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Engelstränen

von Varjo
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Engel & Dämonen
16.09.2022
30.09.2022
3
4.274
 
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23.09.2022 1.961
 
Von Berufs wegen sollte Erzengel Raphael Experte im Umgang mit alten Wunden sein – deren Reinigung und Behandlung, Schmerzbekämpfung und Verhinderung von Entzündungen, Stillung des Blutflusses, alles, was eine Wunde brauchte, um zu einer sanften, blassen Narbe zu werden. Er sollte wissen, was wegzuschneiden war, damit kein totes Gewebe die Heilung verhinderte. Er sollte die Stiche kennen, die besonders tiefe und grausame Risse sauber zusammenwachsen ließen, und irgendwann sollte jede Wunde auch ausgeheilt sein.
Dennoch ließ sich der dumpfe, dröhnende Schmerz, den jene E-Mail in ihm verursachte, mit keiner Medizin und keinem Kraut besänftigen.
Minutenlang konnte er nichts anderes tun, als den Bildschirm und den wartend blinkenden Cursor anstarren. Wenn es nur die hochmütige Stimme Astaroths gewesen wäre, die ihn in die Hölle zitierte, weil ‚ein alter Freund‘ ihn sehen wollte, und außerdem, weil seine Unterstützung gebraucht würde. Dann stand er erst einmal auf und stelzte auf sich viel zu dünn und zerbrechlich anfühlenden Beinen durch sein Büro; er schob und zupfte Bücher gerade, betrachtete viel zu lange das Panorama-Gemälde, das hinter seinem Schreibtisch hing, ließ ein paar Blätter seiner künstlichen Zimmerpflanze durch seine Finger gleiten, blies Staub von Möbelstücken und legte Musik auf, die er trotz deren Lautstärke kaum hören konnte.
Sein Blick fiel zurück auf den PC. Er sollte zurückgehen und noch einmal darüberlesen; er sollte antworten, oder die E-Mail löschen und sich bei Luzifer über seine Angestellten beschweren, er sollte auf irgendeine Art reagieren.
Doch wie?

Raphael stand für einige Augenblicke bewegungslos neben dem CD-Spieler, spürte den Schall mehr, als dass er ihn hörte, verkrampfte die Hände hinter dem Rücken und presste die Augen zu.
Das alles war… das konnte doch nicht wahr sein.
Und wenn es so wäre, wenn es wirklich nicht wahr sein durfte, nicht wahr sein konnte, würde mit dieser Erkenntnis die Falle, die er eben auf seinem Bildschirm gelesen hatte, verschwunden und verpufft sein.

Kurz entschlossen riss der heilende Erzengel sich aus seiner geierhaften Abwarteposition los und stakste zurück zu dem Rechner; doch als er sich setzte und die dort noch immer angezeigte E-Mail wieder überflog, war alles unverändert.
Es waren nicht Astaroths unverschämte Worte, die ihn aus der Bahn warfen. Es war, was unter seiner Signatur stand, das Raphael unsicher machte, ob er heulen oder zornig werden sollte.
Raphael, stand da. Erinnerst du dich der Zeiten, da wir gemeinsam über die Erde gewandelt, da wir Gesang und Musik gelauscht – da Jophiel dich an ihrer Seite gehalten hat, während du gezittert hast im Rausch? Erinnerst du dich, wie eins ihr euch gefühlt habt?

Jophiel.
Mit einem Fingerschnipsen regelte Raphael die Lautstärke der Musik hinauf; sie drang dennoch nur als weit entferntes Dröhnen zu ihm durch. Er hörte Jophiels Gesang, wenn er diese Zeilen auch nur ansah, es war, als bluteten sie Farbe und Leben, doch er wusste, dass Jophiel… Shekinah hatte es ihm gesagt, Shekinah müsste es wissen, und Shekinah log nicht.
Vielleicht sollte er sich sein Pfeifchen stopfen, das hatte ihn immerzu entspannt, aber jetzt im Moment ahnte er, dass dies bloß seine quälend schönen Erinnerungen verdeutlichen und bestärken würde. Dass er Träume haben würde von all den heimeligen, inspirierenden, glasklaren, glockenhellen Augenblicken, die Jophiel und er geteilt, und dass ihn danach der Heulkrampf nur umso heftiger schütteln würde. So gern er sich üblicherweise durch Drogenkonsum von der Realität entfernte – in diesem Moment war das Gebot, die Kontrolle zu behalten und aufrecht zu bleiben.
Was für ein grausamer Trick war das?

Wir erinnern uns nicht mehr. Wir kennen kaum noch deinen Namen, doch als wir ihn hörten, begannen unsere Finger wie von alleine, mit allem, was unser Gastgeber Astaroth eben auf seinem Tisch liegen hatte, ein Portrait von dir zu schaffen, und als es fertig war – als es fertig war und uns anlächelte, wie nur du lächeln kannst, so beschwingt und fröhlich, erkannte ein Teil von uns dich, und war hocherfreut. Ein Teil von uns leuchtet auf in allen Farben von Herrlichkeit und Zuneigung, wenn bloß dein Name fällt. Komm. Komm und triff uns – es ist zu lang her.

Zitternd senkte er den Kopf und krallte die Finger in sein dichtes, ungezähmtes Haar. Er wollte schluchzen, schreien, nach etwas ausschlagen, etwas packen und durch den Raum schleudern, aufdass es an der jenseitigen Wand zerschelle, und wenn es der Computermonitor selbst sei, doch ihm fehlte die Kraft dazu. Alles, was er noch spürte, war eine niemals endenwollende, alles umfassende Übelkeit, und…
„Bei allem, was heilig ist, RAPHAEL!“
Jesus‘ Stimme ließ sich kaum ausmachen über dem Dröhnen der Musik. Der heilende Erzengel hob den Kopf und starrte seinen alten menschlichen Freund an, als sei der eben aus einer Torte gesprungen. Es half nicht, dass Uriel mit deutlicher Missbilligung im Blick über die Schulter des Menschensohnes, der im Türrahmen lehnte, hinweg in den Raum hineinspähte.
„Raphael, was…“, murmelte Jesus.
„Jophiel“, erwiderte der Erzengel, weil es das Einzige war, was er sagen konnte.

Mit einem harten Zug um den Mund schob Uriel Jesus aus dem Weg, stampfte in den Raum und schaltete die Musik ab; die plötzliche Stille schien ein tiefes, graues Loch in der Situation zurückzulassen. „Jophiel ist fort“, grunzte die Ordnungshüterin, respektvoll das Wort ‚tot‘ umgehend, „wir haben sie verabschiedet – du warst da“.
Eine rituelle Verabschiedung war das Nächste, was der von Grunde auf erschütterten Engelsgesellschaft zu einem Begräbnis eingefallen war – nichts davon war jemals angedacht, jemals für möglich oder notwendig gehalten worden, es gab keinen Plan, kein Skript, keinen Präzedenzfall; selbst die Gefallenen waren eher als verschollen geführt als tatsächlich verstorben. Es war richtig, Raphael war dort gewesen, gehalten und gestützt von Assiel, von Jesus, nicht zuletzt von dem Rest des Erzengel-Gremiums, zu betroffen, um auch nur ein Wort zu ihren Ehren zu sagen. Er hatte gesehen, wie ihre Schüler und Schülerinnen ihr Bild mit Sternen und Nebeln und Wolken an das Firmament gezaubert hatten, wenn auch nur für eine halbe Stunde, und hatte mit erneutem innerem Absterben beobachtet, wie dieses Bild zerstäubt war.
Das war richtig. Es stimmte. Und dennoch…
„Sie hat das hier geschrieben“, murmelte er tonlos und wies auf den Bildschirm.
Uriel rollte die Augen. „Muss ich wiederholen, dass…“, begann sie vorwurfsvoll, doch Jesus bat sie mit bloß einem flüchtigen Blick, Milde walten zu lassen. Er verließ den Türrahmen und gesellte sich zu Raphael, um mit ihm den Inhalt der Mail zu prüfen.
Uriel verschränkte die Arme und kaute auf ihrer Unterlippe herum; sie schien weniger als willens, es darauf beruhen zu lassen.

Jesus‘ Lippen bewegten sich, als er den Schriftzeichen auf dem flimmernden Bildschirm folgte; er erschien unsicher, als er sich aufrichtete, eine Hand auf Raphaels Schulter gestützt. „Du kannst nicht wissen, ob es wirklich von ihr ist“, versuchte er, zu argumentieren.
Stille.
„Himmel, Raphael, es ist von Astaroths Adresse gekommen. Mit seiner…“
„Astaroth also“, knurrte Uriel. Für die Ordnungshüterin schien in diesen Augenblicken einiges klar zu werden.
Raphael schüttelte den Kopf. „Es sind ihre Worte“, entgegnete er tonlos, „also, nein, es sind nicht… es ist nicht ihre Ausdrucksweise, nicht im Entferntesten, aber es sind ihre Worte, ich meine, ihre… ihre Gefühle. Es ist ihre, sind unsere Erinnerungen, ich kann sie doch spüren – ich weiß es doch“. Das Wort, der Instinkt eines Erzengels musste doch etwas zählen!
Jesus‘ Hand auf seiner Schulter drückte tröstend zu; Uriels Stimme hingegen drückte Zorn aus, als sie darauf antwortete. „Schlag dir das aus dem Kopf. Es ist offensichtlich, dass dich da jemand übervorteilen will.“
Vermutlich war es genau dieser Widerstand, der Raphaels Entscheidung zementierte. Ihm war Uriel wie eine Schwester, durchaus, aber was Instinkte anging, war sie schwach begabt; schwächer noch als Michael. Uriel glaubte nur, was man ihr zeigen und beweisen konnte; Ahnungen und intuitives Wissen hatten für sie keinen Wert. Üblicherweise tat sie ihm deswegen nur leid, doch hier… „Ich werde hinuntergehen“, setzte er fest.

Jesus war der Erste, der reagierte, und das mit Besorgnis. „Raphael, du solltest nicht…“
Uriel jedoch war lauter und durchschlagskräftiger in ihrer Reaktion. „Nein, Raphael, das wirst du nicht. Das ist ganz eindeutig eine Falle – willst du mir erzählen, dass du Astaroth vertraust? Dass er das alles“, sie gestikulierte in Richtung des Computers, „aus der reinen Güte seines Herzens tut, ohne Hintergedanken? Benutz deinen Kopf! Wenn es jemals eine schlechter getarnte Falle gegeben hat – ich glaube, diesen Satz muss ich nicht beenden“.
„Aber Uriel – warum?“ fragte Raphael kraftlos, vermutlich mehr aus Ahnungslosigkeit als sonst etwas.
Uriels Miene verdunkelte sich. „Du wirst doch wohl von einem wie diesem verfluchten Astaroth kein klares und nachvollziehbares Verhalten erwarten“, grummelte sie, in Wut und Hilflosigkeit die Arme in die Höhe werfend, und ihre Flügel zuckten unstet, „Was weiß ich, was er da unten in seinem gottlosen Loch schon wieder ausheckt, und wozu er dafür einen Erzengel braucht. Eines weiß ich aber: dich bekommt er nicht. Nicht, solange ich auf Gefechtsstation bin“.
Das jedoch reizte den Heiler zu einem Lächeln. „Danke, Uri“, gab er von sich, was die Ordnungshüterin das Gesicht säuerlich verziehen ließ. „Ich weiß deine Freundschaft zu schätzen, und du bist mir auch sehr wichtig. Aber das – das ändert nichts daran, dass ich dort hinunter muss. Ich muss, verstehst du? Jophiel ist – war – ist mir so unendlich nah gestanden“.
Noch bevor Uriel eine erneute Breitseite abfeuern konnte, schob sich Jesus zwischen die zwei Erzengel, deutlich im heldenhaften Versuch, beruhigend und beschwichtigend zu wirken. „Ich verstehe euch beide“, versuchte er, zu vermitteln, „besonders dich, mein Freund, und deine Unwilligkeit, eine Freundin verloren zu geben. Aber, Raphael, du solltest vielleicht wirklich mitbedenken, dass die Hölle ein furchtbarer Ort ist. Warst du schon einmal dort?“
Nun war es an dem heilenden Erzengel, kurz auf seiner Unterlippe herumzukauen, bevor er den Kopf schüttelte.
„Uriel hat recht, es könnte durchaus gefährlich werden, besonders wenn du bis zu dem Kreis der Häretiker hinabzusteigen beabsichtigst – noch dazu ganz allein. Du könntest Geleitschutz gebrauchen. Wo ist Michael?“
„Wo wird er wohl sein?“ Uriel schnaubte erzürnt. „Er hat sich den Tag freigenommen. Hält aber niemanden zum Narren. Alle wissen, dass er mit seinem verfluchten Dämon um die Häuser zieht“. Die Tatsache, dass ihrem Kollegen vergeben – oder besser, dass ihm vermittelt worden war, dass er noch keine Sünde begangen hatte, war ein Stachel in Uriels Fleisch, ein Widerspruch zu allem, was sie jemals erreicht und erarbeitet hatte.
Auch dagegen, meinte Raphael manchmal, könnte er ihr ein Kraut verschreiben. Ein wenig Beruhigung für ihre gequälten Nerven, sie sorgte sich noch ein übernatürliches Magengeschwür an, und das konnte er doch guten Gewissens nicht zulassen.

„Ich würde vorschlagen, dass Azrael mitgeht, sie kennt sich dort unten aus“, setzte die Ordnungshüterin fort. „Oder Kushiel, wenn sie Zeit hat…“
„Warum würdest du es nicht selbst machen?“ Jesus‘ Stimme war mild, aber auch irgendwo drängend. Ein deutlicher Appell.
Uriel war ungerührt, als sie erwiderte: „Die beiden sind stärker als ich“.
„Immerhin stehst du Raphael nahe wie eine Schwester ihrem Bruder“, setzte der Menschensohn fort, als habe er ihren Einwand nicht gehört.
Uriel verdrehte die Augen. „Nahestehen ist kein Ersatz für Kampfstärke“, merkte sie an.
Das glaubst auch nur du, dachte Raphael; doch es war ein unmotivierter Gedanke, eher ein beiläufiges zur-Kenntnis-nehmen. Im Grunde war es ihm vollkommen egal, ob es Geleitschutz gäbe oder wer ihn bereitstellen würde; wichtig war im Moment bloß, dass er in absehbarer Zeit in die Untiefen der Hölle gelangte, damit er seinem unruhig schlagenden Herzen und dem Alpdruck in seinem Hinterkopf die Gewissheit verschaffen konnte, ob Jophiel tatsächlich zurückgekehrt war – oder ob es bloß eine böswillige, wenn auch raffiniert ausgedachte Falle von einem verrückten Dämon war, die ihn aus seinem heimeligen Himmel hervorzulocken suchte.
Doch er wollte es – er konnte es nicht glauben. Und wenn Jophiel tatsächlich noch existierte, in welcher Form auch immer, schuldete er es ihr und den versprengten Teilen ihrer Psyche, sie wieder zusammenzusammeln, sie an sich zu drücken und zurück in das heilige, heilende, reinigende Licht des Himmels zu führen.
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