dafür hatte er auch seine Strafe bekommen.

Der mysteriöse Mann kam scheinbar  inzwischen jedes Mal nach seiner Schicht vorbei und holte sich seinen Kaffee. Mal kam er morgens, mal nachmittags oder abends. Er musste also irgendwas in Schichten arbeiten.
Nach dem Vorfall im Supermarkt jedoch vermied sie es mit aller Kraft ihm in die Augen zu sehen. Dafür hatte sie inzwischen seine Hände sehr gut kennen gelernt. Er hatte schlanke Finger. Große Hände. Sehr gepflegt. Immer ordentlich gekürzte Fingernägel und achtete scheinbar sehr darauf, sie regelmäßig einzucremen, denn sie wiesen nicht einen Riss auf in der ganzen Zeit.
Vielleicht ist er es der in der Cherokee Farm lebt. Leise schlich sich der Gedanke in ihren Kopf. Manchmal spann sie ihn weiter, aber meistens tat sie ihn schnell ab. Beaufort war zwar nicht riesig, aber er könnte tatsächlich überall wohnen. Warum sollte ausgerechnet er dort wohnen? Er könnte sich sicher was schickeres leisten. Leider kam Emilia nie dazu zu sehen in was für ein Auto er stieg.

****


Jonathans Tage verflogen wie im Flug. In der Klinik hatte er sich in der kurzen Zeit den Ruf erarbeiten können, der ihm gerecht wurde und er schwieg zufrieden darüber. „Der eiskalte Diagnostiker“. So wie es die Kollegen sagten, musste er innerlich schmunzeln. Diagnostik ist kein Hexenwerk, in seinem Falle vielleicht schon. Nach den Schichten holte er sich seinen Kaffee in dem kleinen Laden, wo das Mädchen mit den unfassbaren Augen arbeitete. Meistens hatte er Glück und traf sie auch wirklich an. Wenn er Nachtschicht hatte, hatte sie Frühschicht. Hatte er Frühschicht war sie abends noch im Café. Er glaubte zwar nicht an Zufälle, aber diesen ließ er über sich ergehen ohne ihn zu hinterfragen. Er ging gern dorthin ohne es sich anmerken zu lassen. Das Mädchen hatte eine Art an sich, die ihn nicht losließ und ihn nach der Arbeit irgendwie erdete. Vor allem wenn Elea mal wieder unausstehlich war.
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