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Über uns hinaus

von Kismet
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
16.09.2022
30.09.2022
3
11.809
20
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
23.09.2022 3.494
 
Huhu!

Ihr Lieben, ich habe mich so sehr über die vielen tollen Rückmeldungen in Form von lieben Worten, Empfehlungen und Herzchen gefreut. Ganz lieben Dank dafür! <3

Dies ist ja meine erste Geschichte, die über ein Kapitel hinausgeht und daher ist das alles bis hierher schon eine sehr besondere Erfahrung für mich - und wenn ihr das hier lest, habe ich es auch geschafft, ein zweites Kapitel hinzuzufügen. ;D

Gestern war ja Klaas' liebster Tag im Jahr (alles Liebe, alles Gute!) und ich bin mir recht sicher, dass er auch nichts dagegen hat, dass wir den Tag hier heute nochmal feiern. Wenn auch in der Vergangenheit und so... ;)

Viel Spaß mit Kapitel 2 und euch allen ein schönes erstes Herbstwochenende! <3



2


Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen am nächsten Morgen durch sein Schlafzimmerfenster purzelten, war Joko bereits aus dem Bett gefallen und hatte sich voller Tatendrang wieder darangesetzt, alles für den nächsten Ausflug mit Klaas zu organisieren. Er wollte ihm erst von seiner Idee erzählen, wenn er sich sicher sein konnte, dass auch alles so umsetzbar war, wie er sich das vorstellte, und so recherchierte er sich weiter durchs Netz und notierte sich ein paar Kontaktdaten und Anlaufstellen.

Mit einem Haufen an Fragen und ein paar Telefonnummern im Gepäck fuhr er schließlich ins Büro, wo er sich zwischen Meetings und Terminen, Schreibtischarbeit und einem kleinen Dreh immer mal wieder abseilte und letztlich mit einigen Antworten, Zusagen und bester Laune nach getaner Arbeit wieder heimfuhr.

Ein wichtiges Gespräch stand noch aus, aber da bis jetzt alles schon so reibungslos lief, war Joko sehr guter Dinge, dass am darauffolgenden Tag alles geklärt wäre. Alles, bis auf die eine, letzte und bedeutendste Frage, ob Klaas sich überhaupt darauf einlassen würde.

Joko hatte noch ein paar Minuten, ehe er mit seinem Bekannten Ingo, der ihm bei einem äußerst bedeutenden Teil seines Plans ungemein helfen könnte, telefonisch verabredet war, und nutzte diese Zeit, um seine Wohnung etwas aufzuräumen.

Mit so viel Motivation und Begeisterung hatte er sich in die Umsetzung seiner Idee gestürzt, dass nun, wo alles Form annahm und er ein wenig zur Ruhe kam, auf einmal die Zweifel anklopften. Zum ersten Mal fragte er sich, ob er Klaas mit seiner Idee wirklich einen Gefallen tun würde. Oder er damit eventuell das genaue Gegenteil bewirken könnte. Schließlich wäre es durchaus möglich, dass Klaas sich von ihm nicht ernst genommen fühlen könnte. Und sich ihm in Zukunft dann vielleicht nicht mehr in dieser Form anvertrauen würde.

All das wollte er natürlich in keinem Fall, aber er war halt auch kein Therapeut. Er hatte keine Ahnung, wie man da aus deren Sicht vielleicht am besten vorginge.

Ein wenig geschafft vom Tag ließ Joko sich auf sein Sofa plumpsen, nachdem die Wohnung seiner Meinung nach erst einmal ordentlich genug war. Seine Gedanken lenkten seinen Blick auf ein Foto in der Schrankwand zu seiner Linken. Postkartengroß und gerahmt, Klaas und er bei den Proben ihrer ersten Circus HalliGalli-Folge. Sie saßen beide an der Bar und scherzten miteinander, und Joko liebte an der Aufnahme, wie es zum einen den Anfang von etwas Neuem und gleichzeitig die enge Vertrautheit zeigte, die sie beide nach zwei gemeinsamen Shows und ein paar Jahren zusammen vor und hinter den Kameras schon mitbrachten.

Joko lächelte bei der Erinnerung an ihre Anfänge mit ihrer derzeitigen Show Circus HalliGalli und irgendwie gab es ihm wieder die nötige Zuversicht. Er war zwar kein Therapeut, aber er war ein Freund. Und sein Gefühl sagte ihm, dass es den Versuch auf jeden Fall wert sein würde.

*

Auch das Gespräch mit Ingo war äußerst erfolgreich gelaufen und so befiel Joko ein nervöses Kribbeln, als er nun auf den richtigen Moment wartete, seinen Plan gegenüber Klaas anzusprechen.

Sie waren wegen eines Interviews für ein Magazin mit anschließendem Fotoshooting in Hamburg unterwegs und von viel zu vielen Menschen umgeben. Dem Interview war eine kleine Führung durch die Redaktionsräumlichkeiten gefolgt, und sie ließen alles mehr über sich ergehen, als dass sie wirklichen Spaß an diesem Termin hatten.

Immer mal wieder gab es solche Engagements und meist war es ein Trost, dass sie da zusammen drin hangen. Unzählige Male hatte Klaas sie mit geflüsterten Kommentaren oder unauffälliger Gestik, die nur Joko wahrnahm, schon durch trockene Gespräche oder zähe Stunden geholfen. Und auch Joko hatte sie schon mit ähnlichen Albernheiten durch solche Tage gebracht. ‘Zusammen gegen den Rest der Welt’ war ein Motto, an das Joko dann oft denken musste, und welches er trotz des Widerspruchs zu einem ihrer bekanntesten Formate für ziemlich zutreffend hielt, wenn er mit Klaas in der Öffentlichkeit unterwegs war.

Die ersten Fotos waren zu ihrem Glück bereits schnell im Kasten und ein kleiner Umbau beschaffte ihnen eine kurze Pause. Klaas deutete ihm mit einem Blick und einer Geste, dass er die Zeit nutzen und eine rauchen gehen würde, und Joko folgte ihm gerne nach draußen, um einmal durchzuschnaufen.

Auf der Terrasse im sonstwievielten Stock des hohen Bürogebäudes bot sich ihnen ein atemberaubender Blick über die Hansestadt. So atemberaubend, dass Joko sich einige Meter vom Geländer entfernt wohler fühlte und dort dankbar die frische Luft einatmete und kurz seine Augen schloss. Angenehmerweise trug die nordische Brise, die ihnen um die Ohren wehte, den Zigarettenrauch von ihnen weg.

„Ich glaub’, da ist Westen, also ist da irgendwo Oldenburg, wenn man weit genug gucken könnte.“

Joko öffnete seine Augen wieder und blinzelte kurz gegen das Licht. Es hätte nur noch das Fernrohr und die Kapitänskappe gefehlt, so wie Klaas mit zusammengekniffenen Augen und ausgestrecktem Arm an der Balustrade stand und in die Ferne zeigte. Joko folgte seinem Blick und sah nur Hamburg, das nach wenigen hundert Metern in diesiger Luft versank.

„Da würde einem selbst bei besserem Wetter bestimmt die Erdkrümmung einen Strich durch die Rechnung machen“, erwiderte Joko amüsiert und konnte damit auch Klaas ein Lachen entlocken.

„Ich sag’ ja nur. Fühl’ mich einfach immer ‘n bisschen heimisch hier oben im Norden“, sagte Klaas mit einem kleinen Lächeln. Er nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette und blickte dann wieder in die Richtung, in der er seine Heimatstadt vermutete.

Eine Weile standen sie gemeinsam so dort, ließen die Aussicht auf sich wirken und sprachen nicht. Als Klaas’ Blick einmal kurz zu ihm glitt, fiel Joko wieder ein, dass er ihn ja noch etwas nicht ganz Unwichtiges fragen wollte. Kurz rang er mit sich, ob dies nun der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt wäre, dann gab er sich einen Ruck und entschied sich, die Chance einfach zu nutzen.

„Klaas?“

„Hm?“

Die blauen Augen seines Kollegen musterten ihn neugierig und Joko merkte, wie seine Handflächen etwas schwitzig wurden. Er hatte schon noch ein bisschen Angst davor, wie Klaas reagieren würde. Bevor er es sich jedoch noch einmal anders überlegte, nahm er all seinen Mut zusammen.

„Hast du am ersten Oktoberwochenende schon was vor?“

Mit gerunzelter Stirn schaute Klaas erst Joko und dann den Rest seiner Zigarette perplex an, woraufhin er letzteren im dafür bereitgestellten Aschenbecher sicher entsorgte. „Müsste ich mal in’ Kalender gucken, aber glaube nicht. Ist ja das Feiertagswochenende.“

„Ich würd’ nämlich gerne nochmal so ‘n Campingtrip mit dir machen. Aber privat diesmal.“

Der Ältere hoffte, dass er es geschafft hatte, genügend Begeisterung in seine Stimme zu legen und beobachtete jede Regung seines Freundes sehr genau.

„Joko…“

Klaas blickte ihn flehend an. Der Kleinere hatte sich ihm nun mit verschränkten Armen zugewandt, und Joko hatte seine Schultern heruntersacken sehen, sobald das Wort ‘Camping’ von seinen Lippen gefallen war.

Um ehrlich zu sein, hatte er mit dieser Reaktion gerechnet. Freudensprünge hätte er Klaas sowieso nicht abgenommen. Alles, was er hoffte, war, dass er sich darauf einlassen würde. Schnell begann Joko deshalb, die Vorzüge seines Vorhabens darzulegen, um ihn so zu überzeugen.

„Anfang Oktober könnte es noch warm sein. Und wir könnten auch schon am Freitag los. Hab’ uns den schon freigeschaufelt“, fuhr Joko angeregt fort.

Dafür, dass sie so einen vollen Terminkalender hatten, war es erstaunlich einfach gewesen, den Tag für den Trip zu blockieren und ein, zwei Termine zu verschieben. Und Joko konnte nicht umhin, das als weiteres Zeichen zu sehen, dass seine Idee unter einem guten Stern stand.

„Du hast was?“, hakte Klaas nun ungläubig nach. „Joko, ich hab’ dir das nicht aus Spaß erzählt. Das is’ echt schwierig für mich.“ Seine Stimme war ernst und seine Augen huschten nun unsicher und nervös zwischen dem Boden und Joko hin und her.

„Ich weiß, Klaas. Genau deshalb würd’ ich das gern mit dir machen. Ich hab’ mir da was Besonderes überlegt“, versuchte Joko ihn zu beruhigen und trat einen Schritt auf ihn zu. Sein Fokus lag komplett auf Klaas. Ignorier’ die Höhe einfach, Winterscheidt.

„Ich weiß nich’, Joko.“

Das Blau lag nun suchend und mit einem Nachdruck auf ihm, dass Joko halb den Faden verlor. Er schluckte einmal und blinzelte, und fand ihn so zum Glück wieder.

„Bitte, Klaas. Vertrau mir.“

Plötzlich hörte er seinen Puls ungewöhnlich laut durch seine Ohren rauschen. Es war ihm ungemein wichtig, dass Klaas ihm vertraute. Damit stand und fiel alles.

„Ohne Kameras?“, fragte dieser noch einmal nach.

„Jap. Einhundertprozentig.“ Das konnte der Blonde ihm versichern. „Nur wir zwei.“

Sein Blick lag erneut fest auf ihm und Joko konnte sehen, wie es in seinem Köpfchen ratterte. Gebannt wartete er.

„Okay.“

Die Worte kamen so bestimmt und überzeugt aus Klaas’ Mund, dass Joko sich kurz fragte, ob es wirklich noch um ihren kurzen Zelturlaub ging. Er spürte, wie seine Gesichtszüge ihm etwas entglitten, worauf Klaas mit einem amüsierten Grinsen reagierte.

„Okay?“, fragte er noch einmal nach, um sicherzugehen, dass er richtig verstanden hatte, und Klaas nickte nur.

Mit ausgestrecktem Arm und einem halben Schritt nach vorne bekam Joko einen Ärmel seines Freundes zu greifen, ohne sich zu nah an das Geländer begeben zu müssen. Da er den Überraschungsmoment nutzen konnte, ließ Klaas sich etwas stolpernd zu ihm ziehen. Sobald er merkte, was passierte, versuchte er sich noch abzuwenden, doch Joko war schneller und umschlang ihn von hinten mit seinen Armen. Unter leisem Protest ließ der Jüngere die leicht stürmische Umarmung schließlich mit sich geschehen, und legte mit einem leichten Schmunzeln, das der Größere an seiner Wange spürte, seine Hände auf Jokos Unterarme.

„Mann, Winterscheidt… hab’ ich da jetz’ echt zugesagt?“ Klaas versuchte, genervt zu klingen, was ihm jedoch nicht wirklich gelang. Das Schmunzeln in seiner Stimme verriet ihn ebenfalls.

„Hast du.“

Das breiteste, triumphierende Grinsen lag auf Jokos Gesicht, als er ihn noch einmal fester drückte und für einen Atemzug die Wärme genoss, die von seinem Kollegen ausging. Dann ließ er ihn jedoch lieber los. Er wollte es sich nicht noch im Nachgang mit ihm verscherzen.

Klaas fuhr sich leise fluchend mit einer Hand durch die Haare, die der Größere in seinem Überschwang etwas durcheinandergebracht hatte, als sie im nächsten Moment wieder zurück zum Shooting gerufen wurden. Das Timing war anscheinend auch auf Jokos Seite.

„Was is’ da nur in mich gefahren…“, murmelte Klaas kopfschüttelnd, als sie Seite an Seite wieder ins Innere traten.

Was auch immer es gewesen war, Joko empfand pure Erleichterung und Freude darüber, dass Klaas sich dazu bereit erklärt hatte, diesen zweiten Versuch mit ihm zu starten.

Nichts hatte diese Laune den Rest des Tages noch verderben können. Vor allem nicht Klaas, der auf dem Weg zurück nach Berlin verlauten ließ, dass er nur wegen der Aussicht auf den freien Freitag zugesagt hatte, dessen Ausdruck dabei allerdings eine ganz andere Sprache sprach.

*

Da alles andere bereits vorbereitet und abgeklärt war, machte sich Joko nun wegen des einzigen Faktors verrückt, den er abgesehen von Klaas nicht beeinflussen konnte: das Wetter.

Obwohl er wusste, dass es überhaupt gar keinen Unterschied machen würde und das Wochenende außerdem auch noch viel zu weit in der Zukunft lag, checkte er öfter, als es normal oder gesund war, die Wetterprognosen für die ersten Oktobertage. Die Umstände sollten einfach perfekt sein und er wusste, wie schnell Klaas von Regen oder niedrigen Temperaturen genervt war. Sein Plan würde dann sehr wahrscheinlich doch noch im wahrsten Sinne ins Wasser fallen, und Joko sah ja auch ein, dass Camping bei Regenwetter noch weniger Charme versprühte als eh schon. Geschweige denn, dass es sicher auch nicht besonders hilfreich für Klaas wäre, dabei seine schrecklichen Erinnerungen auszublenden.

Bislang sahen die Vorhersagen verschiedener Apps jedoch gut aus und Joko redete immer mal wieder freundlich auf den Wettergott oder die Wettergöttin ein, dass das auch so bleiben würde.

Joko hatte ihr oder ihm gerade einen Bissen Pflaumenkuchen geopfert, der ihm versehentlich auf den Boden gefallen war, und inspizierte nun eingehend den Rest des vielfältigen und üppigen Buffets, über das sich in der Firma heute Nachmittag alle freuen durften, weil Klaas an diesem Tag vor vielen Jahren das Licht der Welt erblickt hatte.

„Du musst diese Häppchen hier probieren! Köstlich! Wirklich“, erklang plötzlich Jakobs Stimme aus dem Nichts über seiner Schulter.

Sein Freund löffelte gerade eine Quarkspeise mit Früchten aus einem kleinen Glas und sah ihn überaus aufmunternd an. Da er für seinen feinen Geschmack in der gesamten Firma bekannt war, vertraute Joko ihm und griff zu den empfohlenen, kleinen Schnittchen.

„Mhhh… mega lecker. Du hast Recht“, musste Joko ihm nach der ersten Kostprobe direkt zustimmen. „Von wem sind die denn?“

Jakob nickte zufrieden. „Ich glaub’, die hat Florian mitgebracht.“

Auch das zweite Häppchen mundete ihm sehr. Beide Varianten waren mit einer Art Gemüseaufstrich, die offensichtlich selbst gemacht waren, und frischer Kresse belegt, und einfach ein Genuss. Er musste unbedingt daran denken, Florian bei nächster Gelegenheit sein Lob auszusprechen.

Während Jakob sein Dessertglas sauber auslöffelte, ließ Joko seinen Blick einmal durch den festlich dekorierten Raum gleiten. Auf der gegenüberliegenden Seite schwebten zwei pinkfarbene Heliumballons in Form einer großen Drei und Zwei, die fachmännisch an zwei Stühlen festgebunden waren, und jedem verrieten, wie alt Klaas geworden war. Rechts von ihm schoben sich just in dem Moment zwei mindestens lebensgroße Flamingoballons in sein Sichtfeld, mit denen zwei Kollegen zu It’s my life von Dr. Alban tanzten, welches aus den Boxen in der Ecke den Disco-Flair der Neunziger versprühte.

„Hast du das Geburtstagskind schon gesehen?“, fragte der Blonde seinen Kollegen, nachdem er dieses zwischen Flamingos, Luftschlangen und tanzenden Kolleginnen und Kollegen nicht entdecken konnte. Er war selbst gerade erst zur Partygesellschaft dazugestoßen und hatte Klaas seit dem Mittag noch nicht wieder gesehen.

„Glaub’, der wollte gerade eine rauchen“, antwortete Jakob und zog sich ein Bier aus der Kiste direkt neben dem Buffet. „Da hast du dir ja ganz schön was ausgedacht mit dem erneuten Zeltausflug.“

Überrascht über den abrupten Themenwechsel blickte Joko auf. Er hatte Jakob selbst noch nicht von seinen Plänen erzählt, daher wusste er davon vermutlich von Klaas. Außerdem war da ein Unterton, mit dem Jakob das sagte, den er nicht so richtig einzuschätzen wusste. Etwas nervös zog sich sein Magen zusammen.

„Wie meinst du das?“

„Der spricht das irgendwie ständig aus dem Nichts an. Beschäftigt ihn anscheinend“, berichtete sein Freund von seinen Beobachtungen und nahm dann einen Schluck von seinem Bier.

Joko nickte nachdenklich und versuchte, seine Gedanken davon abzuhalten, ohne einen triftigen Grund wild Karussell zu fahren. Dass es Klaas beschäftigte, musste ja nichts Negatives heißen, oder? Es könnte ja genauso gut bedeuten, dass er sich darauf freute.

„Ich hab’ ja keine Ahnung, was du da vorhast, und warum. Aber ich hoffe einfach mal, dass es gut geht… Für euch beide.“ Jakob deutete mit seiner Bierflasche auf ihn und fügte nach kurzer Pause mit einem Lächeln hinzu: „Und für meinen Job.“

„An nichts liegt mir mehr. Glaub’ mir“, beteuerte Joko sofort, und betonte mit einer Berührung seines Armes und seinem Blick, dass es ihm ernst war, ehe er dann auch über den letzten Kommentar grinsen musste.

„Sehr gut.“ Jakob schien zufrieden mit seiner Aussage zu sein und setzte erneut seine Bierflasche an seine Lippen, als irgendjemand oder irgendetwas seine Aufmerksamkeit erhaschte und er mit einem Mal verschwunden war.

Bevor er das Buffet noch einmal für einen weiteren leckeren Snack durchforsten würde, atmete Joko einmal tief durch. Alles schien Klaas dem Redakteur offenbar nicht erzählt zu haben, rekapitulierte er noch einmal die Worte seines Freundes. Zudem konnte er aus ihnen auch nicht wirklich herauslesen, dass Klaas seine Zusage vielleicht bereute. Dennoch spürte der Ältere nun eine kribbelnde Unruhe in sich, die ihn seinen Hals wieder recken und seinen Blick erneut durch den Raum schweifen ließ. Ein Gespräch mit Klaas würde ihn hoffentlich schnell wieder beruhigen.

Nur, wo steckte der eigentlich?

Alter! Hast du die Schnittchen hier schon probiert?“

Beinahe verschluckte Joko sich an der Weintraube eines Käsespießes, als die Stimme des Gesuchten plötzlich direkt hinter ihm ertönte, und fühlte dann, wie sein Herz einen Satz aussetzte, als eine warme Hand von hinten auf seine rechte Schulter fuhr und dort ruhig liegen blieb.

„Joko? Alles gut?“

Zwar hatte die Weintraube noch gerade so den richtigen Weg nach unten gefunden, dennoch schüttelte ein Hustenreiz den Größeren ein paar Mal so heftig, dass er mit einem Arm am Tisch neben sich Halt suchte.

Die Hand seines Kollegen wanderte nun von der Schulter auf seinen Rücken, wo sie minimal auf und ab strich. Irgendwie schaffte Joko es, ein „Wasser“ hervorzukrächzen, mit dem Klaas ihn umgehend versorgte.

„Da bist du ja“, testete Joko seine Stimme wieder aus, nachdem er zwei Schlucke genommen hatte.

Die blauen Augen seines Gegenübers betrachteten ihn besorgt, als Klaas zu ihm aufsah, erhellten sich jedoch direkt, sobald Joko ihm ein kurzes, dankbares Lächeln schenkte. Seine Worte klangen immer noch kratzig, während sich sein Atem, sein Puls und seine Nerven langsam wieder beruhigten.

„Wieso?“, fragte Klaas lachend. „Hast du mich gesucht?“

„Nicht direkt. Wobei… schon“, stammelte Joko sich eine Antwort zurecht und räusperte sich nochmal. „Die Häppchen sind wirklich genial. Hat mir Jakob auch schon von vorgeschwärmt.“

„Mhh.“ Genießerisch schloss Klaas die Augen, als der Rest des Happens auch noch in seinem Mund verschwand, und Joko meinte, sogar ein leises Stöhnen wahrgenommen zu haben. Fasziniert starrte er ihn an. Er konnte sich nicht erinnern, wann sein Kollege das letzte Mal seinen Gefühlen über gutes Essen so deutlich Ausdruck verliehen hatte.

„Joko?“

Verwundert schaute Klaas ihn an, als Joko im nächsten Moment ertappt aus seiner Starre erwachte. Um sich nicht weiter erklären zu müssen, fiel ihm aber glücklicherweise direkt wieder ein, was ihn soeben noch beschäftigt hatte.

„Unser Wochenend-Trip“, setzte er etwas zögerlich an, doch Klaas’ offener und erwartender Gesichtsausdruck ermutigte ihn, weiterzusprechen. „Bist du damit weiter cool?“

Er hielt die Frage absichtlich recht allgemein, um dem Kleineren ebenso viel Raum für seine Antwort zu geben. Dass seine Körpersprache bei der Erwähnung des Themas komplett entspannt blieb, wertete er dabei schon mal als sehr gutes Zeichen.

„Bin ich.“ Klaas nickte. Seine Augenbrauen schoben sich fragend etwas zusammen. „Alles in Ordnung, Winti?“

„Ja! Ja, alles gut“, versicherte er ihm sofort. Nicht, dass er Klaas nun selbst noch Gründe gab, an dem ganzen Unterfangen zu zweifeln. „Wollte nur sicher gehen, dass du es nicht bereust, zugesagt zu haben.“

Der Jüngere lachte, was direkt eine Welle an Erleichterung und Glücksgefühlen durch Joko sandte. „Tu’ ich nicht. Mach dir keinen Kopf.“

Ich vertrau’ dir, sagte sein Blick.

Seine Augen lagen eindringlich auf ihm, und wo Joko vorhin nach Jakobs Worten noch dachte, er müsste Klaas nochmal gut zureden, so spielte es sich jetzt ironischerweise genau andersherum ab. Es beruhigte ihn zwar einerseits sehr, doch irritierte ihn seine eigene Nervosität und die Bedeutung, die das Ganze mittlerweile für ihn annahm, zunehmend. Sein oberstes Ziel mit dem kleinen privaten Projekt war es gewesen, dass sie beide ein spaßiges, entspanntes und hoffentlich heilsames Wochenende miteinander verbringen würden. Wenn er nun begann, sich selbst damit verrückt zu machen, wäre das dem Ganzen ja auch nicht wirklich zuträglich. Und außerdem lief doch soweit auch alles besser als erhofft.

Joko zog einmal tief Luft ein und versuchte, beim Ausatmen alle Anspannung und Bedenken loszulassen.

„Okay. Brauchst du auch nicht. Das wird bestimmt super.“ Befreit nickte er und lächelte Klaas dankend an. „Du brauchst übrigens nichts einpacken, was du nicht auch für jede andere Übernachtungsreise dabeihättest. Außer Handtücher und Duschgel vielleicht. Um den Rest kümmer’ ich mich.“

„Ist notiert.“

Klaas hatte sich in der Zwischenzeit auch einen Käsespieß genehmigt und ließ nun den Zahnstocher zwischen seinen Lippen umherwandern. Fast hätte Joko wieder begonnen zu starren, da wendete sich der Kleinere jedoch halb von ihm ab und fischte sein Handy aus der Hosentasche.

„Meine Schwester“, teilte er nach einem Blick auf das Display mit. „Ich geh’ da mal ran.“

Mit dem Handy am Ohr bewegte Klaas sich zügig aus dem Raum, in dem bei der Musik und dem Trubel kein entspanntes Telefonat möglich war, und Joko blieb wieder einmal an der Bar zurück.

Sehr zufrieden damit, wie das Gespräch gelaufen war, nahm er sich noch zwei weitere Käsespieße und machte sich dann tanzend auf den Weg zu einer Gruppe um Schmitti und Frank, die mit Bier und guter Laune gerade dabei waren, in der Nähe der Tür eine Limbo-Stange aufzubauen.

Klaas vertraute ihm, und wenn er eins respektierte und wertschätzte, dann war es dieses Vertrauen. Und Joko freute sich ultra darauf, ihm in zehn Tagen zu zeigen, wie sehr.

***
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